Tito, amor mijo - Marko Sosič - ebook

Tito, amor mijo ebook

Marko Sosič

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Opis

Der Roman erzählt die Geschichte eines zehnjährigen Jungen in der Welt seiner Familie Ende der 1960er Jahre im Karst bei Triest. Mehrere Erzählungen sind ineinander verflochten: jene der Mutter, die Tito verehrt und ihm etwas vorsingen möchte, jene der Tante, die ständig in Ohnmacht fällt, jene der geliebten Freundin Alina am Natisone, wo slowenisch nur geflüstert werden darf. Und dann gibt es noch die Nonna Katarina mit der Kugel im Kopf und das Fräulein Moore in der alten Villa. Zwischen ihnen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der bei den Slowenen im Triestiner Umland tiefe, schmerzliche Spuren hinterlassen hat. Das Kind erkundet neugierig und aufmerksam die komplizierte Welt der Erwachsenen, mit lebhafter Fantasie folgt es ihren Gesprächen über historische Ereignisse, über die politische Situation, über den Familienalltag. In seiner Welt werden die Metaphern wörtlich verstanden, das gebrochene Herz, der Schatten auf seiner Lunge oder die blutigen Hände des Mannes seiner Slowenisch-Lehrerin. Den Fantasien sind keine Grenzen gesetzt. Nur so kann der heranwachsende Junge die widersprüchlichen Aussagen der Erwachsenenwelt unter einen Hut bringen und ergründen, was denn nun seine Heimat sei: Slowenien, Jugoslawien oder doch Italien. Ein Roman über das Kind-Sein zwischen dem blauen Meer und den erwachsenen Nachwehen des Krieges. Ein Film. Und ein Gedicht.

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SOSIČ · TITO, AMOR MIJO

MARKO SOSIČ

Tito, amor mijo

RomanAus dem Slowenischen von Ann Catrin Bolton

DRAVA

Die Originalausgabe ist 2005 bei Založba Litera, Maribor erschienen.

DRAVA VERLAG • ZALOŽBA DRAVA GMBH9020 Klagenfurt/Celovecwww.drava.at

© Copyright 2016 by Drava VerlagUmschlaggestaltung: Walter Oberhauser

ISBN 978-3-85435-775-9eISBN 978-3-85435-788-9

Vuei a è Domèniadoman a si mòurvuei mi vestìsdi seda e di amòur.Heute ist Sonntagmorgen sind wir vergangenheute bin ichvon Seide und Liebe umfangenPIER PAOLO PASOLINI

MAI

 

1

Ich schlage das Laken zurück, das meinen Körper bedeckt, strecke meine Hand zu dem hölzernen Regal am Kopfende und schalte das Licht ein. Ich kann nicht einschlafen. Ich liege im Bett in meinem Zimmer, das jetzt allein meines ist, und denke ans Meer, das dort hinter der Kuppe liegt, blau und tief. Meine Schwester hat ihr eigenes Zimmer, weil sie viel jünger ist und sich daran gewöhnen muss, allein im Dunkeln zu schlafen, weil sich das so gehört. Weil Jungen und Mädchen nicht im selben Zimmer schlafen dürfen, sagt Mama, aber auch deshalb, weil sie nachts aufwacht und weint, weil ihr kleiner Bauch wehtut, und dann übergibt sie sich. So wie Papa, wenn er traurig ist und lacht, damit ich seinem Gesicht nicht die Sorgen um das Geld ansehe, von dem er nie genug hat. Er steht dann an der Tür, an der Schwelle zum Badezimmer, lächelt mich an, dann schließt er die Tür und erbricht sich in die Kloschüssel. Ich höre ihn. Ich bleibe dann mitten im Gang stehen, halte mir mit den Händen die Ohren zu und in meinem Kopf erklingt die Musik, die Papa im Radio hört. Eine Oper. Ich denke an sie. Und sie kommt, dann, wenn Papa sich erbricht. Ich höre eine Frauenstimme und ein Orchester und die Worte, die sie singt:

Aaaamaaamiii Alfreeedooo, mmmmmmmmm …

Und dann höre ich das Wasser, das Papa in die Kloschüssel laufen lässt, und den Schlüssel in der Tür, wenn er sie öffnet. Und dann sehe ich ihn wieder in der Tür, zerzaust und bleich im Gesicht, wie er mich anlächelt. Und ich versuche zurückzulächeln, damit er keine Angst bekommt, weil meine Augen die Sorge um ihn verraten. Ich spüre, dass er sie sieht, dann, wenn er mich ansieht, zerzaust und bleich vom Erbrechen. Ich spüre, dass er meine Sorgen sieht, die Risse an den Hauswänden, die Würmer in den abgenutzten Balken im Dachgeschoss, die schwarzen Brocken durchnässten Marmors auf den Treppenstufen, die ins Haus führen, die alten abgenutzten Dachziegel, von denen niemand weiß, wann beim ersten Sturm der Regen hindurchsickern wird.

