Believe Me - Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser. - JP Delaney - ebook

Believe Me - Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser. ebook

JP Delaney

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Opis

Du triffst sie. Du vertraust ihr. Du gehst ihr in die Falle.

Claire finanziert ihr Schauspielstudium mit einem lukrativen Nebenjob: Für Geld flirtet sie mit verheirateten Männern, deren Ehefrauen wissen wollen, ob sie ihnen wirklich treu sind. Doch die Frau von Patrick Fogler ist nicht nur misstrauisch – in ihren Augen liest Claire Angst. Und am Morgen nach Patricks und Claires Begegnung ist sie tot. Die Polizei verdächtigt den Witwer, und Claire soll helfen ihn zu überführen – wenn sie nicht will, dass die Polizei herausfindet, was sie selbst in der Mordnacht getan hat. Doch Patrick wirkt nicht nur beängstigend und undurchschaubar, er fasziniert Claire. Und sie ahnt: Sie muss die Rolle ihres Lebens spielen ...

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JP DELANEYS erster Thriller »The Girl Before« war ein Weltphänomen: Er erschien in 45 Ländern und stand unter anderem in den USA und England monatelang auf den Bestsellerlisten. Auch in Deutschland sprang »The Girl Before« an die Spitze der Buchcharts und faszinierte Leser wie Presse. Mit »Believe Me« erscheint nun endlich JP Delaneys weltweit gespannt erwarteter zweiter Thriller.

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J P Delaney

Believe Me

Spiel dein Spiel. Ich spiel es besser.

Thriller

Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Believe Me« bei Ballantine Books, New York.

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PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2018 by JP Delaney

The translation is published by arrangement with Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Die im Roman enthaltenen Verse von Baudelaire stammen aus folgender Ausgabe: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, Übersetzung: Terese Robinson, Diogenes Verlag, 1982. Es handelt sich um folgende Gedichte:

Trübsinn, S. 123; Eine Märtyrin, S. 196 ff.; Der Wein des Mörders, S. 187; An den Leser, S. 11; An sie, die allzu froh, S. 253; Die Juwelen, S. 254; Das Gespenst, S. 110; Trauriges Madrigal, S. 278; Sammlung, S. 283; Die Maske, S. 41. Weiterhin wird zitiert: William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum / Macbeth. Aus: Shakespeare’s dramatische Werke, übersetzt von August Wilhelm Schlegel, ergänzt und erläutert von Ludwig Tieck. G. Reimer, Berlin 1825–1830.

Umschlag: bürosüd

Umschlagmotiv: Getty Images/Elsa Eriksson/EyeEm und bürosüd

Redaktion: Susann Rehlein

Umsetzung Ebook: Greiner & Reichel GmbH, Köln

ISBN 978-3-641-23553-6V003

www.penguin-verlag.de.

Für Michael

Die eigenen Narben prägen die Rolle.

Shelley Winters

Prolog

Am Abreisetag soll vor zwölf Uhr ausgecheckt werden. Auf der sechsten Etage des Lexington Hotel sind um elf fast alle Zimmer geräumt. Hier in Midtown Manhattan sind sogar die Touristen im Stress, weil jede Menge Galerien, Kaufhäuser und Sehenswürdigkeiten abgeklappert werden wollen. Langschläfer wurden längst geweckt vom spanischen Palaver der Zimmermädchen, die im Wäscheraum neben dem Fahrstuhl Nachschub holen, um alles für den Ansturm am Nachmittag vorzubereiten.

An den Tabletts mit Frühstücksresten vor den Türen kann man erkennen, wo noch geputzt werden muss.

Vor der Terrace Suite steht kein Tablett.

Jeden Morgen bekommen die Gäste die New York Times.

Von der Terrace Suite wurde dieses Angebot nicht genutzt. Die Zeitung liegt unberührt auf der Fußmatte. Am Türgriff hängt das BITTE NICHT STÖREN-Schild.

Diese Suite nimmt sich Consuela Alvarez zuletzt vor. Ihr Rücken tut weh, weil sie bereits zwölf Betten gemacht und ebenso viele Duschkabinen geschrubbt hat. Mit ihrer Chipkarte klopft sie an die Tür, ruft »Zimmerservice« und wartet auf eine Antwort.

Nichts tut sich.

Als Consuela das Zimmer betritt, fällt ihr sofort die Kälte auf. Eisiger Wind fegt zwischen den Vorhängen herein. Verärgert schnalzt sie mit der Zunge und zieht an der Vorhangkordel. Graues Licht dringt ins Zimmer, in dem es total chaotisch aussieht.

Consuela schließt absichtlich laut das Fenster, doch die Person im Bett rührt sich nicht.

»Bitte … Sie müssen jetzt aufstehen«, sagt Consuela verlegen.

Die Person ist von Kopf bis Fuß vom Laken bedeckt wie von einer Schneeschicht.

Als Consuela die umgekippte Lampe und das zerbrochene Weinglas beäugt, hat sie eine böse Vorahnung. Im Jahr zuvor hatte es im zweiten Stock einen Selbstmord gegeben. Schlimme Geschichte. Ein junger Mann hatte sich im Badezimmer den goldenen Schuss gesetzt. Das Hotel war komplett ausgebucht gewesen, und sie hatten das Zimmer bis fünf Uhr für die nächsten Gäste vorbereiten müssen.

Auch hier stimmt einiges nicht. Wer lässt denn Glasscherben auf dem Teppich liegen? Da tritt man doch am nächsten Tag hinein. Und wieso schläft jemand mit dem Laken auf dem Gesicht? Consuela hat schon viele Hotelzimmer gesehen, und sie spürt, dass hier etwas im Argen liegt. Alles wirkt so merkwürdig künstlich.

Consuela bekreuzigt sich. Nervös legt sie die Hand auf das Laken und rüttelt die Person vorsichtig an der Schulter.

Im nächsten Moment entfaltet sich eine rote Blüte auf dem weißen Stoff.

Jetzt weiß Consuela, dass etwas Furchtbares passiert ist. Mit dem Zeigefinger berührt sie noch einmal das Laken, und wiederum erblüht eine rote Blume, als breite sich Tinte auf Löschpapier aus.

Consuela nimmt ihren ganzen Mut zusammen. Mit der linken Hand zieht sie das Laken weg, die rechte hebt sie, um sich erneut zu bekreuzigen. Doch dann presst sie die Hand auf den Mund, um ihren Schrei zu unterdrücken.

Teil eins

(Fünf Tage vorher)

Eins

Mein Freund ist noch nicht da.

Das ist es wohl, was man bei meinem Anblick denkt. Ich sitze in der Bar eines New Yorker Businesshotels am Tresen und trinke meine Virgin Mary in so winzigen Schlucken, als müsse sie für den ganzen Abend reichen. Eine berufstätige junge Frau, die auf ihre Verabredung wartet. Vielleicht ein bisschen eleganter gekleidet als die meisten anderen Frauen hier. Man sieht, dass ich nicht direkt aus dem Büro komme.

Am Ende der Bar eine Gruppe trinkfreudiger junger Männer, die laut reden, sich gegenseitig auf die Schulter hauen. Einer – gut aussehend, teure Klamotten, durchtrainiert – schaut zu mir herüber und lächelt. Ich wende den Blick ab.

Kurz darauf wird weiter hinten ein Tisch frei, an den ich mich mit meinem Glas setze. Wo sich dann folgende Szene abspielt:

INNEN. BAR DES DELTON HOTEL, West 44th Street, NEW YORK – NACHT.

MANN (ärgerlich) Entschuldigung?

