Zeit zu reden -  - ebook

Zeit zu reden ebook

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Opis

Neun beeindruckende Lebensgeschichten werden in der Anthologie Zeit zu reden zusammengetragen. Jetzt endlich haben Frauen und Männer die Zeit und den Mut gefunden, offen über ihr Leben, auch während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Gemeinsam mit Autoren aus der Heimat entstand ein zutiefst berührendes Dokument der Zeitgeschichte.

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Liczba stron: 261




© 2017 – e-book-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-855-5 Ausstattung: Stefanie Thur Korrektorat: Melanie Oster-Daum Titelfoto: aus dem Bildarchiv von Hans Schneiß, Irmenach Fotos: Bernd Dochnahl oder aus Privatarchiven

Lesebühne Schiefertafel

Zeit zu reden

Hunsrücker erinnern sich

Rhein-Mosel-Verlag

Zur »Lesebühne Schiefertafel«

Zu der 2015 gegründeten Lesebühne Bacharach gesellten sich 2016 Autoren und Autorinnen von Rhein und Hunsrück. Gemeinsam formierten sie sich zu einem lockeren Verbund mit der Zielsetzung, sich regelmäßig über Literatur auszutauschen, Literatur zu schaffen und regionale Literatur bekannt zu machen. Näheres ist auf www.lesebuehne-schiefertafel.jimdo.com zu erfahren.

Aktivitäten der Gruppe erwachsen aus der Kreativität ihrer Mitglieder und werden im Konsens erarbeitet. Herausgekommen sind bisher einige Autorenlesungen, regelmäßige Literatur-Stammtische und hier zum ersten Mal ein Buch.

Das Land und die Menschen, die darin lebten und leben, sind eine ergiebige Quelle für literarisches Schaffen. Johannes Aufgebauer hat das Selbstverständnis der Gruppe in Worte gefasst.

Hunsrück, Taunus, Mittelrhein

verbunden sind durch Schieferstein.

Wir leben auf Schiefer,

wir schreiben darauf,

erzählen und dichten

vom Lebenslauf.

Die Schiefertafel lädt euch ein

zu schreiben, zu lauschen, dabei zu sein.

Inhalt

Vorwort Helga Andrae

im übrigen von Johannes Aufgebauer

Gestohlene Jugend Aufgeschrieben von Margret Drees

Das Dora-Haus Aufgeschrieben von Hilarion H. Hartmann

Johanna, eine starke Frau Aufgeschrieben von Gisela Kassel

Der Mann im Anzug Erinnerungen von Ännie Glimmerveen aufgezeichnet von Hubertus Becker

Man muss das Leben annehmen Aufgezeichnet von Susanne Horn

An jedem Tag Aus dem Leben des Walter Hofmann, Aufgezeichnet von Ute Packheiser

Groschenromane von Friedrich G. Paff

Ommavon Wolfgang Dahlke

Ein Köfferchen voll »Weißt-du-noch« Erinnerungen von Alfred Marx aus Irmenach,vermittelt von Josef Peil

Die Autoren der Lesebühne Schiefertafel

Vorwort

Als wir Autorinnen und Autoren der »Lesebühne Schiefertafel« im vergangenen Jahr die Idee besprachen, gemeinsam ein Buch über den Hunsrück zu schreiben, in welchem alt gewordene Hunsrücker zu Wort kommen sollten, um ihre Erlebnisse, und Erfahrungen aus den Jahren vor dem Krieg, während der Kriegszeit und aus dem Jahrzehnt danach zu erzählen, ahnten wir nicht, auf welch fruchtbarem Boden diese Initiative keimen würde. Inspiriert wurde das Vorhaben von dem 2014 im Simmerner Hunsrück-Museum ins Leben gerufenen Mundart-Projekt »O-Ton Hunsrück«, in dem die sprachliche Vielfalt der Region dokumentiert ist. Die in der vorliegenden Anthologie veröffentlichten Texte sind mehrheitlich zwar in Hochdeutsch verfasst, dem Projekt »O-Ton Hunsrück« allerdings verwandt, da hier wie da regionale Sprache, Kultur und Geschichte dokumentiert werden.

Fast jeder der AutorInnen, die sich seit 2016 regelmäßig in der »Lesebühne Schiefertafel« in Bacharach treffen, hatte einen alten Menschen im Bekanntenkreis, dessen Leben erzählenswert schien; es kamen dabei nicht nur deren Kriegserlebnisse zur Sprache, sondern auch regionale Besonderheiten bezüglich der Lebens- und Arbeitswelt, den nachfolgenden Generationen oft nicht mehr geläufig, weil sie uns mit der Zeit fremd geworden sind.

Auf fruchtbaren Boden fiel das Projekt auch bei den noch lebenden 80- bis 90-jährigen ProtagonistInnen, die sich noch einmal die Zeit zu reden genommen haben. Zudem fanden sich bereits verstorbene ErzählerInnen, die ihren Angehörigen ihre Lebensgeschichten schriftlich hinterlassen hatten. In Gesprächen mit den AutorInnen gaben die Befragten – in Schriftdeutsch oder auf Hunsrücker Platt – Auskunft über ihre Kindheit, Jugend und ihren Werdegang, Lebensabschnitte, die nicht vom Krieg allein bestimmt waren.

