Das große Buch der Indianer-Märchen -  - ebook

Das große Buch der Indianer-Märchen ebook

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Opis

Dieser Sammelband enthält die Texte der vergriffenen Einzelbände "Büffelfrau und Wolfsmann" und "Der grüne Vogel" sowie Auszüge aus dem "Indianerlexikon". Es handelt sich bei dieser Sammlung um indianische Märchen und Mythen aus Nord- und Mittelamerika. Der Herausgeber Frederik Hetmann hat sich die Geschichten entweder selbst erzählen lassen oder er hat auf Quellen zurückgegriffen, die frei von den Veränderungen und Verfälschungen der Weißen sind, die die Märchen erstmals zu Papier gebracht haben. (Die indianischen Völker hatten keine Schriftsprache, alle Erzählungen wurden mündlich weitergegeben.)Die Motive reichen von den Mythen über den Beginn der Menschenwelt bis zu den Geschichten über Helden und Gauner.Die Textauswahl aus dem Indianerlexikon liefert das Hintergrundwissen zu den einzelnen Stämmen, ihren Mythen, Traditionen, Lebensräumen und Zeremonien.

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Über dieses Buch

Diese einmalige Sondersausgabe vereint Märchen, Mythen und Wissenswertes aus drei Einzelbänden, herausgegeben von Frederik Hetmann (»Büffelfrau und Wolfsmann«, »Indianerlexikon«, »Der grüne Vogel«).

In einem Nachwort erläutert der bekannte Experte die große Bedeutung der mündlichen Überlieferungen der amerikanischen Ureinwohner.

Diese Erzählungen gehören zum Weltkulturerbe, und sie wirken gerade in der heutigen Zeit besonders spannend und eindrucksvoll. Mythen und Märchen sind vielleicht die verlässlichsten Zeugnisse über Leben und Bewusstsein der Indianer, da sie aus einer Zeit herrühren, in der indianische Kultur und Zivilisation noch nicht durch die Weißen beeinflusst oder zerstört worden war. Sich absetzend von den beiden historischen Klischees der Indianerbetrachtung – dem des „edlen Wilden« und dem des zur Ausrottung freigegebenen »Barbaren« –, entsteht in diesem Buch ein Bild von der faszinierenden Phantasiewelt der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents.

Über den Herausgeber

Frederik Hetmann (Hans-Christian Kirsch), geb. 1934 in Breslau, hat zahlreiche, preisgekrönte Romane, Biographien und Jugendbücher veröffentlicht. Er galt als hervorragender Kenner der indianischen Überlieferungen. Der populäre Autor lebte in Limburg/Lahn, wo er 2006 starb.

Das große Buch der

Indianer-Märchen

zum Erzählen und Vorlesen

Herausgegebenvon Frederik Hetmann

KÖNIGSFURT–URANIA

Neu zusammengestellte Sonderausgabe, teilweise gekürzt, der folgenden Märchenbände: »Der grüne Vogel«, »Büffelfrau und Wolfsmann« und »Das Indianer-Lexikon«. Alle Titel herausgegeben von Frederik Hetmann.

Bibliographische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe2015 Krummwisch bei Kiel

© Frederik Hetmann c/o Montasser Media© 2015 by Königsfurt-Urania Verlag GmbHD-24796 Krummwischwww.koenigsfurt-urania.com

Redaktion: Harald Jösten, Claudia Lazar (Wissenswertes über dieIndianerstämme Mittel- und Nordamerikas)Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Seedorf, unter Verwendung desfolgenden Motivs: »Sketch of tattoo art, indian head, chief, vintage style«© Fernando Cortés – Fotolia.com

Satz: Satzbüro Noch & Noch, Menden

ISBN 978-3-86826-303-9

INHALTSVERZEICHNIS

BÜFFELFRAU UND WOLFSMANN

DIE SCHÖPFUNG

Vater ist das Nichts GARY SNYDER

Die Mutter aller Dinge OKANAGON

Das Zeitalter der Großen Leere LUISENO

Der Flammende Fels OMAHA

Das Auftauchen JICARILLA-APACHEN

Der Ausstieg aus der Unterwelt HOPI

Die Schöpfung des ersten Mannes und der ersten Frau NAVAJO

Wie die Frauen und die Männer wieder zusammenkamen BLOOD-PIEGAN

Die Frau, die vom Himmel fiel SENECA

Die Weltordnung und die Ordnung der Welten DELAWARE

Das Lied vom himmlischen Webstuhl TEWA

SONNE, MOND UND STERNE

Gebet an die Sonne BLACKFOOT

Das Land im Himmel KARIBOU-ESKIMO

Medizinspruch TAKELMA-OREGON

Die Kinder der Sonne OSAGE

Der Rabe bringt das Licht TSIMSCHIAN

Die Tochter der Sonne CHEROKEE

Der Mond vergewaltigt seine Schwester, die Sonne INUIT

Der Ursprung der Plejaden und der Pinie CHEROKEE

Das Sternenmädchen CHIPPEWAY

Der Junge, der die Sonne fing MENOMINI

Der-über-den-ganzen-Himmel-geht TSIMSCHIAN

Ein schwerer Sack voller Wärme SLAVEY

Roher Gaumen und die Weiße Eulenfrau ARAPAHO

DER KULTURBRINGENDE HELD

Die Reise der Zwillinge zu ihrem Vater, der Sonne NAVAJO

Die Geburt

Der Besuch im Himmel

Die Geschichte der ersten Mutter ALGONKIN

Der Junge aus dem Blutklumpen BLACKFOOT

Die Spinnenfrau PAWNEE

Der Steinjunge BRÛLÉ-SIOUX

Der Schäbige bringt das Licht TOLTEKEN

Die Büffelfrau CHEYENNE

Wie den Menschen der Büffel geschenkt wurde APACHEN-COMANCHEN

MÄNNER, FRAUEN UND DIE LIEBE

Spruch, um Liebe anzuziehen CHEROKEE

Die Frau, die den Mondmann liebte BILCHULA

Der verzauberte Baum CHILCOTIN

Der Schmetterlingsmann MAIDU

Liebeszauber YANA

Liebeslied NOOTKA

Die Winterfrau BLACKFOOT

Die Schwester, die ihren Bruder liebte SHASTA

Umai YUROK

Vier Lieder der Chippeway CHIPPEWAY

Bruder Schwarz und Bruder Rot SENECA

Der Klang der Flöte SIOUX

Die treue Frau, die ein Krieger wurde TIWA PUEBLO-APACHEN

DIE WELT DER TIERE

Magische Worte ESKIMO

Das Mädchen, das einen Bären heiratete TLINGIT

Bemerkungen zum Trickster

lkteme und das törichte Mädchen BRÛLÉ-SIOUX

Wie der Coyote auf Wachteljagd ging NAVAJO

Der Coyote und die Hummel APACHEN

Der Coyote im Hagelschauer NAVAJO

Der Coyote und der Truthahn

Saynday und die kleine Rote Ameise KIOWA

GEHEIMNIS, SPUK UND GEISTER

Die verlorene Frau BLACKFOOT

Schwerer Kragen und die Geisterfrau BLACKFOOT

Wie man dreimal stirbt CHINOOK

Der Besuch im Geisterland PAWNEE

ZEREMONIEN, RITUALE UND HEILIGE GESCHICHTEN

Das Große Geheimnis SIOUX

Ein Indianer erzählt Sindbad, was Glück ist KALIFORNISCHE STÄMME

Was ist wakan?/mitgeteilt von Sword, TETON SIOUX

Was ist sicun?/mitgeteilt von Sword, TETON SIOUX

Die Zahl Vier/mitgeteilt von Tyon, TETON SIOUX

Der Kreis/mitgeteilt von Tyon, TETON SIOUX

Anrufung/mitgeteilt von Sword, TETON SIOUX

Ein Kachina-Lied ZUNI

Der Mann, der Manitou Vorwürfe machte FOX

Die Geburt eines Kindes wird angekündigt OMAHA

Traumgesang OTTAWA

Nachwort: Naturhaß und kosmisches Bewußtsein

DER GRÜNE VOGEL

Die Überlieferungen der mexikanischen und zentralamerikanischen Indianer

MYTHEN

Die Schöpfung der Welt MAYA

Als entschieden wurde, den Menschen zu schaffen

Das Lied von Quetzalcoatl AZTEKEN

Die Abenteuer der Zwillinge mit den Herren von Xibalba MAYA

VOLKSMÄRCHEN

Blancaflor

Juan Oso

Der Grüne Vogel

Das Pferd mit den sieben Farben

Ixte’que (Der Dieb)

Der arme Holzfäller

LEGENDEN UND SAGEN

Der Pujpatza

Kondoy

Die Geisterkinder

Mal de Ojo

Der Schweine-Mann

Die Welt

Der Hund, der Armadillos jagte

Das Hexenweib

Der Wein und der Teufel

Die Legende von Agustin Lorenzo

WISSENSWERTES ÜBER DIE INDIANERSTÄMME MITTEL- UND NORDAMERIKAS

Begriffe von A–Z

BÜFFELFRAUUNDWOLFSMANN

DIE SCHÖPFUNG

Der Vater ist das Nichts,die Frau Welle,ihr Kind die Materie.Materie treibt es mit seiner Mutter.Und ihr Kind ist Leben, eine Tochter.Die Tochter ist die Große Mutter,die mit ihrem VaterBruder Materie als GeliebtenBewußtsein zur Welt bringt.

