Zen, Drugs & Rock'n'Roll - Michael Rensen - ebook

Zen, Drugs & Rock'n'Roll ebook

Michael Rensen

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  • Wydawca: Heel
  • Kategoria: Kryminał
  • Język: niemiecki
  • Rok wydania: 2012
Opis

"Er trat aus dem Schatten an der linken Bühnenseite, ging quälend langsam zu seinem Mikrofonständer, brüllte seinen Fans die erste Textzeile entgegen und sackte in sich zusammen. Die Instrumente verhedderten sich in fiependen Rückkopplungen, im Publikum machte sich lähmendes Entsetzen breit. Es dauerte keine vcier Takte, und Totenstille lag über dem riesigen Gelände. Der letzte Schimmer der Abendsonne verblasste nahezu unbemerkt vor der Schwärze der Nacht." 110.000 Menschen halten den Atem an, als der Sänger einer der größten Rockbands der Musikgeschichte auf einer englischen Festivalbühne tot zusammenbricht. Ein Mensch darf sich auf die Suche nach dem Mörder machen. Doch Detective Inspector Granpole Minster versteht nichts von Rockmusik, seine Welt sind klassische Komponisten und Zen-Buddhismus, Es beginnt eine rasante, halsbrecherische Fährtensuche durch halb Europa und die Abgründe der menschlichen Seele. Und in Paris schlägt der Tod schon wieder zu....

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Zen, Drugs & Rock’n’Roll

Inspector Minster ermittelt

Michael Rensen

RockHard

Krimi

Zen, Drugs & Rock’n’Roll

Inspector Minster ermittelt

DANKSAGUNGEN

Ich danke meiner Frau Siskia für fachkundigen medizinischen Rat (fast wäre William Bickershead unter selbst für den Autor unerklärlichen Umständen zu Tode gekommen), Dr. Klaus Himmelstein und Dr. Uwe Westfehling für inspirierende Gespräche über kriminalistische und schriftstellerische Feinjustierungen, Sue und Len Jones dafür, dass sie die englischsten Engländer Englands sind, und der Tageszeitung „The Independent“ für ihr wunderbares Archiv.

Den Soundtrack zu diesem Buch lieferten überraschenderweise keine harten Rockgruppen (von Tool und den titanischen Led Zeppelin abgesehen), sondern in erster Linie Ludwig van Beethoven, Gustav Holst, Modest Mussorgsky, Howard Shore, John Williams und die Dave Matthews Band.

IMPRESSUM

HEEL Verlag GmbHGut Pottscheidt53639 KönigswinterTel.: 0 22 23 92 30-0Fax: 0 22 23 92 30 26E-Mail: [email protected]: www.heel-verlag.de

© 2008 Heel Verlag GmbH

Lektorat: Christine BirnbaumSatz: renierkens kommunikations-design, Köln

Titelfoto: © FotoArt Maren Beßler

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks, der Wiedergabe in jeder Form und der Übersetzung in andere Sprachen, behält sich der Herausgeber vor. Es ist ohne schriftliche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt, das Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer bzw. mechanischer Systeme zu speichern, systematisch auszuwerten oder zu verbreiten.Alle Angabe ohne Gewähr. Irrtümer vorbehalten.

E-Book-ISBN: 978-3-86852-662-2

Inhalt

ZEN, DRUGS & ROCK´N´ROLL

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

ZEN, DRUGS & ROCK´N´ROLL

Der National Crime Squad ist eine erst vor wenigen Jahren gegründete Spezialabteilung der britischen Polizei. Seine Haupteinsatzgebiete sind das organisierte Verbrechen und andere national und international verzweigte Kriminalfälle.

»THINGS THEY DO LOOK AWFUL COLDI HOPE I DIE BEFORE I GET OLD.«

Pete Townshend, ´My Generation´

KAPITEL 1

Als die Flying Horses sich anschickten, auf die Bühne zu gehen, versank die Sommersonne prall und glutrot am Horizont. 110.000 Menschen blickten mit angehaltenem Atem in die aufflammenden Scheinwerfer, die erst in gleißendem Weiß, dann in grellen Blau-, Grün- und Rottönen die Dunkelheit vertrieben. Trockeneisnebel waberte aus dem Bühnenhintergrund heran, bis die vordersten Fetzen über den Fotograben hinweg die ersten Reihen der Zuschauer erreichten. Eine angespannte Stille lag über dem riesigen Festivalgelände. Die Massen warteten gespannt auf den Auftritt einer Band, die für viele ein Mythos aus einer anderen Welt war.

Das Isle-Of-Wight-Open-Air feierte ein rundes Jubiläum, was findige Londoner Konzertveranstalter dazu veranlasst hatte, die beschauliche Insel im Ärmelkanal nach Jahrzehnten der Ruhe wieder zu einer Pilgerstätte für Rockfans zu machen. Zwei Tage lang war bereits bis spät in die Nacht ohrenbetäubender Lärm durch die riesigen Boxentürme bis hinaus auf die See gedrungen. Jetzt, am Abschlussabend, sollten die Flying Horses ein friedliches, entspanntes Festival mit einem ihrer sagenumwobenen Auftritte krönen.

Die Band war seit fünf Jahren nicht mehr in England aufgetreten, und viele ihrer Anhänger fieberten diesem Tag deshalb bereits seit Monaten entgegen. Die erregte Vorfreude im Publikum war fast greifbar, als aus dem Licht und Nebel heraus die ersten Töne von Khatschaturians „Säbeltanz“ erklangen, mit dem die Flying Horses jede ihrer Shows eröffneten. Wie bei einem Gewitter entlud sich die Anspannung der gewaltigen Menschenmenge, die sich bis in die Schatten der südlichen Dünenkette erstreckte. Ein ohrenbetäubender Orkan aus Johlen, Klatschen und Kreischen fegte über das Gelände. Dann verstummte das Introband, der donnernde Orkan schwoll für einen kurzen Augenblick noch weiter an, und hinter den Nebelschwaden, die sich verflüchtigten, tauchten die Silhouetten der Musiker auf. Zigtausende Armpaare wurden in die Höhe gerissen, als die beiden Gitarren aufjaulten, der Bass zu pumpen begann und schließlich das Schlagzeug mit einem harten Wirbel auf der Snare-Drum einsetzte. Die Band brauchte nur zwei, drei Takte, bis das vordere Viertel des Publikums sich in einen Mahlstrom aus tanzenden, springenden und mitwippenden Leibern verwandelt hatte.

Das Lied hieß ´The Devil´s Advocat´ und steigerte sich bis zu einem furiosen Gitarrensolo, bevor endlich auch der Sänger auf die Bühne kam. Er trat aus dem Schatten an der linken Bühnenseite, ging quälend langsam zu seinem Mikrofonständer, brüllte seinen Fans die erste Textzeile entgegen und sackte in sich zusammen. Die Instrumente verhedderten sich in fiependen Rückkopplungen, im Publikum machte sich lähmendes Entsetzen breit. Es dauerte keine vier Takte, und Totenstille lag über dem riesigen Gelände. Der letzte Schimmer der Abendsonne verblasste nahezu unbemerkt vor der Schwärze der Nacht.

KAPITEL 2

Der Briefträger hätte die Post nicht bis an die Haustür bringen müssen. Vorne an der Straße war ein Briefkasten angebracht, doch der dürre Blondschopf ging gerne den langen, gewundenen Steinpfad entlang, vorbei an den Rhododendron-Büschen, die sich unter den schweren, ausladenden Erlen duckten. Am jenseitigen Ende des Weges wartete der massive Türklopfer darauf, dass ihn jemand betätigt. Der Postbote liebte das tiefe Dröhnen, das wie ein dumpfer Gong klang. Es passte so wunderbar zu dem niedrigen, alten Landhaus, das mit seinen schiefen Backsteinwänden und den grünen, wurmzerfressenen Fensterrahmen an ein längst vergangenes, liebenswerteres England erinnerte. Wenn der junge Mann auf seiner morgendlichen Tour hier vorbeikam, fühlte er sich immer wie in einem Agatha-Christie-Roman.

Es dauerte wie üblich nur wenige Augenblicke, bis Granpole Minster im Türrahmen stand.

„Danke, Stewart, zu freundlich von Ihnen.“

Minster war kaum älter als 30, aber für Stewart passte er perfekt in dieses warme, verschrumpelte Haus. Mit seinen tiefschwarzen, peinlich exakt geschnittenen kurzen Haaren, den immer etwas abwesend wirkenden graugrünen Augen und den gleichzeitig markanten und feinen Gesichtszügen sah er für Stewart wie ein Adliger aus der Zeit vor den Weltkriegen aus.

„Viel zu tun, Mister Minster?“, fragte Stewart mit einem schüchternen Grinsen und einem vielsagenden Blick auf den beachtlichen Berg Briefe in Minsters Händen.

„Nicht mehr als sonst“, gab Minster lächelnd zurück. „Mein Vater möchte eine seiner Firmen verkaufen, da kommt einiges an Schriftverkehr zusammen. Aber ich will mich nicht beschweren. Einen schönen Tag noch, Stewart.“ Die Tür schloss sich wieder, und der schwere gusseiserne Öffner schwang quietschend in seiner Halterung nach.

Minster verabscheute es zu lügen, aber er wusste, dass er Stewart ein harmloses Häppchen für dessen nächsten Abend im Pub hinwerfen musste. Er mochte den Postjungen, machte sich jedoch keine Illusionen darüber, wie sehr im Dorf über ihn geredet wurde. Ein junger, scheinbar wohlhabender Mann, der oft wochenlang kaum aus dem Haus ging, nur um dann manchmal mehrere Monate lang spurlos zu verschwinden, konnte nicht erwarten, dem allgegenwärtigen Getratsche zu entgehen. Niemand in Aleham wusste, was er in Wirklichkeit beruflich machte, und er hatte auch nicht die Absicht, es irgendwem zu erzählen.

