Auf dem Weg zur Sonne. Eine Reise zu mir selbst - Anna Dubik - ebook

Auf dem Weg zur Sonne. Eine Reise zu mir selbst ebook

Anna Dubik

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Opis

Eine authentische Geschichte der Verwandlung, die deinen Blick auf die Welt verändert.

Dies ist kein weiteres Motivationsbuch.

Es ist die wahre Geschichte einer Frau, die den Mut fand, „genug" zu einem Leben zu sagen, das sie nicht mehr erfüllte — und ins Ungewisse aufzubrechen.

Von einem kleinen Dorf in Polen über Fehlgeburt, Scheidung und alleinerziehende Mutterschaft bis hin zu Liebe und Erfüllung im sonnigen Gozo — eine ehrliche Geschichte darüber, wie man die Angst überwindet, an sich glaubt und das Leben aufbaut, von dem man wirklich träumt.

Hier findest du nicht nur die Herausforderungen und Schwierigkeiten, sondern vor allem die Kraft, die in jeder von uns steckt und auf ihren Moment wartet.

 

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Liczba stron: 319

Rok wydania: 2026

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Auf dem Weg zur Sonne

Eine Reise zu mir selbst

Anna Dubik

Englischer Originaltitel:

Chasing the Sun: A Journey Back to Myself

Covergestaltung

Anna Dubik, Zuzanna Galicka

Coverfoto

Anna Dubik

Lektorat

Juliane Bultman

Übersetzung der deutschen Fassung

Anna Dubik

Druck und Einband

Franklin Cauchi

InPrint Malta

ISBN: 978-9918-0-1511-5

Copyright © 2026 by Anna Dubik

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne schriftliche Genehmigung der Autorin weder nachgedruckt,

kopiert noch in irgendeiner Form vervielfältigt werden.

Dieses Buch enthält persönliche Meinungen und Erfahrungen der Autorin. Die darin enthaltenen

Informationen sind ausschließlich informeller Natur und sollten nicht als professionelle Gesundheits-,

medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung aufgefasst werden.

Die Autorin ist weder Ärztin noch qualifizierte Therapeutin. Vor jeglichen Entscheidungen bezüglich der

körperlichen oder psychischen Gesundheit sollte ein entsprechender Fachmann konsultiert werden. Die

Autorin übernimmt keine Verantwortung für etwaige Folgen, die sich aus der direkten oder indirekten

Anwendung der in dieser Publikation enthaltenen Informationen ergeben.

WIDMUNG

Dieses Buch widme ich Zuzia, Zosia und Marek.

Zuzania, du hast mir einmal gesagt: Wenn es das Buch, das ich lesen möchte, noch nicht

gibt, dann sollte ich es eben schreiben. Nun – ich habe es getan.

Ich danke meinen Töchtern und meinem Marek für ihre Unterstützung.

Ohne euch hätte ich schon nach dem ersten Kapitel aufgegeben.

Ich hoffe, dass ihr meine Geschichte in diesem Buch ein wenig besser kennenlernt.

Ich liebe euch von ganzem Herzen.

DANKSAGUNG

Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, um meiner wunderbaren Lektorin Jule zu danken,

die stundenlang meine Anführungszeichen und Konjunktionen korrigiert hat.

Danke dir - für deine Geduld, dein Herz und dafür, dass du an dieses Buch geglaubt hast.

Meiner polnischen Familie fern von Zuhause danke ich dafür, dass ich mich nie allein

fühlen muss.

Ich danke allen Menschen, deren Wege sich mit meinem gekreuzt haben – in den leisen

und in den lauten Momenten, in Polen, in Deutschland, auf Malta und auf Gozo.

Ein besonderer Dank geht an die Menschen, mit denen ich in Deutschland arbeiten durfte.

Für euer Vertrauen, eure Offenheit und all die Gespräche, Begegnungen und Erfahrungen.

Ihr habt mich geprägt – nicht nur in dem, was ich tue, sondern auch in dem, wer ich heute

bin.

Es gibt Begegnungen, die bleiben. Die Zeit vergeht, Orte verändern sich, Menschen gehen

– aber etwas von ihnen bleibt in uns.

Unabhängig von Zeit, Nationalität oder Sprache - ihr alle habt Spuren in mir hinterlassen.

Und vielleicht ist genau das das Schönste: dass wir einander berühren, oft ohne es zu

merken.

Dass wir etwas hinterlassen, das weiterlebt.

Ein besonderer Dank gilt den Menschen, die mich über Jahre begleitet haben - die

geblieben sind, auch wenn es nicht immer leicht war.

Von ganzem Herzen danke ich jedem Mädchen, jeder Frau, die mir geschrieben hat, die

ihre Geschichte geteilt hat oder sich in meinen Worten wiedergefunden hat.

Ihr seid der Grund, warum dieses Buch entstanden ist.

Ihr habt mir gezeigt, wie viel wir teilen - in unseren Gefühlen, unseren Zweifeln, unserer

Stärke.

Und wie sehr wir einander brauchen

VON DER AUTORIN

Über Polen und meine Erfahrungen

Dieses Buch beschreibt meine persönliche Reise – von einem kleinen Dorf im postkommunistischen Polen zu einem neuen Leben auf Gozo. Es sind ausschließlich meine Erfahrungen, keine universelle Wahrheit über Polen.

Wenn ich von der „polnischen Mentalität" oder dem „Leben auf dem polnischen Land" schreibe, meine ich einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit: das provinzielle Polen der Jahre 1980–2000, die Überzeugungen der Menschen in meinem Umfeld, die Realität der Transformationszeit, die Kultur der Arbeiterklasse und die Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin.

Polen ist ein großes und vielfältiges Land. Was in meiner Heimatregion normal war, muss nicht die Wahrheit in Warschau, Krakau oder Danzig gewesen sein. Was in den 1980er- und 1990er-Jahren geschah, entspricht nicht der Realität des heutigen Polens. Ich spreche ausschließlich in meinem eigenen Namen – als Frau in einem bestimmten Moment der Geschichte.

Wenn ich schwierige Aspekte meiner Erziehung oder den gesellschaftlichen Druck beschreibe, den ich empfunden habe, tue ich das nicht, um Polen kleinzumachen, sondern um die Umstände ehrlich darzulegen, die meinen Weg geprägt haben. Meine Auswanderung war keine Ablehnung der Heimat – sie war die Suche nach einem Leben, das ich dort, wo ich war, nicht finden konnte.