Jemand steht vor mir. Typ Geschäftsmann, Mitte vierzig, teurer Freizeitanzug, Haare etwas länger als an der Wall Street üblich, kein durchschnittlicher Bürohengst.

Der Typ ist wütend. Sehr wütend.

ICH Ja?

MANN Das ist mein Tisch. Ich war nur kurz weg.

Er zeigt auf Laptop, Glas, Zeitschrift; all das hatte ich vorgeblich nicht bemerkt.

MANN Das da sind mein Drink und meine Sachen. Ist doch nicht zu übersehen, dass der Tisch besetzt ist.

Andere Gäste schauen zu uns herüber. Aber es wird hier keinen Stress geben. Ich stehe bereits auf, hänge meine Handtasche um. Vermeide eine Auseinandersetzung.

ICH Tut mir leid, das hatte ich nicht bemerkt. Ich setze mich woandershin.

Ich trete einen Schritt beiseite, sehe mich um, etwas hilflos, denn es ist alles voll, und mein vorheriger Platz ist jetzt auch besetzt.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der Mann mich mustert, den Blick über die Donna-Karan-Jacke gleiten lässt, die Jess nur bei Castings trägt – weiches schwarzes Kaschmir, das meine helle Haut und meine dunklen Haare unterstreicht. Und ich spüre, wie der Typ merkt, dass er im Begriff ist, einen idiotischen Fehler zu machen.

MANN Warten Sie … wir können uns den Tisch auch teilen.

Er deutet darauf.

MANN Da ist Platz für uns beide. Ich war nur gerade noch am Arbeiten.

ICH (dankbar lächelnd) Oh, danke! Das ist nett von Ihnen.

Ich lege meine Tasche wieder ab und setze mich. Ein Schweigen entsteht, das ich nicht beende. Er soll den ersten Schritt machen.

Und als er dann spricht, klingt seine Stimme etwas anders – kehliger, dunkler. Verändern sich Frauenstimmen auch so? Sollte ich mal ausprobieren.

MANN Warten Sie auf jemanden? Ist bestimmt vom Schnee aufgehalten worden. Deshalb bleibe ich auch noch eine weitere Nacht: Am LaGuardia-Flughafen herrscht das reinste Chaos.

Ich lächle in mich hinein, weil er das schlau anfängt: Er will rauskriegen, ob ich mit einem Mann oder mit einer Frau verabredet bin, und teilt mir zugleich mit, dass er alleine hier ist.

ICH Dann kann es wohl noch eine Weile dauern.

Der Mann weist mit dem Kopf auf mein inzwischen geleertes Glas.

MANN Möchten Sie dann vielleicht noch einen Drink? Ich bin übrigens Rick.

ICH Danke, Rick. Ein Martini wäre schön. Ich bin Claire.

RICK Freut mich, Sie kennenzulernen, Claire. Und, ähm, tut mir leid wegen eben.

ICH Nein, nein, das war ja wirklich mein Fehler.

Das sage ich so lässig und zugleich dankbar, dass nicht mal ich selbst es für eine Lüge halten würde.

Aber ich lüge ja auch nicht. Man nennt das wahrhaftiges Verhalten unter imaginierten Umständen. Was etwas ganz anderes ist als lügen, wie Sie noch feststellen werden.

Die Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf. Als sie weggeht, macht ein Mann vom Nebentisch Theater, weil sein Drink noch nicht da ist. Ich beobachte, wie sie mürrisch einen Stift hinterm Ohr hervorreißt, als wolle sie ihn zu Boden feuern.

Das kann ich verwenden, denke ich. Verwahre das Bild in meinem Repertoire und sehe wieder mein Gegenüber an.

ICH Was führt Sie nach New York, Rick?

RICK Arbeit. Ich bin Anwalt.

ICH Das glaube ich Ihnen nicht.

Rick sieht verwirrt aus.

RICK Warum nicht?

ICH Weil ich nur langweilige und unattraktive Anwälte kenne.

Er erwidert mein Lächeln.

RICK Ich arbeite in der Musikbranche. In Seattle. Wir bilden uns gerne ein, dass wir ein bisschen spannender sind als die durchschnittlichen Strafverteidiger. Und Sie?

ICH Meinen Sie, womit ich mein Geld verdiene? Oder ob ich mich für spannend halte?

Zu unser beider Überraschung flirten wir jetzt ein bisschen.

RICK Beides.

Ich weise mit dem Kopf auf die Kellnerin.

ICH Eine Zeit lang habe ich mal das gemacht, was sie jetzt tut.

RICK Und dann?

ICH Hab ich gemerkt, dass man Interessanteres machen kann, um die Miete zu bezahlen.

Man sieht es immer in den Augen: diese kurze, kaum wahrnehmbare Stille, wenn eine Idee entsteht. Er überlegt, was meine Aussage bedeuten könnte, und beschließt dann, dass er zu viel hineindeutet.

RICK Woher kommen Sie denn, Claire? Ich versuche gerade, Ihren Akzent zuzuordnen.

Virginia, verflucht, das muss man doch hören.

ICH Ich komme … von woher immer Sie wollen.

Er lächelt. Es ist ein gieriges wölfisches Lächeln, das besagt: Also hatte ich doch recht.

RICK Hab noch nie eine Frau kennengelernt, die von dort kam.

ICH Und Sie lernen bestimmt viele Frauen kennen, oder?

RICK Ich gönne mir bei meinen Geschäftsreisen ein gewisses Maß an Genuss.

ICH Bevor Sie zu Frau und Kindern in Seattle zurückkehren.

Rick runzelt die Stirn.

RICK Was bringt Sie auf die Idee, dass ich verheiratet bin?

ICH (beschwichtigend) Die Männer, die mir gefallen, sind meistens verheiratet. Männer, die etwas von Genuss verstehen.

Obwohl er jetzt Bescheid weiß, überstürzt er nichts. Wir widmen uns den Drinks, und Rick erzählt mir von einigen seiner Klienten in Seattle: dem Teenieschwarm, der auf minderjährige Mädchen steht, und dem Macho-Heavy-Metal-Star, der schwul ist, es aber verheimlicht. Mit bedeutungsvollem Unterton erklärt Rick, wie viel Geld er damit verdient, für Leute zu arbeiten, die Verträge von ihrem Lebensstil her eher nicht einhalten würden und deshalb Menschen wie ihn sowohl für den Vertragsabschluss als auch für die Auflösung benötigen. Und als ich gebührend beeindruckt wirke, schlägt Rick vor, da mein Freund ja offenbar nicht mehr kommen wird, könnten wir doch anderswohin gehen, in ein Restaurant oder einen Club, wenn ich Lust hätte …

RICK (leise) Oder wir lassen uns was vom Zimmerservice bringen. Ich wohne hier im Haus.

ICH Zimmerservice ist aber meist sehr teuer.

RICK Wonach Ihnen der Sinn steht. Sie suchen aus. Eine Flasche Cristal, Kaviar …

ICH Ich meine, Zimmerservice kann teuer sein … wenn ich ihn liefere.

So, nun ist es raus. Aber jetzt nicht reagieren auf diese Worte, nicht lächeln, nicht wegschauen. Ist kein großes Ding. Du machst das ständig. Das Hämmern in der Brust, das flaue Gefühl im Magen nicht beachten.

Rick nickt zufrieden.

RICK Ich bin also nicht der einzige Mensch, der arbeitet, wie?

ICH Sie haben’s erfasst, Rick.

RICK Nehmen Sie’s mir nicht übel, Claire, aber irgendwie sind Sie gar nicht der Typ Frau dafür.

Zeit für ein Geständnis.

ICH Weil … es auch nicht so ist.