Gary Snyder

Die Mutter aller Dinge

OKANAGON

Der Alte oder der Oberste schuf die Erde aus einer Frau und setzte fest, sie solle die Mutter aller Menschen sein. Also war die Erde einmal ein Wesen, und lebendig ist sie noch immer, aber es ist verwandelt worden, und wir sehen sie nicht mehr in der Weise, wie wir eine Person sehen. Dennoch hat sie Arme, Beine, einen Kopf, ein Herz, Fleisch, Knochen und Blut.

Die Erde ist das Fleisch, die Bäume und die Pflanzen sind ihr Haar, die Felsen ihre Knochen, und der Wind ist ihr Atem.

Sie liegt ausgestreckt da, und wir Menschen leben auf ihrem Leib. Sie zittert und zieht sich zusammen, sowie es kalt ist, sie dehnt sich aus, wenn sie bei Hitze schwitzt. Wenn sie sich bewegt, gibt es Erdbeben. Später verwandelte der Alte sie, er nahm etwas von ihrem Fleisch und formte daraus Bälle, wie es die Leute mit Erde und Ton tun. Das waren die Wesen der alten Welt.

Das Zeitalter der Großen Leere

LUISENO

Im Anfang war alles nur leerer Raum. Ké-vish-a-tak-vish war das einzige Wesen. Dieses Zeitalter nennt man »Om-ai-ya-mai«, was bedeutet »Leere«, »niemand da«. Dann kam die Zeit, die man Ha-ruh-rug heißt, »das Aufstoßen«, die Zeit, in der die Dinge ihre Gestalt gewannen. Darauf folgte die Zeit »Chu-tu-tai«, in der alle Dinge wieder zusammenbrachen, und darauf »Yu-vai-to-vai«, die Zeit der Dunkelheit ohne Licht und Sonne. In der Epoche »Tul-mul Pu-shim« aber wirkten tief unten im Herzen der Erde die Dinge wieder zusammen.

Dann brach die Zeit »Why-yai Pee-vai« an, da war es grau und glitzernd wie bei Rauhreif bei strengem Frost und die Zeit, die darauf folgt, nennt man »Na-Kai Ho-wai-yai«, die Periode des Stillstands.

Da machte Ké-vish-a-tak-vish einen Mann, Tuk-mit, den Himmel, und eine Frau, To-mai-yo-vit, die Erde. Es gab noch kein Licht, aber in der Dunkelheit wurden die beiden einander bewußt.

»Wer bist du?« fragte der Mann.

»Ich bin To-mai-yo-vit. Ich kann mich strecken, ich kann mich ausdehnen, ich kann mich schütteln, ich kann Echo geben, ich kann mich vermindern, ich bin ein Erdbeben, ich kreise, ich rolle, ich verschwinde. Und wer bist du?«

»Ich bin Ké-vish-a-tak-vish. Ich bin Nacht. Ich bin umgewendet. Ich bedecke, ich erhebe mich, ich verschlinge, ich überschwemme, ich ergreife. Ich schicke die Seelen der Menschen fort, ich schneide, ich durchtrenne.«

»Dann bist du mein Bruder.«

»Dann bist du meine Schwester.«

Und von ihrem Bruder, dem Himmel, empfing die Erde und wurde die Mutter aller Dinge.

Der Flammende Fels

OMAHA

Am Anfang aller Dinge war nur das Bewußtsein Wakondas. Alle Wesen, einschließlich der Menschen, existierten nur als Geister. Sie zogen umher im Raum zwischen der Eule und den Sternen. Sie suchten nach einem Ort, an dem sie zu körperlicher Existenz gelangen konnten. Sie stiegen auf die Sonne hinab, aber die Sonne war nicht geeignet als Wohnung. Sie betraten den Mond, aber auf ihm ließ es sich erst recht nicht gut wohnen. Dann stiegen sie auf die Erde. Sie sahen, daß sie mit Wasser bedeckt war. Sie trieben durch die Luft nach Süden und Norden, Osten und Westen. Überall war Wasser, nirgendwo fand sich trockenes Land. Da wurden sie traurig. Plötzlich erhob sich aus dem Wasser ein großer Felsen. Aus ihm hervor barsten Flammen, und das Wasser wurde als Wolken in die Luft geschleudert.

Trockenes Land erschien, die Gräser und die Bäume wuchsen. Die Schar der Geister stieg herab und wurde Fleisch und Blut. Sie nährten sich von Grassamen und den Früchten der Bäume, und das Land atmete Freude und Dankbarkeit gegenüber Wakonda, dem Schöpfer der Dinge.

Das Auftauchen

JICARILLA-APACHEN

Schwangerschaftsmythen sind typisch für die Pueblo, die Navajo und die Apachen im Südwesten der USA. Man stellt sich die Erde als ersten Mutterleib vor, die unterirdischen Gebirge repräsentieren die Schwangerschaft, die Leiter mit den zwölf Stufen den Geburtskanal.

Am Anfang war dort, wo jetzt die Welt steht, nichts. Es gab keinen Boden, keine Erde, nichts als Dunkelheit, Wasser und Zyklone. Es lebten auch noch keine Menschen. Nur die Geistermächte existierten an einem einsamen Ort. Es gab keine Fische, keine Lebewesen.

Die Geisterwesen aber waren da von allem Anfang an. Sie besaßen die Substanz, aus der alles geschaffen wurde. Sie machten erst den Kosmos, dann die Erde, dann die Unterwelt und dann den Himmel. Sie erschufen die Erde in Gestalt einer lebendigen Frau und nannten sie Mutter. Sie erschufen den Himmel in der Gestalt eines Mannes und nannten ihn Vater. Er blickt abwärts, die Frau aufwärts. Er ist unser Vater, sie unsere Mutter.

Im Anfang lebten alle Arten von Geisterwesen in der Unterwelt, nämlich an jenem Ort, an dem die Hervorbringung begann. Im Gebirge saß ein Geisterwesen. In den verschiedenen Arten von Früchten saßen Geisterwesen. Jedes Ding besaß sein eigenes Geisterwesen.

Damals lebten die Jicarilla-Apachen unter der Erde, an jenem Ort, an dem die Hervorbringung ihren Anfang nahm. Wo sie sich aufhielten, gab es kein Licht. Nichts als Dunkelheit. Alles war sehr geistgesättigt und heilig, eben wie es ein Geisterwesen ist. Dann schafften das Weiße Geisterwesen, das Schwarze Geisterwesen, der Heilige Junge und der Rote Junge Sand herbei. Es war Sand in vier Farben. Und sie brauchten auch Blütenstaub von Bäumen aller Arten. Sie ebneten eine Stelle, damit sie den Sand ausstreuen konnten. Sie glätteten den Platz mit Adlerfedern.

Sie hatten auch vier Farben von Erde: Schwarz, Blau, Gelb und Glitzernd.

Erst legten sie den Sand glatt hin. Dann machten sie vier kleine Erdhügel. In jeden steckten sie einige Samen und Früchte. Die Hügel standen in einer Reihe, die von Osten nach Westen verlief. Die erste Erhebung war aus schwarzer Erde, die nächste aus blauer, dann kam eine aus gelber und schließlich eine aus glitzernder Erde.

Ehe die Erhebungen zum Gebirge zu wachsen began-nen, nahmen die Heiligen Wesen eine Tonschüssel und füllten sie mit Wasser. Das taten sie, weil es des Wassers bedarf, wenn das Gebirge wachsen soll. Wie könnte es ohne Wasser so groß werden. Als dies geschah, gab es noch kein einziges hohes Gebirge. Aber sie schütteten die Tonschüssel aus und taten all die anderen Dinge hinzu… und das Gebirge begann zu wachsen.

Jedesmal wenn das Gebirge sich ausdehnte, gab es ein Geräusch… alle vier Erdhaufen wuchsen, dehnten sich aus und wurden zu einem Gebirge.

Alle, die zugegen waren, halfen. Sie arbeiteten alle mit, damit das Gebirge wuchs. Es wurde hoch. Die Menschen wollten es besteigen. Das Gebirge trug jetzt viel Frucht. Es gab Cottonwood- und Espenbäume, und Bäche flössen. Es gab viel von alledem. Yucca und andere Pflanzen, die Früchte trugen, wuchsen dort, alle Arten von Beeren und Kirschen.

Nun kamen die Leute zusammen und sangen, und das Gebirge wuchs weiter. Es wurde noch höher. Es wuchs um ein Vierfaches, und dann wuchs es nicht mehr. Die Vier Heiligen Wesen stiegen hinauf ins Gebirge. Sie sahen, daß die Spitze des Gebirges immer noch ein Stück vom Himmel entfernt war, und durch ein Loch konnten sie in die andere Welt blicken. Darauf hielten sie eine Ratsversammlung ab, um zu entscheiden, was sie als nächstes tun sollten. Sie schickten die Fliege und die Spinne hinauf. Die Spinne spann ihr Netz, und daran kletterten beide aufwärts. Deswegen geschieht es im Februar oder März, wenn die ersten warmen Tage kommen und sich die ersten Fliegen blicken lassen, daß diese sich in den Sonnenstrahlen tummeln und meinen, dies sei ein Spinnennetz. Man kann sehen, wie ein Sonnenstrahl durch das Fenster dringt und die Fliegen auf diesem Sonnenstrahl ins Haus kommen.

