Geschichte Japans -  - ebook

Geschichte Japans ebook

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Opis

In diesem E-Book wird die Geschichte des fernöstlichen Inselreichs erzählt, das den Europäern zwar oft exotisch erscheint, aber insbesondere im 20. Jahrhundert mit dem Alten Kontinent in engem Kontakt stand. In dieser Neuausgabe sind auch die jüngsten Geschehnisse um die Abdankung des 125. Tenno dokumentiert.

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EPUB

Liczba stron: 646




Geschichte Japans

Von Maria-Verena Blümmel, Günther Distelrath, Axel Klein, Josef Kreiner, Regine Mathias, Christian Oberländer und Detlev TaranczewskiHerausgegeben von Josef Kreiner

Reclam

6., aktualisierte und erweiterte Auflage

 

2010, 2017, 2018 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Coverabbildung: Japanische Teezeremonie. Holzschnitt von Yōshū Chikanobu, 1895

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2018

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961410-6

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019574-1

www.reclam.de

Inhalt

VorwortHinweise1 Ur- und frühgeschichtliche GrundlagenFrüheste Menschenfunde und PaläolithikumJōmon, das lange NeolithikumYayoi, »formative period« japanischer KulturKofun-Hügelgräber, Fragen der Ethnogenese und die Rolle des KontinentsDer Yamato-Staat des Altertums2 Die Dominanz des Kaiserhofs vom Ende des 7. bis zum 12. JahrhundertTennō und BeamtenstaatTennō und RegentschaftDie höfische Kultur3 Der frühe FeudalismusDie Zeit des UmbruchsProvinzen und GrundherrenGrundherren und AckerbauKrieger und VasallenKriegeradel an der MachtDie neue Zeit des Mittelalters4 Japan und die ostasiatische Staatenwelt an der Wende vom Mittelalter zur Frühen NeuzeitDas TributsystemZwei Königreiche in JapanMuromachi-Shōgune als »Könige von Japan«Das »lange« 16. JahrhundertDer Zusammenbruch der ZentralgewaltenDer Traum vom Reich: die drei ReichseinigerDie Nordgrenze des Reiches vom 14. bis zum 18. JahrhundertDie Korea-FeldzügeDie »Südbarbaren« – Händler und Missionare aus LusitanienJapanisches Silber und die WeltwirtschaftDas japanische EntdeckungszeitalterDas abgeschlossene Japan – ein europäisches Ideal5 Die vorindustrielle Dynamik der Frühen NeuzeitDie Entstehung des frühneuzeitlichen Gesellschafts- und WirtschaftsgefügesAllgemeine Systemkrise und vorindustrielles WachstumDer Übergang zur Moderne6 Von den Ungleichen Verträgen zur Großmacht – Japans Weg zum modernen NationalstaatLandesöffnung und Ungleiche VerträgeErste internationale Schritte in Asien: Beziehungen zu China und Korea, Einverleibung von Okinawa und HokkaidōZwischenfälle in Korea und der Japanisch-Chinesische KriegWiederannäherung an Russland und die Annexion Koreas»21 Forderungen«, Erster Weltkrieg, Sibirien-Intervention, Versailler KonferenzDie Meiji-Restauration und erste innenpolitische Schritte der neuen RegierungDer Übergang zum konstitutionellen HerrschaftssystemEntstehung und Entwicklung der politischen ParteienDie Verfassung und die Kokutai-IdeologieDie Gesellschaft der Meiji-ZeitDie Anfänge gezielter Industrialisierung7 Das Entstehen einer modernen städtischen Gesellschaft und Kultur, 1900/1905–1932Der schwierige Weg zur Parteienregierung, 1905–1918»Taishō-Demokratie«: Politischer Aufbruch und sozio-ökonomischer Wandel, 1918–1932Der Prozess der Urbanisierung: Das Beispiel TōkyōDer gesellschaftliche Wandel: Arbeiter(innen), Angestellte und neue Frauenberufe und die wachsende Bedeutung der StädteDie Veränderung der LebensweiseSchluss8 Japan im Krieg, 1931–1945Die Mandschurei-KriseDer Krieg mit ChinaDer Eintritt in den Zweiten WeltkriegDie Niederlage Japans9 Japan bis zum Anfang des 21. JahrhundertsNachkriegszeit und WiederaufbauWirtschaftsmacht JapanInformationsgesellschaft und »Internationalisierung«Die »Seifenblasenwirtschaft« und ihre FolgenDer 11. März 2011 und die FolgenAnhangTabelle zur EpochengliederungListe der Tennō, Shōgune, Ryūkyū-Könige und PremierministerLiteraturhinweisePersonenregisterZu den Autoren

Vorwort

Geschichte und Kultur Japans üben seit den ersten Kontakten zwischen beiden Welten um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf Europa eine besondere Anziehungskraft aus. Ein Teil dieser Faszination geht sicherlich auf die Tatsache zurück, dass die Geschichte dieses von Europa räumlich so weit entfernten Landes auffallende Ähnlichkeiten und Parallelen zu jener Europas zur jeweils gleichen Zeit aufweist, oder dass sie zumindest in dieser Weise interpretiert werden kann. So haben die Hidalgos und Jesuitenmissionare des 16. Jahrhunderts in Japan eine ihnen ohne Schwierigkeiten verständliche Feudalgesellschaft vorgefunden. Diese empfundene Europa-Nähe führte in der Folge dazu, dass Japan in der europäischen Geistesgeschichte vielfach als Vorbild – etwa in der Gegenreformation und Früh-Aufklärung – oder als Ort einer Europa-Kritik dargestellt wurde. Nach der Öffnung des Landes und dem Beginn der Modernisierung ab 1868 lassen sich Parallelen insbesondere mit der Geschichte Deutschlands, das ja erst drei Jahre nach Japan 1871 mit dem Aufbau des modernen Nationalstaates begonnen hat, aufzeigen. Nicht von ungefähr hat sich daher Japan in diesem Zeitabschnitt vielfach an deutschen Vorbildern orientiert. Auch im 20. Jahrhundert sind solche Parallelen mit Entwicklungen in Deutschland auffällig. Vor allem das Bündnis zwischen beiden Mächten im Zweiten Weltkrieg – wiewohl von beiden Seiten ungeliebt und zu Recht als »hohle Allianz« bezeichnet – sowie der ähnlich verlaufene wirtschaftliche Wiederaufstieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass in beiden Ländern eine gewisse Vertrautheit mit dem jeweils anderen vorausgesetzt und in der Bevölkerung auch so gefühlt wird. Heute gehören beide Länder zu den führenden Industrienationen der Welt, sehen sich aber auch den gleichen Problemen wirtschaftlicher, sozialer – besonders demographischer – und auch kultureller Art gegenüber, die wiederum ein engeres Zusammengehen erforderlich machen.

Die deutschsprachige Japanforschung hat in den vier Jahrhunderten ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Japan, seiner Geschichte, Kultur und Gesellschaft, eine Reihe ganz herausragender Ergebnisse erbracht, nicht nur auf dem Gebiete der Beschreibung, sondern auch auf dem der Deutung und Interpretation. Ein Teil dieser Ergebnisse ist heute noch gültig und integraler Bestandteil aller Japan-Diskurse.

Zuallererst muss hier der Name Engelbert Kaempfer genannt werden, ein Arzt, Botaniker und Entdeckungsreisender aus Lemgo in Lippe/Westfalen (1690–92 im Dienste der holländischen Vereenigten Oostindischen Compagnie (VOC) in Japan). Kaempfers Manuskript hat in seiner postum 1627 erschienenen englischen Übersetzung The History of Japan das Japanbild des Westens wie auch das Selbstbild Japans ganz nachhaltig geprägt mit seiner Darstellung der harmonischen Gesellschaft Japans als Vorbild für Europa. Als erster formulierte Kaempfer die Idee, Japan hätte sich Anfang des 17. Jahrhunderts freiwillig von der Außenwelt abgeschlossen, um den inneren Frieden zu sichern.

