Ein Holländer in Afrika - Karel Koninkrijk - ebook

Ein Holländer in Afrika ebook

Karel Koninkrijk

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Opis

»Die Zollbeamtin sieht mich an, schaut kurz auf meinen Pass und schreibt ›Karel‹, meinen zweiten Vornamen … der Nachname kommt von ›Koninkrijk der Nederlanden‹, Königreich der Niederlanden, was fett auf dem holländischen Pass steht. Für Elly schreibt sie einfach ›mit Ehefrau‹. Sie darf also mit. Wie die Frau von Noah, deren Name auch nie erwähnt wurde.« So kam der holländische Entwicklungshelfer und Globetrotter zu seinem Namen: Karel Koninktijk. Diese biografische Geschichte erzählt Ausschnitte aus seinem Leben und Arbeiten in Afrika, wo er unter anderem während einer Hungersnot im Sahel ein Hilfsprogramm leitet. Erinnerungen an Freunde, Begebenheiten, Traditionen und Kultur lassen ein Bild Afrikas entstehen, das sowohl die romantischen Schönheiten des Landes würdigt, die Gastfreundschaft der Menschen und ihren Lebensstil, als auch die Not und Armut, mit der die dortige Bevölkerung auch heute noch kämpft. Das Buch erzählt aber auch die Szenen eines Ehepaares, das durch den Beruf des Mannes und die damit verbundene Abwesenheit immer wieder um die Liebe kämpft. Und Schwerenöter Karel macht es seiner Elly dabei gar nicht leicht. Mit einer guten Portion schwarzen Humors erzählt Karel Koninkrijk seine teilweise lebensgefährlichen Erlebnisse in Afrika. Er führt uns durch politische und geschichtliche Umbruchzeiten, die Anfänge des Genozids in Ruanda, in den Kongo, während der letzten Tage Mobutus und in ein so unbekanntes Land, dass sogar das Postamt nachschlagen muss: Mauretanien. Gleichzeitig erscheint sein Werk auch als Kritik an der westliche Gesellschaft und deren mangelndem Willen, Afrika und den Afrikanern wirklich zu helfen. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Streben nach Fortschritt und Gewinn nur den eigenen Interessen dient, und somit die Dritte Welt weiterhin eher ausgebeutet wird, als dass man sie bei ihrer Entwicklung unterstützt.

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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2016© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, Frankfurt 2016www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-100-7eISBN: 978-3-95771-101-4

Karel Koninkrijk

Ein Holländer in Afrika

Aus dem Leben eines Entwicklungshelfers

Erzählung

IMPRESSUMEin Holländer in Afrika

AutorKarel Koninkrijk

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftenConstantia und Lucida Calligraphy

Covergestaltung / IllustrationenMarti O´Sigma

Coverbild / Bilder© Karel Koninkrijk

LektoratEdit Engelmann

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainAugust 2016

ISBN: 978-3-95771-100-7eISBN: 978-3-95771-101-4

Wie iets worden wilJa, die zit niet stilNee, hij trekt het zeegat uitHem wacht rijke buit

(altholländisches Lied)

Übersetzung:Wer etwas werden will,Ja, der sitzt nicht still,Nein! - Er zieht in die Welt hinein,Es bringt ihm vieles ein.

INHALT

Mauretanien

Der große Sandkasten

Niger

Am Rande der Sahara

Ruanda

Das Land der tausend Hügel

Namibia

Intermezzo: Eine deutsche Kolonie

Zaire

Schwarzafrika

Niger II

Die Stadt am Fluss

Epilog

Europa das Paradies

 

Biographisches

MAURETANIEN

Der große Sandkasten

Langsam verliert die Boeing 737 an Höhe, und die freundliche Stimme der Stewardess bittet die Passagiere, sich anzuschnallen, Sitze aufrecht zu stellen und die Tische hoch zu klappen. Leicht schaukelnd setzt die schwere Maschine zur Landung in Nouakchott an. Es ist Januar 1983, und aus dem Fenster sehe ich die flirrende Sommerhitze über der Wüste. Kurz darauf ist der blaue Himmel über uns verschwunden. Wir hängen in einer dichten, grauen Staubwolke, die sich nur abends lichtet. Unter uns sieht man zwischen den Sandverwehungen so etwas wie eine Landebahn. Na, das kann ja heiter werden!

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry kommt mir in den Sinn, und dass dieser in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts hier in dieser Gegend mit seiner kleinen Maschine notlanden musste. Er flog damals die Post von Paris nach St. Louis, der damaligen Hauptstadt Französisch West Afrikas, das nun zum Senegal gehört und ein Stück weiter südwärts an der westafrikanischen Küste liegt. Im einzigen Hotel, dass Nouakchott damals hatte, schrieb er sein weltbekanntes Buch »Der Kleine Prinz«. Jetzt ist dieses Hotel ein Frauengefängnis. Und zwar speziell für solche, die fremdgegangen sind. Männer werden für dieses Vergehen nicht bestraft. Außerdem wäre das Männergefängnis im Stadtzentrum sowieso voll mit politischen Gefangenen, die man aufgegriffen hat, wegen Verdachts der Oppositions-Zugehörigkeit. Amnesty International hatte mich vor meinem Abflug gebeten, ihnen zu berichten, wenn ich etwas von etwaigen Folterungen hören sollte. Aber mein Arbeitgeber, eine internationale Hilfsorganisation, hat mir ausdrücklich verboten, über solche Informationen zu sprechen, mit wem auch immer. Als Nichtregierungsorganisation, die sich auf Entwicklungshilfe spezialisiert hat, sollten wir uns keinesfalls mit der lokalen Politik einlassen.

Nur ganz kurz wundere ich mich noch, was ich eigentlich hier treibe? Jeder hatte mich auch für verrückt erklärt, als ich sagte, ich ginge wieder nach Afrika. Wieder zurück in die Entwicklungshilfe. »Du gibst so einfach deine Beamtenlaufbahn dafür auf, Karel?«, hatten sie gefragt. »Und wie ist das mit der Krankenkasse? Ist man da versichert? Was sagt deine Frau dazu? Und wie ist das mit deinen Kindern, kommen die mit?« Alles Fragen von Leuten, die bis zur ihrer Rente denselben langweiligen oder aufreibenden Job ausüben und höchstens einmal oder sogar zweimal im Jahr in Urlaub fahren. Menschen, die nicht verstehen, wie es ist, diese Hummeln im Hintern zu haben. Mir wäre es beinahe genauso ergangen. Aus der Entwicklungshilfe in den Beamtenjob war ich seinerzeit nur gewechselt, weil unsere beiden Kinder zur Schule mussten. Das war inzwischen schon über zehn Jahre her und ich war es mehr als satt, meine Zeit mit uninteressanter Arbeit im städtischen Gartenbauamt zu vergeuden, von dem dazugehörigen Bürokram und den Besprechungen ganz zu schweigen. Und dann war unerwartet - aber wie gerufen - dieser Anruf aus Genf gekommen. Sie suchten jemanden für ein Hilfsprogramm in Mauretanien. Einen, der gut Französisch spricht und schon einige Jahre Erfahrung in Afrika hat. Da habe ich nicht lange überlegt und zugesagt. Das Afrikavirus hatte mich wieder gepackt. Jeder, der einmal in Afrika war, ist damit infiziert. Wer einmal das Wasser vom Nil getrunken hat, kommt immer wieder zurück, heißt es dort.