Insofern sind die Aussagen der in dieser Anthologie zu Wort kommenden alten Menschen historische Zeugnisse; und gewiss wecken sie bei den Älteren im Hunsrück und an Rhein und Mosel Erinnerungen, die im Vergleich zum hier Erzählten wieder Konturen erhalten. Jüngere Leser werden feststellen, dass diese Zeit mit deren heutigen Leben wenig gemeinsam hat, dass aber menschliche Werte galten, die gewiss nicht die schlechtesten waren und die heute noch ihre Gültigkeit besitzen. Womöglich tragen die Texte dazu bei, jenen Menschen ein wenig Verständnis und Respekt entgegenzubringen, die in einer Zeit lebten, die in erster Linie von Krieg und Entbehrung gekennzeichnet war.

Mögen diese Berichte – von und über alte HunsrückerInnen, aufgeschrieben von Hunsrücker Autorinnen und Autoren – viele Leser finden, auch jenseits des Hunsrücks; denn es ist etwas Besonderes, Geschichte authentisch aus der Erinnerung derjenigen zu erfahren, die seinerzeit dabei waren, als Hitler an die Macht kam, als über Nacht Juden vom Hunsrück verschwanden, als der Krieg das Leben bestimmte und das Leben allzu oft ein plötzliches Ende fand. Wen diese Dinge interessieren, der sollte den »Alten« vom Hunsrück zuhören!

Helga Andrae – Autorin der Lesebühne Schiefertafel

Bacharach, im Juni 2017

im übrigen

Johannes Aufgebauer

im übrigen

leb ich

selbstgemacht ist

mein reim

auf die offenen

fragen des lebens

verantwortung ist

eine antwort

doch eines tages

leg ich sie beiseit

genug noch zu

tragen an tagen

doch hör in mir lebt

der vierziger noch

und ging nicht das

kind erst vor kurzem

im übrigen

hab ich zu leben

im übrigen

als überbringer

Gestohlene Jugend

von Margret Drees

Ursula und Reinhold Hofman

Ursula lacht sehr gern. Aber wenn sie von ihrer Jugend erzählt, könnte man glauben, das Lachen sei ihr ausgetrieben worden, denn sie hat nicht nur, man muss wirklich sagen ›nicht nur‹, obwohl das allein schon schlimm genug gewesen wäre, zu Anfang des Jahres 1945 das Fluchtgeschehen von Ost nach West erleben und erleiden müssen, sondern auch mit ihrer etwas älteren Schwester fast fünf Jahre Gefangenschaft in sibirischen Arbeitslagern. Und ihr Lachen ist deshalb auch nicht mit einem Wort zu beschreiben. Ich habe sie nie, und ich kenne sie schon sehr lange, über Missgeschicke anderer lachen hören, was ja schließlich aus einer gewissen Schadenfreude heraus entsteht. Ihr Lachen hat andere Wurzeln, die tief in einem wundervollen Humor begründet sind. Und vielleicht verdankt sie zum Teil diesem Humor ihr Überleben in Sibirien.

Doch nun zurück an den Anfang: Als sie 1927 in einem Dorf, bestehend aus ausschließlich deutschen Einwanderern, in Wolhynien in der Ukraine geboren wurde, konnte ihre Familie schon auf sehr bewegte Zeiten zurückblicken. Diese Vorgeschichte muss kurz erwähnt werden, weil sie verdeutlicht, in welche Verhältnisse die kleine Ursula hineingeboren wurde:

Zwischen 1840 und 1860 herrschte in Deutschland, obwohl die Leibeigenschaft aufgehoben war, in großen Bevölkerungsschichten Armut. Ihre Urgroßeltern folgten deshalb einem Aufruf, der deutsche Bauern und Handwerker in die Ukraine, damals unter russischer Hoheit, lockte und ihnen dort Landbesitz und Arbeit versprach. Um aber überhaupt Ackerbau betreiben zu können, mussten die Einwanderer zunächst den Urwald roden. Sie hausten in Erdbunkern, die sie sich selbst notdürftig hergerichtet hatten. Ein bewohnbares Holzhaus mit Scheune und Stallungen wurde erst nach und nach gebaut. Mitten auf dem ihnen zugewiesenen großen Grundstück ließen Ursulas Vorfahren eine einzelne, schön gewachsene Eiche stehen, sozusagen als Stammbaum der Familie.

Der männliche Erbe der dritten Generation, verliert seine Frau bei der Geburt des fünften Kindes. Er heiratet ein zwanzigjähriges Mädchen, eine Euphrosine Eisbrenner, weil er nicht allein Landwirtschaft, Haushalt und fünf Kinder versorgen kann. Da inzwischen für den Ersten Weltkrieg aufgerüstet wird, wird auch er einberufen und kommt an die Front an der Grenze zur Türkei. Nun hat die junge Frau alles allein zu bewältigen. Indem der Krieg auch Wolhynien nicht verschont, befindet sie sich mit den fünf Kindern ihres Mannes, für die sie verantwortlich ist, in unmittelbarer Lebensgefahr, als die Front ihr Dorf erreicht. Sie versteckt die Kinder zunächst im Stall unter einem Strohhaufen. Die Dorfbewohner entschließen sich nach anfänglichem Zögern während einer kurzfristigen Besetzung durch deutsche Truppen, nach Ostpreußen zu fliehen. Schließlich spannt auch sie die Pferde ein, packt die Kinder – ein Junge ist inzwischen an einer schweren Verletzung gestorben – und das Nötigste zum Leben auf den Wagen und schließt sich dem Treck an.