Verglichen mit den Leistungen auf den Gebieten der Literaturwissenschaft, Philologie und – in den letzten Jahrzehnten verstärkt – der Sozialwissenschaften sind allerdings zusammenfassende Darstellungen geschichtswissenschaftlicher Art eher selten geblieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nur wenige Überblicke zur Geschichte Japans in deutscher Sprache erschienen. 1968 erschien Das japanische Kaiserreich des US-Amerikaners John Whitney Hall in deutscher Übersetzung. Bis heute ist dies noch immer die zuverlässigste Geschichte Japans, sieht man einmal davon ab, dass allein schon das Erscheinungsjahr der Erstausgabe eine wirklich umfassende Darstellung und abschließende Interpretation der Nachkriegsgeschichte bzw. der Entwicklungen bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts unmöglich macht und vielfach umwälzende neuere Forschungen zu allen Teilbereichen der japanischen Geschichte nicht berücksichtigt sind. Hans Adalbert Dettmers Grundzüge der Geschichte Japans ist ebenso wie Reinhard Zöllners Geschichte Japans. Von 1800 bis zur Gegenwart ein Ergebnis des Hochschulunterrichts. Beide sind eher knapp gehalten bzw. beschränken sich auf einen Ausschnitt der gesamten Geschichte und wenden sich in erster Linie an Studierende. Die ursprünglich 1963 bis 1966 in japanischer Sprache in drei Bänden erschienene Nihon no rekishi von Inoue Kiyoshi ist 1995 von Manfred Hubricht als Geschichte Japans übersetzt herausgekommen. Sie ist ein typisches Produkt der marxistisch orientierten Geschichtsauffassung der liberalen »Nachkriegsdemokratie« Japans und setzt eine nähere Kenntnis dieser inner-japanischen Diskussion voraus, kann also kaum als erste Einführung empfohlen werden.

Die meisten Darstellungen der japanischen Geschichte benutzen für eine notwendige Gliederung des Stoffes ein Periodisierungsschema, das auch von der japanischen Geschichtsschreibung verwendet wird (s. Tab. S. 468 f.) und das sich ausschließlich an einem einzigen Kriterium orientiert. Dieses ist die Unterscheidung nach dem geographischen Ort, dem Sitz der die Macht ausübenden jeweiligen Regierung bzw. Regierungsorgans. Diese Gliederung beginnt im Jahre 710, als im nördlichen Teil der Yamato-Ebene (geographisch auch Nara-Becken genannt) die erste längerfristige Hauptstadt Heijōkyō (»FriedenspalastHauptstadt«) nach dem stadtplanerischen Vorbild von Chang’an, der Hauptstadt der chinesischen Tang-Dynastie, errichtet wurde. Nach dem späteren Namen der an Bedeutung rasch verlierenden Stadt wird diese Epoche als Nara-Zeit bezeichnet.

784 wird der Sitz des Tennō und der Regierung aus Nara wegverlegt, nicht zuletzt um dem Druck und den politischen Machenschaften der buddhistischen Klöster zu entgehen, und 794 das heutige Kyōto unter der Bezeichnung Heian-kyō (»Friedenshauptstadt«) als Regierungssitz etabliert. Die davon ihren Namen ableitende Heian-Zeit dauert bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, als 1192 eine in inneren Kämpfen die Vorherrschaft davontragende Militärclique im Ort Kamakura, im damals äußersten Osten des japanischen Reichsgebietes, ein Bakufu errichtet. Bakufu wird meist als »Zelt-Regierung« übersetzt. Der Begriff baku/maku bedeutet jedoch den übermannshohen, mit dem Wappen des Feldherrn geschmückten Spann-Vorhang, der das Oberkommando im Feldlager auf drei Seiten umgibt und vor Einsicht schützt. Die Bezeichnung »Feldlager-Regierung« sollte auf die militärische Genügsamkeit und Disziplin der neuen Machthaber, im Gegensatz zu dem ausufernden Prunk des Hofes und der Hofaristokratie, hinweisen.

Im Jahre 1333 wurde Kamakura in Feldzügen rivalisierender Clans niedergebrannt, und die siegreiche Partei verlegte ihr Bakufu zurück nach Kyōto in den Stadtteil Muromachi, um eine stärkere Kontrolle über den Hof auszuüben. Während jahrzehntelanger Kriegswirren im 16. Jahrhundert wurde Kyōto völlig zerstört. Der Jesuit Franz Xaver berichtet im Jahre 1550, er hätte nur armselige Hütten zwischen Brandruinen vorgefunden. Dennoch war die ideologische Bedeutung dieser Stadt als Sitz sowohl des Tennō als auch des Shōgun so groß, dass der erste der drei sogenannten »Reichseiniger«, Oda Nobunaga, erst mit der Besetzung Kyōtos 1568 seinen Machtanspruch als Herrscher ganz Japans anmelden konnte. Seinen Herrschaftssitz erbaute Nobunaga 1576 am Ort Azuchi am Biwa-See in Gestalt einer durch die Berichte der portugiesischen Jesuiten auch in Europa berühmten Burg. Sein Nachfolger, der Feldherr und kampaku (Reichskanzler) Toyotomi Hideyoshi, errichtete seine Residenz in Momoyama südlich von Kyōto und gleichzeitig 1583 die Zwingburg Ōsaka zur Sicherung der Herrschaft seiner Familie. Im Anschluss an die Perioden Kamakura und Muromachi werden daher die letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts als Azuchi-Momoyama-Zeit bezeichnet.

Anfang des 17. Jahrhunderts errichtete der aufgrund eher zweifelhafter Genealogien Anspruch auf das Amt des Shōgun erhebende dritte »Reichseiniger« Tokugawa Ieyasu erneut ein Bakufu mit Sitz in Edo, einem damals unbedeutenden Fischerdorf am Nordende der Bucht von Tōkyō. Dort verblieb der Sitz des Shōgunates der Edo-Zeit bis zur Rückgabe des Amtes an den Tennō im November 1867.

So einsichtig und praktisch sich diese Gliederung auf den ersten Blick erweist, so schwierige Probleme birgt sie in sich. Zunächst ist klar, dass die japanische Geschichte nicht erst im Jahre 710 beginnt und auch nicht 1867 endet. Das erste Problem versuchte man dadurch zu lösen, dass man den Namen der Landschaft Asuka in der Südostecke des Nara-Beckens, in der sich bis auf wenige Ausnahmen die kurzfristig errichteten und wieder aufgegebenen Paläste und Regierungssitze mehrerer Herrscher im 7. Jahrhundert befanden, als Bezeichnung dieses Zeitabschnittes des altjapanischen Staates verwendete. Asuka ist allerdings genuin ein Terminus der Kunstgeschichte und als solcher im Zusammenhang mit politischer und Ereignisgeschichte missverständlich. Das zweite Problem ist noch einfacher umgangen worden, indem – ganz in Übereinstimmung mit dem oben angeführten Kriterium des Ortes des Regierungssitzes – nach 1868 von Tōkyō-Zeit gesprochen wurde. Allerdings gibt es in den etwa 140 Jahren, in denen Tōkyō nun schon Hauptstadt Japans und gleichzeitig auch Sitz des Tennō ist, mehrfach tiefgehende Brüche, die es schwierig machen, diesen Zeitabschnitt unter einem Terminus und Begriff zu subsumieren; es sei hier nur auf die sogenannte Meiji-Verfassung 1889, das Kriegsende 1945 und die darauf folgende »Friedens-Verfassung« von 1946 verwiesen.

Ebenfalls problematisch, weil kontrovers diskutiert, sind die jeweiligen Angaben von bestimmten Jahren für den Beginn bzw. das Ende der einzelnen Zeitabschnitte sowie die Frage der Behandlung von Übergängen. Für die Nara-Zeit ist z. B. das Jahr 710 als Beginn sowie 784 als Ende von Heijō-kyō als Regierungssitz durch kaiserliche Erlasse eindeutig. Die darauffolgenden zehn Jahre bis zur Etablierung von Heian-kyō wurden einfach als Weiterführung der Nara-Zeit behandelt. Ausgrabungen aus neuester Zeit haben jedoch eindeutig gezeigt, dass am Ort Nagaoka an der Verbindungsstrecke zwischen Heian/Kyōto und Ōsaka bereits Palast- und Regierungsbauten vollendet waren, nach 784 ein Regierungsumzug dorthin vollzogen worden war und man also folgerichtig zwischen 784 und 794 von einer Nagaoka-Zeit sprechen muss. Ebenso ist für das Ende der Heian-Zeit 1180 der Neubau einer Hauptstadt Fukuhara (im Gebiet der heutigen Stadt Kōbe) durch den Taira-Clan bekannt, in der auch der Tennō seinen Sitz nehmen musste. Am Übergang von der Kamakurazur Muromachi-Zeit wiederum kam es zu einem Schisma des Hofes. Der die kaiserlichen Regalien (Spiegel, Schwert und Krummjuwel) mit sich führende und daher als rechtmäßig anerkannte Süd-Hof nahm in den Bergen von Yoshino südlich der Nara-Ebene Zuflucht. Japanische Historiker nehmen dies zum Anlass, um von Nagaoka-, Fukuharabzw. Yoshino-Zeit zu sprechen, auch wenn dies zu einem immer komplizierteren Periodisierungsschema führt.