Meine Frau Elly hat wie vor jedem Auslandsaufenthalt nicht protestiert, obwohl sie wie immer lieber daheim geblieben wäre. Miriam ist sechzehn, hat ihr Abi schon in der Tasche und wird dieses Jahr noch ihr Studium anfangen. Für Geert zahlt die Firma einen Platz in einem Internat in der Stadt. Trotzdem sieht Elly nur die Probleme. Andererseits kennt sie ihren Karel. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, wird das auch gemacht, egal, was und wie sie darüber denkt. Früher noch mehr als heute. So ganz will sie nicht zustimmen und lässt es diesmal unentschieden im Raum stehen: Vielleicht käme sie nach. Sie müsse mal sehen.

All ihren Bedenken und ihrem Unwillen zum Trotz bin ich nach Genf gefahren und habe unterschrieben. Es ist diese Herausforderung der Wüste, die mich ruft. Außerdem war mir klar, wenn ich es jetzt nicht tue, würde ich dieses langweilige Beamtenleben bis zur Rente weiterführen müssen.

Mit einem Ruck setzt der Pilot die Maschine am Boden auf. Jetzt erinnere ich mich wieder. Die Landegeräusche in Afrika sind anders als auf den glattgefegten Runways in den entwickelten Ländern. Hier lärmt und holpert es nur so, während der Pilot krampfhaft versucht, nicht in einer Wanderdüne stecken zu bleiben. Jaulend schalten die Turbinen in den Rückwärtsgang. Der Gurt hält uns bei seinem Bremsmanöver in den Sitzen. Schließlich kommt die Kiste zum Stillstand. Behutsam dreht der Pilot, so dass die drei bis vier Meter langen Flügel nicht in den Sanddünen landen, und rollt langsam zur Empfangshalle. Nur wenige Passagiere stehen auf und warten im Mittelgang. Die meisten wollen weiter nach Dakar oder Conakry, wo die wirtschaftliche Lage besser ist. Wer will schon in die Wüste, wo es außer Sand nichts gibt?

Einige der aussteigenden Reisenden sehen aus wie ausländische Diplomaten, die Weihnachten zu Hause verbracht haben. Andere sind vermutlich Geschäftsleute, die selbst in einem Land, wo gehungert wird, noch etwas verdienen wollen. Die meisten aber sind Einheimische, die in Frankreich geschuftet haben und jetzt unglaubliche Mengen an buntem Handgepäck aus den Ablagen und unter den Sitzen hervor holen. Ein großer Teil davon dürften Geschenke sein. Man erwartet sie von den Heimkehrern. Alles, was man aus Europa mitbringt, ist neu und besser als die Ware, die hier auf den Märkten angeboten wird. Geschäfte in der Art, wie man sie in Europa kennt, gibt es nicht, nicht einmal in der Hauptstadt.

Die Tür wird geöffnet. Urplötzlich entsteht eine fürchterliche Hektik. Jeder versucht so schnell wie möglich das Flugzeug zu verlassen, um als Erster zu den Kontrollen zu gelangen. Sobald die Tür geöffnet wird, rennen sie die Treppe hinunter und stürmen den kurzen Weg Richtung Zollabfertigung voran. Ich folge ihnen langsam, meinen Rucksack auf dem Rücken, mit Pass und Einreisepapieren in der Hand. Tief atme ich ein. Der trockene Wüstenwind umstreicht hart mein Gesicht, die Hitze strömt in meine Lungen. Es ist Mittag und die Sonne brennt vom Himmel. Trotzdem fühlt es sich im ersten Moment an, als sei ich nach Hause gekommen.

Bei der Passkontrolle angekommen, versuche ich mich irgendwo in einer Warteschlange anzustellen, die es aber eigentlich gar nicht gibt. Es ist mehr eine Art Wartetraube, in der ich hänge. Mitten in diesem kleinen Backsteingebäude. Einige winzige Fensteröffnungen lassen ein wenig Licht einfallen und versuchen gleichzeitig, die Hitze draußen zu halten. Hinter einem langen Tresen sitzen mehrere Beamte in Militäruniform. Jeder der Ankommenden drängt auf seine Weise an einen der Schalter, winkt energisch mit seinem Pass oder bemüht sich laut schreiend, die Aufmerksamkeit eines Bekannten vom Flughafenpersonal zu erregen, der für eine schnellere Abfertigung sorgen könnte. Schließlich gelingt es auch mir, einen Platz zu erobern. Ich lege meinen Pass und die sonstigen Papiere auf einen größeren Haufen, der sich dort bereits stapelt. Einer der Beamten nimmt sie und schiebt sie darunter. Ich habe verstanden und warte geduldig, bis ich an der Reihe bin. Endlich werden meine Dokumente wieder herausgefischt, und man bittet mich in eine Umkleidekabine hinter einen Vorhang. Hier werde ich rundherum nach Waffen abgetastet. Streng stellt mir der Uniformierte einige Fragen: Woher ich komme? Was ich hier tue? Was die Adresse ist, wo ich wohnen werde? Ich habe leider nur die Postfachnummer der Organisation und gebe deshalb das Hotel Afrique an, das man uns im Flugzeug empfohlen hatte. Damit ist er zufrieden. Adressen im eigentlichen Sinne gibt es in Mauretanien nicht. Briefe werden auch nicht zugestellt. Die Straßen haben nicht einmal Namen.

Jetzt wühlt er mein Handgepäck durch. Auch wenn er sehen kann, dass ich nichts Wertvolles transportiere und nicht über nennenswertes Vermögen verfüge, bittet er um einen kleinen Beitrag – ›für einen Kaffee‹ wie er sagt. Ich gebe nichts, obgleich ich weiß, dass es in Afrika üblich ist, weil man entweder wenig oder gar nichts verdient und er sein Gehalt, wenn überhaupt, höchst unregelmäßig erhält. Trotzdem halte ich nichts davon, den reichen Weißen zu spielen. Es geht mir einfach persönlich gegen den Strich, und weiterhelfen tut es auch nicht. Also warte ich ruhig ab, bekomme auch so einen Stempel in meinen Pass und darf endlich weiter.

Nun noch die Koffer. Es gibt zwar ein Fließband in der kleinen stickigen Ankunftshalle. Aber es funktioniert nicht. Wie alle anderen muss ich meine Koffer selbst auf einem der Gitterwagen suchen, sie zwischen den anderen hervorzerren und zur Zollabfertigung schleppen. Die Beamtin – diesmal ist es eine dicke Frau in Uniform – lässt mich den Koffer öffnen und zieht dann alles heraus, als würde sie eine Waschmaschine leeren. Nachdem sie ebenfalls nichts Wertvolles entdecken konnte, macht sie mit ihrer Hand ein Zeichen, als ob sie eine lästige Fliege von ihrer Hose verjagen wollte. Ich darf weitergehen. Ungeordnet stopfe ich meine Sachen wieder in den Koffer zurück. Nur mit Mühe kann ich ihn schließen. Ich schwitze mich tot. Ich fühle mein Hemd am Rücken kleben, und auch unter den Achseln ist es klatschnass. Meine Güte, ist das heiß hier!

In der Empfangshalle sieht es nicht besser aus: Staub, Unrat und Schmutz fliegen herum. Es zieht und stinkt nach Schweiß und Urin, weil die Toiletten wahrscheinlich nicht funktionieren. Solche Einrichtungen werden hier nicht frequentiert. Wir sind schließlich in der Wüste. Jeder erledigt seine Notdurft dort, wo er gerade ist. Das ist nichts Ungewöhnliches in Afrika. Nur gewöhnungsbedürftig. Ich erinnere mich, als Elly mich auf einer meiner ersten beruflichen Reisen nach Ruanda begleitete. Wie erstaunt war sie damals gewesen, dass der Kerl, der gerade am Straßenrand pinkelte, sich auch noch neugierig umdrehte, als wir vorbei kamen. Elly hatte sich seinerzeit, Anfang der siebziger Jahre, fürchterlich geniert beim Anblick des schwarzen Penis, der einen dicken, gelben Strahl in unsere Richtung warf. Uns zu begrüßen war ihm ein Herzensanliegen, aber keineswegs ein Grund, seine Tätigkeit dabei zu unterbrechen. Afrikaner sind sehr gastfreundlich, unter allen Umständen.