An meine polnischen Leserinnen: Das ist die Geschichte einer polnischen Frau, nicht die Geschichte aller polnischen Frauen. Ich schreibe mit tiefstem Respekt f ür die Stärke und Resilienz, die unser Volk auszeichnet.

An meine ausländischen Leserinnen und Leser: Lasst meine Geschichte nicht zum einzigen Bild Polens in eurer Vorstellung werden. Dieses schöne, komplexe und sich dynamisch wandelnde Land verdient es, aus vielen Perspektiven kennengelernt zu werden – nicht nur aus meiner.

Über meine Töchter

Meine Töchter sind Teil dieser Geschichte, weil sie Teil meiner Verwandlung waren. Doch was ich präsentiere, ist meine Perspektive, nicht ihre. Wenn sie erwachsen sind, erinnern sie sich vielleicht ganz anders an jene Zeit. Vielleicht wünschten sie, ich hätte manche Abschnitte anders erzählt – oder gar nicht erzählt. Das ist ihr Recht.

Ich habe sorgfältig ausgewählt, was ich teile, und mich auf meinen Weg als Mutter konzentriert, nicht auf das innere Erleben meiner Kinder. Manche Details habe ich verändert, um ihre Privatsphäre zu schützen. Ihre Geschichte gehört ihnen.

An meine Töchter: Falls ihr eines Tages eure Version erzählen möchtet, werde ich euch von ganzem Herzen unterstützen. Eure Wahrheit ist ebenso wichtig wie meine. Wenn ihr das Gefühl habt, ich habe etwas geteilt, das ihr lieber für euch behalten hättet – es tut mir leid. Unsere Beziehung ist mir wichtiger als jedes Buch.

Ihr seid die Heldinnen dieser Geschichte. Alles habe ich in Gedanken an euch getan. Ich liebe euch mehr, als ich es in Worte fassen kann.

Über Erinnerung und Wahrheit

Erinnerung ist subjektiv. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um meine Geschichte wahrheitsgetreu zu erzählen – ich weiß jedoch, dass andere Menschen, die dabei waren – mein ehemaliger Mann, meine Eltern, Freundinnen – dieselben Ereignisse ganz anders in Erinnerung haben könnten.

Dies ist meine Wahrheit. Nicht die einzige, aber meine.

Die wiedergegebenen Gespräche vermitteln das Wesentliche des Gesagten – so wie ich es in Erinnerung habe –, doch nach so vielen Jahren kann ich nicht für den genauen Wortlaut der Zitate einstehen. Manche Namen und Details wurden geändert, um die Privatsphäre der Personen zu schützen, die auf diesen Seiten erscheinen.

Wenn du dieses Buch liest und Teil meiner Geschichte warst, dich aber an alles ganz anders erinnerst – das ist völlig in Ordnung. Jeder von uns trägt seine eigene Wahrheit in sich.

Über das Suchen professioneller Hilfe

In diesem Buch teile ich Werkzeuge und Praktiken, die mir in den schwersten Momenten geholfen haben – doch ich bin weder Psychologin noch Therapeutin. Ich bin eine Frau, die durch die Dunkelheit gegangen ist und das Licht gefunden hat. Ich biete anderen Frauen auf ähnlichem Weg Hoffnung und Begleitung.

Ich kann jedoch professionelle psychologische Betreuung nicht ersetzen. Wenn du mit Depression, Trauma, Suizidgedanken oder anderen schwerwiegenden Schwierigkeiten kämpfst – bitte suche dir Hilfe bei einer qualifizierten Therapeutin oder einem qualifizierten Psychiater. Die Werkzeuge, die ich beschreibe, können eine wertvolle Ergänzung zur Therapie sein, sollten diese jedoch nicht ersetzen, wenn sie wirklich gebraucht wird.

Um Hilfe zu bitten ist kein Zeichen von Schwäche. Ich selbst habe professionelle Unterstützung in Anspruch genommen und bin dafür sehr dankbar.

Mit Liebe und Respekt für alle, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen,

Ania

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Kapitel 1. Das Leben hinter schmutzigen Fenstern

Kapitel 2. Kurz über mich, Hamster und Schmetterlinge

Kapitel 3. Kindheit im postkommunistischen Polen

Kapitel 4. Jugend, Nosowska und Hochsensibilität

Kapitel 5. Eine Ehe ohne Happy End

Kapitel 6. Fehlgeburt

Kapitel 7. Inzwischen in meinem Kopf

Kapitel 8. Wie rau ist die Zunge eines Kalbes

Kapitel 9. Angst – treuer Wegbegleiter oder lästiger Klettverschluss

Kapitel 10. Trümmer und Fundamente

Kapitel 11. M wie Marek

Kapitel 12. Mediterrane Romanze oder totales Fiasko

Kapitel 13. Das Aschenputtel sein

Kapitel 14. Die Scheidung (oder: ein Geschenk zum Frauentag)

Kapitel 15. Ein Gutschein für unbegrenzte Flüge

Kapitel 16. Vier Kreise und ein Affe – oder wie wir eine Familie wurden

Kapitel 17. Arbeit ist nicht gleich Arbeit

Kapitel 18. Die Pandemie als Heilmittel gegen alles

Kapitel 19. Szenen aus der Pandemie

Kapitel 20. Das Zähmen

Kapitel 21. Die Entscheidung

Kapitel 22. Der Prozess der Veränderung

Kapitel 23. Neue Anfänge

Kapitel 24. Das erste halbe Jahr

Kapitel 25. Als Gott die Handbremse zieht

Kapitel 26. Eine Lektion vom Leben Kapitel 27. Und plötzlich stand die Welt still

Kapitel 28. Die Seele (oder das Geheimnis von Leben und Tod)

Kapitel 29. Bongu Betty (lose Gedanken von Gozo)

Kapitel 30. Sand in der Faust

Kapitel 31. Heimkehren

Epilog. Ein gewöhnlicher, außergewöhnlicher Sonntag

VORWORT

Hallo!

Wenn du dieses Buch in die Hand nimmst, bist du vermutlich auch eine Frau auf dem Weg zu dir selbst.

