Märchen für die Seele -  - ebook

Märchen für die Seele ebook

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Opis

Eine Sammlung internationaler Volksmärchen, ausgewählt aus Einzelbänden der Europäischen Märchengesellschaft ("Traumhaus und Wolkenschloss", "Märchen, an denen mein Herz hängt", "Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co."). Mit einem ausführlichen Vorwort des bekannten Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther zur Wichtigkeit von Märchen für die Entwicklung bei Kindern: Märchen erzählt oder vorgelesen zu bekommen fördert die Aufmerksamkeit, Fantasie und den Sprachschatz, sie stärken Mut und Vertrauen und befähigen zu Verständnis und Mitgefühl. Die Märchen dieser Sammlung sind international, es sind Volksmärchen ganz unterschiedlicher Kulturen, sie führen den Leser von Deutschland über (fast) alle Länder Europas bis nach Indien, China, Südamerika, Sibirien usw.

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In Zusammenarbeit mitder Europäischen Märchengesellschaftherausgegeben vonHeinrich Dickerhoff und Harlinda Lox

Märchen für die Seele

zum Erzählen und Vorlesen

Mit einem Vorwort vonProf. Dr. Gerald Hüther

Neu zusammengestellte Sonderausgabe, teilweise gekürzt, der folgenden Märchenbände: »Märchen, an denen mein Herz hängt« (2006), »Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co.« (2009) und »Traumhaus und Wolkenschloss « (2003). Das Vorwort von Prof. Hüther stammt aus den »Forschungsbeiträgen aus der Welt der Märchen, Bd. 31: Stimme des Norden in Märchen und Mythen /Märchen und Seele« (2006).

Alle diese Titel wurden von der Europäischen Märchengesellschaft (EMG) herausgegeben und erschienen im Königsfurt- Urania Verlag, D-Krummwisch, bis auf den Titel »Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co.«, welcher im Selbstverlag der EMG erschien.

Bibliographische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe2016 Krummwisch bei Kiel

© Frederik Hetmann c/o Montasser Media© 2016 by Königsfurt-Urania Verlag GmbHD-24796 Krummwischwww.koenigsfurt-urania.com

Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff unter Verwendung eines Motivs von Lo Scarabeo, I-Turin© federicofoto - Fotolia.com

ISBN 978-3-86826-328-2

Inhalt

Vorworte

Editorial

»Weshalb wir Märchen brauchen«

Märchen, an denen mein Herz hängt

Märchen, an denen mein Herz hängt

Eine Unterweltsfahrt. (Sibirien)

Die beiden Alten, die alles wussten. (Sardinien)

Goldene Äpfel. (Orient)

Lumpenkind. (England)

Zweimal Glück. (Ungarn)

Der Arme und die Groschen. (Griechenland)

Elena die sehr Weise. (Russland)

Der goldene Schlüssel. (Deutschland)

Die Kristallkugel. (Deutschland)

Von Dukhu der Glücklichen und Sukhu der Unglücklichen. (Bengalen)

Das Haar an seinem Mantel. (Arabisch)

Die vier Brahmanen und der Löwe. (Indien)

Die Befreiung der Sonne. (Kamschatka)

Von Piet Jan Clas, der den Tod suchte. (Flandern)

Die Königin der Kesselflicker. (Irland)

Der Kaiser und der Abt. (Gottfried August Bürger)

Der goldene Schlüssel. (Deutschland)

Vom Mannl Spanneland. (Deutschland)

Sonne, Mond und Talia. (Italien)

Dümmling. (Deutschland)

Wer ist der Sünder? (China)

Der Schatz. (Chassidisch)

Der Streit der Glieder. (Jüdisch)

Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co.

Vorwort

Der kluge Dieb. (China)

Götterjunge Hermes und Battus der Zeiger. (Ovid)

Der Lachpilz. (Japan)

Der starke Hansl. (Deutschland)

Die beiden Buckligen. (Brasilien)

Der halbe Mann. (Molukken)

Die Geschichte von Catarina und ihrem Schicksal. (Sizilien)

Der rollende Rindermagen. (Island)

Die Schwanfrau als Stamm-Mutter der burjatischen Schamanen. (Sibirien)

Traumhaus und Wolkenschloss

Vorwort

Frau Holle. (Deutschland)

Die Mammadráa. (Sizilien)

Hans und Grete und das verwünschte Schloss. (Deutschland)

Das Königsschloss unter der Alm. (Österreich)

Die Reise zur Sonne. (Slowakei)

Wie König Cormac zu den Feen ging. (Irland)

Thomas der Reimer im Land der Elfen. (Schottland)

Finna Forvitna. (Island)

Die geschwätzige Alte. (Russland)

Der siebte Vater im Haus. (Norwegen)

Reb Eisiks Suche nach dem Schatz. (Polen)

Der Bursche, der keine Geschichte kannte. (Irland)

Jimmy. (Schottland)

Im Zaubergarten. (Italien)

Der Spiegel, der ins Jenseits führt. (Argentinien)

Das Mädchen, das einen Toten heiratete. (Frankreich)

Die Frau, die das Land der Toten besuchte. (Grönland)

Die drei kleinen Hühnchen. (Frankreich)

Das Glück des Tagelöhners. (Armenien)

Vom Schafbock und dem Schwein, die im Wald für sich wohnen wollten. (Norwegen)

Nachwort & Anhang

»Dass die Märchen dich erinnern«

Quellenverzeichnis

Typen- und Motivregister

Vorstellung der Europäischen Märchengesellschaft und der Schweizerischen Märchengesellschaft

Märchen für die Seele

Zum Geleit

Es ist nie zu spät,eine glückliche Kindheit zu haben(Ben Furman)

Märchen, meinen viele, sind phantasievolle, heimelige, manchmal auch seltsam grausame Geschichten für Kinder oder Menschen mit kindlichem Gemüt, Geschichten von einer heilen Welt – zu schön, um wahr zu sein.

An dieser weit verbreiteten Einschätzung ist fast nichts richtig. Echte Volksmärchen sind nie heimelig, harmlos, nett, sie erzählen vom Leben mit all seinen Erfahrungen und Gefahren – freilich auch, von Gefährten, die uns begleiten, und vom Glück hinter allem Grauen. Märchen führen uns an ein glückliches Ende, aber auf dunklen Wegen. Sie muten uns das Un-Heimliche zu, denn wie man Schwimmen nur im Wasser lernen kann, so kann man Lebensmut nur lernen, wenn man die Angst berührt. Und weil die Märchen uns durch alle Menschen-Ängste führen, darum sind sie eine Schule gegen die Lebens-Angst.

Märchen sind in langen Zeiten verdichtete Lebenserfahrungen. Sie de-finieren das Leben nicht, sie verdichten es in Sinn-Bildern. Und diese Sinn-Bilder informieren uns nicht über »Inhalte«, und sie schreiben kein Verhalten vor. Aber in ihren Sinn-Bildern nehmen Haltungen Gestalt an. So sind Märchen wie eine Stimmgabel, die uns einen Ton vorgibt, mit dem wir uns einstimmen können auf ein Leben, das stimmt.

Darum sind Märchen nicht nur unterhaltsam und – gut vorgetragen - ein ästhetischer Genuss, sie berühren auch unsere Seele. Nun ist das Wort »Seele« alles andere als klar und eindeutig, es ist kaum zu definieren, meint es doch das in uns Menschen, was sich den Definitionen entzieht. Und trotzdem wissen wir alle, was gemeint ist, wenn jemand sagt, etwas täte ihm in der Seele weh, oder er habe einen Seelenverwandten getroffen oder seinen Seelenfrieden gefunden. Die Seele hat es zu tun mit der unsichtbaren Innenseite, die mit unserem leib-haftigen Leben zwar untrennbar verbunden ist, aber doch davon zu unterscheiden. Denn wenn ich meine herangewachsenen Kinder noch immer so liebe wie bei ihrer Geburt, obwohl sich ihr »Leib«, ihre äußere Erscheinung, ihr gesellschaftlicher oder körperlicher Zustand fast völlig verändert hat, so liebe ich etwas an ihnen, was sich dem Begreifen entzieht, was ich mit Worten wie Wesen oder Seele benenne, aber nicht beschreibe.