An einer kleinen Bar in der Flughafenhalle entdecke ich beim Hinausgehen einen Mann, den ich schon beim Umsteigen in Paris gesehen hatte. Er ist vom holländischen Milchkonzern ›De Friesche Flag‹ und hat eine Schiffsladung Milchpulver vor Nouakchott liegen, die er an den Mann bringen will. Zusammen hatten wir am Flughafen Charles de Gaulle schmunzelnd beobachtet, wie ein Afrikaner mit seinem letzten Franc nach Dakar telefonierte. Er schmiss das Geldstück in den Apparat, wartete kurz und schrie dann: »J’arrive«. Damit war das Gespräch auch schon zu Ende. Mehr gab es für einen Franc nicht. Entschuldigend zuckte der Junge mit den Schultern und erklärte uns Zuschauern mit einem strahlend weißen Lachen: »Nun wissen sie zu Hause wenigstens, dass ich auch wirklich unterwegs bin!«

»Wie sind Sie so schnell hierher gekommen?«, frage ich schnaufend den Holländer und setze meinen schweren Koffer auf dem Boden ab.

»Oh, ein Trinkgeld hier und da wirkt Wunder«, grinst er. »Dann hat man den Schlamassel schnell hinter sich.« Er lacht laut auf. »Kommen Sie, wir trinken ein Bier.«

Ich schaue auf die rote Dose vor ihm.

»Was haben die hier, Amstel?«

»Nein, Export 33. Französisches Bier. Schmeckt ganz gut, wenn man schon ein paar davon getrunken hat.«

Er bestellt sofort ein weiteres. Der Junge hinter der Bar zieht die Dose gekonnt auf, hält Glas und Dose beim Einschenken weit von sich, damit er sich nicht bekleckert. Mir fällt wieder ein, dass Afrikaner ihre ganz eigene Art haben, Dinge zu tun. Selbst wenn es um das Eingießen von Bier geht.

Mein Gegenüber hebt sein Glas und stellt sich vor.

»Ich heiße Sjoerd.«

»Karel«, sage ich.

»Auf den Sandkasten, mein Junge«, lacht er, nimmt einen großen Schluck, setzt dann sein Glas ab und weist auf die Frauen, die auf dem Boden hockend ihre Verwandten erwarten. Sie tragen dünne, fast durchsichtige, Leinenstoffe, die sie locker um ihre dicken Körper wickeln und fortwährend neu arrangieren.

»Schöne Frauen, oder?«, meint er spottend.

»Nicht gerade mein Geschmack«, erwidere ich und er interpretiert es richtig.

»Dick sein ist hier ein Zeichen von Schönheit«, erklärt er. »Junge Mädchen werden im Sand eingegraben und fett gemästet mit Kamelmilch, bis sie watscheln wie die Gänse. Eine Frau muss beim Gehen von zwei Sklaven gestützt werden. Nur dann sind sie heiratsfähig, so denkt man.« Er trinkt sein Bier aus und bestellt noch eins. Ich erinnere mich daran, was ich gelesen habe. In der Tat ist in Mauretanien die Zwangsfütterung von Frauen noch immer eine Tradition, die sich nicht überlebt hat. Junge Frauen werden zur Mästung zu speziellen Lehrerinnen gegeben, die sie unter Androhung und Ausführung von körperlicher Züchtigung zum Essen zwingen und sie erst wieder nach Hause entlassen, wenn sie für unsere Begriffe ›ollefett‹ geworden sind.

»Wo wohnst du eigentlich?«, frage ich.

»Hotel Amman. Wenn du Lust hast, komm mal vorbei. Vielleicht können wir noch ins Geschäft kommen. Du hast mit Nahrung zu tun, nicht wahr?« Er klingt geschäftsmäßig.

Möglicherweise könnte er mir tatsächlich einmal behilflich werden. Wenn er das Zeug nicht verscherbeln kann, nehme ich es gern als Spende an. Aber das sage ich ihm heute noch nicht.

»Ja, stimmt«, antworte ich indessen. »In gewissem Sinne. Eigentlich will meine Organisation ja dafür sorgen, dass die Nahrungsmittelhilfe überflüssig wird. Wir wollen kleinbäuerliche Landwirtschaft fördern. Wasserversorgung, Brunnen schlagen und so weiter, weißt du.«

Er schaut mich mit einem ungläubigen Blick an.

»Das scheint mir eine ziemlich unmögliche Aufgabe. Hier fällt doch kein Tropfen Regen.«

Es steht ihm ins Gesicht geschrieben, was er über meine Arbeit denkt. Mit einer lässigen Handbewegung bestellt er sich das nächste Bier.

»Nimmst du noch eins?«, fragt er kurz zu mir herüberschauend.

»Nein, nein – danke«, antworte ich und will meine Brieftasche aus der Hose ziehen.

»Lass nur«, sagt er sofort. »Das kann ich alles von der Steuer absetzen.«

»Ich schaue dann, ob draußen schon jemand auf mich wartet«, erwidere ich. »Vielen Dank, wir sehen uns sicherlich im Hotel.«

Schwungvoll hebe ich meine Koffer auf, schleife sie hinter mir her und balanciere sie durch die Menschenmassen, die in der Flughafenhalle herumlungern. Ein buntes Durcheinander von Farben und Menschen. Vor allem Abholer, die ihren Sohn oder Neffen oder Onkel begrüßen wollen, aber es sind auch Tagelöhner und Tagediebe dazwischen. Händler in weißen Kaftanen bieten auf ihren Tüchern etwas feil. Frauen in bunten Röcken mit passender Kopfbekleidung strecken den Passagieren ihre Waren entgegen. Es gleicht mehr einem Wochenmarkt als einer Ankunftshalle. Sicherlich sind auch einige dabei, die auf einen verspäteten Flieger warten. Trotz des Chaos’ ist keine Hektik erkennbar. Auch das ist Afrika. Ich schleppe mein Gepäck zum Ausgang und betrete nun wirklich mauretanischen Boden.

Direkt gegenüber dem Haupteingang neben einem alten, rostigen Peugeot 504 lümmelt jemand desinteressiert an einer Wand. Mit der linken Hand hält er ein Logo der Organisation hoch. Es ist ein Weißer, und nach den spärlichen Informationen, die man mir über die Mitarbeiter beim Abflug gegeben hat, müsste es sich um den Buchhalter handeln.

Ein langer, schlaksiger Mann um die dreißig. Zur Begrüßung reicht er mir eine schlaffe Hand. Ich hasse das. Es ist, als ob man einen toten Fisch anfasst. Meiner Meinung nach sagt das bereits alles über eine Person. Und auch diesmal scheint es zu stimmen. Kees ist nachlässig gekleidet, trägt eine ausgewaschene blaue Schlabberhose und ein offenes, beiges Hemd, aus dem seine Brustbehaarung herausragt wie der Tabak aus einem Päckchen Shag.

Ich begrüße ihn mit einem »Hallo, du musst Kees sein.«

»Guten Flug gehabt?«, fragt er wie nebenbei und gibt dem einheimischen Fahrer ein Zeichen, das Gepäck in den Wagen zu laden. Die Art, wie er das tut, gefällt mir nicht. Es erinnert mich an koloniale Zeiten, die längst vergangen sind.