Schön, dich kennenzulernen! Ich freue mich, dass du hier hereingeschaut hast. Vielleicht möchtest du dich einem kurzen Spaziergang anschließen, der darauf abzielt, sich selbst zu entdecken und neue Wege zur Erfüllung zu finden?

Ich bin weder Psychologin noch Therapeutin noch irgendeine andere Art von Beraterin. Ich bin eine gewöhnliche Frau, genau wie du. Eine Frau, die sich verwirklicht in:

• dem Muttersein,

• der Arbeit,

• einer Partnerschaft,

• der Fürsorge für sich selbst,

• spirituellem und mentalem Wachstum.

Diese Bereiche stehen in zufälliger Reihenfolge, denn je nach Lebensmoment, psychisch-emotionalem Zustand und sogar Stimmung wechseln sie ihren Platz und ihre Priorität – manchmal so schnell wie die Bilder in einem Einarmigen Banditen.

Mich interessiert: An welchem Punkt deines Lebens stehst du gerade?

Das Schreiben dieses Buches reifte lange in mir heran. Schon als Kind mochte ich es, meine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen – zunächst in Form eines Tagebuchs, dann in Geschichten und Gedichten. Mein Kopf und mein Herz kamen selten zur Ruhe, und der Überschuss an Emotionen ergoss sich in einen Strom von Worten. Die täglichen Pflichten des Erwachsenenlebens versuchten, sie zum Schweigen zu bringen – doch das gelang immer nur für kurze Zeit, denn unterdrückte Gedanken und Emotionen kehrten in den unerwartetsten Momenten zurück. Bis schließlich ihre Zeit kam.

Ursprünglich wollte ich bis zur Rente warten, doch meine Teilnahme an der Polsat-Sendung „Ich habe die Liebe im Ausland gefunden" ließ mich den Wunsch verspüren, meine Geschichte mit anderen Frauen zu teilen. Meine ganze Geschichte – deren Höhepunkt man damals im Fernsehen sehen konnte.

Ich wollte nicht, dass die Menschen mich nur durch das Prisma eines Hauses mit Pool auf einer Insel in einem warmen Land sehen. Obwohl ich weiß, dass viele es genau so getan haben. Da dachte ich:

„Wenn alle, in deren Wohnzimmern ich an jenem Abend zu Gast war, befunden haben, dass es ihnen gut ergangen sei – dann zeige ich ihnen jetzt, wie es wirklich war." Ich hatte große Angst, all das offenzulegen – besonders vor Familie und Freunden. Ich fürchtete ihr Urteil und davor, Karten aufzudecken, die man vielleicht besser gar nicht angerührt hätte. Am schwersten war es, mich so weit zu öffnen, dass ich in die dunkelsten Winkel meiner Seele gelangte.

Du fragst: Warum tue ich das, wenn ich es doch besser lassen sollte?

Ich tue es für jene Frauen, die – genau wie ich – einmal an einem Scheideweg standen, alles satthaten und manchmal einfach verschwinden wollten. Wenn auch nur eine von ihnen beschließt, es noch einmal zu versuchen, ihr Leben wieder zusammenzufügen und darin wieder Luft zu holen, werde ich meinen Zweck als erfüllt betrachten.

Wenn du deine Geschichte teilen, ein gutes Wort hören oder eine Frage stellen möchtest, schreib mir: [email protected].

Vielleicht muss man zuerst die Dunkelheit kennen, um das

Licht schätzen zu können.

— Madeleine L'Engle

KAPITEL 1

DAS LEBEN HINTER SCHMUTZIGEN FENSTERN

Ein Schuppen mit schmutzigen Fenstern

Unser Leben ist manchmal wie ein Schuppen mit schmutzigen Fenstern, hinter denen sich der schönste Garten erstreckt. Blumen blühen in allen erdenklichen Farben, ihr Duft steigt in die Luft … doch du riechst ihn nicht. In deinen Nüstern liegen nur Staub und der Geruch von Schimmel, der sich über Jahre angesammelt hat. Mit jedem Tag, an dem du diese Fenster vernachlässigt hast, hast du den Glanz und das Licht aus den Augen verloren, die dein Leben hätte erhellen können.

Dieser Schimmel – das sind alle unerfüllten Versprechen. Unausgesprochene Worte. Ängste und Enttäuschungen, die sich Schicht um Schicht angehäuft haben, bis sie zu drücken begannen. Jeder Tag, an dem du in den Garten geschaut hast, aber nicht die Kraft hattest, das Fenster zu öffnen und frische Luft hereinzulassen, hat diese dichte Dunkelheit im Inneren nur verstärkt.

Und doch ist der Garten hinter der Scheibe noch immer da. Er wartet geduldig, bis du dich entschließt, den Schmutz wegzuwischen, einen Sonnenstrahl hereinzulassen und den Duft des Lebens neu zu entdecken.

Du kannst weiterhin drinnen sitzen, auf jenem wackligen Hocker mit den angebrochenen Beinen. Tun, als würde das Genügen. Als wäre das normal. Als bräuchte man zum Glücklichsein keine Bequemlichkeit.

Du kannst es dir in diesem Schuppen gemütlich machen. Auf dem schmutzigen Hocker mit dem angeknacksten Bein sitzen und tun, als wäre es dir bequem. Du kannst den Tisch mit dem Ärmel abwischen, eine beliebige Mahlzeit auf einem Fleckchen Arbeitsfläche essen, die von jahrelang angesammeltem Schmutz klebt. Du kannst dich damit abfinden. Dir sagen: „Nun, das ist halt mein Leben." Aber wird es dir dort wirklich gut gehen?

Du bist nicht allein

Jede von uns hat solche „Schuppen" in sich, verborgen an verschiedenen Stellen des Körpers, in verschiedenen Lebensphasen. Ich hatte sie auch. Mehr als einmal. Manchmal hatte ich nicht einmal Lust, mit dem Finger ein kleines Loch in die Scheibe zu kratzen, um nach draußen zu schauen. Vom Spiegel ganz zu schweigen, in dem ich mein Spiegelbild längst nicht mehr erkennen konnte.

Der Spiegel. Eines Tages weckte er in mir die Angst, dass ich vielleicht schon völlig verschwunden war. An einem anderen Tag empfand ich Erleichterung, denn ich wollte verschwinden. Mich auf dem schmutzigen Boden meines „Schuppens" hinlegen, mich mit einer alten Decke zudecken, die nach dem Muff trauriger Stunden und schlechter Erfahrungen roch.

