Die Flüchtlingsrevolution -  - ebook

Die Flüchtlingsrevolution ebook

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Opis

Eine Welt auf der Flucht

Flucht ist ein globales Phänomen. Die Welt ist in Bewegung. Menschen flüchten vor Krieg und Gewalt, vor Ungleichheit und Verfolgung, aus Angst vor dem Untergang ihrer Heimat oder aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Die neue Völkerwanderung ist dabei, die Welt, wie wir sie kennen, zu verändern. Die 60 Millionen Flüchtlinge, die das UN-Flüchtlingshilfswerk 2015 registrierte, sind dabei nur der Anfang. Wir erleben nicht die so oft beschworene »Flüchtlingskrise«, sondern eine Flüchtlingsrevolution.

Die Weltreporter haben die neuen Flüchtlinge überall auf dem Globus getroffen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Sie berichten von Hoffnung und Leid, Hilfsbereitschaft und Verunsicherung, von Ideen und Plänen für eine Zukunft, von der die ganze Welt profitieren kann: wenn sie Veränderung zulässt und Herausforderungen auf innovative Art und Weise löst.

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Zum Buch

65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Und sie sind nur der Anfang. Flucht ist ein globales Phänomen; die ganze Welt ist in Bewegung: Menschen flüchten vor Krieg und Gewalt, vor Ungleichheit und Verfolgung, aus Angst vor dem Untergang ihrer Heimat oder aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Die neue Völkerwanderung ist dabei, die Welt, wie wir sie kennen, zu verändern. Wir erleben keine »Flüchtlingskrise«, sondern eine Flüchtlingsrevolution.

Die Weltreporter haben Flüchtlinge überall auf dem Globus getroffen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Sie berichten von Hoffnung und Leid, Hilfsbereitschaft und Verunsicherung, von Ideen und Plänen für eine Zukunft, von der die ganze Welt profitieren kann: wenn sie Veränderung zulässt und Herausforderungen auf innovative Art und Weise löst.

Zum Autor

Marc Engelhardt, Jahrgang 1971, arbeitet seit zwölf Jahren als freier Auslandskorrespondent, zunächst aus Nairobi und inzwischen aus Genf. Er berichtet u.a. für den Deutschlandfunk,

ARD Hörfunk und Fernsehen sowie die Nachrichtenagentur epd. Bis 2015 war er Vorsitzender des Korrespondentennetzwerks Weltreporter. Zuletzt gab er bei Pantheon Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt (2014) heraus.

Die Weltreporter sind das größte Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten. Aus mehr als 160 Ländern berichten sie für praktisch alle deutschsprachigen Medien. Die 45 Korrespondenten leben überall auf der Welt, von Athen bis Washington, D.C., und kennen ihre jeweilige Region seit vielen Jahren. So recherchieren und verfassen sie hintergründige Geschichten, die weit über Nachrichten hinausgehen.

Marc Engelhardt (Hrsg.)

DIEFLÜCHTLINGS-REVOLUTION

Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert

Pantheon

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Erste Auflage

August 2016

Copyright © 2016 Pantheon Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Satz: Ditta Ahmadi, Berlin

Vorsatzkarte: Peter Palm, Berlin

ISBN 978-3-641-18820-7V001

www.pantheon-verlag.de

Inhalt

Prolog

Einleitung: Die Flüchtlingsrevolution Marc Engelhardt

1. Von Syrien in den Libanon Berqayel und seine neuen Bewohner Theresa Breuer

2. Vom Libanon in die Pariser Chefetage Chantals Flucht vor dem Bürgerkrieg Birgit Kaspar

3. Von Eritrea in die Schweiz Yordanos’ Flucht vor der Diktatur Philipp Hedemann

Wer verdient an den Flüchtlingen?

4. Vom Kongo nach Südafrika Angst vor den Fremdenfeinden Leonie March

5. Dadaab im Nordosten Kenias Ein Flüchtlingslager wird zur Stadt Bettina Rühl

6. Von Süddeutschland nach Mogadischu Halima Olads Rückkehr Bettina Rühl

7. Gefangen im Jemen Warum Nisma und Kholood nicht fliehen können Birgit Kaspar

Versagt die Politik?

8. Vom Irak nach Europa Ertrunken auf der Flucht vor dem Tod Philipp Hedemann

9. Am Ende Europas und aller Gewissheit Die Menschen von Lesbos Alkyone Karamanolis

10. Einmal Deutschland und zurück Die Geschichte der Familie Haurdič Thomas Franke

11. Von Afrika nach Italien Das Wunder von Monasterace Julius Müller-Meiningen

Kriminelle oder Fluchthelfer?

12. Von El Salvador in die USA Flucht vor den Gangs Kerstin Zilm

13. Von Manila in alle Welt Flucht vor der Armut Hilja Müller

14. Auf in die Städte Migranten in China Christiane Kühl

Fördern wir die Flucht?

15. Vom Mittleren Osten nach Indonesien Lost in Transit Christina Schott

16. Von der Welt vergessen Flüchtlinge in Australiens Überseelagern Julica Jungehülsing

17. Von Tuvalu nach Neuseeland Kein Wasser, keine Kinder Anke Richter

Volk statt Flüchtlinge?

18. Operation Heimkehr Wie Israel sich afrikanischer Flüchtlinge entledigt Susanne Knaul

19. Von Deutschland zurück in die Türkei Schweres Leben in der alten Heimat Susanne Güsten

20. Zurück auf den Balkan Die Roma und ihre angeblich sicheren Herkunftsländer Danja Antonović

21. Staatenlos in Burma Die Flucht der Rohingya Sascha Zastiral

Lernen von den Melting Pots?

Epilog: Die Welt nach der Flüchtlingsrevolution Marc Engelhardt

Autorinnen und Autoren

Prolog

Ich bin Syrerin und Mutter von vier Kindern. Das war meine Wahl: Bleiben wir in Syrien, werden meine Kinder und ich vielleicht von einer Bombe getötet. Fliehen wir, ertrinken wir vielleicht im Mittelmeer. Im Herbst 2015 musste ich die schlimmste Entscheidung meines Lebens treffen. Dabei war ich einst der glücklichste Mensch der Welt. Mit 23 Jahren hielt ich mein Englischdiplom der Universität Aleppo in Händen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeremonie. Ich war so stolz! Kurz darauf fing ich als Lehrerin am Gymnasium in meiner Heimatstadt al-Hasaka im Nordosten Syriens an. Ich war eine der wenigen Frauen an der Schule, doch meine Kollegen hatten Respekt vor mir. Alles war gut.

Weil viele Menschen in al-Hasaka arm waren, aber dennoch unbedingt Englisch lernen wollten, unterrichtete ich nach der Schule in meiner Freizeit viele Schüler kostenlos. Mein Motto war immer: »Wenn man nur das tut, was von einem gefordert wird, ist man ein Sklave. Erst wenn man freiwillig mehr tut, ist man wirklich frei.« Meine Schüler mochten mich, sie lernten schnell und machten mich so sehr zufrieden. Auch sonst meinte das Leben es gut mit mir. Am 9. Dezember 2004 heiratete ich Abdulrahman, einen gutaussehenden jungen Mann mit einem großen Herzen. Einige Monate nach unserer Hochzeit gingen wir zusammen nach Kuwait. Dort unterrichtete ich erneut Englisch an einem Gymnasium. Vor zehn Jahren brachte ich meinen Sohn Mohamad zur Welt, 2007 kam meine älteste Tochter Ritaj, ein Jahr später meine Tochter Reemas. Mein Mann und ich waren gesegnet.

Im August 2010 kehrten wir zurück nach al-Hasaka, sieben Monate später brach in Daraa die syrische Revolution aus. Damals war ich mit Rinad, meiner jüngsten Tochter, im dritten Monat schwanger. Ich ahnte nicht, dass sie in eine Welt voller Krieg geboren werden würde.