Ich drehe mich um zu dem Lämpchen, das angezündet auf dem Holzregal am Kopfende steht, und zu dem weißen Porzellanengel in seinem gelben Licht. Ich werde zu dem Engel auf dem Regal beten und ihn bitten, er möge meine Wünsche erhören, damit ich einschlafe und träume. Ich muss nur zu ihm beten, dann wird schon alles gut sein, du wirst einschlafen und träumen, sagt Mama. Das sagt sie, wenn sie sich abends über mein Bett beugt und mich auf die Wange küsst. Ich mag ihre Küsse nicht, aber ich finde nicht die Worte, es aufzuhalten, ihr müdes Gesicht, das sich abends über mein Bett beugt.

Ich sehe den Engel auf dem Regal. Ich sehe, wie er damals auf der großen Schachtel Schokoladenbonbons angeklebt steht, die ich als Geschenk zu meiner ersten heiligen Kommunion bekomme, als sie mich in ein blaues Gewand mit kurzen Hosen, mit weißen Strümpfen stecken und mir Lackschuhe anziehen, die damals noch neu sind, weil Mama sie auf Pump gekauft hat. Das wird dein Engel sein, sagt Mama damals, nimmt ihn in die Hand und reißt ihn vom Deckel der Pappschachtel mit den Schokoladenbonbons. Jetzt hat er einen Klebstreifen um den Hals, weil er vom Regal gefallen und sein Kopf unter den Schrank geflogen ist. Mama sagt, ich habe geträumt, damals, und mit den Händen herumgefuchtelt, dass ich immer mit den Händen herumfuchtele, wenn ich träume. Ich liege im Bett und bete: Heiliger Schutzengel mein, lass mich dir empfohlen sein, bei Tag und Nacht, ich bitte dich, ich niese, beschütz, regier und leite mich, der Rotz tropft mir von der Nase, hilf mir leben recht und fromm, damit ich in den Himmel komm. Amen. Ich nehme ein Taschentuch aus der Pyjamatasche, wische den Rotz unter der Nase weg und bekreuzige mich. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und ich stecke das Taschentuch wieder in die Pyjamatasche.

Lieber Schutzengel, ich wünsche mir, dass es in keiner Apotheke mehr Salbe gibt, weil mir Mama damit jeden Abend den Rücken und die Brust einreibt. Sie glaubt, dass auch die Salbe den Schatten von meiner Lunge vertreiben wird und nicht nur die Föhren im Wald, wohin sie mich seit letztem Jahr jeden Morgen zum Atmen bringt, wenn es nicht regnet. Ich will, dass der Schatten auf meiner Lunge nirgendwo hingeht, dass er bis zum Sommer dort bleibt und auch danach, weil ich so Alina wiedersehen werde, in Laze bei dem Fluss, der insgeheim Nediža heißt.

Die Lehrerin, die ein rotes Auto hat und schwarze Augen, sagt, ich schreibe schlecht Italienisch. Mach, dass ich besser werde und dass ich dieses Jahr bei den Prüfungen, wenn die Lehrerin diktiert, all die Wörter richtig schreiben werde, die Doppelbuchstaben haben. Mach, dass mir Frau Slapnik, zu der mich Mama schickt, beibringt, wie man richtig und schön Slowenisch spricht. Sie weiß es, weil sie mit ihrem Mann aus Jugoslawien gekommen ist. Ich fürchte mich vor ihrem Mann, den ich noch nicht gesehen habe, weil Onkel Albert und auch andere sagen, dass er blutige Hände hat. Mach, dass ich verstehe, warum seine Hände blutig sind, und dass ich keine Angst mehr vor ihm habe.

Jetzt bin ich einen Meter und zweiundfünfzig Zentimeter groß und trage Schuhe Größe fünfunddreißig, meistens die abgetragenen von Jurij, meinem Cousin. Mach, dass ich mindestens noch zwanzig Zentimeter wachse und Schuhe Größe vierzig trage, wie Papa. Jurij sagt, wenn du wächst, wächst auch dein Pimmel. Meiner ist jetzt fünf Zentimeter lang, aber er ist immer gleich. Der von Jurij verändert sich und wächst, wenn ich manchmal bei ihm schlafe und er mir Geschichten erzählt, vor denen ich Angst habe und die ich so gern höre. Mach, dass er mir auch wächst.

