Die Kirchen der Union -  - ebook

Die Kirchen der Union ebook

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Opis

Die Union zwischen Lutheranern und Reformierten am Anfang des 19. Jahrhunderts wird unterschätzt, ihre prägende Funktion für die meisten Landeskirchen in Deutschland ist meist unbekannt. Vermittlungstheologie und Liberalismus schufen unterschiedliche theologische Systeme innerhalb der Union, die historischen Respekt verdienen. Zugleich steht der Unionsgedanke heute im engen Zusammenhang von Ökumene, Bekenntnis und Entwicklung vor neuen Herausforderungen in den Verständigungsprozessen der "Uniting Churches". Das Buch gibt eine Übersicht über die Geschichte der deutschen Unionskirchen, Theologien und Theologen. Dazu treten Fallbeispiele zur Unionsgeschichte aus allen Kontinenten sowie eine Studie zur Rolle der Unionskirchen heute. The Churches of the Union. History – Theology – Perspectives The union between Lutherans and Reformed at the beginning of the 19th century is underestimated, its formative function for most regional churches in Germany is mostly unknown. Mediation theology and liberalism created different theological systems within the Union that deserve historical respect. At the same time, the idea of the Union today faces new challenges in the communication processes of the so-called "Uniting Churches" in the context of ecumenism, confession and development. The book gives an overview of the history of the German Union Churches, of theologies and theologians. In addition there are case studies on the history of the Union from all continents as well as a study on the role of the Union Churches today.

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Johannes Ehmann (Hrsg.)

Die Kirchen der Union

Geschichte – Theologie – Perspektiven

Mit Beiträgen von Jean-Françoise Collange, Joël Dautheville, Bernhard Dinkelacker, Martin Friedrich, Anne Heitmann, David N. A. Kpobi, Susanne Labsch, Charlotte Methuen, Barbara Rudolph und Yan Suarsana

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT

Leipzig

Johannes Ehmann, Dr. theol., Jahrgang 1958, studierte in Berlin, Jerusalem, Göttingen, Tübingen und Heidelberg. Er ist apl. Professor an der Universität Heidelberg, wo er neuere und territoriale Kirchengeschichte lehrt. Er ist u. a. Mitglied in der Lutherakademie Sondershausen-Ratzeburg, der Luthergesellschaft, dem Verein für Reformationsgeschichte und der Gesellschaft für evangelische Theologie. Ehmann ist Vorsitzender des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden. 2006 erhielt er den Lutherpreis.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Satz: 3W+P, Rimpar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-374-06166-2

www.eva-leipzig.de

»… keine der beeden Parthien sehe ihre alte Lehrsäze und Kircheneinrichtungen für durchaus tadellos an, und wolle mithin nicht die Union mit der Andern unter der Form eines Uebertritts der Letzteren zu sich zu Stand bringen. Dieses würde von Unverstand oder von übelem Willen zeugen.« (Friedrich Brauer, 1803)*

»Über die Union sprechen heißt ein sehr heißes Eisen anrühren oder in ein Wespennest greifen. Beides soll nicht angenehm sein! …Es ist ja so mit der Frage der Union, daß man immer wieder, wenn man darüber nachdenkt, glauben möchte, man habe es mit einer Quadratur des Zirkels zu tun. Wenn man es den einen recht macht, so notwendig den anderen nicht, und wenn man die eine notwendige Seite der Wahrheit sehen will, verliert man die andere aus dem Auge.« (Karl Barth, 1935)**

Vorwort

Vor wenigen Jahren berichtete der ehemalige badische Landesbischof und Ratsvorsitzende Klaus Engelhardt von einem Besuch einer EKD-Delegation im Vatikan aus dem Jahre 1994, bei der es auch zu einer ganz persönlichen Aussprache zwischen Ratsvorsitzendem und Papst gekommen war: »Beim Abschied sagte der Papst: ›Grüßen Sie die Lutheraner in Deutschland!‹ Ich dankte für die Grüße und fügte hinzu, dass es in Deutschland neben den Lutheranern auch Reformierte und Unierte gebe. Darauf meinte der Papst: ›Das verstehe ich nicht.‹ Manchmal machen wir es mit unseren evangelischen Kirchentümern den ökumenischen Partnern schwer, uns zu verstehen.«***

Die kleine Anekdote beleuchtet die verschiedenen Ebenen der Fragen, die im vorliegenden Buch erörtert werden sollen. Zum einen ist es ja keineswegs nur einem Papst »anzulasten«, dass ihm Geschichte und Wesen der protestantischen Union(en) verborgen geblieben sind, sondern ist zum andern festzustellen, dass (bei weitgehender Unkenntnis und oft mit ausschließlichem Blick auf die Preußische Union) die Union auch im deutschen Protestantismus wenn nicht ein schlechtes, so doch ein schwaches Image hat – nicht zuletzt in den Unionskirchen selbst. Woran das liegen mag, ob nun an wiederum durchaus ernst zu nehmenden Vorbehalten gegenüber den liberalen und die reformatorischen Bekenntnisse »relativierenden« Tendenzen der Unionskirchen (was immerhin zu prüfen wäre **** ) oder auch an der Prägekraft Luthers als der immer noch volkstümlichsten Gestalt des Protestantismus, hinter die vermittelnde Theologen wie Martin Bucer oder Philipp Melanchthon zurücktreten, steht einstweilen dahin.

Im Folgenden soll es jedenfalls darum gehen, allen (um die Formulierung Engelhardts aufzugreifen), die sich mit dem evangelischen Kirchentum der Union schwer tun, einen historischen und theologischen Zugang zu ermöglichen. Ich bin mir freilich darüber im Klaren, dass dazu in erster Linie auch die Geschwister im Amt gehören, denen Historisches oft nur als Abständiges und (so schnell wie möglich auch) Abzuschüttelndes vor Augen tritt.

Klage oder gar Schelte helfen hier nicht. Doch stehen wir in der Evangelischen Kirche nicht nur in Licht und Schatten des zurückliegenden 500. Reformationsjubiläums, sondern auch (partikular wie plural) »in« den verschiedenen 200-jährigen Unionsjubiläen und damit auch auf den Geburtstagen zahlreicher Landeskirchen, von denen unten gehandelt werden soll. Vielleicht gerät das Thema Union dann doch ins Blickfeld des Interesses und wird vielleicht sogar deutlich, dass der Blick allein auf die eigene lutherische bzw. reformierte oder nur eigene unierte Kirche dem Wesen einer, »der« Union nicht gerecht wird, sondern übergreifende bekenntnistheologische und ökumenische Programmatiken umfasst oder zumindest umfassen kann.

Dieser Überzeugung ist auch der Aufriss dieses Bandes geschuldet, der nicht nur in historischer Perspektive Unionskirchen und -theologen beschreibt, sondern – ganz vorläufig und exemplarisch – Kooperationsformen anderer Kirchen aus anderen Teilen Europas und der Welt in den Blick nimmt. Am Ende stehen Erwägungen zu Begriff und Programmatik der Union im ökumenischen Kontext.

Nach den Überblicks- bzw. Überleitungsteilen A – C, für die der Herausgeber verantwortlich ist, werden entsprechend in Teil D Einzelpräsentationen von Fachleuten geboten, für deren Mitarbeit an dieser Stelle sehr herzlich gedankt werden soll.

Persönliche Widrigkeiten und ungünstige Umstände haben ein früheres Erscheinen dieses Bandes verhindert, der seit Jahren in Planung und auch vor Jahren schon abgeschlossen war. Dass er nun außerhalb der ursprünglich geplanten Reihe quasi als Monographie erscheinen kann, verdanke ich meiner Kirche, der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Gewidmet sei das Buch meinem Sohn Thore.

Heidelberg, am Reformationstag 2018

Johannes Ehmann

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

AGeschichte

1.Kirchenfriede (Irenik) – Konkordie – Union

1.1.Das Zeitalter des Konfessionalismus

1.2.Reformierte Irenik

1.3.Lutherische Irenik

1.4.Konkretionen

1.4.1.Lehrdissens und Kirchengemeinschaft – das Kasseler Gespräch 1661

1.4.2.Lehrdissens und Kirchenstreit – das Berliner Religionsgespräch 1662/63 und die Folgen

1.4.3.Union und Geheimdiplomatie – ein hannoversch-brandenburgisches Unionsprojekt

1.4.4.Kurpfalz: Union und territoriale Integration

2.Die preußische Union (bis 1850)

2.1.Unionsaufruf eines Königs

2.2.Die Ausgestaltung der Union (Union und Kirchenverfassung 1)

2.3.Preußisches Rheinland und Westfalen (Union und Kirchenverfassung 2)

3.Die südwest- und mitteldeutschen Unionen

3.1.Die hessischen Unionen: Kurhessen – Nassau – Rheinhessen – Waldeck

3.2.Pfalz

3.3.Baden

a)Frühe Integrationsphase (1797–1803/04)

b)Späte Integrationsphase (1803–1807)

c)Konstitutionelle Integrationsphase (1815 bis 1821)

d)Lehrbuch und Bekenntnisstand

e)Der Streit um die verfasste Kirche

f)Die Klärung des Bekenntnisstandes 1855

3.4.Anhalt

4.APU – EKU – AK – UEK

a)APU – Altpreußische Union

b)EKU – Evangelische Kirche der Union

c)AK(f) – Arnoldshainer Konferenz

d)UEK – Union Evangelischer Kirchen

e)Schlussbemerkung

5.Zusammenfassung

BTheologie

1.Vermittlungstheologen

1.1.Friedrich Heinrich Christian Schwarz (1766–1837)

1.2.Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834)

1.3.Carl Immanuel Nitzsch (1787–1868)

1.4.Carl Ullmann (1796–1865)

1.5.Karl Friedrich Gaupp (1797–1863)

1.6.Julius Müller (1801–1878)

1.7.Johann Heinrich August Ebrard (1818–1888)

1.8.Heinrich Heppe (1820–1879)

1.9.Willibald Beyschlag (1823–1900)

1.10.Zusammenfassung

2.»Positive Union« (Union und Bekenntnis 1)

3.Lutherisch-konfessionelle Separationen (Union und Bekenntnis 2)

3.1.Preußen

3.2.Baden

3.3.Hessen

4.Unionskatechismen (Union und Bekenntnis 3)

5.Liberalismus und Union – das Beispiel Daniel Schenkel

6.Die Problematisierung der Union im Kirchenkampf am Beispiel Preußens (Union und Bekenntnis 4)

7.Arnoldshainer Thesen (1957) und Leuenberger Konkordie (1973) – Unionsdokumente?

