Märchen aus Estland -  - ebook

Märchen aus Estland ebook

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Opis

Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Der Bräutigam mit der goldenen Nase Der Lohn der Stieftochter und der Haustochter Der Schlangenkamm Die Stiefmutter Der Glückliche und der Unglückliche Das Gesicht in der Neujahrsnacht Der Bettler und die reiche Bäuerin Der Reiche drischt Der gehörnte Pastor Die wunderbare Flöte Die drei genasführten Freier Der Diebslehrling Wie der Gutsbesitzer in den Himmel kam Gut und schlecht Pikkers Dudelsack Der Lohn für die Rettung des Teufels Wie ein Waisenknabe unverhofft sein Glück fand Des Nebelberges König Die Färber des Mondes Der Hausgeist Die schnellfüßige Königstochter Warum das Elentier weiße Streifen unter dem Bauche hat Der Fuchs, der Wolf und der Bär Das Pferd und der Wolf Die Krähe und der Fuchs Warum der Hase eine gespaltene Lippe hat Der Hund und die Katze Des Krähenmännchens Heirat Der Fuchs und der Krebs Die Tiere gehen zur Beichte Der Bösen Tochter und das Waisenmädchen Die kämpfenden Brüder Kalevipoeg Das Werwolfsfell Zwei Leichen und ein schwanzloses Pferd Die drei guten Worte Der Tod auf dem Apfelbaum Das kluge Weib Der geizige König 90. Die Geldmühle Die Goldspinnerinnen. Die im Mondschein badenden Jungfrauen. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge. Der Tontlawald. Der Waise Handmühle. Die zwölf Töchter. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand. Schlaukopf. Der Donnersohn. Pikne's Dudelsack. Der Zwerge1 Streit. Die Galgenmännlein. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen. Der dankbare Königssohn. Rõugatajas Tochter. Die Meermaid. Die Unterirdischen.

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Märchen aus Estland

Inhalt:

Geschichte des Märchens

Märchen aus Estland

Der Bräutigam mit der goldenen Nase

Der Lohn der Stieftochter und der Haustochter

Der Schlangenkamm

Die Stiefmutter

Der Glückliche und der Unglückliche

Das Gesicht in der Neujahrsnacht

Der Bettler und die reiche Bäuerin

Der Reiche drischt

Der gehörnte Pastor

Die wunderbare Flöte

Die drei genasführten Freier

Der Diebslehrling

Wie der Gutsbesitzer in den Himmel kam

Gut und schlecht

Pikkers Dudelsack

Der Lohn für die Rettung des Teufels

Wie ein Waisenknabe unverhofft sein Glück fand

Des Nebelberges König

Die Färber des Mondes

Der Hausgeist

Die schnellfüßige Königstochter

Warum das Elentier weiße Streifen unter dem Bauche hat

Der Fuchs, der Wolf und der Bär

Das Pferd und der Wolf

Die Krähe und der Fuchs

Warum der Hase eine gespaltene Lippe hat

Der Hund und die Katze

Des Krähenmännchens Heirat

Der Fuchs und der Krebs

Die Tiere gehen zur Beichte

Der Bösen Tochter und das Waisenmädchen

Die kämpfenden Brüder

Kalevipoeg

Das Werwolfsfell

Zwei Leichen und ein schwanzloses Pferd

Die drei guten Worte

Der Tod auf dem Apfelbaum

Das kluge Weib

Der geizige König

Die Geldmühle

Die Goldspinnerinnen.1

Die im Mondschein badenden Jungfrauen.

Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.

Der Tontlawald.

Der Waise Handmühle.

Die zwölf Töchter.

Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.

Schlaukopf.1

Der Donnersohn.1

Pikne's Dudelsack.

Der Zwerge1 Streit.

Die Galgenmännlein.

Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.

Der dankbare Königssohn.

Rõugatajas Tochter.

Die Meermaid.

Die Unterirdischen.1

Der Nordlands-Drache.

Das Glücksei.

Der Frauenmörder.

Der herzhafte Riegenaufseher.1

Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs.

Dudelsack-Tiidu.

Die aus dem Ei entsprossene Königstochter.

Anmerkungen

Hans und der Teufel.

Warum die Bäume nicht mehr reden.

Fliege und Spinne.

 Märchen aus Estland

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Sweet Angel - Fotolia.com

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Märchen aus Estland

Der Bräutigam mit der goldenen Nase

Es war einmal ein sehr schönes und stolzes Mädchen. Jeden Tag kamen Freier, die sie haben wollten, aber keiner gefiel ihr, denn jeder hatte ja eine natürliche Fleischnase, und das Mädchen wollte einen Mann, der eine goldene Nase hatte.

Als sie nun genug Freier heimgeschickt hatte, ohne die gewünschte Goldnase zu finden, zog sie selbst in die Welt, um sich einen Bräutigam zu suchen. Sie reiste und reiste, aber ohne besseren Erfolg. Schließlich fand sie jedoch den gewünschten Bräutigam mit der goldnen Nase; das war aber Zauberei und ging nicht mit rechten Dingen zu.

Als das Mädchen den Bräutigam fand, saß er gerade in seiner Kammer und machte Stiefel. Sofort hatte er dem Mädchen gefallen, und was brauchte man da mehr, als die Verlobung abzuschließen? Die Verlobung kam auch wirklich zustande. Die Goldnase verlangte aber, daß die Braut vor der Trauung mit ihm an drei Kirchen vorbeifahre; darauf ging sie auch ein.

Die Zeit der Trauung kam heran. Der Bräutigam ließ zwei schwarze Hengste vor den Wagen spannen, setzte sich dann mit seiner Braut in den Wagen und jagte zur ersten Kirche. Als sie vor der Kirche ankamen, ging er hinein und sagte seiner Braut, sie solle im Wagen so lange warten, bis er zurückkehre. Die Braut gehorchte. Der Bräutigam war ziemlich lange in der Kirche, kam aber noch vor den Kirchenbesuchern heraus, setzte sich in den Wagen und jagte zur zweiten Kirche.

Im Augenblick waren sie angelangt. Dort machte der Bräutigam Goldnase es ebenso wie bei der ersten Kirche und ließ die Braut im Wagen sitzen, ging selbst in die Kirche und kam ebenso vor den Kirchgängern heraus; dann jagte er zur dritten Kirche. Hier tat er dasselbe, blieb aber recht lange in der Kirche. Die Braut dachte: ›Wer weiß, was er in jeder Kirche tun mag?‹ Sie stieg aus dem Wagen, ging ins Kirchenvorhaus und blickte durchs Schlüsselloch hinein.

Aber was sieht sie da! – Ihr geliebter Bräutigam, die Goldnase, frißt in der Kirche Leichen, grade zu der Zeit, wo der Pastor die Toten einsegnet!

Sie stieg wieder in den Wagen und wartete auf die Goldnase. Sie kam auch bald, und die Fahrt ging wieder los, aber diesmal nach Hause.

Unterwegs fragte die Braut den Bräutigam, weshalb er in die Kirchen gegangen sei. Er antwortete, daß er es getan habe, um den Gottesdienst anzuhören. Die Braut konnte aber ihr Geheimnis nicht mehr bei sich behalten und erzählte ihm alles, was sie durchs Schlüsselloch in der Kirche gesehen hatte.

Als der böse Geist das hörte, geriet er in Zorn, weil die Braut sein Verbot übertreten hatte, und erwürgte sie mit schauerlichem Gebrüll.

So endete das Leben des stolzen Mädchens.

Der Lohn der Stieftochter und der Haustochter

Es war einmal eine Mutter, die hatte eine eigne Tochter und eine Stieftochter. Die Mutter der Stieftochter war gestorben, das Waisenkind aber wurde von Mutter und Tochter gehaßt und sehr geplagt.

Einmal schickte die Stiefmutter das Waisenmädchen aus, am Brunnenrande zu spinnen. Beim Spinnen fiel aber des Mädchens Spinnrocken in den Brunnen. Das Mädchen sprang ihm nach, aber sie fand den Spinnrocken nicht. Sie ging deshalb weiter, ihn zu suchen.