Warst du auch dort? Oder bist du vielleicht gerade dort? Oder gehst du hinein und hinaus, ohne zu wissen, wo dein Platz wirklich ist?

Bleib dort, wenn du musst.

Aber vergiss nicht – du bist nicht allein. Wir sitzen gemeinsam darin. Manche von uns sind schon herausgekommen und wissen, dass sie nie zurückwollen. Andere werden erst dorthin geraten, während sie die schwierigen Momente ihres Lebens beweinen. Wieder andere sitzen gerade in ihren „Schuppen" und versuchen, die Kraft für den ersten Schritt zu sammeln.

Die Linie der Frauen

Wisch den Spiegel sauber und sieh die Gesichter darin. Das sind unsere Mütter, Großmütter, Urgroßmütter. Die ganze Generationenlinie der Frauen, die immer bei dir sind, die genau wissen, was du fühlst, gefühlt hast oder fühlen wirst. Wenn du noch keine Kraft in dir selbst findest, suche sie in ihnen. In deiner Vergangenheit, in der Vergangenheit der Frauen vor dir.

Du warst Teil deiner Mutter, noch als sie sich im Innern ihrer Mutter befand. Deine Tochter war Teil von dir, noch als du in deiner Mutter warst. Durch Genbänder miteinander verflochten, durch das Erbe der Zellen verbunden –

Wir sind niemals allein. Wir werden niemals allein sein. Auch wenn du in einem Moment bist, in dem du kein Licht aufleuchten siehst, bist du nicht allein. Auch wenn die Stille in deinem „Schuppen" so dicht ist, dass du kaum deinen eigenen Atem hörst. Auch dann.

Der erste Schritt

Lass uns einen Moment auf diesem schmutzigen Boden liegen. Lass uns unter der Decke schlechter Erinnerungen verschwinden. Gönnen wir uns das Recht auf Ruhe, auf Trauer, auf Schmerz. Und dann sammeln wir die Kraft – von allen, die vor uns waren, und von allen, die nach uns kommen werden.

Vielleicht fängst du damit an, den Spiegel zu wischen? Um das aufmunternde Lächeln deiner Ahninnen zu sehen, ihr aufmunterndes Schulterklopfen zu spüren. Auch wenn du ihre Fürsorge nicht spürst – sie haben dir das größte erdenkliche Geschenk gemacht. Das Leben.

Wach auf.

Schüttle Trauer, Stress, Groll und Schmerz von dir ab. Du musst dich nicht auf einmal von allem befreien – es reicht, wenn du wenigstens eine Schicht abwirfst.

Öffne das Fenster einen Spalt.

Spüre den Duft frischer Luft auf deinem Gesicht. Hör den Gesang der Vögel, das Rauschen der Blätter, die fernen Stimmen des Lebens, die dort hinter der Scheibe weitergehen.

Öffne die Tür und stell dich an die Schwelle.

Geh noch nicht hinaus. Steh einfach dort. Schließ die Augen. Spüre die Welt. Hör den Wind. Fühle die Wärme der Sonne auf deiner Haut.

Die Stimme der Intuition

Und dann suche deine Seele und höre die Stimme deiner Intuition. Dieses leise Flüstern, das immer da war, auch wenn du es übertönt hast. Lass dich von ihr führen. Vertrau diesem inneren Kompass, der weiß, wohin du gehen sollst.

Und dann mach einen Schritt. Fall in die Arme der Mutter Natur, Gottes, des Universums – an wen auch immer du glaubst. Spür, dass du Teil von etwas Größerem bist.

Und geh.

Geh in die Welt, dem Frieden, der Erleichterung, dem Glück, der Liebe, dem Lachen entgegen. Geh, um dein Leben zu holen, das dort, in diesem Garten hinter dem Fenster, auf dich wartet. Der Garten, der auch in dir ist.

Vertrau dir selbst. Vertrau uns – denen, die schon herausgegangen sind, und denen, die nach uns gehen werden.

Und geh. Lauf. Spring. Tanz. Leb.

Auf Wiedersehen auf dem Weg.

Mein Weg

Und jetzt möchte ich dir meine Geschichte erzählen. Nicht weil sie außergewöhnlich wäre – ganz im Gegenteil. Sie ist gewöhnlich, voller Fehler, Stolperer und Momente, in denen ich mich selbst am härtesten verurteilt habe.

Doch genau in dieser Gewöhnlichkeit liegt ihre Stärke. Denn wenn ich durch meinen „Schuppen" gehen und den Weg zum Licht finden konnte, kannst du es auch.

Bevor du meine Geschichte liest, möchte ich dich um etwas bitten – eigentlich für dich selbst.

Halte einen Moment inne.

Du musst nichts wissen. Du musst nichts verstehen. Du musst nicht bereit sein.

Wenn du möchtest – lass hier ein paar Worte zurück, die du gerade in dir trägst.

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……………………………………………………………………………………………… Und dann lies. So wie du heute bist. Mit dem, was du in dir hast.

Denn diese Geschichte ist auch deine.

KAPITEL 2

KURZ ÜBER MICH, HAMSTER UND SCHMETTERLINGE

Ein Hamster, der aus dem Laufrad gefallen ist

45, fast 46 Jahre Leben.

Über 20 Jahre im Lauf. Studium, Arbeit, Familie, Fehlgeburt, Scheidung, Alleinerziehung. Aufstehen für die Arbeit um 4, 5, 6 Uhr morgens. Ein glühender Ofen, aus dem man das Feuer herausnehmen musste, damit er nicht explodiert. Eine Klärgrube, die das Badezimmer überschwemmte. Zwei wunderbare, kluge und schöne Töchter. Ein Mann, der fürsorglicher ist als ein Schutzengel. Ein Haus mit Pool auf einer kleinen Insel in einem warmen Land unter einer Palme.

So sieht die Bilanz aus.

Ach, ich habe noch etwas vergessen.

2 Epilepsieanfälle.

Die Handbremse von Gott.

Es ist nicht leicht, nach einem solchen Tempo zu bremsen.