Minster ging durch den kleinen Eingangsflur, legte die Rechnungen und Werbeschreiben auf den Küchentisch und verschwand mit dem Rest der Briefe in seinem Arbeitszimmer. Die wenigen Menschen, die diesen Raum je zu Gesicht bekommen hatten, hatten meist offen oder zumindest im Geiste verständnislos den Kopf geschüttelt. Tausende von Büchern und Broschüren bevölkerten völlig ungeordnet und in teils beklagenswertem Zustand jeden Quadratzentimeter der Wände. In zwei oder mehr Reihen hintereinander waren sie auf alten Eichenregalen gestapelt, die ursprünglich für deutlich geringere Lasten ausgelegt gewesen waren. Auch auf dem Fußboden stapelten sich Gebundenes, Geheftetes und lose Zettel. Nur der mächtige Teakholz-Schreibtisch, der auf klobigen Beinen vor dem großen Fenster stand, war penibel aufgeräumt.

Minster öffnete die Briefe, sah sie kurz durch und sortierte sie in verschiedene Ablagen auf dem Schreibtisch ein. Die Arbeit konnte noch warten. Jetzt, da Stewart auf seiner morgendlichen Runde bei ihm gewesen war, gab es niemanden mehr, der ihn stören würde. Die Telefone waren ausgestellt, und von ankommenden E-Mails würde er nichts mitbekommen.

Auf dem Weg in den Garten trank Minster in der Küche ein Glas Wasser und nahm aus dem Schlafzimmer sein Sitzkissen mit. Zwischen den Apfel- und Kirschbäumen machte er es sich mit dem Kissen auf einer alten Wolldecke gemütlich, nahm den vollen Lotussitz ein, atmete dreimal tief durch und schloss die Augen. Er versuchte sich auf seinen Atem zu konzentrieren, zählte die Züge, bis sein Geist sich beruhigt hatte. Dann ließ er das Koan, an dem er seit einigen Tagen arbeitete, langsam an seinem inneren Auge vorbeiziehen: „Ist ein Hund wie Buddha?“ Minster wusste es nicht, und er hatte auch nicht die geringste Ahnung, wie er es herausbekommen sollte.

KAPITEL 3

Detective Chief Inspector Albert Dursham eröffnete die Sitzung, indem er direkt zur Sache kam: „Wer hat uns diesen toten Rocksänger aufgehalst?“

Es war 7 Uhr in der Früh, und er klang nicht sonderlich begeistert. Dursham war schon fast 60, trug seine dünnen braunen Haare betont militärisch kurz und sah dem Fall mit deutlichen Aversionen entgegen. Dass er überhaupt das Wort „Rocksänger“ in den Mund nahm, erstaunte seine Kollegen schon.

„Die Polizei auf der Isle Of Wight hat uns gebeten, den Fall zu übernehmen“, antwortete Detective Inspector Carl Ingenthorpe, ein durchtrainierter Mittvierziger mit vollem, pechschwarzem Kraushaar und einer milchigweißen Narbe über der linken Schläfe. „Aber man hat durch halb England läuten hören, dass dieses Hilfegesuch letztlich vom Innenministerium initiiert wurde.“

„Der Tote ist der Sohn eines Unterhausabgeordneten“, fügte Detective Inspector Patrick Leemahan erklärend hinzu. Leemahan war in etwa in Ingenthorpes Alter, wirkte mit seiner Halbglatze und den dunklen Ringen unter den Augen aber deutlich älter. Er vervollständigte das Trio, das in einem der kleineren Sitzungsräume der National-Crime-Squad-Zentrale im Herzen Londons zusammensaß. Jeder der drei hatte schon mehrere Tassen Kaffee getrunken, aber wirklich wach wirkte noch keiner.

„Soso“, nuschelte Dursham geistesabwesend vor sich hin, während er sich einige vergrößerte Fotografien ansah. „Das war also der Sohn eines Parlamentariers. Heißt sein Vater auch Hellhound mit Nachnamen? Möchte nicht wissen, was ihre Vorfahren früher getrieben haben.“

Leemahan räusperte sich leicht verlegen, wie er es immer tat, wenn er seinen Vorgesetzten berichtigen musste: „Hellhound ist ein Künstlername, Chief. Will Hellhound hieß bürgerlich William Bickershead.“

„Bickershead“, murmelte Dursham. „Sagt mir nichts. Muss ein Torrie sein.“ Er streckte sich einmal, so als erwache er erst jetzt aus seiner Nachtruhe, und fuhr deutlich gefasster und lebhafter fort: „Welche Fakten haben wir, Carl?“

Ingenthorpe räusperte sich und griff nach einem Zettel mit Notizen: „William Bickershead trat am Sonntag mit seiner Band beim Isle-Of-Wight-Festival auf und brach bereits wenige Sekunden nach Beginn des Konzerts zusammen. Den Sanitätern gelang es nicht, ihn wiederzubeleben. Der Notarzt, der keine fünf Minuten später eintraf, konnte nur den Tod feststellen. Der umgehend aus London eingeflogene Hausmediziner der Familie Bickershead entdeckte Anzeichen einer Überdosis Heroin, doch auf Wunsch von Mister Bickershead senior ist diese Diagnose bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Selbst wir wissen nur deshalb davon, weil besagter Arzt ein guter Freund von Director General Finn ist und ihm den Sachverhalt gestern in einem privaten Gespräch dargelegt hat. Die offizielle Todesursache lautet toxische Überreaktion – Vergiftung.“

„Warum hat sich dieser Arzt bei uns gemeldet?“, hakte Dursham nach.

„Weil er der Meinung war, die Situation anfangs falsch eingeschätzt zu haben“, sagte Leemahan. „Er hatte geglaubt, Bickershead senior wolle die wahre Todesursache lediglich vor der Presse geheim halten. In einem Gespräch, das er gestern mit ihm führte, stellte sich jedoch heraus, dass das Heroin sogar vor der Polizei verschwiegen werden soll. Bickershead wird den für die Isle Of Wight zuständigen Gerichtsmediziner bestechen. Deshalb steht auch in den Polizeiakten, dass sein Sohn vergiftet worden ist. Der Hausarzt hatte Angst, wegen wissentlicher Falschdiagnose angeklagt zu werden, falls der Schwindel irgendwann auffliegen sollte.“

„Typisch Torrie“, murmelte Dursham und bat Ingenthorpe, mit seinem Bericht fortzufahren.

„William Bickershead war am Nachmittag vor dem Auftritt gegen 15 Uhr zusammen mit seinen Bandkollegen, deren Frauen und Freundinnen sowie einigen Bandbetreuern auf einer Sonderfähre aus Portsmouth angereist. Sie erreichten das Festivalgelände gegen 15.45 Uhr und bezogen hinter der Bühne in ihren Umkleideräumen Quartier. Was in den folgenden Stunden geschah, ist noch nicht endgültig geklärt, da sich viele der Menschen in Bickersheads Umfeld aufgrund von Alkohol- oder Drogenkonsum nur unzusammenhängend an die Ereignisse erinnern können. Mehrere Personen sagten jedoch übereinstimmend aus, Bickershead sei gegen 20 Uhr neben der Bühne gesehen worden, von wo aus er den Auftritt einer anderen Musikgruppe verfolgte. Niemandem ist etwas Außergewöhnliches an seinem Verhalten aufgefallen. Kurz nach 21.30 Uhr versammelte er sich dann mit seinen Bandkollegen nebst Anhang und Management in den Umkleideräumen, um die letzten Einzelheiten des Konzerts durchzusprechen. Auch zu diesem Zeitpunkt machte Bickershead auf seine Umgebung einen völlig normalen Eindruck. Da der Gesang erst in der Mitte des ersten Stückes einsetzte, blieb Bickershead hinter den Kulissen, als seine Kollegen auf die Bühne gingen. Um 22.10 Uhr trat er ins Rampenlicht. Wenige Sekunden später war er tot.“

„Wie heißt die Band?“, fragte Dursham mit gerunzelter Stirn. Jetzt, da er einen groben Überblick hatte, gefiel ihm der Fall keinen Deut besser.

„Flying Horses“, erwiderte Ingenthorpe.

„Flying Horses? Nie gehört.“

„Sie sind nicht so bekannt wie die Beatles oder Led Zeppelin“, erklärte Leemahan, „aber vor einigen Jahren waren sie die populärste Band Englands.“ Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: „Zumindest bei Leuten unter 40.“

„Bescheuerter Name“, raunzte Dursham und goss sich Kaffee nach. „Aber auch Sänger von Bands mit bescheuerten Namen dürfen sich in unserem Land mit Heroin zu Tode spritzen, ohne dass der NCS eingeschaltet wird.“ Sein missbilligender Blick traf Ingenthorpe. Dursham fehlten wichtige Fakten in dem Bericht.

„Bickershead senior geht davon aus, dass sein Sohn ermordet wurde“, entgegnete Ingenthorpe. „Oder anders ausgedrückt: Er hätte es gerne, wenn William ermordet worden wäre. Dem Herrn Papa käme es beruflich sicherlich nicht gelegen, wenn in der „Sun“ über den Drogenselbstmord seines Sohnes berichtet würde. Ein Mord bringt ihm Mitgefühl ein, eine Überdosis unangenehme Fragen. Wer will schon gerne einen Abgeordneten im Unterhaus sitzen haben, der seinen Nachwuchs nicht davon abhalten kann, auf die schiefe Bahn zu geraten?“

„Wir werden also einzig und allein deshalb mit dem Fall betraut, weil Mister Bickershead eine weiße Weste behalten möchte?“, fragte Dursham mit unverhohlenem Abscheu. „Ich weiß, warum ich diesen Torries noch nie über den Weg getraut habe. Ihre Vorfahren ruinierten die Kolonien, und jetzt ist das Königreich an der Reihe. Wir haben nicht die Kapazitäten, um uns mit den Eitelkeiten unserer Parlamentarier herumzuschlagen. Was erwartet Bickershead von uns? Dass wir einen Mörder herbeizaubern, wo keiner ist? Der Junge hat sich totgefixt. Sollen wir Gift in die Leiche spritzen? Verfluchter Mist!“

Ingenthorpe und Leemahan ließen den Wutausbruch des Chief Inspectors mit stoischer Gelassenheit an sich vorüberziehen. Sie kannten Dursham gut genug, um zu wissen, dass er nur dann so ungehalten wurde, wenn sein Gerechtigkeitssinn empfindlich gestört war.