Eine Kuh kam dem Waisenmädchen entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern, und sprach:

"Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!"

Das Waisenmädchen melkte die Kuh, goß die halbe Milch auf die Erde und die andere Hälfte in den Melkkübel an den Hörnern der Kuh.

Dann ging sie weiter. Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach:

"Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Scher mich! Die Hälfte der Wolle wirf auf die Erde, die andre Hälfte bind mir an den Hals!" Das Mädchen schor den Widder, warf die halbe Wolle auf die Erde und hängte die andere Hälfte dem Widder an den Hals.

Dann ging sie weiter. Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Schüttle mich! Es ist mir zu schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!"

Das Waisenmädchen schüttelte die Äpfel. Was ihr auf den Kopf fiel, nahm sie sich, was auf die Erde fiel, blieb liegen.

Sie ging weiter. Ein Ofen voll heißer Brote stand am Wege. Die Brote sprachen:

"Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!"

Das Waisenmädchen nahm die Brote ohne Schaufel heraus und ging wieder weiter.

Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der Alte sprach: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen! Bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!"

Das Waisenmädchen fragte: "Womit soll ich den Ofen heizen?"

Der Alte antwortete: "Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit."

Das Waisenmädchen holte aus dem Walde Reisig und heizte den Ofen recht heiß. Dann fragte sie: "Wo soll ich das Badewasser hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!"

Das Waisenmädchen suchte aber einen Brunnen auf und holte daraus Wasser. Dann fragte sie: "Wo soll ich einen Badequast hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!"

Das Waisenmädchen ging aber in den Wald und machte einen Badequast aus Birkenreisern. Dann fragte sie den alten Mann: "Wo soll ich Seife hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!"

Das Waisenmädchen holte aus dem Dorfe Seife und quästete und wusch dann den alten Mann. Nach dem Bade sagte der Alte: "Dank dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!"

Der Alte führte das Waisenmädchen auf die Oberfläche der Erde zurück. Es kehrte heim und rief die Familie zusammen und öffnete die Schachtel. In der Schachtel befand sich eine Menge Gold und Edelsteine. 

Die Haustochter war auf das Glück des Waisenmädchens neidisch und ging ebenfalls an den Rand des Brunnens spinnen. Sie warf absichtlich ihren Spinnrocken in den Brunnen hinein und sprang selber nach. Den Spinnrocken fand sie wieder, ging aber dennoch weiter.

Eine Kuh kam der Haustochter entgegen, einen Melkkübel an ihren Hörnern. Sie sprach:

"Schönes Mädchen, schönes Mädchen, melk mich! Die eine Hälfte der Milch gieß auf die Erde, die andre in den Melkkübel an meinen Hörnern!"

Die Haustochter aber antwortete: "Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine zu holen!"

Sie ging weiter. Ein Widder kam ihr entgegen mit einer Schere an den Hörnern, der sprach: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen, scher mich! Die Hälfte der Wolle leg auf die Erde, die andere Hälfte bind mir an den Hals!"

Die Haustochter antwortete: "Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine zu holen!"

Sie ging weiter. Ein Apfelbaum stand am Wege, der sprach: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen, schüttle mich! Es ist mir schwer, mich unter der Last der Äpfel zu beugen! Was auf die Erde fällt, das soll liegenbleiben; was dir auf den Kopf fällt, das nimm du dir!"

Die Haustochter antwortete: "Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine zu holen!"

Sie ging immer weiter. Ein Ofen mit heißen Broten stand am Wege. Die Brote sprachen: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen, nimm uns aus dem Ofen heraus, wir haben es hier zu warm!"

Die Haustochter antwortete: "Ich habe keine Zeit! Ich gehe, Gold und Edelsteine zu holen!"

Sie ging wieder weiter. Eine Badstube stand am Wege. Darin lebte ein alter Mann. Der sprach: "Schönes Mädchen, schönes Mädchen, bad mich, es ist mir zu schwer, so schmutzig zu sein!"

Die Haustochter sagte: "Hier ist kein Reisig noch sonst etwas, womit soll ich denn den Ofen heizen?"

Der Alte antwortete: "Sammle Holzpflöcke und Krähenmist und heiz damit!"

Die Haustochter sammelte Holzpflöcke und Krähenmist und heizte damit den Ofen. Dann fragte sie: "Wo soll ich das Badewasser hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Laß sie in den Zuber pissen!"

Die Haustochter machte es so. Dann fragte sie: "Wo soll ich einen Badequast hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Unter der Korndarre steht eine weiße Stute. Schneid ihr den Schwanz ab und mach daraus einen Badequast!"

Die Haustochter schnitt dem Pferde wirklich den Schwanz ab. Dann fragte sie wieder: "Wo soll ich Seife hernehmen?"

Der Alte antwortete: "Nimm einen Badstubenstein und scheure mich damit!"

Die Haustochter quästete den alten Mann mit dem Stutenschwanz und scheuerte ihn mit dem Badstubenstein.

Darauf sagte der Alte:

"Danke dir, gutes Kind, daß du mich gebadet hast! Jetzt bist du auch deines Lohnes wert. Hier, da hast du eine Schachtel, worin sich dein Lohn befindet. Zu Hause ruf deine Familie zusammen und mach dann die Schachtel auf!"

Der Alte führte die Haustochter auf die Oberfläche der Erde zurück. Die Haustochter kehrte heim und rief ihre ganze Familie zusammen. Dann machte sie die Schachtel auf. Die Schachtel aber war voll feuriger Kohlen. Und die Kohlen füllten das ganze Haus an und töteten die Haustochter und ihre Familie. Das Waisenmädchen blieb jedoch am Leben, denn man hatte sie überhaupt nicht zum Öffnen der Schachtel gerufen.

Der Schlangenkamm

Es ging einmal ein Jäger in den Wald. Dort traf er eine Schlange, die auf dem Kopf einen Kamm hatte. Der Jäger schoß auf sie mit der Flinte. Die Schlange begann zu schreien. Auf ihr Geschrei strömte eine Menge kleiner Schlangen herbei. Wohl schlug der Jäger mit einem Knüttel nach ihnen, das half aber nichts. Endlich warf der Jäger seine eigenen Kleider ihnen zu. Da blieben die Schlangen bei den Kleidern, und der Jäger konnte entfliehen.

Am anderen Tage ging der Jäger wieder dorthin, wo er nach der Schlange mit dem Kamm geschossen hatte. Er fand die Schlange wieder vor. Sie hatte nur noch wenig Leben in sich und konnte nicht mehr entfliehen.

Dem Jäger kam der alte Glaube in den Sinn: Wer einen Schlangenkamm aufißt, der versteht alle Vogelsprachen. Der Jäger nahm den Schlangenkamm, ging nach Hause, kochte ihn und aß ihn auf.

Dann ging er hinaus spazieren. Eine Krähe krächzte, und der Mann verstand alles, was die Krähe sprach.

Am nächsten Abend ging der Jäger in den Wald auf die Jagd. Im Walde wurden die Hunde des Jägers unruhig und fingen an, um den Herrn herumzuwinseln. Der Herr streichelte sie und fragte sich selbst: ›Wer weiß, was den Hunden fehlen mag?‹

Der eine Hund öffnete das Maul, und der Jäger verstand sogleich, was der Hund in seiner eignen Sprache sagte: "Diebe kommen heute in unsre Vorratskammer, um zu stehlen!"

Da bekam der Jäger sofort Eile, nach Hause zu gehn. Aber der eine Hund sprach zu dem andern: "Bleib du hier! Ich gehe nach Hause, um die Klete zu bewachen!"

Als der Jäger das hörte, ließ er den Hund nach Hause gehn, selber aber blieb er mit dem andern Hunde im Walde. Der erste Hund kam nach Hause und verscheuchte die Diebe sogleich in den Wald.

Die Hausfrau kam auf das Gebell des Hundes aus der Stube heraus und sah, was geschehen war. Die Hausfrau lobte den Hund und sprach: "Dafür will ich dir etwas Gutes geben, woran du dich satt essen kannst!"