So stiegen die beiden dort hinauf, wo die Sonne steht. Sie nahmen vier Sonnenstrahlen, einen jeden in einer anderen Farbe, und flochten daraus ein Seil. Das ließen sie auf das Gebirge hinab. Die Seilstränge waren schwarz, blau, gelb und glitzernd, und die Heiligen Wesen verfertigten daraus eine Leiter. Und dann machten sie aus demselben Material zwölf Sprossen und fügten sie in die Leiter ein. Der Uraltvorfahr war der erste, der herabstieg. Dann folgte die Uraltvorfahrin, und dies war die erste Frau, die es gab. Beide hielten Stöcke in der Hand. Sie waren angezogen wie die Weiße Muschelfrau und wie das Wasserkind in der Pubertätszeremonie der Mädchen. Die anderen Wesen folgten. Die Männer gingen gen Osten, die Frauen gen Westen, die Kinder nach Norden und Süden.

Nach den Menschen kamen die Tiere.

Die Menschen stiegen aus einem Loch im Gebirge. Zu dieser Zeit war dies das einzige Gebirge auf der Erde, außer dem Feuersteingebirge im Osten. Alle anderen Gebirge entstanden später. Einige meinen, das Ursprungsgebirge liege nördlich von Durango in Colorado. Andere erzählen, es liege nahe Alamosa. Man hieß es das Große Gebirge.

Der Himmel ist unser Vater, die Erde unsre Mutter. Sie sind Mann und Frau, sie wachen über uns und beschützen uns. Die Erde gibt uns Nahrung, alle Früchte und Pflanzen kommen aus der Erde. Der Himmel gibt uns Regen, und wenn wir Wasser brauchen, beten wir zu ihm. Die Erde ist unsere Mutter. Aus ihr stammen wir. Als wir in diese Welt kamen, ging das genauso vor sich wie bei den Menschen im Anfang. Der Ort unseres Erscheinens ist der Leib der Erde.

Der Ausstieg aus der Unterwelt

HOPI

Die ersten Menschen lebten in der Unterwelt und waren dort glücklich. Aber dann kam mit der Gier nach Macht und Besitz Streit unter ihnen auf und mit dem Streit Mord und Totschlag. Die untere Welt stank so sehr, daß die Menschen nicht mehr darin leben mochten. Da versammelten sich die Häuptlinge und sprachen zueinander: Laßt uns erkunden, ob es nicht außer dieser Welt noch eine andere Welt gibt, eine, in der der Tod nicht wohnt; sie könnte unter uns sein oder über uns, im Norden oder Süden, im Osten oder Westen. Und sie zogen lange umher, in alle Himmelsrichtungen, fanden aber keinen Ausgang aus der Unterwelt.

Endlich sprachen sie untereinander: »Nein, wir allein sind nicht klug genug, um den Ausweg aus dieser Welt zu entdecken.«

Sie machten Zauberutensilien und sangen Zauberlieder und lockten einen Adler herbei und baten ihn, aufzusteigen und oben im Himmel zu suchen, ob es einen Ausstieg gäbe aus dieser Welt, in der der Tod war. Der Adler war ein sehr kräftiger Vogel, mit starken Schwingen, aber es dauerte einen ganzen Tag, ehe er wieder zurückkam. Er sagte, er sei sehr hoch hinaufgeflogen bis dorthin, wo es keine Lebewesen mehr gäbe. Er sei der Erschöpfung und einer Ohnmacht nahegewesen, und nirgends habe er ein Plätzchen gefunden, um sich auszuruhen. Endlich habe er aufgeschaut. Da sei ihm in der Decke des Himmels ein Spalt aufgefallen, durch den könne man vielleicht in eine andere Welt gelangen. Aber er habe umkehren müssen, denn sonst wäre er dort oben umgekommen, und keiner hätte die Nachricht zu ihnen bringen können, daß dort tatsäch-lich ein Ausstieg sei.

Nun, damit war nichts entschieden, aber sie faßten doch wieder Hoffnung, daß sie in eine bessere Welt entkommen könnten, in der es noch keinen Tod gäbe. Sie dachten lange darüber nach, wie es denn möglich wäre, den Spalt im Himmel zu erreichen und durch ihn in diese obere Welt hinaufzusteigen.

Sie versuchten, lange Leitern zu bauen, aber keine Leiter war lang genug, um daran auch nur so hoch zu klettern, wie der Adler gelangt war.

Sie überlegten dies und das. Die Weisesten unter ihnen gaben diesen Rat und jenen, aber keiner brachte sie dem Loch im Himmel näher. Da meldete sich einer, der bei den Beratungen der Häuptlinge eigentlich gar nicht hätte dabeisein dürfen, ein armer Junge in zerfetzten Kleidern.

Den Blicken, die sie ihm zuwarfen, war anzusehen, daß sie ihn verachteten. Er ließ sie das nicht entgelten. Er sagte: »Vielleicht ist mein Rat nicht mehr wert als die Lumpen, die ich auf dem Leib trage. Also schimpft nicht gleich und lacht mich nicht aus, wenn das, was ich vorschlage, nicht zum gewünschten Ziel führt. Aber glaubt mir, ich möchte euch helfen.«

»Also nun, was schlägst du vor?« fragten sie ihn.

»Es gibt ein Geschöpf«, sagte der Junge, »das ist ähnlich unbedeutend und verachtet wie ich. Es lebt in den Pinienwäldern und nährt sich von Nüssen. Deswegen kennt es sich auch mit diesen Bäumen gut aus. Es ist das Erdhörnchen. Wie wäre es, wenn ihr das Erdhörnchen rufen und es bitten würdet, einen dieser ganz hohen Bäume zu pflanzen, deren Wipfel über den Wolken stehen. Wir könnten dann vielleicht an den Ästen dieses Baumes hinaufklettern und würden so in die oberirdische Welt gelangen.«

Die meisten unter den Häuptlingen glaubten zwar nicht, daß der Rat eines so armen Jungen und die Hilfe eines so kleinen Tieres viel wert seien. Aber da schon alles versucht worden war, kam es ihnen nicht darauf an, auch noch diesen Versuch zu unternehmen.

Das Erdhörnchen wurde herbeigerufen. Es pflanzte eine Pinie. Es sprach einen Zauber über diesen Baum, und der wuchs auch mächtig hoch, aber sein Wipfel reichte nicht bis an den Spalt im Himmelsgewölbe.

Das Erdhörnchen stieg am Baum hinauf und versuchte, ihn oben noch ein Stück in die Länge zu ziehen. Das gelang ihm zwar, aber der Baum war immer noch zu kurz. Doch das Erdhörnchen gehört zu den Wesen, die nicht so schnell aufgeben. Es unternahm einen nächsten Versuch mit einer Fichte. Es steckte Fichtensaat in die Erde, sprach einen Zauber darüber, und ein Fichtenbaum wuchs auf, stärker und schöner als jeder Fichtenbaum, den man je zuvor gesehen hatte. Der Fichtenbaum war noch höher als die Pinie, aber noch nicht hoch genug. Immer noch fehlte ein ganzes Stück bis zum Spalt im Himmelsgewölbe. Und wieder lief das Erdhörnchen am Baumstamm nach oben und streckte den Baum, aber o weh, es reichte einfach nicht bis zu dem Spalt.

Die Häuptlinge waren verzweifelt. Einige schimpften, andere fluchten, und alle waren sich darin einig, daß von einem unwissenden Jungen und einem so unbedeutenden Tier freilich nichts Gutes kommen könne. Aber der Junge in den zerlumpten Kleidern sagte: »Warum gebt ihr so rasch auf? Es ist doch ein großes Ziel, in eine Welt zu kommen, in der es den Tod noch nicht gibt. Seht einmal, das Erdhörnchen beschämt euch. Es ist wieder fortgelaufen, um eine andere Pflanzensaat zu suchen.«

Diesmal kam das kleine Tier mit einem Bambussprößling zurück, und es hatte außerdem eine kleine Nußschale voller Wasser bei sich. Es goß das Wasser aus, so daß der Boden etwas feucht wurde an dieser Stelle, und dann steckte es den Bambussprößling hinein, einen Arm tief. Es bedeckte ihn wieder mit Erde, streute heiliges Mehl darüber, murmelte Zaubersprüche und Gebete und sprach darauf zu den Menschen: »Seid gewiß, diesmal wird es glücken!«

Und tatsächlich, der Bambus wuchs und wuchs und wuchs, aber kurz unter dem Spalt im Himmelsgewölbe hörte dann auch der Bambus auf zu wachsen. Viermal kletterte das Erdhörnchen zur Spitze hinauf, um ihn zu strecken, und beim fünften Mal streckte es ihn so weit, daß der Bambus durch den Spalt in die obere Welt reichte. Nun stiegen die ersten Menschen im Inneren des Bambusrohres hinauf. Das Erdhörnchen lief vor und biß eine Wendeltreppe in den Bambus, über die die Menschen schließlich in die obere Welt gelangten.