„Nun gut, wir werden nichts daran ändern können“, sagte Dursham schließlich, nachdem er eine weitere Tasse Kaffee in einem Zug geleert hatte. „Wenn wir den Fall ablehnen, können wir bald Streife in irgendeiner gottverlassenen Grafschaft laufen. Was folgern wir daraus?“

„Wir machen genügend Wind, um uns hinterher nicht anhören zu müssen, wir hätten geschlampt, und kümmern uns ansonsten um unsere anderen Fälle“, grinste Ingenthorpe.

„Exakt. Kein Wort darüber, dass der Fall Bickershead nur ein Bluff ist – nicht mal zu euren Frauen. Wenn irgendjemand herausfindet, dass wir die Sache nicht ernst nehmen, sind wir erledigt.“ Dursham blickte streng in die Runde, bis er sich sicher war, dass seine Männer den Ernst der Lage begriffen hatten. „Wir lassen Bickersheads Wohnung oberflächlich durchsuchen, befragen seine Nachbarn und schicken außerdem einen Ermittler zu diesen Dying Horses und ihren Drogenproblemen. Das dürfte den Eindruck erwecken, der Tod dieses Bengels besäße für uns höchste Priorität. Dass hinter dem Ermittler keine fieberhaft arbeitende Einsatzgruppe steht, muss ja niemand mitbekommen.“

„Und wen schicken wir zu der Band?“, fragte Ingenthorpe, dem die Angelegenheit leichte Bauchschmerzen bereitete. „Und weihen wir ihn in den wahren Sachverhalt ein?“

„Ein Ermittler, der ernsthaft um die Aufklärung eines Verbrechens bemüht ist, dürfte wesentlich überzeugender wirken als ein schauspielernder Polizist“, erwiderte Leemahan. „Es sollte jemand sein, der nicht gleich einen Knacks davon bekommt, wenn der Fall nicht aufgeklärt wird.“

„Momentan ist eh nur einer frei“, beendete Dursham missmutig die Diskussion. „Unser Zen-Mönch kann einen kleinen Dämpfer sicherlich verkraften. Carl, lass ihm die Ermittlungsunterlagen zukommen, und Patrick: kein Wort zu deiner Frau, verstanden?“

KAPITEL 4

Wenn in den frühen Morgenstunden Nebel von der See aufsteigt und in dichten, wolkigen Schwaden in den Hafen von Clacton-on-Sea treibt, sieht man seine Hand vor Augen nicht. Wer halbwegs bei Sinnen ist, bleibt zu dieser Uhrzeit den Steilklippen fern, die sich drohend und feucht über den Südrand des Hafenbeckens erheben.

Auch am 26. Juni, einem Mittwoch, lagen die Felsen verlassen in der grauen, klammen Suppe, die von Osten kommend landeinwärts zog. Niemand bemerkte den schwarzen Austin, der gegen 5.30 Uhr langsam über die verschlungene Küstenstraße fuhr und sich von Westen her der Stadt näherte. Kurz vor Clacton erloschen seine Lichter, und schließlich hielt er an jener Stelle, wo die Straße den Klippen am nächsten ist, bevor sie sich hinab zum Stadtrand schlängelt. Der Fahrer, ein verschwommener schwarzer Schatten im Grau des Nebels, stieg aus, ging zum Kofferraum, entnahm ihm einen länglichen, an einem Ende deutlich bauchigeren Gegenstand und eilte damit die Wiese hinauf zu den Klippen. Von dieser Seite war der Aufstieg sehr leicht, doch die Gestalt rutschte mehrfach auf dem nassen Gras aus und stürzte zwei Mal, bevor sie die zerklüfteten Felsen erreichte. Ein letztes Mal schaute sich der Schatten um, dann holte er aus und schleuderte das unförmige Etwas mit aller Kraft hinaus auf die See. Er horchte angestrengt, bis er im Kreischen der Möwen und dem ewigen Auf und Ab des Meeres ein leises Platschen zu hören meinte, schlitterte zurück zu seinem Wagen und fuhr auf demselben Weg zurück, auf dem er gekommen war. Erst bei der übernächsten Ortschaft fiel ihm auf, dass er die Scheinwerfer des Austin nicht wieder eingeschaltet hatte.

KAPITEL 5

Ungefähr zum selben Zeitpunkt, als an der Ostküste Englands, 40 Meilen nordöstlich von London, ein schwarzer Austin ohne Licht über die Landstraßen huschte, verließ Granpole Minster sein Haus mit leichtem Gepäck und ließ sich von einem aus dem nächsten größeren Ort herbeitelefonierten Taxi über die A 35 nach Dorchester bringen. Mit dem Zug reiste er von dort aus weiter nach Bournemouth. Er hatte es trotz zahlloser Versuche seiner Kollegen, ihn eines Besseren zu belehren, nie übers Herz gebracht, sich ein Auto zuzulegen. Die britischen Bahnen waren veraltet, laut und chronisch unpünktlich, aber Minster liebte es dennoch, auf einem Fensterplatz zu sitzen und hinauszuschauen auf die anmutige Schönheit Südenglands. Mehr als einmal waren ihm auf solchen Zugfahrten Gedanken gekommen, die entscheidend zur Aufklärung eines Falles beigetragen hatten.

Diesmal hatte er ein Abteil für sich alleine, was ihm am liebsten war, wenn zu viele ungeordnete Stücke eines gerade erst vor ihm ausgebreiteten Puzzles in seinem Kopf Katz und Maus miteinander spielten. Während neben ihm die aufsteigende Sommersonne den Tau auf den vorbeisausenden Wiesen verdunsten ließ, versuchte er sich noch einmal alle Informationen ins Gedächtnis zu rufen, die Ingenthorpe ihm mit auf den Weg gegeben hatte.

Ein 28-jähriger Rocksänger war vor drei Tagen, am 23. Juni, zu Beginn seines Auftritts auf der Isle Of Wight tot zusammengebrochen. Die erste Untersuchung deutete auf eine schwere Vergiftung hin. Genaueres würde man nach der Obduktion wissen, die heute Morgen durchgeführt wurde. Ein Tatverdächtiger existierte bislang nicht, und auch der Tathergang war noch ungeklärt. Doch warum schaltete man den National Crime Squad ein, anstatt die Ermittlungen von der lokalen Kriminalpolizei leiten zu lassen? Die Isle Of Wight hatte schon lange nicht mehr den Ruf, ein zurückgebliebenes Anhängsel des Königreiches zu sein, und das nächste Festland-Dezernat in Portsmouth würde den Kollegen in Newport mit Sicherheit jede nötige Hilfe zur Verfügung stellen. Dass der Fall dem NCS übertragen worden war, bedeutete, dass er eine Dimension haben musste, die weit über die beschauliche Ferieninsel hinausreichte.

Als Minster merkte, dass alle seine Mutmaßungen in Sackgassen endeten, versuchte er sich mit der malerischen Landschaft vor dem Abteilfenster und dem Koan abzulenken, dessen Lösung ihm sein Zen-Meister Bernard Watanabe Roshi aufgetragen hatte. „Ist ein Hund wie Buddha?“ Neben einem vergifteten Musiker würde er sich in nächster Zeit mit einem imaginären Vierbeiner herumschlagen müssen, von dem er nicht wusste, ob er wie ein Mensch zur Erleuchtung gelangen konnte oder nicht. Beide Fälle waren ebenso mysteriös wie schwierig. Doch wo die Mordermittlung nach logischen Schlussfolgerungen verlangte, würde sich das Hunde-Rätsel nur entwirren lassen, wenn er die Grenzen des rationalen Verstandes sprengte. Im Zen-Buddhismus gab es keine Indizien, die man wie Perlen auf einer Kette aneinanderreihte, um schließlich ans Ziel zu gelangen. Wenn er das Koan lösen wollte, musste er sich ihm von allen Seiten nähern, ohne dabei auch nur die kleinste Erkenntnis zu gewinnen, um schließlich, sobald sein erschöpfter Geist sich geschlagen gab, auf einer tieferen Ebene blitzartig die tiefere Wahrheit des Rätsels zu verstehen. Das Hunde-Koan war das erste, das sein Roshi ihm aufgetragen hatte, und Minster fühlte sich immer noch sehr unwohl bei dem Gedanken, ausgerechnet seinen Verstand, der bislang sein größtes Kapital gewesen war, ausschalten zu müssen, damit er auf dem Übungsweg weiterkam. Zen war eine merkwürdige Philosophie, die ihn gleichzeitig faszinierte und erschreckte.

In Bournemouth stieg Minster in den Zug nach Southampton um, verließ diesen jedoch auf halber Strecke wieder, um die Bummelbahn nach Lymington zu nehmen. Die Anschlüsse waren alles andere als gut, aber am frühen Mittag rumpelte der Zug schließlich in den kleinen Bahnhof des Küstenstädtchens, und Minster erwischte noch die 12-Uhr-Fähre, die zur Isle Of Wight übersetzte. Er wäre am liebsten wie William Bickershead von Southampton aus gefahren, weil er der festen Überzeugung war, dass man einen Mord am besten einschätzen konnte, wenn man zumindest für kurze Zeit in die Fußstapfen des Opfers getreten war. Aber für die Strecke über Southampton hätte er wahrscheinlich zwei Stunden länger gebraucht, und der erste Ermittlungstag versprach so schon lang genug zu werden.