Die Hausfrau ging in die Stube. In der Stube fand sie aber kein Wasser. Da nahm sie Spülicht, tat Mehl hinein und setzte es dem Hund vor. Der Hund schnupperte daran, fraß es aber nicht, sondern wollte aus der Stube hinaus.

Die Hausfrau ließ den Hund ins Freie, und der Hund lief zum Hausherrn in den Wald. Der andre Hund fragte ihn: "Nun, wie ging es zu Hause?" Jener antwortete: "Die Diebe hab ich freilich fortgejagt, und die Hausfrau hat mir zu essen gegeben! Aber was soll man da essen! Schmutziges Spülicht mit etwas Mehl!"

Der Hausherr hörte das. Er ging nach Hause und nahm seine Frau vor: "Wie darfst du so etwas tun! Der Hund hat unser Eigentum vor dem Diebe behütet, und du setzt ihm schmutziges Wasser vor!"

Die Frau fragte ihn: "Wer hat es dir denn gesagt, daß ich das getan habe?"

Der Jäger antwortete: "Die Hunde haben es gesagt!"

Die Frau entgegnete: "Hunde sprechen doch nicht! Hunde bellen!"

Der Jäger antwortete: "Ich hab einen Schlangenkamm in die Hände bekommen, hab ihn gekocht und aufgegessen. Deshalb versteh ich jetzt die Sprachen der Tiere!"

Als der Jäger das gesprochen hatte, fiel er zur Erde und war tot.

Die Stiefmutter

Einem Manne starb seine Frau. Zwei Kinder blieben übrig. Die Kinder waren noch klein, und deshalb nahm der Mann sich eine zweite Frau. Die ging aber mit den Kindern sehr hart um und gab ihnen mehr Prügel als Essen.

Das Weib bekam schließlich auch selbst ein paar Kinder, und das machte das Leben der Waisen noch schlechter. Besonders schlimm ging es dem jüngeren Kinde, denn es konnte noch nicht arbeiten; deshalb war die schlechte Stiefmutter immer auf dieses Kind böse. Sie dachte immer nach, wie sie diese Brotesser kleinkriegen könne.

Eines Tages war der Mann im Walde mit Holzfällen beschäftigt. Um diese Zeit kam der Teufel und half der Frau einen Rat finden.

Der Frau kam ein schrecklicher Gedanke in den Sinn. Sie nahm das jüngere Kind, schlachtete es, schnitt es in Stücke und kochte es. Am Abend kam der Mann nach Hause. Die Frau gab dem Manne das Fleisch des Kindes zu essen. Der Mann aß es und lobte: "Wo hast du solch ein schönes, knuspriges Fleisch hergenommen?" Die Frau antwortete: "Ich habe ein kleines Ferkel geschlachtet."

Der Mann aß sich satt, ohne auch nur zu ahnen, daß er seines eignen Kindes Fleisch esse. Das ältere Kind wußte es wohl, wagte aber nicht, es dem Vater zu sagen, weil es die Drohungen der Stiefmutter fürchtete.

Als das Essen zu Ende war, fragte der Mann nach dem Kinde. Die Frau antwortete: "Wer weiß, wo es wieder steckt?" und ging dann mit dem größten Eifer, das Kind zu suchen.

Nach dem Essen sammelte das ältere Kind die Knochen des jüngeren vom Tisch zusammen, umband sie mit einem Faden und vergrub sie unter einer Weide, die hinter dem Hause wuchs.

Nach einiger Zeit begann an der Weide eine Harfe zu wachsen, und schließlich hörte man auch eine traurige Stimme, die aus der Harfe die Worte sang:

"Die Mutter hat mich umgebracht,

der Vater hat mich gegessen,

die Schwester sammelte meine Knochen,

sie umwand sie mit blauem Faden

und umflocht sie mit rotem Band."

Diesen Gesang hörte der Vater des Kindes am häufigsten. Endlich fing man an, unter der Weide zu suchen, und fand die Kinderknochen.

Nun kam es heraus, daß das Kind ermordet war, und die Mörderin erhielt natürlich ihre Strafe.

Der Glückliche und der Unglückliche

Es waren einmal zwei Bauern, die lebten nicht weit voneinander. Der eine war reich, der andre war arm. Der Arme war freilich auch ein fleißiger Arbeiter, aber dennoch wurde er nicht reicher, als er war.

Einmal ging er in der Nacht aufs Feld, um dort nachzuschauen, aber o Wunder – was sah er da! Er sah, wie ein Mann auf dem Felde des Reichen Roggen säte.

"Was tust du hier?" fragte der Arme.

"Ich säe Roggen!" war die Antwort.

"Nun, wann kommst du denn auf mein Feld säen?" fragte der arme Mann.

"Niemals!"

"Weshalb säst du denn auf dem Felde des andern?"

"Ja, ich bin eben sein Glück."

"Nun, wo ist denn mein Glück?" fragte der Arme.

"Dein Glück schläft dort neben jenem großen Stein", sprach der Sämann.

Der Arme eilte zum Stein, um sein Glück zu wecken.

"Höre, Mann, steh auf und geh Roggen säen!"

"Ich gehe nicht", antwortete der Schläfer.

"Ja, warum gehst du denn nicht?" fragte der Arme.

"Nun, ich bin doch eben kein Landwirtsglück."

"Aber du bist doch mein Glück!"

"Ja, freilich", sagte der Schläfer; "wähl dir nur ein andres Handwerk, dann werd ich schon dein Glück sein."

"Was soll ich denn werden?" fragte der Arme.

"Werde Kaufmann!"

Sogleich ging der Mann nach Hause, verkaufte sein Haus und eröffnete in der Stadt einen Laden. Nun bekam er sein Glück und lebt auch heute noch glücklich.

Das Gesicht in der Neujahrsnacht

Einmal ging ein Mädchen, ohne daß die andern es wußten, in der Neujahrsnacht in eine leere Stube, stellte einen Spiegel vor sich auf, stellte zwei Schnapsflaschen rechts und links vom Spiegel hin, setzte sich vor den Spiegel und schaute starr hinein, um ihren zukünftigen Bräutigam zu erblicken.

Plötzlich tauchte vor dem Mädchen ein Soldat auf, der einen blanken Degen in der Hand hielt. Das Mädchen erschrak vor dem Soldaten und lief davon. Der Soldat warf ihr seinen Degen nach, und der Degen blieb in den Kleidern des Mädchens stecken. Darauf verschwand der Soldat. Das Mädchen aber nahm den Degen und versteckte ihn.

Im nächsten Jahr bekam das Mädchen auch wirklich einen abgedankten Soldaten zum Mann. Als sie schon ein paar Jahre zusammen gelebt hatten, da gebar die Frau einen Sohn. Um diese Zeit fand der Soldat den von seinem Weibe versteckten Degen. Er fragte sie sogleich, wo sie den Degen her habe.

Die Frau wollte es zuerst nicht sagen. Schließlich sagte sie's aber doch. Der Mann geriet in Zorn und rief, daß er wegen des verschwundenen Degens viel Leid erfahren habe. Da habe er damals geschworen, wenn er den Degen wieder in seine Hände bekomme, wolle er sofort denjenigen töten, bei dem er ihn finde.

Er zog darauf den Degen und tötete seine Frau und danach auch sich selbst.

Der Bettler und die reiche Bäuerin

Es kam einmal auf einen Bauernhof ein Bettler und bat um ein Nachtlager. Die Bäuerin jagte aber den Bettler kreischend und schimpfend davon. Der Bettler machte, daß er davonkam, denn die Bäuerin drohte, die Hunde auf ihn zu hetzen.

Der Bettler ging zu einer armseligen Hütte und bat auch dort die Hausfrau um ein Nachtlager. Die Frau sprach: "Wohin wirst du Armer gehn! Komm nur herein! Ich habe freilich selbst nur wenig Brot, aber einem Armen muß man immer etwas abgeben!"

Als der Bettler in die Stube kam und die Kinder der armen Bäuerin sah, da fragte er: "Warum haben deine Kinder so schrecklich schmutzige Hemden an?"