»Na ja«, antworte ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. »Es gab eine Verzögerung in Paris.«

»Air Afrique«, grinst er. »Im Volksmund ›Air Tragique‹, weil sie, wenn überhaupt, zu spät kommt, oder ›Air sans Frique‹, ohne Geld, weil sie immer wieder Konkurs anmelden muss. Entweder fliegen zu viele Freunde, Neffen und wichtige Personen umsonst mit oder die Rechnungen sind nicht bezahlt.«

Es ist seinem Gesicht anzusehen, wie sehr er es genießt, mir die Unzulänglichkeiten des Landes gleich bei meiner Ankunft mitteilen zu können. Für die meisten Leute mag Mauretanien eine Enttäuschung sein. Aber ich lasse mich auf die schäbige Bemerkung nicht ein. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich einen Fuß nach Afrika setze. Es kann mich auch nicht erschrecken, dass es sich hier um einen ›Hardshippost‹ handelt, wie es im Diplomatenjargon heißt, wenn man in eine Gegend versetzt wird, in der die Lebensbedingungen sogenannt suboptimal sind. Der Sahel ist für mich eine neue Herausforderung. Bis jetzt hatte ich nur den tropischen Teil Afrikas erlebt, den Kongo und Ruanda. Dort herrscht diese lebhafte, sinnliche Atmosphäre, die den unwiderstehlichen Drang zum Überleben ausstrahlt. Die ganze Natur scheint darauf eingerichtet sein. Eine üppige Verschlingung von Reben in hohen Bäumen, die ihre leuchtend roten, jungen Blätter wie feurige Zungen herausstrecken, um den Morgentau begierig aufzusaugen. Orchideen, die ihre rosafarbenen Blütenblätter wie sanfte Schamlippen zur Schau stellen. Lobelien, deren feurige Pfeilblumen wie Phalli in die Luft ragen. Metallisch glänzende Kolibris, die ihre Zungen tief in den Blumenkelchen versenken, um sie lustvoll auszuschlecken. Eine exotische, regelrecht wollüstige Welt, in der alles sich so zu vermehren scheint, wie Gott es befohlen hat. Afrika ist der kinderreichste Kontinent, auch wenn viele von ihnen schon frühzeitig sterben. Viele Kinder sind ein Segen, und vögeln gehört zum täglichen Leben, wie essen, trinken und schlafen.

Hier in Mauretanien herrscht das Gegenteil: Nur Dürre und die gnadenlose, alles versengende Sonne, ausgemergelte Menschen und das Elend der Hungersnot. Es sind diese Bilder, die man zu Hause in Nordeuropa fast täglich im Fernsehen zu sehen bekommt. Ausgehöhlte Gesichter und apathische Kinder, von Unterernährung gezeichnet. So wird zum Spenden aufgefordert, denn dann sitzen die Geldbörsen locker. Teure Reklamespots von Organisationen, die aber wenig zur Lösung des Problems beitragen. Institutionen, die am liebsten weibliche Filmstars benutzen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die aber immer noch gut genug aussehen, um in den Nachrichten und Medien erwähnt zu werden. Eine scheinheilige Welt. Spenden und Gaben aus den reichen Ländern werden das Problem nicht lösen, höchstens die Not etwas lindern. Aber die grundlegende Frage ist doch: Wieso hat ein Jahrhundert Kolonisation, Missionsarbeit und Entwicklungshilfe diese Not bis heute nicht beheben können? Die zivilisierte Welt hat diese Menschen nur ausgebeutet, nicht entwickelt und schon gar kein Geld ins Land investiert. Nein, nur neue Märkte für ihre eigenen Produkte geschaffen.

Kees starrt still und mürrisch vor sich hin. Bis zu meiner Ernennung hatte er gehofft, die Position des Direktors selbst übernehmen zu können. Aber er besitzt weder das technische Know-how noch die erforderliche Diplomatie. Außerdem läuft er herum wie ein schäbiger Landstreicher. Etwas, was man in Afrika nicht tun sollte. Hier erwartet man von bestimmten Leuten und zu bestimmten Anlässen entsprechende Kleidung, vorzugsweise mit Krawatte. Darüber hinaus hat er Probleme bei der Zusammenarbeit mit der Führungsspitze der Partnerorganisation, wie ich gehört hatte. Eine solche Kooperation ist aber unabdingbar, wenn man in diesem Land überhaupt Fuß fassen will. Die einheimischen Organisationen versuchen auf diese Art, die Kontrolle über alle finanziellen Transaktionen zu behalten.

»Wie ist man eigentlich auf dich gekommen?«, fragt Kees plötzlich ohne Ankündigung. Sein Stimme klingt leicht neidisch.

»Vielleicht war es nicht so einfach, jemanden zu finden, der Französisch spricht und die nötige Erfahrung hat«, antworte ich ungerührt. Er reagiert nicht. Wahrscheinlich ist er verärgert. Schließlich spricht er diese Sprache auch und ist schon beinahe zehn Jahre hier.

Unser Chauffeur startet den alten Peugeot. Der Flughafen liegt nicht weit von der Hauptstadt entfernt, und es wird nur eine kurze Fahrt. Ich sehe mich um. Die Stadt macht einen unordentlichen, nahezu verwahrlosten Eindruck. Die Akazien am Weg hängen voll mit blauen und rot-weiß gestreiften Plastiktüten sowie anderen Kleinigkeiten, die der ewige Wind aufliest und durch die Luft trägt. Es sieht aus, als hätte man vergessen, die Weihnachtsbäume abzuschmücken. Mit Kleinmüll versetzter Sand weht über die Straße. ›Nawakshut‹ hatten die Mauren ihre Stadt genannt: Die Stätte des Windes.

Links und rechts erheben sich plötzlich moderne, mehrstöckige, stilvolle und imposante Regierungsgebäude, die mit dem Geld aus den Minen im Norden finanziert wurden. Die Stadt selbst besteht vorwiegend aus dreistöckigen Wohnblocks und dazwischen hier und da Geschäftsgebäuden. Wir erreichen das Zentrum. Der Verkehr ist jetzt dichter geworden: Taxis, Kleinbusse, Eselskarren beladen mit Säcken, Steinen oder Kartons. Verrostete, klapprige Autos wechseln hupend kreuz und quer über die Fahrbahnen. Dazwischen Fußgänger in langen Kleidern. Allerdings sehe ich kaum Fahrräder, wie es sonst in Afrika üblich ist. Kein Wunder, mit Fahrrädern ist im Sand schwer vorwärtskommen. Wie die Wüste vor der Stadt, ist auch Nuakchott voller Sand. Alles ist von einer Staubschicht bedeckt, und die Luft ist nebelgrau. Die Sonne kommt kaum hindurch.

Wir biegen rechts ab, dann wieder links, ein wenig weiter noch einmal rechts, und wir erreichen die Nachbarschaft, wo ich in den kommenden Jahren leben werde. Es sieht nicht sehr attraktiv aus. Die Häuser selbst sind hinter übermannshohen, weißen Wänden versteckt. Ab und zu lassen blau lackierte Stahltüren einen Zugang erkennen. Von einem Bürgersteig ist nichts zu sehen. So etwas gibt es nicht. Wir haben die Straße verlassen, und das Auto kämpft sich durch den weichen Sand. Eine Moschee an der Ecke ruft die Gläubigen zum Gebet. Unser Fahrer stoppt den alten Peugeot vor einem Eckhaus, das über eine weiße Mauer hervorschaut. Es ist ein flaches, viereckiges Gebäude, das Dach wie bei allen Häusern mit einer dicken Sandschicht bedeckt. Auch an den rau verputzten Wänden klebt eine Schicht brauner Staub. Neben der breiten Eingangstür liegt ein Haufen Müll, aus dem sich Esel, Ziegen und ein paar extrem magere Kühe einige Pappreste suchen. Manche sind an diese Nahrung so gewöhnt, dass sie kein Grünzeug mehr fressen wollen – sie kennen es gar nicht.

