Pubertät: Wenn Kinder ins Chaos stürzen (GEO Wissen eBook Nr. 3) -  - ebook

Pubertät: Wenn Kinder ins Chaos stürzen (GEO Wissen eBook Nr. 3) ebook

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Auf die ein oder andere Weise erleben die meisten Eltern die Pubertät ihrer Kinder als dramatischen Einschnitt ins Familienleben. Was nicht erstaunlich ist angesichts der fundamentalen Umbauarbeiten im Gehirn von Jugendlichen, der permanenten Hormonausschüttung und der medialen Reizüberflutung. Irgendwann stellt sich dann die Frage, ob denn alle Erziehungsbemühungen nutzlos waren. In diesem eBook haben wir die besten Reports, Essays, Reportagen und Interviews aus GEO WISSEN zum Thema Pubertät zusammengestellt. Die Autoren dieses reinen Lesebuchs beschreiben, wie Eltern mit der krisenhaften Phase im Leben der meisten Heranwachsenden am besten umgehen können. Und warum es heutzutage nicht so einfach ist, einen Platz in der Welt der Erwachsenen zu finden. Inhalt 15 wichtige Fragen zur Pubertät Hirnforschung: Vorsicht, Umbauarbeiten Experten-Meinung: Distanzierte Nähe und viel Geduld Sexualität: Die dunkle Verlockung Initiationsriten: Schmerzhafter Übergang Kinderdepression: Wenn sich das Ich verdunkelt Wie Kinder über sich hinauswachsen

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Pubertät

Wenn Kinder ins Chaos stürzen

Herausgeber:Michael SchaperGEO WISSENGruner + Jahr AG & Co KG, Druck- und Verlagshaus, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg www.geo-wissen.deTitelbild: Carolin Löbbert

Liebe Leserin, lieber Leser,

auf die ein oder andere Weise erleben die meisten Eltern die Pubertät ihrer Kinder als dramatischen Einschnitt ins Familienleben. Was nicht erstaunlich ist angesichts der fundamentalen Umbauarbeiten im Gehirn von Jugendlichen, der permanenten Hormonausschüttung und der medialen Reizüberflutung. Irgendwann stellt sich dann die Frage, ob denn alle Erziehungsbemühungen nutzlos waren. Das waren sie natürlich nicht. Denn aus der Krise entsteht vielfach etwas Neues, entpuppt sich aus dem kindlichen Ich schließlich ein junger Erwachsener. Dabei ist immer wieder die Unterstützung der Eltern wichtig – selbst wenn sie mitunter nur darin besteht, im richtigen Moment loszulassen.

Bedrückend ist allerdings, dass bereits viele junge Menschen unter Ängsten leiden, sogar in eine Depression fallen. Vor wenigen Jahren noch waren Experten davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche gar nicht „depressionsfähig“ seien. Das ist heute widerlegt. Selbst das Schicksal wie das einer jungen Frau aus Leipzig, die von ihrer langen Leidensgeschichte und drei Suizidversuchen erzählt (siehe „Wenn sich das Ich verdunkelt“), ist mitnichten ein Einzelfall. Neben solch sichtbaren Anzeichen gibt es einen großen Graubereich sozial eher unauffälliger und oft übersehener Beschwerden, wie Episoden von Schwermut und Ess-Störungen. Reagiert man darauf nicht angemessen oder zu spät, entwickeln sich daraus spätestens im Erwachsenenalter handfeste psychische Krankheiten.

Seinen festen Platz in der Erwachsenenwelt zu finden ist ohnehin nicht einfach in einer Zeit, in der die Rituale des Übergangs an Bedeutung verloren haben. Womöglich liegt das auch daran, heißt es in dem Report über Initiationsriten (siehe „Schmerzhafter Übergang“), dass es Jugendlichen hierzulande oft gar nicht erstrebenswert erscheint, erwachsen zu werden.

Einer Befreiung gleich kommt für viele Jugendliche dann das Ende der Schulzeit. Denn die Bildungsanstalten, so der Hirnforscher Gerald Hüther im Interview (siehe „Wie Kinder über sich hinauswachsen“), füllten Kinder vor allem mit Wissen ab, statt die Entfaltung ihres individuellen Potenzials zu fördern. In der Zeit nach der Schule gehe es daher vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln, die Entdeckerlust zu entwickeln – und der inneren Begeisterung zu folgen.