Und diese Innenseite wird berührt von unseren tiefen eigenen Erfahrungen wie Liebe und Trauer, Scham und Zorn, Stolz und Angst. Aber auch die Erfahrung anderer kann unsere Seele berühren und rühren. Das ist das Geheimnis aller Poesie, aller Kunst: im Bild von Caspar David Friedrich, im Gedicht von Erich Fried erkenne ich mich wieder, erkenne ich mich selbst. Und ähnlich seelenverwandt sind mir (und vielen Menschen) auch die Märchen, nicht alle, aber doch viele, nämlich die, die wiederholen, was mir in meinem Leben begegnet ist an Herausforderung, Angst und Mut.

Wunder der Wandlung

Märchen sind also keine Lügenschichten für Leichtgläubige, sondern eine zauberhafte Poesie gegen die Trostlosigkeit eines Daseins ohne Wunder. Und das Wunder ist nichts anderes als die erstaunliche Erfahrung, dass sich etwas ändern kann. Dass sogar ich mich ändern kann. Wunder- und Zaubermärchen wollen nicht belehren, sondern bezaubern, nicht ermahnen, sondern ermutigen; sie predigen keine uns fremde Moral, sie erschließen in uns schlummernde Bilder.

Dabei behaupten Märchen keine heile Welt, sie leugnen nicht, dass das Leben oft zum Verzweifeln ist, sie machen auch die Angst anschaulich und erlebbar – das brachte ihnen den Vorwurf der Grausamkeit ein. Aber die Märchen wiederholen nicht nur unsere oft beängstigenden Lebens-Erfahrungen, sie erzählen auch von unseren Großen Wünschen, von unserer Sehnsucht nach einer heilbaren Welt und einem geheilten Leben, und sie trauen dieser Sehnsucht: Du bist erwünscht, erzählen sie, du wirst erwartet. Also geh!

Dennoch sind Märchen kein Heilmittel für die Seele, kein Rezept für ein glückliches Leben. Sie geben mir nicht konkret vor, was ist tun soll. Aber sie machen mir in ihren Bildern Mut, mein Leben zu wagen. Sie können wach und ans Licht rufen, was schon in mir schlummert, können mir – wie alle berührende Kunst und alle menschenfreundliche Religion – helfen, innere Sinn-Reserven zu erschließen.

Sie erzählen mir keine fremde Geschichte, sie verdichten Lebenserfahrungen vieler so, dass auch mein Leben einfließt. Sie erzählen keine objektive Wahrheit, die sich nachrechnen ließe, aber auch keine rein subjektive Einsicht, die nur individuelle Befindlichkeit spiegelt; sie erzählen inter-subjektive Erfahrung, die einerseits ganz persönlich ist, aber doch, weil viele ähnliches erfahren, uns Menschen verbindet. Denn eine Geschichte wird nur dann zum Märchen, wenn sie so vielen Menschen aus der Seele spricht, dass diese die Geschichte und ihre Botschaft, ihre »Mär« – so das mittelhochdeutsche Wort - nicht vergessen wollen.

So sind die Märchen weit weniger ein Fernglas, mit dem wir in längst vergangene Zeiten schauen, als ein Spiegel, in dem wir uns und unsere Seele betrachten können.

Märchen als Wegbegleiter

Anlass für die vorliegende Ausgabe ist das 200-jährige Jubiläum der Märchen der Brüder Grimm in den Jahren 2010 und 2012. Ihre erste Märchensammlung schickten Jacob und Wilhelm Grimm im Oktober 1810 an Clemens Brentano. Diese später oft so genannte »Ölenberger Handschrift« stellt die Urfassung dar. 1812 erschien der erste gedruckte Teil der »Kinder- und Hausmärchen«.

Den Grimms verdanken wir einen entscheidenden Beitrag für das Bewusstsein vom Wert der Märchen. Um sie zu ehren, versammelt diese Sonderausgabe beeindruckende Märchen-Texte und -Gedanken aus zahlreichen Quellen; sie zeigen in ihrer Zusammenstellung, welch elementare Erfahrungen die Zauber- und Wandlungsmärchen für uns bereithalten, wenn sie unser Leben praktisch prägen:

Wir suchen und richten uns danach, was unser Herz bewegt (»Märchen, an denen mein Herz hängt«); dabei begegnen wir auch (eigenen) Schattenseiten, die es zu beleuchten gilt (»Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co.«), und erkennen den persönlichen Platz, den eigenen Standort in der Welt (»Traumhaus und Wolkenschloss«). Vorlieben und Abneigungen, Begabungen und Handicaps sind allesamt unsere Talente; wenn wir sie richtig verstehen und einlösen, wandelt sich jedes Mal eine Welt für uns.

Heinrich Dickerhoff,Präsident der Europäischen MärchengesellschaftJohannes Fiebig, Verleger

Gerald Hüther

Weshalb wir Märchen brauchen –

Neurobiologische Argumentefür den Erhalt einer Märchenerzählkultur

1.Einleitung

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Zaubermittel, das Ihr Kind stillsitzen und aufmerksam zuhören lässt, das gleichzeitig seine Fantasie beflügelt und seinen Sprachschatz erweitert, das es darüber hinaus auch noch befähigt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gefühle zu teilen, das gleichzeitig auch noch sein Vertrauen stärkt und es mit Mut und Zuversicht in die Zukunft schauen lässt. Dieses Superdoping für Kindergehirne gibt es. Es kostet nichts, im Gegenteil, wer es seinen Kindern schenkt, bekommt dafür sogar noch etwas zurück: Nähe, Vertrauen und ein Strahlen in den Augen des Kindes. Dieses unbezahlbare Zaubermittel sind die Märchen, die wir unseren Kindern erzählen oder vorlesen. Märchenstunden sind die höchste Form des Unterrichtens.

Das Lernen funktioniert bei Kindern (wie bei Erwachsenen) immer dann am besten, wenn es ein bisschen »unter die Haut geht«, wenn also die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden und all jene Botenstoffe vermehrt gebildet und freigesetzt werden, die das Knüpfen neuer Verbindungen zwischen den Nervenzellen fördern. Eine Möglichkeit, einen solch offenen, für das Lernen optimalen Zustand zu erreichen, ist das Spiel, in dem Kinder sich und die Welt entdecken. Eine andere, bei der Kinder lernen, etwas über die Welt und das Leben zu erfahren, ist die Märchenstunde. Die wirkt am besten, wenn das Märchen von jemandem vorgelesen oder erzählt wird, zu dem das Kind eine enge, vertrauensvolle Beziehung hat. Damit es richtig »im Bauch kitzelt« (die emotionalen Zentren im Gehirn also anspringen, aber nicht gleich überschießen und »Alarm« melden, weil das Kind in Angst und Schrecken versetzt wird), ist die Atmosphäre wichtig. Man kann dazu eine Kerze anzünden oder die Märchenstunde zu einem richtigen Ritual machen. Das hilft Kindern, Ruhe zu finden und sich zu konzentrieren. Nur so können komplizierte Erregungsmuster in ihrem Gehirn aufgebaut und stabilisiert werden. Auch der Inhalt des Märchens muss »passen«. Ein bisschen furchtbar und aufregend darf es aber schon sein, wenn nur am Ende alles gut wird. Es ist auch nicht gleichgültig, wie ein Märchen erzählt oder vorgelesen wird. Das Kind muss merken, dass der Erzähler oder die Erzählerin selbst ebenfalls begeistert und betroffen, bestürzt oder erschüttert ist. Diese emotionalen Funken können nur überspringen, wenn das Kind immer wieder angeschaut und das jeweilige Gefühl auch zum Ausdruck gebracht wird. Dieser enge Kontakt zum Kind und die Rückversicherung, dass es noch emotional »dabei ist«, lässt sich beim Märchenerzählen besser erreichen, als beim Vorlesen. Rekorder oder Videogeräte sind in dieser Hinsicht gänzlich ungeeignet, denn solche Apparate können sich einfach nicht auf die Reaktionen oder Äußerungen des Kindes einstellen. Sie lassen die Kinder mit ihren Gefühlen allein. Das Zaubermittel sind also nicht die Märchen per se, sondern die emotionale Beziehung zum Inhalt und den Personen des Märchens, auf die sich das Kind beim Hören des Märchens mit der einfühlsamen Hilfe des Erzählers oder Vorlesers einlässt. Märchen sind also Kraftfutter für Kindergehirne.