Die Überfahrt von Lymington nach Yarmouth verbrachte Minster damit, im Fährencafé ein Käse-Sandwich zu essen und dazu einen Tee zu trinken. Der Tee war vorzüglich, doch das Sandwich schmeckte so fürchterlich, dass sich Minster fragte, ob sie auf der Southampton-Fähre wohl dieselben Brote verkauften und Bickershead gestorben war, weil er eines von ihnen gegessen hatte.

Am kurzen Anlege-Pier in Yarmouth wartete ein Polizeiwagen auf ihn, an dem ein hünenhafter, rothaariger Beamter in Uniform lehnte, den Minster trotz seines schelmischen Lausbubengesichts auf mindestens 35 schätzte.

„Inspector Minster?“, fragte der Rotschopf fröhlich und begrüßte sein Gegenüber mit einem kurzen, festen Händedruck. „Ich bin Sergeant Gillisham von der Kriminalpolizei in Newport. Freut mich, einen so berühmten Kollegen auf unserer Insel begrüßen zu dürfen. Wissen Sie, dass Sie an den Polizeischulen als moderner Sherlock Holmes angepriesen werden?“ Gillishams Lachen verriet, dass er weder Neid noch eine übertriebene Hochachtung empfand, aber Minster hatte dennoch das Gefühl zu erröten. Die teils spektakulären Fälle, an deren Aufklärung er in den letzten Jahren beteiligt gewesen war, waren seiner Meinung nach über Gebühr aufgebauscht worden und ließen ihn in einem Licht erscheinen, das ihm deutlich zu hell war.

„Sherlock Holmes würde jetzt schon wissen, wo Bickersheads Mörder seine Spazierstöcke kauft, welche Hutgröße er hat und aus welcher Kiesgrube der Sand unter seinen Schuhen stammt“, flachste er, während er in den kleinen Vauxhall stieg. „Ich hingegen bin mir noch nicht einmal sicher, warum ich eigentlich hierher geschickt wurde.“

„Da spricht wahrscheinlich der Watson in Ihnen“, erwiderte Gillisham, während er den Motor startete und langsam vom Fährparkplatz rollte. „Ihr Holmes zeigt sich sicherlich nur nachts, wie bei Dr. Jeckyll & Mr. Hyde.“ Gillishams Grinsen war mittlerweile so breit wie der Rückspiegel des schon merklich in die Jahre gekommenen Autos.

Minster mochte Gillisham vom ersten Moment an. Für gewöhnlich arbeitete er am liebsten alleine und bekam Beklemmungen, wenn er zu lange auf zu engem Raum mit anderen Menschen zusammen war, aber dieser Riese von einem Mann strahlte einen unaufdringlichen Humor aus, hinter dem sich ein wacher Geist verbarg.

„Ich kann Ihnen sagen, warum der NCS eingeschaltet worden ist“, sagte Gillisham, nachdem er den Wagen aus dem Ort heraus auf die Landstraße in Richtung Newport gesteuert hatte. „Das britische Musik-Business ist internationaler und mafiöser strukturiert, als man glauben mag. Will Bickershead war am Tag seines Dahinscheidens von mehr Nationalitäten umgeben als die Queen bei einer Commonwealth-Konferenz, und die möglichen Querverbindungen zum organisierten Verbrechen sind nahezu unüberschaubar. Die Ermittlungen dürften sich sehr schnell auf mehrere Länder erstrecken. Wir würden hier ganz schön ins Schwitzen geraten, wenn wir ständig mit Polizeidienststellen aus der halben Welt konferieren müssten.“

„Trotzdem gab es in der Vergangenheit zahlreiche ähnlich weit verzweigte Fälle, bei denen der NCS nicht hinzugezogen wurde.“

„Sicher, nur stand da auch kein Parlamentarier auf der Matte, der jede freie Minute nutzt, um unsere Telefonleitungen zu blockieren.“ Gillisham überholte einen Viehtransporter und winkte dem Fahrer zu, den er offensichtlich kannte. „Wills Vater erwartet eine unverzügliche Aufklärung des Falles“, fuhr er fort, wobei er das Wort „unverzüglich“ betont aristokratisch aussprach. „Seine Anrufe bereiten unserem Inspector bereits schlaflose Nächte. Wer will schon ein Mitglied des Unterhauses enttäuschen, und dazu noch einen Adligen?“

Dursham hatte Minster angedeutet, dass Lord Bickershead die Ermittlungen sehr genau verfolgte, und Minster sah seinem ersten Aufeinandertreffen mit dem übereifrigen MP mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

„Ihnen wird er sicherlich auch bald auf die Nerven fallen“, griente Gillisham, der Minsters gerunzelte Stirn richtig deutete. „Er kann verflucht laut werden am Telefon und würde am liebsten die Prügelstrafe für unfähige Polizisten einführen. Kein Wunder, dass sein Sohn gegen ihn rebellierte.“

„Tat er das?“

„Und nicht zu knapp. Ich weiß nicht, wie gut Sie sich mit Rockmusik auskennen...“

„Um ehrlich zu sein: überhaupt nicht“, gestand Minster. „Ich höre nur selten Musik, und wenn, dann Klassik.“

„Dann wundert es mich nicht, dass Ihnen der Bickershead-Skandal kein Begriff ist“, erwiderte Gillisham mit einem verständnisvollen Nicken. „Der Vater steckte den Sohn schon früh in verschiedene Eliteinternate, um ihn auf eine hohe Position in der Politik vorzubereiten. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Will seine Nachfolge angetreten hätte. Doch dem passten die Zukunftspläne, die sein Vater für ihn zurechtgelegt hatte, überhaupt nicht, und mit 16 türmte er aus einer Privatschule in Cambridge, flog nach Los Angeles und stieg bei einer Band ein, die in den Nachtclubs von West Hollywood Coversongs spielte. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Bickershead senior ließ seinen missratenen Filius von der kalifornischen Bundespolizei festnehmen, weil er sich als Minderjähriger nicht in Nachtclubs aufhalten durfte, und brachte ihn in einem Militärinternat in der Nähe von Reading unter. Doch auch von dort riss Will aus und floh mit der Hamburg-Fähre nach Deutschland. Auf der Reeperbahn schloss er sich wieder einer Band an. Es gefiel ihm, genau wie damals die Beatles als Engländer in Hamburg sein Glück zu versuchen.“

„Die Beatles lebten in Hamburg?“, fragte Minster erstaunt. Die Beatles waren eine der wenigen Bands, von denen er etwas mehr kannte als nur den Namen.

„Sie hatten dort mehrere längere Engagements“, klärte ihn Gillisham auf, der seine Verblüffung über Minsters eklatante Unwissenheit nicht mehr gänzlich verbergen konnte. „Na ja, auf jeden Fall spürte Bickershead seinen Sohn auch in Hamburg auf. Doch diesmal entzog sich Will dem Zugriff der Polizei und tauchte für einige Monate im Hamburger Rotlichtbezirk unter. In dieser Zeit, in der er nicht auftreten konnte, komponierte er eine Platte, die er schließlich mit einigen deutschen Musikern aufnahm. Ein findiger Manager spielte das Album einer renommierten Plattenfirma vor, die von Wills ausdrucksstarker Stimme begeistert war und ihn unter Vertrag nahm. Will war damals zwar erst 17, aber die Rechtsanwälte der Plattenfirma zögerten seine Auslieferung so lange hinaus, bis er volljährig war und in Deutschland bleiben durfte. Vater Bickershead tobte, konnte aber nicht verhindern, dass sein Sohn bald darauf seine erste CD veröffentlichte und zu einem gefeierten Star aufstieg. Williams herausragendes musikalisches Talent und natürlich nicht zuletzt auch seine bewegte Lebensgeschichte ließen ihn zu einem Liebling der Musikpresse werden.“

„Kennen Sie seine Lieder?“, unterbrach Minster, als der Wagen gerade an einer roten Ampel hielt.

„Natürlich, fast jeder Engländer kennt sie“, antwortete Gillisham. „Will Hellhound, wie er sich damals schon nannte, kehrte nach dem Erfolg des ersten Albums nach England zurück und gründete zusammen mit vier Musikern aus London die Flying Horses. Sie verkauften Hunderttausende von CDs, standen regelmäßig ganz oben in den Charts und spielten als Headliner auf den großen Festivals. Sogar in Amerika waren sie sehr erfolgreich. Haben Sie noch nie `Firefly´ oder `The Devil´s Advocat´ gehört?“ Der rothaarige Hüne summte erst eine Strophenmelodie und sang dann leicht schief einen kurzen Refrain.

„Nein, bedaure“, erwiderte Minster, dem diese Lücke in seiner Allgemeinbildung immer peinlicher wurde. „Ich habe kein Radio mehr gehört, seit ich 16 bin.“

„Im Grunde genommen beneidenswert, wenn man sich überlegt, wie viel Schund heutzutage gesendet wird“, versuchte Gillisham ihn aufzuheitern. „Auf jeden Fall bekam Bickershead senior damals, als sein Sohn sich in Hamburg öffentlich von ihm lossagte, sehr schlechte Presse, und dass Will als Berühmtheit nach England zurückkehrte, machte es für den Vater auch nicht besser. Ein, zwei Jahre lang war er eine beliebte Zielscheibe des Spotts und galt als Paradebeispiel des ewig gestrigen High-Society-Spießers, der bei der Erziehung seines Nachwuchses völlig versagt hatte. Natürlich fürchtet er, dass der Skandal jetzt noch mal ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt und ordentlich breitgetreten wird. Daher wahrscheinlich sein Interesse an einer möglichst schnellen Aufklärung des Falles.“

„Sie sprachen vorhin davon, dass William am Tag seines Todes mit Menschen aus verschiedensten Ländern zusammen gewesen ist.“

„Richtig“, erinnerte sich Gillisham, nachdem er kurz das Autoradio eingeschaltet und mehrere Sender durchprobiert hatte, um sicherzugehen, dass gerade kein Flying-Horses-Song lief, den er Minster präsentieren konnte. „Die Horses stammen alle aus England, aber der geschäftliche Apparat, der hinter ihnen steht, setzt sich nur gut zur Hälfte aus Briten zusammen. Wir haben noch in der Nacht des Konzerts die Personalien sämtlicher Crew-Mitglieder aufgenommen. Auf unserer Liste finden sich Amerikaner wieder, Franzosen, Deutsche, sogar ein Australier und ein Tunesier. Manche von ihnen haben Einträge im Strafregister, aber zumeist nur wegen Kleinigkeiten: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Kneipenprügeleien, ausstehende Alimente. Polizeilich gesucht wurde niemand von ihnen.“

„Wo sind diese Leute jetzt?“

„In alle Winde zerstreut. Da bei keinem ein akuter Tatverdacht bestand, haben wir sie nach Aufnahme der Personalien und einem kurzen Verhör laufen lassen. Niemand konnte sich erklären, warum jemand Will vergiftet hatte, und etwas Auffälliges beobachtet hatte natürlich auch keiner. Die meisten waren uns gegenüber allerdings extrem misstrauisch. Kann gut sein, dass sie uns eine Menge verschwiegen haben. Zumindest haben wir Adressen, unter denen wir sie kontaktieren können.“

Der Wagen erreichte die verschlafenen Außenbezirke von Newport und fuhr kurz darauf auf den Hof des Polizeipräsidiums. Der komplett asphaltierte Parkplatz vermittelte Minster zusammen mit den hohen Mauern, die ihn von der Straße abtrennten, das Gefühl, auf einen Gefängnishof verfrachtet worden zu sein.