Der Wächter des Hauses, ein breitschultriger Bursche, steht sofort auf und begrüßt mich mit einem kräftigen Handschlag. Kurz legt er seine rechte Hand auf seine Brust. Ein Zeichen, mit dem er andeuten will, dass er mich schon jetzt in sein Herz geschlossen hat und ich mich auf ihn verlassen kann. Mit einem lauten, freundlichen »Bienvenue Monsieur« lädt er mich ein, mein neues Heim zu betreten. Er nimmt das Gepäck und stellt alles in den großen Flur. Die weitgeöffnete Holztür gibt den Blick frei in einen Innenhof, den zentralen Platz des Hauses mit einem kleinen Garten. Mir fallen sofort die vernachlässigten Pflanzen auf, die seit der Abreise meines Vorgängers sicherlich keinen Tropfen Wasser gesehen haben. Der afrikanische Wächter betrachtet das nicht als seine Aufgabe. Das Haus bewachen heißt für ihn, den ganzen Tag vor der Haustür sitzen und nichts tun, außer ein Nickerchen zu machen oder ein lebhaftes Gespräch mit einem Passanten führen. An der Straße stehen zum Glück ein paar Akazien, die ein wenig Schatten geben. Viele Blätter haben sie nicht, denn es hat noch immer nicht geregnet. Vielleicht bleibt er auch dieses Jahr aus.

»Du wirst hoffentlich zurechtkommen«, ruft Kees aus dem Wagen. Er ist nicht einmal ausgestiegen. »Ich hol dich Samstag ab. Morgen ist Freitag, da arbeiten wir nicht.« Er gibt dem Fahrer ein Zeichen. Der murmelt etwas von »Au revoir Monsieur«, startet den Motor und fährt davon.

»Nun, das war ein wahrlich herzlicher Empfang«, murmele ich und betrete das Haus. Amadou, der Wächter, folgt mir auf den Fersen. Ich komme in ein spärlich möbliertes Wohn-Esszimmer, drei Schlafzimmer, eine Küche, ein Badezimmer und eine Dusche mit WC. Ohne mich groß umzusehen, suche ich mir das Schlafzimmer aus, das mir am kühlsten erscheint und fange an, meine Koffer auszupacken. Eine genaue Inspektion meines neueen Heims hebe ich mir für später auf.

»Wenn Sie mich brauchen …«, deutet Amadou an, schleicht hinaus und ich sehe durch das Fenster, wie er seine Position vor dem Tor wieder einnimmt.

Ich seufze tief. Mir gefällt es, wieder in Afrika zu sein. Aber es gefällt mir nicht, dass Elly nicht mitgekommen ist. Es ist das erste Mal, dass sie die Kinder allein lassen muss und das fällt ihr schwer. Ich frage mich, ob sie überhaupt erscheinen wird. Bis jetzt war sie immer dabei. Aber diesmal? Ich habe so meine Zweifel …

Das Dienstmädchen erscheint, sobald sie gehört hat, dass ›le Patron‹ angekommen ist. Mit einem fröhlichen Lachen platzt sie herein. Woher ist sie bloß so schnell gekommen?

»Ich bin die Fati«, sagt sie und reicht mir die Hand. Ich betrachte sie ausgiebig. Sie ist recht attraktiv, hat eine geradezu sexy Ausstrahlung und ist offensichtlich auch nicht allzu streng muslimisch, sonst hätte sie mir keinesfalls die Hand gereicht oder gar bei mir arbeiten dürfen.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, fragt sie.

»Ja gerne«, antworte ich. Mit ihren ausgetretenen Flip-Flops latscht sie in die Küche, während ich mich noch immer umsehe. Ein paar wenige Möbel sind schlicht und einfach, die Wände weiß gestrichen, der kahle Fußboden mit roten Fliesen bedeckt. Insgesamt ist es recht ungemütlich. Es gibt eine Klimaanlage. Doch als ich sie einschalte, pufft eine große Staubwolke heraus. Sie rattert fürchterlich laut. Ich schalte sie wieder aus und lege mich auf die Couch, ein einheimisches Fabrikat. Man kann es am weiß gestrichenen Holz erkennen. Auf einer Art Bettgestell liegen eine Matratze und ein Kissen, beide mit grauem Stoff bezogen. Seufzend schaue ich mich um. Keine Dekoration, alles kahl. Kein Teppich oder Gardinen, nichts. Das Ganze sieht wie der Empfangsraum eines Hotels aus. Da muss ich noch etwas ändern, um es gemütlicher zu machen.

Nach einer Weile kommt das Mädchen mit dem Kaffee und stellt ihn auf dem niedrigen Couchtisch vor mir ab.

»Soll ich noch etwas für Sie kochen?«

»Nein danke, Fati«, sage ich. »Ich habe im Flugzeug gegessen.«

Sie zögert etwas.

»Kommt Madam auch?«, fragt sie dann, und es liegt etwas anderes als pure Neugierde in der Stimme.

»Vorläufig bin ich allein«, sage ich. «Ich hoffe, das stört dich nicht.«

»Non, non, pas du tout«, meint sie sofort, bleibt im Wohnzimmer stehen und tippelt verlegen von einem Fuß auf den anderen.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragt sie dann.

»Nein danke, Fati. Ich bin ziemlich müde und werde mich hinlegen.«

»Soll ich morgen kommen?«

»Morgen ist doch Feiertag, nicht wahr?«

»Ja, aber wenn Sie möchten, komme ich trotzdem.«

»Nein, danke Fati, ich komm schon zurecht.«

Sie steht immer noch unschlüssig im Raum, sagt nichts, geht aber auch nicht. Ich merke, dass ihr irgendetwas nicht ganz recht ist. Vielleicht ist sie ja dringend auf das Geld angewiesen und jede gearbeitete Stunde zählt.

»Vielleicht kannst du ja doch so gegen Mittag kommen.«

»Ist gut«, meint sie erleichtert. »Dann bringe ich auch etwas zu essen mit.«

Ich muss mich erst wieder an Personal im Haus gewöhnen. Schließlich habe ich lange Jahre nur mit meiner Familie gelebt. Es ist eine Ewigkeit her, seit ich bei einem Auslandsjob Hilfen im Haus hatte. Aber das Hausmädchen scheint ja ganz nett zu sein und – nun ja - ein bisschen weibliche Gesellschaft ist mir eigentlich ganz recht, jetzt, wo Elly noch nicht da ist.

Sobald Fati gegangen ist, versuche ich zu Hause anzurufen. Auslandstelefonate können an diesen Orten sehr zeitintensiv sein, und ich stelle mich schon einmal darauf ein, dass ein Großteil des Nachmittages wohl dahinschwinden wird. Und richtig, ich werde über Dakar nach Paris verbunden. Dort bittet man mich um die Anschlussnummer. Ich gebe sie durch und bleibe am Apparat. Nach einer schier endlos scheinenden Wartezeit höre ich die französische Frauenstimme melodiös ankündigen, dass die Verbindung zustande gekommen ist. Nach ein paar Mal Klingen höre ich Ellys vertraute Stimme. Die Verbindung ist schlecht. Ihre Stimme kommt immer wieder mit Echo zurück. Typisch Satellitenverbindung. Ich erzähle ihr von dem Chaos auf dem Flughafen, die ersten Eindrücke und über das Haus, in dem es noch viel zu tun gibt. Ihre Antworten klingen nicht sehr begeistert. »Nun, wir werden sehen«, sagt sie kühl, dann ist die Verbindung abrupt abgebrochen.