Zuvor hatten sie alle Himmelsrichtungen mit Maismehl und Blütenstaub vom Hybiskus bestreut, damit ihnen der Tod nicht folgen könne.

In der oberen Welt gefiel es ihnen sehr gut. Es gab Sonnenschein und Vögel, Gräser, Bäume, Früchte und Blumen. Eben alles, was es zu einer glücklichen Welt braucht. Nur wurde es abends dunkel. Da fürchteten sie sich, denn sie besaßen noch kein Feuer, um sich daran zu erwärmen und die Nacht zu erhellen.

Eines Morgens fehlte ein Kind. Sie suchten es überall. Es war nirgends zu finden. Da wurden sie nachdenklich. Sie suchten den nächsten Tag über, und in der Nacht kamen sie wieder zusammen und warteten, bis es wieder hell wurde, und dann setzten sie die Suche fort…

Die Nacht brach herein, und drei junge Männer aus den Stämmen der ersten Menschen suchten auch in der Nacht.

In der Ferne war ein winziges Licht zu sehen. Als es hell wurde, hatten sie weder das winzige Licht erreicht, noch hatten sie das verlorengegangene Kind gefunden. Dann aber stießen sie auf Fußspuren. Sie waren so groß, daß es die Abdrücke eines Riesen sein mußten. Also kehrten sie um und machten den Häuptlingen Meldung.

Die wandten sich nun mit ihren Fragen an den Jungen mit den zerschlissenen Kleidern. Der Junge sagte: »Ob es ein Ungeheuer oder ein Riese ist, wir täten gut daran, Zauberbündel herzustellen und sie dem mächtigen Nachbarn zum Geschenk anzubieten.«

Der Ausrufer wurde beauftragt, die Menschen, die Beeren und Grassamen sammelten, zu einer Zeremonie zusammenzurufen. Wie gewöhnlich rauchten die Späher, streuten heiliges Mehl auf die Zauberbündel, und dann liefen sie fort, um sie dem Fremden anzubieten. Diesmal kamen sie dem fernen Licht näher. Sie erkannten, daß es von einem Feuer herrührte und daß jemand an dem Feuer saß, das Gesicht von ihnen abgewandt. Sie konnten seinen Hinterkopf sehen. Der Kopf war so groß wie ein riesiger Kürbis und völlig ohne Haare. Sie riefen das Wesen an und fragten es, wer es sei, aber es gab keine Antwort. Sie riefen es ein zweites Mal an, und wieder antwortete es nicht. Sie fragten es, ob es vielleicht eine andere Sprache spreche als sie und sie deshalb nicht verstehen könne. Da sagte es, es sei sehr erstaunt, sie hier zu sehen. Bisher sei noch niemand so nahe an sein Feuer herangekommen.

Nachdem es dies gesagt hatte, wandte es sich dem Licht zu. Jetzt erkannten sie, daß sein Gesicht ganz blutig war.

Die Späher bekamen große Angst. Endlich aber faßten sie sich ein Herz und erklärten dem riesigen Wesen, daß sie ihm etwas mitgebracht hätten, ein Geschenk ihres Häuptlings, und daß ihr Stamm den Wunsch habe, mit ihm in guter Nachbarschaft zu leben. Sie stellten das Tablett mit den Zauberbündeln vor ihn hin, und er schien sich darüber zu freuen. Er gab ihnen dafür ein brennendes Scheit aus seinem Feuer und hieß sie, eilig zu den anderen zurückzu-laufen und dort Feuer zu entzünden, nicht nur eines, viele.

Die Späher fragten ihn nach dem verschwundenen Kind. Das riesige Wesen sagte, das Kind sei tot. Es sei ihm im Dunklen begegnet, fern vom Feuer. Sein Anblick habe das Kind so erschreckt, daß sein Herz aufgehört habe zu schlagen. Nun fragten sie ihn, warum sein Gesicht blutüberströmt sei, und er sagte, zuerst habe es zwei Riesen auf dieser Welt gegeben. Ihn und jenen, der ein Feuer besaß. Er habe den anderen gebeten, ihm auch etwas Feuer abzugeben, aber der andere habe nur gelacht und gespottet, es gäbe eben solche, die seien geboren, um im Licht zu leben, und andere, die müßten in der Dunkelheit zurechtkommen. Da habe er einen Stein aufgehoben und den Feuerriesen erschlagen. Blut sei aus der Wunde geflossen, und beim Schein einer Fackel habe er sein Gesicht darin gespiegelt. Seither sei es immer blutüberströmt.

Die Späher liefen eilends zurück. Sie entzündeten viele Feuer und berichteten den Häuptlingen, was sie erlebt hatten. Alle waren glücklich über das Feuer, weil es die Menschen wärmte und es Helligkeit gab in der Nacht. Aber alle wußten nun, daß es auch in dieser Welt den Tod gab.

Alle Menschen hatten die Mühsal beim Ausstieg aus der unteren Welt miterlebt, den langen beschwerlichen Weg herauf durch das Bambusrohr… und trotzdem verspürten manche unter ihnen schon wieder das Verlangen, abermals den Aufstieg in eine andere Welt zu versuchen. Die um das Feuer standen, froh über die Helligkeit in der Nacht und über die Wärme, die es ausstrahlte, sprachen über das Schicksal des Menschen. Einer von ihnen sagte: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder akzeptieren wir, daß überall, wohin man auch kommt, schon der Tod ist, oder wir machen uns wieder und wieder auf nach einer neuen Welt und geben nie die Hoffnung auf, endlich doch eine zu finden, in die der Tod noch nicht gekommen ist.«

Die Schöpfung des ersten Mannes und der ersten Frau

NAVAJO

Die ersten Menschen stiegen nach der Vorstellung der Navajo durch vier Welten auf. Aus jeder dieser Welten wurden sie vertrieben, weil sie miteinander stritten oder Ehebruch begingen. In den vorangegangenen Welten trafen sie nur Menschen, die so waren wie sie auch. In der vierten Welt aber begegneten sie dann den Kiani oder Pueblo.

Die Oberfläche der vierten Welt war gemischt schwarz und weiß, der Himmel war vorwiegend blau und schwarz. Es gab keine Sonne, keinen Mond, keine Sterne, aber gegen die vier Himmelsrichtungen hin sah man am Horizont vier hohe, mit Schnee bedeckte Berge. Die Navajo nennen sich selbst »Dine«, das Volk.

Die Bisexualität der ersten Menschen ist ein Muster, das in vielen Schöpfungsgeschichten rund um die Welt wiederkehrt.

Spät im Herbst hörten sie im Osten das Geräusch einer mächtigen Stimme, die etwas rief. Sie horchten und warteten, und bald kam die Stimme näher. Wieder horchten sie. Im nächsten Augenblick erschienen vier seltsame Wesen. Es waren dies: Weißer Körper, der Gott dieser Welt, Blauer Körper, der Sprüher, Gelber Körper und Schwarzer Körper, der Gott des Feuers.

Mit Zeichen versuchten die Götter die Menschen zu belehren, diese aber verstanden sie nicht. Als die Götter wieder fort waren, besprachen die Menschen diesen geheimnisvollen Besuch und versuchten, die Zeichen zu deuten, aber daraus wurde nichts.

Die Götter kamen an vier Tagen, und es war immer wie am ersten Tag. Doch am vierten Tag blieb Schwarzer Körper zurück und sprach zu dem Volk in seiner eigenen Sprache: »Ihr versteht unsere Zeichen nicht, also muß ich euch mit Worten sagen, was wir meinen. Wir wollen Menschen machen, die uns ähnlicher sind. Ihr habt Leiber wie wir, aber ihr habt Zähne und Füße und Klauen wie die wilden Tiere und die Insekten. Die neuen Menschen werden Hände und Füße haben wie wir auch. Auch seid ihr unrein, ihr riecht schlecht. Wir kommen in zwölf Tagen zurück. Sorgt dafür, daß ihr dann sauber seid.«

Am Morgen des zwölften Tages wuschen sich die Menschen sorgfältig. Dann rieben die Frauen ihren Körper mit gelbem Maismehl ab und die Männer ihre Körper mit weißem. Viermal hörten sie einen fernen Ruf. Das waren die herannahenden Götter. Als diese erschienen, trugen Blauer Körper und Schwarzer Körper beide ein heiliges Beinkleid. Weißer Körper hatte zwei Maiskolben bei sich, einen gelben und einen weißen, und beide waren sie dicht besetzt mit Körnern.

Die Götter legten ein Beinkleid auf den Boden, so daß es nach Westen wies, und dann legten sie die beiden Maiskolben so hin, daß sie nach Osten wiesen. Über diese breiteten sie das andere Beinkleid und richteten es nach Osten aus. Unter den Kolben mit weißem Mais legten sie die Feder eines weißen Adlers, und unter den von gelbem Mais die Feder eines gelben Adlers. Dann hießen sie die Menschen zurücktreten, damit der Wind Gelegenheit habe, hineinzufahren. Der weiße Wind blies von Osten, der gelbe von Westen. Während dies geschah, kamen acht Götter, die Wunderleute, und umkreisten die Gegenstände, die dort lagen, viermal. Dabei sah man, daß sich die Adlerfedern, deren Spitzen aus den Beinkleidern hervorschauten, bewegten. Als nun die Wunderleute ihren Umgang beendet hatten, wurde das Beinkleid aufgehoben. Die Maiskolben waren verschwunden und ein Mann und eine Frau lagen an ihrem Platz. Der weiße Maiskolben war zu einem Mann geworden, der gelbe zu einer Frau. Das waren nun der erste Mann und die erste Frau. Der Wind hatte ihnen Leben gegeben, wie der Atem, der durch unseren Mund geht, uns Leben verleiht. Wenn wir zu atmen aufhören, sterben wir.