Aber das ist noch nicht alles, denn im Gehirn derjenigen, die diese Märchen den Kindern erzählen oder vorlesen, passiert ja auch etwas. In seinem oder ihrem Gehirn werden alte Erinnerungen wach, nicht nur Erinnerungen an den genauen Inhalt der Geschichte, sondern vor allem Erinnerungen daran, wie es damals war, als einem als Kind diese Märchen vorgelesen worden sind. Dann wird die Atmosphäre von damals wieder wach, das schöne Gefühl, die Erfahrung der intensiven Begegnung mit einem lieben Menschen. Oft kommen sogar die alten Körpergefühle wieder, das Kuscheln, Schaudern und Kribbeln und der Sessel, das Sofa oder das Bett in dem einem die Märchen vorgelesen wurden. All das taucht erneut ganz deutlich spürbar aus dem im Hirn abgespeicherten Erfahrungsschatz der frühen Kindheit auf. Weil sie im Allgemeinen solche frühen, emotional positiv bewerteten Erinnerungen wachrufen, machen die alten Märchen auch uns Erwachsene auf eine geheimnisvolle Weise wieder stark. Die innere Unruhe, die Sorgen und Ängste verschwinden. Man fühlt sich dann irgendwie besser, gestärkter und zuversichtlicher, mutiger und befreiter, gleichzeitig gefestigter und verwurzelter. Märchen sind also auch Balsam für die Seelen von Erwachsenen.

Aber das ist noch immer nicht alles. Märchen transportieren nicht nur Geschichten, sondern auch die dazugehörigen Bilder, die in ihnen enthaltenen Botschaften von den Erwachsenen einer bestimmten Familie, Sippe, Gemeinschaft, also letztlich eines bestimmten Kulturkreises zu den in diesem Kulturkreis hineinwachsenden Kindern. Sie schaffen so eine gemeinsame Plattform von Vertrautem und Bekanntem, von den Mitgliedern dieser Gemeinschaft gestaltetem und innerhalb dieser Gemeinschaft sich ausbreitendem Wissen. Sie wirken daher Identität-stiftend und festigen auf diese Weise den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

Mit anderen Worten: Märchen sind auch Kitt für den Zusammenhalt einer Kulturgemeinschaft.

Wie die Hirnforscher in den letzten Jahren mit Hilfe ihrer neuen, bildgebenden Verfahren (funktionelle Kernspintomographie) zeigen konnten, werden die im menschlichen Gehirn angelegten Nervenzellverschaltungen als innere Repräsentanzen von Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern in viel stärkerem Maß als bisher angenommen durch eigene Erfahrungen herausgeformt. Die für die eigene und kollektive Lebensbewältigung entscheidenden Erfahrungen werden transgenerational weitergegeben (Weitergabe von Wissen, Überlieferung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, von Vorstellungen, Regeln und Bewertungsmaßstäben, von Haltungen und Orientierungen). Märchen sind ein wichtiges Instrument zur transgenerationalen Überlieferung wichtiger Botschaften zur eigenen Lebensbewältigung und zur Gestaltung von Beziehungen. Märchen, die Menschen einander erzählen, besitzen also eine strukturierende Kraft, die nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf die Beziehungsfähigkeit, Kreativität und Vorstellungswelt menschlicher Gemeinschaften, sondern auch auf die Strukturierung neuronaler Verschaltungsmuster und die Herausformung innerer Repräsentanten (sog. innerer Bilder) im Gehirn der einzelnen Mitglieder dieser Gemeinschaften haben.

2.Die Bedeutung Sicherheit-bietender Bindungsbeziehungen für die Hirnentwicklung

Wenn Kinder zur Welt kommen, sind sie auf die Hilfe Erwachsener angewiesen. Sie brauchen nicht nur jemanden, der sie wärmt, nährt, sauber hält und sich mit ihnen beschäftigt. Noch wichtiger ist es, dass immer dann, wenn sie Angst haben, jemand da ist, der ihnen beisteht und ihnen zeigt, dass es möglich ist – und später auch, wie es möglich ist –, diese Angst zu überwinden. Wenn ein Kind das Glück hat, jemanden zu finden, der ihm in solchen Situationen regelmäßig hilft und ihm Geborgenheit und Sicherheit bietet, werden alle dabei aktivierten Verschaltungen in seinem Gehirn gebahnt. Auf diese Weise entsteht eine enge Bindung an die primäre(n) Bezugsperson(en).

Viele Eltern wissen das und festigen diese Bindung spielerisch, beispielsweise indem sie sich immer wieder kurzzeitig verstecken, um anschließend, genau dann, wenn das Kind Angst bekommt und nach der Mutter oder dem Vater sucht, wieder aufzutauchen. Wenn Kindern das Gefühl vermittelt wird, dass sie in der Lage sind, die verschwundene Bezugsperson durch eine eigene Reaktion wieder herbeizuholen, wächst ihr Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, bedrohliche Situationen meistern zu können. Auch die dabei aktivierten Verschaltungen werden gebahnt. So entsteht Selbstvertrauen, Vertrauen in die eigene Kompetenz bei der Bewältigung von Problemen. Im Verlauf der Entwicklung erweitert sich der Kreis Sicherheit-bietender Bezugspersonen, und das Kind eignet sich sämtliche Kompetenzen, Grundhaltungen und Verhaltensweisen an, die diese Personen haben und die das Kind für die Aufrechterhaltung seiner inneren Ordnung, d. h. für die Bewältigung von Angst und Stress als wichtig bewertet. Je mehr es sein Wissen, seine Fähigkeiten und seine Kompetenzen erweitert und eigene Erfahrungen macht, desto stärker verlieren die frühen Bindungen ihre ursprüngliche Sicherheit-bietende Bedeutung. Dramatisch verschärft wird diese Entwicklung während der Pubertät, wenn die dann einsetzende Produktion von Sexualhormonen zu tiefgreifenden Veränderungen des eigenen Körpers wie auch des bisherigen Denkens, Fühlens und Verhaltens führt. Am Ende dieses Entwicklungsweges ist aus dem anfänglich noch völlig abhängigen Baby ein sich selbst bestimmender, in ein komplexes Netz sozialer Beziehungen eingebundener Mensch geworden.

Leider klappt das nicht immer. Es gibt nicht wenige erwachsene Menschen, denen es nicht gelungen ist oder die nicht genügend Gelegenheit hatten, sich während ihrer Kindheit und Adoleszenz hinreichend viele Kompetenzen anzueignen, vielfältige eigene Erfahrungen zu machen und das für eine autonome Entwicklung erforderliche Selbstvertrauen auszubilden. Sie bleiben entweder in einer abhängigen Beziehung zu ihren primären Bezugspersonen oder suchen sich Partner, mit denen sie diese abhängige Beziehung weiterführen können. Bekommen sie Kinder, so entwickeln sie auch zu diesen eine abhängige und abhängig-machende »Klammerbeziehung«.

Die wichtigste Ursache für die Entstehung früher Bindungsstörungen ist ein Mangel an emotionaler Zuwendung. Es gibt viele Eltern, die noch sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind, denen ihre berufliche Karriere ungeheuer wichtig ist, die sich selbst verwirklichen, viel erleben und das Leben genießen wollen. Sie kümmern sich intensiv um ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihre Wohnungseinrichtung und um die Anschaffung und Zurschaustellung unterschiedlicher Statussymbole. Kinder sind so selbstbezogenen Eltern bei der Verwirklichung ihrer individuellen Ziele eher hinderlich, und das kindliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Zuwendung wird ihnen allzu leicht lästig. Meist tun diese Eltern ihre Pflicht, jedenfalls das, was sie für ihre Pflicht halten, und das bisweilen sogar besonders gut. Sie sorgen für eine besonders ausgewogene Ernährung, für Sauberkeit und angemessene hygienische Verhältnisse, ansprechende, modische Kleidung und beschaffen alle möglichen Gerätschaften, von denen sie glauben, sie seien wichtig für ihr Kind. Sie beruhigen ihr (schlechtes) Gewissen, indem sie das Kind nach Kräften verwöhnen. Was ihr Kind aber wirklich braucht, nämlich dass sie ganz und gar da sind, dass sie sich ihm voll und ganz, also emotional, geistig und körperlich zuwenden, das schenken diese Eltern ihren Kinder nicht oder zumindest nicht dann, wenn sie es besonders dringend brauchen. Deshalb sind solche Kinder oft bereits sehr früh gezwungen, sich auf sich selbst zu verlassen.