Da schließlich das Bakufu der Muromachi-Zeit mit den Bürgerkriegen der Ōnin- und Bummei-Ära ab 1467 seine zentralen Funktionen fast vollständig einbüßte, gab dies für die Geschichtsschreibung den Ausschlag, um für das 16. Jahrhundert von dem Kriterium des Regierungssitzes für die Gliederung von Geschichtsabschnitten abzugehen und die Zeit ab 1467 nach einem Terminus aus der chinesischen Geschichtsschreibung (Zhanguo, 476–221 v. Chr.) als Sengoku-jidai (»Periode der Streitenden Reiche«) zu bezeichnen, wobei deren Ende mit so verschiedenen Daten wie 1568 (Einzug Oda Nobunagas in Kyōto), 1598 (Tod Toyotomi Hideyoshis), 1600 (Entscheidungsschlacht von Sekigahara und Sieg von Tokugawa Ieyasu), 1616 (Fall der Burg von Ōsaka und Untergang der Familie Toyotomi) oder noch anderen belegt wird.

Dass sich eine nach einem so einfachen Kriterium aufgebaute und dabei gleichzeitig so komplizierte Fragen aufwerfende Periodisierung so lange gehalten hat, ist in erster Linie wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass sie in ihren Grundzügen mit einer ebenfalls schon früh entwickelten Gliederung nach einem weiteren höchst einfachen Prinzip übereinzustimmen scheint, nämlich dem Prinzip des die tatsächliche Macht ausübenden Geschlechtes (de nomine ist dies immer die keinen Namen tragende Familie des Tennō-Clans). Schon in der Asuka-Zeit gewinnt die Familie der Fujiwara die Vorherrschaft unter einer Reihe um die Macht rivalisierender Clans. Sie kann ihre Stellung in der Nara-Zeit ausbauen, und in der Heian-Zeit ist sie so einflussreich, dass sie über Generationen hinweg die jeweilige Hauptfrau des Tennō stellt. Im 12. Jahrhundert beginnt dann der Aufstieg zweier »neuer«, sich auf Zweigfamilien der Tennō-Linie zurückführender Geschlechter, der Taira (Heike) und der Minamoto (Genji). Sie dominieren die Zeitabschnitte Fukuhara bzw. Kamakura, ebenso wie dies für die mit den Minamoto weitläufig verwandte Familie der Ashikaga in der Muromachi-Zeit und für die Tokugawa in der Edo-Zeit gilt.

Sehr früh hat die Geschichtswissenschaft erkannt, dass die Namen der einzelnen Geschlechter für verschiedene Gesellschaftsschichten stehen. Insbesondere die stark marxistischen Denkschemata verhaftete japanische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts hat auf der Grundlage dieser Periodisierungsansätze versucht, zu größeren Einteilungen zu gelangen. So entspricht die Herrschaft der Fujiwara in der Nara- und Heian-Zeit in der Sozialgeschichte der Vorherrschaft des Hofadels kuge bzw. des Kaiserhofes; die Form der Machtverwaltung entspricht dem Beamtenstaat nach chinesischem Vorbild, wie er durch die Verwaltungserlasse ritsu und ryō im Jahre 701 geschaffen wurde. Die Geschlechter der Taira, vor allem jedoch jene der Minamoto, Hōjō, Ashikaga und der Tokugawa repräsentieren die Macht des Schwertadels buke, die bis ins 19. Jahrhundert hinein aufrechterhalten werden konnte. Sie wird im Gegensatz zu europäischen Idealformen jedoch in »dezentralisierten« (Kamakura- und Muromachi-Zeit) und »zentralisierten« (Edo-Zeit) Feudalismus unterteilt, unterbrochen von der bereits erwähnten Unruhezeit des 16. Jahrhunderts. Das Aufkommen einer bürgerlichen Kultur im 17./18. Jahrhundert (Edo-Zeit) wird als möglicher Ansatz zu einer »Herrschaft der Bürger« (chōmin) diskutiert, aber keineswegs allgemein in dieser Form anerkannt. Die »Herrschaft des Volkes« (kokumin, als Stand eher shimin) wird im modernen Nationalstaat ab 1868 nach marxistischer Geschichtsauffassung durch den japanischen Kapitalismus beeinträchtigt, wenn nicht unterdrückt, und kommt erst nach 1945 voll zum Tragen.

Parallel zur Gliederung der europäischen Geschichte werden schließlich jeweils mehrere dieser mehr oder weniger deckungsgleichen Perioden und Zeitabschnitte zu großen, übergreifenden Epochen zusammengefasst: Das Altertum der japanischen Geschichte, kodai oder jōdai, entspricht Asuka-, Nara- und Heian-Zeit mit der Herrschaft des Hofadels, insbesondere dem Geschlecht der Fujiwara. Kamakura- und Muromachi-Zeit, d. h. die Periode der Herrschaft des Schwertadels im Abschnitt des dezentralisierten Feudalismus, werden als Mittelalter chūsei zusammengefasst, wobei der Übergang zur Frühen Neuzeit kinsei der Edo-Zeit (Tokugawa-Shōgunat bzw. zentralisierter Feudalismus) nicht immer eindeutig festgelegt ist. Der darauffolgende Abschnitt der Neuzeit kindai umschließt die Tōkyō-Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1945, danach folgt die Gegenwart gendai ab 1945.

Im Hinblick auf die angeführten Schwierigkeiten, die diese bisher üblichen Einteilungsversuche einer Überblicksdarstellung in den Weg stellen, haben wir uns entschieden, in der vorliegenden Beschreibung einen anderen Weg zu gehen. Die Darstellung der verschiedenen, im Laufe der japanischen Geschichtsschreibung in den Vordergrund gerückten »großen« Daten der politischen oder der Ereignisgeschichte treten in den Hintergrund, und langfristige Entwicklungen, ausgehend von zunächst noch wenig auffälligen Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft oder im Wertesystem, gewinnen an Bedeutung. Vor allem kommt es zu jeweils längeren Übergängen und Überlagerungen, da ja Institutionen, selbst wenn sie mit einem Edikt neu geschaffen bzw. aufgelöst werden, ihre volle Bedeutung niemals sofort entfalten oder beenden. Dies gilt vielleicht in ganz besonderem Maße für Japan, wo zumindest ab Mitte des 6. Jahrhunderts die Linie des Tennō-Geschlechts ungebrochen an der Spitze des Staates steht, ohne jedoch durchgehend auch die Macht in Händen zu halten. Auch das Bakufu/Shōgunat hat nach seiner Schaffung 1192 ungebrochen bis 1867 bestanden.

Für die Periodisierung bieten sich folgende Institutionen an, die jeweils im Mittelpunkt der Darstellung eines durch sie geprägten Geschichtsabschnittes stehen, über diesen hinaus aber Bestand haben: In der Geschichte des altjapanischen Staates von der Frühzeit bis zum 8. Jahrhundert sind es die sog. uji (»Geschlechter« oder »Clans«), mächtige Familienverbände, die in wechselnden Koalitionen um die Vorherrschaft zunächst in der Yamato-Ebene und später darüber hinaus kämpften. Aus ihnen geht die im darauffolgenden Geschichtsabschnitt, der durch die Machtkonzentration auf die Institutionen Hof und Hofadel geprägt ist, dominierende Familie der Fujiwara hervor. In peripheren Regionen halten sich jedoch regional stark verwurzelte Familienverbände bis ins Mittelalter hinein. Sie bilden die Machtbasis des Süd-Hofes während des Schismas im 14. Jahrhundert und werden erst durch die Kämpfe der Reichseinigung im 16. Jahrhundert bzw. den zentralen Machtapparat des Tokugawa-Bakufu völlig vernichtet.