Meine Nachbarin Angiolina ist mindestens fünf Zentimeter größer als ich, weil sie drei Jahre älter ist, so wie Jurij. Angiolina hat nur einen Vater, dem immer die Zehen wehtun, die, die er nicht mehr hat, und er fährt deshalb jeden Sommer zum Lido di Venezia, weil es dort viel heißen Sand gibt, der ihm hilft, damit die Zehen, die er nicht hat, dann nicht mehr so wehtun. Frau Slapnik sagt, dass Venezia in schönem Slowenisch Benetke heißt, aber ich sage Venezia, weil ich denke, dass diese Stadt wie eine Frau ist, die ich noch nie gesehen habe. Angiolina sagt, dass sie mir einmal alles zeigen wird, was sie unter dem Röckchen hat. Mach, dass das wirklich so sein wird, weil mir Fräulein Moore, die in der alten efeubewachsenen Villa wohnt, nicht weit von dem Häuschen, in dem Nonna Katarina und Nonno Mario wohnen, immer sagt: Oh, what a beautiful girl. Papa sagt, weil er die englische Sprache versteht, weil er in der Kaserne bei den Amerikanern Holz gefällt hat, als sie in Triest waren, dass das, was Fräulein Moore sagt, heißt, Oh, was für ein schönes Mädchen. Ich bin kein Mädchen, weil Mädchen keinen Pimmel haben, das weiß ich.

Ivan ist mein einziger Freund. Mach, dass wir bald wieder mit den Fahrrädern zur Gemeindewiese fahren und das Loch suchen, durch das wir zum Mittelpunkt der Erde gelangen werden, wie wir es ausgemacht haben.

Ich wünsche mir, dass Papa seine alte Vespa nicht verkaufen muss, weil er nicht genug Geld hat, um die Raten für das Haus zu zahlen, das er selbst aus gebrauchten Ziegelsteinen, Balken und Dachziegeln gebaut hat. Mach, dass Papa mich mit der Vespa nach Venezia fährt, das am Meer liegt, und mir die riesigen Eisenräder zeigt, um die sich die Drahtseile drehen, die die Trambahn nach Triest hinunterlassen. Ich will, dass Papa glücklich ist. Es gefällt mir, wenn er lacht, wenn er morgens aufwacht und ganz verstrubbelt ist. Wenn er von einem hohen Felsen ins Meer springt. Wenn er turnt. Ich sehe ihn, auf Fotos sehe ich ihn, als er noch jung ist, wie er mit Onkel Albert turnt, der Partisan war und jetzt mit Tante Sofija verheiratet ist, die die Mama von Jurij und meiner Cousine Sonja ist, bei denen auch Nonna Lucija lebt, die die Mama von Onkel Albert ist, und die blinde Josipina hinter dem Haus, wo sie mal Schweine hatten. Mach, dass Papa immer glücklich ist.

Ich wünsche mir, dass Tante Sofija nicht mehr in Ohnmacht fällt, weil wir nie wissen, ob sie wieder aufwachen wird, auch dann, wenn Onkel Albert sie ohrfeigt, um sie aufzuwecken, weil er sie lieb hat und nicht will, dass sie stirbt.

Ich wünsche mir, dass die Hühner im Hühnerstall hinter dem Haus viele Eier machen, damit Mama sie verkauft und Geld verdient. Für die Raten bei der Bank.

Mach, dass sie mich auf den Schulausflug mitnehmen, wenn ich die Klasse bestehe, damit ich die Republik Slowenien sehen kann, von der alle sagen, dass sie meine Heimat ist. Eine kleine Heimat in der großen Heimat Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, dort jenseits der Grenze, in Sežana. Mach, dass ich verstehe, was eine Heimat ist, weil Onkel Albert sagt, dass unsere Heimat ganz Jugoslawien ist, aber Frau Slapnik sagt, dass unsere Heimat nur Slowenien ist, und Mama sagt, dass wir Slowenen sind, die in Italien leben, und dass wir wenige sind, dass wir verschwinden werden, wenn es keine Kinder gibt, und sie sagt, dass wir zwei Präsidenten haben, Herrn Saragat und Marschall Tito, der kein Herr ist, sondern ein Genosse.

Mach, dass der Krieg in Vietnam aufhört, weil Papa nie lacht, wenn er die Zeitung liest und sagt: Wieder Tote, wann wird dieses Schlachten ein Ende haben? Mach, dass sich die Leute in Tschechien und in Ungarn nicht mehr anzünden. Papa sagt, dass die Leute brennen, weil die Russen nach Tschechien und nach Ungarn gekommen sind. Mit Panzern.