Eine sprachliche Investition (oder: wie Papa nicht damit rechnete, Großvater auf Distanz zu werden)

In Physik war ich nie gut. In Mathematik, ehrlich gesagt, auch nicht wirklich. Am besten konnte ich bunte Kugelschreiber verwenden, um die Themen zu unterstreichen – genau das, was unsere Mathematiklehrerin in der Mittelschule von uns erwartete. Zum Glück ist meine Mutter Chemikerin, daher waren Nachhilfestunden in den Naturwissenschaften kostenlos und regelmäßig.

Dafür war ich sehr gut in Sprachen. Mein Abitur legte ich in Polnisch, Deutsch und Englisch ab, wobei ich nur im Nachmittagsunterricht gelernt hatte. Angeblich sagte ich einmal zu meinem Vater, der sich beklagte, er gebe so viel Geld für meine sprachliche Weiterbildung aus, dass das eine Investition in meine Zukunft sei.

Interessant, ob er das noch immer für eine gute Investition hält, wenn er seine Enkelinnen seit Dutzenden von Monaten hauptsächlich auf dem Computer- oder Telefonbildschirm trifft.

Danke, Mark Zuckerberg, für Facebook und Messenger. Du hast dafür gesorgt, dass tausende Kilometer in einer Sekunde verschwinden, und gleichzeitig, dass Menschen zu bequem werden, ein paar Meter zu überwinden und ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen. Wozu den Mund öffnen, wenn man mit einem Klick seine Gefühle wortlos ausdrücken kann?

Pläne, Pläne, Pläne (oder: Wie Gott lacht)

Wenn ich meine Geschichte erzähle, werde ich versuchen, einen gewissen Sinn und eine Chronologie zu wahren. Obwohl ich mich kenne und weiß, dass es schwer sein könnte.

Den Worten Maria Dąbrowskas¹ folgend, dass

Heute ist ein Tag, um glücklich zu sein!

Gestern: ist bereits vergangen.

Morgen: wird erst kommen,

Ich versuche, nicht in der Vergangenheit zu grübeln oder mir um die Zukunft Sorgen zu machen.

Das ist für mich ein völlig neuer Ansatz, und ich übe mich noch darin, denn bis vor Kurzem musste ich nicht nur Plan A in der Hinterhand haben, sondern für alle Fälle auch B – und zur Sicherheit noch C. Alles in meinem Leben musste genau geplant und vorhersehbar sein. Schule, Studium, Arbeit, Auto, Familie, Haus mit Garten, bis hin zu …

lebte lange und glücklich, entfaltete ihre Leidenschaften und Interessen. Doch Pläne sind Pläne, und das Leben ist das Leben. Wie ein altes jüdisches Sprichwort sagt: „Der Mensch plant, und Gott lacht" – oder in einer anderen Version: „Der Mensch macht Pläne, und Gott streicht sie durch."

Jede der nächsten Überraschungen auf meinem Lebensweg – und manchmal geradezu unwahrscheinliche Situationen – ließ mich staunend die Augen reiben und weitere Punkte von meiner Liste streichen, weil ich mich in eine ganz andere Richtung bewegte.

Perfektionismus (oder: wie man den Schein eines idealen Lebens wahrt)

Mein angeborener Perfektionismus – fragt nicht, ob er vererbt ist, aber ich finde seine Spuren mit Schrecken in meiner Tochter – hat die Sache nicht einfacher gemacht. Alles musste perfekt sein. Ich musste perfekt sein: die perfekte Schülerin, die perfekte Lehrerin, die perfekte Ehefrau, die perfekte Mutter, perfekte Kinder, der perfekte Mann, das perfekte Leben im perfekten Haus.

Oh, ich habe das perfekte Haustier vergessen.

Unmöglich?

Ach was, man kann doch immer in Richtung Perfektion streben. Auch wenn man nie dorthin gelangt, kann man wenigstens den Anschein erwecken, dort zu sein. Die heutige Welt der sozialen Medien begünstigt dies hervorragend. Man kann Dehnungsstreifen und Falten wegretuschen, den Mann aufwerten, den Kindern Charme verleihen, den Hund verschönern – und ihn mit KI sogar in eine Rassekatze verwandeln.

Die Arbeit? Die Hälfte der Menschheit wechselt heutzutage ihre Stelle gegen die ideale, bei der man nicht nur reisen und die Welt kennenlernen, sondern auch noch ein Vermögen verdienen kann.

Das Haus? Es reicht, ein Foto aus dem richtigen Winkel zu machen, und niemand bemerkt den Staub auf den Schränken, das ungemachte Bett oder den unter den Teppich gekehrten Schmutz.

Unter den Teppich kehren (und andere olympische Disziplinen)

Und wir kehren immer mehr. Je mehr wir kehren, desto weniger geben wir anderen – und letztlich uns selbst – zu, dass wir das Recht haben, Fehler zu machen, zu scheitern, nicht nur Regenbogenfreude und Glitzerglück zu empfinden, sondern auch graubraune Traurigkeit, ganz normalen menschlichen Schmerz und totalen, gar nicht instagrammablen Ärger.

Denn was werden die Leute denken, wenn sie uns wirklich kennen? Diese Nicht-Idealen, manchmal ungekämmt, ungeschminkt, mit einem Fleck auf dem Hemd und Dehnungsstreifen am Hintern. Denn wenn alle anderen so ideal sind, wie kann ich mir dann ein nicht ideales Leben, eine nicht ideale Träne, ein nicht ideales Ich erlauben?

Jahrelang strebte ich nach diesem Ideal, auch wenn es nur zum Schein war.

Bis der Tag kam, an dem ich dieser provisorischen Vollkommenheit – wie einer magischen gläsernen Kugel – erlaubte, mir aus den Händen zu fallen und in Millionen nicht-idealer, winziger, bunter Momente zu zersplittern, aus denen ich sorgfältig mein neues, unperfektes, aber dafür sehr wahrhaftiges und durch und durch MEIN Leben zusammensetze.

Eine Reise in die Vergangenheit (oder: das Treffen mit dem früheren Selbst)

Wenn ich diese Worte schreibe, versuche ich, mit der Erinnerung in die Vergangenheit zurückzugehen. Mit Staunen wird mir bewusst, wie weit ich schon zurückgelegt habe, und ich frage mich, wie weit er noch vor mir liegt.