Das erste Edikt, das im Jahre 830 erblichen Anspruch auf Landbesitz, der von Besteuerung, Gerichtsbarkeit und militärischen Gefolgschaftsleistungen ausgenommen ist, anerkennt, öffnet den Weg zu der für die Etablierung des »dezentralisierten« Feudalismus grundlegenden Institution der shōen-Grundherrschaften, deren Reste erst im 16. Jahrhundert aufgelöst werden. Für das Mittelalter bietet sich die als einzige von außen Japan angebotene Institution, das von der chinesischen Hegemonialmacht etablierte System des »Tributhandels«, d. h. der freiwilligen Einordnung in das mit Handelsfreiheiten verknüpfte Hegemonialsystem der Großmacht China, an. In Ansätzen lässt es sich schon in vorgeschichtlicher Zeit und dann wieder im Altertum erkennen; für das Königreich Ryūkyū ist es bis 1879 politische Leitlinie, doch für Japan (einschließlich Ryūkyū) ist vor allem jener Zeitabschnitt, der durch die Vollendung dieses außenpolitischen und ideologischen Systems durch die Ming-Dynastie Chinas ab dem 14. Jahrhundert geprägt ist, entscheidend. Die Umdeutung dieser Institution durch die ersten Tokugawa-Shōgune Anfang des 17. Jahrhunderts im Sinne eines nun von Japan dominierten Hegemonialsystems zeigt Japans neues politisches Bewusstsein.

Der moderne Nationalstaat der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts baut auf dieser Vorstufe auf. Seine Ideologie öffnet Wege zu einem Verständnis des japanischen Imperialismus, der Kolonialfragen bis hin zu Problemen der Aufarbeitung von Krieg und Nachkriegszeit in der Gegenwart. Da der Schwerpunkt unserer Darstellung auf der Neueren und der Gegenwartsgeschichte Japans liegen soll, haben wir im 20. Jahrhundert noch weitere, detailliertere Teilungen eingeführt und der Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft in den 1920er Jahren (»Taishō-Demokratie«), des Militarismus in den 1930er Jahren (kurai tanima, »Dunkles Tal«) und schließlich der ökonomischen Institutionen in ihrem Wirken während des wirtschaftlichen (Wieder-)Aufstieges Japans in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Japan als Handelsstaat, Technologiestaat und schließlich als Informationsgesellschaft) breiteren Raum eingeräumt. Die Autorinnen und Autoren dieses Buches sind zahlreichen Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland, vornehmlich in Japan, für langjährige und wertvolle Unterstützung zu großem Dank verpflichtet, zu vielen, um sie hier einzeln und namentlich zu nennen. Herr stud. phil. Christian Gmür von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat die Tabellen des Anhanges zusammengestellt. Herr Jens Ostwald, Tōkyō, hat in der Endphase der Redaktion sein Fachwissen eingebracht. Die Karten stammen von Herrn Dipl. Ing. Martin Gref von der Abteilung Kartographie des Geographischen Instituts der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Ihnen allen gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank, wobei abweichende Interpretationen und Fehler ausschließlich uns anzulasten sind.

Hinweise

Zur Transkription: Die Umschrift des Japanischen im Text folgt der sog. Hepburn-Umschrift. Vokale werden wie im Deutschen, Konsonanten wie im Englischen ausgesprochen, lange dunkle Vokale (a, u, o) werden durch einen Längungsstrich (ā,ū,ō), lange helle Vokale (e, i) durch ein hinzugefügtes i (ei, ii) gekennzeichnet. Der Apostroph ’ bezeichnet eine Silbentrennung. Für Chinesisch wird die Pinyin-Umschrift, für Koreanisch das MacCune-Reischauer-System verwendet. Der Buchstabe ŏ entspricht einem eo.

 

Zur Zeitrechnung: Das japanische Kalenderjahr beginnt jeweils am ersten Neumond nach Ablauf eines sog. sekku-Abschnitts (= ca. 2 Wochen) nach der Winter-Sonnenwende, d. h. zwischen 21. Januar und 19. Februar unseres Kalenders. Im Altertum wurden die Jahre der Regierungszeit eines Herrschers durchgezählt. Anfang des 6. Jahrhunderts wurde aus China der sog. »60er Zyklus«, gebildet durch eine Kombination der zwölf Zeichen des ostasiatischen Tierkreises und der fünfteiligen Elementen-Reihe, übernommen. Im Jahre 645, fortlaufend ab 701, wurde schließlich vom Hof das chinesische System, anlässlich besonderer Anlässe nengō (Regierungsdevisen) zu verkünden, eingeführt. Die Bezeichnungen dieser nengō sind komprimierte Zitate aus den chinesischen Klassikern, deren Bedeutung sich der japanischen Allgemeinheit kaum mehr erschließt. Wir haben uns daher entschlossen, keine möglicherweise irreführenden Übersetzungen zu geben, sondern nur eine einfache lautliche Transkription zu gebrauchen. Ein besonderer Zeitpunkt für die Verkündung einer neuen Devise existierte lange Zeit nicht, sie konnte jederzeit erfolgen. Erst mit der Verfassung von 1889 wurde der Regierungsantritt eines Tennō als Beginn einer neuen nengō festgelegt, ihre Dauer auf die Lebenszeit des jeweiligen Tennō begrenzt und ihre, heute vom Kabinett verkündete, Bezeichnung als postumer Name dieses Tennō bestimmt (Meiji, Taishō, Shōwa, Heisei).

 

Personennamen werden in der in Japan (und allgemein in Ostasien) üblichen Form angeführt, d. h. zunächst steht der Familienoder Geschlechtername, darauf folgt der persönliche Vorname, im Altertum und Mittelalter oftmals durch ein genitivisches no verbunden (Minamoto no Yoritomo: Yoritomo aus der Familie der Minamoto).

1 Ur- und frühgeschichtliche GrundlagenVon Josef Kreiner

Epochenüberblick

Das Gebiet der vier japanischen Hauptinseln Hokkaidō, Honshū, Shikoku und Kyūshū erstreckt sich von Kap Sōya auf 45 Grad nördlicher Breite bis zum 31. Grad bei Kap Sata, der Südspitze der Halbinsel Ōsumi auf Kyūshū, und weiter bis zur Insel Hateruma, der südlichsten der Ryūkyū-Inseln am nördlichen Wendekreis. Nur 17 % dieses knapp 370 000 km² großen Gebietes sind für dauernde Besiedelung geeignetes Flachland. Zur Zeit der ersten Nachweise von Menschen in diesem Gebiet vor etwa 37 000 bis 16 000 Jahren bot sich jedoch ein ganz anderes Bild. Breite Landbrücken verbanden die Inseln mit dem Festland im Süden wie im Norden. Die ältesten Funde von Skeletten und Steingeräten (Paläolithikum) lassen vermuten, dass aus beiden Richtungen, Südostasien wie Sibirien, Einwanderungen stattgefunden haben. Nach neuesten Erkenntnissen wurde auch die älteste Keramik um etwa 14 000 v. Chr. von Sibirien über Nordjapan nach Süden verbreitet. Ab ca. 10 000 v. Chr. lässt sich über ganz Japan eine Keramik-Kultur mit Schnurmuster-(jōmon-)Verzierung nachweisen, die zunächst noch nicht als voll-neolithisch bezeichnet werden kann. Erst in ihrer zweiten Hälfte ist der Anbau von Kulturpflanzen nachweisbar, darunter im 1. Jahrtausend vor der Zeitwende auch schon von Reis. Die nachfolgende Yayoi-Periode (ca. 3. Jh. v. Chr. – 3. Jh. n. Chr.) ist durch reichen Gebrauch von Bronze (Kultgegenstände wie Bronze-»Glocken«, Spiegel, Hellebarden) gekennzeichnet. Sie wird allgemein als Grundlage der durch den Nassfeld-Reisbau charakterisierten japanischen Kultur angesehen. Aus chinesischen Quellen wissen wir auch, dass sich erste staatliche Gebilde und Föderationen unter Führung einer Königin Himiko von Yamatai im 2. Jahrhundert n. Chr. formten und mit Korea und China in Kontakt traten. Volk und Land wurden mit dem Namen Wa bezeichnet.