RICK Also welcher Typ Frau sind Sie dann?

ICH Der Typ, der nach New York kommt, um Schauspielunterricht zu nehmen, und die Gebühren nicht mehr zahlen kann. Deshalb ziehe ich alle paar Monate los, habe ein bisschen Spaß … und das Problem ist erledigt.

Vorne an der Rezeption ist gerade eine Familie beim Einchecken. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, eingemummelt in Mantel, Wollmütze und Schal, will wissen, was hinter dem Empfangstresen ist. Der Vater hebt die Kleine hoch, stellt sie auf ihren Elefantenkoffer. Sie hält sich fest und nimmt strahlend die Schlüsselkarte in Empfang, die der Angestellte ihr lächelnd überreicht. Der Vater hat schützend die Hand in den Nacken der Kleinen gelegt, damit sie nicht herunterfällt. Worauf sich prompt bei mir das vertraute Stechen von Neid und Schmerz einstellt.

Ich verdränge es und wende mich wieder Rick zu. Er beugt sich mit leuchtenden Augen vor und spricht mit gedämpfter Stimme.

RICK Und wie viel Spaß möchten Sie heute Abend haben, Claire?

ICH Das kommt darauf an, was ausgehandelt wird.

Rick lächelt. Er ist Anwalt. Etwas auszuhandeln ist sein täglich Brot.

RICK Wie wär’s mit dreihundert?

ICH Das wird in Seattle bezahlt?

RICK Dafür kriegt man in Seattle eine ganze Menge, glauben Sie mir.

ICH Was ist der höchste Preis, den Sie jemals für eine Frau bezahlt haben, Rick?

RICK Fünfhundert. Aber das war …

ICH (falle ihm ins Wort) Verdoppeln Sie die Summe.

RICK (verblüfft) Das ist nicht Ihr Ernst!

ICH Tatsächlich – auf Ernst habe ich keine Lust. Ich will Spaß haben, und deshalb bin ich tausend Dollar wert. Aber wenn Sie sich’s anders überlegt haben …

Ich greife gezielt lässig nach meiner Handtasche und hoffe dabei inständig, dass er nicht merkt, wie sehr meine Hände zittern.

RICK Nein, warten Sie … tausend geht klar.

ICH Welche Zimmernummer haben Sie?

RICK Achthundertvierzehn.

ICH In fünf Minuten klopfe ich bei Ihnen. Schauen Sie jetzt nicht zum Empfangstresen.

Er steht auf.

RICK (bewundernd) Der Trick mit dem Tisch ist imposant. Abschleppen direkt vor der Nase des Personals.

ICH So was lernt man. Wenn man Spaß haben will.

Als er am Aufzug ist, blickt Rick zu mir zurück. Ich nicke kurz und erlaube mir ein kleines verschwörerisches Lächeln.

Das sofort erstirbt, als die Aufzugtür zugeht und er mich nicht mehr sieht. Ich nehme meine Handtasche und verlasse das Hotel.

Ausblende.

Draußen hat es endlich aufgehört zu schneien. Die Hydranten am Gehweg tragen weiße Schneetoupets. Ein Stück weiter wartet mit laufendem Motor eine schwarze Limousine. Ich steige hinten ein.

Ricks Ehefrau ist um die fünfundvierzig. Eine verlebte, teuer aufgemachte Person, die wohl selbst mal dem Musikgewerbe angehörte, bevor sie Rick zu seinen Geschäftsessen begleitete und seine Kinder zur Welt brachte. Die Frau sitzt neben Henry auf der Rückbank und zittert, obwohl es im Auto warm ist.

»Alles klar?«, fragt Henry leise.

»Bestens«, antworte ich und nehme die kleine Kamera aus der Handtasche. Auf den Akzent aus Virginia verzichte ich jetzt. In meinem normalen britischen Tonfall sage ich zu der Gattin: »Hören Sie: Sie müssen sich das nicht anschauen. Sie können auch einfach nach Hause gehen und versuchen, die Sache hinzukriegen.«

Sie erwidert, was alle erwidern: »Ich will es wissen.«

Ich reiche ihr die Kamera. »Die Kernaussage: Er geht regelmäßig zu Prostituierten. Und nicht nur auf Reisen. Er erwähnte, dass er in Seattle schon fünfhundert Dollar für eine Frau bezahlt hat. Und mir hat er gerade tausend angeboten.«

Der Frau steigen Tränen in die Augen. »O Gott. O Gott.«

»Tut mir wirklich leid«, sage ich unbehaglich. »Er wartet auf mich in Zimmer achthundertvierzehn. Falls Sie raufgehen und mit ihm reden wollen.«

Trotz der Tränen lodern die Augen der Frau jetzt förmlich vor Zorn. Einprägen und verwahren. »Oh, ich werde ganz bestimmt mit einem Anwalt sprechen. Aber nicht mit ihm, sondern mit einem Scheidungsanwalt.«

Sie wendet sich Henry zu. »Ich möchte jetzt weg hier.«

»Natürlich«, sagt er ruhig. Als er und ich aussteigen – Henry wird sich ans Steuer setzen, ich werde meiner Wege gehen –, reicht er mir diskret einen Umschlag.

Vierhundert Dollar. Nicht schlecht für einen Abend. Und dieser Rick war auch ein Dreckskerl. Grässlich. Arrogant, aggressiv, untreu. Der hat alles verdient, was seine Frau jetzt mit ihm anstellt.

Weshalb bin ich dann, als der Wagen durch den schmutzigen Schnee davonfährt, so angewidert von dem, was ich getan habe?

Zwei

Jetzt fragen Sie sich, wer ich eigentlich bin und was ich in New York mache. Sie wollen meinen Werdegang erfahren.

Name: Claire Wright

Alter: 25 (kann 20–30 spielen)

Größe: 1,74

Nationalität: britisch

Augenfarbe: braun

Haarfarbe: wechselnd

Das sind die Fakten. Aber die interessieren Sie nicht. Sie möchten wissen, was ich will. Denn das ist die wichtigste Regel, die man in der Ausbildung gleich zu Anfang lernt: Die Figur wird definiert durch ihr Ziel, durch das, was sie erreichen will.

Insofern habe ich Rick die Wahrheit gesagt – teilweise wenigstens. Ich möchte andere Menschen sein. Etwas anderes wollte ich nie.

Auf jeder Liste der zehn besten Schauspielschulen der Welt befindet sich etwa die Hälfte davon in New York City. Juilliard, Tisch School, Neighborhood Playhouse, um nur ein paar zu nennen. An allen werden Variationen einer bestimmten Schauspielmethode gelehrt, die von einem grandiosen russischen Schauspieler und Regisseur entwickelt wurde, Konstantin Stanislawski. Dabei geht es vor allem darum, sich so sehr in die emotionale Wahrheit einer Figur zu vertiefen, dass sie Teil von einem selbst wird.

An den New Yorker Schauspielschulen lernt man nicht, eine Figur zu spielen. Man lernt, die Figur zu werden.

Wenn man das große Glück hat, durch die erste Runde zu kommen und zum Vorsprechen nach New York eingeladen zu werden; wenn man das riesige Glück hat, aufgenommen zu werden; wenn man schon als elfjähriges Mädchen immer nur Schauspielerin werden wollte, als Kind, das der Tristheit der Pflegefamilien entkam, indem es sich vorgaukelte, eine andere Person an einem anderen Ort zu sein … dann ist man nicht nur auserwählt unter tausend, sondern man wäre komplett wahnsinnig, wenn man diese Chance nicht ergreifen würde.