Die Räume des Kriminalkommissariats befanden sich im oberen Stockwerk des Hauptgebäudes zu beiden Seiten eines engen, düsteren Flures. Gillisham geleitete seinen Gast durch die Tür am jenseitigen Ende des Ganges in ein kleines Konferenzzimmer. Das Inventar – sechs schlichte Stühle, ein ovaler Tisch, eine Schultafel und auf der breiten Fensterbank eine Kaffeemaschine – stammte selbst bei wohlwollendster Betrachtung mindestens aus den 60er Jahren und machte einen reichlich abgenutzten Eindruck. Minster schämte sich bei dem Anblick ein wenig für die hochmoderne, teilweise verschwenderisch teure Ausstattung der NCS-Zentrale.

„Hierher verirren sich nur selten Außenstehende“, entschuldigte Gillisham grinsend die Kargheit des Raumes. „Wir haben uns mit den Jahren daran gewöhnt, unsere Versammlungen nicht gerade in Windsor Castle abzuhalten. Und es geschehen nicht viele schwerwiegende Verbrechen auf unserer Insel. Bei der Verkehrspolizei im Erdgeschoss herrscht deutlich regerer Publikumsverkehr.“ Er warf die Kaffeemaschine an, die sofort lebhaft zu rumoren begann, und bat Minster, sich zu setzen. „Ich hole die anderen, dann können wir anfangen.“

Keine Minute später kehrte er mit zwei uniformierten Kollegen zurück, die sich als Detective Inspector MacGallaghan und Detective Sergeant Butt vorstellten. Während der gedrungene Inspector mit der blitzblank polierten Glatze und den eingefallenen Wangen etwas Hartes, Archaisches an sich hatte, konnte Butt nicht verbergen, dass er mit dem etwa gleich alten Gillisham verwandt war. Seine langen Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, strahlten in ähnlich intensivem Feuerrot, und auch wenn seine Statur deutlich kleiner und schmächtiger war als die von Gillisham, trug er dasselbe entwaffnende Grinsen zur Schau. Minster vermutete, dass sie Cousins waren.

Nachdem sich jeder außer Minster einen Plastikbecher voller Kaffee genommen hatte – Minster fand, dass schwarzer Tee schon aufputschend genug wirkte -, breitete MacGallaghan einen Stoß großformatiger Fotos auf dem Tisch aus. Einige von ihnen waren Minster bereits von Ingenthorpe als Scans zugemailt worden, andere sah er zum ersten Mal. Die meisten zeigten Bickershead, nachdem man ihn hinter der Bühne wiederzubeleben versucht hatte. Der dürre Sänger lag mit verzerrten Gesichtszügen auf der Klapptrage eines Sanitätszeltes, seine außergewöhnlich langen schwarzen Haare wie eine unordentliche Korona um seinen Kopf gelegt. Die weit aufgerissenen, hellbraunen Augen wirkten seltsam entrückt und passten für Minsters Empfinden nicht zum Rest der im Todeskampf erstarrten Grimasse. Fünf silberne Ohrringe im rechten Ohr glitzerten im grellen Schein des Blitzgeräts. Der Reißverschluss des engen schwarzen Netzhemds war bis zum Bauchnabel geöffnet, darunter spannte sich die ungesund bleiche Haut beängstigend straff über die Rippen. Auf Bickersheads Brustkorb waren die Druckspuren der erfolglosen Wiederbelebung noch nicht verblasst.

Minster versuchte sich Bickersheads Totenmaske, seine Statur und seine Kleidung tief im Gedächtnis einzuprägen. Jedes noch so winzige Detail mochte im Verlauf der Ermittlungen von entscheidender Bedeutung sein. Es hatte Fälle gegeben, in denen ein Drei-Tage-Bart oder ein Pflaster am Kinn eines Toten seinen Mörder entlarvt hatten.

Einige der Aufnahmen, die Minster noch nicht kannte, waren früher gemacht worden. Sie stammten von einem Pressefotografen, der aus dem Sicherheitsgraben vor der Bühne heraus Bickersheads letzte Meter festgehalten hatte. Schon als der Sänger aus dem Halbschatten des Bühnenhintergrunds heraustrat, wirkten seine Gesichtszüge äußerst verspannt, und seine Körperhaltung verriet die Schmerzen, die er litt. Die Art, wie er wenige Sekunden später sein Mikrofon in die Hand nahm, hatte etwas Verzweifeltes an sich, so als klammere er sich mit letzter Kraft an etwas, von dem er wusste, dass es ihm keinen Halt mehr geben konnte. Doch Minster fiel auf, dass Bickersheads Augen auch auf diesen Fotos wie Fremdkörper wirkten. In ihnen lag eine fiebrige Euphorie, die stärker war als die Schmerzen, die den Rest des Körpers verkrampfen ließen.

„Was hat die Obduktion ergeben?“, fragte er, nachdem er glaubte, alles Wesentliche auf den Bildern erfasst zu haben.

„Vergiftung“, antwortete MacGallaghan, dessen Stimme deutlich weicher war als sein kantiges Gesicht. „In Bickersheads Blutbahn wurde Cyanid in einer Konzentration nachgewiesen, die selbst einen Elefanten von den Beinen geholt hätte. Der Gerichtsmediziner hat keinerlei Spuren einer gewaltsamen Verabreichung gefunden. Bickershead muss das Gift also nichts ahnend hinuntergeschluckt haben. Vielleicht ist es ihm in seinen letzten Drink gekippt worden.“

„Konnte der Gerichtsmediziner rekonstruieren, wann Bickershead das Cyanid zu sich genommen hat?“

„Das Gift war so hoch dosiert, dass es innerhalb kürzester Zeit zum Tod führte“, erwiderte MacGallaghan. „Zwischen der Einnahme und Bickersheads Kollaps dürften weniger als fünf Minuten vergangen sein.“

„Sind diese letzten fünf Minuten seines Lebens rekonstruiert worden?“

„So weit das möglich war“, entgegnete MacGallaghan, während er sich den Kaffeebecher ein zweites Mal füllte. „Die Aussagen der Menschen aus seinem Umfeld waren teils sehr ungenau, teils völlig unbrauchbar. Hier ist die Niederschrift.“ Er reichte Minster einen Schnellhefter, auf dessen Vorderseite fein säuberlich mit einer Buchstabenschablone geschrieben „Fall William Bickershead – Protokolle der Zeugenbefragung“ stand. „Die Adressen der Personen finden Sie am Ende des jeweiligen Protokolls“, fügte MacGallaghan hinzu, dem sichtlich anzumerken war, dass er beim NCS-Inspector einen möglichst professionellen Eindruck hinterlassen wollte. Er gab sich zwar betont gelassen, doch Minster ahnte dahinter eine leichte Unsicherheit.

„Was ziehen Sie aus den Verhören für Schlüsse?“, fragte Minster, nachdem er kurz in dem Hefter herumgeblättert und beschlossen hatte, das umfangreiche Dokument in einer ruhigen Stunde durchzuarbeiten.

MacGallaghan räusperte sich, während seine beiden Untergebenen ihn erwartungsvoll ansahen. „Nun“, begann er und zog das Wort endlos in die Länge. „Dies ist der schwierigste Fall, mit dem ich in meiner Amtszeit je konfrontiert worden bin. Wir haben über 50 Personen befragt, die sich zum Tatzeitpunkt in Bühnennähe befanden. Und wie gesagt, die meisten Aussagen sind nicht sehr präzise. Einige der Befragten haben rundheraus zugegeben, dass sie unter dem Einfluss von bewusstseinsverändernden Substanzen standen.“

„Der Festivaltag näherte sich seinem Ende“, kam Gillisham seinem Vorgesetzten zur Hilfe. „Die Musiker der übrigen Bands, die vor den Flying Horses aufgetreten waren, waren zu dem Zeitpunkt zum Großteil betrunken, bekifft oder hatten Kokain geschnupft. Auch Teile der Festivalcrew gaben zu, Kokain genommen zu haben, um die aufkommende Müdigkeit zu bekämpfen.“

Minster merkte, dass der Mord für ihn genauso wie für MacGallaghan in einer anderen Welt stattgefunden hatte, einem Paralleluniversum, mit dessen Gesetzmäßigkeiten er nicht vertraut war. Er nahm sich vor, Gillisham zu Rate zu ziehen, falls er während der Ermittlungen das Gefühl haben sollte, mit Außerirdischen konfrontiert zu werden.