Karte 1: Japan und seine Großlandschaften

Auf der Matrix der Yayoi-Kultur entwickelte sich als letzte der urgeschichtlichen Perioden die nach den zahlreichen Grabhügeln der Fürsten und Oberschicht als Kofun (»Tumuli« oder »Hügelgräber«)-Kultur bezeichnete Eisenzeit Japans. Ein tiefgehender Wandel, ja Bruch in der Entwicklung dieser Kultur in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts legt die Vermutung nahe, ein Reiterkriegervolk hätte vom Kontinent kommend die einheimische bäuerliche Bevölkerung unterworfen und in der Yamatooder Nara-Ebene den Yamato-Staat Altjapans gegründet. In jedem Fall ist das Wa-Yamato-Japan dieser Zeit aktiv in die Kämpfe der Staatenwelt auf der koreanischen Halbinsel verwickelt. Durch ein Bündnis mit dem Staat Paekche (jap. Kudara), von wo u. a. die buddhistische Lehre um die Mitte des 6. Jahrhunderts nach Japan vermittelt wurde, einseitig gebunden, wurde Japan Mitte des 7. Jahrhunderts in den Strudel des Untergangs von Paekche mit hineingezogen. Als Folge verlor Japan die Vorherrschaft zur See, musste sich von der Halbinsel zurückziehen und in das hegemoniale Herrschaftssystem Chinas der Tang-Dynastie (Annahme der Verpflichtung zu Tributsendungen; jap. sakuhō – oder sappō-System) einordnen. Diese Verbindung wurde für die weitere kulturelle und politisch-institutionelle Entwicklung in der folgenden Periode von entscheidender Bedeutung. Im Inneren sind ab dem Beginn des 6. Jahrhunderts heftige Auseinandersetzungen zwischen einzelnen führenden uji (Geschlechterverbände) innerhalb des YamatoStaates zu verfolgen. Eine führende uji-Sippe vermochte sich weniger durch militärische Macht als durch priesterliche Ritualfunktion durchzusetzen. Als von der Sonnengottheit Amaterasu abstammend, nahm sie die zentrale Stellung innerhalb des in diesen Jahrhunderten mehrmals umgeformten japanischen Mythos, wie er Anfang des 8. Jahrhunderts dann schriftlich festgehalten wurde, ein. Dennoch sind sowohl aus koreanischen wie den späteren japanischen Quellen mehrere Dynastie-Wechsel zu rekonstruieren. Ab dem 7. Jahrhundert sind aber auch die letzten, heftigsten Gegner wie die Sippe der Soga ausgeschaltet, die Dynastie ist fest etabliert. Die Bezeichnung der früheren Herrscher – ō-kimi »Groß-König«, später sumera-no-mikoto »Erhabener Herrscher« – wird zu dem aus dem Daoismus Chinas übernommenen tennō »Himmels-Herrscher«, das Land setzt auch im Ausland die Bezeichnung Nihon (Nippon) »Sonnenaufgang« statt Wa durch. Mit der Assimilierung von Fremdvölkern wie den Hayahito im Süden und den Emishi im Norden ist die japanische Ethnogenese abgeschlossen, nur die (späteren) Ezo oder Ainu auf Hokkaidō bleiben noch außerhalb des Reiches.

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Früheste Menschenfunde und Paläolithikum

Die frühesten Menschenfunde auf dem Gebiet der japanischen Inseln gehen in das Pleistozän zurück. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor etwa 20 000 Jahren lagen die Temperaturen bis 8 °C niedriger und der Meeresspiegel 130 m tiefer als heute. Fast das ganze Gebiet des Gelben und des Ostchinesischen Meeres lag trocken, und nur schmale Meeresarme trennten Japan von der koreanischen Halbinsel bzw. von Taiwan. Im Norden verbanden Landbrücken Hokkaido mit Sachalin sowie dem Festland. Über diese Wege erreichten Großtiere wie der nach dem deutschen Geologen Edmund Naumann benannte Ur-Elefant, Großhirsche und Mammuts Japan. Mit ihnen zogen die ersten Menschen, Angehörige der ältesten Homo-Sapiens-Gruppe Ostasiens, nach Japan. Skelettfunde vom Yamashita-Cave (Stadt Naha, Okinawa) datieren etwa 37 000 vor heute, Funde aus der »Ziegenhöhle« Pinza-abu auf der Insel Miyako etwa 26 000 vor heute, jene aus dem Steinbruch von Minatogawa (Süd-Okinawa) 22 000 vor heute. Alle diese Fundplätze haben keine Kulturartefakte geliefert. Die etwa gleich alten Knochenfunde des Hamakita-man (Hamana-See, Präf. Shizuoka) sind dagegen von Mikrolith-Werkzeugen begleitet. Neueste Funde aus der Sakitari-Höhle auf Okinawa (35 000 vor heute) haben neben Skelettresten auch den weltweit ältesten und bisher einzigen Angelhaken aus Muschelschale (23 000 vor heute) erbracht. Die Grabung von Saonetabaru auf Ishigaki im Yaeyama-Archipel hat 19 fast vollständig erhaltene Skelette eines Gräberfeldes (20 000 vor heute) erschlossen, das weltweit einzigartig ist und Fragen nach den Jenseitsvorstellungen der ältesten Homo-Sapiens-Menschen aufwirft, aber auch nach deren Seetüchtigkeit.

Mehr als 10 000 Funde von Steingeräten einer vor-keramischen Periode – in Europa würde man von Paläolithikum sprechen, doch bereitet die Übernahme der an europäischen Befunden orientierten Periodengliederung in Ostasien Schwierigkeiten – lassen sich grob in zwei »Kulturen« gliedern. Ein als älter angenommener Fundkomplex wird durch grob zubehauene Steingeräte (als chopper und chopping-tools bezeichnet) charakterisiert, wie sie zuerst 1949 am Fundort Iwajuku, Präf. Gumma, Kantō-Raum, festgestellt wurden. Ähnlichkeiten mit Funden aus der Oberen Höhle von Choukou-tien bei Beijing, vor allem aber mit dem Hoabinian-Komplex in Indochina und dem Patjitanian Javas lassen Verbindungen zu Südostasien vermuten. Datierungen sind äußerst unsicher, da Fragen der geologischen Stratifizierung umstritten sind. Der zweite, offensichtlich jüngere Komplex mit Mikrolithen, kleineren Geräten wie Klingen, Spitzen und Schabern aus Obsidian, findet sich etwa 20 000 vor heute in Hokkaidō (mit Verbindungen nach Sibirien) und überquerte 14 000 vor heute die damals sehr schmale Meeresstraße von Tsugaru nach Süden. Der europäischen Terminologie nach würde diese Fundgruppe dem oberen Paläooder dem Mesolithikum entsprechen.

Jōmon, das lange Neolithikum

Fast zeitgleich mit diesem Mikrolithen-Komplex lassen sich die frühesten Keramikfunde Japans datieren. Sie schließen im Norden an die Oshipovka-Kultur (Amur-Region bis Baikalsee; ca. 16 000 vor der Gegenwart) an. Sehr frühe Funde stammen von der Tsugaru-Halbinsel, Nord-Honshū (16 500 vor heute), aus Shikoku, Präf. Ehime (12 165 +/– 600) und aus dem Fukui-Cave, Präf. Nagasaki (12 700 +/– 600). Dieser Fundkomplex wird durch eine handgeformte, in Tonwulst-Technik aufgebaute und mittels aufgesetzter Tonstreifen, meist jedoch durch das Abrollen geflochtener Schnüre (jōmon, »Schnur-Muster«) verzierte Keramik charakterisiert und danach als Jōmon-Kultur bzw. -Periode bezeichnet. Während dieser mehr als 10 000 Jahre fortdauernden Zeit lassen sich vor allem in den Keramikformen mehr als 50 regionale und zeitliche Typen unterscheiden, wobei ungeklärt ist, inwieweit es sich dabei auch um weitergehende kulturelle Differenzierungen handelt. Die Menschen jener Zeit sind in erster Linie, natürlich in der Anfangsphase ausschließlich, Jäger, Sammler und Fischer. Begünstigt von der vor etwa 11 000 Jahren beginnenden Warmzeit können sie vor allem in Nordost-Japan (Tōhoku-Region Honshūs) ein sehr reiches Leben führen, das demjenigen der von der Ethnologie als affluent foragers bezeichneten Völker etwa des prähistorischen Baltikums oder der rezenten Nordwestküste Nordamerikas entsprochen haben dürfte: Der zum Laichen die Flüsse hinaufziehende Lachs, das Sammeln von Waldfrüchten (Maronen, Nüsse, Haselnüsse, Wacholderbeeren u. a.) und die Jagd – unterstützt von dem vom Kontinent übernommenen domestizierten Hund – ermöglichten die Anlage reicher Vorratslager, die wiederum über Jahrhunderte hindurch besiedelte große Dörfer möglich machten. Der Fundplatz Sannai Maruyama (Präf. Aomori) war von etwa 5500 bis 4000 vor heute (Wende vom Frühen zum Mittleren Jōmon) besiedelt. Es handelt sich um ein von Palisaden umgebenes Dorf mit mehr als 100 Gruben- und Langhäusern. Rätsel gibt ein auf sechs riesigen Pfählen aus Kastanienholz ruhendes, zweistöckiges Pfahlhaus auf.