Papa sagt, dass die Indianer in Amerika Recht haben, dass sie sauer sind wegen der Erde, die man ihnen stiehlt. Er sagt, die Indianer in Amerika sind uns ähnlich, weil man uns auch die Erde stiehlt. Mach, dass ich verstehe, wer unser Feind ist und wer unser Freund.

Nonna Katarina sagt, dass Nonno Mario zu zuvorkommend zu Fräulein Moore ist, die in der alten Villa nahe bei ihrem Häuschen wohnt. Die Nonna sagt, dass sie das Häuschen, das für die Bediensteten in der Villa gedacht war, von Herrn Cosulich, der ihr erster und einziger Dienstherr war, als Geschenk angenommen haben. Die Nonna sagt, dass Fräulein Moore, die Engländerin ist, niemals ihre Dienstherrin war und dass der Nonno das nicht versteht. Mach, dass er es versteht.

Heiliger Engel, mein Beschützer, ich bitte dich, dass Nonna Katarina nicht stirbt wegen der Kugel, die sie im Kopf hat. Tante Sofija und Mama sagen, dass die Bleikugel damals in Nonnas Kopf geflogen ist, als die Amerikaner bei uns waren und die Partisanen schon weg waren. Sie sagen, dass ein Soldat dort in der Nähe der Villa und von Nonnas Häuschen, in dem auch Mama und Tante Sofija gewohnt haben, als sie noch kleine Mädchen waren, sein Gewehr gereinigt und versehentlich geschossen hat. Mama und Tante Sofija sagen, dass die Kugel der Nonna direkt in die Wange geflogen ist, als sie im Garten Radicchio geschnitten hat. Dass sie ihre Haut durchbohrt und direkt unter ihren Zähnen angehalten hat, an der Halsschlagader. Sie sagen, dass das jetzt noch niemand operieren kann, weil die Operation lebensgefährlich ist. Heiliger Engel, mein Beschützer, mach, dass die Nonna nicht stirbt, bis ich groß bin und Chirurg werde, wie Christian Barnard, der in Afrika lebt und den Leuten das Herz gesund machen kann, wenn es zu langsam schlägt.

Lieber Engel, Mama verdient Geld mit Hühnereiern und als Dienstmädchen, so wie Tante Sofija und wie Ivans Mama, die bei der Baronin arbeitet. Mama arbeitet bei einer Familie, bei der alle unsere Sprache sprechen und reich sind, weil die Frau ein Geschäft hat und der Mann um die Welt reist und viele Leute kennt. Mama sagt, dass ihre Herrschaften Freunde von Marschall Josip Broz Tito sind, der Triest und unser Dorf befreit hat, und dass seine Frau Jovanka auch ihre Freundin ist. Mama sagt, dass ihr der Herr versprochen hat, sie bei Gelegenheit mit Jovanka und Marschall Tito bekannt zu machen, der der Oberkommandant aller Partisanen war und auch von Onkel Albert. Ihr Herr sagt, dass ihm Mama dann auch vorsingen kann, weil sie eine schöne Stimme hat und weil Marschall Tito sehr gerne schöne Frauen hört, die mit einer schönen Stimme singen. Mach, dass es wirklich so wird.

Papa sagt, er wird einen Fernseher kaufen, wenn er in der Lotterie gewinnt. Mama sagt immer, sie wäre lieber Krankenschwester als Dienstmädchen, oder Tänzerin, um sich zu drehen wie eine Vogelfeder, oder Schauspielerin, wie Anna Magnani, die wir im Film im Fernsehen bei Angiolina sehen oder bei Onkel Albert, wie sie hinter einem Lastwagen herläuft und Francescooo! Francescooo! schreit, und dann töten sie die Faschisten und sie bleibt auf dem Boden liegen. Manchmal träumt sie und ich höre, wie sie im Traum spricht. Am anderen Morgen sagt sie, dass sie von Königin Elizabeth geträumt hat und dass sie zusammen Tee getrunken haben. Wie immer. Mach, dass Mama das wird, was sie sich am meisten wünscht, wie alle die Armen im Film im Fernsehen, die wir bei Onkel Albert sehen, wenn man ihnen die Blechbaracken und das Land wegnimmt, auf dem sie leben, und sich glücklich unter einem einzigen Sonnenstrahl wärmen und dann in die Wolken fliegen.

Ich hoffe, dass dein Kopf eine Zeitlang nicht abfällt, lieber Engel, und dass du meine Wünsche erhörst. Amen. Oh, damit ich es nicht vergesse: Mach, dass ich verstehe, wer dieser Mann mit dem breiten Strohhut ist, den ich vorher noch nie gesehen habe!? Jetzt steht er immer neben der Trafik, und wenn ich mit Mama dort vorbeigehe, drückt sie immer meine Hand und zieht mich auf die andere Straßenseite. Sie drückt mich nie so fest, wie dann, wenn ich den Mann mit dem breiten Strohhut sehe. Warum!? Amen.