Herzlich Ihr

Michael Schaper

Chefredakteur GEO WISSEN

Inhalt

1. Grundlagen

15 wichtige Fragen zur Pubertät

Von Karina Weichold

2. Hirnforschung

Vorsicht: Umbauarbeiten!

Von Harald Willenbrock

3. Experten-Meinung

Distanzierte Nähe und viel Geduld

Von Wolfgang Bergmann

4. Sexualität

Die dunkle Verlockung

Von Barbara Sichtermann

5. Aufklärung

»Es gibt noch andere Aktivitäten«

Interview mit der deutsch-amerikanischen Sexualtherapeutin Ruth Westheimer

6. Initiationsriten

Schmerzhafter Übergang

Von Alexandra Rigos

7. Kinderdepression

Wenn sich das Ich verdunkelt

Von Marion Rollin

8. Symptome und Therapien

Wenn Jugendliche auffällig werden

Von Kristina Maroldt

9. Lebenswege

Wie Kinder über sich hinauswachsen

Interview mit dem Hirnforscher Gerald Hüther

Grundlagen

15 wichtige Fragen zur Pubertät

Von neuronalen Netzwerken und frühreifen Früchtchen. Die Antworten der Entwicklungspsychologin Karina Weichold

1. Gibt es mehr Konflikte, sobald Kinder in die Pubertät kommen?

Das muss nicht unbedingt der Fall sein. In der Familie wird ohnehin mehr und heftiger gestritten als unter Freunden oder in der Schule – einfach weil Familienbeziehungen als „unkündbar“ und damit als sehr belastbar angesehen werden. Sich gehen zu lassen, ist für die meisten Kinder nur innerhalb des Familienumfeldes möglich. Daher sind sie zu Hause mitunter unerträglich, woanders aber ganz normal. Die Konflikte haben auch eine positive Funktion, denn sie fördern die Autonomie des Kindes.

2. Was geht im Gehirn von Pubertierenden vor?

Das lässt sich einerseits nur individuell beantworten. Andererseits gilt, dass sich das Netzwerk der Neuronen bei Pubertierenden gravierend von dem eines Kindes oder Erwachsenen unterscheidet – was Auswirkungen hat auf das Denken, Fühlen und Verhalten. Bis zu 30 000 unbenötigte Nervenverbindungen sterben im Jugendalter pro Sekunde ab. Gleichzeitig vernetzen sich die übrigen Neuronen immer stärker. Dies geschieht vor allem im vorderen Hirnbereich, der wichtig für die Entscheidungsfindung, für Planung und Motivation ist; aber auch im Gefühlszentrum, in dem Situationen als positiv oder negativ bewertet werden. Diese Veränderungen sind – gemeinsam mit der hormonellen Umstellung – für die typischen Stimmungsschwankungen mitverantwortlich, für die oft geringe Motivation und das Interesse an riskantem Verhalten.

3. Weshalb kommen Kinder heute eher in die Pubertät als zu früheren Zeiten?

Vor 150 Jahren setzte die Pubertät bei Mädchen im Schnitt mit 17 Jahren ein, heute schon mit zwölf bis 13 Jahren (bei Jungen heute mit 14 bis 15 Jahren, allerdings gibt es keine Vergleichsdaten zu früher). Eine wichtige Ursache dafür ist die bessere Ernährung, denn Mädchen benötigen einen Körperfettanteil von etwa 17 Prozent, damit eine Schwangerschaft erfolgreich verlaufen kann; daher setzt vorher die Regel nicht ein. Bei untergewichtigen Mädchen oder Leistungssportlerinnen verschiebt sich der Zeitpunkt der ersten Regel entsprechend nach hinten, bei Übergewichtigen mitunter nach vorn. Die heute bessere medizinische Versorgung vermindert darüber hinaus die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsverzögerungen bei Jungen und Mädchen, was ebenfalls zu einer früheren Pubertät führt. Außerdem haben frühreife Mütter meist auch wieder frühreife Töchter.