Die Götter hießen nun das Volk eine Hütte aus Zweigen bauen, und als diese fertig war, gingen der erste Mann und die erste Frau hinein. Die Götter sprachen zu ihnen: »Lebt zusammen von nun als ein Paar!«

Am Ende des vierten Tages gebar die erste Frau Zwillinge, die waren zugleich männlich und weiblich. Vier Tage später brachte sie einen Jungen und ein Mädchen zur Welt, die waren nach vier Tagen erwachsen und lebten zusammen als Mann und Frau. Insgesamt hatten der erste Mann und die erste Frau fünf Zwillingspaare, und alle außer dem ersten wurden Mann und Frau und hatten Kinder.

Vier Tage, nachdem die letzten Zwillinge geboren worden waren, kamen die Götter wieder und brachten den ersten Mann und die erste Frau fort zu dem Gebirge im Osten. Das Paar blieb dort vier Tage, und als es zurückkam, nahm es alle seine Kinder für vier Tage ins östliche Gebirge mit. Die Götter lehrten sie dort die schrecklichen Geheimnise des Zauberns und Hexens. Hexen und Zauberer tragen immer Masken, und nachdem sie zurückgekehrt waren, setzten sie ihre Masken auf und baten um all die guten Dinge: viel Regen und reichte Ernten. Hexen heiraten auch Leute, die mit ihnen eng verwandt sind, wie es die Kinder der ersten Frau und des ersten Mannes getan haben.

Nachdem sie aus dem Gebirge im Osten heimgekehrt waren, trennten sich die Brüder und die Schwestern. Sie hielten ihre erste Heirat geheim, und Brüder wie Schwestern heirateten Wunderfrauen und Wundermänner. Aber nie verrieten sie jemandem die Geheimnisse, die sie von den Göttern gelernt hatten – nicht einmal ihren eigenen Familienangehören. Alle vier Tage bekamen die Frauen Kinder, die innerhalb von vier Tagen erwachsen waren und heirateten und dann ihrerseits innerhalb von vier Tagen Kinder zur Welt brachten.

Wie die Frauen und die Männer wieder zusammenkamen

BLOOD-PIEGAN

Ehe Utset, die Mutter der Menschen, diese Welt verließ, wählte sie sechs Sia-Frauen aus. Sie schickte eine nach Norden, eine nach Westen, eine nach Süden, eine nach Osten, eine in den Zenith und eine in den Nadir. Sie hieß sie, an jenen Punkten ihr Heim bereiten.

Auf diese Weise waren sie den Wolkenherrschern in allen Haupthimmelsrichtungen nahe und konnten bei ihnen für die Menschen vorstellig werden. Utset sagte ihrem Volk, in Zeiten der Not sollten sie sich dieser Frauen erinnern und dann würden diese bei dem Wolkenvolk für sie bitten.

Allein das Volk der Sia folgte dem Befehl von Utset und nahm den geraden Pfad, während alle anderen Menschen sich auf verschiedenen Wegen zum Mittelpunkt der Erde hin bewegten. Nachdem Utset fortgegangen war, reisten die Sia ein gutes Stück, und dann bauten sie ein Dorf aus schönem weißen Stein und lebten dort. Zu einer bestimmten Zeit litten die Eltern sehr unter der Macht eines Häuptlings, der fand, der Stamm dürfe sich nicht zu sehr vermehren, und der deswegen befahl, alle neugeborenen Kinder zu töten. Kaum hatten sich die Sia von diesem Unheil erholt, als es neue Probleme gab.

Die Sia-Frauen arbeiteten den ganzen Tag über schwer, sie bereiteten das Mehl und sangen, und bei Sonnenuntergang, wenn die Männer zu den Häusern zurückkamen, schimpften die Frauen sie häufig aus und sagten: »Ihr tut nicht gut. Ihr arbeitet nichts. Alles, wonach euch der Sinn steht, ist Nacht für Nacht mit uns Frauen zu schlafen. Wenn ihr einmal vier Tage verstreichen lassen würdet, hätten die Frauen gewiß mehr Freude an euch.«

»Ihr würdet euch wundern«, sagten die Männer, »wenn eure Männer nur alle vier Tage bei euch schlafen würden, wäret ihr schlecht dran.«

»Ha«, sagten die Frauen, »es ist genau umgekehrt. Ihr Männer würdet das nicht aushalten.«

Nun, der Streit wurde immer heftiger. Und schließlich riefen die Männer: »Und wenn wir zehn, zwanzig, ja selbst dreißig Tage ohne Frau wären, würde uns das nichts ausmachen.«

Die Frauen antworteten: »Das glauben wir euch nicht, aber was uns angeht, so wären wir froh, wenn wir euch einmal sechzig Tage los wären.«

»Sechzig Tage«, höhnten die Männer, »sechzig Tage sind schnell herum. Von uns aus könnten es fünf Monate sein.«

»Warum nicht gleich zehn?« riefen die Frauen.

»Wir hielten es auch gut und gerne zwanzig Monate aus und wären noch glücklich dabei«, riefen die Männer.

»Das ist doch alles nicht wahr. Tag und Nacht seid ihr hinter uns her«, gaben die Frauen zurück.

Drei Tage stritten sie so, und am vierten schließlich zogen die Frauen auf die eine Seite des Dorfes, und die Männer und Knaben versammelten sich auf der anderen, und Männer und Frauen bauten sich jeweils einen eigenen Kiwa1. Die Frauen besprachen sich, und die Männer hielten Rat, und beide waren wütend aufeinander.

Der ti’amoni, der den Vorsitz hatte, sagte: »Vielleicht wäret ihr zufriedener, wenn ihr Männer euch von den Frauen trennen würdet.«

Am nächsten Morgen hieß er alle Männer und männlichen Kinder, die nicht mehr gestillt wurden, über den Fluß setzen, die Frauen aber blieben im Dorf zurück. Das geschah bei Sonnenaufgang, und die Frauen freuten sich. Sie sagten: »Endlich stören sie uns mal nicht bei der Arbeit. Wir können jede Arbeit verrichten. Die Männerarbeit auch.«

Die Männer aber sagten zueinander: »Was die Frauen für uns tun, können wir auch selbst tun.«

Als sie das Dorf verließen, riefen sie den Frauen zu: »Wir gehen jetzt für ein Jahr, vielleicht auch für zwei, vielleicht sogar für noch länger… wollen mal sehen, wie es so kommt. Ihr müßt wissen, Männer sind längst nicht so liebesbedürftig wie Frauen.«

Nun, es dauerte lange, bis die Männer den Fluß überquert hatten, denn er war breit. Der ti’amoni führte die Männer an und blieb bei ihnen. Die Frauen aber wurden von ihm angewiesen, die männlichen Kinder auch über den Fluß zu schicken, sobald sie diese nicht mehr stillten. Für zwei Monate waren Männer wie Frauen sehr zufrieden. Die Männer gingen auf Jagd, aber das Wild, das sie erlegten, brauchten sie nun mit niemandem zu teilen. Bei den Frauen gab es kein Fleisch. Die Männer wurden feist und die Frauen dünn.

Als die ersten zehn Monate herum waren, gab es Frauen, die sich nach einem Mann sehnten.

Als das zweite Jahr herum war, gab es mehrere Frauen, die ein Verlangen nach Männern empfanden.

Die Männer hingegen schienen mit dem Stand der Dinge recht zufrieden.

Nach drei Jahren wünschten die Frauen immer öfter in Gedanken die Männer herbei. Die Männer aber empfanden nur ein wenig Verlangen.

Als das vierte Jahr herum war, riefen die Frauen den ti’amoni und sprachen: »Wir wollen, daß die Männer zurückkommen. Die weiblichen Kinder sehen aus wie welkes Gras.«

Am Morgen darauf setzten die Männer wieder über den Fluß. Sie kehrten zu den Frauen zurück. Vier Wochen später standen viele der Frauen schon wieder gut im Fleisch, aber noch mehr waren schwanger.

1

Unterirdische Zeremonienkammer.

Die Frau, die vom Himmel fiel

SENECA

Vor langer Zeit lebten die lebendigen Wesen noch im Himmel. Sie hatten einen großen und berühmten Häuptling. Aber auch der Wind war ein mächtiges Wesen, viel mächtiger als heute. Dann wurde die Frau des Häuptlings schwanger, und ein Kind wuchs in ihrem Leib.

Als der Häuptling das sah, wurde er zornig. Er hatte nämlich seine Zweifel, ob nicht ein anderer das Wesen, das sich im Bauch der Frau zu regen begann, gezeugt habe.

Nun wuchs neben der Wohnung des Häuptlings ein großer Baum, der jedes Jahr so viele Früchte trug, daß alle Wesen im Himmel Nahrung hatten. In seinem Zorn über die vermeintliche Untreue seiner Frau riß der Häuptling diesen Baum aus. So entstand ein großes Loch in der Himmelsdecke.