Bei ihnen ist die emotionale Bindung an primäre Bezugspersonen nur unzureichend entwickelt. Sie versuchen, den daraus resultierenden Mangel an emotionaler Sicherheit durch verstärkte Selbstbezogenheit zu kompensieren. So schaffen sie sich eine eigene, von ihnen selbst bestimmte Lebenswelt und schirmen sich gegenüber fremden Einflüssen und Anregungen ab, die nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmen. In dieser nur von ihnen selbst bestimmten Welt gibt es keine wirklichen Herausforderungen mehr. Es können keine vielfältigen neuen Erfahrungen gemacht und im sich entwickelnden Gehirn verankert werden. Wichtige Entwicklungsprozesse im kindlichen Gehirn finden nicht mehr oder nur eingeschränkt statt. Sich Märchen erzählen zu lassen, lehnen sie dann meistens ab.

Für das Lernverhalten der Kinder bedeutet dies einen Rückgang an Motivation, Verstehen, Behalten, Erinnern, Erkennen von Zusammenhängen und eine eingeschränkte Fähigkeit beim Erkennen und Lösen von Konflikten. Ihr Sozialverhalten wird von zunehmendem Rückzug in selbstgeschaffene Welten, Ablehnung fremder Vorstellungen und aggressiver Verteidigung ihrer eigenen Ansichten und Haltungen bestimmt.

Meist handelt es sich hierbei um sehr rigide, einseitige, pseudoautonome Strategien der Angstbewältigung. Die dabei aktivierten neuronalen Verschaltungen werden um so nachhaltiger gebahnt, je früher und je häufiger sie eingesetzt werden. Sie können schließlich das gesamte Fühlen, Denken und Handeln dieser Kinder bestimmen. Die betreffenden Kinder grenzen sich zunehmend von den Vorstellungen anderer, vor allem denen Erwachsener ab. Ihr mangelndes Einfühlungsvermögen behindert sie beim Erwerb vielfältiger sozialer Kompetenzen. Damit fehlt ihnen die Grundvoraussetzung dafür, gemeinsam mit möglichst vielen, unterschiedlichen Menschen nach tragfähigen Lösungen suchen und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Die Auswirkungen früher Bindungsstörungen auf die Entwicklung des Gehirns und der Persönlichkeit sind im späteren Leben nur schwer korrigierbar. Kinder, die keine sicheren Bindungen ausbilden konnten, haben Angst vor körperlicher und emotionaler Nähe. Wenn es ihnen nicht gelingt, diese Angst zu überwinden, bleiben sie zeitlebens isoliert, ich-bezogen und bindungsunfähig. Manche haben Glück und finden einen Lehrer oder Erzieher, der sie versteht und ihnen hilft, allmählich wieder Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, das Vertrauen in menschliche Bindungen wiederzuerlangen und sich auf die gemeinsame Suche nach gemeinsamen Lösungen einzulassen. Manche scheitern irgendwann an den selbstzerstörerischen Folgen ihrer pseudoautonomen Bewältigungsstrategien.

3.Die Bedeutung Sicherheit-bietenderOrientierungen für die Hirnentwicklung

Die frühkindlichen Bindungen sind nur der erste Schritt eines langen und komplizierten Sozialisationsprozesses. Im Verlauf des Prozesses lernt jedes Kind, sein Gehirn auf eine bestimmte Weise zu benutzen, indem es dazu angehalten, ermutigt oder auch gezwungen wird, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten stärker zu entwickeln als andere, auf bestimmte Dinge stärker zu achten als auf andere, bestimmte Gefühle eher zuzulassen als andere, also sein Gehirn allmählich so einzusetzen, dass es sich damit in der Gemeinschaft zurechtfindet, in die es hineinwächst.

Die Hirnregion, in der die dafür zuständigen komplexen, nutzungsabhängigen neuronalen Verschaltungen letztendlich geformt werden, ist eine, die sich beim Menschen zuletzt und am langsamsten entwickelt, und die auch bei unseren nächsten tierischen Verwandten weitaus kümmerlicher ausgebildet ist. Anatomisch heißt sie Frontal- oder Stirnlappen. Es ist diejenige Hirnregion, die in besonderer Weise daran beteiligt ist, aus anderen Bereichen des Gehirns eintreffende Erregungsmuster zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, und auf diese Weise von »unten«, aus tiefer liegenden und früher ausgereiften Hirnregionen eintreffende Erregungen und Impulse zu hemmen und zu steuern. Ohne Frontalhirn kann man keine zukunftsorientierten Handlungskonzepte und inneren Orientierungen entwickeln, kann man nichts planen, kann man die Folgen von Handlungen nicht abschätzen, kann man sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren Gefühle teilen, auch kein Verantwortungsgefühl empfinden. Unser Frontalhirn ist die Hirnregion, in der wir uns am deutlichsten von allen Tieren unterscheiden. Und es ist die Hirnregion, die in besonderer Weise durch den Prozess strukturiert wird, den wir Erziehung und Sozialisation nennen.

Wie wenig wir über die Bedeutung nutzungsabhängiger Plastizität für die Hirnentwicklung wissen, wie rasch und wie unerwartet alte, bislang für richtig gehaltene Theorien ins Wanken geraten sind, machen neuere Untersuchungen über die entwicklungsabhängigen strukturellen Veränderungen des menschlichen Gehirns deutlich, die mit bildgebenden Verfahren nachweisbar sind. Bei Kindern von drei bis sechs Jahren kommt es insbesondere in den frontokortikalen Hirnbereichen, welche die Planung und Organisation von Handlungen sowie die Konzentrationsfähigkeit auf bestimmte Aufgaben steuern, zu einer deutlichen Volumenzunahme. Bei Jugendlichen von sechs bis zwölf Jahren lässt sich insbesondere eine verstärkte Ausformung und Vergrößerung in solchen kortikalen Regionen nachweisen, die eine besondere Bedeutung für räumliches Vorstellungsvermögen und abstraktes Denken besitzen. Kurz vor der Pubertät kommt es dann zu einer zweiten Phase des Ausbaus neuronaler Verschaltungen im frontalen Kortex, der erneut mit einer messbaren Volumenzunahme einhergeht. Eine weitere Umstrukturierungsphase beginnt nach der Pubertät. Was während dieser Phase geschieht, wird wesentlich von der Regel »use it, or lose it« bestimmt.

Das alles heißt, dass nicht nur die frühe Kindheit, sondern die gesamte Jugendphase eine entscheidende Entwicklungsperiode darstellt, in der das Gehirn durch die Art seiner Nutzung gewissermaßen »programmiert« wird. Das Ausmaß und die Art der Vernetzung neuronaler Verschaltungen, insbesondere im frontalen Kortex, hängt also ganz entscheidend davon ab, womit sich Kinder und Jugendliche besonders intensiv beschäftigen, zu welcher Art der Nutzung ihres Gehirns sie im Verlauf des Erziehungs- und Sozialisationsprozesses angeregt werden. Konsequenterweise muss dann zumindest dieser Bereich des menschlichen Gehirns als soziales Produkt angesehen werden.

Diese hochkomplexen Verschaltungsmuster innerhalb des Frontalhirns, wie auch zwischen dem Frontalhirn und den anderen Bereichen der Hirnrinde und den tiefer liegenden, sog. subkortikalen Netzwerken können nur dann ausgebildet werden, wenn Kindern bereits im Säuglingsalter vielfältige Gelegenheiten geboten werden, sich selbst und ihre Wirkungen auf andere Menschen wahrzunehmen. Wenn die Eltern alle Probleme beiseite räumen, hindern sie ihre Kinder daran, die Erfahrung machen zu können, dass es möglich ist, Probleme mit Hilfe anderer (der Eltern) zu lösen. Märchen bieten dazu wichtige Orientierungshilfen. Kinder, denen diese wichtige Erfahrung vorenthalten wird, richten sich nur nach ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen. Sie bleiben selbstbezogen, trotzig, tyrannisch. Zur Bewältigung der altersentsprechenden Aufgaben fehlen ihnen wichtige Ichfunktionen wie Interesse und Aufmerksamkeit an der Lösung solcher Aufgaben. Ihr Selbstbewusstsein ist nur schwach ausgeprägt, ihr Ich ist zu dünnhäutig, überempfindsam und reizoffen. Oft fühlen sich diese Kinder überfordert, wenn sie in Kindergarten und Schule gezwungen sind, auf eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln, sich bestimmten Denkweisen und Handlungsformen anzupassen. Obwohl das Verhalten dieser Kinder äußerlich entwicklungsgerecht erscheinen mag, sind sie oft in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung auf der Stufe eines Kleinkindes stehen geblieben.