Die Bäuerin antwortete: "Ich bin eine arme Witwe und habe fünf Kinder zu ernähren. Soviel Geld hab' ich nicht, daß ich jedem zwei Hemden anschaffen könnte!"

Darauf erwiderte der Bettler nichts. Als die Abendmahlzeit kam, wurde er zum Essen gerufen. Er sagte aber, er sei krank, und kam nicht. Am Morgen legte der Bettler das Brot aus seinem eigenen Sack auf den Tisch und sprach: "Was du zu tun anfängst, das tu bis zum Abend!"

Das arme Weib begriff die Worte des Bettlers nicht. Sie hatte etwas Leinwand und dachte: ›Vielleicht reicht es doch wenigstens einem Kinde zu einem Hemd.‹ Sie ging ins Dorf, um ein Ellenmaß zu suchen und damit die Leinwand zu messen, ob sie auch zu einem Hemde reiche oder nicht.

Sie bekam das Ellenmaß. Als sie nach Hause kam, sagte sie: ›Wenn schon der Bettler sagt, daß meine Kinder zu zerlumpt sind, was mögen da erst die andern Leute sagen!‹

Als sie nach Hause kam, ging sie sogleich zur Vorratskammer. Aber wie erschrak sie, als sie die Tür nicht aufmachen konnte! Schließlich sprengte sie die Tür mit einer Stange auf. Aber was sah sie da! Die Kammer war voll von Leinwandrollen. Da begann die Frau sogleich, die Leinwand zu messen. Am Abend, als die Sonne unterging, war sie mit dem Messen des letzten Stückes fertig. Nun erst begriff sie die Worte des Bettlers. In der Eile des Messens hatte sie nicht einmal Zeit gehabt nachzudenken, woher all dieses Zeug plötzlich in ihre Vorratskammer gekommen sei.

Am Abend, als sie das Ellenmaß zurückbrachte, erzählte sie der reichen Bäuerin, wie sie auf das Wort des Bettlers hin unendlich viel Leinwand bekommen habe.

Als die reiche Bäuerin das hörte, sprach sie zum Knecht: "Spann rasch das Pferd an und hol uns den Bettler her! Den Armen muß man immer helfen."

Der Knecht mußte fahren. Als er am nächsten Tage den Bettler auffand, wollte dieser zuerst nicht kommen. Als der Bettler aber hörte, daß der Knecht den strengen Befehl habe, ohne ihn nicht zurückzukehren, setzte er sich in den Wagen und fuhr mit.

Die Bäuerin nahm den Bettler diesmal mit der größten Freundlichkeit auf. Sie überließ dem Bettler ihr eigenes Lager und gab ihm zu essen und zu trinken. Nun hatte der Bettler ein goldnes Leben. Er aß, trank und schlief, soviel er nur konnte. Ans Fortgehen dachte er überhaupt nicht mehr.

Die Geduld der Bäuerin fing aber schon an, zu Ende zu gehn. Fortjagen konnte sie den Bettler freilich nicht, denn dann wäre ja alles umsonst gewesen.

Zur Freude der Bäuerin machte sich der Bettler am Morgen des vierten Tages auf den Weg. Die Bäuerin ging hinaus, ihn zu geleiten. Als der Bettler schon zum Tore hinausgehen wollte, fragte ihn die Bäuerin: "Was werd' ich heute zu tun anfangen?" Der Bettler antwortete: "Was du zu tun anfängst, das tu bis zum Abend!"

Die Bäuerin ging in die Stube, um das Ellenmaß zu holen und sich ans Leinwandmessen zu machen. Plötzlich wurde es ihr aber notwendig, ihren Magen zu erleichtern. Damit mußte sie sich nun bis zum Abend beschäftigen. Erst nach Sonnenuntergang kam sie in die Stube zurück.

Sie hatte den Bettler mehrere Tage gefüttert – und gar nichts dafür bekommen! Die Habsucht hatte sich selbst gestraft.

Der Reiche drischt

Als Jesus noch auf Erden wandelte, kam er eines Abends mit seinen Jüngern zu einem reichen Bauern und bat ihn um ein Nachtlager. Der Bauer gab ihnen aber keins, sondern sagte, er habe dafür keinen Raum.

Darauf ging Jesus zu einem armen Bauern, um ihn um ein Nachtlager zu bitten. Der Arme antwortete, ein Nachtlager möchte er ihnen wohl um Gottes willen gewähren, er könne aber dennoch keine Fremden beherbergen, weil er morgen dresche. Doch Jesus versprach ihm, mit seinen Jüngern beim Dreschen zu helfen. Unter dieser Bedingung erhielten sie denn auch das Nachtlager. Als man am Morgen zu dreschen anfing, nahm Jesus einen Kienspan und steckte die trockenen Halme an. Die flammten sofort auf. Der Bauer erschrak bei diesem Anblick furchtbar. Jesus aber ging mit einem Stock ums Feuer herum und sprach: "Sachte, sachte, Laurits1, geh nicht ins Lattenwerk!"

Das Feuer hörte das und brannte ruhig und ganz sachte. Als es am Verlöschen war, fand man hier die Körner und dort die Spreu. Der reiche Bauer hörte von diesem Dreschverfahren. Er versuchte es sofort nachzumachen. Sowie er aber die Halme angesteckt hatte, flammte das Feuer augenblicklich auf und wollte aufs Lattenwerk hinüberspringen. Wohl rief der Mann: "Sachte, sachte, Laurits, geh nicht in den Dachraum!" – das half aber gar nichts, das Feuer griff doch in den Dachraum hinein.

Schließlich schrie der Mann, indem er ums Feuer herumsprang: "Laurits, Teufel, was hast du im Dachraum zu suchen!" Aber dennoch brannte das Haus bis auf den Grund nieder.

Diesmal übernachtete Jesus dort in der Nähe. Ein Jünger ging hinaus und sah den Feuerschein. Er kam in die Stube und sprach: "Draußen sieht es böse aus!" Jesus drehte sich aber auf die andre Seite und sprach: "Das hat nichts zu bedeuten; da drischt bloß der Reiche!"

Fußnoten

1 Lorenz (so heißt der Schutzheilige des Feuers)

Der gehörnte Pastor

Zur katholischen Zeit lebte einmal ein Vater mit seinen Söhnen in einer verfallenen Hütte am Rande des Pastoratsfeldes. Anderes Getier hatten sie nicht als einen roten Hahn und einen schwarzen Kater. Eines Abends kamen die Söhne von der Arbeit nach Hause zurück. An der Schwelle kam ihnen der Kater mit kläglichem Miauen entgegen und lief vor den Söhnen her zum Lager des Vaters. Die Söhne schauten hin: der Vater lag auf seinem Lager lang hingestreckt.

Die Söhne fragten: "Vater, was tust du da?" Aber der Vater gab keine Antwort.

Die Söhne fragten wieder: "Vater, bist du krank?" Aber der Vater schwieg noch immer. Da schauten sie genau nach und merkten: der Vater war ganz kalt. Da half nichts mehr: der Vater war tot, ganz tot.

Als der erste Schmerz vorbei war, hielten die Söhne Rat, wie sie ihr Väterchen bestatten wollten. Sie fanden ein paar Bretter und machten daraus einen Sarg. Zum Begräbnisschmaus schlachteten sie ihren Hahn.

Der eine Bruder blieb zu Hause, um noch das eine und andere vorzubereiten, der andre aber ging zum Pastor, ihm den Tod des Vaters anzuzeigen und ihn zum Begräbnis zu bitten. Der Junge hatte kaum seine Rede beendet, da rief der Pastor: "Bring deinen Rubel her!"

Nun war der Junge in einer bösen Klemme. Es war auch nicht eine rote Kopeke im Hause vorhanden, wo sollte man da noch den Rubel für den Pastor hernehmen!

Der Junge bat: "Lieber Herr! Ich hab' auch nicht eine Kopeke zu Hause! Beerdigt doch das Väterchen umsonst!"