Voller Arglist rief der Häuptling seine Frau herbei und raunte ihr zu: »Schau einmal da hinunter.« Kaum aber beugte sie sich vornüber, um hinabzuschauen, da versetzte ihr der Häuptling von hinten einen Stoß, und sie stürzte hinab. Unter dem Himmel aber war nichts als Wasser, auf dem Vögel der verschiedenen Arten schwammen. Land gab es damals noch nicht. Die Wasservögel sahen die junge Frau herabstürzen. Da riefen sie einander zu: »Kommt, wir müssen sie auffangen!«

Darauf drängten sich einige von ihnen ganz dicht zusammen, und die junge Frau fiel in das Gewebe, das die Vögel mit ihren Flügeln bildeten.

Als sie nun müde wurden und sich der unendlichen Wasserfläche näherten, fragten sie die anderen Tiere, die schon erschaffen worden waren: »Wer meldet sich freiwillig, um für die Frau zu sorgen?«

Die große Schildkröte war zunächst der Platz, an dem die Vögel die Frau absetzten. Dann tauchten Bisamratten auf den Meeresboden hinab und brachten von dort Schlamm und Steine mit. Sie legten beides auf den breiten festen Panzer der Schildkröte, und so entstand mehr und mehr Land. Soviel Land, wie notwendig war, damit alle Geschöpfe, die wir heute kennen, ebenfalls dort leben konnten.

Als sich aus Steinen, Erde und Schlamm eine feste Scheibe von genügender Dicke gebildet hatte, zusammengehalten von den Algen, die auch vom Meeresboden mit heraufgebracht worden waren, schwamm die Schildkröte, ihrer schweren Last ledig, endlich davon.

Die Frau aber, die vom Himmel gefallen war, baute sich eine Hütte und brachte nach geraumer Zeit ein Mädchen zur Welt. Als diese Tochter zu einer jungen Frau herangewachsen war, pflegten Mutter und Tochter zusammen aufs Feld zu gehen, um nach wilden Kartoffeln zu suchen. Die Mutter sagte zu dem Mädchen, es solle stets nach Osten schauen. Der Wind in dieser Gegend wehte nämlich meist von Westen. Nicht lange, und es stellte sich heraus, daß die Tochter schwanger geworden war. Ihre Mutter schimpfte mit ihr. Sie sagte, sie habe sich gewiß nicht an ihre Anweisung gehalten, beim Kartoffelsuchen stets nach Osten zu schauen.

Die Weltordnung und die Ordnung der Welten

DELAWARE

Das Walam-Olum oder Rote Buch ist eine Folge kürzelhafter Zeichnungen der Delaware-Indianer, zu denen wahrscheinlich erst später eine Kosmologie hinzugefügt worden ist. Die Zeichen, die sich häufig nur geringfügig voneinander unterscheiden, stellen eine kontinuierliche Kette von Metamorphosen dar und bilden so etwas wie eine grundlegende Grammatik der Formen:

1.  Zu Anfang aller Zeiten, über der Erde an dieser Stelle …

2.  Über der Erde lag ein gewaltiger Nebel, und darin befand sich der große Manitu

3.   Im Anfang, für immer, verloren im Raum, war der große Manitu

4.   Er machte eine gewaltige Erde und den Himmel

5.   Er machte die Sonne, den Mond und die Sterne

6.   Er machte, daß alles sich in Harmonie bewegt

7.   Dann begann der Wind heftig zu wehen, es wurde heller, die Wasser flössen schneller und von weit her

8.   Und Gruppen von Inseln er-hoben sich aus dem Wasser und blieben sichtbar

9.   Wieder sprach der große Manitu, ein Manitu zu anderen Manitus

10.   Zu den sterblichen Wesen, den Geistern und allem

11.   Und danach war er der Manitu der Menschen und ihr Großvater

12.   Er schickte die erste Mutter, die Mutter aller Geschöpfe

13.   Er schickte Fisch, er schickte Schildkröten, er schickte wilde Tiere, er schickte Vögel

14.   Aber ein böser Manitu machte nur böse Geschöpfe, wie Monster

15.   Er machte Fliegen, er schuf Moskitos

16.   Alle Geschöpfe waren freundlich zueinander in dieser Zeit

17.   Wahrlich, die Manitus waren tätig und bedachtsam

18.   All die ersten Menschen und die ersten Mütter von allen Geschöpfen: sie fanden sie hilfreich

19.   Denn die Manitus gaben ihnen zu essen, wenn sie etwas brauchten

20.   Alle besaßen freudvolles Wissen, alle hatten genügend Zeit und waren glücklich

21.   Doch ganz im geheimen erschien auf der Erde ein böses Wesen, ein mächtiger Zauberer

22.   Und er brachte mit sich Leid, Streit und Unglück

23.   Er brachte schlechtes Wetter, brachte Krankheit und Tod

24.   Und all dies geschah einst auf der Erde vor der Sintflut im Anfang.

Das Lied vom himmlischen Webstuhl

TEWA

O Erde, unsre Mutter, o unser Vater, der Himmel,eure Kinder sind wir, und mit unsren ermüdeten Rückenbringen wir euch Geschenke der Liebe.Dann webt für uns ein Kleid der Helligkeit.Möge der Schuß das weiße Licht des Morgens sein.Möge die Kette das rote Licht des Abends sein.Mögen die Fransen der fallende Regen sein.Mag die Borte den stehenden Regenbogen darstellen.Also webt für uns ein Kleid aus Helle.Damit wir dahin gehen, wo Vogelgesang ertönt.Damit wir dahin gehen, wo das Gras grün ist.O unsre Mutter, die Erde, o Himmel – unser Vater.

SONNE, MOND UND STERNE

Gebet an die Sonne

BLACKFOOT

»Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, daß die Blackfoot eine ausgesprochene Vorliebe für Gebete haben. Sie beten um die Erlaubnis, zu den heiligen Dingen sprechen zu dürfen oder bevor sie religiöse Erzählungen rezitieren, sie beten nahezu bei allem, was außergewöhnlich ernst ist«, schreibt Wissler. Ein berühmter Leiter von Zeremonien der Blackfoot sagte, daß man bei Gebeten und bei der Durchführung der Rituale immer an das erwünschte Ende denken müsse: »Laß nie ab in Gedanken daran, und der Erfolg ist dir gewiß.«

Okóhe! okóhe! natosi iyo!Sonne, hab Mitleid mit mir, hab mit mir Mitleid.Uraltes Ding, uraltes,wir beten zu deinem hohen Alter, dennich hab dich erwählt.Deine Kinder, Morgenstern, sieben Sterne, dieMilchstraße, alle Sternerufen wir an, auf daß sie uns helfen.Ich rufe sie alle an,habt Mitleid mit uns.Sorg dafür, daß ich ein gutes Leben habe.Meine Kinder habe ich vor dein Angesicht geführt,nun hab Mitleid mit uns, sei uns gnädig.iyo!Altes Ding dort oben,hilf meinen Kindern.Mach, daß sie viele Pferde bekommen.Sorge dafür, daß meine Arbeit auch Früchte trägt.lyo!Hab Mitleid mit mir, laß es mir gutgehen.Beeil dich damit.

Das Land im Himmel

KARIBOU-ESKIMO

Der Himmel ist ein großes Land. In diesem Land gibt es viele Löcher. Diese Löcher nennt man Sterne. Im Himmelsland lebt Pana, die Frau dort oben. Das ist ein mächtiger Geist, und die Alten sagen, es sei eine Frau. Zu ihr fliegen die Seelen der Toten. Manchmal, wenn viele sterben, gibt es dort oben ein ziemliches Gedränge. Wenn etwas im Himmelsland verschüttet wird, fällt es durch die Sterne herab und wird Regen oder Schnee. Die Seelen der Toten werden in der Behausung von Pana wiedergeboren und kehren über den Mond auf die Erde zurück. Wenn der Mond abwesend ist und man ihn am Himmel nicht sieht, so ist er damit beschäftigt, Pana dabei zu helfen, die Seelen wieder auf die Erde zurückzubringen. Einige werden noch einmal Menschen, andere werden Tiere. So geht das Leben immer weiter. So wird es schön sein.

Medizinspruch

TAKELMA-OREGON(gesprochen, wenn der neue Mond erscheint)

Mir wird es wohl ergehen,noch werd’ ich am Leben bleiben,selbst wenn Leute sagen:Der ist des Todes!Gerad’so wie duwill ich’s machen.Immer wieder will ich mich erheben.Selbst, wenn alle Arten des Bösen dich verschlingen,wenn die Frösche dich auffressenoder die Eidechsen,auferstehst du wieder.Genauso will ich es machen,in der Zeit, die da kommt.

Die Kinder der Sonne

OSAGE

Vor langer Zeit wohnte ein Teil des Stammes im Himmel. Die Menschen wollten wissen, woher sie kämen, also gingen sie zum Sonnengeist. Er sagte ihnen, sie seien seine Kinder. Dann wanderten sie noch weiter und kamen zur Mondin. Die Mondin sagte, sie habe sie geboren und der Sonnengeist sei ihr Vater. Sie hieß sie den Himmel verlassen und hinunter auf die Erde steigen. Sie gehorchten, fanden aber die Erde mit Wasser bedeckt. Sie konnten nicht heimkehren in den Himmel. Sie weinten und riefen, aber niemand antwortete ihnen.