Über die Vergangenheit nachzudenken ist nicht nur das Wecken von Erinnerungen. Es ist eine Reise in die eigene Tiefe, ein Wandern auf einst beschrittenen Pfaden, ein Treffen mit dem Selbst vergangener Zeiten. Es ist das Umarmen und Umsorgen dieses kleinen Mädchens aus der Vergangenheit, die Versicherung, dass die Zukunft – trotz allem oder gegen alles – auch gut sein wird.

Indem wir uns erinnern, können wir uns aus einer anderen Perspektive betrachten, verstehen, wer wir waren und wie wir zu den Menschen geworden sind, die wir jetzt sind. Es ist die Zeit des Verzeihens – sich selbst und anderen – und des Sich-Abfindens mit dem Vergangenen.

Auf dieser Reise durch die Vergangenheit und die Erinnerungen entdecke ich, dass

jede Erfahrung, auch die schwerste, hat ihren Platz in meiner Geschichte. Genau diese Erfahrungen haben meine Identität geformt, den Menschen geschaffen, der ich jetzt bin, und meine Zukunft geprägt.

Was stimmte mit mir nicht? (oder: das Unersättliche)

Wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass ich mich über mehr als die Hälfte meines Lebens gefragt habe, ob etwas mit mir nicht stimmt. Oder vielleicht genauer: Was stimmte nicht?

Warum lief ich ständig irgendwohin? Suchte ich immer nach etwas und strebte ich immer nach etwas? Musste ich mir ständig etwas beweisen, mich herausfordern, neue Herausforderungen meistern? Warum konnte ich nicht einfach dasitzen und mir sagen: „Puh, es ist gut so." Einfach loslassen und sein?

UNERSÄTTLICHKEIT – oder das Syndrom emotionaler Ungesättigtheit. Einer dieser Begriffe beschreibt meine Gefühle sicher wieder. Der Lebensplan erfüllte sich langsam. Ehemann, Kind, Auto, Haus, feste Arbeit, einmal im Jahr Urlaub … doch sie schenkten mir kein dauerhaftes Glück, nach dem ich mich so sehr sehnte.

Einmal stieß ich auf ein Zitat, das mich lange begleitete:

"Glück ist wie ein Schmetterling: Versuche ihn zu fangen, und er entfliegt dir. Sitze ruhig, und er setzt sich auf deine Schulter." – Anthony de Mello, „Das Erwachen"²

Der einbalsamierte Schmetterling (oder: wie ich versuchte, das Glück festzuhalten)

Heute verstehe ich dieses Zitat vollständig, doch jahrelang konzentrierte ich mich ausschließlich auf seinen ersten Teil: „Glück ist wie ein Schmetterling." Es schien mir, dass Glück flüchtig und schwer zu fassen ist, wie ein Schmetterling. Selbst wenn es mir gelang, es einzufangen, konnte ich es nicht länger festhalten.

Ist es im Gegensatz zum Glück möglich, einen schönen Schmetterling zu fangen und festzuhalten? Haben Sie schon einmal eine Schmetterlingsausstellung besucht?

Die Vorbereitung von Schmetterlingen für die Ausstellung ist ein heikler Prozess, der Sorgfalt erfordert, damit ihre Form und Farbe erhalten bleiben. Zunächst werden sie mit entomologischen Netzen gefangen und anschließend schnell mit Ether oder Aceton getötet. Vor dem Trocknen werden sie in versiegelten Behältern mit feuchtem Papier aufgeweicht, damit ihre Flügel und Körper geschmeidig bleiben. Dann werden die Schmetterlinge auf speziellen Brettern arrangiert, ihre Flügel ausgebreitet und mit entomologischen Nadeln fixiert. Das Trocknen erfolgt an einem trockenen, warmen Ort und dauert einige Tage bis mehrere Wochen. Nach dem Trocknen werden die Schmetterlinge auf Nadeln in Ausstellungspositionen montiert und in Vitrinen untergebracht, die sie vor Staub, Feuchtigkeit und Licht schützen. Jedes Exemplar wird mit Angaben zur Art, zum Fundort und zum Sammeldatum sowie zur Person, die es gefangen hat, etikettiert.

Ich dachte, das Glück, genau wie ein Schmetterling, müsse verfolgt, gefangen und dann fest in der Hand gehalten werden, damit es nicht entfliegt.

Im Gegensatz zu Schmetterlingen, die nach dem Trocknen ihre Schönheit für viele Jahre bewahren können, ist es dem Glück nicht immer möglich, seine Form zu bewahren.

Ist einbalsamiertes Glück wirklich noch echtes Glück? Oder ist Glück nur ein kurzer Glanz, ein Moment, der einem den Atem verschlägt?

Die Flüchtigkeit der Gefühle (oder: die Melodie, die nicht aus dem Kopf will)

Man sagt, jedes Gefühl vergeht mit der Zeit.

Aus der Perspektive der Zeit erkenne ich, wie wenige Emotionen lange in mir verweilen. Kennt ihr das Gefühl, wenn sich eine im Radio gehörte Melodie in eure Gedanken schleicht und nicht verschwinden will? Früher oder später ersetzen wir sie durch eine andere oder vergessen sie einfach.

Uns allen sind Erinnerungen an intensive Gefühle vertraut, die uns immer noch ein Stechen im Magen oder ein leises Lächeln ins Gesicht zaubern. Erinnert euch an Momente, in denen ihr ein Ziel erreicht habt, dem ihr mit ganzer Kraft nachgestrebt habt. Vielleicht war es ein Jobwechsel, der Kauf ersehnter Schuhe, der Verlust einiger Kilos – irgendetwas, das heute noch leichte Schmetterlinge im Bauch erzeugt.

Ich erinnere mich, dass mein Herz damals schneller schlug und die Aufregung mich fast innerlich zum Platzen brachte. Für die nächsten Tage oder Wochen schwebte ich auf einem Adrenalinhoch, und die Erinnerung an diesen Moment erfüllte mich lange mit Freude. Doch in den folgenden Monaten und Jahren begannen meine Gedanken, sich auf neue Ziele zu richten, und das Glück der Vergangenheit entflog wie ein Schmetterling, der der greifenden Hand entging.

Vielleicht ist jeder Moment des Glücks wie ein Schmetterling – flüchtig, zart, zu kurz, um ewig zu dauern, und doch eine tiefe Spur in uns hinterlassend? Wenn du möchtest – lass hier ein paar Worte zurück, die du gerade in dir trägst.