Ich hatte mich aus einem spontanen Impuls heraus beim Actors Studio beworben – dort war Marilyn Monroe ausgebildet worden, und sie wuchs auch bei Pflegeeltern auf –, absolvierte mein Vorsprechen in der bizarren Überzeugung, ich könnte es schaffen, und wurde vom Fleck weg aufgenommen.

Sogar ein Stipendium gaben die mir. Damit konnte ich einen Teil der Unterrichtsgebühren bezahlen, nicht jedoch die Lebenshaltungskosten in einer der teuersten Städte der Welt.

Mein Studentenvisum ließ Jobs zu, aber ausschließlich auf dem Campus. In diesem Fall der Pace University, einem beengten modernen Gebäude unweit von City Hall und Brooklyn Bridge, wo Jobs rar waren.

Ich fand einen Job als Kellnerin in einer Bar in Hell’s Kitchen, wo ich dreimal die Woche abends nach dem Unterricht hinsprintete. Aber der Besitzer hatte zahllose junge Frauen zur Auswahl und beschäftigte keine allzu lange, damit er der Steuerfahndung oder der Einwanderungsbehörde immer erzählen konnte, die Unterlagen seien noch in der Post. Nach zwei Monaten teilte mir der Typ halbwegs manierlich mit, dass ich mir was anderes suchen müsse.

Paul, einer meiner Schauspiellehrer, riet mir, zu einer Agentin zu gehen, Marcie Matthews. In einem mit Feuerleitern gespickten Wohnblock am Ende der 43rd Street ging ich zu Fuß in den dritten Stock hoch und landete in dem kleinsten Büro, das ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Überall türmten sich Stapel von Porträtfotos, Drehbüchern, Verträgen. Im ersten Raum saßen zwei Assistentinnen an einem mit Papieren übersäten schmalen Schreibtisch. Jemand rief meinen Namen aus dem anderen Raum. Dort stieß ich auf eine kleine Frau, die gigantischen Plastikschmuck trug und meinen Lebenslauf in der Hand hielt. Die Frau las daraus vor und wies mit der Hand auf einen Stuhl gegenüber.

INNEN. NEW YORKER SCHAUSPIELAGENTUR – TAG.

MARCIE Schauspielschule. London Dramatic School of Art, nur ein Jahr. Kleine Fernsehrolle. Ein paar europäische Filmkunststreifen, die nie rauskamen.

Die Agentin wirft meine Vita beiseite und starrt mich zweifelnd an.

MARCIE Sie sind recht hübsch. Nicht schön, könnten aber Schönheit spielen. Und Paul Lewis sagt, Sie sind begabt.

ICH (erfreut, versuche aber, bescheiden zu wirken) Er ist so ein wunderbarer Lehrer …

MARCIE (unterbricht mich) Ich kann Sie trotzdem nicht vertreten.

ICH Warum nicht?

MARCIE Sie haben keine Greencard. Sind also nicht in der Gewerkschaft. Können demnach gar nicht arbeiten.

ICH Aber irgendwas muss ich doch machen können.

MARCIE Klar. Nach England zurückkehren und eine Greencard beantragen.

ICH Das … das geht nicht.

MARCIE Warum nicht?

ICH Das ist kompliziert.

MARCIE Nein, eher deprimierend vertraut.

Sie greift nach einer E-Zigarette und schaltet sie ein.

MARCIE Ich hab ein paar Kollegen in London gemailt. Wissen Sie, was die über Sie sagen?

ICH (bedrückt) Ich kann es mir denken, glaube ich.

MARCIE Das Netteste war noch »ziemlich emotionsbetont«. Die meisten schrieben: »Finger weg«. Und als ich nachhakte, tauchte immer wieder die Vokabel Tumult auf.

Sie zieht die Augenbrauen hoch.

MARCIE Möchten Sie vielleicht was dazu sagen?

Ich hole tief Luft.

ICH Tumult … ist der Titel meines ersten Kinofilms. Mein Durchbruch. Ich war das Gegenüber des Love-Interest … ich vermute mal, Sie kennen seinen Namen bereits. Er ist berühmt, sieht toll aus, und jeder weiß, dass er eine der glücklichsten Schauspielerehen überhaupt hat.

Ich sehe Marcie trotzig an.

ICH Als er sich in mich verliebt hat, wusste ich deshalb, dass es echte Liebe war.

MARCIE (schnaubt verächtlich) Na klar.

ICH Bis ich gehört habe, wie das bei Filmleuten genannt wird: Affäre bis Drehschluss.

MARCIE Und dann?

ICH Nach vier Wochen tauchte seine berühmte wunderhübsche Frau mit den drei berühmten wunderhübschen Kindern am Set auf, und die Produzenten fanden plötzlich alle möglichen Gründe, mich aus dem Weg zu schaffen. Ich sollte in einer Tonkabine Dialogzeilen nachsynchronisieren, die beim ersten Take völlig in Ordnung gewesen waren.

MARCIE Und weiter?

ICH Dann kriegte ich die Gerüchte mit. Ich sei eine irre Stalkerin. Hätte seiner Frau gedroht. Die PR-Maschinerie, die seine Filme promotet hat, machte mich jetzt nach Strich und Faden fertig.

Ich kämpfe mit den Tränen, weiß genau, wie naiv ich mich anhöre. Dabei war ich auch damals keinesfalls unbedarft. Wer in Pflegefamilien groß wird, ist kein dämliches Dummerchen. Aber ausgehungert danach, zu lieben und geliebt zu werden. Er war der schönste Mann, dem ich jemals begegnet war; auch der leidenschaftlichste und der poetischste. Konnte jeden Shakespeare-Liebesmonolog so vortragen, als sei er für ihn geschrieben worden.

Moral der Geschichte: Verlieb dich nie in jemanden, der mit den Worten anderer spricht.

Vom Rest erzähle ich Marcie nichts; sie weiß es vermutlich ohnehin. Wie ich mir, in dramatischem Jugendirrsinn, in seinem Wohnwagen auf demselben Bett die Pulsadern aufschnitt, auf dem wir in Drehpausen immer Sex hatten. Ich wollte ihm damit zeigen, dass ich nicht nur gespielt hatte. Dass es mir ernst gewesen war.

ICH Und das war’s dann. Von einem Tag auf den anderen kriegte ich keine Angebote mehr. Weil ich die schlimmste Sünde begangen hatte: Ich war unprofessionell gewesen. Das war eine Woche vor meinem achtzehnten Geburtstag.

Marcie nickt nachdenklich.

MARCIE Wissen Sie, Paul hat recht: Sie sind tatsächlich ziemlich gut. Einen Moment lang hätte ich Sie fast bemitleidet. Anstatt zu denken: was für eine bescheuerte selbstzerstörerische Lusche.

Sie deutet mit der E-Zigarette auf mich.

MARCIE Und die Produzenten hatten auch recht. Suchen Sie sich einen anderen Beruf.

ICH Ich hatte auf eine zweite Chance in Amerika gehofft.

MARCIE Das ist komplett naiv. Die Zeiten, als wir hier alle Gebeutelten und Freiheitssucher aufgenommen haben, sind vorbei.

ICH Ich wollte mein Leben lang immer nur Schauspielerin sein. Aber ich kann meine Ausbildung nicht fortsetzen, wenn ich kein Geld verdiene … gibt es denn nicht irgendetwas, das ich tun kann?

Marcie macht ein finsteres Gesicht, seufzt aber zugleich. Dampfschwaden quellen aus ihren Nasenlöchern. Dann, als handle sie wider besseres Wissen …

MARCIE Na schön. Hinterlassen Sie Ihre Daten vorne im Büro. Demnächst kommen ein paar miese Musikvideos rein. Aber ich kann nichts versprechen.