Der Pastor erwiderte: "Bring deinen Rubel her, dann beerdige ich ihn, anders nicht!"

Es half nichts: der Junge mußte zurückkehren, ohne etwas erreicht zu haben.

Zu Hause hielt er mit seinem Bruder Rat, was man tun solle.

Der Ausweg war gleich gefunden: "Beerdigen wir den Vater selbst!" sprach der eine.

"Beerdigen wir ihn!" antwortete der andre. "Graben wir sogleich ein Grab. Wenn es dunkel wird, wollen wir den Vater beerdigen!"

Sie nahmen Schaufeln und machten sich an die Arbeit und hatten noch gar nicht lange am Grabe geschaufelt, da fanden sie einen Geldkasten. Sie sprengten den Kasten auf: der Kasten war voll von Silberrubeln.

Nun hatten die Jungen eine große Freude und trugen den Kasten nach Hause. Der eine nahm aus dem Kasten einen Rubel und ging damit zum Pastor.

Der Pastor fragte gleich: "Wo hast du diesen Rubel hergenommen?"

Der Junge erzählte offenherzig, wie sie den Vater selber begraben gewollt und beim Schaufeln des Grabes den Geldkasten gefunden hatten.

Der Pastor erklärte: "Den Geldkasten müßt ihr augenblicklich an die alte Stelle zurückbringen. Den hat der Teufel dorthin versteckt!"

Mit traurigem Herzen ging der Junge nach Hause. Was sollte man da anders tun als des Pastors Geheiß befolgen? Sie nahmen jedoch das Geld aus dem Kasten heraus und brachten dann selbander den Kasten an die alte Stelle zurück. Sie schütteten das Grab bis zum Rande mit Erde zu und gingen langsam nach Hause.

An der Kirchhofsmauer lauerte unterdessen der Pastor, ein weißes Laken um die Schultern, einen dreieckigen Hut auf dem Kopf. Kaum waren die Jungen ihres Weges gegangen, so sprang der Pastor aus seinem Versteck hervor, grub das Grab auf und holte den Kasten heraus. Aber o Wunder: auch nicht eine rote Kopeke war drin! Der Pastor fluchte und schimpfte, was er konnte.

Der Kirchenglöckner hatte einen Ziegenbock. Der kam jeden Tag auf den Pastoratshof weiden. Diesen Bock ließ der Pastor schlachten und das heile Fell zusammen mit den Hörnern abziehen. Er zog sich das frische Bocksfell über den Leib, ging in der Abenddunkelheit zur Hütte der Jungen und rief: "Bringt mir mein Geld her!"

Die Jungen waren tief erschrocken. Sie sprangen auf den Ofen zum Gelde. Das Geld lag auf dem Ofen in einem großen Sack. Das gehörnte Gespenst hörte nicht auf, das Geld zu verlangen, und wollte es gar mit Gewalt fortnehmen. Schließlich wußten die Jungen keinen anderen Rat: sie mußten das Geld dem Gehörnten herausgeben. Der nahm das Geld und ging seines Wegs.

Zu Hause wollte der Pastor seinen Gespensterrock wieder ausziehen. Umsonst! Der war wie angewachsen. Schließlich rief der Pastor einen Knecht herbei, damit er ihm die Hörner mit einer Eisenstange vom Kopfe herunterschlage. Er zählte selbst: eins, zwei, drei! Der Knecht schlug zu. Der gehörnte Pastor aber schrie jämmerlich auf.

Mehrmals noch versuchte der Knecht die Hörner vom Kopfe zu schlagen, doch alles war umsonst. Der Hörnerträger brüllte geradezu vor Schmerz.

Vor Schrecken und Schmerz legte sich der gehörnte Pastor endlich ins Bett.

Der Küster hörte von der Sache. Er ging den Pastor besuchen. Man antwortete ihm: "Der Herr ist krank, er kann niemand empfangen."

Der Küster aber ließ nicht locker. Nach langem Drängen machte der Knecht endlich die Stubentür auf. Der Küster blickte hinein: die Hörner ragten unter der Decke hervor. Der Küster erschrak so sehr, daß er sofort der Länge nach hinstürzte. Er war tot.

Darauf wollte der Glöckner den Pastor besuchen. Er hatte einen schauerlichen Schreck, rief: "Hörner, Hörner!", fiel hin und war gleichfalls tot.

Vor Scham und Entsetzen wagte es der Hörnerträger nicht mehr, noch länger dort zu bleiben. Er ließ am Abend anspannen, stieg in den Wagen und fuhr in die Stadt. Dort hat er unter Freunden noch mehrere Jahre gelebt. Die Hörner aber ist der Arme niemals mehr losgeworden.

Die wunderbare Flöte

Ein junger Schweinehirt hatte eine so gute Flöte, daß, wenn er sie blies, alles geschah, was er nur wünschte. Einmal war er mit seiner Schweineherde an der Landstraße; er blies die Flöte, und die Schweine tanzten. Da ging eine reiche Kaufmannstochter des Wegs vorbei. Sie war sehr verwundert darüber, daß die Schweine tanzten, und wollte dem Burschen ein Schwein abkaufen. Der Bursche war auch bereit, es zu verkaufen. Er stellte nur die Bedingung, daß die Kaufmannstochter ihm ihr Gesicht zeigen solle.

Die Kaufmannstochter war's zufrieden. Sie lüftete ihren Schleier und zeigte dem Burschen ihr schönes Gesicht. Dann ließ sie das Schwein nach Hause bringen. Sie hoffte nun, daß das Schwein zu tanzen anfangen werde, das Schwein tanzte aber gar nicht.

Am andern Tage klagte die Kaufmannstochter dem Burschen ihr Leid: "Hör einmal, Bursch, das gestrige Schwein tanzt gar nicht!"

Der Bursche antwortete: "Wohl wahr, jenes tanzt nicht gut, aber die andern tanzen besser!"

Die Kaufmannstochter wollte sich sogleich ein anderes Schwein kaufen.

Der Bursche erwiderte: "Zeigt mir Euren Hals, dann bekommt Ihr ein Schwein, welches tanzt!"

Die Kaufmannstochter zeigte ihm ihren Hals. Dann bekam sie ein anderes Schwein. Daheim erzählte der Bursche seinem Herrn, daß der Wolf das Schwein geholt habe.

Die Kaufmannstochter wartete, daß das Schwein zu tanzen anfange, aber sieh mal an! Das Schwein tat nichts, was nicht auch andre Schweine tun.

Am nächsten Tage ging die Kaufmannstochter wieder, dem Burschen ihr Leid zu klagen, daß das Schwein nicht tanze.

Der Bursch entgegnete: "Das Schwein versteht nicht allein zu tanzen. Nehmt noch ein drittes dazu, das tanzt am allerbesten. Dann tanzen sie alle zusammen!"

Die Kaufmannstochter fragte, was das Schwein koste.

Der Bursche antwortete: "Zeigt mir Euren Hals bis zu den Armen!"

Die Kaufmannstochter zeigte es ihm. Der Bursche sah, daß die Kaufmannstochter unter dem einen Arm Goldhaare hatte, unter dem anderen Silberhaare. Der Bursche gab ihr das dritte Schwein ab.

Zu Hause erzählte der Bursche seinem Herrn, daß der Bär das Schwein geholt habe. Der Herr jagte den Burschen fort, weil er jeden Tag sich ein Schwein rauben lasse.

Der Bursche ging seines Weges und blies zum Zeitvertreib seine Flöte. Da sieht er: es kommt ein Wagen, und drei Männer sind darin. Der Bursche bläst die Flöte und denkt: ›Die Pferde sollen tanzen, die Herren sich prügeln!‹

Sofort begannen die Pferde vor dem Wagen zu tanzen und die Herren im Wagen sich zu prügeln. Die Pferde liefen aber immer weiter.

Nach kurzer Zeit holte wieder ein Wagen den Burschen ein, ein Herr saß darin, ein schwarzer Hengst war vorgespannt. Der Bursche blies seine Flöte und dachte: ›Möchte jener Herr mich in den Wagen nehmen!‹

Der Herr hielt sogleich das Pferd an und rief den Burschen in seinen Wagen. Er fragte den Burschen: "Fuhr hier nicht ein Wagen vorbei, in dem drei Herren saßen?"