Erst nach sieben Jahren kommt ihr Mann in seine Heimat zurück. Dort findet er alles zerstört vor: Haus, Scheune und Stallungen liegen in Trümmern. Nur der Ziehbrunnen ist noch da, ein großer alter Birnbaum und die Eiche auf dem Feld. Die Felder verwildert. Von seiner Familie keine Spur. Er vermutet das Schlimmste. Doch nach einigem Suchen erfährt er von deren Flucht nach Ostpreußen. Zu Fuß macht er sich auf den Weg. Es vergehen Monate, bis er endlich seine Familie findet. Die Kinder sind groß geworden. Sie erkennen ihren Vater nicht mehr. Die Mutter arbeitet als Magd auf einem Gut. Auch der Vater als ehemals freier Bauer müsste sich als Knecht verdingen, was er absolut nicht will. Er will mit seiner Familie wieder nach Hause. Will sein Gehöft wieder aufbauen und seine Arbeitskraft für seine Familie einsetzen.

Die älteste Tochter heiratet und bleibt in Ostpreußen. 1924 kommt die Familie in der alten Heimat an und wohnt zunächst bei einem Bruder des Vaters, der sein Anwesen schon wieder aufgebaut hat, und zum Teil auch auf der Baustelle auf ihrem eigenen Grundstück in einer primitiven Erdhütte ohne Ofen und ohne Schlafgelegenheiten, während an einem neuen Haus gebaut wird. Eine 18-jährige Tochter aus der ersten Ehe stirbt. Ihr ist es nicht mehr vergönnt, mit in das neue Haus einzuziehen.

1926 bekommt die Familie Zuwachs: Euphrosine, wie bereits erwähnt, die zweite Frau des Vaters, die zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz jung ist, bekommt ihr erstes Kind. Ein Mädchen, das den Namen Milta erhält. 1927 kommt Ursula zur Welt, und hier beginnt jetzt unsere eigentliche Geschichte:

Ursula ist noch nicht ganz drei Jahre alt, ein lebhaftes Kind, das sich für alles interessiert, als der Vater eines Tages einen Wagen mit Getreidesäcken belädt, um damit in die Mühle zu fahren. Ursula will unbedingt mitfahren und klettert auf den Wagen. Von hier aus kann sie nun alles besser überschauen und sieht, dass oben auf dem Dach des Hauses neben dem Kamin Flammen aus dem Strohdach lodern. »Da oben auf dem Dach ist ein Feuer«, stellt sie ganz sachlich fest. Aber sie hat es mehr so vor sich hin gesagt. Der Vater hat es gehört, erkennt die Gefahr, stürzt ins Haus und findet seine Frau seelenruhig beim Brotbacken. Er löst Großalarm aus und rettet, was in der kurzen Zeit zu retten ist, denn Strohdach und Holzhaus brennen trotz mühevoller Löscharbeiten der herbeigeeilten Bauern sofort lichterloh. Die Mutter hat ihr 1930 geborenes Mädchen, das noch nicht laufen kann, vor das Hoftor gelegt. Als sie es holen will, ist es verschwunden. Die Aufregung ist groß, bis eine Ukrainerin kommt und es zurückbringt. Sie hatte es mit zu sich nach Hause genommen, um es aus dem Gefahrenbereich herauszubringen.

Das Haus brennt völlig nieder.

Das Vieh, die Stallungen und die Scheune bleiben indes unbeschädigt. Sogar die Körbe der Bienenvölker. Die Familie zieht so lange in die Scheune, bis das Haus wieder aufgebaut ist.

Seit dem Ersten Weltkrieg gehört die Ukraine nicht mehr zu Russland, sondern zu Polen, und Ursula muss in der Schule Polnisch lernen.

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht und Polen von den deutschen Truppen in nur drei Wochen überrannt wird, werden die Deutschen im fernen Wolhynien von den Polen zur Zwangsarbeit gezwungen. Sie hoffen darauf, von der Deutschen Wehrmacht befreit zu werden, aber es kommt anders: Die Russen – laut Hitler-Stalin-Pakt seit ein paar Wochen Freunde der Deutschen – besitzen jetzt die Ukraine und führen Russisch als Amtssprache ein. Auch in der Schule wird Russisch unterrichtet.