„Die Verhöre wurden sehr gewissenhaft durchgeführt“, versicherte Mac Gallaghan, „aber sie geben leider keinerlei Aufschlüsse über den Tathergang oder ein mögliches Motiv. Die Aussagen deckten sich in dem Punkt, dass Bickershead als Letzter der Gruppe in den Umkleideräumen zurückblieb, während alle anderen gegen 22.07 Uhr in Richtung Bühne gingen. Bickershead folgte um 22.10 Uhr, erreichte auf direktem Weg die Bühne und brach zusammen.“

„Zwischen 22.07 Uhr und 22.10 Uhr war niemand bei ihm?“

„Zumindest niemand, von dem wir wissen“, antwortete MacGallaghan mit einem leicht entschuldigenden Unterton. „Bickershead folgte der Gruppe allein, und es scheint auch niemand anderes im besagten Zeitraum den Umkleideraum betreten oder verlassen zu haben.“

„Ich würde mir gerne den mutmaßlichen Tatort ansehen“, sagte Minster.

„Das ist leider nicht mehr möglich“, klärte ihn Gillisham auf. „Die Umkleideräume der Bands waren genau wie sämtliche Büros in Containern untergebracht, die am Montag in aller Herrgottsfrühe zurück nach Southampton transportiert wurden. Dort, wo Bickershead das Cyanid schluckte, ist jetzt nichts als grüne, niedergetrampelte Wiese.“

„Wir haben es leider versäumt, den Abtransport rechtzeitig zu untersagen“, räumte MacGallaghan sichtlich zerknirscht ein. „Als wir am Montagmorgen zum Gelände zurückkehrten, hatte die Logistikfirma die Container bereits auf Lkws zum Hafen nach Cowes verfrachtet. Und was noch schlimmer ist: Eine Putzkolonne hatte sämtliche Container durchgewischt, bevor sie fortgebracht wurden.“

„Es ist also auch keine Spurensicherung vorgenommen worden“, folgerte Minster mit zusammengekniffenen Augenbrauen.

„Ja, leider.“ MacGallaghan war vor Scham errötet. Der rosige Schimmer bildete einen absurden Kontrast zu seinen harten Gesichtszügen. „Wir wollten die Experten vom Festland Sonntagnacht nicht aus dem Schlaf reißen, und am nächsten Tag war es zu spät. Diesen Fehler nehme ich natürlich allein auf meine Kappe.“

„Das erleichtert die Ermittlungen nicht gerade“, schnaubte Minster und versuchte, nicht allzu aufgebracht zu klingen. „Existiert wenigstens ein detaillierter Lageplan der Aufbauten?“

„Jaja, natürlich“, beeilte sich MacGallaghan zu sagen und fingerte aus den Unterlagen, die vor ihm lagen, eine großformatige, zweimal gefaltete Karte heraus. „Sie stammt aus dem Produktionsbüro des Festivals. Der Umkleidecontainer, in dem Bickershead sich aufhielt, ist rot markiert.“

Minster legte die Karte in den Schnellhefter und blickte in die Runde. „Aber die Leiche, die haben wir doch noch, oder?“ Es hatte wie Galgenhumor klingen sollen, doch er wusste nicht, ob er MacGallaghan damit nicht noch mehr in seiner Ehre kränkte. Wenn das so war, ließ der Inspector es sich allerdings nicht anmerken.

„Der Tote ist im Leichenschauhaus in der pathologischen Abteilung unseres Krankenhauses untergebracht“, sagte MacGallaghan. „Sergeant Gillisham kann Sie hinbringen, wenn Sie möchten.“

Minster war sich sicher, dass er in diesem Zimmer heute nicht mehr weiterkommen würde. Er verabschiedete sich von Butt und MacGallaghan, der ihm jede nur erdenkliche Hilfe bei der Untersuchung des Falles zusicherte, und folgte Gillisham durch die Gänge des Polizeigebäudes zurück auf den Parkplatz, der eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem Gefängnishof hatte.

„Wir haben ein denkbar schlechtes Bild abgegeben“, meinte Gillisham, nachdem er den Vauxhall in den fließenden Verkehr eingefädelt hatte. „Sie müssen denken, wir wären hier von allen guten Geistern verlassen.“

„Es hat schon schlimmere Pannen in der Polizeigeschichte gegeben. Zumindest war es nur Unachtsamkeit und keine mutwillige Schlamperei. Aber es erschwert tatsächlich einiges. Wir haben keine Fingerabdrücke, keine Inventarliste des Umkleideraums, nichts. Uns bleiben nur die Verhörprotokolle, und die scheinen ziemlich unergiebig zu sein.“

Sie schwiegen einige Minuten, während Gillisham den Wagen ruhig von einer roten Ampel zur nächsten lenkte. Minster wunderte sich, was für ein Betrieb in den Mittagsstunden auf den Straßen des beschaulichen 20.000-Seelen-Nestes herrschte.

„Vielleicht war es Selbstmord“, sagte Gillisham schließlich. „Bickershead nahm das Gift, als er alleine war, um dann den Heldentod auf der Bühne zu sterben. Wie im Theater, nur dass er nicht wieder aufstehen würde, wenn der Vorhang fiel. Rocksänger haben oft einen Hang zu großen, dramatischen Gesten. Viele träumen davon, eines Tages im Scheinwerferlicht zu sterben.“

„Ein Selbstmord ist durchaus möglich“, entgegnete Minster. „Aber wir wissen noch viel zu wenig über Bickershead, um solche Mutmaßungen anstellen zu können. Ich werde mir in den nächsten Tagen ein sehr genaues Bild von ihm verschaffen müssen.“

Sie verfielen wieder in Schweigen und hingen jeder für sich ihren Gedanken nach, bis sie das Krankenhaus erreichten.

Die Pathologie befand sich in einem flachen, verklinkerten Anbau des Hospitals und beherbergte unter anderem auch das Leichenschauhaus und die Kapelle des Friedhofs von Newport, dessen lange Gräberreihen direkt hinter dem Krankenhaus begannen. Die Toten haben es hier nicht weit, dachte Minster, als Gillisham ihn über den Friedhofsvorplatz zu der seltsamen Mischung aus Totenhalle und Krankenhausanhängsel geleitete, die unscheinbar unter den ausladenden Kronen hoher Eichen hervorlugte.

Hinter der stählernen Eingangstür schlug ihnen eine für die Jahreszeit empfindliche Kälte entgegen. Einer der Leichenwäscher, ein gebeugter alter Mann, dessen faltige Haut fast genauso wächsern war wie die der Toten, die er für die Aufbahrung zurechtmachte, führte die Polizisten durch zwei kleine, karge Kühlräume in einen etwas größeren, an dessen hinterer Wand zahlreiche medizinische Geräte und Werkzeuge hingen. In der Mitte des komplett verkachelten Raumes stand ein länglicher Metalltisch, auf dem sich unter einem weißen Laken die Umrisse eines menschlichen Körpers abzeichneten. Die Raumtemperatur und die unverkennbaren Konturen ließen Minster frösteln.

„Sie kommen zu spät“, erklärte der Leichenwäscher mit brüchiger, heiserer Stimme, als sie vor dem Tisch standen. „Der Pathologe ist schon vor Stunden abgereist. Er war extra aus Southampton gekommen. Wir haben hier auf der Insel keine ausgebildeten Gerichtsmediziner. Den letzten Mord hat es vor zwei Jahren gegeben.“

„Mir reicht es, den Toten zu sehen“, sagte Minster. „Alles andere steht im Obduktionsbericht.“

Wie um den allzu selbstsicheren Fremden in seine Schranken zu weisen, zog der Leichenwäscher mit einer schnellen, abrupten Bewegung das Tuch vom Tisch.

Tief unten in seiner Speiseröhre spürte Minster ein Würgen emporsteigen. Er hatte schon viele Tote in seinem Leben gesehen, doch obduzierte Leichen riefen in ihm immer noch eine ganz besondere Form von Ekel hervor. Das fahle Blau der Lippen hatte etwas unsagbar Einsames, Verlassenes an sich, und der Y-förmige, notdürftig zusammengenähte Schnitt, der sich vom Schritt bis hinauf zur Brust zog, erinnerte ihn an Rinder, die man im Schlachthof aufgeschnitten und ausgenommen hatte. Fehlte nur noch, dass man Leichen mit dem Kopf nach unten an Deckenhaken aufhängte. Warum konnten Gerichtsmediziner die Toten nicht mit mehr Respekt behandeln?

Bickersheads Augen waren geschlossen, aber der Leichenwäscher schob die Lider bereitwillig zurück, als Minster ihn dazu aufforderte. Der euphorische Glanz, den er auf den Fotos gesehen hatte, war verblasst, aber Minster bekam dennoch einen sehr deutlichen Eindruck davon, wie William Bickershead gestorben war. Um seinen zusammengekniffenen Mund war noch die verkrampfte Anspannung zu erahnen, die die Vergiftung hervorgerufen hatte, doch die Augenpartien waren ausgespart geblieben. Minster zweifelte jetzt nicht mehr daran, dass der Sänger kurz vor seinem Ableben, während bereits das Cyanid in ihm wütete, einen Glücksrausch erlebt hatte. Vielleicht hatte er sich tatsächlich auf seinen Freitod vor Zehntausenden von Zeugen gefreut. Bickersheads lange Fingernägel waren intakt, und auch der Rest des Körpers wies keinerlei erkennbare Verletzungen auf.

„Danke, das genügt“, sagte Minster schließlich. Gillisham hatte schon seit geraumer Zeit die Skalpelle an der Wand fixiert und betont ruhig durchgeatmet, weil er den Anblick des Toten nicht ertrug. Minster fragte sich, ob Bickershead vielleicht der erste obduzierte Leichnam war, den Gillisham zu Gesicht bekam. Wenn er an seinen ersten, furchtbar zugerichteten Toten im Polizeidienst zurückdachte, empfand er Mitgefühl mit dem rothaarigen Sergeant.