In fataler Weise unterstützt wird diese Entwicklung durch alles, was Kinder daran hindert, mit anderen Menschen in eine aktive Interaktion zu treten, ihre bisher erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erproben und weiterzuentwickeln. So geht es beispielsweise Kindern, die täglich viele Stunden vor einem Fernsehgerät zubringen. Zur Passivität verurteilt, werden sie mit bunten Bildern, Handlungsfetzen, Aktionsbruchstücken und ständig neuen, emotional erregenden Eindrücken und angstauslösenden Vorstellungen in Erregung gesetzt. Auf ihre Fragen bekommen sie keine Antworten, ihre Vorschläge hört niemand, sie können nichts ändern, nichts verhindern und auch nicht helfend eingreifen. Was in ihnen zurückbleibt, ist die Erfahrung, dass es auf ihr eigenes Denken und Handeln nicht ankommt, dass ihre selbständige Suche nach Lösungen nutzlos ist, dass das Geschehen abläuft, ohne dass sie selbst darauf Einfluss nehmen können. Solche Kinder können nur schwer das Gefühl eigener Handlungskompetenz, eigener Gestaltungsfähigkeit und eigener Bedeutsamkeit entwickeln. Sie werden allzu leicht zu Konsumenten, die immer nur etwas von anderen haben wollen. Weil sie keine Gelegenheit hatten, sich selbst einzubringen, fehlt ihnen das Gefühl, dass sie anderen etwas geben können. Sie sind und bleiben allzu oft allein, finden keine Freunde, können sich nicht in Beziehungen weiter entwickeln und sind ohne sichere emotionale Bindungen schutzlos ihren Ängsten ausgeliefert.

Unsicherheit und Angst stören die Integration und Organisation komplexer Wahrnehmungen und Reaktionsmuster. Sie zwingen das Kind zu raschen, eindeutigen Entscheidungen und damit zum Rückgriff auf ältere, bereits gebahnte Bewältigungsstrategien. Was unter diesen Bedingungen nicht stattfindet und auch nicht gelingen kann, ist eine über die bereits vorhandenen Möglichkeiten hinausgehende Fortentwicklung der eigenen Fähigkeit zur Integration, Bewertung und Filterung komplexer Wahrnehmungen. Ihre Wahrnehmungen können Kinder nur dann integrieren, wenn diese in einem zusammenhängenden Kontext erlebt werden. Neue Wahrnehmungen müssen an bereits vorhandene Erfahrungen anknüpfbar sein. Ein Zustand, bei dem zu viele Wahrnehmungen ungeordnet auf einen Menschen einprasseln, ist schon für Erwachsene unerträglich, für Kinder erst recht. Er macht Angst und setzt gewissermaßen all das außer Kraft, was normalerweise vom Frontalhirn geleistet werden muss, aber angesichts des dort herrschenden Durcheinanders nicht geleistet werden kann.

Es mag noch mehr Faktoren geben, die dazu beitragen, dass es heutzutage auffällig vielen Kindern nicht gelingt, hinreichend komplexe Verschaltungen in ihrem Frontalhirn auszuformen und zu stabilisieren. Aber all diese Einflüsse zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit aus: Sie helfen dem Kind nicht, eine brauchbare Antwort auf die Frage zu finden, worauf es im Leben ankommt. Sie sagen entweder: »Auf alles!« oder »Auf gar nichts« oder sie behaupten gar, dass das keine vernünftige Frage sei. Für Kinder und Jugendlichen sind alle drei Antworten gleichermaßen fatal. Sie brauchen so etwas wie ein fernes Ziel, eine Vorstellung oder wenigstens eine Vision davon, weshalb sie auf der Welt sind, wofür es lohnt, sich anzustrengen, eigene Erfahrungen zu sammeln, sich möglichst viel Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen. Wer keine Ahnung davon hat, wohin die Reise gehen soll, weiß auch nicht, was er sich besorgen und in seinen Koffer packen müsste. Das einzige, was Kinder und vor allem Jugendliche unter diesen Bedingungen tun können, besteht darin, heute dieses und morgen jenes nach ihrem eigenen Gutdünken in den Koffer zu stecken, bis dieses sinnlose Tun sie so sehr »anstinkt«, dass sie den ganzen Koffer angewidert in die Ecke werfen und »Null Bock« haben.

Die Suche nach Orientierung, nach einer Sinngebung für das eigene Leben ist dann zwangsläufig auch zu Ende. Was erhalten bleibt, ist der (natürliche) Hang zur Bequemlichkeit und zum Konsumieren. Das »Ich« wird nun zum einzigen Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Wer dort angekommen ist, hat auch keine Lust mehr erwachsen zu werden, geschweige denn, sich Märchen anzuhören.

Damit es Kindern gelingt, sich im heutigem Wirrwarr von Anforderungen, Angeboten und Erwartungen zurechtzufinden, brauchen sie Orientierungshilfen, also äußere Vorbilder und innere Leitbilder, die ihnen Halt bieten und an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten. Nur unter dem einfühlsamen Schutz und der kompetenten Anleitung durch erwachsene »Vorbilder« können Kinder vielfältige Gestaltungsangebote auch kreativ nutzen und dabei ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und weiterentwickeln. Nur so kann im Frontalhirn ein eigenes, inneres Bild von Selbstwirksamkeit stabilisiert und für die Selbstmotivation in allen nachfolgenden Lernprozessen genutzt werden. Bildung kann nicht gelingen,

•wenn Kinder in einer Welt aufwachsen, in der die Aneignung von Wissen und Bildung keinen Wert besitzt (Spaßgesellschaft),

•wenn Kinder keine Gelegenheit bekommen, sich aktiv an der Gestaltung der Welt zu beteiligen (passiver Medienkonsum),

•wenn Kinder keine Freiräume mehr finden, um ihre eigene Kreativität spielerisch zu entdecken (Funktionalisierung),

•wenn Kinder mit Reizen überflutet, verunsichert und verängstigt werden (Überforderung),

•wenn Kinder daran gehindert werden, eigene Erfahrungen bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und Problemen zu machen (Verwöhnung),

•wenn Kinder keine Anregungen erfahren und mit ihren spezifischen Bedürfnissen und Wünschen nicht wahrgenommen werden (Vernachlässigung).

Das Gehirn, so lautet die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Hirnforscher, lernt immer, und es lernt das am besten, was einem Heranwachsenden hilft, sich in der Welt, in die er hineinwächst, zurecht zu finden und die Probleme zu lösen, die sich dort und dabei ergeben.4

4.Wenn keine Märchen mehr erzählt würden …

Damit nun auch diese Frage klar beantwortet werden kann, brauchen wir uns nur umzuschauen, und zu fragen, was passiert, wenn Kinder zu viel von dem bekommen, was sie haben wollen und zu wenig von dem, was sie brauchen. Schon das ungeborene Kind macht im Mutterleib Erfahrungen, die in seinem Gehirn dazu führen, dass die Nervenzellen bestimmte Verschaltungsmuster miteinander ausbilden. Die werden dann später als innere Repräsentanten, als »Erinnerungsbilder« benutzt, um sich in der Welt zurechtzufinden. Dabei werden diese einmal entstandenen Muster ergänzt und erweitert. Da es sich bei all diesen im Gehirn verankerten Erfahrungen um typisch menschliche, von diesem Kind gemachte Erfahrungen handelt, bildet sich auf diese Weise das heraus, was wir »menschliche Individualität« nennen. Alle Säugetiere, ja sogar Vogelküken im Ei machen auch schon spezifische Erfahrungen, bevor sie auf die Welt kommen. Bei Hühner- oder Entenküken ist das gut zu beobachten. Bevor sie schlüpfen »unterhalten« sie sich bereits mit ihrer Mutter. Sie piepsen aus dem geschlossenem Ei heraus und die Mutter antwortet ihnen. Wenn sie auf die Welt kommen, haben sie also auch schon eine Individualität, keine menschliche sondern eben die eines Enten- oder Hühnerkükens. Bei Singvögeln, z. B. bei den Nachtigallen, reift später, wenn die kleinen Vögel noch im Nest sitzen, das sog. Gesangszentrum in ihrem Hirn aus. Hier bilden die Nervenzellen zunächst ein dichtes Gestrüpp an Vernetzungen und Verschaltungen aus. Immer dann, wenn der Vater in der Nähe des Nestes seine Lieder singt, entsteht in diesem Wirrwarr von Verschaltungen ein durch das Hören des Liedes ausgelöstes charakteristisches Aktivierungsmuster. Je häufiger das geschieht, desto fester werden die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen miteinander verbunden, und je komplexer der Gesang ausfällt, desto komplexer können die auf diese Weise stabilisierten inneren Repräsentanten herausgeformt werden. Alle anderen nicht benutzten Verschaltungen werden wieder abgebaut. Was übrig bleibt, ist ein bestimmtes, durch das Hören des Gesangs herausgeformtes, diesen Gesang repräsentierendes neuronales Verschaltungsmuster im Gesangszentrum des Nachtigallengehirns. Damit diese Verschaltungen herausgeformt und stabilisiert werden können, muss der Vater in der Nähe des Nestes singen, möglichst oft, möglichst kunstvoll und fantasiereich – und ungestört durch Nebengeräusche (deshalb singen Vögel, die so komplizierte Gesänge wie die Nachtigallen an ihre Jungen weitergeben müssen, nachts, wenn alle anderen still sind). Und damit die Jungen diesen Gesang auch wirklich in sich aufnehmen können, darf natürlich nicht ständig jemand kommen und im Nest herumrühren. Wenn die Nachtigalleneltern ihnen ihre Lieder nicht mehr ungestört vorsängen, würde also genau das verschwinden, was die Nachtigall ausmacht.