Ich lösche das Licht und sehe in Gedanken das Meer, das dort jenseits der Kuppe ist. Blau und tief.

 

2

Atme, atme!, sagt Mama. Sie hält mich an der Hand und geht mit schnellen Schritten den Bürgersteig an den Trambahngleisen und am Rand des Föhrenwalds entlang. Neben mir der Wald, neben ihr die Trambahngleise. Noch ein paar Schritte und wir werden in Richtung des Weges abbiegen, der durch den Wald zur Kuppe des Selivec beim Obelisken führt. Atme, atme!, sagt sie wieder und sieht mich an. Durch die Nasenlöcher atme ich die Luft ein. Der Morgen ergießt sich über ihr Gesicht, mildert die Falten darin und mildert die Landschaft, den Hang neben den Gleisen, mit Föhren bewachsen, von wo aus man das Meer sieht, wenn man auf die Spitze gelangt. Atme, atme!, sagt sie noch einmal, als sie mich den Weg entlang ins Innere des Waldes zieht. Und mir ist, als spreche sie mit der Luft, die ich einatme, als sage sie ihr, sie solle endlich diesen Schatten vertreiben, der sich schon letztes Jahr auf meiner Lunge niedergelassen hat und auch jetzt noch dort ist. Ich atme tief durch den Mund, wenn Mama sich zu mir umdreht und mich mit ihren grünen Augen ansieht. Ich stelle mir vor, ich sehe in ihren Augen meinen Baum, den ich hinaufklettere, und kann von der Spitze des Baumes aus die Alpen und die Dolomiten sehen, heute, da es Frühling ist und der Morgen so himmelblau. Ich atme und trete neben sie, neben die hohen Grasbüschel, die mir mit Tau über die nackten Knie lecken. Ich spüre meine Hand in ihrer und auf meiner Hand ihre Haut, rau und rissig vom Scheuern der Treppen, ihre Finger, knochig und runzlig vom Spülen, die krampfhaft meine umklammern. Ich atme und sehe, wie Mama sich vorstellt, dass sich mit jedem Atemzug ein Stückchen Schatten von meiner Lunge losreißt, wie es durch die Luftröhre nach oben kriecht, bis zur Kehle, und wie es durch den Mund in den Wald fliegt, um sich an einem Föhrenstamm in Nichts aufzulösen. Sie fantasiert, Mama, die nicht weiß, dass ich ihre Träume kenne, ich höre sie ja nachts, wenn sie spricht. Atme, atme!, sagt sie jetzt. Den Sommer über nach Laze, wenn der Schatten dann immer noch da ist. In Laze ist noch bessere Luft, weil es dort auch Fichten gibt!, sagt sie und lässt meine Hand los, sodass ich jetzt allein durch den Wald gehen kann mit der Hand in der Tasche, und mit den Fingern berühre ich das runde Steinchen darin. Und auf einmal atme ich nicht mehr, wenigstens für ein paar Sekunden, wenn mir Mama nicht ins Gesicht sieht. Ich will, dass der Schatten auf meiner Lunge bleibt. Ich will, dass er sie vollständig bedeckt, wie die Eiche, die mit ihrem Schatten die Wiese daheim vor dem Haus bedeckt. Nur so werden sie mich den Sommer über nach Laze schicken, wo ich mit Alina zusammen Glühwürmchen jagen und runde Steinchen am Fluss sammeln werde, der insgeheim Nediža heißt. Alina nennt seinen Namen nie laut, wenn wir draußen sind und mitten in Laze auch andere Leute sind. Weil sie Angst hat, sagt sie. Nur ihr Papa sagt Nediža. Nediža, sagt er leise, auch wenn die Tür zur Straße verschlossen ist, weil immer Leute zuhören können, die draußen auf der Straße sind und einen dann anzeigen, sagt ihr Papa, der leise sagt: Nediža.

Ich wünsche mir, dass der Schatten nicht von meiner Lunge wegfliegt, denn dann wird mich Alina den Sommer über auf Spaziergängen begleiten, damit wir zusammen neue Wiesen entdecken und uralte Buchenstämme mit Löchern, in denen wilde Frauen wohnen, die im Winter aufwachen und Spuren im Schnee hinterlassen, die nicht wie unsere sind, sondern in die falsche Richtung gewandt. Ich wünsche mir, dass wir im Winter zusammen in den Wald gehen und auf die wilden Frauen warten, dass sie aus den alten Buchenstämmen kriechen, und uns dann vor Angst aneinanderdrücken, wie letztes Jahr, als ich abgereist bin und an meiner Brust gespürt habe, wie Alinas Herz schlug. Zu schnell, sagt ihr Papa, wenn er die Hand an das Hemdchen legt, das ihre kleine Brust bedeckt.