Der Bursche erwiderte: "Freilich fuhr er vorbei, aber die Herren zankten sich untereinander!"

Der Herr erklärte: "Wie sollten sie sich denn nicht zanken? Wir fahren alle vier, um die Kaufmannstochter zu freien. Sie zankten sich deswegen, wer von ihnen die Kaufmannstochter bekommen solle."

In solchem Gespräch erreichten sie das Haus des Kaufmanns.

Der Bursche bat: "Ich komme mit in die Stube hinein und kriech unter den Tisch. Wenn Ihr zu essen anfangt, so werft auch mir einige Mundvoll unter den Tisch hinab!"

Der Herr versprach es. Die andern Herrn waren schon in der Stube und säuberten ihre blutigen Gesichter und Kleider. Jener, der mit dem Burschen gekommen war, wurde am allerfreundlichsten aufgenommen.

Man setzte sich nun an einen prächtigen Tisch, um zu speisen. Während des Essens warf der Herr dem Burschen unter dem Tisch auch etwas zu.

Nach der Mahlzeit sprach der Kaufmann: "Nur derjenige bekommt meine Tochter, der ihre besondern Kennzeichen nennen kann!"

Der Bursch unter dem Tisch sprach: "Eure Tochter hat unter dem einen Arm Goldhaare, unter dem andern Silberhaare!"

Der Herr sagte gleich: "Habt ihr es nicht gehört, ich hab es gesagt!"

Die Kaufmannstochter hatte aber deutlich gehört, daß die Stimme unter dem Tisch hervorgekommen war. Man begann zu suchen, fand unter dem Tisch den Burschen und fragte ihn, ob er geantwortet habe. Kühn erwiderte der Bursche, er habe so gesprochen. Dann setzte er sogleich die Pfeife an den Mund und dachte, die Kaufmannstochter soll sich in ihn verlieben.

Sofort sprach die Kaufmannstochter zu den andern Herrn: "Dieser Bursche hat meine besondern Kennzeichen genannt, deshalb nehm ich ihn zum Mann!"

Der Kaufmann war damit zufrieden, die Freier dagegen zogen erbost ihres Weges. Dem Burschen wurden feine Kleider angezogen. Die Hochzeit dauerte ununterbrochen sieben Tage und Nächte. Es wurde genug gegessen und getrunken, genug musiziert und getanzt. Der Bursche lud auch seinen früheren Herrn zur Hochzeit ein, der kam aber nicht.

Nach dem Tode des Kaufmanns erbte der Bursche dessen ganzes Vermögen. Zu der Zeit aber verschwand die Flöte des Burschen. Er hatte sie ja auch nicht mehr nötig, weil er sowieso schon reich genug war.

Die drei genasführten Freier

Es war einmal eine sehr reiche und schöne Witwe, deren Mann schon vor ein paar Jahren gestorben war. Zu ihr kamen viele Freier, die sie zur Ehefrau wünschten; sie wollte aber vom Heiraten überhaupt nichts mehr wissen.

Da kamen nun einmal wieder drei junge Männer, die nacheinander ihre Werbung vorbrachten, die Witwe schickte sie jedoch ebenso heim wie die andern.

Die Männer gaben sich aber damit noch nicht zufrieden, sondern begannen, der Frau mit weiteren Besuchen lästig zu fallen: ein jeder pries seinen Reichtum und seine Liebe zu ihr, so daß die Witwe ihrer endlich überdrüssig wurde und im stillen Rat hielt, wie sie die Zudringlichen wieder loswerden könne.

Endlich fand sie auch ein gutes Mittel: sie ließ die drei an einem bestimmten Abend einzeln zu sich kommen, einen jeden immer eine Stunde später als den anderen, aber so, daß sie davon einander nichts sagen durften und ihr Kommen geheimhalten mußten.

Am bestimmten Abend kam nun derjenige, der als erster zur Frau geladen war. Die Frau sprach zu ihm: "Wenn du mich wahrhaft liebst, so verbring eine Nacht wie ein Toter in der Stube im Sarge." Der Mann war's zufrieden, ließ sich Totenkleider anlegen, ging hin und legte sich lang hingestreckt in den Sarg.

Nach kurzer Zeit kam der zweite Freier. Die Frau fragte ihn: "Wenn du mich wahrhaft liebst, willst du da eine Nacht in der Stube an dem Sarge eines Toten wachen?" Der Mann war's zufrieden und versprach, die Wache zu übernehmen. Die Frau legte ihm weiße Kleider um, band ihm zwei Gänseflügel an die Schultern, gab ihm eine brennende Laterne in die Hand und schickte ihn zum Sarge. – Der Mann, der im Sarge lag, schaute hin: "Wovor brauche ich mich nun noch zu fürchten, wenn ein Engel mich zu bewachen kommt?" – und war ganz ruhig.

Hierauf kam zur Witwe der dritte Freier, und sie fragte ihn ebenso wie die andern: "Wenn du mich liebst, willst du mir da eine Leiche aus der Stube tragen?" Der Mann war's zufrieden und sprach: "Und wenn der Teufel sie selbst bewacht, so will ich sie dir holen." Die Frau schwärzte ihm mit Ruß das Gesicht, band ihm zwei Bockshörner auf den Kopf und schickte ihn in die Stube.

Als er dort eintrat, erschraken alle drei, sowohl er selbst als auch der Engel und der Tote. Endlich fragte der Teufel den Engel: "Was hast du hier zu tun? Heb dich fort von hier! Ich hab den Befehl, diesen Toten in die Hölle zu bringen." – "Und ich habe den Befehl, diesen Toten zu bewachen", erwiderte der andre.

Nun erhob sich ein Kampf, und der Teufel begann die Oberhand zu gewinnen. Als der Mann im Sarge sah, daß der Teufel der Stärkere war, da fürchtete er, bei lebendigem Leibe in die Hölle getragen zu werden, sprang entsetzt aus dem Sarg und rannte davon, was er konnte.

Als die Kämpfer sahen, daß der Tote lebendig wurde, erschraken sie so fürchterlich, daß sie an nichts anderes dachten, als ebenso Hals über Kopf davonzulaufen.

Die Witwe, die alles dies aus einem Versteck beobachtet hatte, lachte darüber bis zu Tränen. Seit der Zeit verloren aber die drei alle Heiratslust und ließen die Witwe in Ruh.

Der Diebslehrling

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war ein Landmann, der andre aber ein Dieb. Der Landmann war verheiratet und Vater dreier Söhne, der Dieb dagegen hatte weder Frau noch Kind und wünschte deshalb, einen Neffen als Pflegsohn aufzunehmen, wobei er versprach, ihn sein Handwerk zu lehren.

Zuallererst nahm er seinen ältesten Neffen mit, um zu erproben, ob er zu seinem Pflegsohn tauge. Er brachte den Jungen zu sich und führte ihn in den Wald. Dort zeigte er seinem Neffen die Bäume und den Wald selbst. Als sie im Walde vorwärtsschritten, kamen sie zu einer freien Fläche. Der Neffe sah diese Fläche und sprach zum Onkel: "Schau, Onkel, was für eine schöne Fläche das ist! Ein guter Acker kann draus werden!"

Da sagte der Onkel zum Neffen: "Du kannst mein Handwerk sicher nicht erlernen, du bist zum Landmann geboren!"

Darauf brachte er seinen ältesten Neffen wieder nach Hause und nahm nun den mittleren Neffen mit, um ihn zu prüfen, führte ihn ebenso in den Wald und zeigte ihm die Bäume. Als der Knabe im Walde die Eschen und Birken sah, sprach er zum Onkel: "Wachsen da aber schöne Bäume! Daraus könnte man gute Wagenspeichen und Schlittensohlen machen."

Diesen Neffen brachte der Onkel ebenso wie den ersten nach Hause zurück und sagte: "Der kann mein Handwerk nicht erlernen, der ist schon ein fertiger Zimmermann!"