Ich hoffte, dass die zunächst friedlichen Proteste nicht zu einem Krieg führen würden, doch meine Hoffnungen wurden schnell zerstört. Die Gewalt von allen Seiten nahm immer mehr zu. Irgendwann hörten wir auf, die Toten zu zählen. Ich versuchte so lange wie irgend möglich, meinen Kindern eine heile Welt vorzugaukeln. Ich wollte die schreckliche Realität einfach nicht an sie heranlassen. Aber natürlich sahen sie die Bilder von Luftangriffen und sterbenden Menschen im Fernsehen. Natürlich spürten sie, dass ihre Mutter Angst um sie hatte. Und natürlich hatten sie auch selber Angst.

Ich habe versucht, ihnen beizubringen, fest an sich selbst zu glauben. Ich habe versucht, ihnen beizubringen, dass Angst und Zweifel die gefährlichsten Feinde des Erfolges sind. Aber die Gewalt hörte einfach nicht auf, im Gegenteil: Es wurde immer schlimmer. Die Kleinsten litten am meisten. Jeden Tag verloren wehrlose Kinder ihre Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrer. Jeden Tag starben unschuldige Jungen und Mädchen.

Ich fand nachts kaum noch Schlaf. Was, wenn auch meine Kinder sterben würden? Und wofür? Alle Kinder, die diesem verdammten Krieg bereits zum Opfer gefallen waren, hatten Eltern, die sie über alles liebten und die alles dafür getan hätten, ihren Jungen und Mädchen eine große Zukunft zu ermöglichen. Ich wusste, dass zur gleichen Zeit tausende weitere syrische Mütter wach lagen und genau das Gleiche dachten wie ich.

Rinads Kindergarten und die Grundschule meiner anderen drei Kinder befanden sich in der Nähe einer Stellung der Assad-Truppen. Nachts übernachteten die Soldaten oft in der Schule, und der »Islamische Staat« beschoss das Gebäude regelmäßig. Alle Scheiben waren bereits geborsten. Schließlich gab ich meinen Job als Gymnasiallehrerin auf und fing an der Schule meiner Kinder an. Wenn dort eine Bombe einschlug, wollte ich mit ihnen sterben. Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als meine eigenen Kinder zu überleben.

Seit Mai 2015 rückte der »Islamische Staat« immer schneller auf al-Hasaka vor. Die Terroristen missbrauchten unseren Glauben, folterten, mordeten, vergewaltigten, brannten Schulen und Häuser nieder. Die Regierung schlug mit Fassbomben zurück. Wer konnte, floh. Wer zwischen den Fronten gefangen war, betete. Viele starben, auch insgesamt 26 Mitglieder der einst so großen Familie meines Mannes.

Wenn wir blieben, würden vielleicht auch bald unsere Kinder zu den ungezählten Todesopfern des Krieges zählen, das wussten mein Mann und ich. Doch wir hatten nicht genug Geld, um zu sechst die Flucht anzutreten. Als Eltern mussten wir die schlimmste Entscheidung unseres Lebens treffen. Damit zumindest ein Teil unserer Familie überlebte, mussten wir uns trennen. Wir beschlossen, dass mein Mann mit unserem Sohn Mohamad und unserer ältesten Tochter Ritaj vorgehen sollte. Wir waren uns einig, dass Rinad und Reemas noch zu klein für die gefährliche Flucht waren. Ich wollte mit ihnen so lange in al-Hasaka ausharren, bis wir im Rahmen der Familienzusammenführung sicher nach Europa folgen könnten.

Als der Tag des Abschieds gekommen war, sagte ich zu Ritaj und Mohamad: »Vergebt mir. Ich hatte eine andere Zukunft für Euch geplant. Seid tapfer und habt Geduld. Ich verspreche Euch, dass wir schon bald wieder vereint sein werden und dass wir dann in einem friedlichen Land gemeinsam Großes erreichen werden.« Als ich dies sagte, wusste ich nicht, ob ich meine beiden ältesten Kinder und meinen Mann je wiedersehen würde. Sie verließen uns am 23. August 2015. Drei Tage lang habe ich geweint. Ich habe versucht, meine Tränen vor Reemas und Rinad zu verbergen. Nicht immer ist es mir gelungen.

Am 5. September erhielt ich eine Nachricht von meinem Mann. Er war auf der griechischen Insel Lesbos angekommen. Er und die Kinder hatten die gefährliche Überfahrt überlebt. Das erste Mal seit fast zwei Wochen war ich für einen Augenblick glücklich. Doch am selben Tag sah ich auf Facebook die Bilder des ertrunkenen Aylan. Der dreijährige Junge aus dem syrischen Kobane wollte – genau wie mein Mann mit den Kindern – mit seinen Eltern vor dem Krieg fliehen. Seine Leiche wurde an einem Strand in der Türkei angespült. Als ich das Bild sah, wurde mir schlecht.

Ich kannte Fotos von verängstigten Familien in winzigen, überfüllten Booten. Ich hatte Berichte gesehen, in denen Grenzpolizisten und Soldaten Flüchtlinge – auch Kinder – mit Tränengas und Wasserwerfern zurückdrängten, und ich kannte Geschichten von Menschen, die die gefährliche Flucht nicht überlebt hatten. Trotzdem hatte ich zuletzt selbst darüber nachgedacht, mich mit meinen beiden jüngsten Kindern in eines dieser Schleuserboote zu setzen. Das Foto des ertrunkenen Kindes am Strand verbannte diesen Gedanken aus meinem Kopf. Die Angst, dass ein ähnliches Bild von Reemas oder Rinad um die Welt gehen könnte, ließ mich meine Fluchtgedanken aufgeben.

Doch dann brachte eine Nachricht von meinem mittlerweile in Deutschland angekommenen Mann plötzlich alles wieder durcheinander. Er schrieb mir, er habe erfahren, dass die offizielle Familienzusammenführung über ein Jahr dauern könne. Bis dahin könnten Reemas, Rinad und ich längst tot sein. Innerlich war ich es durch die Trennung von meinem Mann und meinen beiden ältesten Kindern und die permanente Todesangst ohnehin schon lange. Beschuss von allen Seiten und Selbstmordattentäter in mit Sprengstoff beladenen Autos machten das Leben – oder besser gesagt das Überleben – in Syrien zur Hölle. Am 10. Oktober machte ich mich deshalb schließlich auch mit meinen beiden jüngsten Kindern auf den Weg, um meine geliebte Heimat zu verlassen.

Zwei Tage dauerte es, bis wir es zusammen mit anderen Flüchtlingen in einem kleinen Bus an die syrisch-türkische Grenze geschafft hatten. Unterwegs mussten wir Checkpoints der syrischen Armee, des »Islamischen Staates« und kurdischer Kämpfer passieren. Bei jeder Straßensperre habe ich gezittert. Ich hatte panische Angst, dass die Kämpfer uns alle erschießen würden. Als wir an einen kurdischen Checkpoint kamen, wurde dieser plötzlich vom IS angegriffen. Wir haben alle geschrien, und unser Fahrer hat einfach Gas gegeben. Mit Gottes Hilfe sind wir irgendwie davongekommen.

Doch spätestens an der türkischen Grenze bereute ich die Entscheidung, die ich für meine Kinder getroffen hatte. Ich sah panische Mütter, die ihre Töchter und Söhne durch die Stacheldrahtzäune drängten, und ich dachte mir: Es ist würdevoller, in ständiger Angst unter Beschuss zu leben, als so zu fliehen. Ich bin dann trotzdem mit meinen Kindern durch ein Loch im Zaun geklettert.