7.1.Die Arnoldshainer Abendmahlsthesen

7.2.Die Leuenberger Konkordie

8.Zusammenfassung und Ausblick

8.1.Unionstheologie und Unionstheologen

8.2.Union und Bekenntnis

8.3.Union heute – eine subjektive Wahrnehmung

CGeographische Verbreitung (Überleitung)

1.Eine deutsche Auswanderungskirche und Union

2.Außereuropäische Formierungen

DHeutige Situation

1.Afrika: Einheit in Vielfalt? – Eine gescheiterte Kirchenunion und die Suche nach konziliaren Wegen ökumenischer Gemeinschaft in Ghanavon David N. A. Kpobi und Bernhard Dinkelaker

1.1.Zur Kirchengeschichte Ghanas

1.2.Bestrebungen ökumenischer Zusammenarbeit in Ghana bis 1979

1.3.Der gescheiterte Versuch einer Kirchenunion in Ghana

1.4.Rückschläge

1.5.Entwicklungen ökumenischer Beziehungen seit dem Scheitern der Kirchenunion

2.Amerika: Die United Church of Christ (UCC) in den Vereinigten Staaten von Amerikavon Barbara Rudolph

2.1.Grundlagen des Selbstverständnisses: Logo, Basis of Union, Präambel und Statement of Faith

2.2.Wurzeln der United Church of Christ (UCC)

2.2.1.Congregational Churches

2.2.2.Christian Churches

2.2.3.Reformed Church

2.2.4.Evangelical Church

2.2.5.Theologische und ekklesiologische Ambivalenzen

2.3.Vorläufer-Unionen

2.3.1.Congregational Christian Churches (CCC)

2.3.2.Evangelical and Reformed Church (E&R)

2.4.United Church of Christ (UCC)

2.5.Unionsverständnis

2.6.Struktur der UCC

2.6.1.»Covenantal Structure« – Bündnisstrukur

2.6.2.Organe

2.6.3.Publikationen

2.6.4.Bildungseinrichtungen und Diakonische Arbeit

2.7.Ökumenische Beziehungen

3.Asien: The Church of South India und die Unionsbestrebungen im indischen Protestantismusvon Yan Suarsana

3.1.Das Christentum in Indien

3.2.Das Streben nach Einheit im indischen Protestantismus

3.3.Die lange Weg zur Gründung der Church of South India

3.4.Die Verfassung der Church of South India

3.5.Weitere Entwicklungen

4.Europa

4.1.Frankreich

4.1.1.Die Lutheraner in der Église protestante unie de France. Die Union der Église réformée de France und der Église évangélique luthérienne de France (außerhalb von Elsass-Lothringen)von Joël Dautheville

Die lutherische Minderheit

Die Situation einer unierten lutherischen und reformierten Region

4.1.2.Die Union der Églises protestantes d’Alsace et de Lorraine (UEPAL)von Jean-Francoise Collange

Die Anfänge

Vorbereitung der Union

Von 2000 bis 2006

Gegenwart und Zukunft

Botschaft der Kirchenpräsidenten vom 7. Mai 2006

4.2.Italienvon Susanne Labsch

Die Waldenserkirche – eine bekenntnisfreudige Minderheit

4.3.UK – Schottland 1929: Die schottische Union 1929von Charlotte Methuen

4.3.1.Einleitung

4.3.2.Kirchenspaltung im 18. Jahrhundert

4.3.3.Die »Disruption« von 1843

4.3.4.Spaltungen und Unionen

4.3.5.Die Union von 1929

4.3.6.Fazit

4.4.Schwedenvon Martin Friedrich

Equmeniakyrkan — Eine Unionskirche in Schweden

4.4.1.Die Akteure

4.4.2.Die Bewährungsproben: Kirchenverfassung und Taufpraxis

4.4.3.Der ökumenische Anspruch

5.Von den Unionskirchen zu sich vereinigenden Kirchenvon Anne Heitmann

5.1.Hintergrund der Konsultation

5.2.Kontext der Konsultation

5.3.Zum Verlauf der Konsultation

5.4.Ergebnisse der Konsultation und Perspektiven für den deutschen Kontext

ELiteratur (Auswahl, insb. zu den Teilen A und B)

Personenregister

Autorinnen und Autoren dieses Bandes

AGeschichte

1. Kirchenfriede (Irenik) – Konkordie – Union

Unter Union soll im Folgenden verstanden werden1 die vertragsweise, sanktionierte und rezipierte Vereinbarung bekenntnisverschiedener protestantischer Kirchen zum Zweck einer Kirchbildung. Die Problemstellung umfasst dabei sowohl die Lehre (Bekenntnis) wie auch die Frage der Kirchenverfassung. Zu beidem sind Riten und Gottesdienstordnungen ebenso zu zählen wie die spezifischen Unionskatechismen des 19. und (teils) 20. Jahrhunderts.

Die vorgetragene Definition ist weitreichend, sie beschreibt damit zugleich den Horizont, vor dem eine kurzgefasste Darstellung der Unionskirchen im Rahmen einer Kirchenkunde allein möglich ist. Weder geht es im Folgenden um die Darstellung der Religionsgespräche,2 sei es (nach heutigem Verständnis) interkonfessionell oder ökumenisch (etwa evangelisch-katholisch oder evangelisch-orthodox), noch allgemein um die Vor- oder Frühgeschichte der ökumenischen Bewegung, auch nicht um eine Geschichte der kirchlichen Unionsversuche.3 In historischer Perspektive bedeutet dies: Gegenstand sind nicht die Reichsreligionsgespräche des 16. Jahrhunderts und auch nicht die Initiativen einzelner Theologen oder Fürsten im 17. oder 18. Jahrhundert. Auf letztere kann nur im Rahmen einer »Vorgeschichte« hingewiesen werden. Freilich muss hinsichtlich der im Weiteren auch zitierten Literatur berücksichtigt werden, dass Charakterisierungen wie Union, Irenik oder Konkordie oft vice versa Gebrauch finden.

Unionskirchen (nach dieser Definition) entstehen in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Folge der Neuordnung des Reiches durch den Wiener Kongress (1814/15). Eben darin unterscheiden sich die Kirchbildungen der Union kategorial von den Gründungsgeschichten der »jungen« Unionskirchen, deren Ursprünge in Missionskirchen zu suchen sind (Asien, Afrika), wie auch von Unionskirchen in Amerika.

Letzteres wird am gegebenen Ort dargestellt werden.4 Nichtsdestotrotz ist es sinnvoll, Trennungs- und Einigungsmomente in der (deutschen bzw. europäischen) Kirchengeschichte vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zumindest anzudeuten und die Marksteine zu benennen. Recht, Pflicht und auch Problematik eines solchen Vorgehens sind gut zu erfassen in den Ausführungen John Webster Grants zum Thema: »Obwohl sich die Kirchenunionen weithin nicht nur in Einzelheiten, sondern auch in der allgemeinen Ausrichtung unterschieden, ist ihnen fast allen ein Merkmal gemeinsam: Ihre Verfechter haben sie nie als beziehungsloses Gebilde verstanden, sondern als Stufen auf dem Wege einer noch umfassenderen Einheit. Jedesmal, wenn eine solche Union zustande gekommen war, zeichneten sich ihre Gründungsfeiern durch Reden aus, die auf ein noch entfernteres Ziel hinwiesen. Wenn auch den unierten Kirchen viele charakteristische Merkmale eine Denomination oder Konfession fehlen und sie auch nie als solche betrachtet werden wollten, so wissen sie doch um ihre Verwandtschaft untereinander, die sich auf eine[] gemeinsame[] Sicht der endgültigen Bestimmung der christlichen Kirche gründet.«5 Damit ist zu Recht der Zusammenhang von Union und Ökumene benannt. Dennoch wären die Unionen damit unterbestimmt, dass sie nur »nach vorne« geblickt hätten. Zumindest für die deutschen Unionen wird man behaupten dürfen, dass sie – mag man ihr Bekenntnisverständnis teilen oder nicht – in gleicher Weise insofern notwendig auch »rückwärts« blickten, als sie versuchten, innerevangelische Trennungen der Vergangenheit konstruktiv zu überwinden; d. h. ehemals Kirchentrennendes liegen zu lassen oder zu relativieren (bspw. die reformierte Prädestinationslehre) und ggf. auch im Bekenntnis zu bewältigen (Abendmahl).