Mach keinen Blödsinn, atme!, sagt Mama, als sie näherkommt, und gibt mir einen sanften Klaps in den Nacken, weil sie an meinem Gesicht gesehen hat, dass ich den Atem anhalte. Atme, dio kristo, sonst wirst du sterben. Du bist grade mal zehn Jahre und ein paar Monate alt, dio mio! Du musst noch zu einem Jungen und einem Mann heranwachsen, damit du heiratest und viele Kinder hast. Du musst viele Kinder haben, weil es hier bei uns wenige von uns gibt und wir immer weniger werden. Wenn es keine Kinder gibt, wird es uns nicht mehr geben! Atme!, sagt Mama, die manchmal versucht, schön zu sprechen, wie Frau Slapnik und ihr Mann mit den blutigen Händen.

Und ich atme, damit ich nicht sterbe, jetzt, da Frühling ist und der Sommer naht. Ich gehe den Weg hinauf zu den Föhren mit den niedrigen Ästen. Ich weiß, dass ich bis zu ihnen hin muss, um den Duft junger Sprösslinge einzuatmen, die den Schatten von der Lunge verjagen, damit er sich im Wald auflöst, wie Mama sagt, die wieder hinter mir hergeht, wie gestern, wie jetzt.

Ich gehe und hefte meinen Blick auf die Schuhe an meinen Füßen. Und auf die angenagten Föhrenzapfen neben meinen Schritten. Ich denke an Jurij, der mein Cousin ist und drei Jahre älter. Die Schuhe, die ich trage, sind seine. Ein wenig abgetragen, aber trotzdem gut, sagt Tante Sofija, wenn sie zu uns nach Hause kommt und einen großen Sack auf den Tisch stellt. Der Sack ist immer voller Lumpen, Pullover, Hosen, Hemden und Schuhe, die Jurij abgetragen hat. So muss Mama nicht auf Pump kaufen, sagt Tante Sofija. Und am wenigsten muss sie dann Schuhe kaufen, weil dieser Mensch in dem Geschäft zuerst auf die Schuhe schaut, die du an den Füßen hast, dann erst sieht er dir in die Augen, sodass du dich auf einmal schämst, wenn du keine Schuhe an den Füßen hast, die du bei ihm im Geschäft gekauft hast. Du schämst dich auch deshalb, weil du die vorherigen noch nicht ganz bezahlt und deshalb noch Schulden hast, und wer weiß, ob dir dieser Mensch immer Schuhe auf Pump verkaufen wird. Sie redet immer so, Tante Sofija, wenn sie gesund ist und zu uns kommt mit dem Sack, der voller abgetragener Lumpen ist. Manchmal sehe ich sie lange nicht, weil ihr der Boden unter den Füßen fehlt und sie in Ohnmacht fällt, sodass wir dann alle bangen, ob sie wieder zu Bewusstsein kommt und nicht stirbt.

Ich gehe und blicke auf Jurijs Schuhe, die jetzt meine sind. Und auf die angenagten Zapfen blicke ich, die bei meinen Schritten am Rand des Weges entlangkullern. Eichhörnchen haben sie angenagt, das weiß ich. Jurij weiß alles über Eichhörnchen, weil er sie jagt. Mit der Schleuder. Du siehst ein Eichhörnchen, sagt er, suchst in der Hosentasche einen Stein, legst ihn ein, spannst den starken Gummi an der Schleuder, zielst und poff, Stein in den Kopf, und es ist am Boden, wenn du nicht zu dämlich bist und es verfehlst. Komm mal mit mir, sagt er immer wieder, wenn ich mal bei Tante Sofija übernachte und wir zusammen im Bett liegen, im Dunkeln, und er mich mit seinen Geschichten erschreckt, die ich so gern höre. Und ich stelle mir vor, wie er im Dunkeln den Gummi an der Schleuder spannt, den Frau Slapnik in schönem Slowenisch das Gummiband nennt.