Ich seufze. Das hört sich nicht gut an. Sie scheint sich nicht im Geringsten auf unseren neuen Einsatzort zu freuen. Plötzlich plagen mich Zweifel. War es gut, hierher zu kommen? Habe ich die Entscheidung vielleicht aus einer Unzufriedenheit heraus getroffen? Weil mir mein Leben nicht mehr gefiel? Ohne Rücksicht auf meine Familie? Ist es vielleicht die Midlife-Crisis, die mir diesen starken Drang beschert hat? Oder die ewige Unruhe in mir, die Hummeln im Hintern, die ich schon immer hatte? Oder doch die Idee, noch etwas Nützliches in meinem Leben tun zu wollen? Vielleicht war es auch nur eine Flucht? Vor was? Dem Älterwerden? Der Langeweile? Eine Flucht in neue Abenteuer, andere Länder und Kulturen? Das hat mich immer schon gereizt. Dann merkt man, dass man lebt. Oder aber es ist eine Flucht vor unserer Beziehung, die schon längst nicht mehr das ist, was sie sein sollte? Wir streiten uns dauernd. Und passiert ist auch schon so einiges in den Jahren …

Müde lasse ich mich auf das Sofa fallen und schaue in den kahlen, kalten Raum. Trotz aller Hitze Afrikas fröstelt es mich auf einmal. Ich fürchte, dies ist der Anfang vom Ende, oder es muss ein Wunder geschehen.

Am nächsten Morgen werfe ich einen Blick in die Garage. Dort steht ein etwas klappriger Landrover, dessen grüne Farbe hier und da schon abgeblättert ist, sodass die Aluminium-Karosserie sichtbar wird. Es ist Freitag, der islamische Feiertag, also hoffe ich, dass wenig Verkehr auf den Straßen zu erwarten ist. Eine Gelegenheit, um die Stadt in aller Ruhe zu erkunden. Ich steige ein und starte den Wagen. Er springt sofort an, gibt aber einen Knall von sich, wie ein Schuss aus einem Elefantentöter. Eine blau-schwarze Wolke stößt gegen das Tor. Von draußen öffnet Amadou. Ich lege den Rückwärtsgang ein und fahre langsam hinaus. Der erste Gang ist mühsam und klemmt etwas. Dann holpere ich durch den lockeren Sand davon.

Unser Haus liegt in ILOT. K, im Westen der Stadt, dort wo die meisten Ausländer wohnen und die Häuser Tag und Nacht eine eigene Wache vor der Tür haben. Irgendwie gibt es mir ein Gefühl der Sicherheit, zu wissen, dass Amadou dort ist, auch wenn er sich vor dem Haupttor zum Gelände nicht gerade überarbeitet. Woher dieses Gefühl kommt, ist logisch nicht nachvollziehbar. In diesem islamischen Staat wird nicht oft eingebrochen. Hier richtet die Scharia. Glücklicherweise werden keine Hände mehr abgehackt. Auch die Todesstrafe wird nicht mehr angewandt. Doch Stockschläge sind noch immer eine gängige Strafe.

Meine Stadtrundfahrt überzeugt mich davon, dass beim Bau dieses Ortes genau nachgedacht wurde. Sehr systematisch ist alles geplant. Die breite Hauptstraße führt vom Flughafen quer durch die Innenstadt vorbei am Krankenhaus bis zum Hafen und dem Strand. Sie bildet so etwas wie die zentrale Achse. Rechtwinklig biegen Nebenstraßen ab, die zu den diversen Vierteln führen. Die Häuser sind dicht aneinander gebaut, einstöckig, mit Lehm verputzt. Plötzlich komme ich in einen Bezirk, wo statt des bisher überwiegenden Braungrau die Farbe grün ist. Dann verstehe ich. Ich habe das Botschaftsviertel erreicht. Auch wenn es nicht viele Diplomaten gibt. Nur die Amerikaner, Franzosen und einige Nachbarländer haben hier Vertretungen, die das ohnehin knappe Wasser in ihren tropischen Vorgärten vergeuden. Ein Stück weiter sehe ich eine Kirche, jedoch ohne Kreuz. Das zu zeigen ist hier nicht erlaubt. Sie ist ohnehin nur für Einwanderer und Ausländer. Einheimische würden es nicht wagen, hinein zu gehen. Sie riskierten ihren Kopf. Es ist ein islamischer Staat, und als solcher ist man von Geburt an Muslim, ob man will oder nicht. Christen sind Ungläubige. Alle, die nicht an Allah und den Propheten Mohammed glauben, sind ›Nsara‹, ein Schimpfwort und hauptsächlich für Christen gebraucht. Wahrscheinlich abgeleitet von Nazaräer. Ist es nicht seltsam, dass alle Religionen, die universell zu sein behaupten, sich auf Personenkulte und bestimmte Gottesvorstellungen regelrecht festnageln?

Ich bin im Zentrum. Die ruhigen Vorstädte sind vergessen. Hier pulsiert auch am Freitag das Leben. Gammelige Taxis, zumeist französischer oder japanischer Herkunft, klapprige Busse und ebenso altersschwache Lastwagen fahren planlos durcheinander. Die Ampeln, einstmals von Deutschen hier eingeführt, stehen defekt und nutzlos in der Gegend herum und werden einfach umfahren. Und zwar so, wie es am bequemsten und schnellsten geht, auch schonmal über einen Bürgersteig, den man in den Sandverwehungen sowieso nicht ausmachen kann. Hupkonzerte schrillen durch die Straßen. Der Stärkere hat Vorfahrt. Es ist die einzig identifizierbare Verkehrsregel, nach der sich alle richten.

Ich schaue mich um. In anderen afrikanischen Städten gibt es ein Gewimmel von kleinen Geschäften, die ihre Waren feilbieten. Hier sieht man nichts dergleichen. Wahrscheinlich lohnt es sich nicht. Den Leuten fehlt das Geld. Neben einem libanesischen Supermarkt, der quasi nur für die ›Expatriates‹, die Ausländer existiert, die hier für irgendeine Organisation oder Botschaft arbeiten, steht ein mit Marmor gefliestes Gebäude. Die goldenen Buchstaben über dem Eingang weisen es als ›Banc Nationale de la Mauretanie‹ aus. Auf der anderen Seite das Hotel Amman, in dem der ›Friesche Flag‹-Sjoerd seine Bleibe hat. Ich habe keine Lust, ihn jetzt zu besuchen und fahre weiter. Außerdem hat Fati gesagt, dass sie kommen wollte.

In der Nähe der großen Moschee halte ich an und gehe auf den Markt. Dieser findet täglich statt, in einem von weißgrauen Mauern umgebenen Komplex mit einzelnen kleinen Geschäften aus Betonsteinen, ähnlich kleinen Containern, die nach Feierabend mittels einer großen Stahlluke geschlossen werden. Heute sind nicht alle geöffnet, weil manche Händler in der Moschee zum Beten sind. Einige haben aber trotzdem aufgemacht. Die meisten Betreiber sind Mauren, die nur faul herumlungern, als hätten sie kein Interesse etwas zu verkaufen. Alles liegt auf unordentlichen Haufen oder hängt an Haken von gelbschmutzigen Wänden und Decken. Es gibt Schuhe, Haushaltsgegenstände, Kleidung, Radios, Nähmaschinen, Uhren und Nahrung aller Art. Mir fällt auf, dass westliche Konsumprodukte außerordentlich gut vertreten sind: Mehl, Kondensmilch mit einem freundlich lächelnden holländischen Mädchen auf dem Etikett, Pril und Omo Waschpulver, Würfelzucker in blauen Kartons aus Frankreich, Suppenwürfel, Nescafé Tütchen, Dosen mit Tomatenmark und loser Reis aus Italien, große Dosen genmanipuliertes Sojaöl, auf denen in dicken Buchstaben ›DON DE USA‹ prangt. Alle Überschüsse aus industrieller Landwirtschaft, die als sogenannte Nahrungshilfe geschenkt oder zu Schleuderpreisen auf den Markt gebracht werden. Ich schüttele den Kopf. Wie oft habe ich mich schon über diesen Irrsinn aufgeregt. Einerseits spenden wir Entwicklungsgelder zum Wiederaufbau der Landwirtschaft, anderseits hat es wenig Zweck, denn gerade diese Billigkonsumware aus Europa und den USA ruiniert den lokalen Markt. Aber so will es die Politik nun einmal.