Von der Grenze schlugen wir uns nach Istanbul durch. Dort blieben wir ungefähr drei Wochen, bis es mir gelungen war, für meine Kinder und mich Plätze in einem Boot für die Überfahrt nach Griechenland zu organisieren. 2100 US-Dollar, die ich mir unterdessen von Verwandten und Bekannten hatte leihen können, knöpften die Schleuser mir dafür ab. Doch als wir nachts in der Nähe des türkischen Badeortes Bodrum an den Strand kamen, war ich geschockt. Das Schlauchboot war viel, viel kleiner als versprochen, und die Schleuser wollten 18 Menschen hineinpferchen. »Ich steige mit meinen Kindern nicht in dieses Boot!«, schrie ich. Doch meine Töchter flehten mich an: »Mama, lass uns gehen. Wir wollen endlich Papa, Ritaj und Mohamad wiedersehen. Wir versprechen Dir auch, dass wir nicht sterben.« Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass das Boot zu klein und die Überfahrt zu gefährlich sei. Aber sie weinten nur und hörten mir nicht zu. Schließlich stiegen wir ins Boot. Ich wusste, dass es ein Fehler war. Ich küsste meine Kinder, dann legten wir ab.

Wir waren nicht weit gekommen, da ging plötzlich der Motor aus. Mit den Händen paddelten wir zurück an den Strand. Irgendwie war ich beruhigt. Während wir ruderten, beschloss ich: Ich gehe mit meinen Kindern zurück nach Syrien. Ich will lieber mit ihnen in meiner Heimat sterben, als mit ihnen in diesem Meer zu ertrinken. Als wir wieder am Strand waren, sagte ich den Schleusern, ich wolle zurück nach Syrien, doch sie hörten mir gar nicht zu, schubsten uns einfach in einen Bus und fuhren davon. Für sie waren wir keine Menschen, sondern einfach nur Waren, mit denen sie viel Geld machen konnten. Es war so demütigend! Unsere Kleider waren triefend nass, meine Kinder zitterten am ganzen Körper. Doch mittlerweile war auch ich so hungrig, durstig, müde, erschöpft und ratlos, dass ich keine Kraft mehr hatte, mich zu wehren, und einfach alles mit mir geschehen ließ. Die Schleuser versteckten uns zunächst in einer Hütte, dann scheuchten sie uns wieder an den Strand.

Irgendwann saßen wir erneut in einem Boot und legten ab. Nach siebzig quälend langen Minuten kamen wir auf der griechischen Insel Kos an. Als meine Kinder und ich wieder festen Boden unter den Füßen hatten, brach ich in Tränen aus. Es waren Tränen der Erleichterung. Ich wusste, dass wir den gefährlichsten Teil der Flucht hinter uns hatten, und ich hoffte, dass ich bald endlich wieder meine ältesten Kinder und meinen geliebten Mann in die Arme schließen könne.

Auf Kos gaben uns Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und ehrenamtliche Helfer ein kleines Igluzelt, drei dünne Isomatten, trockene Kleidung, Essen und heißen Tee. Auch wenn es nachts sehr kalt wurde und wir im Zelt schlafen mussten, war ich gerührt, wie wir in Europa empfangen wurden. Mit einer Fähre, Bussen, Zügen und zu Fuß zogen wir in den nächsten zwei Wochen weiter in Richtung Norden, weiter in Richtung Mecklenburg-Vorpommern, wo mein Mann, Ritaj und Mohamad untergekommen waren. Ich musste die ganze Zeit eine schwere Tasche mit Zelt, Schlafsäcken, Essen, Medikamenten und Kleidung schleppen. Wenn Rinad nicht mehr konnte, musste ich auch sie tragen. Sie war vollkommen erschöpft. Ich hätte ihr so gerne eine Verschnaufpause gegönnt, aber wir mussten immer weiter. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass eine der vielen Grenzen, die uns noch vom Rest unserer Familie trennten, plötzlich geschlossen würde und wir irgendwo feststecken könnten. Ich konnte einfach nicht auf Rinad hören, die sich oft am Straßenrand schlafen legen wollte.

Ich glaube, ohne ihre ältere Schwester hätte ich all das nicht geschafft. Weil Reemas wusste, dass sie bald ihren Vater und ihre Geschwister wiedersehen würde, sprühte sie vor Energie. Für sie schien unsere Flucht ein einziger großer Abenteuertrip zu sein. Sie hat mir damit unterwegs viel Mut gemacht.

Als wir an der slowenisch-österreichischen Grenze ankamen, passierte genau das, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte: Die Grenze war dicht! Zumindest gab es das Gerücht. Unter uns Flüchtlingen brach Panik aus. Jeder wollte noch irgendwie nach Österreich. Es war ein furchtbares Gedränge und Geschiebe, viele Menschen fielen vor Erschöpfung in Ohnmacht. Ich bin beinahe durchgedreht, weil ich befürchtete, dass meine Kinder totgetrampelt werden könnten. Doch Reemas und Rinad waren stark.

Am 18. November erreichten wir bei Passau schließlich Deutschland. Eine Woche später saßen wir im Zug nach Mecklenburg-Vorpommern. Dort sollten wir nach drei Monaten endlich meinen Mann und meine Kinder wiedersehen. Ich war so aufgeregt, dass ich die ganze Zugfahrt über Angst hatte, mein Herz könnte stehenbleiben. Als wir uns schließlich auf dem Bahnsteig in die Arme fielen, mussten wir alle weinen. Viele Menschen blieben stehen und beobachteten uns. Als ich sah, dass auch sie Tränen in den Augen hatten, wusste ich, dass wir an einem guten Ort gelandet waren.

Die nächsten drei Monate mussten meine beiden jüngsten Kinder und ich noch mal getrennt von meinem Mann, Ritaj und Mohamad leben. Doch mit Hilfe des unglaublich hilfsbereiten Chefs des Bau- und Ordnungsamtes und vieler anderer ehrenamtlicher Helfer haben wir jetzt in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ein kleines Haus gefunden, in dem wir alle zusammen wohnen können.

Heute hatte Rinad ihren ersten Kindergartentag in Deutschland, Mohamad, Ritaj und Reemas waren das erste Mal in der neuen Schule. Ich habe vorher jeden Tag mit ihnen die lateinische Schrift und deutsche Vokabeln gepaukt. Schon vor ihrem ersten Schultag konnten sie so ihren Namen und viele Wörter auf Deutsch schreiben und lesen. Zuhause gehörten sie immer zu den Besten in ihrer Klasse. Ich möchte, dass sie auch hier gut in der Schule sind und dass das, was ich Mohamad und Ritaj vor ihrer Flucht aus Syrien versprochen habe, in Deutschland doch noch endlich wahr wird: dass wir zusammen Großes erreichen! Dafür werden meine Kinder und ich hart arbeiten. Endlich haben wir wieder das Recht, zu träumen und unsere Zukunft zu planen. Das ist ein großartiges Gefühl! In Syrien haben wir es jahrelang schmerzlich vermisst. Dort ging es nicht mehr um die Zukunft, sondern nur noch ums blanke Überleben.

Ich arbeite bei Behördengängen oft freiwillig als Übersetzerin für andere Flüchtlinge und habe angeboten, an der Grundschule meiner Kinder kostenlos Englischunterricht zu geben. Außerdem möchte ich mich an der Universität Potsdam in einem Aufbaustudium zur Lehrerin für deutsche Schulen ausbilden lassen. Ich will helfen, die vielen neu angekommenen Flüchtlingskinder und ihre deutschen Klassenkameraden zu unterrichten.

Im Internet lese ich manchmal von fremdenfeindlichen Übergriffen in Deutschland. Meine Familie und ich haben so etwas nie erlebt. Auf der Flucht haben wir unbegrenzte Hilfsbereitschaft, teilweise aber auch brutale Grausamkeiten und lähmende Angst erfahren. Seit wir in Deutschland sind, sind wir jedoch nur auf Menschen getroffen, die es gut mit uns meinten. Ich bete jeden Tag zu Allah, dass ich bald die Chance erhalten werde, mich dafür zu revanchieren.

AMEENA A. (38), im März 2016in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern

Einleitung: Die Flüchtlingsrevolution MARC ENGELHARDT

Der Titel dieses Buchs ist kein Zufall. Er ist bewusst gewählt. Deutschland, Europa, die ganze Welt erlebt derzeit keine Flüchtlingskrise, auch wenn es Krisen sind, die Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. Was wir erleben, ist eine Flüchtlingsrevolution. Mehr als 65 Millionen Menschen haben Verwandte und Freunde, Besitz und Beruf, Kultur und Vertrautes, kurz: ihre Heimat zurückgelassen, weil sie sich dazu gezwungen sahen. Sie fliehen vor Krieg und Gewalt, vor Naturkatastrophen, Ungleichheit und Verfolgung, aus Angst vor dem Untergang ihrer Heimat oder aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Der kleinste Teil von ihnen flieht nach Europa.