ICH Danke! Vielen, vielen Dank!

Ich springe auf und schüttele Marcie wie wild die Hand. Die Agentin fuchtelt mit der E-Zigarette, damit ich verschwinde. Dabei fällt Marcies Blick auf den Schreibtisch.

Sie greift nach einem Papier, liest es und schaut auf.

MARCIE Hätten Sie vielleicht Lust, für eine Anwaltskanzlei zu arbeiten, Claire?

ICH Als Assistentin?

MARCIE Nicht direkt … hören Sie, ich will ehrlich mit Ihnen sein. Das ist kein toller Job. Aber die brauchen jemanden wie Sie und sind bereit, anständig zu zahlen. Sehr anständig sogar. Ohne Greencard. Und bar.

Drei

Als die Limousine mit Ricks Frau wegfährt, drehe ich mich um und gehe in die andere Richtung. Ich habe keinen Mantel an. Eisiger Schneematsch dringt in meinen rechten Schuh.

Der Times Square ist ein Aufruhr aus flackernden Farben. Ein einzelner Pantomime trotzt der Kälte und unterhält die Warteschlange an einem Kartenschalter. Auf Werbetafeln blinken Schlagworte aus der Presse: »BERAUSCHEND«, »BRILLANT«, »EINZIGARTIG«. Über mir sehe ich ein Schild: THEATERLAND.

Wenn man sein Land selbst aussuchen könnte, würde ich in Theaterland leben wollen.

Ich biege vom Broadway in eine düstere Querstraße ab. THE COMPASS THEATER steht auf einem halb verwitterten Schild. Im Foyer drängen sich schon jede Menge Leute, hauptsächlich Studentenpärchen, weil es an der Abendkasse Restkarten zum halben Preis gibt. Ich gehe weiter zum Bühneneingang.

Inspizienzassistenten, die unverzichtbaren Helfer hinter der Bühne, hasten mit Klemmbrettern und Requisiten umher. Ich gehe zum Aufenthaltsraum, der mit Stellwänden in zwei provisorische Garderoben aufgeteilt wurde, eine für Männer, eine für Frauen. In letzterer schminkt sich Jess vor einem Spiegel, gleichzeitig mit drei anderen jungen Frauen.

»Hey«, sage ich munter.

»Hey, Claire.« Jess wirft mir einen Blick zu, befasst sich dann wieder mit der Schminke. »Wie war’s?«

Ich bringe Henrys Umschlag zum Vorschein. »Hat vierhundert abgeworfen. Jetzt schulde ich dir nur noch dreihundert.«

Jess’ Vater, der stinkreich ist, hat ihr eine Wohnung in Manhattan gekauft. Ich soll die Miete monatlich zahlen, gerate aber manchmal in Rückstand.

»Super«, sagt Jess abwesend. »Gib mir das Geld bitte später, ja? Wir gehen nach der Vorstellung noch aus, und da verlier ich es womöglich.«

Offenbar gucke ich irgendwie erwartungsvoll, denn Jess fügt hinzu: »Wenn du Lust hast, schau dir doch die Vorstellung an und komm nachher mit. Dann kannst du mir auch sagen, ob ich die hysterische Verzweiflung hinkriege, auf die Jack so versessen ist.«

»Klar, warum nicht«, erwidere ich möglichst beiläufig. Mit Theatervolk in einer Bar abzuhängen ist besser, als alleine zu sein.

»Drei Minuten!«, ruft ein Inspizient und klatscht mit der Hand an die Stellwände.

»Wünsch mir Glück«, sagt Jess, den Blick noch auf den Spiegel gerichtet. Sie steht auf, streicht ihr Kleid glatt. »Hals- und Beinbruch und so.«

»Toi, toi, toi. Aber du bist sowieso gut. Nur die Waldszene solltest du langsamer angehen, was dein blöder Regisseur auch sagt.«

Binnen Sekunden leert sich der Raum. Ich gehe zur Seitenbühne. Als das Licht im Zuschauerraum ausgeht, schleiche ich vor und spähe durch einen Spalt in der Kulisse aufs Publikum, genieße den einzigartigen, berauschenden Theatergeruch: frische Farbe vom Bühnenbild, Staub, alte Stoffe, Charisma. Der überwältigende Augenblick, wenn die Dunkelheit einsetzt und der betriebsame Lärm des Alltags verstummt.

Einen Moment lang warten alle. Dann leuchten strahlend bunt die Scheinwerfer auf, und ich trete einen Schritt zurück. Glitzernde Schneeflocken schweben herab – Kunstschnee natürlich, aber das Publikum staunt.

Der Regisseur hält es für eine tolle Idee, Shakespeares Sommernachtstraum in den Winter zu verlegen. Als Jess mir davon erzählte, empfand ich das als läppischen Showeffekt. Aber jetzt, als ich diese watteweißen Schneeflocken sehe, die träge durch die Luft wirbeln und dann wie Pailletten im Haar der Schauspieler glitzern, während diese auf die Bühne stürmen, wird mir klar, dass der Regisseur mit einem einzigen Bild die träumerische, magische Stimmung des Stücks eingefangen hat.

THESEUS Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitstunde

mit Eil’ heran …

Schmerzhafte Sehnsucht packt mich. Dies ist das mir verbotene Reich, der Traum, der mir wegen der fehlenden Greencard und meiner Probleme in England versagt bleibt. Der Hunger ist so körperlich, dass mein Magen sich zusammenzieht und mir die Kehle eng wird. Tränen brennen in meinen Augen.

Doch während sich die Szene entfaltet, denke ich: Merk dir dieses Gefühl für den Unterricht. Es ist Gold wert.

Vier

Vier Stunden später sind wir alle in der Harley Bar. Irgendwie landen wir immer in dieser stickigen Kellerbar, in der alte Motorräder von der Decke hängen und die Kellnerinnen schwarze Spitzen-BHs unter ausgefransten ärmellosen Jeansjacken tragen. Springsteen dröhnt aus den Lautsprechern, sodass wir alle schreien müssen – zwanzig ausgebildete Stimmen, nach der Vorstellung vollkommen überdreht, plus Freundinnen, Freunde, Anhängsel wie ich.

Jess und ich und ein paar andere tauschen Geschichten aus. Es geht natürlich ums Schauspiel. Wir reden nie über was anderes.

JESS Und was ist mit Christian Bale? Der hat für seine Rolle in Der Maschinist ein Drittel seines Körpergewichts abgenommen.

SCHAUSPIELERIN 2 Oder Chloë Sevigny, die in The Brown Bunny Gallo echt einen bläst.

SCHAUSPIELER Definiere echt in dem Kontext. Sag ich mal so.

SCHAUSPIELERIN 3 Adrien Brody in Der Pianist. Er hat fünfzehn Kilo abgenommen und Klavier spielen gelernt. Und um zu spüren, wie es sich anfühlt, alles zu verlieren, hat er sein Auto, seine Wohnung und sein Handy weggegeben. Das nenne ich authentisch sein.

SCHAUSPIELERIN 2 Hey, das könnte ich auch machen! Ach nee, warte mal. Ich spiele ja zurzeit eine singende Tanzmaus in einem Broadway-Musical.

Sie vollführt einen leicht angetrunkenen Maustanz.

SCHAUSPIELERIN 2 Mausemaus, Mausemaus, willkommen in meinem Mausehaus …

Der Barmann wirft mir quer durch den Raum einen Blick zu. Einen Blick, der länger dauert als nötig.

Diese Art von Blick habe ich zuletzt gesehen, als Rick, der Drecksack-Anwalt, mich an seinen Tisch einlud.