Das ist nicht nur in Afrika so. Ich habe es selbst in Deutschland gesehen, als ich seinerzeit bei der Flurbereinigung tätig war. Die Bauern wurden praktisch gezwungen sich zu verschulden, um vergrößern zu können und damit existenz- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Großflächiger Anbau von Monokulturen, die weniger arbeitsintensiv sind und größere Erträge bringen. Das war die Idee für die Zukunft des Agrarwesens. Dass dabei viele Kleinbauern hops gingen, die Landschaft eintöniger wurde und die Biodiversität zudem stark abnahm, waren politisch nicht zu berücksichtigende Gesichtspunkte, wenn der wirtschaftliche Aufschwung, die Konkurrenz und der Wohlstand es verlangten.

Die Regale der Supermärkte werden vollgepfropft mit Lebensmitteln, die alle aus denselben Rohmaterialien hergestellt werden: Mais, Weizen, Reis und Zucker. Das Ganze angereichert mit künstlichen Farbstoffen und Geschmacksverstärkern ergibt Chips, Kekse und Tomatenketchup: Der amerikanische Lebensstil, der inzwischen überall auf der Welt als Maßstab gilt. Hühner aus Massenhaltung, vollgestopft mit Hormonen und Antibiotika, werden schon nach sechs Wochen Mast als Billigfleisch auf den Markt geworfen. Die Filets werden herausgeschnitten und auch die Drumsticks fùr den Verkauf in den Supermärkten und bei Fastfoodketten, der Rest in braune Kartons verpackt und tiefgefroren nach Afrika versandt. Schiffsladungen voll. Einmal aufgetaut, platzen sie, wegen der Salmonellen, die sich bei dieser Hitze in kürzester Zeit entwickeln. Mit lokalen afrikanischen Hühnern gibt es das Problem nicht. Diese werden an den Beinen zusammengebunden, kopfüber am Lenker des Fahrrads baumelnd zum und vom Markt gebracht und erst geschlachtet, wenn sie auch gegessen werden sollen. Kein Kühlschrank erforderlich. Immer frisch in die Pfanne.

Ich gehe zurück zum Wagen und fahre neugierig weiter. Noch ist meine Tour nicht beendet, und ich bin gespannt, wie all das in Wirklichkeit aussieht, worüber ich zuvor nur gelesen habe. Um das Zentrum herum liegt das Viertel der Beamten und sonstigen Mittelschichtler. Hier wohnt man dicht nebeneinander wie in Reihenhäusern und kocht in einem kleinen Innenhof. Im Haus ist man nur zum Schlafen. In den Höfen geht es zu wie in einem Bienenstock. Nicht nur die eigenen vielen Kinder sind da, sondern auch die Verwandten, denn hat jemand einmal eine Arbeit, profitiert die ganze Sippe davon – ablehnen oder ausschließen ist unmöglich, auch wenn die Familie aus den entlegensten Dörfern zugereist ist. So sind die Sitten hier. Es ist sehr gemütlich, für einen West-Europäer überlaut, aber das scheint die Afrikaner nicht zu stören. Man lebt gern hier, denn es gibt Strom, wenn auch oftmals illegal abgezapft, und die öffentliche Wasserstelle ist an der nächsten Straßenecke. Auch wenn man für einen Eimer Wasser lange anstehen und zahlen muss, ist es immer noch wesentlich besser als in den Elendsvierteln, die diesen Komfort nicht kennen. Dort leben sie in Hütten aus zusammengenähten Säcken, aus Kartons, Paletten und zerrissenen Planen. Material, das rund um den Hafen zu finden ist, wo ein reger Handel mit diesen Abfallprodukten der Zivilisation getrieben wird. Nichts ist kostenlos, nicht einmal für die Ärmsten. Die Verhältnisse in den Slums am Rande der Stadt sind aller Fernsehdokumentationen zum Trotz unvorstellbar, wenn man sie einmal in der Realität sieht. Kein Wasser, kein Strom, keine Müllentsorgung, keine Kanalisation, kurzum ein idealer Ort für Krankheitskeime. Alles, was auf dem Markt verkauft wird, wird auch hier angeboten, nur in kleineren Mengen für den täglichen Gebrauch. Es gibt keine Marktstände, die Waren werden mitten in den Staub auf den Boden gestellt, verkaufte Artikel in ein Stückchen Plastik gewickelt, das mit einem Knoten verschlossen wird.

Ich fahre weiter zum Hafen. Es ist der einzige Ort, wo es täglich Arbeit gibt. Betreten darf ich das Hafengelände nicht. Aus dem Autofenster sehe ich einen langen Anlegesteg, an dem nur ein Schiff oder höchstens zwei andocken können. Die anderen warten auf hoher See. Ich hatte irgendwo gelesen, dass der Hafen, obwohl erst vor ein paar Jahren von den Chinesen gebaut, jetzt schon wieder versandet.

Die hier arbeitenden Chinesen – oft Gefangene in Zwangsarbeit – nehmen nicht am afrikanischen Leben teil. Sie bleiben für sich in ihren umzäunten Holzbaracken und versorgen sich selbst, bauen ihr eigenes Gemüse an, züchten Hühner, Gänse, sogar Schweine.

Im Gegensatz zu anderen Schiffen dürfen chinesische kostenlos andocken. Clever haben sie sich dieses Privileg von Anfang an ausbedungen und überfluten seitdem den Markt mit ihren Waren. Praktische Dinge für den Haushalt, Fahrräder, Uhren, Radios und natürlich Tee. Entwicklungshilfe im Austausch gegen eine Marktnische, und das in einem Kontinent, wo Rohstoffe noch immer billig zu haben sind. Aber immerhin bringt es für die Bevölkerung mehr Wohlstand, Arbeit und Fortschritt als Moscheen oder Koranschulen, in die arabische Länder ihre Entwicklungshilfe stecken, abgesehen von der einen Ladung Schaffleisch, die sie jährlich zum Schlachtfest schicken. Dann bricht eine regelrechte Schlacht aus, jeder will sein Stück vom Schaf abbekommen. Aber wenn ich ehrlich bin, sind unsere christlichen Missionen doch genauso vorgegangen. Wir haben auch zuerst unsere Religion gepredigt, haben den Afrikanern unsere Werte und Traditionen auferlegt, die ihnen völlig fremd waren. Auch wir brachten unsere Waren mit und fremde Sitten. Warum können wir nicht akzeptieren, dass Religionen eng mit einer bestimmten Kultur verbunden sind? Und wie den Chinesen heute, ging es uns damals und jetzt doch nur ums Geschäft.