Als sie die Kühlräume verlassen hatten und zurück zum Wagen gingen, befürchtete Minster für einen Moment, Gillisham würde sich an der Friedhofsmauer übergeben. Aber sobald der Hüne den Motor gestartet hatte und sich auf den Straßenverkehr konzentrieren musste, fing er sich wieder.

„Grauenhafter Anblick, diese gekühlten Leichen“, grinste er schließlich ein wenig verlegen. „Man stellt sich immer vor, wie man selber aussähe, wenn man dort auf dem Tisch läge.“

„Sie würden nichts mehr davon mitbekommen.“

„Ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Ein alberner Gedanke. Haben Sie schon zu Mittag gegessen?“

„Nein. Das Letzte, was ich hatte, war ein völlig ungenießbares Käse-Sandwich auf der Fähre.“

„Mein Beileid“, feixte Gillisham. „Wir versuchen damit die Touristen von der Insel fernzuhalten, aber scheinbar kann man die Menschen nicht mal mehr mit einem solchen Schweinefraß schocken. In der Innenstadt gibt es ein gutes indisches Restaurant. Wenn Sie wollen, kann ich Sie hinfahren.“

„Aber nur, wenn Sie mit hineingehen. Ich habe noch einige Fragen, die mir nur ein Einheimischer beantworten kann.“

Das von Gillisham empfohlene Restaurant „Taj Mahal“ entpuppte sich als uriges, helles Schlemmerlokal in den Mauern eines altehrwürdigen elisabethanischen Gemäuers nahe der St.-Thomas-Kirche. Das Personal war freundlich und servierte ein hervorragendes Mittagsmahl, übte sich ansonsten aber in vornehmer Zurückhaltung und schien sich nicht daran zu stören, dass die beiden Polizisten auch eine Stunde, nachdem sie die letzten Reis- und Curry-Reste von den Tellern gekratzt hatten, noch an ihrem Tisch saßen.

„Von wem sind die Zeugen vernommen worden?“, fragte Minster, nachdem sie sich eine Weile über die Geschichte der Insel und ihrer Polizei unterhalten hatten. „Über 50 Personen in einer einzigen Nacht zu vernehmen, ist Schwerstarbeit.“

„Sergeant Butt und ich haben das erledigt. Die Verhöre dauerten bis 4 Uhr in der Früh und waren ziemlich ermüdend. Unsere Erschöpfung war einer der Gründe, warum wir vergaßen, an einen möglichen Abtransport der Container zu denken. Wir waren froh, als wir endlich nach Hause gehen konnten. Sich stundenlang Hunderte von „Neins“ und „Weiß ich nicht“ anhören zu müssen, treibt einen irgendwann in den Wahnsinn.“

„Wer ist Ihnen besonders im Gedächtnis haften geblieben?“

Gillisham überlegte kurz, bevor er fortfuhr: „Drei französische Groupies, die die Tage vor dem Festival mit der Band verbracht hatten. Sie hatten panische Angst vor mir, wahrscheinlich weil sie noch deutlich unter 18 waren. Unter ihrer grellen Schminke sahen sie so jung aus, dass wir sie am nächsten Morgen nach Dover bringen ließen und den französischen Kollegen übergaben.“

„Wer fiel Ihnen noch auf?“

„Der Manager. Einer dieser Typen, die es selbst im Falklandkrieg geschafft hätten, mit einem Koffer voller Geld zwischen den Fronten hindurchzuschlüpfen, ohne auch nur ein einziges Pfund zu verlieren. Er machte einen äußerst gewieften Eindruck, wirkte dabei aber nicht hinterhältig. Wahrscheinlich braucht eine Band wie die Horses einen solchen Mann, um nicht über den Tisch gezogen zu werden. Die anderen waren entweder eingeschüchtert oder nicht ganz nüchtern. Mit den Musikern war nicht viel anzufangen, und sogar die beiden Ehefrauen, die vor Ort waren, rochen nach Schnaps.“

„Wer kümmerte sich um die Leute, die nicht zum Bandtross gehörten?“

„Butt. Aber auch er bekam so gut wie nichts heraus. Es gab zwei, drei wache Köpfe, doch sie hatten nichts gesehen, was von Bedeutung war. Bickershead scheint von einem Unsichtbaren getötet worden zu sein.“

„Kein Mord geschieht, ohne dass ein Hinweis zurückbleibt. Und selbst ein Mord, dessen Tatort zurück nach Southampton verfrachtet worden ist, hinterlässt Spuren. Wenn wir sie in der Gegenwart nicht finden, dann vielleicht in der Vergangenheit, als der Keim dieses Verbrechens gepflanzt wurde.“

„Die Vergangenheit von Rockmusikern ist oft sehr schwer zu durchleuchten“, entgegnete Gillisham. „Sie leben von den Mythen, die sich um sie ranken. Nichts ist karrierefeindlicher für einen Musiker als die Enthüllung, dass sich hinter all dem Glamour ein ganz normales, erschreckend langweiliges Leben verbirgt. Der Rock´n´Roll hat immer in Luftschlössern residiert.“

„Dann müssen wir ihn wieder erden, Gillisham. Zumindest so lange, bis wir wissen, wer William Bickershead den Heldentod hat sterben lassen.“

Nach dem Essen ließ sich Minster von Gillisham zum örtlichen Holiday-Inn-Hotel bringen, in dem man ihm ein Zimmer reserviert hatte. Die beiden vereinbarten, sich am nächsten Morgen um acht Uhr im Polizeipräsidium zu treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Minster verbrachte den restlichen Nachmittag und den größten Teil des Abends damit, die Verhörprotokolle zu lesen und sich Notizen zu machen. Er markierte auf der großen Karte, die MacGallaghan ihm gegeben hatte, den Aufenthaltsort aller Personen zum Tatzeitpunkt, bündelte sämtliche Orts- und Zeitangaben in separaten Tabellen und zog Querverbindungen bei besonders interessanten Details. Gegen 21 Uhr begab er sich für ein kurzes Abendessen hinunter in den Speisesaal, doch der Fall hatte ihn vollkommen gefangen genommen. Er saß noch keine fünf Minuten am Tisch, da sprang er schon wieder auf und eilte unter den missbilligenden Blicken einiger älterer Hotelgäste mit einem angebissenen Käsebrot in der Hand zurück zum Aufzug. Die Unruhe, die ihn immer packte, wenn eine Sondierung von Fakten noch nicht abgeschlossen war, ließ ihm keine Verschnaufpause.

Kurz vor Mitternacht beendete Minster die Auswertung. Er war sich sicher, nichts vernachlässigt zu haben, doch bahnbrechende neue Erkenntnisse hatten sich keine ergeben. Der Tathergang war denkbar einfach: Bickershead hatte das Gift mit oder ohne sein Wissen um kurz nach 22 Uhr im Umkleidecontainer seiner Band geschluckt und war wenig später auf der Bühne tot zusammengebrochen. Wenn es kein Selbstmord gewesen war, hatte jemand das Cyanid unter seine Nahrung oder in seine Getränke gemischt. Dieser Jemand musste jedoch genaue Kenntnis darüber gehabt haben, wann Bickershead was zu sich nehmen würde. Gab es bestimmte Spezialitäten, von denen der Mörder wusste, dass nur sein Opfer sie anrühren würde? Falls nicht, musste der Mörder sich bis zuletzt in unmittelbarer Nähe Bickersheads aufgehalten haben, um sicherzugehen, dass dieser das Cyanid schluckte.

Es gab lediglich drei Probleme: Der Container besaß einen Hinterausgang, der schwer einsehbar gewesen war; eine komplette Fußballmannschaft hätte die Kabine kurz vor Konzertbeginn unerkannt verlassen können. Darüber hinaus existierte der Tatort nicht mehr, etwaige Spuren waren unwiederbringlich zerstört worden. Und zu guter Letzt störte Minster ein Widerspruch, den er sich nicht erklären konnte. Der merkwürdig entrückte Ausdruck in Bickersheads Augen auf sämtlichen Fotos, die kurz vor und nach seinem Tod geschossen worden waren, passte nicht zu der Diagnose des Gerichtsmediziners. Cyanid rief keine euphorischen Reaktionen hervor.

Da sämtliche Zeugenaussagen nicht von Bedeutung zu sein schienen, beschloss Minster, den Fall von einer anderen Seite anzugehen. Auch hinter einem Mord ohne Tatort steckte ein Motiv – ein Mensch, der sich in irgendeiner Form ausreichend von Bickershead bedroht gefühlt hatte, um ihn umzubringen.

Minster erinnerte sich an eine seiner ersten Stunden in der Polizeischule. Sein alter Ausbilder Livingstone, der mittlerweile auf einem Militärfriedhof in der Nähe von Manchester begraben lag, hatte die Beweggründe für Mord in bemerkenswert schlichten Worten zusammengefasst: Hinter jeder Bluttat standen Gier, Angst oder ein verletztes Ego, und nicht ein einziger Mord ließ sich in seiner Vorgeschichte nicht auf Geld oder Sex reduzieren.

Damals hatte Minster mit seinen Kurskameraden den Polizeigreis und seine arg simplifizierte Sicht der Dinge belächelt, doch mit den Jahren konnte er die ebenso ernüchternde wie kristallklare Wahrheit in Livingstones Worten immer besser nachvollziehen. Es gab unzählige Arten, einen Menschen zu töten, aber nur wenige Motive. Er würde Bickersheads engstes Umfeld durchleuchten müssen: seine Band, eine etwaige Freundin, seinen unbequemen Vater. In irgendeinem Konflikt aus der Vergangenheit musste der Schlüssel zum Giftschrank liegen.