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KAPITEL 3

KINDHEIT IM POSTKOMMUNISTISCHEN POLEN

Die Last vergangener Generationen (oder: was wir in unserer DNA tragen)

Wir, die Kinder der 1970er-, 80er- und 90er-Jahre, tragen das Gewicht vergangener Generationen in uns. Wir sind die Enkel und Urenkel derer, die den Alptraum von Krieg, Aufständen, Deportationen und Lagern überlebt haben, die Unvorstellbares durchgemacht und gelitten haben.

In den Herzen unserer Eltern und Großeltern leben noch immer Erzählungen von Kriegen, Lagern und Ghettos. Ich erinnere mich, wie ich als kleines Mädchen den Erzählungen meiner Großmutter lauschte, die mit zitternder Stimme von der Brutalität berichtete, die sie und ihre jugendlichen Freundinnen durch die Hände von Soldaten erlebt hatten, die durch ihr Dorf zogen. Die Geschichten von abgebrannten Häusern, vergewaltigten Frauen und erschossenen Männern erschienen mir damals so unwirklich und fern wie Märchen oder Albträume – etwas, das nur in der Vorstellung existierte und überhaupt keinen Bezug zur Wirklichkeit hatte.

Wie sehr ich mich irrte.

Wolken über dem Leben unserer Vorfahren

Überlebende trugen oft das Gewicht des Traumas, des Schmerzes und der Ängste, die ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihre Gesundheit beeinflussten. Erinnerungen an die Vergangenheit hingen wie dunkle Wolken über dem Leben unserer Urgroßeltern, Großeltern und Eltern, formten ihre Haltungen und Überzeugungen und webten sich unwillkürlich in die DNA unserer Identität ein.

Unverarbeitete Traumata aus der Familiengeschichte gehen auf die nächsten Generationen über und vermischen sich mit unseren Emotionen, Reaktionen und Entscheidungen auf eine Weise, die uns völlig natürlich erscheint. Wir gehen davon aus, dass all diese Erfahrungen in uns selbst wurzeln. Da wir ihre wahre Quelle nicht sehen, können wir oft nicht unterscheiden, was zu uns gehört und was nicht unseres ist. – Mark Wolynn³ Hast du dir das schon einmal überlegt?

Statt die Mama zu beschuldigen …

Heutzutage suchen wir die Ursachen unserer Misserfolge und Ängste oft in der Kindheit und betrachten sie als Quelle unserer Probleme. Doch vielleicht lohnt es sich, noch tiefer zu gehen?

Statt deiner Mama die Schuld zu geben, dass sie dir keine ideale Kindheit gegeben hat, lohnt es sich, einen Blick auf ihre eigenen Erfahrungen zu werfen. Das Verständnis ihrer Vergangenheit, der Herausforderungen und Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war, kann helfen, ihre Entscheidungen und ihre Erziehung besser zu verstehen.

Forschungen zeigen verschiedene Erziehungsansätze in Überlebenden-Familien:

Emotional kalte Familien

– in denen Kälte und Passivität dominierten, was zu Vernachlässigung und fehlender Nähe in der Kindererziehung führte.

Angsterfüllte Familien

– belastet durch Ängste und Hilflosigkeit, die diese Gefühle an ihre Kinder weitergaben und sie lehrten, in einer unsicheren Welt zurechtzukommen.

Kämpfende Familien

– die entschlossen nach Erfolg strebten und versuchten, dem Schatten der Vergangenheit zu entkommen.

Erfolgsfamilien

– die Werte wie Bildung und Ehrgeiz förderten, oft auf Kosten der Vernachlässigung des Schmerzes der Vorfahren.

Die Puzzlestücke zusammensetzen

Wenn ich zurückblicke, versuche ich, die Puzzlestücke meines Lebens zusammenzusetzen. Vielleicht sollten wir in der Vergangenheit nach dem Verständnis unserer eigenen Geschichten suchen, um die Türen neuer Möglichkeiten für zukünftige Generationen zu öffnen. Vielleicht können wir diesen Kreislauf durchbrechen und eine Zukunft voller Licht und Hoffnung aufbauen, wenn wir verstehen, wie das Trauma unserer Vorfahren unser Leben beeinflusst.

Mich interessiert, was du darüber denkst.

Eier und Wurst im Zug (oder: wie der Hunger meiner Vorfahren in mir lebt)

Ich habe in mir eine tiefe Überzeugung entdeckt, wie wichtig es ist, die eigene Familie mit Nahrung zu versorgen. Vom kleinen Snack und einer Flasche Wasser für einen kurzen Ausflug über einen vollen Tiefkühler und Vorräte an Mehl, Nudeln und Wasser für mindestens zwei Wochen bis hin zu einem reich gedeckten Tisch bei jedem Gästebesuch.

Ist das die polnische Gastfreundschaft? Vielleicht schon.

Wenn Mark scherzt, dass Polen ohne Essen keinen Ausflug machen, antworte ich schlagfertig, dass meine Vorfahren Hunger und Armut erlebt haben, weshalb ich immer etwas haben muss, um meine Kinder im Notfall ernähren zu können.

Erinnerst du dich daran? Ich erinnere mich – sowohl aus meiner eigenen Kindheit als auch aus zahlreichen polnischen Filmen, die das Leben zur Zeit der PRL widerspiegeln – an Szenen, in denen wir im Zug Eier und Wurst auspackten. Schon bevor der Zug abfuhr, baten mein Bruder und ich um Butterbrote. Ich glaube nicht, dass wir wirklich hungrig waren. Es war eher ein Ritual, das ich heute mit Nostalgie in Erinnerung habe.

Der Winter des Jahrhunderts – willkommen auf der Welt, Ania

Ich wurde am 1. Dezember 1978 geboren, im Winter des Jahrhunderts. Extrem niedrige Temperaturen, riesige Schneefälle, Verkehrschaos und eine Energiekrise waren die Realität jener Zeit.

Es ist das Jahr, in dem Kardinal Karol Wojtyła aus Krakau zum Papst gewählt wurde und den Namen Johannes Paul II. annahm. Als erster Pole in der Geschichte stand er an der Spitze der katholischen Kirche. Seine Wahl löste enorme Emotionen aus und pflanzte ein Körnchen Hoffnung in die müden polnischen Herzen. Johannes Paul II. wurde zum Symbol des Glaubens, des Friedens und der Offenheit, und sein Pontifikat leitete eine neue Epoche in der Geschichte der Kirche und Polens ein.