4. Was bedeutet für Mädchen ein besonders früher Start in die Pubertät?

Je frühreifer ein Mädchen ist, desto heftiger sind oft die Auseinandersetzungen, auf die es sich einlässt, insbesondere die mit der Mutter; meist kann ein hoher Anteil an Stresshormonen bei solchen Mädchen nachgewiesen werden. Sie fühlen sich emotional oft vergleichsweise wenig mit den Eltern verbunden, rauchen und trinken früher und sind auch eher sexuell aktiv. Eine Langzeitstudie zeigt aber, dass die meisten früh Pubertierenden im Alter von 30 Jahren eine stabile Gefühlswelt haben, gut Verantwortung für andere übernehmen und sehr zielgerichtet arbeiten können. Spät Pubertierende geben bei Frustration schneller auf, sind launischer und fühlen sich eher vom Leben enttäuscht. Ursache könnte sein, dass früh Pubertierende zeitig lernen, mit problematischen Situationen umzugehen; die spät reifenden Mädchen wachsen dagegen behütet auf und haben weniger Möglichkeiten, eigene Lösungswege zu finden.

5. Was bedeutet für Jungen ein besonders früher Start in die Pubertät?

Früh Pubertierende sind aufgrund ihrer Körpergröße, der besser ausgebildeten Muskeln und ihrer Vorteile im Sport für Mädchen attraktiver und entwickeln sowohl Selbstvertrauen als auch soziale Fähigkeiten. Im Erwachsenenalter ermöglicht dies ein erfolgreicheres und zufriedeneres Leben; sie sind sozial meist besser angepasst und erreichen beruflich oft höhere Positionen als spät Pubertierende. Sie sind auch beliebter, selbstbewusster und zufriedener mit ihrer Ehe – jedoch weniger offen für neue Erfahrungen, wie Studien zeigen. Jungen, die spät reifen, fühlen sich in der Pubertät eher unwohl – sie werden oftmals gehänselt und hoffen auf einen Wachstumsschub. Um davon abzulenken, greifen spät pubertierende Jungen überdurchschnittlich häufig zu Alkohol.

6. Wer hat mehr Probleme mit der Pubertät: Jungen oder Mädchen?

Was Alkohol, Zigaretten und Drogen angeht, sind beide Geschlechter gleichermaßen betroffen. Unter depressiven Gefühlen, Unsicherheit, Unzufriedenheit und Angst leiden Mädchen deutlich häufiger. Beide Geschlechter achten in den Pubertätsjahren vermehrt auf ihr Äußeres und sind sensibel für Veränderungen. Jungen sehen diese – wie etwa das Muskelwachstum – eher als positiv; Mädchen nehmen die sich bildenden Fettpölsterchen hingegen als Abweichung vom Schönheitsideal wahr. Das kann zu Essproblemen oder depressiven Verstimmungen führen. An deren Entstehung sind in fast allen Fällen auch die hormonellen Umstellungen beteiligt und die Reaktion der Umwelt auf die körperlichen Veränderungen.

7. Welcher Erziehungsstil ist in der Pubertät angemessen?

Am besten trägt meiner Einschätzung nach die sogenannte autoritative Erziehung dazu bei, dass sich Kinder in einer positiven Weise entwickeln. Autoritativ beschreibt eine Mischung aus Wertschätzung und emotionaler Unterstützung durch die Eltern, die ihre Kinder aber durchaus auch fordern sollten. Wichtig ist es, dem Kind Eigenständigkeit zuzugestehen, ihm aber auch Grenzen aufzuzeigen. Ein solches Erziehungsprinzip sollte allerdings schon frühzeitig und nicht erst mit Beginn der Pubertät umgesetzt werden. Denn eine positive emotionale Beziehung muss über Jahre aufgebaut werden. Sie ist die beste Voraussetzung dafür, dass Kinder sich mit ihren Problemen und Ängsten auch in den Pubertätsjahren an die Eltern wenden.

8. Gibt es »goldene Regeln« für Eltern, um die Pubertät durchzustehen?

Mit den Kindern im Gespräch bleiben: Das muss im Vordergrund stehen. Es kann auch nicht schaden, wenn Eltern ihr Erziehungsverhalten immer wieder einmal kritisch überprüfen. Sie haben ja ständig einen Balanceakt zu vollführen. Einerseits sollen sie die Freiheitsansprüche und die Meinung der Jugendlichen respektieren, andererseits dürfen sie nicht alles billigen. Sich bei der Abwägung auf immer neue Machtspiele einzulassen, bringt beiden Seiten nichts ein. Vielmehr sollten Eltern und Kinder gemeinsam Regeln – etwa zur Computernutzung des Sohnes – diskutieren und beschließen, samt den Konsequenzen bei Verstößen. Und sich in Zweifelsfällen nicht scheuen, auch professionelle Unterstützung (z. B. durch eine Erziehungsberatungsstelle) in Anspruch zu nehmen.