Ab der Mitte der Jōmon-Periode mehren sich die Hinweise auf Ackerbau, also auf das Bestehen eines »Voll-Neolithikums«. Der Anbau von Sojabohnen ist vor 3600 Jahren nachgewiesen, wenig später der mehrerer Arten von Hirse und Kürbis. Knollenfruchtanbau ist nur indirekt erschlossen. Vor allem die Spätphase der Jōmon-Periode (Kamegaoka-Kultur) ist gekennzeichnet durch ein Ausufern des Dekors an großen Keramikgefäßen und Hinweise auf eine mögliche religiöse Verehrung einer Muttergottheit (Verbindung Frau – Mond – Wasser – Schlange – Unsterblichkeit), wie sie durch Funde von Tonfiguren und -masken erschlossen werden kann und im Mythos wie Volksglauben der historischen Zeit weiterlebt. Ob und wie weit die Jōmon-Kultur als Basis der späteren japanischen Kultur angesehen werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Festgehalten werden muss, dass es sich nicht um eine einheitliche, fest geschlossene Kulturtradition gehandelt hat, so dass sehr wohl einzelne lokale Ausprägungen stärker als andere überlebt haben und in späteren Kulturschichten aufgegangen sein können. Ganz besonders gilt das für die Sprache: Eine einzige »Jōmon-Sprache« hat es nicht gegeben, man nimmt vielmehr die Existenz von bis zu mehreren hundert Sprachen in Japan für die Jahrtausende vor der Zeitwende an. Auf Hokkaidō dauert die Kulturfiguration der Jōmon-Periode lange an – nun als Epi-Jōmon bezeichnet – und wird erst um 800 n. Chr. von der Ochotsk-Kultur mit Schwerpunkt im Raum um das Ochotskische Meer bzw. der Satsumon-Kultur (8.–12. Jh.) abgelöst. Auf den Inseln der Ryūkyū-Kette im Südwesten, die nur teilweise von Jōmon durchdrungen worden waren, folgt in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. zunächst eine als »Muschelhaufen-Kultur« bezeichnete Phase, dann um ca. 1000 n. Chr. die durch zahlreiche Wehrbauten (gusuku) charakterisierte Gusuku-Periode, die bereits Verbindungen zu China und Zentral-Japan besitzt.

Yayoi, »formative period« japanischer Kultur

Um etwa 300 v. Chr. tritt ein neuer, veränderter Kulturkomplex auf den Hauptinseln Kyūshū, Shikoku und Honshū auf. Er ist gekennzeichnet durch eine auf der Töpferscheibe hergestellte, hart gebrannte rötliche Keramik mit runden Tellern und zylindrischen Töpfen ohne Verzierung. Nach dem ersten Fundort auf dem Gelände der heutigen Tōkyō-Universität wird von Yayoi-Kultur bzw. -Periode gesprochen, ihr Zeitraum etwa vom 5./ 3. Jahrhundert vor bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. festgelegt. Lange Zeit nahm man eine »neolithische Revolution« an, mit raschem Vordringen des Nassreis-Anbaus und der damit verbundenen Kultur (von den Ackerbaugeräten bis hin zu religiösen Vorstellungen, Kult und Ritual) von China südlich des Yangtse nach Nord-Kyūshū und weiter nach Osten. Dies, so wurde postuliert, sei die entscheidende Phase der japanischen Ethnogenese und der Entstehung der japanischen Kultur, die mit dem Nassfeld-Reisbau gleichgesetzt wurde. Inzwischen ist jedoch klar geworden, dass es sich um mehrere langfristige und sehr viel umfassendere Entwicklungen gehandelt hat. Der japanische Reis (Oryza japonica; Rundkorn, das beim Kochen Stärke freigibt) stammt aus dem weiten Gebiet Südostasiens. Bereits im 10. Jahrhundert v. Chr., also in der Spätphase des Jōmon, hat diese Reissorte von Süd-China über die Shandong-Halbinsel, möglicherweise weiter über Korea oder auch direkt, Nord-Kyūshū erreicht. Im 7./6. Jahrhundert v. Chr. ist sie im Kansai-Raum und im 1. Jahrhundert v. Chr. in Kantō nachgewiesen. Gleichzeitig verbreitete sich, ebenfalls aus dem Jōmon herüberkommend, der Anbau von Trockenreis, Hirse, Gerste und Buchweizen auf Brandrodungsfeldern. An Haustieren traten das Schwein (schwer zu unterscheiden vom einheimischen Wildschwein) und das Huhn (aus Südostasien) neben dem Hund auf. Die Ziege erreichte erst später, ebenfalls aus Südostasien, Okinawa. Die Katze wurde erst in historischer Zeit als Geschenk eines chinesischen Kaisers bekannt.

Neben geschliffenen Steingeräten, etwa halbmondförmige Erntemesser, mit denen die Ähren abgeschnitten werden, kommen aus Sandeisen gegossene Geräte (Sicheln, Blätter von Hacken und Spaten) sowie eine Vielzahl von Bronzeobjekten auf. Bei den letzteren fallen auch aufgrund ihrer regionalen Verbreitung Bronze-»Glocken« (dōtaku) bis zu 1,2 m Größe ohne Klöppel vor allem im Kansai-Raum, riesige Hellebarden in Kyūshū und Schwerter im Raum der Inlandsee auf. Alle diese Geräte sind offensichtlich für den Kult bestimmt gewesen und wurden gehortet, ebenso wie aus China erhaltene, aber auch in Japan selbst gegossene Bronze-Spiegel. Spiegel und Schwert bilden, zusammen mit der Halskette von Krummjuwelen (magatama, als Kette mikubidama; kommaförmig gekrümmt geschliffene Edelsteine), bis heute die drei Reichskleinodien. Der Spiegel als Verkörperung der Sonnengottheit wird im Ise-Schrein verwahrt, das Schwert ging 1192 in der Seeschlacht von Dan-no-ura verloren; nach anderer Überlieferung liegt es im Shintō – Schrein Atsuta-jingū in Nagoya. Die Kette wird in einem Raum des Palastes aufbewahrt, und mit ihrem Anlegen am Tag nach dem Hinscheiden eines Herrschers tritt der neue Tennō sein Amt an.

Die Yayoi-Periode hat einige sehr bekannte Fundorte hinterlassen, so Toro nahe Shizuoka, Karako in der Nara-Ebene und vor allem Yoshinogari in der Präf. Saga auf Kyūshū. Yoshinagari war die gesamte Yayoi-Periode hindurch besiedelt, besonders in der Spätphase (1.–3. Jh. n. Chr.) als zentraler Ort eines größeren Herrschaftsbereiches ausgebaut worden zu einer befestigten Stadt mit zweifachem Graben und Palisadenwall, Wachttürmen, Toranlagen, zahlreichen Grubenwohnungen, Pfahlspeichern und einem dreistöckigen Kult(?)bau. Alle Yayoi-Siedlungen umfassten auch ausgedehnte Bestattungsräume bzw. Friedhöfe (Steinkistengräber; Graburnen in Kyūshū; Tumuli in der Spätphase).