Damit nicht genug: Nicht nur sollten neue verbindende Formulierungen alte und trennende überwinden, sondern – ein nicht zu unterschätzender Anspruch! – darüber hinaus zum Ausdruck bringen, dass ursprünglich Gemeintes, das sich trennend ausgewirkt hatte, im nun gemeinsam Ausgesagten und Aussagbaren erst zu seinem Ziel gekommen war. Dass sich im Geiste der Spätaufklärung und des theologischen Liberalismus, aber auch der Vermittlungstheologie bezüglich der Union eine Zielbestimmung der Reformation formierte, muss zumindest als Anspruch ernst genommen werden. Bis in die jüngere Vergangenheit hinein wird dabei (unter Zurückstellung der historisch-politischen Faktoren der Unionsbildung) die Geschichte der deutschen Unionskirchen als Durchbruch zur Reformation und damit zur Bibel und wiederum damit als Weg zur Einheit der Kirche verstanden.6 Ein solches Verständnis dürfte sich freilich eher einer (legitimen) ökumenischen Programmatik verdanken als dem historischen Befund zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Einzelfragen, die im internationalen Kontext zu bedenken sind, waren naturgemäß ganz andere. Grant (ebd.) verweist auf die unterschiedlichen Sachebenen, die mit den Grundüberzeugungen der an einer Union beteiligten Kirchen zu beschreiten waren: Kirchenverfassung (reformiert-methodistisch), Gemeindeprinzip (kongregationalistisch), Amt (anglikanisch), vor allem aber Abendmahl (reformiert-lutherisch). Es wäre aber ein Missverständnis, wenn man annähme, dass im deutschen Kontext nur um ein gemeinsames Abendmahlsverständnis in der Union gerungen worden sei. Als Kindern des 19. Jahrhunderts stellte sich jeder Unionsbildung keineswegs nur die Abendmahlsfrage als wesentlich für die Kircheneinheit zu Beginn, sondern eben auch Verfassungsfragen bis zur Ausbildung des Gemeindeprinzips in der Mitte des Jahrhunderts. Die Unionen – das sei zunächst als Hypothese hier formuliert – waren selbst dynamisch. Sie blieben nicht etwa stehen bei einem defizitären Bekenntnis(begriff) der Spätaufklärung, sondern entwickelten (auch unter dem Einfluss der Erweckung) das Programm einer bekenntnisorientierten (»positiven«) Union. Freilich wurde dieses im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts von einer schon angedeuteten Nähe von Union und Liberalismus abgelöst, die das Verhältnis konservativ-lutherischer Kirchen zur Union, aber auch von Gruppen und Bewegungen in der Union als quasi »bekenntnisschwachem« Raum belastet hat – mit Fernwirkungen bis in den Kirchenkampf des 20. Jahrhunderts.

Die folgende in Konzentration auf die Kirchengeschichte Deutschlands gebotene historische Übersicht7 – die Lehrfragen sind dem Teil B vorbehalten – setzt entsprechend ein mit der Krise des Protestantismus seit dem Wormser Religionsgespräch von 1557 und skizziert die konfessionelle Konsolidierung des Luthertums wie die reichsrechtlich bestrittene des (deutschen) Reformiertentums bis zur Mitte der 1580er Jahre (1.1.).

In den folgenden Abschnitten (1.2. und 1.3.) werden die Grundzüge der reformierten bzw. lutherischen Irenik bis zum 17. Jahrhundert benannt. Es folgen Hinweise auf konkordistisch-unionistische8 Konkretionen (1.4.).

Teil 2 umfasst die preußischen Unionen im Gebiet der preußischen Kirche (einschließlich der Rheinprovinzen).

Der dritte Teil (3.) soll die südwestdeutschen Unionen in ihrer spezifischen Prägung veranschaulichen.

1.1. Das Zeitalter des Konfessionalismus

Die im Wormser Religionsgespräch (1557)9 zu Tage tretende Uneinigkeit des Protestantismus führte zu einem doppelten Ergebnis: Zum einen profilierte sich mit dem Weimarer Konfutationsbuch (1559) ein sich dem Erbe Luthers in besonderer Weise verpflichtetes Luthertum sächsisch-weimarischer Prägung, dessen Zielrichtung einer Wahrung der Einheit der Kirche mittels klarer Lehraussagen und expliziter Verwerfung der Gegenlehren sich auch niedersächsische und Hamburger Theologen anschlossen. Zum andern prägten insbesondere Melanchthon und die Wittenberger Theologen eine vermittelnde Lehrauffassung, wie sie v. a. im Frankfurter Rezess 1558 zum Ausdruck kam.10 Dass die Anerkennung des Rezesses und seine Fortführung bei Naumburger Fürstentag 1561 scheiterten, war in den seit Luthers Tod (1546) sich immer weiter und schärfer kontrastierenden Lehrunterschieden hinsichtlich der Lehrfragen zur Rechtfertigung, zum Abendmahl und seit den 1550er Jahren auch zur Christologie begründet.11

Philippistische Anschauungen zum Abendmahl erwiesen sich insofern problematisch, als – wie der Bremer und vor allem der Heidelberger Abendmahlsstreit (1559 f) zeigen – Anhänger Melanchthons eine offene Flanke zum Reformiertentum aufwiesen. Als Beispiele können der Bremer (dann dort entlassene) Theologe Albrecht Hardenberg ebenso dienen, wie die reformierte Interpretation des Heidelberger Abendmahlsgutachtens Melanchthons (1559), das für den Übergang der Kurpfalz zum Reformiertentum eine katalytische Wirkung entfaltete. Hinter dieser Entwicklung stand, insbesondere in der Lehre vom Abendmahl, eine Interpretationsgeschichte der CA, die deren Überarbeitung im Geist der Wittenberger Konkordie von 1536 (CA variata 1540), der »Wiederholung« der CA in der Confessio Saxonica (1551) durch Melanchthon integrierte und (deshalb ist sie hier zu nennen) auch für die zu Beginn des 19. Jahrhunderts allein noch zwischen Luthertum und Reformiertentum strittige Frage eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte.12

Die mit der Konkordienformel (FC 1577) und dem Konkordienbuch (1580) vollzogene Konsolidierung des Luthertums schied die radikalen Formen des Luthertums (Erbsündenlehre des Matthias Flacius) wie den Philippismus aus, vor allem aber verwarf sie das reichsrechtlich (Augsburger Friede 1555) nicht gesicherte Reformiertentum.

Damit war die Grundlage der interkonfessionellen Polemik einerseits verfestigt, andererseits – am Gedanken der Kirchen- und Lehreinheit hielten ja im Prinzip beide Konfessionen fest – auch der Wille zur Verständigung (Irenik) geboren. Zu beachten ist, dass Polemik und Irenik nicht voneinander zu trennen sind. Jegliche Irenik war neben dem Wunsch nach Verständigung geprägt vom Willen zur Überzeugung der jeweils anderen Konfession. Der für die eigene »Partei«, die Einheit der Kirche verbürgende, bestimmende Lehrgehalt wurde somit als Voraussetzung der freilich als notwendig erachteten Verständigung benannt. Entsprechend schmal war der eigentliche Verständigungsraum oder es wurden religionspolitische Motive wie die Einheit der Protestanten im Reich oder auch gegen den Einfluss der römischen Kirche wirksam.

Nur exemplarisch können wenige Vertreter des Reformierten- bzw. des Luthertums benannt werden.

1.2. Reformierte Irenik13

Dass die reformierte Irenik zunächst als kurpfälzisches Phänomen in Erscheinung tritt, dürfte auf die religionsrechtlich prekäre Lage des pfälzischen Reformiertentums zurückzuführen sein. Nach dem Übergang der Kurpfalz zum Reformiertentum (1563) reißen Angriffe v. a. aus Württemberg, der offensiven Kraft des auf die Konkordienformel abzielenden Luthertums nicht ab. Die Folge ist eine umfassende pfälzische Apologetik hinsichtlich des eigenen konfessionellen Weges – zugleich verbunden mit der Suche nach einer innerprotestantischen Verständigung.

Zu nennen ist zunächst Zacharias Ursinus (1534–83), Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus, der 1581 seine Admonitio christiana14 vorlegte, in der er (auf der Basis einer protestantischen Gesamtvertretung/Synode) die Hoffnung auf einen Ausgleich bzw. auf ein Ende der Verurteilung der Reformierten zum Ausdruck brachte. Ursinus’ Werk richtete sich damit direkt gegen Theologie und Verfahren des Konkordienluthertums, einer bekenntnismäßigen Abschottung der Lutheraner.

Zu nennen sind weiterhin Franciscus Junius d.Ä. (1545–1602)15 und David Pareus (1548–1622)16. »Dringen die pfälzischen Schriften darauf, eine innerprotestantische Vereinigung zustandezubringen, so beschreitet Franciscus Junius einen weiterführenden Weg, wenn er sich in seinem Eirenicum des pace ecclesiae catholicae, das 1593 lateinisch und französisch in Leiden erscheint, direkt auch an die Anhänger der römisch-katholischen Kirche wendet. Schon 1566 hat Junius im Vorfeld der Verhandlungen des Reichstags von Augsburg in seiner Schrift Ein kurtz christliches Bedencken das friedliche Zusammenleben zweier Bekenntnisse in einem Staatengebilde gefordert und begründet.«17

Der bekanntere und wirksamere Ireniker ist freilich Pareus. 1614 erschien das die Admonitio des Ursinus weiterführende Irenicum sive unione et synodo evangelicorum concilianda liber votivus paci ecclesiae & Desideriis pacificorum dictatus, das als Hauptwerk der Irenicum- bzw. der (späteren) »Kirchfried«-Literatur gelten kann. Pareus denkt nicht allein in den Kategorien von Einheit (der Kirche) und Wahrheit (der Lehre), sondern begründet Kommunikation durch die weiteren Elemente des Friedens und der Gemeinschaft.