Und wenn wir uns entschließen würden, unseren Kindern keine Märchen mehr zu erzählen, verschwände eben all das, was durch das Märchenerzählen stabilisiert wird. Und wer vergessen hat, was das ist, der muss noch einmal von vorn anfangen.

Weiterführende Literatur

Hüther, Gerald: Biologie der Angst. Göttingen 1997.

Hüther, Gerald: Die Evolution der Liebe. Göttingen 1999.

Hüther, Gerald: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Göttingen 2001.

Hüther, Gerald: Die Macht der inneren Bilder. Göttingen 2004.

Hüther, Gerald/Bonney, Helmut: Neues vom Zappelphilipp. Düsseldorf 2002.

Hüther, Gerald/Krens, Inge: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Düsseldorf 2005.

Gebauer, Karl/Hüther, Gerald: Kinder brauchen Wurzeln. Düsseldorf 2001.

Gebauer, Karl/Hüther, Gerald: Kinder suchen Orientierung. Düsseldorf 2002.

Gebauer, Karl/Hüther, Gerald: Kinder brauchen Spielräume. Düsseldorf 2003.

Gebauer, Karl/Hüther, Gerald: Kinder brauchen Vertrauen. Düsseldorf 2004.

Nitsch, Cornelia/Hüther, Gerald: Kinder gezielt fördern. München 2004.

Märchen, an denen mein Herz hängt

MÄRCHEN, AN DENEN MEIN HERZ HÄNGT

Was ist dein Lieblingsmärchen?« – diese Frage wird im Kreise von Märchenfreunden häufig gestellt – und selten beantwortet; sei es, weil die Gefragten sich nicht entscheiden können, sei es, weil sie etwas so Persönliches nicht preisgeben wollen. Die Frage ist also eher ungenau und ziemlich indiskret – aber dennoch spannend.

Darum haben wir im Jubiläumsjahr der Europäischen Märchengesellschaft, anlässlich ihres 50. Geburtstages, die Frage nicht nach dem Lieblingsmärchen, wohl aber nach einem Märchen, an dem das Herz hängt, unterschiedlichen Märchenkennerinnen und -kennern gestellt: solchen, die die Märchen, ihre Motive und Hintergründe wissenschaftlich erforschen; solchen, die Märchen erzählen; solchen, die in der Märchengesellschaft Verantwortung übernommen haben. Und herausgekommen ist die folgende Sammlung.

Alle, die uns ein »Herzens-Märchen« geschickt haben, haben auch einige kurze Gedanken zu diesem Märchen beigefügt. Und diese in Stil und Inhalt ganz unterschiedlichen Überlegungen spiegeln auch wider, wie verschieden man Märchen betrachten und befragen kann – und: wie gut es ist, die Märchen (wie das ganze Leben) nicht nur aus einer Perspektive anzuschauen.

Vielleicht entdecken Sie ja einen Geistes- oder Seelenverwandten unter denen, die hier ein Märchen mitteilen, das ihnen am Herzen liegt. Oder, schöner noch, vielleicht lernen auch Sie in diesem Band ein Märchen kennen, das einen Platz in Ihrem Herzen findet.

Harlinda LoxHeinrich Dickerhoff

EINE UNTERWELTSFAHRT (EIN AINU-MÄRCHEN)

Ein junger Ainu durchstreifte die Wälder. Ein Jäger war er. Und er hatte einen Bären gesichtet, dem er auf der Spur blieb. Der Bär lief und lief, und der Jäger ihm nach: über Berghöhlen, durch Schluchten – doch konnte er dem Tier nie so nahe kommen, dass er es mit seinem giftigen Pfeil hätte schießen können. Schließlich war der Bär auf dem Gipfel eines kahlen Berges angelangt und verschwand da in einer Höhle, die in die Tiefe führte. Der junge Ainu folgte ihm. In einen riesigen Höhlengang war er gelangt, an dessen äußerstem Ende ein Lichterglanz schimmerte. Er tastete sich vor, immer auf das Licht zu, und als er schließlich herauskam, befand er sich in einer anderen Welt. Sie war wie die Menschenwelt, aber viel schöner. Bäume gab es, Berge, Häuser, Menschenwesen. Der Jäger aber kümmerte sich um nichts, dem Bären wollte er nach, den er völlig aus den Augen verloren hatte. Also schritt er auf die Berge zu, ein Tal entlang. Während er so entlang ging, entdeckte er Weintrauben und Maulbeeren in dieser Unterwelt. Und da er müde und hungrig war, pflückte er davon und aß sie im Weitergehen.

Plötzlich, als er an seinem Körper hinabsah, bemerkte er, dass er in eine Schlange verwandelt war. Er weinte und schrie, aber sein Weinen verwandelte sich in Schlangenzischen. Was nun? Als Schlange konnte er nicht zu den Seinen zurückkehren. In seiner Heimat verabscheute man Schlangen, er würde sofort getötet werden. Der Mann wusste sich keinen Rat und kroch als Schlange dahin. Da kam er wieder zur Mündung des Höhlenganges, der in die Menschenwelt zurückführte. Am Fuß einer sehr großen Fichte fiel er in Schlaf. Im Traum erschien ihm der Gott jenes Fichtenbaumes und sprach zu ihm: »Es tut mir leid, dich so verwandelt zu sehen. Warum hast du von den giftigen Früchten der Unterwelt gegessen? Wenn du deine Menschengestalt wiedererlangen willst, musst du den Wipfel dieser Fichte erklimmen und dich dann hinabfallen lassen.«

Der Mann in Schlangengestalt erwachte – voll Hoffnung und Furcht zugleich. Doch beschloss er, den Rat des Gottes zu befolgen. Er kroch den Fichtenbaum hinauf bis zum Wipfel und ließ sich dann hinunterfallen. Er brach entzwei. Als er wieder zur Besinnung kam, merkte er, dass er in Menschengestalt am Fuße jenes Baumes stand. Und neben ihm lag eine riesige Schlangenhaut, wie wenn ihr gerade jemand entschlüpft wäre. Der Mann dankte dem Fichtenbaume und errichtete ihm ein Inau-Opfer (ein Opfer aus Holzstäben). Dann beeilte er sich, durch den langen Höhlengang seinen Heimweg anzutreten.

Nach einer Weile kam er wieder auf die Oberwelt, und zwar genau auf jenen Berggipfel, von wo aus er dem Bären gefolgt war – den Bären hatte er nicht mehr gesehen.

Als er nach Hause kam, hatte er wieder einen Traum. Derselbe Gott des Fichtenbaumes erschien ihm abermals und sagte: »Ich komme, um dir mitzuteilen, dass du nicht mehr lange auf der Menschenwelt verweilen darfst. Du hast von den Weintrauben und Maulbeeren der Unterwelt gegessen. Deshalb musst du wieder zurück. Dort unten aber wohnt eine Göttin. Sie war es, die dich in Gestalt einer Bärin in die Höhle und in die Unterwelt gelockt hat. Sie möchte dich heiraten. Bereite du dich darauf vor, wieder dorthin zurückzukehren.«

Und das geschah wahrhaftig: Der junge Mann erwachte und erhob sich. Doch bald wurde er von einer schweren Krankheit befallen, so dass er sich nach ein paar Tagen zum zweiten Male in die Unterwelt begab. Er kam nie mehr zurück – er muss dort wohl – mit der Göttin leben.