Nachdem er die Ermittlungsunterlagen beiseite gelegt hatte, versuchte Minster zu meditieren. Er setzte sich im Lotussitz auf den Fußboden vor dem Bett, legte die Hände mit den Innenseiten nach oben übereinander in den Schoß und schloss die Augen zu Schlitzen. Eine Weile verfolgte er das Auf und Ab seines Atems, doch in seinem Geist wollte es nicht ruhig werden. Seine Gedanken schweiften ab zu jenem Container, den er nie hatte betreten können, und zu der notdürftig zugenähten Leiche im Kühlraum. Selbst als er begann, seine Atemzüge mitzuzählen, ebbte der Sturm in seinem Kopf nicht ab. Ständig musste er von neuem beginnen, bevor er bis zehn gekommen war, und nachdem er eine Viertelstunde lang dem warmen Nichts des schweigenden Geistes keinen Millimeter näher gekommen war, brach er entnervt ab.

Er trank ein Glas lauwarmes Wasser, zog sich aus und legte sich mit einem unzufriedenen Grummeln ins Bett. Keine fünf Atemzüge später war er eingeschlafen. Er träumte von Hunden mit buschigen Augenbrauen. Ob sie wie Buddha waren, wusste er nicht, aber an ihre weit aufgerissenen, fiebrigerregten Augen sollte er sich auch am nächsten Morgen noch erinnern.

KAPITEL 6

In der Nacht vom 26. auf den 27. Juni tobten schwere Stürme über der Nordsee. Nachdem der Tag in weiten Teilen Nordeuropas hell und freundlich gewesen war, entluden sich am frühen Abend gewaltige Gewitterfronten über dem Meer, und peitschende Nordostwinde ließen das Abendhochwasser deutlich heftiger als erwartet gegen die Küsten Großbritanniens schwappen. Bei Sunderland kenterte ein Schiffskutter, im Ärmelkanal war zeitweise die Fährverbindung nach Calais unterbrochen. Den länglichen, merkwürdig geformten Gegenstand, der vor Clacton-on-Sea von den Naturgewalten aus dem Watt gerissen und in die Mündung des Blackwater getrieben wurde, bemerkte niemand.

KAPITEL 7

Minster verschlief die nächtlichen Stürme und erwachte gegen 7 Uhr frisch und ausgeruht. Nach der Morgenmeditation, die deutlich entspannter verlief als sein verkrampftes Sitzen der letzten Nacht, ging er hinunter ins Hotelrestaurant und bestellte zum schwarzen Tee einige Scheiben Toast mit Erdbeermarmelade. Schon bevor er sich nach schweren inneren Kämpfen dazu durchgerungen hatte, Vegetarier zu werden, war ihm das typisch britische Frühstück zutiefst zuwider gewesen. Die schleimigen Bohnen erinnerten ihn an ein frisch herausgerupftes Gehirn, und die kleinen, penetrant müffelnden Würstchen hatten aus ihm unerklärlichen Gründen etwas Obszönes an sich. Minster aß betont ruhig, rief danach im Polizeipräsidium an, um einen Pressespiegel zum Mordfall Bickershead vorbereiten zu lassen, und ging auf sein Zimmer, wo er das Ermittlungsmaterial in seinen kleinen Aktenkoffer packte. Pünktlich um acht setzte ihn ein Taxi vor dem Präsidium ab.

Gillisham und Inspector MacGallaghan saßen bereits in dem kahlen Sitzungssaal und tranken Kaffee. Während Gillisham Minster mit einem breiten Grinsen begrüßte, wünschte MacGallaghan ihm übertrieben höflich einen guten Morgen. Er schien es immer noch nicht ganz verwunden zu haben, dass es ihm nicht gelungen war, den Abtransport der Festivalcontainer zu verhindern.

„Ich habe mir gestern Abend die Vernehmungsprotokolle durchgelesen“, kam Minster ohne Umschweife zur Sache. „Wahrscheinlich enthalten sie wenig verwertbare Informationen, aber ein, zwei Kleinigkeiten möchte ich dennoch auf den Grund gehen. Was steht im Obduktionsbericht bezüglich Bickersheads Mageninhalt?“

MacGallaghan suchte den Bericht aus seinen Unterlagen heraus und überflog ihn kurz, bis er die entsprechende Stelle gefunden hatte: „Beträchtliche Mengen Bier und ein Hot Dog. Letzteren muss er kurz vor seinem Tod gegessen haben.“

„Am Catering-Stand hinter der Bühne gab es Hot Dogs“, ergänzte Gillisham, der ahnte, worauf Minster hinauswollte. „Die meisten Musiker aßen dort oder ließen sich ihr Essen und ihre Getränke in die Container bringen.“

Damit schied eine Eventualität aus. Bickershead hatte nichts zu sich genommen, von dem jemand im Vorhinein hatte sicher sein können, dass nur er es essen oder trinken würde. Bier und Hot Dogs waren nicht gerade das, was man ausgewählte Spezialitäten nannte. Der Mörder musste sich zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Nähe von Bickershead aufgehalten haben.

„Was machten die Bediensteten des Catering-Standes für einen Eindruck?“, fragte Minster.

„Butt hat sie befragt“, erwiderte Gillisham, „aber die Leute sind ihm nicht sonderlich aufgefallen. Die meisten von ihnen waren Studenten aus Portsmouth oder Southampton, die in den Sommermonaten bei der Catering-Firma jobben. Ihre Schichten wurden erst kurz vor Beginn des Festivals verteilt.“

„Ein Mädchen hat ausgesagt, eines der Crew-Mitglieder der Flying Horses hätte gegen 21.30 Uhr eine größere Menge Hot Dogs bei ihr abgeholt.“

„Die Horses aßen für gewöhnlich gemeinsam vor ihren Auftritten“, sagte Gillisham, während MacGallaghan leicht abwesend aus dem Fenster starrte. „Wer immer das Gift in das Essen getan hat, muss sehr geschickt vorgegangen sein. In der halben Stunde vor Showbeginn haben sich mindestens 15 Menschen in dem Container aufgehalten.“

„Angenommen, das Gift befand sich nicht in dem Hot Dog, sondern im Bier.“

„Alkohol ist bei Festivals hinter der Bühne Allgemeingut“, erklärte Gillisham, den es sichtlich freute, etwas zur Entschleierung des Tathergangs beitragen zu können. „Für gewöhnlich holen die Bandbetreuer oder Roadies in unregelmäßigen Abständen große Pappträger voller Bierbecher vom Catering-Stand. Wer einen gewissen Alkoholpegel erreicht hat, trinkt oft einfach aus dem Becher, der ihm gerade vor der Nase steht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die falsche oder mehr als eine Person das vergiftete Bier herunterschlucken, wäre sehr groß gewesen.“

„Wer einen Menschen mit Cyanid tötet, handelt nicht im Affekt“, folgerte Minster. „Er oder sie hat den Mord vorbereitet und wird nicht das Risiko eingegangen sein, sein Opfer zu verfehlen. Wir können das Bier also ausschließen und müssen uns fragen, wer William Bickersheads Hot Dog vergiftet hat.“

Die anderen beiden schwiegen. MacGallaghan ließ der Fall, der in einem ihm völlig unbekannten Milieu spielte, ein wenig hilflos vor sich hin brummeln, und Gillisham wusste dem bisherigen Erkenntnisstand genau wie Minster nichts mehr hinzuzufügen.

„Könnte ich eine Tasse Tee haben?“, fragte Minster schließlich, um das nervöse Schweigen zu brechen und sich aus der gedanklichen Sackgasse herauszumanövrieren. Sie würden einen neuen Ansatz brauchen, um weiterzukommen.

Gillisham stand auf und ging hinaus, um im Erdgeschoss bei der Verkehrspolizei nach Teebeuteln Ausschau zu halten. MacGallaghan trat ans Fenster und blickte hinab auf den schmucklosen, ungemütlichen Parkplatz des Präsidiums.

„Haben Sie sich beim Chief Constable in Winchester über mich beschwert?“, fragte MacGallaghan in betont neutralem Ton, während er Minster den Rücken zuwandte.

„Nein. Warum sollte ich das getan haben?“

„Wegen unseres kleinen, ähem, Missgeschicks mit den Containern“, erwiderte der Inspector. „Wenn wir Spuren gesichert hätten, wären wir jetzt vielleicht schon einen Schritt weiter. Nicht auszudenken, wenn der Mord wegen unserer Schlamperei nicht aufgeklärt werden sollte. Ich habe heute Nacht kaum ein Auge zugetan. Sobald Williams Vater von der Sache erfährt, wird er mir die Hölle heiß machen.“

„Er wird nichts davon erfahren“, erwiderte Minster, dem der glatzköpfige Inspector ein wenig leid tat. „Ich sagte gestern schon zu Sergeant Gillisham, dass es weitaus schlimmere Ermittlungspannen in der Geschichte der britischen Polizei gegeben hat. Mir selbst sind Fehler unterlaufen, wegen derer ich noch heute vor Scham im Boden versinken könnte. Ich habe nicht vor, mich irgendwo über irgendwen zu beschweren. Sie haben größtenteils gute Arbeit geleistet, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie mit derart komplizierten Mordfällen nie zuvor zu tun hatten. Wir sollten versuchen, als Team zu arbeiten und uns gegenseitig zu vertrauen. Ich werde Ihre und Gillishams Hilfe noch mehr als einmal brauchen, um mit den Ermittlungen vorwärtszukommen. Von mir wird niemand etwas darüber erfahren, was mit den Containern passiert ist.“

„Danke“, sagte MacGallaghan, nachdem er sich zu Minster umgedreht und sich ausgiebig geräuspert hatte. Erleichterung ließ seine kantigen Züge ein wenig weicher als sonst erscheinen. „Eigentlich hätte ich von vornherein wissen müssen, dass ich auf Sie bauen kann. Aber Sie wissen ja, wie das manchmal ist. Man liegt die halbe Nacht wach, und am Ende weiß man nicht mehr, wo oben und unten ist.“

In diesem Moment kam Gillisham mit einer vollen Kanne Tee und einer Tasse zurück, die er feixend vor Minster abstellte. „Ich wusste gar nicht, dass fast jeder bei der Verkehrspolizei im Dienst Tee trinkt. Hier oben ist morgens vor einem halben Liter Kaffee niemand ansprechbar. Vielleicht sollten wir mal früher ins Bett gehen.“