Flucht ist ein globales Phänomen. Aus Syrien fliehen Menschen genauso wie aus Eritrea, dem Jemen oder dem Kongo. Sie fliehen nach Deutschland und in die USA, aber auch in den Libanon, nach Südafrika oder sogar nach Somalia, ein Land, aus dem andere die Flucht ergreifen. 86 Prozent aller Flüchtlinge kommen den Vereinten Nationen zufolge in Entwicklungsländern unter. Die eine Flüchtlingsroute gibt es nicht, ebenso wenig wie den einen Grund für die Flucht. Flucht verändert das Leben der Flüchtenden von Grund auf. Einen solchen Entschluss trifft jeder für sich. Und niemand, das zeigen die Schicksale, die wir in allen Winkeln der Welt für dieses Buch gesammelt haben, macht sich die Entscheidung leicht, sein bisheriges Leben zugunsten einer ungewissen Zukunft aufzugeben. Niemand geht leichtfertig das Risiko ein, auf der Flucht zu sterben. Und niemand gibt ohne guten Grund alles auf, was er bis dahin in seinem Leben erreicht hat.

Die Flüchtlingsstadt

Genf sieht sich selbst als globale Stadt, in der die Idee des humanitären Völkerrechts ihre Wurzeln hat. Flucht ist Teil der Stadtgeschichte: Vor mehr als 300 Jahren nahm man hier zehntausende Hugenotten auf, die aus Frankreich flohen. Viele der heute einflussreichsten Genfer Familien stammen von ihnen ab. 1951 wurde in der Stadt die Genfer Flüchtlingskonvention verabschiedet, der 147 Staaten angehören. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge sitzt in Genf, im obersten Stockwerk eines modernen, gläsernen Turms gegenüber dem Völkerbundpalast. Doch Flüchtlinge trifft man anderswo, in einem global genormten, gelb-blau gestrichenen, zweigeschossigen Einkaufskubus aus Metall, der im Genfer Industriegebiet steht.

Wenn das Ikea-Restaurant morgens um neun seine Türen öffnet, trudeln sie ein, die Bewohner des Flüchtlingswohnheims auf der anderen Seite der Hauptverkehrsstraße. Es sind vor allem junge Männer, die an der einzigen besetzten Kasse ihre orangene Ikea-Family-Karte zücken, die ihnen kostenlosen Kaffee garantiert. Die Karte ist gratis an Automaten erhältlich. Viele Flüchtlinge werden Mitglied der Ikea-Familie, bevor sie irgendein anderes Dokument ihrer offiziellen Ankunft in Europa erhalten. Mit dem dampfenden Kaffee setzen sie sich dann an die Tische möglichst nahe der Fensterfront, durch die leuchtend hell die Sonne scheint. Die Männer sitzen in Grüppchen, Syrer am einen Tisch, Afghanen am anderen. Ein Nigerianer sitzt quer gegenüber eines Kosovaren, die Iraker halten sich etwas abseits, zwei leere Tischreihen stehen zwischen ihnen und den anderen.

»Im Flüchtlingsheim ist es eng, hier haben wir so etwas wie Privatsphäre«, kommt nach längerem Zögern einer der Iraker, der Abdullah genannt werden will, ins Gespräch. Er ist über die Balkanroute gekommen, als sie noch offen war. »Es war trotzdem eine lange, schwere Reise – und jetzt bin ich hier, und das Warten und die Ungewissheit sind fast noch schlimmer.« Abdullah hat Familie, die in der Türkei wartet. Einmal in der Woche ruft er sie an. Dann sagt er ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen und weiter warten müssen. Abdullahs Chancen, als Flüchtling anerkannt zu werden, stehen gut. Die Genfer Flüchtlingskonvention garantiert, dass niemand in ein Land zurückgewiesen werden darf, wo er – etwa wegen eines Kriegs oder Konflikts – der Verfolgung ausgesetzt ist.

Schlechtere Karten hat dagegen Umaru, der aus dem Norden Nigerias stammt und sich nach einiger Zeit zu uns setzt. »Ich komme aus einem kleinen Dorf, da gab es nichts für mich zu tun. Als ich die Schule beendet hatte, habe ich versucht, irgendeine Arbeit zu finden.« Auch in der hundert Kilometer entfernten Großstadt Kaduna versuchte er sein Glück. »Keine Chance. Ich wollte arbeiten, Geld verdienen, weil ich ohne Geld keine Familie gründen kann. Aber in Nigeria geht das nicht, es gibt zu wenig Jobs und niemanden, der einem hilft.« Das halbe Dorf legte zusammen, um Umaru die Flucht nach Europa zu ermöglichen. »Ich hoffe auf ein normales Leben, nichts Besonderes. Und ich kann nicht verstehen, warum mir das verwehrt werden soll.«

Umaru hat die Fernsehbilder aus Idomeni gesehen, dem Lager im Norden Griechenlands, in dem lange Zeit tausende Flüchtlinge nach der Schließung der Grenze zu Mazedonien festsaßen. Immer wieder versuchten Gruppen, den Stacheldraht, die Polizei mit ihrem Tränengas, die Soldaten mit ihren Knüppeln zu überwinden. Sie stürmten den Grenzzaun, warfen Steine, schlugen um sich. »Ich kann den Frust verstehen«, sagt Umaru. »Gewalt ist nie gut – aber wenn ich da gestanden hätte, ich wäre auch ausgerastet. Man kann doch nicht die halbe Welt mit Stacheldraht und Zäunen davon abhalten, sich ein Leben zu suchen, wie es die andere Hälfte tagtäglich hat.« Abdullah nickt. »Flucht hat mit Schutz zu tun, aber auch mit Freiheit, mit Würde. Die sollte doch jeder Mensch haben. Die Menschen in Idomeni und anderswo sollten nicht um Einlass bitten müssen, sie haben ein Anrecht darauf. Wir haben ein Anrecht darauf!«

Während wir uns im Ikea-Café unterhalten, versucht sich im gläsernen Turm des UN-Flüchtlingshilfswerks ein Neuer daran, Europa in der Flüchtlingsfrage wieder zu vereinen. Zehn Jahre lang hat António Guterres, der als politisches Schwergewicht galt, das UNHCR geführt. In seinem letzten Amtsjahr 2015 aber verzweifelte Portugals Ex-Premier zusehends, gab als Abschiedsrede eine Bankrotterklärung ab: »Wir sind pleite. Wir sind nicht in der Lage, das absolute Minimum an Schutz und Hilfe zu leisten, um die menschliche Würde derer zu schützen, um die wir uns sorgen.« Guterres’ Nachfolger Filippo Grandi soll schaffen, woran sein prominenter Vorgänger gescheitert ist. Außerhalb der UN ist der Italiener, der sich zuletzt um die Versorgung palästinensischer Flüchtlinge kümmerte, nicht aufgefallen. Politische Netzwerke, wie Guterres sie nutzte, hat er keine. Dafür kennt er die Lager und Schicksale der Fliehenden, hat unter anderem im Sudan, in Syrien, der Türkei, dem Kongo und dem Irak gearbeitet. In Afghanistan war er für die größte freiwillige Rückführung von Flüchtlingen zuständig, die es jemals gegeben hat. Dann Palästina. Im Feld habe er gelernt, dass angesichts des Leids nur eines zähle, sagt er: »Solidarität, pure Solidarität.«