Ursula ist zwölf Jahre alt, als russische Offiziere und Angehörige der SS ins Dorf kommen und mit den Vorbereitungen für die Umsiedlung der Deutschen »heim ins Reich« beginnen. Während amtlicher schriftlicher Formalitäten stellt ein Russe die Zwölfjährige auf eine Bank, zeigt auf ihre langen blonden Zöpfe und sagt: »So sieht ein deutsches Mädchen aus!«

Die arische Abstammung wird genau überprüft, »Rassenmerkmale« mit der Schieblehre vermessen, Erbkrankheiten, Vermögen und Besitz in lange Listen eingetragen. Ursula und ihre Geschwister, allesamt blond und blauäugig, werden den Anwesenden als Musterexemplare der »nordischen Rasse« vorgestellt.

Im Januar 1940 beginnt die Umsiedlung. An einem Morgen werden die Deutschen aufgefordert, bis zum Abend ihren Abtransport vorzubereiten. Kurzfristig muss also entschieden werden, was mitgenommen wird und was zurückbleiben muss. In der allgemeinen Hektik rast die Zeit dahin. Es ist inzwischen dunkel geworden, und die Menschen geistern mit Fackeln und Laternen über ihre Höfe. Überall jaulen die Hunde. Das Vieh in den Ställen wird zum letzten Mal gefüttert und losgebunden. Die Männer bringen ihre Familien mit Wagen, die auf Schlittenkufen montiert sind, zum nächsten Bahnhof, denn Frauen und Kinder sollen mit dem Zug fahren und die Männer mit Pferdegespannen nachkommen. Der Hund von Ursulas Familie ist dem Schlitten den Weg bis zum Bahnhof gefolgt. Als er merkt, was geschieht, wirft er sich Ursulas Mutter vor die Füße, so dass sie keinen Schritt mehr gehen kann. Der Vater hebt ihn auf, trägt ihn zum Schlitten und nimmt ihn mit zurück zum Hof.

Der Zug, der die Umsiedler befördern soll, ist nicht beheizt. Als er nach langer Fahrt in Lodz (damals in Litzmannstadt umbenannt) ankommt, werden die Umsiedler vom Roten Kreuz mit heißem Tee versorgt und auf verschiedene andere Züge verteilt, die sie »heim ins Reich« bringen sollen. In dem allgemeinen Durcheinander auf dem großen fremden Bahnhof gerät Ursulas Mutter mit ihren fünf Kindern und ihrer eigenen Mutter in einen falschen Zug und landet nach nächtelangen Fahrten quer durch Deutschland (die Züge fahren nur nachts) im Auffanglager in Hannoversch-Münden.

Der Vater kommt mit dem Treck zunächst bis in die Nähe von Lodz. Dort werden den Umsiedlern die Pferde abgenommen; sie werden jetzt an der Front gebraucht. Die Männer können von jetzt ab nur noch mitnehmen, was sie tragen können, denn sie werden mit der Bahn in die Auffanglager zu ihren Familien geschickt. Als der Vater dort ankommt, besitzt er nur noch seinen langen Schafspelzmantel und eine große Milchkanne mit eingemachtem gebratenem Schweinefleisch. Im Lager werden die Umsiedler abermals auf arische Abstammung überprüft, vermessen, ausgefragt und schließlich »eingebürgert«.

Nach langen Wochen des Wartens, in denen sich die Familie mit einer einheimischen Familie anfreundet – es wird sich später zeigen, wie dienlich das der Familie noch sein wird – werden sie im Juni 1940 abermals umgesiedelt. Diesmal in den Warthegau (benannt nach dem Fluss Warthe, jetzt Polen). Als Ursulas Familie in dem Gehöft ankommt, das ihnen zugewiesen worden ist, haben es die Vorbesitzer gerade erst verlassen. Im Küchenherd brennt noch das Feuer, das das Wasser im Kessel am Kochen hält, und auf einem Stuhl neben dem Herd steht ein Korb (ein Dümmel) mit frisch geschlüpften Küken.

»Kinder, hier geschieht Unrecht!«, sagt Ursulas Vater. Er steht da wie versteinert und weint. So haben sich die Eltern den Neuanfang nicht vorgestellt. Aber es gibt kein Zurück.

Der ziemlich verkommene Hof wird nach und nach in Ordnung gebracht, der Viehbestand aufgestockt und die Felder werden bestellt.

Im Januar 1945 rückt die Ostfront aber immer näher. Man denkt an Flucht. Heimlich, denn es ist nicht erlaubt, baut der Vater einen Ackerwagen zum Treckwagen um. Wenige Tage nach der russischen Großoffensive am Baranowbrückenkopf kommt der Befehl zur Evakuierung. Ein Schwein wird schnell noch geschlachtet und das Fleisch mitgenommen und auch die noch nicht ganz getrocknete Wäsche von der Leine abgehängt und eingepackt. Von den vier Pferden werden drei vor den Wagen gespannt. Eins bleibt zurück im Stall. Das Fohlen muss nicht angeleint werden; es folgt freiwillig seiner Mutter. Nun geht es nach Westen, immer vor der Front her. Auf den Straßen herrscht Chaos.

Ursulas 86-jährige Großmutter mütterlicherseits stirbt unterwegs und wird irgendwo am Straßenrand zwischen Warthe und Oder im Schnee verscharrt.