Schließlich ist der Heidelberger Hofprediger Bartholomäus Pitiscus (1561 – 1613) mit seiner Trewhertzige(n) Vermahnung der Pfälzischen Kirchen (1606) zu erwähnen. Gerade angesichts des möglichen Missverstehens des Begriffs »Irenik« ist der Hinweis wichtig, dass hinsichtlich eines religiösen Gesamtausgleichs, die Irenik insgesamt antikatholisch ausgerichtet bleibt. Theologiegeschichtlich bildet sich der bezüglich der innerprotestantischen Auseinandersetzungen der Kontroverskanon Abendmahl und Realpräsenz, (daraus entspringend) Christologie und Ubiquität sowie die (durch Theodor Beza gegenüber Calvin verschärfte) Prädestinationslehre heraus. Das irenische Moment scheint allein fassbar im anhaltenden Willen zu weiterer Verständigung, dann theologisch in der allmählich erkennbaren, aber kaum explizierten Unterscheidung von Fundamentalartikeln und Einzelfragen, welche die kirchliche Einheit nicht untergraben18 – eine Hermeneutik, die bis heute in der Unterscheidung von Kircheneinheit und Kirchengemeinschaft und der jeweils nötigen Lehrgrundlagen fortlebt und im Verhältnis zur katholischen Kirche durchaus umstritten bleibt.

1.3. Lutherische Irenik

Die lutherische Konfessionalisierung hat sich der reformierten Lehrbildung verschlossen, auch im Zuge der Bekämpfung des philippistischen (sich also auf Philipp Melanchthon berufenden) sog. Kryptokalvinismus (1560/70er Jahre)19, und die ursprünglich ganz philippistisch bestimmte Ausbildung von corpora doctrinae (seit 1560) zurückgedrängt.

Die für lutherische Theologen nicht hintergehbare FC hat die Ausbildung einer lutherischen Irenik erschwert, aber nicht verunmöglicht. Bereits kurz nach Druck des Konkordienbuchs (1580) richtete der Tübinger Theologe Lucas Osiander (1534–1603)20 eine lateinische und umgehend ins Deutsche übersetzte Apologie der FC und Werbeschrift an die westeuropäischen Reformierten (Frankreich, Niederlande) – die Pia et fidelis admonitio (1580). »Ziel war weniger deren Beitritt zum Konkordienwerk, als vielmehr überhaupt die Herstellung eines übergreifenden Konsenses in jenen Punkten theologischer Lehre, die als kontrovers galten oder zumindest den Anschein dazu gaben.«21

Osianders Vorstoß war kein Erfolg beschieden. Sein Verzicht auf persönliche Polemik war substantiell zu wenig, um als vertrauensbildende Maßnahme ernst genommen zu werden. Im Gegenteil wurde seine Admonitio von reformierter Seite als Täuschungsmanöver wahrgenommen. Die klare (aus reformierter Sicht: einseitige) Orientierung Osianders an einer reformatorischen Theologie Wittenberger Provenienz und die religionsrechtlich fundamental unterschiedene Position des westdeutschen Protestantismus waren nicht mehr kompatibel: »Man sah Osiander – auch wenn seine Admonitio eine andere Sprache sprach – mehr in der Nähe derer, die zur Verfolgung der ausländischen Kirchen beitrugen als ihnen gegen ihre Bedrücker beizustehen. Das in blutigen Verfolgungen ertragene Martyrium galt den reformierten Kirchen als unwiderlegbares Zeugnis für die Rechtmäßigkeit ihres Glaubens und ließ alle Konsensbemühungen als unberechtigte Anfragen an eine Theologie erscheinen, für die man immer wieder Leib und Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Martyrium einerseits und das innerprotestantische Ringen um das Wittenberger theologische Erbe andererseits hatten zu festen, bis in lebenskulturelle Zusammenhänge hineinragende Profilbildungen geführt, die die Zeitgenossen offensichtlich unterschätzten, die de facto aber nicht mehr aufzusprengen waren.«22

Ebenfalls in Tübingen lehrte Johann Georg Sigwart (1554–1618). Mit dessen, schon an der Schwelle zum Dreißigjährigen Krieg verfassten Admonitio Christiana (1616) – eine stark verkürzte deutsche Fassung erschien 1618 – liegt zwar alles andere als ein irenisches Werk vor, dennoch gehört es zur Geschichte der Irenik. Sigwarts Admonitio23 war direkt gegen das Irenicum des Pareus (1614) gerichtet und versuchte, dessen Beispiele gelungener (Teil‐)Verständigung zu destruieren. »Während Pareus auf dogmatischer Lehrebene den Konsens zwischen Lutheranern und Calvinisten hinsichtlich der heilsnotwendigen Glaubensartikel und des fundamentum fidei vertritt und hieraus sein Votum für eine mutua concordia et fraternitas ableitet, betont Sigwart den vorherrschenden dogmatischen Dissens. […] Ausgehend hiervon werden historische Stationen abgeschritten, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des Reiches für Pareus exemplarisch Möglichkeit und Perspektive eines innerprotestantischen Ausgleichs definieren. Neben dem Marburger Religionsgespräch (1529) und der Wittenberger Konkordie (1536) werden ferner der Konsens von Sendomir in Polen (1570) und die Einigung der Protestanten in Böhmen genannt. Darüber hinaus wird der Aspekt einer unio civilis – einer politischen Union – der Fürsten und Stände im Reich erwogen.«24 Was freilich Pareus als Stationen möglicher Annäherung versteht, wird von Sigwart sukzessive und gegenteilig als wahrer Lehre widersprechender Scheinkonsens »entlarvt«.25

Sigwarts Position beschreibt somit nicht nur einen scheinbar vorläufigen Endpunkt lutherischer Irenik, sondern führt mittelbar in die Verständigungsversuche im und nach dem Dreißigjährigen Krieg, indem nun die Frage nach einem politischen Bündnis bzw. der explizit politischen Bedingungen einer Union26 unter Zurückstellung eines Lehrkonsenses zum Problem wird.27 Auch führt Sigwarts Vorwurf des »Synkretismus« an verständigungswillige Lutheraner direkt zum ersten wirkmächtigen irenischen Ansatz des Lutheraners Calixt (s. u.) und dessen Perhorreszierung als »synkretistische« Theologie.28

Der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges verstärkte den Einigungsdruck unter den Protestanten, insbesondere nach dem Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. (1629). Das lutherische Kursachsen, das dem protestantischen Militärbündnis ferngeblieben war, suchte im Mai 1631 in Leipzig das Gespräch mit gemäßigten reformierten Theologen aus Hessen-Kassel und Kurbrandenburg. Gemessen an bisheriger Polemik verliefen die Gespräche konstruktiv; die Reformierten zeigten sich gar bereit, den Abendmahlsartikel (10) der CA von 1530 zu akzeptieren.29 Zu einer nachhaltigen Verständigung kam es freilich nicht.

Die irenische Hauptfigur im deutschen Luthertum ist der an der Universität Helmstedt wirkende Georg Calixt (1586–1656).30 Die Befehdung seiner stark an Melanchthon ausgerichteten Theologie insbesondere durch die Wittenberger Orthodoxie31 kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Calixt sich als lutherischer Theologe verstand, der auf Melanchthons ekklesiologischen Traditionalismus der Zeugenschaft der Kirchenväter zurückgriff. Calixt erkannte auf eine Verständigung bzw. Kriterium einer solchen im sog. Consensus quinquesaecularis als gemeinsames und kritisches Erbe der einen katholischen Kirche und war somit durchaus kritisch gegenüber dem römischen Katholizismus eingestellt. Auf Bitte des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm nahm Calixt am Thorner Religionsgespräch 164532 teil, wurde freilich von den lutherischen Kolloquenten nicht als einer der ihren akzeptiert. Seine Theologie galt als »synkretistisch«. Dennoch bildete sich mit Calixt und seinen Schülern nunmehr ein explizit irenischer Flügel aus.

1.4. Konkretionen

Die geistesgeschichtlichen Veränderungen nach dem Westfälischen Frieden (1648) – er trug den Reformierten die reichsrechtliche Anerkennung ein – durch Pietismus33 und Aufklärung hinsichtlich der Bekenntnisbindung im Protestantismus sind hier nicht zu schildern; auch nicht die (gescheiterten) Einzelinitiativen bedeutender Vertreter der Irenik wie Christoph Matthäus Pfaff (1686–1716; s. u.) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716).34 Hinzuweisen ist nur auf die begrifflich aufschlussreichen Transformationen von Glaube zu Religion und von (Konfessions‐)Kirche zu Religionsparthey. Unter Religion war zweifellos »mehr« fassbar als unter der bekenntnisgebundenen (Partikular‐)Kirche.

Im Blick auf die Unionen (nach unserer eingangs formulierten Definition) sind als Vorgeschichte lediglich Stationen in den Blick zu nehmen, welche die späteren Unionsbildungen angelegen.