Sie trieben durch die Luft und suchten in allen Himmelsrichtungen Hilfe durch einen Gott, aber da war niemand.

Die Tiere waren bei ihnen, und unter ihnen gab der Elch aller Kreatur Zuversicht, denn er war schön und stattlich. Deswegen wandten sich die Osage auch an ihn. Er stürzte sich ins Wasser und tauchte. Dann rief er die Winde, und sie kamen aus allen Richtungen und bliesen, bis das Wasser als Nebel aufstieg.

Zuerst trat nur ein einzelner Fels hervor. Dorthin zogen die Menschen, aber da wuchsen keine Pflanzen. Dann sank das Wasser weiter, und weiche Erde wurde sichtbar. Als dies geschah, wälzte sich der Elch voller Freude auf der Erde, und alle Haare in seinem Fell, die auszufallen im Begriff standen, blieben am Boden kleben. Die Haare wuchsen, und daraus wurden Bohnen, Mais, Kartoffeln, wilde Rüben, das Gras und die Bäume.

Der Rabe bringt das Licht

TSIMSCHIAN

Einst lag über der ganzen Welt Dunkelheit. Auf der Südspitze einer Insel hoch oben im Norden lag die Stadt, in der die Tiere lebten. Der Ort hieß Kungalas. Ein Häuptling und seine Frau wohnten dort und mit ihnen ein Junge, ihr einziges Kind, das die Eltern sehr liebten. Deswegen versuchte der Vater jegliche Gefahr von dem Sohn fernzuhalten. Er baute für ihn im hinteren Teil des Hauses ein Bett über dem seinen. Er wusch das Kind regelmäßig, und es wuchs zu einem hübschen jungen Mann heran.

Als der Junge schon fast erwachsen war, wurde er krank, so krank, daß er schließlich starb. Da wurden die Eltern sehr traurig. Sie weinten über den Verlust des geliebten Kindes. Der Häuptling lud den ganzen Stamm und alle Tierleute in sein Haus ein. Als sie alle versammelt waren, hieß er den Medizinmann, aus der Leiche das Herz, die Leber und die Gallenblase entfernen. Man verbrannte diese Organe hinten im Haus des Häuptlings und legte den Toten auf das Hochbett, das der Vater für den Sohn gezimmert hatte. Der Häuptling und seine Frau hörten nicht auf, über ihren toten Sohn zu weinen und zu klagen, und alle Angehörigen des Stammes weinten und klagten mit ihnen. So ging das viele Tage.

Eines Morgens, ehe es hell wurde, stand die Häuptlingsfrau auf, um wieder vor der Leiche des Sohnes mit ihrem Wehklagen zu beginnen. Sie schaute hinauf zu dem Hochbett, auf dem der Tote hätte liegen sollen. Da sah sie einen jungen Mann, umgeben von strahlender Helle. Sie rief ihren Mann und sagte zu ihm: »Unser geliebtes Kind ist uns wiedergeschickt worden.«

Auch der Häuptling stand auf und trat an den Fuß der Leiter, die zu dem Hochbett hinaufführte. Er sagte: »Bist du es wirklich, mein Sohn, bist du es?«

Da antwortete der strahlende junge Mann: »Ja, ich bin es.«

Freude erfüllte die Herzen der Eltern.

Die Stammesangehörigen fanden sich wieder ein, um mit dem Häuptlingspaar zu trauern. Als sie nun hereinkamen, waren sie sehr erstaunt, den leuchtenden Jungen dort zu sehen. Er sprach zu ihnen: »Die im Himmel wohnen, haben sich von euren Klagen erweichen lassen. Sie haben mich herabgeschickt, um euch zu trösten.«

Da waren alle sehr froh, daß der Häuptlingssohn wieder unter ihnen lebte. Seine Eltern liebten den Jungen noch mehr als je zuvor.

Der leuchtende junge Mann blieb lange Zeit. Er aß aber sehr wenig. Er kaute nur ein bißchen Fett, sonst aß er nichts. Der Häuptling hatte zwei kräftige Sklaven. Das waren der Elende und seine Frau. Die beiden wurden auch »Mund-an-beiden-Enden« genannt1. Jeden Morgen brachten sie alle möglichen Lebensmittel ins Haus. Eines Tages kamen sie und trugen ein großes Stück Walfischfleisch herein. Sie legten es auf den Rost, brieten es und aßen es dann auf. So verfuhren sie von nun an immer, wenn sie von der Jagd zurückkamen. Die Frau des Häuptlings wollte dem Sohn, der ihnen wiedergegeben worden war, etwas zu essen bringen, aber er mochte nichts essen. Die Frau des Häuptlings bekam Angst, daß ihr Sohn sterben werde.

Eines Tages unternahm der leuchtende Junge einen Spaziergang. Sobald er aus dem Haus war, stieg der Häuptling die Leiter zu dem Hochbett hinauf. Und siehe da, dort fand er die Leiche seines Sohnes. Dennoch liebte er sein neues Kind.

Eines Tages gingen der Häuptling und seine Frau einen anderen Stamm besuchen. Da erschienen die beiden kräftigen Sklaven in der Hütte. Sie trugen ein großes Stück Walfischfleisch bei sich. Sie ließen es über dem Feuer schmoren. Der leuchtende Junge trat zu ihnen und fragte sie: »Wie kommt es, daß ihr immer so hungrig seid?«

Die beiden Sklaven erwiderten: »Wir sind hungrig, weil wir abgescheuerte Haut von unsren Schienbeinen gegessen haben.«

Der leuchtende Junge fragte: »So etwas mögt ihr essen?«

»O ja«, erwiderten sie, »es macht guten Hunger.«

»Dann möchte ich es auch einmal probieren«, sagte der leuchtende Junge.

Darauf erwiderte die Sklavenfrau: »Nein, mein Lieber. Du sollst dir nicht wünschen, so zu werden, wie wir sind. Denn wir sind Sklaven und haben ein elendes Leben.«

Der leuchtende Junge aber sagte: »Ich will nur einmal davon probieren. Ich kann es ja wieder ausspucken, wenn es mir nicht schmeckt.«

Also schnitt der Sklave ein Stück Walfischfleisch ab und legte ein bißchen abgeschürfte Haut darauf. Die Sklavenfrau schimpfte mit ihm: »Was tust du dem armen Jungen an!«

Der strahlende Junge nahm das Fleisch mit der abgeschürften Haut obendrauf, kostete und spuckte es wieder aus. Dann legte er sich wieder ins Bett. Als seine Eltern von dem Besuch nach Hause kamen, sagte er zu der Häuptlingsfrau: »Mutter, ich bin sehr hungrig.«

Sie rief ganz erstaunt: »Ach, mein Lieber, ist das wahr? Ist das wirklich wahr?«

Dann befahl sie ihren Sklaven, ihrem geliebten Sohn soviel zu essen zu geben, wie er nur wollte. Er aß und aß und blieb doch immer hungrig. Er aß weiter und aß noch mehr, und das ging so fort mehrere Tage lang, bis alle Vorräte im Haus des Häuptlings durch seine Freßsucht aufgebraucht waren.

Das alles kam von dem Zauber, der in der abgeschürften Haut des Sklaven steckte. Der leuchtende Junge aß und aß. Schließlich waren auch alle Vorräte des Stammes aufgebraucht. Da schämte sich der Häuptling ob seines Sohnes sehr. Er rief alle Leute zusammen und sagte: »Ich habe mich entschlossen, mein Kind fortzuschicken, ehe es auch noch unsere letzten Nahrungsmittel verschlingt.«

Man kann sich vorstellen, daß ihm die Leute nur zu gern zustimmten, und als das geschehen war, rief der Häuptling den Strahlenden und sprach zu ihm: »Mein lieber Sohn. Ich schicke dich jetzt landeinwärts auf die andere Seite des Meeres.«

Er gab seinem Sohn einen kleinen runden Stein, eine Decke mit Rabenfedern und die getrocknete Blase eines Seelöwen, die mit allen Arten von Beeren gefüllt war.

Weiter sprach der Häuptling zu seinem Sohn: »Wenn du dann über das Meer hinfliegst, so laß den runden Stein ins Wasser fallen. Dann hast du einen festen Platz, an dem du dich ausruhen kannst. Und wenn du zum Festland kommst, so verstreue all diese Beeren über das Land. Verstreue auch den Lachsrogen, den ich dir mitgebe, in alle Flüsse und Bäche und den Forellenrogen auch, damit es dir nie an Nahrung mangelt, wenn du in dieser Welt lebst.« Als sich der Sohn nun die Decke mit den Rabenfedern umhängte, verwandelte er sich in einen Raben und flog davon. Sein Vater aber nannte ihn nun den Riesen. Der Riese flog über das Wasser nach Osten.

Er flog lange Zeit, und endlich war er so müde, daß er den kleinen runden Stein ins Wasser fallen ließ, den ihm sein Vater mitgegeben hatte. Im Meer wurde daraus ein mächtiger Felsen. Der Riese rastete und legte sein Rabenkleid ab.