Die ständigen Tieffliegerangriffe erschrecken nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde. Das Fohlen stürzt, als es vor der Gefahr flüchten will, in einen Panzergraben und kommt nicht mehr heraus. Die panikartigen Umstände lassen es nicht zu, das Tier zu retten, der Treck wird weiter getrieben, denn inzwischen beanspruchen die rückflutenden deutschen Soldaten Platz auf den ohnehin schon überfüllten Straßen. Das Trinkwasser ist knapp, denn die Bauernhöfe, die in der Nähe der Straße liegen, sind abgeschlossen und die Brunnen gesichert. Schließlich schafft es Ursulas Familie bis Gollin bei Templin. Dort wird der Treck von den Russen eingeholt. Alle Flüchtlinge werden in einen großen Raum gesperrt. Die Männer werden zum Teil erschossen, Frauen und Mädchen missbraucht und geschändet. Es wirkt oberflächlich und leicht dahin gesagt, was ich in dem einen Satz ausdrücke, aber das Grauen ist auch in mehreren Sätzen nicht zu beschreiben.

Auf einem etwa 3 km von Gollin entfernten großen Bauernhof wird alles Vieh aus der Umgebung zusammengetrieben und von jungen Frauen und Mädchen versorgt. Auch Milta, Ursulas ältere Schwester, wird dorthin beordert. Bei einer der ständigen Kontrollen in den Häusern und Unterkünften sind zwei russische Soldaten auf der Suche nach einer jungen Frau für ihren Offizier. Sie wählen Ursula aus, rechnen jedoch nicht damit, dass Ursula sie versteht. Sie informiert ihre Eltern und diese behaupten, ihre Tochter müsse zum Arbeitseinsatz auf den Hof, auf dem ihre andere Tochter arbeitet. Die Lüge rettet sie. Vorerst.

Auf dem Bauernhof geht es, wenn keine Aufsicht dabei ist, nicht immer bitterernst zu. Wo so viele junge Frauen auf einem Platz beisammen sind, kann es vorkommen, dass die eine oder andere auf dumme Gedanken kommt. An einem Tag binden sie den Bullen Krawatten an die Schwänze und amüsieren sich königlich. Doch der Spaß hält nicht lange an. Am 20. März kommt ein russischer Offizier auf den Bauernhof und liest aus einer Liste Namen von anwesenden Frauen und Mädchen vor, die sich bereit zu halten haben. Auch Ursulas Schwester Milta ist darunter. Gerüchte machen die Runde, aber keiner weiß, um was es geht. Einige vermuten, sie würden abtransportiert werden, wissen aber nicht wohin. Ursula unterrichtet die Eltern und sagt ganz entschieden, dass sie ihre Schwester niemals allein einem unbekannten Schicksal überlassen werde. Sie will mit ihr gehen und ignoriert die Einwände der Eltern. Dann muss sie ihren Pelzmantel anziehen und Milta den ihren mitnehmen. Man weiß ja nicht, was wird, und nachts ist es noch kalt. Die Eltern begleiten sie. Nun gilt es erst einmal, die Russen davon zu überzeugen, dass Ursula ihre Schwester auf keinen Fall allein lassen will. Aber sie ist erst siebzehn, und sie stehe nicht auf der Liste, sagen die Russen.

»Ich geh mit! Ich lasse meine Schwester nicht allein!«, sagt sie. »Sonst sterb’ ich hier auf der Stelle!« Man tut ihr den Willen und schreibt sie auch auf die Liste zu den anderen Namen. Sie ahnt nicht, welches Schicksal sie sich gerade eingehandelt hat …

Die Eltern stehen dabei, als die Kolonne sich zu Fuß auf den Weg macht. Die Mutter weint und jammert.

Der Weg führt meistens durch Wälder. Die Leberblümchen blühen, doch überall liegen tote Soldaten. Übernachtet wird in Kellern. Drei Tage sind die Frauen unterwegs, bis sie in Schwiebus einen intakten Bahnhof erreichen.

Ursula bekommt abermals ein Angebot von einem russischen Offizier: Wenn sie bei ihm bliebe, müsse sie nicht mit den anderen Frauen fahren. Sie lehnt ab.

Nun werden alle registriert und müssen alles bis auf ihre Kleidung abliefern. Das bedeutet: nicht nur ihre Uhren, sondern auch Scheren, Messer, Schnürsenkel, Gürtel, Tragriemen und dergleichen. Allmählich begreifen die Frauen, dass sie von jetzt ab Gefangene sind und rechtlos. Sie werden in Viehwaggons gesperrt, in denen sich an jeder Seite zwei Brettergerüste übereinander befinden. Einige Frauen weinen. Nicht so Ursula und Milta. Sie versuchen, die Situation zu überblicken und sichern sich einen Schlafplatz in der oberen Etage.