1.4.1. Lehrdissens und Kirchengemeinschaft – das Kasseler Gespräch 1661

Das auf Initiative des reformierten Landgrafen Wilhelm VI. einberufene Gespräch zwischen Marburger reformierten und Rinteler lutherischen, von Calixt geprägten Theologen erhält seine Bedeutung in der Feststellung (und nicht Überspielung) wirklicher Lehrunterschiede bei gleichzeitiger Verneinung des kirchentrennenden Charakters. Die Initiative scheiterte an der massiven Kritik des Luthertums. Als Folge wurde auch (1665) die Universität Rinteln dem Reformiertentum zugeführt.35

1.4.2. Lehrdissens und Kirchenstreit – das Berliner Religionsgespräch 1662/63 und die Folgen

Angeregt von der Kasseler Initiative und zweifellos auch zum Ausgleich des (seit 1613) reformierten Hofes mit der lutherischen Mehrheit in der Bevölkerung berief Kurfürst Friedrich Wilhelm 1662 ein Religionsgespräch ein,36 an dem neben reformierten Hoftheologen Vertreter der lutherischen Wittenberger Orthodoxie beteiligt waren. Die Gespräche scheiterten. In der Folge verschärfte sich gar der Zwiespalt in der Frontstellung des landesherrlich verfügten Verbots der Kanzelpolemik (»Calumnierung«) und der Berufung auf die am lutherischen Bekenntnis orientierten freien Kanzelrede. Die Entlassung des Pfarrers an der Nikolaikirche, Paul Gerhardt, ist die bekannteste Folge des aus dem Gespräch erwachsenen Streits, der die Fronten zwischen Luthertum und Reformiertentum eher verschärfte als milderte. Festzuhalten ist auch die notorische Spannung zwischen obrigkeitlichem Ausgleich und dem Beharren auf kirchlicher Freiheit.

1.4.3. Union und Geheimdiplomatie – ein hannoversch-brandenburgisches Unionsprojekt

Integrationsförderung unter dem Eindruck von Pietismus und Aufklärung bildeten trotz und wegen des Scheiterns des Berliner Gesprächs die Leitlinie des zu skizzierenden Projektes an der Jahrhundertwende. Trotz des bisherigen Scheiterns hielt man an den Unionsbestrebungen fest, wegen des Scheiterns nahm man den Gesprächen die Öffentlichkeit.

Leibniz37 hatte sich nach dem Scheitern lutherisch-katholischer Gespräche – gemeinsam mit dem Calixtschüler Gerhard Molanus (1633–1722) – mit den katholischen Bischöfen Jacques Bossuet (1627–1704) und Christoph Rojas y Spinola (1626?–1695) verstärkt innerprotestantischen Gesprächen zugewandt. Hilfreich war ihm dabei ein höfisches »Netzwerk« aufgrund der in Aussicht stehenden englischen Thronfolge des hannoverschen (lutherischen) Kurfürsten Georg Ludwig sowie dessen Gattin Sophie, einer Schwester des unionistisch regen reformierten pfälzischen Kurfürsten Karl Ludwig (s. u.). Seit 1697 stand Leibniz in Kontakt zum reformierten Berliner Hof mit Kurfürst Friedrich III. (nachmals König Friedrich I.) und vor allem mit dessen aus dem Haus Hannover stammenden Gattin, der geistig höchst regsamen Sophie Charlotte. Die daraus erwachsenden Geheimgespräche führte Leibniz zunächst mit Ernst Jablonski (1660–1741; Enkel des Amos Comenius), seit 1703 tagte ein vertrauliches Collegium charitativum. »Unter dem Vorsitz des reformierten Bischofs Ursinus traten im Mai 1703 Jablonski und der reformierte Theologieprofessor Samuel Strimesius aus Frankfurt a. O. sowie für die Lutheraner der Cöllner Probst Franz Julius Lütkens und der Magdeburger geistliche Inspektor Johann Joseph Winckler zusammen.« Lütkens und Winckler waren Anhänger des in Berlin wirkenden Philipp Jakob Spener (1635–1705),38 der eine Beteiligung an den Gesprächen allerdings ablehnte. »Schon bald schied Lütkens unter Protest gegen den Verhandlungsmodus aus dem Kollegium aus. Winckler löste dagegen durch seinen Übereifer einen Eklat aus. Er händigte dem König ein knappes Manifest ein, worin er obrigkeitliche Zwangsmaßnahmen zur Durchsetzung der Union befürwortete.« Angeblich aus dem Arbeitszimmer des Königs entwendet, wurde das Manifest 1703 von Unionsgegnern unter dem Titel Arcanum regium an die Öffentlichkeit gebracht. Das Bekanntwerden des Projekts führte zu einem Sturm der Entrüstung. Haupt der Unionsgegner war der »letzte lutherisch Orthodoxe« Valentin Ernst Löscher (1674–1749).39 Trotz weiterer unionistischer Maßnahmen des Königs war auch dieses Projekt zum Scheitern verurteilt, wenngleich es bis in die reformierte Schweiz hinein Befürworter gefunden hatte. 1706 wurde Leibniz von der weiteren Propagierung des Projekts durch den hannoverschen Hof entbunden.

Nach dem Tode König Friedrich I. 1713 erlosch der Elan, wenngleich Jablonski 1717 eine Union in den Mittelpunkt seiner Programmschrift Unvorgreifliche Gedancken Von der zwischen beyden Protestirenden Kirchen zu stiftenden UNION mit unpartheischer Feder entworfen Von einem evangelisch Lutherschen Theologo stellte. Misstrauen unter den Lutheranern gegenüber den Reformierten – so Jablonski – hinderten das Unionsprojekt bisher wie auch die symbolischen (Bekenntnis‐)Schriften beider Kirchen. Dennoch sei eine Union möglich, da die Lehrunterschiede nicht das Wesen der reformatorischen Kirchen betreffe.40

Standen bereits Jablonskis Gedancken unter dem Eindruck des Reformationsjubiläums von 1717, so bot das Jubiläum den Anlass, von Seiten des Corpus Evangelicorum beim Regensburger Reichstag und unterstützt vor allem vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. zu einem umfassenden Unionsprojekt vorzustoßen (1717–1726). »Der führende Theologe wurde dabei der Tübinger Universitätsprofessor, Christoph Matthäus Pfaff, der die päpstliche, [ob ihrer Gnadenlehre verdächtigen] Jansenisten41 gerichtete Konstitution Unigenitus von 1713 als eine Herausforderung an die evangelische Christenheit empfand, die Grundwahrheit von der alleinseligmachenden Gnade neu zu bekennen…«.42 Pfaff versuchte, die »klassisch« ausgebildeten Lehrunterschiede Abendmahl, Christologie und Prädestination als semantische und philosophische Prägungen zu erweisen, die der Einigkeit in der Sache nicht im Wege stünden. Seine Vorschläge führten zu einem heftigen Schlagabtausch, der einstweilen noch mit dem Sieg der Unionsgegner, allen voran Ernst Salomon Cyprian (1673–1745) endete.43

1.4.4. Kurpfalz: Union und territoriale Integration44

Die Kurpfalz schließlich – dazu ist wieder Jahrzehnte zurückzublenden – verdient besonderes Interesse. Zum einen wurde sie aus der Rückschau des 19. Jahrhunderts nach ihrer Zerschlagung (1803) zum Mutterland gleich zweier Unionsbildungen (einerseits linksrheinische [Rhein‐]Pfalz bzw. bayerischer Rheinkreis und andererseits Baden [rechtsrheinische Kurpfalz]). Zum andern wird in der Kurpfalz des 17. Jahrhunderts die Rolle von Unionsversuchen als Teil allgemeiner Integration eines nach dem Dreißigjährigen Krieg am Boden liegenden Territoriums deutlich. Ferner liegt eine Besonderheit darin, dass Kurfürst Karl Ludwig (reg. 1648–1680) den religionspolitischen Ausgleich zunächst mit einem anderen, zudem dezidiert lutherischen Territorium, nämlich Württemberg suchte, das bis zum Dreißigjährigen Krieg der theologische Hauptgegner gewesen war.45 Zu berücksichtigen ist dazu wiederum zweierlei: Seit der zwischenzeitlichen Entsetzung der Kurpfalz durch Truppen Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg bestanden Garantien für lutherische Gemeinden im an sich reformierten Territorium, an denen der Sohn des »Winterkönigs« Friedrich V. nicht rüttelte. Außerdem ging nach dem Krieg die nötige »Peuplierung« der Pfalz mit einer Zunahme der religiösen Pluralität (Mennoniten) einher, die den Gedanken einer Zusammenfassung der Evangelischen bestärken konnte.

Drei Stufen der »Unions«-Politik Karl Ludwigs46 sind zu unterscheiden:

(1) Parallel zur Restituierung der reformierten Kirche erfolgten 1657/58 Gespräche zur Gestaltung einer förmlichen Konkordie mit dem lutherischen Württemberg auf der Basis der Wittenberger Konkordie von 1536. Die Gespräche scheiterten am Misstrauen in Stuttgart bzw. Tübingen.