Vor allem aber weiß Grandi, dass die Massenflucht nach Europa im Sommer 2015 keine Ausnahmeerscheinung bleiben wird. »Ich habe mein Leben lang mit Flüchtlingen gearbeitet, und in den letzten Jahren hat sich die Welt grundlegend verändert«, sagt er. »Aber dessen ungeachtet müssen wir Flüchtlinge schützen und auch dafür sorgen, dass sie ein menschenwürdiges Leben führen können. Dazu gehören Schulen und Arbeitsplätze, zumal Krisen sich viel länger hinziehen als früher.« Wo man über Obergrenzen für Flüchtlinge diskutiert, mag das weltfremd klingen. Doch Grandi ist nicht nur kämpferisch, er ist vor allem ein erfahrener Macher. So fordert er Umsiedlungsprogramme und Familienzusammenführungen im großen Stil, um Schleusern ihr Geschäft zu verderben und Flucht für alle Seiten planbarer zu machen. »Wir müssen es schaffen, legale Auswanderung aus den Nachbarstaaten Syriens zu ermöglichen – denn diese Staaten sind hoffnungslos überlastet.«

Bei einem Gipfel, den er zur Umsiedlung syrischer Flüchtlinge einberief, sagten Staaten 185000 Aufnahmeplätze zu. Viel zu wenig natürlich, allein in den Nachbarländern Syriens leben 4,8 Millionen von ihnen. Doch es ist ein Anfang, ein neuer Versuch. Das UNHCR mit seinen 9300 Angestellten will wieder die Initiative ergreifen, auch indem es sich in Verhandlungen zur Beilegung von Krisen einschaltet. Flüchtlingsströme sind ein Teil der globalen Normalität geworden, die Grandi managen will. Es ist ein anderer Ansatz als früher, wo stets unausgesprochen die Hoffnung im Raum stand, eines Tages würden alle Krisen vorbei sein und jeder wieder nach Hause gehen. »Ich habe kein Zuhause mehr«, sagt Abdullah bei seinem zweiten Kaffee. »Und ich will mir hier erst ein Zuhause schaffen«, meint Umaru, der Nigerianer. »Ich möchte mir meinen Anteil am globalen Wohlstand erarbeiten, und wenn das in Nigeria nicht geht, dann muss es anderswo sein – auch wenn ich am liebsten schon heute nach Nigeria zurückkehren würde.«

Wer ist ein Flüchtling?

Dass er ein Armutsflüchtling, ein Flüchtling zweiter Klasse sein soll, das weist Umaru von sich. Und er erhält Unterstützung von anderen, die sich nach und nach zu uns an den Ikea-Tisch gesellen. Umaru ist Ende 20, er hat einen guten Schulabschluss – so gut es im Norden Nigerias eben geht –, und er ist nach eigenem Bekunden bereit, hart zu arbeiten. Ich glaube es ihm. In Nigeria würde ihm dieser Wille nichts nutzen. Nigeria ist der größte Erdölproduzent Afrikas, doch in den Dörfern kommt davon nichts an. Selbst Benzin ist – wenn es nicht gerade aus ist – kaum bezahlbar. »Die Korruption«, sagt Umaru. »Wer nicht Teil der korrupten Seilschaften ist, der hat keine Chance auf einen Job, auf ein Leben, auf eine Zukunft.« Dabei machen viele gute Geschäfte in Nigeria, auch deutsche Unternehmen. Die EU hat mit Nigeria ein Freihandelsabkommen geschlossen, ähnlich dem umstrittenen TTIP. Nigerias reichster Unternehmer Aliko Dangote soll ein Vermögen von fast 20 Milliarden Euro besitzen. Zum Vergleich: Nigeria musste bei der Weltbank 2016 einen Notkredit über rund drei Milliarden Euro beantragen, um die Staatspleite abzuwenden.

Auch ohne Pleite ist der nigerianische Staat nicht in der Lage, die Freiheit und die Rechte seiner Bürger sicherzustellen, ihnen Schutz zu gewähren, Wohlfahrt oder inneren Zusammenhalt, den Schutz der stark belasteten Umwelt oder gar Chancengleichheit zu garantieren. Von den fast 180 Millionen Nigerianern leben heute 110 Millionen in absoluter Armut: Sie haben über Generationen hinweg keine Perspektive, der Armut zu entrinnen. Wer aus solchen Verhältnissen flieht und die Möglichkeit sucht, ein würdiges Leben zu führen – ist er nicht ein gleichwertiger Flüchtling wie Abdullah, der einem Krieg zu entkommen versucht? »Ich bin ganz sicher, dass es so ist«, sagt Abdullah.

Juristen, Soziologen, Philosophen streiten darüber, wie genau der Begriff des Flüchtlings zu verstehen ist. Was aber taugt der abwehrende Begriff des Wirtschaftsflüchtlings, wenn soziale Ungleichheit in der globalisierten Wirtschaftswelt zu einem zentralen Ausdruck von Unterdrückung wird? Wenn der von den Industriestaaten verursachte Klimawandel die Felder der Ärmsten unfruchtbar macht? Wenn in Ländern wie Deutschland im internationalen Vergleich geradezu fantastischer Reichtum herrscht? Die Flüchtlinge, deren Geschichten wir auf den kommenden Seiten aufgeschrieben haben, sind ausnahmslos unfreiwillig aufgebrochen. Spricht man mit ihnen, egal wo auf der Welt, über ihre Schicksale, dann kommt man zu einer ganz einfachen Definition. Ein Flüchtling ist derjenige, der geht, obwohl er lieber bleiben würde. Doch die Verhältnisse lassen ihn nicht. Fast alle Flüchtlinge, über die wir in diesem Buch berichten, würden gerne zurück in das Land, aus dem sie einst gekommen sind. Doch es geht nicht – aus einer Vielzahl von Gründen, die oft ebenso individuell sind wie die für die Flucht. Armut, Chancenlosigkeit, fehlende Perspektiven sind für den Aufbruch in Länder, wo ein besseres Leben winkt, starke Motive.

Ein Ende, eine Rückkehr in den vermeintlichen »Normalzustand«, der doch wohl nur ein historischer Zwischenstand des Wohlstands einiger auf Kosten der globalen Mehrheit war, ist nicht in Sicht. »Die Migrationsströme sind nicht aufzuhalten. Unsere Gesellschaften werden sich dadurch verändern. Sie werden wohl ärmer werden«, sagt der Historiker Philipp Blom Mitte 2016 im Zürcher Tages-Anzeiger voraus. Und er findet das gerecht, denn es gehe schließlich nicht um Not und Hunger. »Sondern um zweimal Ferien im Ausland pro Jahr und um zwei Autos und zwei Fernseher pro Familie.« Blom, der sich in Büchern wie Der taumelnde Kontinent mit den Jahren vor beiden Weltkriegen beschäftigt hat, nennt die Flüchtlinge ein Symptom der anstehenden Veränderungen – und sagt Europa Umwälzungen voraus.

Diese Umwälzungen sind das, was wir im Titel Flüchtlingsrevolution nennen. Revolution, so der Wirtschaftshistoriker Jürgen Nautz in seinem Standardwerk Die großen Revolutionen der Welt, ist ein »plötzlicher politischer oder gesellschaftlicher Umsturz bestehender Zustände«, im engeren Sinne entstanden mit der Französischen Revolution, später dann »verallgemeinert und für grundlegende Veränderungen, plötzlichen Wandel und Neuerung gebräuchlich«. Für die Philosophin Hannah Arendt steht im Mittelpunkt jeder Revolution die Freiheit, nicht nur für einzelne, »sondern Freiheit für alle, und dies mag der Grund sein, warum die Revolution selbst … umso moderner und zeitgemäßer geworden ist, je mehr die ›Idee‹ der Menschheit sich durch die moderne Technik zu einer handgreiflichen Realität entwickelt hat.«

Ihr Buch Über die Revolution schreibt Arendt 1963, als sie in New York lebt – selber Flüchtling, wie sie in einem anderen Aufsatz betont. Schon damals sieht Arendt die Welt zusammenrücken, sieht sie die Menschheit vom Abstraktum (der Idee) zur Realität werden. Heute, im Zeitalter von Internet und Social Media, ist die Welt so eng zusammengerückt wie nie zuvor – und die Revolution, folgt man Arendt, das passende Phänomen unserer Zeit. Das World Wide Web hat erstmals eine Weltgesellschaft geschaffen, die fast allen zur Ansicht offensteht. Gleichzeitig sind die Ziele, die die Flüchtlinge vor Augen haben, die gleichen wie 1789 in Paris: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Die Flucht in die Gewinnerländer der globalisierten Wirtschaft ließe sich auch mit Marx begründen, der Revolutionen als zwangsläufig betrachtete: Die marginalisierte Mehrheit vor allem im globalen Süden entspräche dann der unterdrückten Arbeiterklasse, deren wirtschaftliche und soziale Verhältnisse hinter der technisch-industriellen Entwicklung im herrschenden globalen Norden zurückbliebe. Diese verhinderte Entwicklung wird Marx zufolge ruckartig nachgeholt: in einer Revolution. Ob man Marx mag oder nicht, der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und Flucht ist kaum zu leugnen. Deshalb ist das Gerede von der Flüchtlingskrise gleich in mehrfacher Hinsicht irreführend.