Niemand hat ihnen gesagt, wohin die Fahrt geht. Als der Zug eine Weile gefahren ist, wissen sie, es geht Richtung Osten. Die ersten müssen auf die Toilette. Doch außer der hölzernen Ablaufrinne, die nach draußen führt und für die Exkremente des zu transportierenden Viehs gedacht war, ist keine andere Möglichkeit vorhanden. Schamgefühl darf man nicht aufkommen lassen. In der Nacht benutzen Milta und Ursula einen Pelzmantel als Unterlage und mit dem anderen decken sie sich zu. Es ist bitterkalt in dem zugigen Viehwaggon. Zum Frühstück gibt es eiskaltes Wasser und trockenes, schwarzes Brot. Einmal am Tag eine Wassersuppe mit Kohlblättern und Fischköpfen. Wenn man nicht verhungern will, versucht man, den Fischköpfen etwas abzugewinnen, denn manchmal ist noch etwas Fleisch daran, und auch die Bäckchen und die Augen sind essbar. Die ersten Frauen bekommen Durchfall, und die Ablaufrinne ist inzwischen zugefroren. Es stinkt bestialisch. Und der Zug rattert immer weiter nach Osten.

Eines Morgens beendet ein Aufschrei die lange dunkle, kalte Nacht: »Lisa ist tot! Sie ist eiskalt.« Die Frau, die neben ihr lag, hat es bemerkt. Als zwei Wachsoldaten bei ihrer täglichen Kontrolle die Tote bemerken, suchen sie zwei Freiwillige, die sie in einen anderen Waggon bringen sollen. Milta und Ursula erklären sich dazu bereit, während die anderen vor Entsetzen wie gelähmt sind. In dem Waggon, der von Anfang an wohl für die Toten vorgesehen war, liegen schon viele andere Tote. Danach geht die Fahrt weiter, als wäre nichts geschehen.

In der Nähe von Moskau legt der Zug einen Halt ein. Die Frauen sollen entlaust werden und müssen sich vor einer Gruppe von Soldaten völlig entblößen. Jede bekommt einen Klecks Seife auf den Kopf und kann sich nun das erste Mal seit langem wieder unter einer Dusche waschen. Doch das Wasser ist eiskalt.

Die Kleider und Pelzmäntel werden ebenfalls entlaust. Bei der Prozedur werden die Pelze hart, und in die Kleidung haben sich jetzt tatsächlich Läuse, Filzläuse und anderes Ungeziefer eingenistet.

Der Zug fährt weiter über Tirgau bei Novosibirsk bis Kemerovo. Vier Wochen sind die Frauen jetzt insgesamt unterwegs, als der Zug abends dort ankommt. Sie werden aufgefordert auszusteigen. Als sie aus dem Waggon springen wollen, fallen sie in den Schnee, denn sie sind nicht mehr in der Lage, auf den Beinen zu stehen. Und während sie geduckt wie verscheuchte Hühner im Schnee sitzen und leise weinen, springen die Russen um sie herum und rufen immer wieder: »Gitler kapuut! Gitler kapuut!« (Im Russischen wird das H als G ausgesprochen.)

In Fünferreihen, eingehängt und sich gegenseitig stützend erreichen die Frauen das Lager. Im Speisesaal in einer Holzbaracke erhalten sie eine Suppe mit dunklen Nudeln und dicken Fettaugen. Sie bekommen prompt Durchfall. Zum Schlafen werden sie in einen eiskalten Erdbunker geschickt. Er ist nur durch ein enges Loch zu erreichen, durch das man in den Innenraum hineinrutschen muss. Die Schlafgelegenheiten sind ähnlich denen im Viehwaggon: Aus entästeten Bäumchen sind die Untergestelle gebaut und mit Brettern abgedeckt. Es gibt weder Decken noch Kissen. Entlang der beiden Längsseiten des Bunkers stehen die Pritschen, vorgesehen für etwa zweihundert Frauen, die dicht an dicht liegen müssen, wenn sie alle einen Platz finden wollen. Sie liegen mit den Füßen zum Inneren des Raumes hin und mit dem Kopf zur Wand. Nachts muss abwechselnd eine der Frauen Wache halten und bei Schneefall das Eingangsloch freischaufeln.

»Wer von euch spricht Russisch?«, werden die Frauen schon gleich zu Anfang gefragt.

»Komm, wir melden uns«, fordert Ursula ihre Schwester auf. Milta zögert: »Wir verstehen gerade mal ein paar Brocken«, antwortet sie. »Von Sprechen kann doch keine Rede sein.«

Macht nichts! Ursula meldet sich für ihre Schwester und für sich selbst. Sie müssen nun nicht mit den anderen Frauen auf die Baustelle, denn Milta kommt in die Küche und Ursula in die Brotkammer. Dieser Umstand rettet ihnen das Leben, weil sie hier manchmal heimlich etwas essen können. Viele der Gefangenen sterben in dieser Zeit nicht nur an ansteckenden Krankheiten, sondern ganz einfach vor Hunger.

Ursula muss zusammen mit einer anderen Frau für alle im Lager das Brot mit der Hand schneiden und abwiegen. 200 Gramm pro Person. Es wird genau kontrolliert. Die Arbeit dauert bis spät abends. Schlafen kann sie nur ein paar Stunden. Viel zu wenig. Sie fühlt sich erschöpft und elend. Eine Russin, die ebenfalls in der Brotkammer arbeitet, bringt täglich eine rote Rübe mit, die sie im Feuer gart und heimlich mit ihr teilt.