Nun kam die Reihe an den jüngsten Neffen. Den führte er ebenso in den Wald und zeigte ihm die Bäume wie auch seinen zwei älteren Brüdern. Als sie im Walde vorwärtsschritten, kamen sie zu einer krummen Birke. Als der Knabe die krumme Birke sah, sprach er zum Onkel: "Sieh doch, Onkel, was für eine schöne krumme Birke hier wächst, daraus könnte man einen guten Knüttel machen, um damit andern Leuten auf den Kopf zu hauen!"

"Nun sieh mal an, dieser Junge paßt mir, den kann ich mein Handwerk lehren!" sagte der Onkel und führte dann den Neffen in seine Diebeshöhle und lehrte ihn seine Kunst. Als er manch schönes Jahr beim Onkel verlebt und seine Kunst erlernt hatte, stellte ihn der Onkel auf die Probe, ob er in seinem Handwerk auch geschickt sei.

Eines Tages, als er mit seinem Onkel vor dem Eingange der Höhle saß, sahen sie, wie eine Frau mit einer Kuh durch den Wald ging. Als der Onkel die Frau erblickte, sprach er zu seinem Neffen: "Junge, jetzt gehst du augenblicklich und stiehlst dieser Frau ihre Kuh, ohne daß die Frau es merkt." Der Junge ging hin und dachte bei sich: ›Wie kann ich armer Mensch das zuwege bringen! Jetzt sitz ich in der Klemme!‹ Schließlich kam ihm aber doch ein guter Gedanke. Er lief auf dem Wege voraus, wo die Frau vorbeikommen mußte, und warf dort einen Handschuh zur Erde. Die Frau kam, sah am Wegrande auf der Erde einen Handschuh liegen und sprach: "Sieh mal, da liegt auf dem Boden ein neuer Handschuh. Wären es ihrer zwei, so würde es sich lohnen, sie aufzuheben, was fängt man aber mit dem einen an!"

Sie ließ den Handschuh liegen und ging ihres Weges. Inzwischen lief aber der Junge, eine Wegkrümmung abschneidend, voraus und warf dort den andern Handschuh hin. Die Frau kam auch an der zweiten Stelle vorbei, sah auf der Erde den andern Handschuh liegen und sprach: "Sieh doch, da liegt der zweite gleiche Handschuh hier am Boden wie der erste dort. Das gibt ein schönes Paar Handschuh; ich geh, auch den ersten von dort zu holen!" Mit diesen Worten band sie die Kuh am Rande des Wegs an einen Baum und ging nach dem andern Handschuh.

Der Junge band nun die Kuh vom Baume los und führte sie zu seiner Höhle. Daheim wurde die Kuh sogleich geschlachtet. Dann ging der Junge zur Höhle hinaus, um an dem Ufer eines kleinen Baches den Magen und die Gedärme der Kuh zu reinigen. Als er sich draußen befand und den Kuhmagen und die Gedärme reinigte, begann er mit sich selbst zu sprechen, indem er den Magen gegen die Steine schlug: "Ai, oi, ich bin es nicht allein gewesen, mein Onkel war auch dabei! Aii, oii, ich bin es nicht allein gewesen, mein Onkel war auch dabei!" Als der Onkel in der Höhle die Worte des Jungen hörte, dachte er, der Junge werde draußen geprügelt und ihn selber werde man auch festnehmen und dem Gericht übergeben. Da floh er schnell aus jenem Lande, ohne genauer nachzusehen, wie die Sache stand, und seine Schätze blieben alle in den Händen des Neffen. Da gab der Neffe von jenem Tage an das vom Onkel erlernte Handwerk, das heißt das Stehlen, auf, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute in großen Ehren und Reichtum.

Wie der Gutsbesitzer in den Himmel kam

Es war einmal ein Gutsbesitzer. Als sein Stündlein gekommen war, machte er sich auf den Weg nach dem Himmel. Er war schon mehrere Tage unterwegs, da kam er endlich zum Himmelstor; dort klopfte er mit zitternder Hand an. Gleich fragte Petrus: "Wer ist da?" Der Gutsbesitzer erwiderte: "Ich bin ein Gutsbesitzer, komme aus der sündigen Welt und bitte, mich in den Himmel einzulassen."

Petrus antwortete: "Gutsbesitzer werden im Himmel nicht aufgenommen, sie müssen alle direkt in die Hölle wandern, denn der Himmel ist voll von Juden, welche durch Schuld der Gutsbesitzer auf der Reise nach Amerika umgekommen sind."

Der Gutsbesitzer bat noch mehrere Male, doch Petrus gab immer dieselbe Antwort. Da half es denn schließlich nichts – er mußte in die Hölle wandern, denn auf die Erde wollte er auch nicht mehr zurück.

Auf dem Wege zur Hölle kam dem Gutsbesitzer sein alter Advokat entgegen, der fragte ihn: "Was siehst du so mißmutig aus?" Der Gutsbesitzer antwortete: "Wie sollt ich nicht mißmutig sein? Ich wollt in den Himmel kommen, aber Petrus ließ mich nicht zum Tor hinein. Er schickte mich in die Hölle, denn der Himmel soll voller Juden sein."

Der Advokat sprach: "Komm zurück! Ich will dich schon hineinbringen, hab ich doch auch auf Erden deine Sachen immer gut geführt; ich werd auch mit Petrus schon fertig werden." Der Gutsbesitzer ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ging sogleich mit dem Advokaten zurück.

Der Gutsbesitzer und der Advokat langten endlich vor dem Himmelstor an. Der Advokat klopfte ans Tor. Petrus fragte: "Wer ist da?"

Der Advokat antwortete: "Ein alter ehrlicher Gutsbesitzer mit seinem Advokaten."

Petrus sprach: "Ich habe doch schon gesagt, daß Gutsbesitzer nicht in den Himmel kommen!"

Der Advokat entgegnete: "Mach das Tor auf und laß wenigstens mich hinein."

Petrus öffnete das Himmelstor, der Advokat ging hinein und sagte zu Petrus: "Geh rasch und ruf mir den lieben Gott selber herbei, ich will ihn persönlich wegen des Gutsbesitzers sprechen; solange du fort bist, bleibe ich hier als Torhüter."

Petrus ging. – Kaum war er fort, so rief der Advokat mit lauter Stimme in den Himmel hinein: "He! Ich komme grade aus der Hölle, der Teufel versteigert heute alte Kleider!"

Pikkers Dudelsack

Im Jahre achtzehnhundertsechsundsechzig gab es einen trockenen Sommer. Warum war er wohl so trocken? Waaske, ein Zauberer, erklärte diesen trockenen Sommer folgendermaßen.

An einem warmen Frühlingstage legte sich Pikker1 in den Sonnenschein schlafen; den Dudelsack legte er an seine Seite und seinen Arm auf den Dudelsack, damit niemand ihm diesen stehlen könne.

Vanapagan2 ging zufällig vorbei und sah Pikker schlafen. Sofort bekam er Lust, den Dudelsack zu stehlen; aber er konnte ihn nicht in seine Hände bekommen, denn Pikkers Arm lag auf dem Dudelsack.

Vanapagan war nicht um einen Rat verlegen, er hatte sogleich einen Plan. Er nahm seinen Sohn auf die Arme und hob ihn empor, damit er den Dudelsack stehle. Aber dem Sohn ging es ganz ebenso: er konnte nicht heran, denn Pikkers Arm lag auf dem Dudelsack!

Vanapagan kratzte sich hinter dem Ohr, holte da eine Laus hervor, reichte sie seinem Sohn und hieß ihn, sie hinter Pikkers Ohr zu setzen, damit sie ihn dort beiße; wenn Pikker sich hinter dem Ohr kratze, solle er ihm sogleich den Dudelsack fortnehmen.

So geschah es auch. Die Laus fing an zu beißen; Pikker kratzte sich den Kopf, der Knabe nahm den Dudelsack fort und gab ihn Vanapagan.