Sibirien

Dieses Märchen habe ich gern, und ich erzähle es gern, weil so viel darin ›passiert‹: Das Verfolgen des Bären, der Gang durch die finstere Höhle, das Erreichen der Licht-Landschaft, wo es »so schön« ist, das Pflücken der Beeren und die Verwandlung in eine Schlange; dann das Erscheinen des Geistes, der in die Zukunft weist. Es folgt der Entschluss des Menschen, er wagt den Sturz vom Baumgipfel – und er findet sich wieder in seiner menschlichen Gestalt vor. – Hier könnte das Märchen ja eigentlich enden. Aber nein: Der »Geist«, der ihm geholfen hat, erscheint abermals und verheißt ihm Hochzeitsglück mit der Göttin, die schon um ihn geworben hat: in Bärengestalt. Wer wollte sich da nicht aufmachen, um abermals den Höhlengang zu durchschreiten?

Dieses Märchen hat seinen Ursprung in mythischer Zeit und kann doch als Vorbereitung der christlichen Botschaft angesehen werden.

Felicitas Betz

DIE BEIDEN ALTEN,DIE ALLES WUSSTEN

In einer fernen Zeit, da lebte einmal eine arme Familie, die hatte kaum etwas zu beißen, so arm war sie. Aber der älteste Sohn war trotzdem immer vergnügt und hoffnungsvoll. Und eines Tages sagte er zu seinem Vater: »Papa, es ist das beste, ich ziehe in die Welt. So Gott hilft, mach ich mein Glück, und dann komme ich heim und du und Mama und meine Geschwister, ihr sollt es dann auch gut haben.«

Der Vater war einverstanden, und er gab seinem Sohn alles mit, was er noch im Hause an Essbarem fand: das waren drei Brotfladen: »Geh sparsam damit um«, sagte er, »der Weg in die Stadt ist viele Tagreisen weit, und niemand wird dir zu essen geben, ehe du nicht irgendwo einen Dienst findest.«

Der Bursche zog also los, und er marschierte den ganzen Tag dahin, und als es dunkelte, wollte er sich unter eine Brücke setzen, um dort zu übernachten. Als er aber unter die Brücke kroch, sah er, dass dort drei alte Männer saßen.

»Komm nur her, Bursche«, rief der älteste, »du hast hier auch noch Platz, wenn wir zusammenrücken.«

Der Bursche bedankte sich, setzte sich unter die Brücke und wollte einen Brotfladen herausholen, um ihn zu essen, aber da sah er die hungrigen Augen der Alten und fragte:

»Habt ihr schon genachtmahlt?«

»Nein, Söhnchen. Wir haben schon lange kein Brot mehr gesehen und uns nur von Brombeeren genährt.«

»Ach, dann ging es euch schlechter als mir. Seht her! Ich habe gerade drei Brote, so dass jeder von euch eines haben kann.«

»Vielen Dank, Söhnchen, aber dann bleibt dir ja selber nichts.«

»Das macht nichts. Ich habe heute morgen noch gefrühstückt und habe keinen großen Hunger.«

Da ließen sich die Alten nicht zweimal bitten, und jeder aß sein Brot. Dann legten sich alle eng zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen, und schliefen ein.

Am nächsten Tag sagte der Älteste: »Söhnchen, du hast uns geholfen. Wenn du einmal Hilfe und Rat brauchst, dann komm hierher, und dann werden wir dir ebenso helfen.«

Dann nahmen sie Abschied, und der Bursche marschierte weiter in die Stadt. Als er dort ankam, hörte er einen Ausrufer, der schrie: »Der König gibt bekannt: Wer drei Aufgaben erfüllt, die er stellen wird, der soll seine Tochter zur Frau erhalten und das Königreich erben.«

Unser Bursche – es ist an der Zeit, dass wir seinen Namen nennen – also Antine überlegte nicht lange, sondern er ging zum Palast des Königs und meldete sich dort. Als die Offiziere ihn sahen, lachten sie ihn aus und sagten: »Was, du willst die drei Aufgaben erfüllen, wo doch so viele Prinzen und Generäle daran gescheitert sind! Die Prinzen hat man ausgehöhnt und mit Schimpf und Schande heimgejagt, die Generäle hat man zu gemeinen Soldaten gemacht. Aber dich, dich wird man prügeln, dass du nicht mehr stehen, noch gehen kannst.«

Antine aber ließ sich nicht abbringen. Und so führte man ihn vor den König. Der König war sehr freundlich und sagte: »Warum sollst du es nicht auch probieren? Du kennst die Bedingungen?«

»Ja, Majestät.«

»Nun, so hör zu! Früher einmal hausten meine Vorfahren auf jenem Berg, den du dort drüben siehst. Nun aber ist vor vielen Jahren das Schloss dort oben eingestürzt, und sooft man es wieder aufzubauen versucht hat, hat es ein Erdbeben gegeben, und immer wieder ist alles zusammengefallen. Bau du dort das Schloss und nimm dazu so viele Arbeiter, wie du brauchst. Und wenn das Schloss steht, ohne einzustürzen, dann hast du die erste Aufgabe erfüllt.«

Antine ließ es sich zuerst drei Tage gut gehen. Dann sagte er: »Ruft die Arbeiter zusammen! Ich werde gleich wiederkommen.« Und er packte so viele Brote in seinen Sack, wie hineinging, und marschierte zu der Brücke, wo die drei Alten waren.

»Hier habt ihr Brot. Nun aber helft mir! Ich soll dem König ein Schloss auf dem Berg bauen, aber dort gibt es immer ein Erdbeben, und dann stürzt alles ein.«

Da überlegten die Alten eine Weile, dann sagten sie: »Ja, Antine. Da musst du zu unserm Großvater und unserer Großmutter gehen. Wir werden dich hinführen.«

Und sie stiegen mit ihm durch Gesträuch und Wald und Gebirge hinauf. Und vor einer Höhle machten sie halt und sagten: »Antine, hab keine Angst! Geh in diese Höhle hinein, bis du in einen großen Raum kommst. Dort schlafen ein alter Mann und eine alte Frau. Lege dich getrost dort nieder. Das Weitere wird sich finden.«

Antine machte sich auf den Weg in die Höhle, und er hätte oft nicht gewusst, ob er rechts oder links gehen solle, wenn sich der Weg gabelte, aber er hörte immer Bienen vor sich hersummen, und diesen Bienen ging er nach.

Antine war eine ganze Weile gegangen, als er in einen Raum kam, der von Bienen schwirrte und in dem eine Kerze brannte. Und da sah er, dass dort ein alter Mann und eine alte Frau lagen und schliefen. Er dachte nicht weiter nach, sondern legte sich in die Mitte zwischen beiden, und kaum hatte er sich niedergelegt, da fielen ihm schon die Augen zu.

Und da hörte er, wie die Frau sagte: »Mann?«

»Ja.«

»Ist da einer gekommen?«

»Ja, es ist einer gekommen, den haben unsere Enkel gebracht.«

»Dann wird er wissen wollen, wie er das Schloss des Königs auf jenem Berg aufbauen kann, ohne dass es einstürzt.«

»Das ist sehr einfach. In jenem Berg haust ein Drache, und der will nicht, dass man dort eine menschliche Behausung errichtet. Und immer, wenn er mit dem Schwanz schlägt, gibt es ein Erdbeben, und alles stürzt ein.«

»Und was kann man dagegen tun?«

»Hier in der Höhle wächst ein Kraut. Man muss davon einen Strauß pflücken. Wenn man dann zu dem Drachen geht, muss man ihn daran riechen lassen, dann schläft er für tausend Jahre ein.«

Nach einiger Zeit wurde Antine wieder wach und rieb sich die Augen. Da sah er, dass dort tatsächlich ein Kraut wuchs. Und davon pflückte er, bis er einen großen Strauß beisammen hatte. Dann verließ er wieder die Höhle.

»Weißt du jetzt, was du machen musst?« fragten ihn die drei Alten, als er wieder vor der Höhle ankam.

»Ja, ich weiß es.«

»Gibt es in dem Berg, wo der König das Schloss haben will, einen Schacht?« fragte Antine die Arbeiter.

»Es gibt ihn.«

»Dann führt mich einmal dorthin!«

Oben auf dem Berg war ein Loch. Und durch das Loch ließen die Arbeiter den Antine mit einem Seil hinunter, und er kam in eine Kammer, und dort war ein Drache und schlug mit dem Schwanz. Aber als ihm Antine den Strauß mit dem Kraut hinhielt, roch er daran, und kaum hatte er einen Atemzug getan, schlief er ein und rührte sich nicht mehr.