9. Müssen Eltern immer alles mit den Kindern ausdiskutieren?

Konflikte und Diskussionen treiben die Entwicklung des Selbst bei Jugendlichen voran, darunter das Finden einer eigenen Meinung und die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Es ist für Jugendliche aber auch wichtig zu lernen, dass Regeln zu befolgen sind. Andererseits sollten sie die Erfahrung machen, dass mit guten Argumenten und einer Diskussion auf gleicher Augenhöhe Regeln verändert werden dürfen. Elterliche Regeln brauchen jedoch immer eine Begründung, damit sie für die Kinder nachvollziehbar sind. Ein dosiertes „Basta“ ist dennoch angebracht, wenn Regeln bewusst und mehrmals gebrochen werden.

10. Wie lassen sich einem Pubertierenden Selbstbewusstsein und Souveränität vermitteln?

Oft stehen allein die Probleme, Sorgen und Nöte des Pubertierenden im Mittelpunkt des Geschehens. Das ist aber nur die eine Seite seiner Persönlichkeit. Jugendliche sind auf vielen Gebieten sozial ähnlich kompetent und verantwortungsbewusst wie Erwachsene. Eltern sollten daher gezielt die Begabungen und Interessen ihrer Kindern fördern, ob durch einen Beitritt zum Sportverein, zu einer Pfadfindergruppe oder durch Musikunterricht. Erfolgserlebnisse stärken das Selbstwertgefühl und verbessern auch die Beziehung zu Erwachsenen. Eltern benötigen allerdings auch selbst ein Mindestmaß an Souveränität und Selbstbewusstsein, ansonsten können Kinder dies von allein kaum entwickeln. Inzwischen bieten einige Schulen sogenannte Lebenskompetenzprogramme an, die Jugendlichen helfen sollen, mit den alltäglichen Herausforderungen besser zurechtzukommen.

11. Was lässt sich dagegen tun, dass ein Kind die Schule vernachlässigt?

Eltern verlieren in der Pubertät massiv Einfluss auf ihre Kinder, insbesondere wenn es um Themen wie Frisuren, Kleidung oder Musik geht. Pubertierende wollen sich in dieser sie verunsichernden Lebensphase von den Eltern abgrenzen, von ihren Freunden hingegen um fast jeden Preis akzeptiert werden, ihnen ähnlich sein. Um das zu erreichen, veranstalten sie zum Beispiel Mutproben oder betrinken sich gemeinsam – und vernachlässigen mitunter die Schule. Meist ist das aber nur ein vorübergehendes Verhalten. Und gerade bei Themen wie Bildung oder Berufswahl, so zeigen Studien, vertrauen Jugendliche mehr dem Rat der Eltern als dem der Freunde. Ist also die grundsätzliche Beziehung zum Kind in Ordnung, wird der Einfluss der Eltern auf diesen Gebieten alle Krisen überdauern.

12. Sollten gemeinsame Essenszeiten erzwungen werden?

Familienrituale wie etwa gemeinsame Mahlzeiten sind sehr wichtig. Sie fördern den Zusammenhalt, geben dem Leben Struktur und bieten Anlass, miteinander ins Gespräch zu kommen. Trotz vieler Verpflichtungen aller Beteiligten sollten sie möglichst aufrechterhalten werden. Wollen Sohn oder Tochter lieber allein, vor dem Fernsehgerät oder dem Computer essen, sollte ein Kompromiss gefunden werden. Beispielsweise kann man sich auf eine gemeinsame Mahlzeit täglich einigen oder zumindest am Wochenende zusammen essen.

13. Hilft es einem Kind, wenn Eltern von ihren Pubertätserlebnissen erzählen?

Das ist meist hilfreich, denn die Pubertierenden fühlen sich dann mit ihren Schwierigkeiten ernst genommen. Auch zeigen solche Gespräche, dass Irritationen, schlechte Stimmung oder Probleme mit dem sich verändernden Körper jeden betreffen, also normal sind. Solche Themen sollten jedoch schon frühzeitig angesprochen werden, nicht etwa erst, wenn die Kinder schon 16 Jahre alt sind. Wer bis dahin keine Gesprächsbasis gefunden hat, wird es schwer haben, die Jugendlichen zu erreichen. Zudem verändert sich deren Gefühlswelt bereits lange bevor sich die direkten körperlichen Veränderungen bemerkbar machen.

14. Dürfen sich Eltern in die Sexualität der Jugendlichen einmischen?