Komm nicht vom Weg ab, du kannst in ein Loch fallen, höre ich Mama hinter mir, als ich ins Gras gehe. Da unten ist alles durchlöchert! Das ist der Karst, alles ist durchlöchert! Es gibt Tunnel, und Höhlen gibt es, da unten unter der Erde. Wir haben uns versteckt, wenn sie bombardiert haben. Unten im Tunnel haben wir uns versteckt … Es ist alles durchlöchert, keine Frage!, sagt sie. Und ich sehe die Höhlen und Tunnel unter mir, jetzt, da ich wieder den Weg entlang zu den Stämmen der Föhren gehe, auf denen Mama später das Harz verstreichen wird, damit ich mein Gesicht daranlehne. Ich sehe die Tunnel unter mir, große und tiefe Höhlen, die sich unter meinen Füßen ausgebreitet haben. Ich sehe mich, wie ich über die dünne und durchsichtige Schicht Erde gehe, in braunen Flecken bedeckt von trockenen Föhrennadeln, sodass zwischendrin noch viel Sauberes ist. Und durch das Saubere sehe ich tief in das Versteck unter mir. Leute stehen dort wortlos und warten, dass das Bombardement aufhört. Dann finde ich mich unter ihnen, unsichtbar. Ich höre die Flugzeuge über mir und das Pfeifen der Bomben und die Explosionen. Dann sehe ich sie wieder von oben, bei meinen Füßen, durch das Saubere in der durchsichtigen Erde, wie unbeweglich stehen sie mit ihren grauen Gesichtern da und sehen hinauf zu mir. Unter ihnen ist auch mein Papa, der jetzt zu Hause ist und schläft, weil er nachts die Trambahn gefahren ist. Ich sehe, dass er gelblich im Gesicht ist, zwischen den Händen zieht er eine Harmonika auseinander und spielt darauf Rosamunda, wie zu Hause unter der Eiche, wenn er fröhlich ist. Deshalb, damit sie keine Angst bekommen, diese Leute, die dort unten sind.

Ta ra rara Und er singt: Rooosaamundaaa,tu sei la vita per meeee …

Ich gehe über die durchsichtige Erdoberfläche zu den dicken Föhrenstämmen, von denen Harz herunterläuft, man muss es nur verstreichen, das Gesicht anlehnen und atmen, damit es hilft, auch wenn ich das nicht will, es wird dem Schatten auf meiner Lunge helfen, den Weg aus meinem Körper zu finden. Und Mama wird auf dem Stein sitzen, sie wird irgendwo da hinübersehen, zum Meer und zur Stadt, die jenseits der Kuppe liegen, und dann wird sie sich zu mir umdrehen, um zu sehen, wie ich atme, damit ich gesund werde.

So ist es auch jetzt. Sie setzt mich vor den Stamm, verstreicht das Harz darauf und setzt sich auf einen Stein. Atme, atme!, sagt sie und sieht irgendwohin jenseits der Kuppe. Ich umarme den Stamm. Ich spüre das raue Holz auf meinem Gesicht und atme das verstrichene Harz. Für einen Moment schließe ich die Augen, atme und öffne sie wieder. Ich sehe sie, wie sie da sitzt und mir zulächelt, um mich zu beruhigen, doch mich beruhigt mehr der Wind in ihren Haaren, mit der Bürste gekämmt in Eile und mehr schlecht als recht, weil noch nicht Monatsende ist, dann wird sie zum Friseur gehen, falls die Hühner genug Eier legen, und Papa wird sagen: Oooh, wir sind aber schön. Und im Wind höre ich Rosamunda, die Papa auf der Harmonika spielt da unten im Bunker, und ich höre seine Stimme, als er mir einmal von Onkel Kristjan erzählt, den die Deutschen über die Dorfweide gezogen haben, dort zum Landhaus hin, wo man jetzt nicht hindarf, weil dort Flüchtlinge leben. Wie Vieh haben sie ihn gezogen, sagt Papa dann, und wenn ich so mein Gesicht an den Stamm lehne und das Harz rieche, sehe ich ihn immer in meinen Gedanken, Onkel Kristjan in dieser schrecklichen Geschichte, von der mir Papa das Ende noch nicht erzählt hat. Ich atme. Ich höre den Wind, Rosamunda auf der Harmonika und sehe Onkel Kristjan. Auch jetzt: Er taumelt über den Schutt, auf den Übergängen über die Steinmauern, bei Maulwurfshügeln, Steinen und dicken Grasbüscheln. Am Hemd ziehen ihn junge deutsche Soldaten, voller Angst, die Partisanen, die sie umzingelt haben, könnten sie niederstrecken. Die Deutschen zittern und die Partisanen auch. Onkel Kristjan spürt die Hand eines jungen Offiziers, wie sie bebt, als er sein verschwitztes Hemd in die Faust steckt und ihn dann über Brombeergestrüpp und Gebüsch zieht. Die Weide steht in voller Blüte, sagt Papa. Kornellkirsche, Felsenkirsche, Heckenrose. Alles. Onkel Kristjan weiß nicht, wohin sie ihn ziehen, er weiß nicht, ob sie ihn einfach so umbringen werden, dort mitten auf der Wiese … Und als sie ihn ziehen, hört er, wie im Dorf noch immer geschossen wird. Er hat sie gesehen, kurz zuvor, als sie ihn gefangen genommen haben, er hat sie gesehen, wie sie sich im Kirchturm versteckt haben und in den Kronen der jungen Kastanien und auf die Straße geschossen haben mit ihrer letzten Munition, auf Menschen, die unten auf der Straße waren und flohen und schrien vor Angst. Und dann ziehen sie Onkel Kristjan zu ihrem Bunker. Der junge Offizier greift nach einem Gewehr und zielt auf ihn, der ganz nass vor Angst vor ihm kniet. Die übrigen Soldaten schreien unverständliche Worte, laufen, stolpern, fallen und werfen Gewehre über die Steinmauern. Die Kühe auf den anderen Grundstücken, nicht weit entfernt, muhen wild und heulen vor Angst, trampeln eine gegen die andere, suchen einen Weg, der sie wieder in Sicherheit führt, doch es scheint, als hätten die Kühe mit den großen und weichen Augen das Gedächtnis verloren. Der junge Offizier hält noch immer das Gewehr in der Hand. Beide sind jung. Onkel Kristjan und er. Wie die Wiese und die Bäume im Frühling …, sagt Papa.