Aber dieser Typ hier ist in meinem Alter, tätowiert, cool und drahtig. Trotz des eisigen Winds, der jedes Mal in die Bar pustet, wenn jemand die Tür aufmacht, trägt er nur ein T-Shirt. Und wenn er sich zu den Flaschen umdreht, wippt das Geschirrtuch, das hinten in seiner Jeans steckt, vor seinem knackigen Arsch hin und her.

Plötzlich befinde ich mich an der Bar.

COOLER BARMANN Hey!

Er ist Australier. Ich liebe Australier.

ICH Hi!

Aus irgendeinem Grund spreche ich mit dem Akzent aus Virginia, den ich vorhin bei Rick benutzt habe.

COOLER BARMANN Was hättest du gern?

ICH (wegen des Lärms mit erhobener Stimme) Martini bitte.

COOLER BARMANN Kommt sofort.

Er füllt ein Schnapsglas randvoll mit Jack Daniel’s und knallt es auf den Tresen.

ICH Ich hatte doch Martini gesagt.

COOLER BARMANN So machen wir hier die Martinis.

Er grinst mich an, wartet ab, ob ich mich beschweren will. Gutes Lächeln.

Weshalb ich das Glas in einem Zug leere.

ICH Wenn das so ist, nehme ich eine Piña Colada.

COOLER BARMANN Eine Piña Colada …

Er gießt ein Barmaß Jack Daniel’s in ein Glas, gefolgt von einem zweiten und dritten Shot Jack Daniel’s.

Ich kippe mir das Ganze in einem langen Zug in den Rachen. Andere Gäste an der Bar klatschen spontan Beifall.

Beifall. Das habe ich lange nicht gehört.

Jedenfalls nicht für mich.

ICH Dann könntest du mir mal einen Long Island Iced Tea mixen, wo du schon dabei bist.

… das hätte dann eigentlich die Abblende sein sollen, in dem Film, der dauernd in meinem Kopf läuft.

Wird es aber nicht. Sondern ein Jump Cut oder ein Reißschwenk oder irgend so was Technisches, denn alles geht drunter und drüber, bis ich plötzlich in einer fremden Wohnung auf jemandem liege und stöhne.

ICH Ja, ja, o Gott, ja …

IRGENDEIN MANN Ja …

Ach so. Umbesetzung. Der coole Barmann namens Brian hatte erst ab drei frei, weshalb ich mich mit einem von Jess’ Freunden eingelassen habe. Ich war zu betrunken und zu berauscht von meinem Beifall, um alleine ins Bett zu gehen.

Aber wenn ich ehrlich bin, lag es nicht nur am Alkohol. Oder am begeisterten Publikum.

Einen warmen Körper in den Armen zu halten … das brauche ich immer nach den Jobs für Henry.

Denn wenn eine Frau dem Mann nicht vertrauen kann, der ihr gesagt hat, er wird sie lieben bis ans Ende seiner Tage – wem soll man dann auf dieser Welt noch vertrauen?

Und dass ich durch mein Talent, meinen Text, meinen Auftritt eine Familie zerstöre, gibt mir immer wieder ein mieses Gefühl. Ich bin nicht stolz auf diese Auftritte.

Aber manchmal bin ich stolz, wie gut sie mir gelingen.

Fünf

Als ich am nächsten Morgen mit der U-Bahn nach Hause fahre, trage ich noch Jess’ Jacke und nicht sehr viel mehr. Die wissenden Blicke der anderen Fahrgäste übersehe ich. Eine der Aufgaben, die Paul uns stellt, besteht darin, in der Rolle auf den Straßen von New York unterwegs zu sein und mit wildfremden Menschen zu reden. Wenn man das ein paarmal macht, kriegt man ein ziemlich dickes Fell.

Und auch wenn man in Hotelbars herumsitzt und sich von verheirateten Männern angraben lässt.

Das war einer der Gründe, warum ich auf Marcies Vorschlag eingegangen bin: nicht nur wegen der Kohle, sondern weil dieser Job mich auch als Schauspielerin weiterbringt. Marcie stellte dann den Kontakt zu Henry her. Der bezeichnet sich gern als Anwaltsgehilfen, ist aber de facto fest angestellter Privatdetektiv der Kanzlei. Unser erstes Treffen fand in einer Bar statt, was ich für ein Vorstellungsgespräch ziemlich merkwürdig fand, bis Henry mir erklärte, worum es ging.

»Glauben Sie, dass Sie damit klarkommen?«, fragte er damals.

Ich zuckte die Achseln. Andere Optionen hatte ich eher nicht. »Klar.«

»Gut. Gehen Sie raus, kommen Sie wieder rein, und versuchen Sie, mich abzuschleppen. Betrachten Sie’s als Vorsprechen.«

Das machte ich. Und weil es sich sonderbar anfühlte, diesen grauhaarigen älteren Mann anzubaggern, fiel es mir leichter, in die Rolle zu finden. Stimme und Grundhaltung im Stil einer Femme fatale aus einem alten Film – so was wie Lauren Bacall in Tote schlafen fest –, und ich konnte mich hinter der Rolle verstecken.

Nachdem ich wieder reingekommen war, setzte ich mich an die Bar und bestellte einen Drink. Den Mann zwei Hocker neben mir würdigte ich keines Blickes.

Niemals direkt anmachen, hatte Henry gesagt. Es soll deutlich sein, dass Sie verfügbar sind. Aber die Männer müssen auf Sie zukommen, nicht umgekehrt. Die Unschuldigen dürfen nichts zu befürchten haben.

Hört, hört. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass das Gehirn von Männern ganz anders funktioniert.

INNEN. SCHUMMRIGE NEW YORKER BAR – TAG.

Im Spiegel hinter der Bar sehen wir CLAIRE WRIGHT gelangweilt mit ihrem Glas spielen.

HENRY, ein schlanker Ex-Polizist Anfang fünfzig, setzt sich auf den Barhocker neben Claire.

HENRY Sind Sie alleine?

CLAIRE (mit lasziv kehliger Stimme, gedehnt) Jetzt nicht mehr.

Er schaut auf ihre Hand.

HENRY Sie tragen einen Ehering.

CLAIRE Ist das gut oder schlecht?

HENRY Kommt drauf an.

CLAIRE Worauf?

HENRY Darauf, wie schnell er sich abziehen lässt.

Ihre Augen weiten sich ob dieser Dreistigkeit. Dann:

CLAIRE Wo Sie das gerade sagen: Er sitzt in letzter Zeit recht locker. Und bei Ihnen?

HENRY Ob ich locker bin?

CLAIRE Sind Sie verheiratet?

HENRY Nicht heute Abend.

CLAIRE Dann ist das wohl mein Glücksabend.

Sie sieht ihn an – aufrichtig, entspannt, direkt. Eine Frau, die weiß, was sie will. Und sie will sich amüsieren.

HENRY (fällt aus der Rolle) Oh Mann.

ICH War das okay? Ich könnte auch einen anderen Ansatz probieren …

Henry lockert seinen Hemdkragen.

HENRY Mir tun die Kerle schon beinahe leid.

Drei Tage später saß ich in einer stillen Bar in der Nähe vom Central Park und hörte zu, als mir ein Geschäftsmann erzählte, dass er seine Frau nicht mehr attraktiv findet. Danach bekam die Gattin von mir die Aufnahme, und ich bekam von Henry vierhundert Dollar.