In einem Interview mit dem ORF fragte mich ein Moderator kürzlich, ob ich glaubte, Europa sei durch Flüchtlinge aus Afrika gefährdet. Ich war ehrlich verblüfft – und antwortete ihm, dass Europa natürlich überhaupt nicht in Gefahr sei, sondern vielmehr die Menschen, die dorthin flöhen. Anders gesagt: Nicht wir Bleibenden sind Opfer einer Krise, es sind die, die fliehen. Der Begriff der Flüchtlingskrise unterstellt aber auch, diese lasse sich »bewältigen«, die ursprünglichen Verhältnisse ließen sich wiederherstellen. Das ist nicht der Fall. So unterschiedlich die Schicksale in diesem Buch auch sind: Sie alle zeugen von einem grundsätzlichen Wandel. Die Verhältnisse haben sich bereits verändert und sie werden es weiterhin tun. Mit welchem Ergebnis genau, ist offen, wie bei jeder Revolution.

Blick in die deutsche Fremde

Wir Autoren dieses Buchs sind Auslandskorrespondenten und haben uns in einem Netzwerk namens weltreporter.net zusammengeschlossen. Uns alle eint, dass wir seit vielen Jahren jenseits der alten und in einer neuen Heimat leben, aus der wir berichten. Wie viele von uns, habe auch ich noch ein Standbein in Deutschland. Mehrmals im Jahr bin ich auf der Insel Rügen und habe auch deshalb das Gefühl, dass Deutschland mir nicht fremd geworden ist. Als ab September 2015 jedoch Sonderzüge mit in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen nach Deutschland kamen, sich an den Grenzübergängen immer längere Schlangen von Asylbewerbern bildeten, Bahnhöfe zu Empfangszentren wurden und Turnhallen zu Notaufnahmelagern, da fiel es mir dennoch schwer, die Fernsehbilder mit meinem Bild von Deutschland in Einklang zu bringen.

Auf der einen Seite jubelnde Willkommenskomitees mit Plakaten, auf der anderen Seite Protestmärsche mit dumpfen Parolen. Dazwischen Politiker, die sich größtenteils hüteten, klare Aussagen zu treffen. Vielleicht aus Angst vor der Reaktion der Wähler, wohl aber auch aus Unsicherheit. Die Situation erinnerte mich an den 9. November 1989, als in Berlin vollkommen unerwartet die Mauer fiel. Ich war Zwölftklässler in Köln und damit ungefähr so weit von der Grenze zur DDR entfernt, wie man es in der alten Bundesrepublik nur sein konnte. Auch damals war auf einmal alles anders, hatten sich die Grundkonstanten von Gesellschaft und Politik über Nacht verändert. Die Trabbis, die über die Grenze kamen, das eilig eingeführte Begrüßungsgeld, Diskussionen über die angeblich viel zu hohen Belastungen des Bundeshaushalts durch die nahezu bankrotte DDR.

Zusammen mit meiner Freundin erkundete ich über die folgenden Karnevalsferien in ihrem rostigen Opel Kadett bis dahin für mich unerreichbare Städte. Damals, 1990, kam ich zum ersten Mal nach Rügen. Und natürlich war alles vollkommen anders, als ich es mir nach den Fernsehbildern vorgestellt hatte. Der Alltag ging weiter, in den Bäckereien wurden diese steinharten Brötchen gebacken, die es nur in der DDR gab. Die Menschen kamen mit uns ins Gespräch, und offenbar war es so, als versuche ein jeder nach der anfänglichen Verunsicherung, sein weiteres Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Noch wurden die Heringskonserven aus dem VEB Fischkombinat Sassnitz in die Konsum-Regale geräumt, obwohl jeder ahnte, dass es bald weder Kombinat noch Konsum geben würde. Es war die Zeit nach der friedlichen Revolution. Wie, fragte ich mich, würde es diesmal sein?

Das Dorf, in dem ich wohne, wenn ich auf Rügen bin, ist keines der reichen Seebäder, die gut vom Tourismus leben können. Es liegt an der Boddenküste und ist ansonsten umgeben von Feldern, die bis zum Horizont reichen und von einer LPG bewirtschaftet werden, die heute Agrarprodukt GmbH heißt. Es gibt eine Kirche aus dem 14. Jahrhundert, die auf einem der wenigen Hügel in dieser Gegend steht und in der es selbst im Hochsommer so kalt ist, dass der Pfarrer seinen Gottesdienst aufs Allernötigste beschränkt. Dann ist da noch der Einkaufsladen, dessen Verkaufsraum an die Wohnräume des Besitzers grenzt, wo eine ohrenbetäubende Klingel schrillt, sobald die Ladentür geöffnet wird. Und ein Gasthaus. 311 Menschen leben hier, im kurzen Sommer kommen ein paar Dutzend Feriengäste hinzu. Aus LPG-Zeiten gibt es noch ein paar Plattenbauten, gleich neben dem Fußballplatz. Doch nur wenige Wohnungen darin wurden saniert, auch weil niemand dort einziehen wollte. Genau in diese Plattenbauten aber sollten nun Flüchtlinge ziehen, wie der Landkreis der Gemeindevertretung mit nur wenigen Wochen Vorlauf mitteilte.

Bei der kurzfristig angesetzten Gemeindeversammlung meldeten sich lautstark Empörte und Entsetzte zu Wort. Ob die Gerüchte stimmten, dass hundert Flüchtlinge kommen sollten? Dabei hatten die Behörden gar keine Zahlen genannt. Eine schwangere Frau behauptete, man könne sich ja nicht mehr sicher fühlen, wenn man mit dem Kinderwagen durch das Dorf spaziere. Eine Unterschriftensammlung wurde geplant, um gegen die Sanierung der leerstehenden Plattenbauwohnungen zu protestieren. Dass dafür überhaupt Geld vorhanden sei, wo es doch sonst an allen Ecken und Enden fehle, prangerte ein anderer an. Dann erhob sich eine alte Frau. Es sei einfach eine moralische Pflicht, den Fliehenden zu helfen, wetterte sie – und überhaupt, von wegen luxuriöse Wohnungen: »Ich habe mir diese Wohnungen angesehen: nicht einer von Euch wäre bereit, dort einzuziehen.«

Nur wenige Wochen später kamen die Flüchtlinge ins Dorf, drei Familien aus Syrien, eine aus Tschetschenien. Die Wohnungen waren renoviert worden, aber viel war nicht drin, nur das Nötigste: Tisch, Stühle, Bett, ein Herd, den sich jeweils zwei Familien teilen mussten. Und es geschah, womit nach dem Aufruhr bei der Bürgerversammlung nicht wirklich zu rechnen gewesen war. Die ersten Dorfbewohner klopften an die Tür und brachten das Fehlende. Einer hatte noch Hemden im Schrank, die er erübrigen konnte, ein anderer Kochtöpfe. Der Wassersportverein erkannte das Problem, dass die Bewohner des Plattenbaus keinerlei Zerstreuung hatten – sie konnten wenig mehr tun, als die Wände anzustarren. Im Dorf wurde Geld für Fernseher und Satellitenschüsseln gesammelt, die Mitglieder des Vereins anschraubten. So ging es weiter. Selbst die, die vorher Unterschriften gesammelt hatten, halfen. Es fehlten Gardinen – jemand kaufte sie beim wenige Kilometer entfernten Händler, der sofort den Preis reduzierte, schließlich sei es ja für die Flüchtlinge. Ein paar alte Fahrräder wurden aufgetrieben und repariert, so dass die neuen Bewohner mobil waren. Sprachkurse wurden organisiert, einmal die Woche im Gemeindehaus. Bei der nächsten Gemeindeversammlung lernte man sich bei Tee und Kuchen kennen, und als die Frage aufkam, was man gemeinsam tun könnte, schlug eine Naturschützerin vor, man könne ja die wilden Müllkippen im Wald aufräumen, um die sich seit der Wende keiner gekümmert habe.