(2) Karl Ludwig nahm die seit den 1660er Jahren ständige Bitte der Mannheimer Lutheraner um einen eigenen Gottesdienstraum in der größten Stadt der Kurpfalz auf und formte die Gewährung zugleich um in den Gedanken einer (doppelten) Eintrachtskirche,47 in der Lutheraner und Reformierte zwar getrennt, aber unter einem Dach Gottesdienst feiern sollten. Die Lehrunterschiede der Kirchen wurden nicht angetastet, die Gemeinden blieben selbständig. Von einer Union ist also nicht zu reden, allenfalls von einem »konkordanten« Miteinander der Protestanten bei der Grundsteinlegung 1677; zur Einweihung der Mannheimer Konkordienkirche48 (»Friedens-Christliche Eintrachtskirche«) 1680 wurden dann auch Katholiken eingeladen. Auch erschien eine gemeinsame Gottesdienstordnung. Wegweisend erscheinen heute die geplante wechselseitige Vertretung der reformierten und lutherischen Pfarrer wie auch der Vorschlag der gemeinsamen Bezeichnung der Pfälzer Protestanten als »Evangelische«.

(3) Es ist zum einen zu berücksichtigen, dass den Kurfürsten höchst private wie zugleich politische Integrationsgedanken bestimmten. 1677 war die zweite, lutherische Frau des Kurfürsten verstorben, die in der (dann gemeinsamen) Grablege bestattet werden sollte. Zum andern war insbesondere in den vorangegangen Jahren 1675/76 die Politik des Kurfürsten auch politisch (und vergeblich) auf eine dritte neutrale Zone im Südwesten des Reichs angesichts der expansiven Politik Frankreichs gerichtet.49 Man wird nicht fehl gehen, Parallelen der Neutralitätspolitik und eines obrigkeitlich gesteuerten religionspolitischen »dritten Wegs« (Konkordie) zu ziehen. In beidem ist Karl Ludwig gescheitert. Sein Nachfolger Karl II. führte die Mehrheitskonfession wieder einem entschlossenen Reformiertentum zu. Gleichwohl trug sowohl die Pfälzische Irenik des 16. wie auch der Mannheimer Konkordiengedanke des 17. Jahrhunderts zur Ausprägung einer Mentalität bei, die im Gefolge der Spätaufklärung am Ende des von repressiver Politik v.a. gegenüber den Reformierten seitens der nun katholischen Kurfürsten bestimmten 18. Jahrhunderts den Gedanken einer Union der Protestanten als wirklicher Kirchenvereinigung beflügeln konnte.50

2. Die preußische Union (bis 1850)51

Die Bedeutung der preußischen Union, weswegen ihre Skizzierung auch an den Beginn der Einzelbeschreibung steht, liegt in der konfessionellen und kirchenpolitischen Prägung der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs übergroßen Dominanz innerhalb der evangelischen (später so genannten Landes‐)Kirchen. Die Geschichte der preußischen Kirche nach der Niederlage Preußens 1806, die flächenmäßige Erweiterung nach dem Wiener Kongress (1815), theologische Polarisierungen im Vormärz, die begriffliche Wandlung zur Kirche der altpreußischen Union (APU 1866) und (nach dem Zweiten Weltkrieg unter Ausmerzung des Begriffs »preußisch«) zur Evangelischen Kirche der Union (EKU – noch dazu getrennt in Ost und West) umfasst nicht nur eine komplexe historische Entwicklung, sondern markiert Problemzonen, die hier (und in weiteren Abschnitten52) nur skizziert werden können.

2.1. Unionsaufruf eines Königs

Der Unionsaufruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. (reg. 1797 – 1840) vom 27. September 1817 ist nur verständlich als Höhepunkt einer selbstverstandenen Sendung des Monarchen auf dem Höhepunkt des wiedererstandenen Preußen. Der Aufruf lebte aus einem Geist des charismatischen Aufbruchs – verbunden mit stark emotional aufgeladenem Ritual hochkirchlicher Prägung. Kritisch gewendet: Das Unionsvorhaben des König war wenig durchdacht, der Versuch, alle theologischen Probleme der Vergangenheit im Handstreich per Kabinettsorder zu lösen und das kirchliche Leben durch eine Agende und ohne theologische Spitzfindigkeiten zu heben, naiv. Freilich darf die spätere Kritik nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aufruf zunächst in allen Landesteilen auf nahezu ungeteilte Zustimmung stieß. Dass im Vollzug einer Union – eine Zusammenfassung der landesherrlichen Kirchenadministration war schon im Rahmen der Stein/Hardenbergschen Reformen53 erfolgt – neue bzw. modifiziert teils die alten Fragen wieder durchbrechen würden, lag jenseits des Erwartungshorizonts des Königs. Konkret warf der Erlass einer Unionsagende doch (wie im 17. Jahrhundert) wieder die Frage der Freiheit der Kirche und die Reichweite des landesherrlichen Kirchenregiments auf (d. h. die Verfassungsfrage). Auch konnte die Ausbildung einer Unionskirche nicht ohne Klärung der Lehrgrundlagen erfolgen; also: Welche Bekenntnisse standen in welcher Geltung?

Dass der königliche Aufruf zur Union den Beginn der Union in Preußen markiere, diese Aussage ist historisch unscharf: Gottesdienst und Kirchenverfassung waren schon zuvor Gegenstand gemeinsamer Beratungen gewesen. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834)54 hatte bereits 1803 in seinen Zwei unvorgreifliche(n) Gutachten in Sachen des protestantischen Kirchenwesens zunächst in Beziehung auf den Preußischen Staat sich der Unionsproblematik angenommen. Als Ergebnis forderte er den Staat als wirksames Organ der kirchlichen Gesellschaft auf, die Kirchengemeinschaft zu erklären. Kirchengemeinschaft war sakramentale Gemeinschaft, bedeutete also gegenseitige Zulassung zum Abendmahl unter Wahrung der lutherischen bzw. reformierten Konfessionszugehörigkeit. Deren Bekenntnisse waren für die zu erzielende Kirchengemeinschaft ohne Belang.55

Angesichts der späteren Kritik Schleiermachers an der landesherrlichen Verordnung der Agende mag man mit Überraschung feststellen, dass sich der Unionsaufruf des Königs (als Inbegriff der Staatsgewalt) genau an diesen Leitlinien orientierte. Lediglich die Einbettung des königlichen Aufrufs in den unhinterfragten Friedenswillen seiner Vorfahren trat hinzu.

»Schon Meine, in Gott ruhende erleuchtete Vorfahren, der Kurfürst Johann Sigismund, der Kurfürst Georg Wilhelm, der große Kurfürst, König Friedrich I. und König Friedrich Wilhelm I. haben, wie die Geschichte ihrer Regierung und ihres Lebens beweiset, mit frommem Ernst es sich angelegen seyn lassen, die beiden getrennten protestantischen Kirchen, die reformirte und die lutherische, zu Einer evangelischchristlichen in Ihrem Lande zu vereinigen. Ihr Andenken und Ihre heilsame Absicht ehrend, schließe Ich Mich gerne an Sie an, und wünsche ein Gott wohlgefälliges Werk, welches in dem damaligen unglücklichen Sekten-Geiste unüberwindliche Schwierigkeiten fand, unter dem Einfluße eines bessern Geistes, welcher das Außerwesentliche beseitiget und die Hauptsache im Christenthum, worin beide Confessionen Eins sind, festhält, zur Ehre Gottes und zum Heil der christlichen Kirche, in Meinen Staaten zu Stande gebracht und bei der bevorstehenden Säcular-Feyer der Reformation, damit den Anfang gemacht zu sehen! Eine solche wahrhaft religiöse Vereinigung der beiden, nur noch durch äußere Unterschiede getrennten protestantischen Kirchen ist den großen Zwecken des Christenthums gemäß; sie entspricht den ersten Absichten der Reformatoren; sie liegt im Geiste des Protestantismus; sie befördert den kirchlichen Sinn […]

Aber so sehr Ich wünschen muß, daß die reformirte und lutherische Kirche in Meinen Staaten diese Meine wohlgeprüfte Überzeugung mit Mir theilen möge, so weit bin Ich, ihre Rechte und Freiheit achtend, davon entfernt, sie aufdringen und in dieser Angelegenheit etwas verfügen und bestimmen zu wollen. Auch hat diese Union nur dann einen wahren Werth, wenn weder Überredung noch Indifferentismus an ihr Theil haben, wenn sie aus der Freiheit eigener Überzeugung rein hervorgeht, und sie nicht nur eine Vereinigung in der äußeren Form ist, sondern in der Einigkeit der Herzen, nach ächt biblischen Grundsätzen, ihre Wurzeln und Lebenskräfte hat.

So wie Ich selbst in diesem Geiste das bevorstehende Säcularfest der Reformation, in der Vereinigung der bisherigen reformirten und lutherischen Hof- und Garnison-Gemeine zu Potsdam, zu Einer [!] evangelisch-christlichen Gemeine feyern, und mit derselben das heilige Abendmahl genießen werde: so hoffe Ich, daß dies Mein Eigenes Beispiel wohlthuend auf alle protestantischen Gemeinen in Meinem Lande wirken, und eine allgemeine Nachfolge im Geiste und in der Wahrheit finden möge. Der weisen Leitung der Consistorien, dem frommen Eifer der Geistlichen und ihrer Synoden überlasse Ich die äußere übereinstimmende Form der Vereinigung, überzeugt, daß die Gemeinen in ächt-christlichem Sinne dem gern folgen werden […]«56

Sowohl hinsichtlich der schleiermacherschen Gutachten wie auch des königlichen Aufrufs als Initial zu einer Union (!) ist also streng genommen von einer vereinheitlichten Kirchenverwaltung, einer Hintanstellung der Bekenntnisse für die vereinigte Kirche, Erkenntnis des gemeinsamen Wesentlichen und Kirchengemeinschaft durch gemeinsamen Abendmahlsgang auszugehen. Substantiell unterschied sich dieses eher konkordant zu nennende Projekt also kaum von der Kirchenpolitik des pfälzischen Kurfürsten Karl Ludwig Ende des 17. Jahrhunderts. Oder doch? Neu ist in jedem Fall im 19. Jahrhundert die Verquickung des Unions- mit dem Verfassungsgedanken und das nicht nur in Preußen.