Zu dieser Zeit lag die Welt noch im Dunkeln. Es gab das Tageslicht noch nicht. Der Riese streifte sich das Rabenkleid wieder über und flog weiter nach Osten. Er erreichte das Festland dort, wo der Skeenafluß in den Pazifik mündet. Dann hielt er inne und verstreute den Rogen vom Lachs und von der Forelle. Er sprach, während er dies tat: »Möge in allen Flüssen und Bächen immer jegliche Art von Fisch sein.«

Dann holte er die Seelöwenblase hervor und verstreute die Beeren über das Land. Und dazu sprach er: »Möge jedes Gebirge, jeder Hügel, jedes Tal, jede Ebene, möge das ganze Land immer voller Früchte sein.«

Immer noch lag Dunkel über der Erde. Wenn der Himmel klar war, hatten die Leute ein bißchen Licht – soviel eben, wie von den Sternen herab auf die Erde gelangt. Wenn aber Wolken am Himmel standen, war es im ganzen Land völlig dunkel. Das verdroß die Leute sehr. Der Riese aber überlegte sich, daß es schwerfalle, Nahrung zu finden, wenn es ständig dunkel bleibe. Er erinnerte sich daran, daß es im Himmel, woher er kam, ein Licht gegeben hatte. Darum entschloß er sich, das Licht für unsere Welt zu holen.

Am nächsten Tag legte der Riese wieder sein Rabenkleid an, das sein Vater, der Häuptling, ihm mitgegeben hatte, und flog himmelwärts. Schließlich fand er auch ein Loch im Himmel und flog hindurch. Als er im Himmel war, legte er sein Rabenkleid ab und verwahrte es an einer Stelle in der Nähe des Loches. Dann schritt er aus und kam an die Quelle nahe dem Haus, in dem der Häuptling des Himmels wohnte. Dort setzte er sich hin und wartete.

Die Tochter des Häuptlings kam daher. Sie trug einen kleinen Eimer bei sich, um damit Wasser zu schöpfen. Als der Riese sie kommen sah, verwandelte er sich in eine Zedernnadel, die auf dem Wasser trieb. Die Häuptlingstochter schöpfte mit ihrem Gefäß und trank von dem Wasser. Dann kehrte sie in das Haus ihres Vaters zurück.

Nach einiger Zeit merkte sie, daß sie ein Kind bekommen würde, und bald brachte sie einen Knaben zur Welt. Der Häuptling des Himmels und seine Frau freuten sich. Sie wuschen den Knaben regelmäßig. Er wuchs heran. Er begann herumzukriechen. Sie wuschen ihn oft, und der Häuptling glättete und säuberte den Fußboden des Hauses. Das Kind wurde immer kräftiger. Es begann zu rufen: »Hama, hama!« Es schrie immerzu.

Da begann der große Häuptling im Himmel sich Sorgen zu machen. Er rief einen seiner Sklaven und hieß ihn das Kind umhertragen, damit es sich beruhigte. Das tat der Sklave auch, aber über mehrere Nächte hin schlief das Kind nicht ein, sondern rief immer fort: »Hama, hama!«

Da lud der Häuptling alle weisen Männer ein und sagte ihnen, er könne sich nicht vorstellen, wonach denn das Kind verlange. Die Weisen sagten: »Es will den Kasten, der am Haus des Häuptlings hängt.«

In dem Kasten aber war das Tageslicht, und er hing am Ende eines Balkens außen am Haus. Ein solcher Kasten heißt Ma. Der Riese hatte das gewußt, weil er ja im Himmel gewesen war, ehe er auf die Erde herabkam.

Das Kind schrie und verlangte weiter nach dem Kasten. Da ließ der Häuptling im Himmel das Ma abhängen und es ins Haus tragen. Vier Tage ging das so. Am vierten Tag aber, als der große Häuptling im Himmel schon gar nicht mehr auf den Kasten achtete, nahm ihn der Junge doch tatsächlich auf die Schultern und rannte mit ihm davon. Und während er rannte, rief jemand: »Das ist doch der Riese, der da mit dem Ma davonrennt!«

Und tatsächlich, so war es, denn der Riese hatte sich ja in eine Zedernnadel verwandelt. Die Häuptlingstochter hatte die Zedernnadel verschluckt. In ihrem Leib war daraus ein Kind gewachsen. Sie hatte es zur Welt gebracht, und so waren der Riese und das Kind ein und dasselbe Wesen.

Der Riese rannte mit dem Ma davon, und der Stamm des Häuptlings im Himmel verfolgte ihn. Der Riese erreichte das Loch im Himmel. Rasch warf er sich das Federkleid über und flog mit dem Ma im Schnabel hinab zur Erde.

Zu dieser Zeit war es auf der Erde immer noch finster. Der Riese landete auf der Erde ein Stück weiter flußabwärts. Er machte kehrt, flog den Fluß hinab. Er kam an die Mündung des Nassflusses. Es war immer noch dunkel, und er trug das Ma mit sich. Er flog weiter und hörte die Geräusche von Leuten, die Fische mit Beutelnetzen von ihren Kanus aus fingen. Es gab viele Geräusche auf dem Fluß, denn sie arbeiteten hart. Der Riese setzte sich ans Ufer und sprach: »Werft einen von den Fischen her, die ihr gefangen habt, liebe Leute.«

Die auf dem Fluß aber schimpften ihn aus: »Wo kommst du denn her, du Kraftprotz?«

Die Tierleute wußten nicht, wer dieser Riese war. Deswegen neckten sie ihn. Der Riese wiederholte immer wieder: »Ich bitte euch, werft etwas von eurem Fang hierher ans Ufer, oder ich zerbreche das Ma.«

Die auf dem Fluß fischten, antworteten: »Wo hast du denn das Ding her, von dem du redest?«

Und wieder beschwor sie der Riese: »Werft mir ein paar von den Fischen, die ihr gefangen habt, hier ans Ufer, oder ich zerbreche das Ma.«

Die Leute neckten ihn weiter. Da zerbrach der Riese den Kasten, und hervor schoß das Tageslicht. Der Nordwind begann scharf zu wehen, und alle Fischer, die Froschleute waren, wurden vom Nordwind vertrieben. Alle Frösche, die den Riesen verspottet hatten, sausten den Fluß hinab und wurden am schmalen Strand auf einer gebirgigen Insel an Land geschwemmt. Hier versuchten die Froschleute, den Felsen zu ersteigen, aber es gelang ihnen nicht. Sie erfroren und verwandelten sich schließlich in Steine. Und man kann sie immer noch sehen. Die Froschleute aber hatte den Riesen »Chemsen« genannt. So hat jener, der dieser Welt das Tageslicht brachte, auch einen Namen.

1

Wohl wegen ihrer Freßlust.

Die Tochter der Sonne

CHEROKEE

Die Sonne lebte auf der anderen Seite des Himmelgewölbes, aber ihre Tochter lebte in der Mitte des Himmels, direkt über der Erde. Jeden Tag, wenn die Sonne über dem Himmelsbogen aufstieg und nach Westen lief, pflegte sie im Haus ihrer Tochter zum Essen einzukehren.

Die Sonne aber haßte die Wesen auf der Erde, weil diese ihr nie geradewegs in die Augen schauen konnten, ohne dabei das Gesicht zu verziehen. So sprach sie zu ihrem Bruder, dem Mond: »Meine Enkelkinder sind häßlich. Sie grinsen alle, wenn sie zu mir aufsehen.«

Aber der Mond erwiderte: »Ich liebe meine jüngeren Brüder. Mir kommen sie recht stattlich vor.« So konnte er leicht reden, denn wenn sie zu ihm hinaufschauten, war es Nacht. Ihr Gesichtsausdruck erschien dann gefälliger, weil auch sein Licht milder war.

Die Sonne wurde eifersüchtig und sann darauf, wie sie die Menschen töten könne. Also schickte sie jeden Tag auf dem Weg zu ihrer Tochter sengend heiße Strahlen auf die Erde hinab. Das führte dazu, daß viele Menschen an Fieber erkrankten und sie zu Hunderten starben, bis jeder einen Freund oder einen Angehörigen verloren hatte und die Furcht aufkam, es werde keiner aus dem ganzen Menschengeschlecht übrigbleiben. Die Menschen wandten sich an den Kleinen Mann1 um Hilfe, und dieser sagte, die einzige Möglichkeit, sich zu retten, sei, die Sonne selbst zu töten.

Der Kleine Mann bereitete eine Medizin und verwandelte zwei Männer in Schlangen: in die Breitnatter und in die Kupferkopf schlänge. Die Schlangen wurden ausgeschickt; sie sollten sich vor die Tür der Sonnentochter legen und die Mutter Sonne am nächsten Tag beißen. Sie brachen zusammen auf und gelangten auch an ihr Ziel. Aber als die Breitnatter am nächsten Tag aufschnellen wollte, blendete sie das grelle Licht so sehr, daß sie nur gelben Schleim hervorbrachte. Und so ist es bis heute geblieben, wenn sie zu beißen versucht. Die Sonne zürnte ihr, aber unbehelligt betrat sie das Haus ihrer Tochter. Die Kupferkopfschlange aber kroch davon, ohne auch nur versucht zu haben, die Sonne anzugreifen.