Und so trafen sich mehr als zwanzig Männer, Frauen und Kinder – neue und alte Dorfbewohner – am Karfreitag und räumten einige Stunden lang alte Fässer, Plastikplanen, Glasflaschen und Müllsäcke aus einem Waldstück auf einen großen Haufen, der nach den Feiertagen von der Müllabfuhr entsorgt werden sollte. »Es ist toll, etwas zu tun zu haben, wir verbringen ja so viel Zeit mit Warten«, sagte in einer der Pausen Mohammed, ein syrischer Familienvater, der Einzige, der sich auf Englisch verständigen konnte. »Wir sind sehr glücklich hier. Die Leute sind freundlich, und wir versuchen, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, damit wir noch mehr am Leben teilhaben können.« Er lud uns ein in seine Wohnung, denn Besuch, das fehle ihnen am meisten, sagte er. Nicht viele Leute im Dorf sprechen Englisch. Die Flüchtlinge sind oft einsam, auch wenn sie freundlich aufgenommen wurden. Ich war nicht nur erstaunt. Ich war beeindruckt. Und stolz auf mein Dorf. Die Ängste, die Zweifel, die anfängliche Abwehrhaltung waren einer zutiefst menschlichen Hilfsbereitschaft gewichen. Da hatte niemand das Kommando geführt, jeder hatte für sich entschieden, wie er am besten helfen könnte – wie, nicht ob. »Die Flüchtlinge« hatten sich als Mitmenschen entpuppt, und »die Dorfbewohner« ebenso. Natürlich gab es immer mal wieder Haken und Ösen, ging nicht alles märchenhaft glatt. Aber es ging, und das besser, als ich es für möglich gehalten hatte.

Eine Insel voller Flüchtlinge

Vielleicht spielt eine Rolle, dass viele ältere Rüganer Flucht aus eigener Erfahrung kennen. Bei der Volkszählung 1946 lebten 370565 Vertriebene auf Rügen, mehr als zwei von fünf Inselbewohnern. Sie waren im oder nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Insel geflohen – viele gegen ihren Willen. Schon während des Kriegs galt Rügen unter den nach Westen fliehenden Ostpreußen als Sackgasse, als »Mausefalle«. Wer konnte, zog an ihr vorbei nach Westen. Doch Irene Beilke, die im März 1945 mit ihrer Familie als Achtjährige aus Hinterpommern floh, war froh, es hierher geschafft zu haben. »Wir mussten mit Pferd und Wagen über die Oderbrücke, die sollte gesprengt werden – und in der Brücke waren schon große Löcher, wenn da ein Wagen steckenblieb, kam man nicht weiter.« Hinter der Oderbrücke wurde geschossen, Kampfflugzeuge waren am Himmel. Der Krieg war noch nicht vorbei. »Wir haben in Ställen, in Scheunen und in einem Feldlager übernachtet«, erinnert sie sich. »Einmal, in Eggesin, durften wir in einem Farmhaus übernachten, gemeinsam im Ehebett – und vor allem konnten wir uns da endlich mal wieder ordentlich waschen.«

Es sind kleine Erinnerungen von einer Flucht in ständiger Lebensgefahr. Manch vergessene Bilder von damals kommen heute wieder hoch, sagt Elisabeth Sackel. »Die Flüchtlingswelle, die Bilder von diesen Trecks, das weckt Erinnerungen.« Gemeinsam mit einer dritten Freundin, Helga Kinzel, ist Elisabeth Sackel nach Kriegsende aus dem Sudetenland nach Rügen geflohen. Jetzt sitzen die drei in Elisabeth Sackels Wohnzimmer in Gingst, einer Kleinstadt im Westen der Insel, und sprechen von der Flucht – damals und heute. »Natürlich haben wir Mitleid mit den Flüchtenden«, sagt Helga Kinzel. »Vor allem mit den Kindern.« »Es muss wirklich schlimm sein, wenn die Leute sich auf einen solchen Weg machen«, ist sich Irene Beilke sicher. Die anderen beiden nicken.

50 Kilogramm pro Kopf durften die Sackels mitnehmen, als sie im August 1946 aus dem Sudetenland aufbrechen mussten. Mit Säcken und voll beladenen Wagen, auf denen kaum mehr Platz war für Kinder oder Fußlahme, zogen sie in Richtung Westen. Gerade einmal fünf Stunden hatten sie, um zu packen, doch die Sackels waren wenigstens gewarnt. »Andere waren ja schon vor uns geflohen, wir wussten, was kommen würde, konnten uns vorbereiten.« Auf Rügen angekommen, hieß es für die nach wochenlanger Flucht entkräfteten Flüchtlinge zunächst, es gebe keinen Platz für sie. Schließlich fand sich doch noch ein Eisenbett in einem Durchgangszimmer für die Eltern, eine Abstellkammer für die Kinder. »Zwei, drei Jahre waren wir da, wir Kinder sind aufs Feld gegangen, Kornähren sammeln, meine Eltern haben nachts beim Dreschen geholfen – wenn sie dafür einen Liter Milch bekamen, war das schon ein guter Lohn.«

Auf der Insel anzukommen, war nicht leicht. »Die Kinder haben erst nicht mit uns spielen wollen«, erinnert sich Irene Beilke. Die Rüganer sprachen Platt, das die Vertriebenen nicht verstanden; die Sudetendeutschen waren Katholiken, die Insulaner Protestanten. »Wir haben unseren Glauben mitgebracht«, sagt Elisabeth Sackel. »Das war schon anders als hier.« Und obwohl die Flüchtlinge meist besser ausgebildet waren als die Inselbewohner, gab es zunächst kaum Arbeit für sie. Das änderte sich mit der Zeit. »Als wir die Schule abgeschlossen hatten, waren wir schon gleichberechtigt«, meint Helga Kinzel.

Wenn man heute mit den drei Frauen spricht, die Kaffee aus bunten Porzellantassen trinken und dazu hausgebackenen Blechkuchen essen, dann weist nichts darauf hin, dass sie nicht schon immer Rüganer gewesen sind. Viele Vertriebene verließen die Insel mit der Zeit, doch manch einer blieb. Fünfzig Jahre nach Kriegsende, 1996, war immerhin knapp jeder achte Rüganer ein Vertriebener, ein Flüchtling also. Für den Umgang mit den neuen Flüchtlingen, die auch auf Rügen ankommen, plädieren die drei Frauen für Toleranz und ab und zu auch für einen Blick zurück, um aus der Vergangenheit zu lernen. »Die, die heute Häuser für die Flüchtlinge anzünden, haben wohl vergessen, dass ihre Großeltern auch mal Flüchtlinge waren«, regt sich Irene Beilke auf.

Irene Beilke, Elisabeth Sackel und Helga Kinzel sind nach ihrer Flucht voll und ganz auf Rügen angekommen, auch wenn sie etwa sprachliche Eigenheiten aus der alten Heimat beibehalten haben, wie sie selber sagen. Wenn man sie lässt, dann sollte das Mohammed aus Syrien in dem kleinen Dorf auf Rügen wohl ebenso gelingen, und auch dem Iraker Abdullah oder dem Nigerianer Umaru in Genf.