Was geht dir denn schon wieder im Kopf rum!, sagt Mama, als ich die Augen noch nicht öffne, weil Onkel Kristjan noch in ihnen ist. Ich weiß, dass Mama meinen Kopf sieht, den die Gedanken in alle Richtungen bewegen. Atme, atme noch ein wenig, damit wir heimgehen können, und dann ab in die Schule!, sagt sie und ich löse mich vom Stamm und vom Harz, das ich rieche, und sehe sie, wie auch sie selbst mit dem Kopf wackelt, ganz weich vom Morgen.

Oh, dio mio! Was geht dir bloß wieder durch den Kopf?!, sagt sie, lächelt und streckt mir die Hand hin.

Mit meiner Hand berühre ich wieder das Steinchen in meiner Hosentasche und denke, ich höre ihn, wie er rauscht und plätschert, der Fluss, der heimlich Nediža heißt.

 

3

Der Wind weht sanft vom Meer her in mein Gesicht und an meinen Körper, als ich im Föhrenwäldchen vor Nonnas Haus stehe. Er streift die Bäume, die vor mir stehen, um sie herum Buchsbaum, jenseits des Buchsbaums Hortensien in Beeten, und die Bäume knistern trocken mit ihren Zweigen, die noch ohne Blüten sind. Er windet sich um sie herum zur alten Villa, bewachsen mit Efeu, der über die Mauern wogt, hinter denen Fräulein Moore lebt. Alt, reich und einsam.

Ich atme. Die Nonna mit der geheilten Wunde in der Wange steht hinter mir, legt ihre Arme um meine Schultern und ihre Hände auf meine Brust. Das Wochenende über werde ich bei Nonna Katarina schlafen, wie immer, weil auch bei ihr Föhren wachsen und es viele andere Bäume gibt, die Nonno Mario gepflanzt hat, als er jung war. Auch die Silberfichte hat er gepflanzt, die, die nahe der alten Villa wächst, die Herr Cosulich gebaut hat und in der jetzt Fräulein Moore wohnt. Der Nonno sagt, dass Herr Cosulich und seine Frau die Villa im Karst deshalb gebaut haben, damit sie den Sommer über der Hitze der Stadt entkommen und frische Luft auf der Terrasse atmen können, in der Kühle der Bäume, Oleander und Tonvasen mit Pelargonien, die der Nonno noch immer im Winter zieht und im Frühling in die großen Tonvasen setzt. Jetzt nicht mehr für die beiden, sondern für Fräulein Moore. Sie waren reich ..., sagt die Nonna zu sich selbst, wenn ich sie mal sehe, wie sie die Kommode im Schlafzimmer öffnet und ein Blatt Papier in die Hand nimmt, auf dem steht, dass Herr Cosulich und seine Frau ihr und dem Nonno das Häuschen mit einem Stückchen vom Garten und den Kirschbaum schenken, solange die beiden leben. Als Zeichen der Dankbarkeit, weil sie ihnen stets treue Bedienstete waren. Die Nonna Dienstmädchen in der Villa, der Nonno Gärtner.

Ich spüre ihre Hände auf meiner Brust und ihre großen Brüste an meinen Schultern, als sie jetzt hinter mir steht. Du darfst nicht sterben! Auch wegen der Nonna darfst du das nicht!, sagt Mama manchmal. Und ich atme. Wegen der Nonna.