Dann gingen sie sogleich in die Hölle. Vanapagan verschloß den Dudelsack hinter sieben Schlössern, von wo ihn niemand mehr herausbekommen konnte.

Als Pikker aus dem Schlafe erwachte und seinen Dudelsack nirgends fand, wurde er sehr traurig: woher sollte denn jetzt die Erde ihren Regen bekommen! Pikker erriet gleich, daß Vanapagan den Dudelsack gestohlen hatte; was konnte ihm aber da helfen?

Pikker begann zum Zeitvertreib mit seinem Sohn Fische zu fangen. Als sie bis zum Abend gefischt hatten, hatten sie noch keinen einzigen Fisch gefangen.

Plötzlich sah der Sohn, wie ein kleines Männchen unten mit einem Messer ins Zugnetz ein Loch schnitt, die Fische in seinen eigenen Sack laufen ließ und das Loch rasch wieder zunähte. Pikker nahm das kleine Männchen fest: das war Vanapagans Sohn, welcher sich mit Fischestehlen beschäftigte.

Der Knabe begann zu bitten: "Wir haben in der Hölle bald große Hochzeit, denn die Höllentochter heiratet, da haben wir frisches Fleisch nötig."

"Aber anders lasse ich dich nicht frei, es sei denn, daß du versprichst, mich auch zur Hochzeit zu rufen!"

Vanapagans Sohn hatte freilich keine Lust, ihn zu rufen, da er aber sah, daß man ihn anders nicht freilassen würde, so versprach er, Pikker zur Hochzeit einzuladen.

Da sagte auch Pikkers Sohn: "Wenn du mich nicht zur Hochzeit einlädst, nehmen wir dir die Fische weg; dann müßt ihr eure Hochzeit ohne frisches Fleisch abhalten."

Dem Knaben tat es leid, die Fische fahrenzulassen, und so lud er Pikkers Sohn ebenfalls zur Hochzeit.

Im Herbste, im Monat August, kamen die Einladungsschreiben: Pikker und sein Sohn sollten in die Hölle zur Hochzeit kommen.

Die Hochzeit begann. Die Höllengesellschaft tobte in der größten Hochzeitslust. Schnaps gab es so viel, daß die Hochzeitsgäste darin schwammen. Aller Art Instrumente – Dudelsäcke, Posaunen, Flöten und Trommeln – lärmten durcheinander. Der alte Satan war in bester Laune und blickte auf diese Hochzeitslust, wo alle Höllenbewohner hüpften und sprangen.

Plötzlich kam es Vanapagan in den Sinn, daß er noch einen Dudelsack habe, der hinter sieben Schlössern verschlossen lag. Er ging und brachte auch diesen her, um die Blasmusik zu verstärken. Wohl versuchte er, ihn zu blasen, aber er konnte keinen Ton herausbringen.

Pikker schaute hin: "Sieh da, wo mein Dudelsack ist! Könnt ich ihn nur in die Hände bekommen, ich würde euch schon etwas vorblasen!"

Alle Höllenmusikanten versuchten, darauf zu blasen, aber keiner konnte den Dudelsack handhaben. Schließlich sprach Pikkers Sohn: "Laßt auch mich probieren, ob ich nicht ein paar Töne herausbringe!"

Der Dudelsack wurde Pikkers Sohn übergeben. Der Knabe besah ihn von allen Seiten, dann setzte er ihn an seinen Mund. Alle Hochzeitsgäste versammelten sich um den Knaben, um den neuen Dudelsack hören zu können.

Kreuzmillionendonnerwetter! Als der Knabe loslegte, da fuhren Blitze aus dem Dudelsack und Donnergetöse erscholl. Viele der Hochzeitsgäste wurden vom Blitz erschlagen, und die am Leben geblieben waren, verschwanden spurlos.

Pikker und sein Sohn spazierten durch die leere Hölle und fanden nirgends ein lebendes Wesen. Pikker nahm den Dudelsack und blies darauf so, daß die Hölle krachte.

Fußnoten

1 Der Donnergott.

2 Der Teufel.

Der Lohn für die Rettung des Teufels

Es ging einmal ein Mann nach Schützenart mit einer Flinte in den Wald. Er kam an einen Fluß. Was sieht er aber da am Flußufer? Ein graues Männchen hat sich dort schlafend lang hingestreckt und scheint weder von der Erde noch vom Himmel etwas zu wissen.

Der Mann bleibt stehen und denkt nach, wo solch ein Männchen hergekommen sein könne.

Plötzlich sieht er aber, daß ein großer Wolf schnaufend an das schlafende Männchen heranschleicht und es zerreißen will. Der Mann läßt das aber nicht zu, sondern schießt den Wolf mit seiner Flinte tot.

Und das graue Männchen, welches niemand anders war als Vanapagan1, springt plumps! in den Fluß und verschwindet.

Der Mann bleibt stehen und denkt nach: ›Was für ein Teufelsmensch ist das gewesen?‹ Alsbald kommt aber der graue Mann wieder aus dem Wasser hervor, tritt vor den Schützen und fragt: "Hör, was willst du als Lohn dafür, daß du mich gerettet hast?"

Der Mann antwortet: "Gib mir aus gutem Herzen das, was du selber willst!"

Vanapagan sagte dem Manne, er solle an dem und dem Tage an dieselbe Stelle kommen, und fügte hinzu: "Nimm dann demjenigen mit, der dir am allernächsten steht!"

Der Mann versprach es. Vanapagan war verschwunden, und der Mann ging nach Hause ...

Zur verabredeten Zeit ging er wieder dorthin an das Flußufer, wo er Vanapagan gerettet hatte, und nahm seine Frau mit.

Er wartete schon eine Zeitlang auf Vanapagan. Der aber kommt und kommt nicht. Endlich sagt der Mann zu seiner Frau:

"Nimm das Messer und such mir den Kopf ab, bis Vanapagan herkommt!"

Die Frau tat so. Der Mann schlief sogleich auf dem Schoße seiner Frau ein.

Alsbald kam auch Vanapagan mit einem Goldkasten. Er sprach zur Frau:

"Hör, du hast jetzt ein Messer in der Hand; stoß es deinem Mann in die Kehle, daß er stirbt, dann bekommst du alles Gold für dich allein!"

Die Frau war in ihrem Leichtsinn gleich bereit, ihren Mann zu ermorden. Da legte aber Vanapagan seine Hand vor das Messer und erlaubte es nicht. Dann weckte er den Mann und sprach:

"Nun, Mann, sind wir jetzt nicht quitt? Du hast mich vor dem Tode gerettet, als der Wolf mich zerreißen wollte – jetzt habe ich dich vor dem Tode gerettet, denn deine Frau hätte jetzt mit dem Messer deinem Leben ein Ende gemacht, wenn ich dir nicht zu Hilfe gekommen wäre."

Das Gesicht der Frau war schamrot. Der Mann jedoch sagte:

"Wenn die Sache so steht, so sind wir natürlich quitt!"

Vanapagan aber sprach wieder:

"Nein doch; ich bleibe bei meinem Wort und zahle dir deinen Lohn aus. Ich wollte bloß deine Frau prüfen, ob sie bereit sei, ihren Mann zu ermorden, und zweitens wollte ich dich prüfen, ob du auf meine Worte eingehen wirst. Nimm aber jetzt dieses Gold und geh nach Hause. – Du hättest lieber deinen Hund mitnehmen sollen als deine Frau. Die Frau war bereit, dich zu töten, der Hund hätte das aber nimmer getan und hätte auch keinen Fremden an dich herangelassen."

Vanapagan war verschwunden. – Der Mann ging mit seiner Frau nach Hause. Daheim prügelte er sie durch und sagte:

"Du leichtsinniges Ding! Du wolltest mich ermorden? Hättest du es dann besser gehabt als jetzt, wenn du mich ermordet und du den Schatz für dich allein genommen hättest? Wart nur, du Galgenstrick! Ich werde dich lehren!"

Darauf lebten sie in ihrem Reichtum zusammen ein glückliches Leben.

Fußnoten

1 Der Teufel.

Wie ein Waisenknabe unverhofft sein Glück fand