Ameena aus Syrien beschreibt im Vorwort zu unserem Buch, wie groß ihre Furcht werden musste, um sich für die Flucht zu entscheiden – und wie viel Angst sie auf der Flucht durchleiden musste. Jetzt fühlt sie sich zum ersten Mal seit Jahren in Sicherheit und versucht bereits, anderen zu helfen, die ein ähnliches Schicksal wie sie erlitten haben. Sie ist fest entschlossen, ein nützlicher Teil der Gesellschaft zu werden, die sie aufgenommen hat. Das Gleiche passiert zur gleichen Zeit an vielen Orten, überall auf der Welt. Hinter jeder einzelnen der Millionen Fluchten steht ein persönliches Schicksal. Einige dieser Lebenswege beleuchten wir in diesem Buch. Gemeinsam verändern sie die Welt, wie wir sie kennen. Wer flieht und in seiner neuen Heimat bleibt, verändert sie und ebenso sich selbst. Auch wer nach einer Flucht zurückkehrt, ist nicht mehr derselbe wie zuvor. Die Gesellschaft, die ihn aufgenommen hat, ist nicht mehr die gleiche, ebenso wenig wie der Ort, an dem ein Flüchtling einst aufbrach. Seine Rückkehr wird ihn zusätzlich verändern.

Die Welt nach der Flüchtlingsrevolution kann eine solidarische Welt sein, eine gerechtere, eine vielfältigere, in der wir viele der Krisen von heute hinter uns gelassen haben werden. Ob es tatsächlich so kommt, liegt in unser aller Hand.

1 Von Syrien in den Libanon Berqayel und seine neuen Bewohner THERESA BREUER

Knapp hundert Kilometer sind es bis in das Dorf Berqayel, in dem sie die syrischen Flüchtlinge wie Brüder und Schwestern aufgenommen haben. Die Reise dorthin beginnt in der libanesischen Hauptstadt Beirut, jenem Ort im Nahen Osten, der noch immer Sehnsüchte weckt. Wie kaum ein anderer ist er auf seine glorreiche Vergangenheit fixiert, hört nicht auf, von den Tagen zu erzählen, als Brigitte Bardot noch mit ihm tanzte und Peter O’Toole, der Lawrence von Arabien, an seinen Bars trank. Es hat fast etwas Verzweifeltes, wie sich die libanesische Hauptstadt an das Klischee klammert, das Paris des Nahen Ostens zu sein. Schon lange zieht es den Jetset an andere Orte. Schon lange ist Beirut zu laut, zu schmutzig, zu heruntergekommen.

Die Narben ihres 15 Jahre währenden Bürgerkriegs, der 1990 endete, hat die Stadt dick, aber stellenweise dürftig überschminkt. Die Zeichen der Zeit lassen sich nur schwer übertünchen. Doch sie versucht es weiterhin, wie auch ihre Einwohnerinnen, die morgens in pinken Tops und mit farblich abgestimmtem Lippenstift die Uferpromenade entlangjoggen. Das Zentrum Beiruts ist wieder aufgebaut, aber es gleicht heute einem Disneyland für Orientalisten. Die Architektur, der französischen Kolonialzeit und dem Osmanischen Reich nachempfunden, fremdelt mit dem Rest der Stadt.

Beirut, das ist auch der Ort, von dem es heißt, seine Bewohner tanzten noch durch jeden Krieg. Und tatsächlich: Nachdem im November 2015 zwei Selbstmordattentäter der Terrororganisation »Islamischer Staat« im schiitischen Stadtteil Burj al-Barajneh 43 Menschen in den Tod gerissen hatten, waren die Bars am nächsten Abend wieder voll, als sei nichts geschehen. Ob das ein Akt des Widerstands gegen den Terror, Nihilismus oder mangelndes Mitgefühl der christlichen und sunnitischen Bevölkerung gegenüber den schiitischen Opfern war, sei dahingestellt.

Die Reise führt raus aus Beirut, Richtung Norden. Es geht nur schleppend voran. Der Verkehr staut sich, wie fast immer, die Autofenster müssen wegen der Abgase geschlossen bleiben. Auf der Windschutzscheibe spiegeln sich die Leuchtreklamen für amerikanische Fast Food-Ketten und mit Diamanten besetzten Schmuck internationaler Luxusmarken.

Die Straße schlängelt sich vorbei an Byblos, einem Ort, der sich vom Fischerdorf zur Weltstadt entwickelte und in dem die Phönizier vor 3000 Jahren die erste alphabetische Schrift entwickelten, bevor Byblos wieder zum Fischerdorf wurde. Noch heute berufen sich viele Libanesen lieber auf diesen Teil der Vergangenheit, identifizieren sich mehr mit dem, was Jahrtausende zurückliegt, als mit der jüngeren Geschichte. »Eigentlich sind wir gar keine Araber, eigentlich sind wir Phönizier«, ist ein Satz, der gerne in Beiruter Restaurants fällt, in denen Dünkel in der Luft und Kronleuchter an der Decke hängen.

Spätestens in Tripoli, der zweitgrößten Stadt des Landes, lässt sich nichts mehr überschminken. Die Mercedes-Taxis auf den Straßen sind alt und rostig, viele Häuser von Einschusslöchern übersät. Es geht vorbei an Bab al-Tabbaneh und Jabal Mohsen, zwei verfeindeten Vierteln, die sich seit Jahrzehnten bekriegen. Die Frontlinie, die die Viertel trennt, trägt einen fast prophetischen Namen: Syrienstraße. Denn wie die Aufständischen in Syrien sind auch die Bewohner von Bab al-Tabbaneh sunnitisch. Und wie das Regime des syrischen Diktators Bashar al-Assad hängen die Bewohner Jabal Mohsens dem alawitischen Glauben an. Der Krieg in Syrien ist für sie ein willkommener Anlass, die Kämpfe in regelmäßigen Abständen wieder aufleben zu lassen.

Nach Tripoli wird der Verkehr dünner und werden die Straßen schmaler. Kein Pizza Hut- oder Starbucks-Schild leuchtet mehr, kein gigantisches Plakat wirbt für eine Fettabsaugung oder Haartransplantation. Stattdessen: Militärcheckpoints, Kebab-Läden, Autoreifenhändler.

Hundert Kilometer liegen zwischen Beirut und dieser Region, die Akkar heißt. Es könnten auch Welten sein. Glamour, sei er noch so verblichen, sucht man hier vergebens. Auf den Straßen begegnen einem keine Frauen in Stilettos und mit bis zur Unkenntlichkeit gestrafften Gesichtern. Die Autos, die einem den Weg abschneiden, haben keine V8-Motoren. Und niemand schwärmt davon, dass der Libanon das einzige Land auf der Welt sei, in dem man morgens in den Bergen Skifahren und nachmittags im Mittelmeer baden könne.

Im libanesischen Armenhaus

Akkar ist eine der ärmsten Regionen des Landes. Sie umfasst ein Gebiet von 788 Quadratkilometern und teilt eine hundert Kilometer lange Grenze mit Syrien. Die Einwohner, von denen über 60 Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben, arbeiten beim Militär oder bewirtschaften Farmen. Einige verdingen sich als Benzinschmuggler. Es ist ein fast vergessenes Gebiet, in dem die Menschen eher auswandern als zuziehen.

Das galt zumindest bis 2011. Dann brach ein Sturm im Nahen Osten los, der die Region erst in enorme Hoffnung versetzte – und bald in tiefste Depression stürzte. Der Krieg in Syrien, einer der blutigsten der jüngeren Geschichte, ordnete die politische Landschaft der gesamten Region neu, forderte hunderttausende Menschenleben und zwang Millionen zur Flucht. Auch in den benachbarten Libanon flohen sie. Über eine Million Flüchtlinge haben sich inzwischen hier angesiedelt. Allein in Akkar sind mehr als 100000 Syrer offiziell registriert – bei rund 250000 Libanesen.

ENDE DER LESEPROBE