Die Menschenfunde aus der Yayoi-Periode zeigen zwei verschiedene Typen: eine Menschenform, die deutlich aus der Jōmon-Periode hervorgegangen ist, mit kräftigem Knochenbau, gedrungenem Körper und breitem Gesicht, und eine vor allem in Nord-Kyūshū und in Yamaguchi am Westende von Honshū auftretende Form mit größerem Wuchs und langem Schädel bzw. schmalem Gesicht. Die moderne Anthropologie kann aufgrund von Blutgruppen-, Rhesusfaktor- und Gen-Forschung den zweiten Typ mit dem Kontinent, vor allem Süd-China, verknüpfen. Die Frage bleibt jedoch, ob es sich bei diesen Vorgängen um eine Substitution, d. h. einen grundlegenden, vollständigen Wechsel in der Bevölkerung, um eine Metisation, d. h. ein Verschmelzen zweier Bevölkerungsteile, oder um eine aufgrund des Wechsels in der Ernährung eingetretene Transformation handelt.

Alle Forscher sind sich jedoch einig darin, dass der Wechsel von Jōmon zu Yayoi eine Verschiebung des Bevölkerungs- und damit auch Kulturschwerpunktes von Ostbzw. Nordost-Japan nach Westbzw. Südwest-Japan mit sich gebracht hat, und dass wir ab Yayoi auch mit einiger Sicherheit von »japanischer Kultur« zu sprechen berechtigt sind, auch wenn der Prozess der Ethnogenese noch lange nicht abgeschlossen ist. Die chinesischen Quellen, die über das Japan in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitwende berichten, überliefern in Orts- und Personennamen jedenfalls genügend Material, um die Sprachwissenschaftler sicher sagen zu lassen, die Sprache der Yayoi-Periode sei dem Altjapanischen des 8. Jahrhunderts eng verwandt.

Diese chinesischen Berichte erhellen jedoch vor allem auch frühe historische Abläufe in der zweiten Hälfte der Yayoi-Periode. Es handelt sich um die, offiziellen Chroniken der einzelnen Dynastien regelmäßig angehängten, Darstellungen zu den Randvölkern Chinas, hier die Kapitel über die »Barbaren des Ostens« (Tung-i), die zunächst nur kurze Anmerkungen, später jedoch eigene Abschnitte zu dem Volk der Wa (chin. Wo-jen) enthalten. Das Schriftzeichen für diese Volksbezeichnung enthält ursprünglich das sinnanzeigende Radikal »Tier«, erst später »Mensch«, und scheint einem Diminutiv zu entsprechen, der Name Wa selbst ist jedoch japanischen Ursprungs. Die Bezeichnung wird auch in die später aufkommende Benennung Yamato »Groß-Wa« für den altjapanischen Staat bzw. Japan allgemein übernommen.

Als erste berichtet die Chronik der Han-Dynastie aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., die hundert Länder der Wa im Ostmeer würden regelmäßig Tributgesandte in die Präfekturhauptstadt Lolang im Norden der koreanischen Halbinsel senden. Mit solchen Gesandtschaften wird die Vorherrschaft der Hegemonialmacht Chinas, besonders des chinesischen Herrschers als »Sohn des Himmels«, anerkannt. China ist daher an solchen Verbindungen interessiert und fördert sie (vgl. S. 155 f.).

Kaiser Wu-ti hat entsprechend im Jahre 57 dem König des Landes Na des Wa-Volkes ein goldenes Siegel verliehen, das die Einordnung in den chinesischen Herrschafts- und Kulturkreis (Schrift!) zum Ausdruck bringt. Der Fund eines solchen Siegels mit Griff in Form einer eingerollten Schlange auf der Halbinsel Shikanojima an der Hakata-Bucht, Nord-Kyūshū, im Jahre 1784 schien den Bericht des Han-shou eindrucksvoll zu bestätigen, wenn sich auch in jüngster Zeit Zweifel regen und eine Edo-zeitliche Fälschung für möglich halten. König Suishō aus einem der Wa-Länder soll 107 n. Chr. 160 Sklaven nach Lolang geschickt haben, danach brechen die Berichte ab.

Zwischen 146 und 188 haben Unruhen und kriegerische Auseinandersetzungen die Länder der Wa heimgesucht. Erst die Chronik der Nördlichen Wei-Dynastie, das Weichih (kompiliert von Chen Shou) mit ihrem Abschnitt über das Wa-Volk bringt wieder eingehende Berichte, die ausführlichsten und umstrittensten. Danach hätte eine Königin Himiko aus dem Lande Yamatai, die mit Magie das Volk beherrschte, im Jahre 188 alle Wa-Länder zusammengeführt und 239 eine Gesandtschaft an den Wei-Hof geschickt. Dieser wurden ein goldenes Siegel zur Anerkennung der Herrschaft der Königin verliehen und einhundert Bronzespiegel als Geschenk überreicht. Chinesische Gesandtschaften erwiderten die Anerkennungsdiplomatie und beschreiben detailliert ihren Weg von Korea über die Inseln Tsushima und Iki in die Länder Ito und Nu im Bereich des heutigen Fukuoka, wo sie anscheinend empfangen und abgefertigt wurden. Wo das eigentliche Land Yamatai gelegen hat, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Der Norden Kyūshū s wird sehr oft genannt, auch die Ausgrabung von Yoshinogari hat diesen Vermutungen Nahrung gegeben. Wenn jedoch der Yamato-Raum (Nara-Ebene, Kansai-Region) die Residenz der Königin Himiko gewesen sein sollte, würde das den Beginn des altjapanischen Yamato-Staates mit Yamatai verknüpfen und seine Tradition um mehrere Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückverlängern. In jüngster Zeit wird der Grabhügel des Hashibaka-Kofun südlich von Nara als Bestattungsstätte der Königin vermutet. 2009 haben Ausgrabungen bei Makimuku bei Sakurai (Präf. Nara) in unmittelbarer Nähe des genannten Grabhügels eine Anlage von vier großen (Palast?-)Gebäuden in einer Ost-West-Achse freigelegt, die Spekulationen nähren, vielleicht den Sitz der Königin von Wa gefunden zu haben. Zur Kultur der Wa erzählt das Wei-chih, dass die Männer ihre Körper tätowierten, um beim Tauchen im Meer angreifende Fische abzuschrecken. Sie kennten keine Pferde und Rinder, würden Reisbau betreiben und aus dem geernteten Reis ein alkoholisches Getränk bereiten, dem sie sehr zugetan seien. Als Kleidung trügen sie poncho-artige Überwürfe und würden ein Tuch um den Kopf wickeln. Ihre Gesellschaft sei klar gegliedert, es gebe Minister und Grenzwächter, und Niedrige würden am Wegrand niederknien, um Höherrangige zu grüßen. Kein Mann habe Zutritt zu ihrer Königin, einzig ihr Bruder überbringe ihre Befehle. Diese Angaben vermitteln ein Bild, das mit den Ausgrabungsbefunden übereinstimmt und diese wertvoll ergänzt. Allem Anschein nach handelt es sich bei der Kultur des Wa-Volkes, d. h. der Yayoi-Periode, bereits um eine gemischte mit verschiedenen Wurzeln im Süden (Tätowierung, Tauchfischerei, Reisbau) und Norden (Knochen-Divination).

Nach dem Tode der Königin Himiko zerfiel der Staatenbund der Wa, sie selbst wurde in einem Grabhügel bestattet. Erst Jahre danach, 266, gelang es der 13jährigen Königin Iyo erneut die Vorherrschaft zu erlangen, eine Gesandtschaft zum Kaiser der Westlichen Chin zu entsenden und um Investitur anzusuchen.

Kofun-Hügelgräber, Fragen der Ethnogenese und die Rolle des Kontinents

Karte 2: Ostasien um die Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr.