2.2. Die Ausgestaltung der Union (Union und Kirchenverfassung 1)

Es gehört zum Wesen der preußischen Union, dass sie sich an kirchenpolitischen Konflikten abarbeitete, die sich zwangsläufig einstellten, aber darin auch ihr dann 1846/50 erreichtes Profil gewann. Am guten Willen des Königs, der im Herbst 1817 eigentlich nichts verfügen wollte, wie auch der Theologen, die bspw. bei einer Synode der Grafschaft Mark schon im Frühjahr 1817 aus freien Stücken zusammengetreten war,57 war nicht zu zweifeln.

Der erste Konflikt bahnte sich freilich in der dann doch landesherrlichen Verfügung einer Dom- und Hofagende, die nach Vorarbeiten 1816 verbindlich 1821/22 erschien und der 1829 eine Landesagende folgte.58 »Für Friedrich Wilhelm III. war der Wunsch, eine einheitliche Agende für alle evangelischen Gemeinden in Preußen einzuführen, der Kern aller Unionsbestrebungen; gerade dadurch aber gefährdete er die Verwirklichung der Union.«59 Wieder war es Schleiermacher, der 1824 als »versöhnlicher Friedensstifter« (Pacificus irenicus) anonym Ueber das liturgische Recht evangelischer Landesfürsten. Ein theologisches Bedenken erstattete, das zum Anlass weiterer Verfassungsüberlegungen wurde, die seit 1808 angestellt in den 1820er Jahren kulminierten. Die gottesdienstliche Ordnung, welche nach dem Willen des Königs also zur Union führen sollte, wurde als Verordnung (1829) zum Verfassungsproblem der evangelischen Kirche, nicht nur aufgrund ihres hochkirchlichen Charakters, der die rituellen Vorlieben des Königs widerspiegelte, sondern wegen des exemplarischen Streits um das jus liturgicum des Königs. 1835 erschien eine Kompromissagende – nicht von ungefähr begleitet auch von verfassungspolitischen Zugeständnisses für die beiden Westprovinzen.60

Die ursprünglich einmal geplante Konsensunion kam über den Erschütterungen der Julirevolution (1830) und der lutherischen Separation (1830/34)61 nicht und nie zustande. In der Kabinettsorder vom 28. Februar 1834 sah sich der König genötigt zu erklären, die Union bedeute keine Aufgabe der geltenden Bekenntnisse und beruhe auf der freien Zustimmung der Gemeinden.

Grundfrage war und blieb, ob die preußische Kirche stärker landesherrlichepiskopal oder synodal organisiert bzw. »regiert« werden sollte. Insbesondere die Ausgestaltung des Generalsuperintendentenamtes war umstritten.62 Hier überlagerten sich unterschiedliche theologische Vorstellungen (erwecklich-lutherischer Konservativismus63 versus kirchlicher, der Union zugeneigter Frühliberalismus) sowohl mit den politischen Regierungsprinzipien des Ministeriums Altenstein als auch mit unterschiedlichem Herkommen und Gegebenheiten der soziologisch höchst unterschiedlichen preußischen Provinzen – Ostpreußen und Pommern waren stark ländlich und lutherisch geprägt.

Eine Verschärfung der Debatte um die synodale Ordnung der Kirche trat 1846 (Berliner Synode) unter König Friedrich Wilhelm IV. (reg. 1840–1861) und dem Ministerium Eichhorn (1840–1848) ein.64 Mit dem Hof innig verbundenes Neuluthertum und Liberalismus polarisierten die Kirche innerhalb einer auf die Revolution zueilenden preußischen Gesellschaft. Am Beginn der Reaktionszeit stand ein verfassungsmäßiger Oktroy und die Errichtung des Evangelischen Oberkirchenrats (1850), die der Forderung nach kirchlicher Freiheit um den Preis stärkerer (!) Anbindung an den Regenten Rechnung trug.65

Trotz des verfassungspolitischen Rückschlags der Reaktion war die Wirkung der Berliner Synode von 1846 nachhaltig; sie darf – überspitzt gesagt – vielleicht als die eigentliche Unionssynode Preußens gelten, indem es immerhin gelang, wenn schon keinen Konsens, so doch verbindliche Lehraussagen zu erzielen, die das Wesen der Union darstellen sollten. Verabschiedet wurden die Grundsätze der Lehrunion, die Ordinationsverpflichtung und die sog. Lehrordnung.66 Als Kern der Grundsätze wurden die Rechtfertigungslehre und das Schriftprinzip festgestellt. Die Ordinationsverpflichtung wurde nach langer Diskussion um die als neues Glaubensverständnis (miss-?)verstandene Vorlage – das nach dem Namen des Autors Carl Immanuel Nitzsch (1787–1868)67 vielbespöttelte »Nitzschenum«, das nicht beschlossen wurde – als biblische Paraphrase gefasst. Eine explizite Nennung der Bekenntnisse unterblieb. Dem korrespondiert freilich die Tendenz der Lehrordnung, die gesamte (nunmehr konsensual begriffene) geschichtliche Lehrtradition des damaligen Preußen als gültige Tradition zusammenzufassen.

»Die Symbole, die in der evangelischen Landeskirche Geltung haben, sind:

1. die ökumenischen, nämlich das apostolische, Nicänische [= Nicänokonstantinopolitanum] und Athanasianische Symbol,

2. die Augsburgische Confession [1530], als das zugleich staatsrechtliche und überhaupt angesehenste Bekenntniß der deutschen evangelischen Kirche und die sich darauf beziehende Märkische Confession [= Confessio Sigismundi 161468], wobei die zweite Helvetische [= Confessio Helvetica posterior 1566] und die Französische Confession [= Confessio gallicana 1559] in der Geltung anerkannt werden, welche sie bei einzelnen Gemeinden haben,

3. die beiden Katechismen Luthers [1529] und der Pfälzische oder Heidelberger Katechismus [1563],

4. diejenigen Schriften, in welchen sich das Bekenntniß weiter entwickelt und erklärt hat, die Apologie der Augsburgischen Confession [1530], und die Schmalkaldischen Artikel [Luthers 1537], das Leipziger Gespräch [163169] und die Thorner Declaration [164570].

In einem späteren Abschnitt wird auf weitere Zeugnisse des Konsenses, den Consens von Sendomir (1570) und die Genfer Harmonia Confessionum (1581), hingewiesen.«71

Somit begriff die Synode die Union als Zielpunkt der Geschichte der Reformation und Fortentwicklung der gesamtreformatorischen Bekenntnisgrundlagen.

Mit Recht gilt die Synode als Höhepunkt der Vermittlungstheologie72 und Zenit des Einflusses ihres Hauptes Nitzsch, auch wenn dieser mit seiner Vorlage zur Ordination nicht durchdrang. Nach den Wirren um die Agende schien eine Lehrnorm der preußischen Union bald 30 Jahre nach dem Unionsaufruf des Königs aus dem Geist theologischer Vermittlung zustande gekommen.

Dennoch geriet die Preußische Union zwischen 1848 und 1852 an den Rand der Spaltung73 zwischen Unionsanhängern und konfessionellen Lutheranern, was sich auch in der umstrittenen Abstimmungspraxis der itio in partes nach persönlichem Bekenntnis der Mitglieder des Evangelischen Oberkirchenrats widerspiegelte. Die Union als Kirche drohte zu einer Kooperation mit Interkommunion herabzusinken.

Im Grunde war durch die unklare Politik des Königs der Oberkirchenrat überfordert, der – so die Kabinettsorder vom 6. März 1852 – »ebensowohl die evangelische Landeskirche in ihrer Gesamtheit zu verwalten und zu vertreten, als das Recht der verschiedenen Konfessionen zu schützen und zu pflegen«74 die Aufgabe hatte. Das konnte freilich die Zentrifugalkräfte des unionskritischen Luthertums nur bestärken, was vom König nicht intendiert war. Nur mühsam konnte die Kabinettsorder vom 12. Juli 1853 zum Schutz der Union weiteren Schaden verhindern.75

2.3. Preußisches Rheinland und Westfalen (Union und Kirchenverfassung 2)76

Dass innerhalb der Skizzierung der preußischen Union zwei Provinzen eigens betrachtet werden müssen, liegt in der besonderen kirchenordnenden Prägung der Westprovinzen, ihrer Widerständigkeit gegen das Berliner Staatskirchentum im 19. Jahrhundert und – als Fernwirkung – ihrer nahezu »natürlichen« Verselbständigung nach dem Ende Preußens als staatlicher Größe 1945.

1815 waren die Rheinlande und Westfalen durch den Wiener Kongress Preußen zugesprochen worden und wurden daraufhin als Provinzen der staatlichen und kirchlichen Administration eingegliedert. Drei Besonderheiten der Westprovinzen sind für die Unionsgeschichte einschlägig:

1.Zunächst herrschte bezüglich der kirchlichen Ordnung in den Westprovinzen kein rechtsfreier Raum: »Anstoß zu den 20 Jahre währenden Auseinandersetzungen um landeskirchliches und synodales Kirchenregiment in Westfalen und den Rheinlanden gaben die reformierten Kirchenordnungen von 1662 für Kleve und Mark und von 1671 für Jülich und Berg sowie die lutherische von 1687 für Kleve und Mark.«77 Als Folge ergab sich – auf Einzelheiten muss hier verzichtet werden – nicht nur im Reformierten-, sondern auch (abgeschwächt) im Luthertum ein vierstufiges kirchliches Repräsentationssystem, dem man freilich keinen nach heutigen Maßstäben demokratischen Charakter zusprechen kann. Freilich begründete die langjährige Presbyterial- und Synodalverfassung ein besonderes Gespür für die (relative) Selbständigkeit der Kirche.