Es ist das Jahr, in dem Edward Gierek, Erster Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), seine Herrschaft fortführte. Obwohl die Macht noch in seinen Händen lag, begannen gesellschaftliche und wirtschaftliche Spannungen wie ein nahender Sturm zu pulsieren. Wachsendes Unbehagen, geboren aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Warenknappheit, legte sich wie dunkle Wolken über den polnischen Alltag. Genau in dieser Atmosphäre wuchsen das Unruhegefühl und die Sehnsucht nach Veränderung, die den Boden für zukünftige Ereignisse bereiteten – für den Ausnahmezustand und die Tätigkeit von Lech Wałęsa und der entstehenden „Solidarność".

Die Zeit meiner Kindheit war eine Periode dynamischer politischer und wirtschaftlicher Veränderungen in Polen.

Die Strenge des Winters, in dem ich zur Welt kam, wurde für viele zur Metapher für die Schwierigkeiten, mit denen das Land rang.

Es war eine Zeit, in der die Menschen sich den Herausforderungen des Alltags stellen mussten und inmitten eisiger Veränderungswinde Hoffnung und Kraft suchten.

Der Laden mit dem Essig und den leeren Regalen

Die Erinnerungen aus meiner Kindheit fügen sich zu einem Bild voller Andeutungen: leere Regale in den Geschäften. Nun, fast völlig leer – denn Essig war immer vorhanden.

Ich erinnere mich auch an die Lebensmittelkarten, als symbolische Eintrittskarten in die Welt der Grundgüter – Brot, Mehl, Fleisch, Milch, Eier, Zucker, Öl, Kaffee, Tee, Konserven, Salz, Grütze, Reis sowie Kleidung und Schuhe. Es war eine Zeit, in der der tägliche Einkauf eine Herausforderung war und einfache Dinge in Zeiten des Mangels, der die meisten polnischen Haushalte betraf, eine besondere Bedeutung gewannen.

Und stell dir übrigens vor: Kannst du dir heute ein Geschäft vorstellen, in dem man nur Essig kaufen kann? Die heutige Generation kann sich das vermutlich nicht einmal im schlimmsten Albtraum vorstellen.

Vor Google (oder: eine Welt, die die heutige Jugend nicht verstehen wird)

Ich frage mich, inwieweit meine Töchter sich meine Kindheit vorstellen können.

Gerade erst hat die jüngere Tochter mit großer Verwunderung verkündet, dass ich vor Google geboren wurde. In ihrer Verblüffung hörte ich die Frage: Wie ist es überhaupt möglich, dass irgendetwas vor der Google-Ära existierte? Vielleicht werden künftige Generationen Google und künstliche Intelligenz als eine Art moderne Gottheit behandeln, die alles erschaffen hat?

Ich bin froh, dass ich mich noch an jene frühere „nicht-technologisierte" Welt erinnere.

FRÜHER:

Kinder, die am Klettergerüst hängen.

HEUTE:

Kinder, die unter dem Klettergerüst sitzen, jedes mit seinem Handy in der Hand. Wenn sie überhaupt draußen sind.

Hoffen wir, dass es kein DANACH geben wird.

Obwohl es mich leicht erschauern lässt, wenn ich sehe, wie Szenen, die wir – die Kinder der polnischen Systemtransformation – nur in Science-Fiction-Filmen gesehen haben, zur Wirklichkeit werden.

Viele dieser Visionen hatten kein Happy End.

Die Welt der Papier-Erinnerungen

Das war eine völlig andere Realität. Eine Realität, in der jeder Augenblick ein kostbarer Schatz war, auf Filmkassette festgehalten.

Ich erinnere mich, wie ich mit Ehrfurcht den Fingern des Fotografen zusah, der den Film präzise in die Kamera einlegte und wieder herausnahm. Ein unvorsichtiger Moment, und der Film wäre belichtet worden – was wir unbedingt vermeiden wollten, denn jedes Foto hatte einen enormen Wert. Oft unscharf, gegen das Licht oder in einem zu dunklen Raum aufgenommen, aber immer einzigartig und unwiederholbar.

Wir warteten tagelang auf die Entwicklung des Films durch den Fotografen und betrachteten dann mit Aufregung die Papierfotos direkt nach dem Verlassen des Fotogeschäfts. Jedes war einzigartig und unwiederholbar. Jeder Augenblick auf Schwarz-Weiß-Film festgehalten, ohne die Möglichkeit zur Retusche oder zu Filtern.

Ohne die heutigen Annehmlichkeiten – automatisches Schärfen, hunderte Aufnahmen zur Auswahl, Videofilmen oder die Bumerang-Option. Hin und her, hin und her. Ein Bewegungsfoto. Ein paar Sekunden lang. Im Lauf, in der Eile. Die Essenz der heutigen Welt.

Jene Welt war anders. Es war die Welt der Papiererinnerungen, die in große Kartonalben geklebt wurden. Die Welt der Videokassetten, die man vor der Rückgabe an die Videothek zurückspulen musste, um eine Strafe zu vermeiden.

Das Telefon an der Wand und der Fernseher ohne Fernbedienung

Die Welt der Telefone, die an der Wand befestigt waren, mit einem Hörer an einer Schnur und einer Wählscheibe. Das bloße Wählen einer Nummer war eine Lektion in Achtsamkeit. Besonders bei den Ziffern 9 oder 0 musste man warten, bis die Scheibe zurückkehrte, bevor man die nächste Ziffer wählen konnte. Wer hätte heute die Geduld und Zeit für ein minutenlanges Nummernwählen? Und was, wenn die Leitung besetzt war?

Die Welt der Fernseher mit großen Bildröhren, die keine Fernbedienung hatten, weshalb die Eltern ihre Kinder zum Umschalten, zur Lautstärkeregelung oder zur Bildanpassung benutzten.

Meine ältere Tochter fragte einmal, ob die Welt auch schwarz-weiß war, wenn die Bilder im Fernseher schwarz-weiß waren. Lächelnd antwortete ich: „Nein, die Welt war nicht schwarz-weiß, aber sie war sicher viel unkomplizierter.