Als der Drache mit dem Schwanz schlug, hatte es ein kleines Erdbeben gegeben, und die Arbeiter waren davongelaufen. Aber als weiter nichts passierte, kehrten sie zurück, und sie dachten, Antine würde wohl tot sein. Aber sie zogen ihn herauf: und er war lebendig.

Dann fingen sie an zu bauen, und nach einem Monat war das Schloss fertig. Der König wartete noch einige Zeit, und als das Schloss nicht einstürzte, ließ er den Antine rufen und sagte: »Das hast du gut gemacht. Wenn du auch die zweite Aufgabe erfüllst, wirst du ein Stück weiter sein. Höre! Was ist ein Schloss ohne Wasser? Nun gibt es aber auf dem ganzen Berg keine Quelle, und bergaufwärts fließt nun einmal kein Wasser. Sieh zu, dass du Wasser findest, damit ich in jenes Schloss umziehen kann!«

Antine ging wieder zu den drei Alten, und er brachte ihnen einen ganzen Maulesel beladen mit Brot, Speck und Wein mit. Nachdem die Alten gegessen hatten, führten sie ihn wieder zu der Höhle – allein hätte er den Weg nicht gefunden, denn es ging durch dichten Wald. Und Antine ging wieder in die Höhle hinein, legte sich zwischen die beiden Alten und schlief ein.

»Mann?«

»Ja, Frau.«

»Ist der eine wiedergekommen?«

»Ja, unsere Enkel haben ihn wieder hergeführt.«

»Dann wird er diesmal wissen wollen, wo man auf jenem Berg, auf dem nun das Schloss wieder steht, Wasser finden kann.«

»Ja, so ist es. Er braucht nur hier eine Kerze zu nehmen. Ist er auf dem Berg, dann soll er dort die Kerze anzünden, und er soll so lange auf dem Berg herumgehen, bis ein Tropfen Wachs von der Kerze herunterfällt. Und dort, wo der Tropfen Wachs hinfällt, da soll er graben, dann wird er eine Quelle finden.«

Als Antine wieder wach wurde, sah er sich um, nahm eine Kerze und verließ die Höhle. Und am nächsten Abend stieg er auf den Berg, wo einsam das Schloss lag, denn es wohnte noch niemand darin. Und dann zündete er die Kerze an und ging umher. Und nach einer Weile rieselte ein Wachstropfen die Kerze hinunter und fiel zur Erde. Da ergriff Antine den Spaten, den er mitgenommen hatte, und fing an zu graben. Und er brauchte nicht sehr lange zu graben, da sprudelte plötzlich eine Quelle hervor. Man musste sie nur noch in einem Becken auffangen.

»Antine«, sagte der König, »du bist tüchtiger als alle Prinzen und Generäle, die bisher versucht haben, die Aufgaben zu lösen. Nun erfülle auch noch die dritte Bedingung, dann soll am Tage darauf die Hochzeit stattfinden!«

»Und was ist die dritte Aufgabe?«

»Die ist sehr schwer. Meine Vorfahren haben auf dem Berg eine Kiste mit Gold, Silber und Edelsteinen vergraben. Aber sie haben dort auch eine Kiste mit giftigen Fliegen vergraben. Wenn man die falsche Kiste öffnet, kommen die Fliegen heraus und stechen einen zu Tode.«

Antine ging zu den drei Alten, und er nahm auch schöne Kleider mit, damit sie sich neu kleiden könnten. Und die Alten dankten ihm für alles und führten ihn wieder zu der Höhle ihrer Großeltern.

Antine kannte sich nun schon gut aus. Er ging in die Höhle, legte sich nieder und schlief zwischen den beiden Uralten ein.

»Mann?«

»Ja, Frau, was willst du?«

»Antine ist wieder da.«

»Ja, unsere Enkel haben ihn zum dritten Mal hergeführt.«

»Dann wird er wissen wollen, in welcher Kiste der Schatz des Königs und in welcher die giftigen Fliegen sind.«

»So ist es. Antine braucht nur eine Handvoll Zucker zu nehmen, der hier in diesem Korbe steht. Dann werden ihm einige Bienen folgen. Hat er dann die Schatzkisten ausgegraben, so muss er aufpassen: die Bienen werden eine Kiste meiden, weil dort die bösen Fliegen sind, und sie werden sich auf die zweite Kiste setzen. Das ist die Schatztruhe. Wenn er dann den Bienen den Zucker hinstreut, werden sie ihn nicht daran hindern, die Schatztruhe aufzumachen.«

Als Antine wachgeworden war, nahm er eine Handvoll Zucker und ging damit aus der Höhle hinaus, und es folgten ihm einige Bienen, die den Zucker rochen.

Antine aber nahm Abschied von den drei Alten und ging auf den Berg, wo jetzt der König im Schloss wohnte. Und einige Bienen flogen vor ihm her, als ob sie etwas suchten. Und als er merkte, dass sie an einer bestimmten Stelle immer im Kreis flogen, begann er dort zu graben, und nach einiger Zeit stieß er auf zwei Kisten. Die zog er aus dem Loch heraus. Und die Bienen flogen zuerst um die eine Kiste herum, dann flogen sie zu der zweiten, und dort ließen sie sich nieder. Da beugte sich Antine zu jener Kiste, die von den Bienen gemieden worden war, und es war ihm, als höre er drinnen ein bedrohliches Brummen. Da stieß er die Kiste wieder in das Loch hinunter und grub es zu.

Dann streute er den Bienen den Zucker hin, und sie ließen zu, dass er die zweite Kiste öffnete. Und darin erblickte er lauter Gold und Edelsteine.

»Nun gehört alles dir, Antine!« sagte der König.

Und zur Hochzeit ließ Antine auch die drei Alten kommen, die unter der Brücke hausten. Und er wollte sie im Schloss behalten, sie aber verabschiedeten sich und wurden nie mehr gesehen.

So lautet die Geschichte. Ich habe nichts hinzugefügt und nichts weggelassen.

Sardinien

Ein armer junger Mann zieht in die Welt und hofft, sein Glück zu machen. Und weil er barmherzig ist und ein paar Alten sein Reisebrot gibt, bekommt er eine Chance, Aufgaben zu lösen, die eigentlich unlösbar sind. Nun, solche Geschichten kennen wir alle und haben sie in vielen Varianten immer wieder gehört und gelesen. Was mir an dieser Geschichte besonders auffällt, ist die Begegnung mit den Uralten. Schon die hungrigen Männer unter der Brücke waren alt, nun wird der Antine zu deren Großeltern geschickt, ihre Lebensgeschichte muss in die Urzeit zurückreichen. Es ist ein langer Weg durch Öde und Einsamkeit, dann noch ein Abstieg in eine dunkle Höhle, bis er zu den schlafenden Ahnen gelangt, sich zwischen sie legt und offenbar an ihrem dämmerigen Halbschlaf teilnimmt. Und jetzt kommt es zu dem faszinierenden Dialog zwischen dem merkwürdigen Urpaar. Sie sind Wissende, können ahnungsvolle Winke und Weisungen geben und dem Antine immer die Hilfestellung leisten, die er gerade nötig hat. Aber er bekommt nicht den ganzen Lösungsweg verraten, sondern muss immer wieder zu den Alten hinuntersteigen, muss sich von neuem beraten lassen, was jetzt zu tun ist. So gelingt es ihm, den Drachen einzuschläfern, den ›Untergrund‹ zu stabilisieren, das Lebenswasser wieder sprudeln zu lassen und den geheimnisvollen Schatz zu heben. Nun hat er wirklich sein Glück gefunden und kann König werden.

Wir gegenwartsversessenen und vergangenheitsvergessenen Menschen haben kein rechtes Verständnis mehr dafür, dass ›die Alten‹ auch die Hüter der Weisheit sind, dass ihre Erfahrungen wichtig sind für die nachkommenden Generationen. Unsere Geschichte erzählt nun ein Beispiel dafür, dass der Weg ›zurück‹ die Voraussetzung ist, um den Weg nach vorn zu finden. Und die Geschichte wird nicht mit einem erhobenen Zeigefinger erzählt, sondern gleichsam mit einem Schmunzeln: Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Otto Betz

GOLDENE ÄPFEL

Yah Allah, Schwestern und Brüder, kommt und hört, wisst und seht, was unser ist und ich Euch gebe. Seht Ihr in meinen leeren Händen goldene Äpfel, seht Ihr sie?

Habt acht, ich werfe sie Euch zu: dir einen, dir dort ganz hinten einen, dir so verborgen im Winkel einen, und diesen noch und den letzten auch.