2.Zwar blieb während der als Folge der Revolutionskriege eintretenden Besatzung bzw. Annexion durch Frankreich das kirchliche Leben restringiert – bspw. traten keine reformierten Generalsynoden zusammen – doch fanden aufgeklärt-republikanische Gedanken zunehmend auch im Bürgertum und in der evangelischen Kirche Aufnahme. »Ein gutes Beispiel ist Wilhelm Bäumer (1783–1848), reformierter Pfarrer in Bodelschwingh bei Dortmund, der der Vorkämpfer der Presbyterial- und Synodalverfassung in Westfalen wurde. Er hatte in einer Schrift im Jahre 1808 die Repräsentation der Gemeinde durch Presbyter gefordert und dies mit Rousseauschen Ideen begründet. Wie er verbanden auch andere die calvinische Kirchenverfassung mit republikanischen Ideen. Im Westfälischen Anzeiger wandte er sich im Jahre 1816 sogar dagegen, den Geburtstag des Königs als kirchlichen Feiertag zu begehen.«78

3.Während König Friedrich-Wilhelm III. »seine« Union als brüderliche Gesinnungskirche verstand, schloss bei aller, seit der Jahrhundertwende fassbaren, grundsätzlichen Zustimmung zu einer Kirchenvereinigung in den Westprovinzen – zweifellos aufgrund der geschichtlichen Prägung – die Union die Verfassungsfrage ein. Das Berliner Modell der ausgebildeten Staatsaufsicht (Oberkonsistorium) durch die als staatliche Einrichtungen zu verstehenden Konsistorien und dessen Implementierung in den Westprovinzen (eine relative Staatsaufsicht war auch hier kaum umstritten) musste zum Verfassungskonflikt führen.

Die Einzelfragen sind kompliziert, da auch die Verhältnisse im Rheinland und Westfalen nicht deckungsgleich sind. Im Grundzug ging es bereits seit 1815 um die Alternative der überkommenen Ordnung presbyterial-synodaler (s.o.) Prägung und einer konsistorialen Ordnung, die Presbyterien zuließ, die »Klassen« (Kreise) aber einem Inspektor (Dekan/Superintendent) unterstellte und die Synoden von »Laien« freihielt. Überlagert wurde das Problem durch die sich anbahnende Existenz lutherischer und reformierter und Unionsgemeinden (wie auch in anderen Teilen Preußens). Insbesondere reformierte Gemeinden, ihr Bekenntnis und ihre Gemeindeordnung konnten jetzt auch Bedenken gegenüber einer Union entwickeln, die mit dem Verlust der synodalen Ordnung einhergehen sollte. Unaufgebbar erschienen das Gesetzgebungs- und Wahlrecht hinsichtlich des die unierten Synoden selbständig leitenden Präses.

Ein »Junktim zwischen Union und Kirchenverfassung«79 war politisch nicht durchsetzbar. Bezeichnend ist, dass die königlichen Zugeständnisse in der Agendenfrage (s.o.) offenbar auch das Eis in der Verfassungsfrage brachen. Am Ende der langwierigen Verhandlungen stand am 5. März 1835 die Genehmigung der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung,80 die synodales und konsistoriales Element miteinander verband. Eine organische Verbindung gelang freilich nicht. Es dürfte die Charakterisierung zutreffen, dass es sich um eine synodale, gleichwohl von der konsistorialen und staatlichen Aufsicht eingehegte Kirchenordnung handelt.

Vgl. dazu den auf Weisung des Königs eingearbeiteten § 148: »Die Aufsichtsbehörden über das Kirchenwesen sind das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten, das Provinzial-Konsistorium und die Regierungen. Neben dem Konsistorio und den Regierungen beaufsichtigt in jeder Provinz ein vom Landesherrn ernannter Geistlicher, welcher dirigirendes Mitglied des Provinzial-Konsistoriums ist, unter dem Titel General-Superintendent, nach den ihm von dem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ertheilten Instruktionen, die Superintendentur-Sprengel der Provinz. Der Generalsuperintendent wohnt den jedesmaligen Verhandlungen der Provinzial-Synode bei, um die Rechte des Staats wahrzunehmen, und kann an die Synode Anträge machen.«81

»Entscheidend ist […], daß beide Systeme beinahe selbständig nebeneinander bestehen: Neben der aufsteigenden Säule Gemeinde – Presbyterium – Kreissynode – Provinzialsynode steht die absteigende Säule König – Kultusministerium – Konsistorium – Generalsuperintendent – Superintendent – Pfarrer. Nur Superintendent und Pfarrer haben eine Doppelfunktion, sie unterstehen den Synoden und den Staatsbehörden. Auf der kirchlich höchsten Ebene, Provinzialsynode und Konsistorium, sind die Ämter getrennt.«82

Gerade im Letztgenannten ist die Begrenztheit und Zukunftsoffenheit der Kirchenordnung zu fassen: Die heutige – nach den Erfahrungen des Kirchenkampfs maßgebliche – kirchenrechtliche Doktrin einer Leitung der Kirche »in geistlich-rechtlicher Einheit«83 ist nur auf den »unteren« Ebenen zu erkennen. Sie aber bewahrt bzw. begründet zu haben, darf als Erfolg dieses Verfassungskampfes gewertet werden. Mehr kirchliche Selbständigkeit innerhalb der (willkommenen) Union im Zeitalter der Restauration und des verschärften Staatskirchentums war wohl kaum möglich.

3. Die südwest- und mitteldeutschen Unionen

3.1. Die hessischen Unionen: Kurhessen – Nassau – Rheinhessen – Waldeck84

Im Kurfürstentum Hessen(‐Kassel) kam es 1818 unter Kurfürst Wilhelm I. (1743 – 1821; als Kurfürst reg. 1803–1821, 1806–1813 depossediert) nach der Restituierung und Erweiterung des Territoriums durch den Wiener Kongress einstweilen nur in den neuerworbenen Gebieten, der vormaligen Grafschaft Hanau, dem Fürstentum Isenburg und dem Fürstentum Fulda, zu einer Union. Die diesbezüglichen von der Hanauer Synode vom 1. Juni 1818 beschlossen Artikel verfügten eine außerordentlich schonende Zusammenführung der Kirchen. Zeichen, Mittel und Weg war allein die neue gemeinsame Abendmahlsordnung, die sich durch den Verzicht auf Hostien zugunsten von Weißbrot auszeichnete.85

Anders und schwieriger gestalteten sich die Unionbestrebungen im althessisch-reformiert geprägten Stammland. Hier gelang es, zwischen 1817 und 1823, und die reformierte theologische Fakultät der Universität Marburg in eine unierte evangelische umzubilden.86

Im Rahmen der napoleonischen Neukonstituierung von Staaten und die Bestätigung durch den Wiener Kongress erfolgten in dem aus 29 (!) Territorien gebildeten Herzogtum Nassau die erste Unionsgründung eines Flächenstaates innerhalb des Deutschen Bundes. Vom reformierten wie vom lutherischen Generalsuperintendenten gegenüber dem Landesherrn Herzog Wilhelm (reg. 1816 – 1839) 1816 angeregt, billigte die Idsteiner Generalsynode vom August 1817 einstimmig die Union zu einer evangelisch-christlichen Kirche. Ein Lehrkonsens wurde nicht gesucht. Die offizielle Gründung der Unionskirche erfolgte am Reformationstag 1817.

Vergleichbar zu den Anfängen in Kurhessen lagen die Verhältnisse im Großherzogtum Hessen(‐Darmstadt). Die im Kernterritorium lutherisch dominierten Verhältnisse wurden kaum berührt. Anders war dies im durch den Wiener Kongress angegliederten konfessionell-gemischten Rheinhessen. Die hier erfolgte Union, wie in den anderen Territorien stark vom Reformationsjubiläum beeinflusst, kam durch Genehmigung Großherzog Ludwigs I. (reg. als Großherzog 1806–1830) 1822 zustande und galt nur für das rheinhessische Gebiet.

Eine besondere Rolle kommt freilich dem revolutionären Mainz zu. Dort – sieht man vom »überkonfessionellen« Charakter der Herrnhuter Gemeinden ab – wurde bereits im Jahre 1802 die erste unierte Kirchengemeinde gegründet.87

Bis 1832, als unter Großherzog Ludwig II. (reg. 1830–1848) ein für alle Landesteile gemeinsames Oberkonsistorium ohne innerprotestantische Differenzierungen geschaffen wurden, gab es also im Gesamtherzogtum unierte, lutherische und reformierte Gemeinden, letztere in einer Verwaltungsunion. Die rheinhessische galt als Bekenntnisunion, wenngleich auch hier keine Vermittlung der überkommenen Bekenntnisse erfolgte, sondern als Lehrnorm die Heilige Schrift und die bisherigen Bekenntnisse (unter Ausschluss der Abendmahlslehre) bestimmt worden war. Wohl hier dem badischen Beispiel vom