Ich drehe am Schlüssel und der Wagen rattert weiter. Einfach am Strand entlang. Dorthin, wo die Fischer ihre Körbe an Land bringen. Vom Wagen aus kann ich den lebendigen Strand sehen, aber mir ist nicht danach zumute, mich in das Gewühl zu stürzen, und ich drehe um. Auf der Straße zurück in die Stadt komme ich am Krankenhaus vorbei, das einst mit niederländischem Geld gebaut wurde. Von dort aus versuche ich den Weg nach Hause zu finden. Obgleich ich eine vage Idee habe, welche Richtung ich einschlagen muss, habe ich mich doch verirrt, bis ich plötzlich auf eine kleine Moschee stoße. An ihrer blauen Kuppel erkenne ich sie wieder. Auf dem Platz, der mir bekannt vorkommt, spielen einige Jungen im staubigen Sand mit einem selbstgemachten Ball Fußball. Sie haben ihn aus Plastik- und Stofffetzen geformt und mit einem Seil wie ein Wollknäuel umwickelt. Sie halten ihr Spiel kurz an, damit ich vorbeifahren kann. Hier um die Ecke, oder? – Genau. Dort sehe ich auch schon Amadou, der sofort aufspringt und mir das Tor öffnet. »Merci«, danke ich ihm und fahre den Wagen hinein, froh wieder zu Hause zu sein.

Wenn ich mir so mein neues Heim anschaue, sehe ich einiges, was geändert werden muss. Hauptsächlich, um es für Elly angenehmer zu machen. Vielleicht kaufe ich einen Teppich oder Ähnliches für die Wände. Aber was bekommt man hier schon, außer bunt bedruckten Tüchern mit Mekka oder einem Koranspruch darauf! Wenigstens einen, um die langweilig roten Fliesen abzudecken. Und ein paar Kissen für die weiß bemalten Kolonialstilmöbel. Meine Frau ist so einiges gewöhnt und kennt das einfache Leben. Schließlich waren wir schon an viel abgelegeneren Orten. Woran sie sich allerdings gewöhnen müssen wird, ist, dass man bei dem hiesigen Klima kein kühles Bier auf der Terrasse genießen kann. Alkoholische Getränke werden in islamischen Ländern nicht verkauft, außer in wenigen Hotels und am Flughafen – und auch dort nur für Ausländer. Vielleicht ein paar tropische Vögel im Innenhof. Elly liebt das Zwitschern der Vögel in den frühen Morgenstunden. Dann wird sie sich hier wohler fühlen. Nur – wo bekomme ich die her? »In Dakar, bei Pietchen Diallo«, antwortet Amadou auf meine Frage. »Der fängt sie ein und verkauft sie an Händler aus Europa.« Ich seufze. Das sind fünfhundert Kilometer von hier. Das muss warten, bis ich irgendwann einmal in Dakar zu tun haben werde oder zum Zahnarzt muss. Einen solchen, las ich in den Vorbereitungspapieren, gibt es hier nämlich nicht. Nur einen, der in der allergrößten Not einen Zahn ziehen kann, ohne Betäubung versteht sich. Und das Krankenhaus, das ebenfalls fensterlos wie ein Spukhaus am Straßenrand steht, macht auch nicht gerade Mut. Gut, dass die Organisation für uns eine teure Versicherung abgeschlossen hat, damit wir im Notfall mit einem Privatjet nach Europa geflogen werden können. In diesen Ländern ist eine solche Police sicher kein Luxus.

An mindestens zweihundert Tagen im Jahr überziehen Sandstürme die Stadt! Fast jeden Morgen um neun Uhr fängt es an zu wehen, und den ganzen Tag über hängt eine dicke Staubwolke über den Häusern. Dann ist es, als ob die Welt ihre Farbe verloren hat. Erst am Abend, wenn die Sonne in einem grauen Schleier hinter dem Horizont verschwindet, legt sich der Staub und man sieht einen halbwegs klaren Himmel. Vielleicht sollte ich mir auch so einen ›Hawli‹ zulegen, den hier jeder gegen den Sturm trägt. Es besteht aus einem Stück blauen oder weißen Stoff, etwa einen Meter breit und vier Meter lang, der doppelt gelegt um den Kopf gewickelt wird, genauso wie auf dem Logo der Paris-Dakar Rallye, die hier jedes Jahr vorbeikommt.

Fati ist schon da. Aus der Küche weht ein Duft von Fisch und Küchenarbeit herüber. Ich linse kurz hinein. Sie bereitet das Mittagessen.

»Was für Fisch ist das?«, frage ich neugierig. Er sieht aus wie eine Brasse, hat aber eine rosa Farbe.

»Dorade«, sagt sie. »Ganz frisch aus dem Meer.«

»Ich habe noch kein Geld tauschen können«, entschuldige ich mich.

»Oh, das werden wir morgen regeln«, antwortet sie gelassen. »Heute ist die Bank sowieso geschlossen. Ich werde Sie mal auf den Markt mitnehmen, nicht den im Zentrum, sondern den lokalen an der marokkanischen Moschee. Dort ist es viel billiger. Tun Sie dort aber so, als gehörten Sie nicht zu mir, bitte. Wenn die Händler eine weiße Nase sehen, verlangen sie gleich das Doppelte.«

Es riecht tatsächlich herrlich und mein Magen meldet nachdrücklich, dass er seit dem Herflug noch nichts bekommen hat. Zum Warten schalte ich den Fernseher ein. Es laufen die Nachrichten. Sie werden in Französisch gelesen. Aber es gibt keine interessanten Neuigkeiten. Danach folgt eine Musikshow. Eine dicke arabische Sängerin singt ein Lied ohne Melodie, sie wird von einem Orchester begleitet, das eine schreckliche Katzenmusik spielt. Ein Schlagzeug versucht verzweifelt, Rhythmus hinein zu bekommen, aber vergebens. Es ist, als ob jeder für sich spielt. Wie ein Fußballspiel, bei dem jeder seinen eigenen Ball hat.

»Das geht den ganzen Abend so«, sagt Fati mit einem missbilligenden Blick auf den Fernseher, während sie die Teller auf den Tisch stellt. »Nur arabisches Geleier. Kaufen Sie sich lieber ein Radio und hören Sie Afrika Numero 1, dann haben Sie den ganzen Tag gute Musik.«

Sie latscht zurück in die Küche, nur um einen Moment später mit gebratenem Fisch und Reis wieder zu erscheinen. Beides stellt sie auf den Tisch, setzt sich bequem dazu und beobachtet, wie ich es genieße. Während der ganzen Zeit plaudert sie unentwegt vor sich hin, erzählt von meinem Vorgänger, wie es war, dass er nett war, was er gemacht hat, und dass er beinahe zehn Jahre hier gewesen ist.

»Warum isst du nicht mit?«, frage ich. »Es ist genug da.«

»Non, merci«, wimmelt sie ab. »Ich esse heute Abend zu Hause.«

»Wo ist das?«

»Im fünften Bezirk.«

»Wohnst du dort allein?«

»Nein, mit noch drei anderen Mädchen, um die Kosten zu teilen. Die Mieten sind viel zu hoch. Das sind Halsabschneider, die Mauren.«

Ich merke ihr an, dass sie wie viele Afrikaner die Araber hasst. Diese schauen auf alles herab, was schwarz ist. Ich kann Fati verstehen. War ich selbst doch einmal in Jordanien. Hochnäsig sind sie, diese Araber.

Während das Mädchen abräumt, falle ich auf die Couch und überlege, was ich tun könnte. Viele Möglichkeiten gibt es ja nicht. Mit Sjoerd im Hotel ein Bier trinken? Eigentlich bin ich zu müde. Ich habe die letzten paar Nächte schon nicht gut geschlafen.

Fati hat das Geschirr abgewaschen.