Der Job war nicht regelmäßig. Manchmal gab es drei oder vier Aufträge pro Monat, manchmal keinen einzigen. Henrys Arbeit bestand hauptsächlich in der Beschattung von Ehepartnern. Er folgte den Leuten heimlich, um sie auf frischer Tat zu ertappen. »Die meisten unserer Klienten sind Frauen«, hatte er mir irgendwann erzählt. »Und verdammt oft liegen sie richtig mit ihrem Verdacht. Denen ist vielleicht aufgefallen, dass ihr Mann ein besonders cooles Hemd ins Büro anzieht und dann später schreibt, er müsse länger arbeiten. Oder er hat ein neues Aftershave. Manchmal haben die Frauen auch schon eindeutige Nachrichten auf dem Handy entdeckt. Männer, die ihre Frauen verdächtigen, irren sich häufiger.«

Bei der Polizei war Henry als verdeckter Ermittler tätig, und es ist ganz klar, dass er seine Arbeit furchtbar vermisst. Wenn wir in Limousinen und Hotellobbys herumsitzen und auf unser Opfer warten, erzählt Henry mir von seinen Abenteuern.

»Man muss selbst in die Schatten abtauchen. Kriminelle spüren intuitiv, wenn man sie verabscheut oder sich vor ihnen fürchtet. Deshalb muss man es schaffen, an das zu glauben, woran sie glauben. Und dieser Teil ist am gefährlichsten. Nicht Waffen oder Gewalt. Sondern dass man aus den Schatten nicht mehr rauskommt. Dass sie Besitz von einem ergreifen.«

Ich sage ihm dann, er sei ein Method Actor, ohne es zu wissen, und erzähle ihm im Gegenzug Geschichten vom Schauspiel. Zum Beispiel aus meinem allerersten Kurs, in dem Paul uns eine Szene von Ibsen spielen ließ. Ich fand die anderen ziemlich gut. Dann mussten wir die Szene noch mal spielen, dabei aber Besenstiele auf den Händen balancieren. Wir scheiterten alle daran, dass wir zweierlei gleichzeitig tun sollten.

»Weil ihr die Rolle nicht gelebt habt«, erklärte Paul. »Ihr habt nur so getan als ob. Ihr habt nachgeahmt, was ihr bei anderen gesehen habt, aber nicht daran geglaubt. Deshalb seid ihr gescheitert, als ihr euch auf etwas anderes konzentrieren musstet. Was ich euch jetzt sage, ist das Allerwichtigste, das ihr jemals von mir hören werdet: Nicht denken! Ihr sollt nichts vortäuschen oder darstellen. Sondern inder Rollehandeln.«

Henry hält das für Blödsinn. Aber ich habe schon Schauspieler in der Garderobe wie verrückt niesen und schniefen sehen, und sobald sie auf der Bühne standen, war der Schnupfen weg. Ich habe erlebt, wie sich schüchterne Introvertierte in Könige und Königinnen verwandelten, wie Hässliche wunderschön wurden und Schöne abscheulich. Dabei geschieht etwas, das niemand erklären kann. Für eine kurze Zeit wird man zu einer anderen Person.

Und das ist das allerbeste Gefühl der Welt.

Heute Morgen sieht Manhattan aus wie ein Filmset. Belüftungsschächte dampfen träge in der Sonne, und die warme Abluft hat Löcher in den Schnee geschmolzen. Der gestrige Abend hat den Inhalt von Henrys Umschlag empfindlich angegriffen, aber ich kaufe trotzdem bei einem Deli Bagels für Jess und mich. Als ich rauskomme, liefern sich ein paar Kinder eine Schneeballschlacht, und ich mache spontan mit. Dabei denke ich: Wow. Ich bin wirklich und wahrhaftig in New York, dem New York. Diese Szene hier könnte aus einem Film stammen, und ich studiere an einer der besten Schauspielschulen der Welt. Das Drehbuch hat wohl doch ein Happy End.

Ist das nur bei mir so? Dass es mir vorkommt, als sähe ich mir ständig den Film meines eigenen Lebens an? Wenn ich in meinem Freundeskreis rumfrage, behaupten alle, sie kennen das nicht. Aber ich glaube, die lügen. Warum sollte man denn Schauspiel lernen, wenn nicht, um sich eine eigene Realität zu erschaffen? Auch wenn mir gerade einfiel, dass die Szene mit der New Yorker Schneeballschlacht aus diesem Schrottfilm Buddy – der Weihnachtself stammt.

Als ich in die Wohnung komme, höre ich Stimmen aus Jess’ Zimmer. Sie telefoniert über Skype mit Aran, ihrem Freund, der gerade einen Werbespot in Europa dreht. Ich dusche schnell, überprüfe den Zustand der Jacke und klopfe dann bei Jess.

»Frühstück, Miete und Miss Donna Karan«, verkünde ich schwungvoll. »Gibt’s schon Reaktionen?«

Jeden Morgen schaut Jess als Erstes im Netz nach, ob jemand sie in einem Blog erwähnt hat. Sie schüttelt den Kopf. »Noch nichts. Aber mein Agent hat gemailt. Soll mich bei einem Produzenten vorstellen, der gestern in der Vorstellung war.«

»Super«, sage ich und hoffe, nicht zu neidisch zu klingen.

»Und wie war deine Nacht?« Jess sagt es betont neutral. »Hatte um zwei noch nach dir geschaut, aber du warst schon weg.«

»Ach, war gut.«

Jess seufzt. »Blödsinn, Claire. Du hattest oberflächlichen Sex mit einem wildfremden Typ.«

»Das auch«, erwidere ich leichthin.

»Manchmal mache ich mir Sorgen um dich.«

»Wieso? Ich hab immer Kondome dabei.«

»Ich meine wegen deines Lebens, nicht wegen Aids oder so. Und das weißt du auch genau.«

Ich zucke die Achseln. Ich werde mich jetzt nicht auf eine Diskussion über mein nicht existentes Liebesleben einlassen. Jess hat nämlich eine Familie, und Menschen mit Familie verstehen mich nicht.

Ich hänge die Jacke auf und durchstöbere Jess’ Wäscheschublade nach Dessous. Ganz unten stoßen meine Finger auf etwas Kaltes, Schweres. Ich nehme das Ding heraus. Es ist eine Pistole. Und zwar eine echte.

»Großer Gott, Jess«, sage ich verblüfft. »Was ist das denn?«

Sie lacht. »Hat mir mein Dad besorgt. Nur für alle Fälle. Die große böse Stadt und so.«

»Und du machst dir Sorgen um mich?«, sage ich fassungslos und ziele mit der Pistole auf mich selbst im Spiegel.

»Vorsicht. Ich glaube, sie ist geladen.«

»Huch.« Behutsam lege ich die Pistole in die Schublade zurück und nehme mir rote Alaïa-Leggings heraus.

»Und es könnte ja auch sein«, fügt Jess hinzu, »dass ich jemanden erschießen muss, der meine Kleider stiehlt.«

»In dem Umschlag sind dreihundertfünfzig Dollar. Na ja, zumindest dreihundertzwanzig.«

»Übrigens wird mein Dad diesbezüglich ein bisschen komisch.« Jess sagt es beiläufig, aber ich höre die Anspannung in ihrer Stimme.

»Ach ja?«, erwidere ich möglichst lässig.