Als Lager war ein großes Viereck mit einem Elektrozaun umgeben und hölzerne Wachtürme für die Wachposten aufgestellt worden. Innerhalb der Einzäunung befinden sich mehrere Baracken, in denen auch Männer untergebracht sind. Etwa zweitausend. Nachts wird das gesamte Areal hell beleuchtet. Wachposten patrouillieren mit Schäferhunden. Es gibt kein Entkommen.

Wegen der Läuse werden alle kahl geschoren, und dann werden sie in Arbeitsgruppen eingeteilt. Tagsüber binden sich die meisten Frauen ein Tuch als Turban um den Kopf.

Wer auf dem Bau die Norm erfüllt, bekommt etwas mehr Brot. Bis zu 600 Gramm am Tag. Aber die Norm ist sehr hoch angesetzt, und die Frauen können sie bei aller Mühe nur selten erreichen. Zu dem trockenen Brot gibt es eine Kohlsuppe (Kapustasuppe) und manchmal hinterher einen Löffel Grütze (Kascha) und einmal in der Woche einen Teelöffel Zucker.

Täglich bekommt jede Frau zusätzlich einen Liter Wasser. Der ist zum Trinken gedacht, zum waschen und zum Wäsche waschen.

Nach einiger Zeit dürfen die Frauen den Erdbunker verlassen und in eine Holzbaracke umziehen. Hier gibt es nun auch Strohsäcke. Welch ein Luxus!

Nachts, wenn die Frauen trotz ihrer kummervollen Gedanken aus Erschöpfung endlich eingeschlafen sind, taucht plötzlich ein Wachmann auf und ruft den Namen derjenigen, die mit zum Verhör kommen muss. Die Frauen werden ausgefragt, ob sie von Angehörigen der glorreichen Armee missbraucht wurden und aus welchen Orten in Deutschland sie kommen. Sie müssen darauf achten, sich in verschiedenen Verhören selbst nicht zu widersprechen.

Typhus breitet sich aus und die ersten sterben daran. Auch ein junges Mädchen mit wunderschönem rotbraunem zu dicken Zöpfen geflochtenem Haar. Ursula kommt zufällig vorbei, als es nackt durch den Schnee geschleift wird; sie hat das junge Mädchen auf der langen Fahrt im Viehwaggon kennen gelernt. Die Toten können nicht begraben werden, denn der Boden ist hart gefroren. Hinterm Lager werden sie im Schnee verscharrt. »Die kommen doch im Frühjahr wieder zum Vorschein«, sagt jemand. Aber es gibt keine andere Lösung. Ursula betet jeden Abend: »Lieber Gott, ich bitte dich, sorge dafür, dass ich dann nicht mehr hier bin.«

Inzwischen ist ein neuer Trupp männlicher Kriegsgefangener im Lager eingetroffen. Doch eigenartigerweise tragen sie keine Soldatenuniformen, sondern Sträflingskleidung. Obwohl jeglicher Kontakt zwischen Männern und Frauen verboten ist, spricht es sich sehr schnell herum: Es sind ehemalige KZ-Wächter, die durch den Kleidertausch mit ehemals Inhaftierten einer Verhaftung hatten entgehen wollen.

Schon nach kurzer Zeit kommt einer von ihnen in die Küche und versucht mit seinem Auftreten Milta zu beeindrucken. Er verlangt für sich und seine Kollegen besseres Essen. Sie hätten schon genug gelitten, behauptet er.

»Hier werden keine Unterschiede gemacht! Hier sind alle gleich!«, schreit Milta ihn an und schlägt mit der Faust auf den Tisch. Der Kerl sieht, dass er nichts erreicht und geht. Milta aber ist durch die Aufregung und den heftigen Schlag auf den Tisch in der Lunge ein Äderchen geplatzt. Sie muss für einige Zeit ins Krankenrevier. Sie bekommt zusätzlich noch die Gelbsucht und offene Beine. Trotz dieser Krankheiten wird sie auf den Bau geschickt und muss genau so schwer arbeiten wie die anderen Frauen.

Drei Frauen wissen inzwischen mit Gewissheit, dass sie durch die Vergewaltigungen schwanger geworden sind. (Sie bringen Ende des Jahres 1945 ihre Kinder zur Welt. Da alle drei Jungen sind, nennen die Russen sie »die kleinen Iwans« und haben ihre Freude an den Kindern. Immerhin: Die Mütter werden mit ihren Kindern, sobald diese reisefähig sind, in die Heimat entlassen!)

Im Lager breitet sich Diphtherie aus. Ursulas Brotschneidekollegin erkrankt und stirbt. Ursula hat sich ebenfalls angesteckt. Der Arzt im Krankenrevier eröffnet ihr, dass er keinerlei Medikamente zur Verfügung hat, und empfiehlt ihr und den anderen Patienten, sich mit weit geöffnetem Mund in die Sonne zu setzen. Eine Russin, die ebenfalls in der Küche arbeitet und die sich mit Milta und Ursula ein wenig angefreundet hat, holt Ursula aus dem Krankenrevier heraus.

»Hier bleibst du nicht! Hier stirbst du!«, sagt sie. Sie bringt Ursula jeden Tag Salzheringe mit, die sie essen muss. Mit der Salzlake muss sie gurgeln und Salzheringe bekommt sie als Umschläge um den Hals gewickelt. Nach ein paar Tagen riecht und schmeckt sie nur noch Salzheringe und stinkt von Kopf bis Fuß danach. Aber sie wird wieder gesund.

Ihre Stelle in der Brotkammer wurde inzwischen durch eine andere Frau besetzt, und Ursula muss mit auf den Bau. Sie ist noch ziemlich geschwächt, aber danach fragt niemand. Und ausgerechnet hat sie dort schwere Ziegelsteine zu schleppen, die auf einer Holztrage mit vier Griffen liegen und von jeweils zwei Frauen getragen werden müssen. Nicht nur ebene Wege, sondern wie es eben auf einer Baustelle der Fall ist, über Hindernisse und Leitern in höhere Stockwerke. Nach einiger Zeit bekommt sie eine Maurerkelle in die Hand gedrückt und soll eine Mauer hochziehen. Der Mörtel wurde zwar mit heißem Wasser angerührt, gefriert aber trotzdem innerhalb kurzer Zeit. Er muss ständig überm Ofen wieder warm gemacht werden, damit er verarbeitet werden kann. Die Mauern werden allesamt etwas bucklig, aber die Häuser bleiben trotzdem stehen.

Die Frauen sind nach der schweren Arbeit, und das bei trockenem Brot und Wassersuppe einmal am Tag, kaum noch in der Lage, ins Lager zurückzugehen. Sie müssen sich zu fünft einhängen und gegenseitig stützen. Manche sind sogar zu schwach, um zum Essen zu gehen. Eine fatale Situation, die sie das Leben kosten kann.

Einmal haben sie vor Arbeitsschluss eine zu große Menge Sand und Zement gemischt und mit Wasser angerührt und wissen nicht, wohin damit. Weil sie sich unbeobachtet fühlen, kippen sie den Mörtel in den Kamin. Als später Kriegsgefangene in dem Gebäude einquartiert werden, bekommen diese kein Loch für das Ofenrohr in den Kamin.

Ursula wird auch in einer Verputzerkolonne eingesetzt, obwohl sie noch nie eine Wand verputzt hat. Aber nur die erste Kelle bleibt nicht an der Wand haften; bei der zweiten klappt es schon. (Jahrzehnte später hilft sie einem ihrer Kinder beim Bau des Hauses. Sie mauert und verputzt. Ein italienischer Arbeiter sieht ihr eine Weile zu und meint dann: »Sie schmeißt gut, aber sie ist zu alt.« Vielleicht hätte er ihr, wenn sie jünger gewesen wäre, einen Antrag gemacht. Man weiß ja nie, was so ein Kerl für Hintergedanken hat.) Auch als Stuckateurin wird sie eingesetzt. Sie fühlt sich aber immer noch sehr geschwächt, bedingt durch die Diphtherie.

Ihre Schwester Milta soll in ein Lager verlegt werden, wo sie sich besser erholen kann, weil es dort angeblich nicht so streng zugeht. Als Ursula davon erfährt, beschließt sie, alles daranzusetzen, um mit übersiedeln zu können. Sie versucht es noch einmal mit jener Szene, mit der sie schon in Gollin Erfolg hatte: »Wenn ich nicht mitkommen darf, sterbe ich!« Irgendjemand hat Erbarmen mit ihr und sorgt dafür, dass die beiden zusammen in das Lager in Abagur verlegt werden. Es ist ein Männerlager. Den Männern wurde zwar gesagt, es käme eine neue Gruppe, aber nicht wer und woher. Auf den Toiletten sehen sie zum ersten Mal einige der Frauen, und die sprechen Deutsch! Ein ehemaliger Soldat aus dem Ersten Weltkrieg hat die Frauen zu beaufsichtigen. Es gibt tatsächlich besseres Essen, zum Beispiel Milch- statt Wassersuppe, und die Arbeit ist längst nicht so schwer wie bisher.

Die Frauen erholen sich schnell; sie dürfen sogar ihre Haare wieder wachsen lassen, denn in diesem Lager gibt es keine Läuse. Dafür aber Wanzen, die nachts aus allen Ecken kriechen. Es bilden sich erste Freundschaften zwischen Frauen und Männern, und es wird Theater gespielt in der freien Zeit. Und was sehr wichtig ist: Sie dürfen über das Rote Kreuz zum ersten Mal nach Hause schreiben. Eine Karte mit 25 Wörtern. Die beiden Schwestern wissen, dass sie kein Zuhause mehr haben, und sie haben keine Ahnung, wo sich die Eltern und Geschwister, falls sie noch leben, befinden. Sie beratschlagen. Milta schreibt ihre Karte an den Suchdienst des Roten Kreuzes und Ursula an Bekannte in Hannoversch-Münden, mit denen sich die Familie angefreundet hatte, ehe sie in den Warthegau verschlagen wurde und denen sie von dort aus während des Krieges Pakete mit Lebensmitteln zukommen ließ. Es dauert Wochen, bis Antwort kommt und sie endlich erfahren, wo sich die Eltern befinden. Nun dürfen sie auch die ersten Karten an die Eltern schreiben.