»Er hat gerade keinen Job, verdient also auch nichts, und diese Wohnung soll wohl seine Altersvorsorge sein oder so. Deshalb soll ich dir sagen, er möchte, dass du ausziehst.«

Das ist ganz und gar nicht gut. »Und was hast du dazu gesagt?«

»Ich hab gesagt: und wenn Claire dir die ganze Miete bezahlt, mit der sie im Rückstand ist?«

»Wie viel ist das gleich wieder? Noch mal vierhundert?«

Jess schüttelt den Kopf. »Siebenhundert. Aber davon war er auch nicht begeistert. Meinte, er würde es sich überlegen, aber du müsstest in jedem Fall ab sofort im Voraus zahlen.«

Ich starre Jess an. »Aber das heißt ja, dass ich auf einen Schlag elfhundert Dollar auftreiben müsste.«

»Ja, ich weiß. Tut mir leid, Claire. Ich hab versucht, mit ihm zu reden, aber er sagt, ich verstehe nichts von Geld.«

»Wie viel Zeit hab ich?«

»Ich kann ihn noch ein Weilchen hinhalten. Paar Wochen vielleicht.«

»Na toll«, sage ich bitter, obwohl ich weiß, dass Jess keine Schuld trifft. Mein Zimmer wäre groß genug für ein Paar, und diese Wohnung im East Village ist ideal für junge Leute, die im Financial District arbeiten. Jess’ Vater könnte damit erheblich mehr Geld einnehmen.

Ein ausgedehntes Schweigen entsteht. Jess greift nach ihrem Textbuch und blättert darin. »Ich muss noch arbeiten. Jack findet die Waldszene im zweiten Akt immer noch nicht nuanciert genug.«

»Soll ich für dich lesen?«

»Das wäre toll.« Sie wirft mir das Textbuch zu, und ich suche mir die Stelle raus, obwohl ich den Text vermutlich auswendig kann. Romeo und Julia ist nichts dagegen; wenn man diese Szene gut spielt, ist sie das Erotischste, was Shakespeare je geschrieben hat. Der ohnehin die besten Figuren aller Zeiten erschaffen hat, auch wenn manche Leute ihn für hochgestochen und nicht mehr zeitgemäß halten.

Jess fängt an.

JESS (ALS HERMIA) Ach ja, Lysander! Sucht für Euch ein Bette;

Der Hügel hier sei meine Schlummerstätte.

Sie legt sich aufs Bett und macht es sich bequem.

ICH (ALS LYSANDER) Ein Rasen dien’ als Kissen für uns zwei:

Ein Herz, ein Bett, zwei Busen, eine Treu’.

Jess rutscht nervös ein Stück weg.

JESS Ich bitt’ Euch sehr! Um meinetwillen, Lieber!

Liegt nicht so nah! Liegt weiter dort hinüber!

Manchmal besagt ein Text etwas anderes als das, was auf dem Papier steht. Dieser Dialog ist ein klassisches Beispiel dafür. Lysander will Hermia eigentlich um den Verstand vögeln und würde ihr alles erzählen, um sein Ziel zu erreichen. Er ist schließlich ein Mann, nicht wahr? Und Hermia weiß zwar, dass er wohl besser nicht so dicht bei ihr liegen sollte, steht aber auch auf ihn. Sie will nur, dass er weiter wegrückt, damit sie nicht in Versuchung gerät.

Text und Subtext.

Ich stütze mich auf einen Ellbogen, schaue auf Jess hinunter.

ICH Ach, ärgert Euch an meiner Unschuld nicht …

Doch während ich schmachtend Jess tief in die Augen blicke, schreit etwas in mir: Elfhundert Dollar? Nicht mal mit Henrys Jobs kann ich an so viel Geld kommen.

Mein ganzes Fantasiegebilde scheint sich gerade so schnell aufzulösen wie ein Bühnenbild zwischen den Akten. Kein Geld heißt: keine Wohnung. Keine Wohnung heißt: kein Schauspielunterricht. Kein Unterricht heißt: kein Visum. Ich werde mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurückkehren müssen, in ein Land, wo mich niemand mehr als Schauspielerin engagieren wird.

Ich bewege meine Lippen zu Jess’ Mund hin. Einen Moment lang ist sie in Versuchung, ich sehe die Verwirrung in ihren Augen. Dann rückt sie von mir ab.

JESS Wie zierlich spielt mit Worten doch mein Freund!

Heißt: Er kann gut küssen. Und dann versucht er, sie wieder zu küssen, bla, bla, bla und so weiter.

Ich rolle mich vom Bett. »Ich fand es nuanciert genug.«

»Weißt du«, sagt Jess wehmütig, »du bist so viel besser als der Idiot, mit dem ich diese Szene spielen muss. Tut mir leid, Claire. Die Welt ist einfach nicht gerecht.«

Kann man wohl sagen. Aber wer will das schon wissen.

Sechs

Einen Vorteil hat das britische Pflegefamilien-System: Es macht einen widerstandsfähig.

Ich war sieben, als ich meine Eltern verlor. Am einen Tag hatte ich noch eine Familie; am nächsten Tag nicht mehr, dank eines Lkw-Fahrers, der am Steuer mit seinem Handy beschäftigt war. Die Krankenschwestern sagten mir später, meine Eltern seien auf der Stelle tot gewesen. Ich war auf dem Rücksitz, in einem Kindersitz, der mir vermutlich das Leben gerettet hat, als er aus dem Wrack geschleudert wurde. Ich erinnere mich daran jedoch ebenso wenig wie an irgendetwas anderes von diesem Tag und hatte deshalb immer Schuldgefühle. An die letzten Stunden, die man mit geliebten Menschen verbracht hat, sollte man sich doch wohl erinnern.

Es war schon grauenvoll genug, den Tod meiner Eltern zu verkraften. Aber dann wurde mir klar, dass ich auch alles andere verlieren würde: mein Zimmer, meine Spielsachen, alles, was mir vertraut war. Es klingt verrückt, aber auf irgendeine Art war das fast genauso schlimm. Ich war nicht nur verwaist, sondern überdies komplett entwurzelt.

In meinem Viertel in Südlondon gab es nicht genügend Pflegeeltern. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam ich deshalb in eine Notunterbringung auf der anderen Seite der Stadt, in Ealing. Und als sechs Wochen später meine erste Pflegefamilie gefunden wurde, landete ich in Leeds, dreihundert Kilometer entfernt. Das bedeutete, dass ich die Schule wechseln musste und meine Freunde verlor.

Ich war ein Mädchen aus London, das bisher in einer Mittelschichtfamilie aufgewachsen war. In meiner neuen Klasse kannten sich die Kinder seit Jahren, und es kam mir vor, als sprächen wir nicht die gleiche Sprache. Diese Kinder hielten mich für eingebildet. Und so verwandelte ich mich schnell in zwei Personen: das Mädchen aus der Vergangenheit und das Mädchen, das hier reinpasste.

Es gelang mir sogar, exakt so zu sprechen wie die anderen, und ich merkte, dass ich gut Stimmen imitieren konnte.

Meine Pflegeeltern verdienten ihren Lebensunterhalt mit uns Kindern. Sie hatten zwei eigene Kinder und drei weitere in Pflege. Zwar waren meine neuen Eltern sehr nett und fürsorglich zu mir, aber letztlich war die Betreuung der Kinder für sie ein Geschäft, mit dem sie sich ein größeres Haus und tollere Urlaubsreisen finanzieren wollten. Sie waren absolut professionell, aber ich wünschte mir echte, bedingungslose Liebe.

Später, in einer anderen Familie, sah ich wie Gary, der Vater, seinen leiblichen Sohn umarmte. Ich sehnte mich nach Nähe und wollte mich auch ankuscheln. Gary teilte mir behutsam mit, das sei »unpassend«. Als hätte ich ihn angebaggert oder so.

Da wurde mir schließlich klar, dass ich ganz auf mich alleine gestellt war. Und wenn sich dieses Gefühl erst mal in einem festgesetzt hat, geht es nie wieder ganz weg.