Der Yamato-Staat des Altertums

Eine Steinstele des Königs Kwanggaet’o (Hot’ae, jap. Kōtai-ō) von Kokuryŏ aus dem Jahre 414 nördlich des Yalu-Flusses berichtet, dass im Jahre 391 die Wa über das Meer gesetzt und gegen Silla und Paekche siegreich vorgegangen seien, bis sie von den Reiterkriegern Kokuryŏs bezwungen wurden. Die Gegner der oben erwähnten »Reiterkrieger-Hypothese« sehen in diesen für Japan verlustreichen Kämpfen den Anstoß, den gesamten »Reiterkrieger-Komplex« in einer Art Kulturübertragung zu übernehmen und in Japan noch auszubauen. Verglichen mit Kokuryŏ und Silla, die die soziale Organisation zentralasiatischer Reitervölker bewahrt hatten, war das stark sinisierte Paekche zu schwach, um allein zu bestehen, und schloss sich daher an Japan an, eine Allianz, die für die japanische Geschichte und Geistesgeschichte entscheidend wichtig wurde, man denke nur an die von Paekche im Sinne auch ideologischer Annäherung in die Wege geleitete Weitergabe der buddhistischen Lehre nach Japan. Ein erstes Zeichen dieser Annäherung an Japan ist das Geschenk eines »Sieben-armigen Schwertes«, einer Eisenklinge mit je drei an beiden Seiten ansetzenden Spitzen, im Jahre 372 an den japanischen Herrscher. Ein solches Objekt, laut Inschrift datiert 369, befindet sich im Isonokami-Schrein in Nara. Bereits in diesen frühen Auseinandersetzungen kamen zahlreiche Flüchtlinge, Emigranten oder Spezialisten verschiedenster Berufe nach Japan, die hier unter der Bezeichnung Kikajin integriert wurden. Nach dem im Jahre 815 kompilierten Shinsen Shoji-roku, einem Verzeichnis der Abstammungslinien von 1182 Familien und 424 Sonderlinien, stammt ein Drittel der japanischen Oberschicht des 9. Jahrhunderts ursprünglich vom Kontinent bzw. aus Korea. Familiennamen wie Aya und Hata sind repräsentativ für eine Abstammung aus Paekche resp. Silla.

Je nach den herrschenden Machtverhältnissen wurden die Überlieferungslinien der einzelnen uji zu einem größeren Ganzen, der staatstragenden Ideologie und Mythologie zusammengefasst, bis schließlich der Überblick immer schwieriger wurde und 682 der Herrscher Temmu den Auftrag gab, nach chinesischem Vorbild eine Genealogie der ō-kimi (»Groß-Könige«) zu kompilieren, das Teiki (»Kaiser-Chronik«), dem das Kyūji (»[Chronik] alter Dinge«) als Sammlung von Mythen und mündlichen Überlieferungen zur Seite gestellt wurde. Diese frühen Geschichtsquellen sind verlorengegangen, wurden jedoch bei der Kompilation von Kojiki und Nihongi verwendet. Dies ist in etwa auch die Zeit, in der das koreanische Geschichtswerk Samguk-sagi und auch chinesische Quellen für 607 berichten, das Land der Wa lege Wert darauf, von nun an als Nihon (»Aufgang der Sonne«) bezeichnet zu werden – ein Zeitpunkt, der von vielen Historikern als Abschluss der japanischen Ethnogenese gesehen wird. Das den Zentralraum Yamato in der Nara-Ebene und die dort mächtigen uji-Verbände kontrollierende Herrschergeschlecht, das sich in seiner Überlieferung auf die Sonnengottheit Amaterasu (wahrscheinlich ursprünglich ein männlicher Himmelsherrscher Takagi-no-kami) zurückführte, legte großen Wert darauf, dass sich unterwerfende lokale Geschlechter entsprechend in die Mythen-Tradition Yamatos einordneten, so etwa der Raum Izumo am Japanischen Meer mit der Hauptgottheit Susanowo (Izumo-Schrein, Präf. Shimane) oder das Aso-Gebiet in Mittel-Kyūshū (Aso-Schrein, Präf. Kumamoto). Diese Familien regierten als von Yamato kontrollierte kuni-nomiyatsuko (»Provinz-Statthalter«) weiter. Manche konnten ihre lokale Machtposition bis in das Mittelalter hinein bewahren.

Nach Ausschaltung der möglicherweise vom Kontinent gekommenen, sich jedenfalls in den Kämpfen in Korea und an den japanischen Reichsgrenzen auszeichnenden »Sujin-Ōjin-Yūryaku-Linie« hatte im 6. Jahrhundert das Geschlecht der Ōtomo die eigentliche Macht im Staate, gefolgt von dem das erbliche Amt des Feldzeugmeisters innehabenden Geschlecht der Mononobe und den auf dem Feld des Rituals führenden Soga und Nakatomi, den späteren Fujiwara.

Anfang des 6. Jahrhunderts verfolgte Ōtomo no Kanamura in Korea die Politik eines Ausgleichs mit Silla, dem große Teile von Mimana übereignet wurden. Da gleichzeitig Silla gegen Paekche vorging, musste Paekche mit weiteren Teilen Mimanas gestärkt werden (512, 513). In einem jähen Politikschwenk sollte nun der Feldherr Ōmi no Kenu die japanische Herrschaft in ganz Mimana wiederherstellen, doch warf sich ihm der Provinz-Statthalter von Tsukushi (Nord-Kyūshū) und wahrscheinlich Befehlshaber der Flotte, Iwai, in den Weg. Dieser Aufstand des Iwai im Jahre 527 konnte erst nach langwierigen Kämpfen durch Mononobe no Arakai niedergeworfen werden. Im Inneren standen sich nun Ōtomo und Mononobe gegenüber. Kyūshū als Flottenbasis war geschwächt worden und Mimana trotz mehrerer neuer Ansätze nicht mehr zu halten. 562 fiel es an Silla. In dieser Zeit wurde 538 oder 552 der Buddhismus durch König Sŏngmyŏng von Paekche an den japanischen Herrscher Kimmei vermittelt. Das letzte Datum fällt zusammen mit dem nach buddhistischer Lehre errechneten Einsetzen des Endzeitalters 1500 Jahre nach Buddhas Tod, ist also wahrscheinlich konstruiert, um Japan als dem Land, das das Endzeitalter beherrscht, eine besondere Rolle zuzuschreiben. In der Auseinandersetzung, ob man diese neue Lehre aufnehmen oder ablehnen sollte, sprachen sich Mononobe und Nakatomi dagegen aus. Die Soga entschieden sich dafür und übernahmen fortan den Schutz des Buddhismus. Nicht zuletzt diese Entscheidung bedeutete den folgenden Aufstieg der uji-Sippe der Soga: 572 wurde Soga no Umako führender Minister und stürzte 587 die Mononobe. 592 ermordete er Sushun-Tennō und konnte den mit einer Soga-Frau verheirateten Prinzen Shōtoku als Regenten eines weiblichen Tennō, seiner Nichte, installieren, bevor ihn dessen Sohn Naka no Ōe, der spätere TenjiTennō, mit Unterstützung des Geschlechts der Nakatomi in dem Staatsstreich des Jahres 645 ausschaltete.

Inzwischen hatte sich die Lage auf der koreanischen Halbinsel stark verändert. Zwischen 581 und 589 konnte die Sui-Dynastie China einigen und forderte die Entsendung von Tributgesandtschaften, um die Herrschaft ihres Kaisers im Inneren und Äußeren zu bekräftigen. Die Soga entsprachen der Einladung und sandten 600, 607, 609 und 614 Gesandtschaften. Als im Jahre 607 dem chinesischen Kaiser jedoch eine Botschaft gesandt wurde vom »Herrscher des Sonnen-Aufgangs« an den »Herrscher des Sonnen-Untergangs«, stellte dies einen so großen Affront dar, dass China die Annahme des Schreibens verweigerte. Kokuryŏ weigerte sich im Gegensatz zu Japan, Gesandte auszutauschen. Strafexpeditionen der Sui gegen Kokuryŏ scheiterten mehrfach unter strengen Wintern und brachten hunderttausende Verluste. Diese Niederlagen führten 618 zum Sturz der Sui durch die Tang-Dynastie. Japan scheint aus diesen Vorgängen auf eine gewisse Schwäche Chinas geschlossen zu haben. Auch als die Tang-Dynastie 645 den Angriff auf Kokuryŏ wieder aufnahm, blieb dieses Unternehmen lange erfolglos. Silla, das 654 dem japanischen Beispiel folgend den chinesischen Staatsaufbau übernommen hatte, verbündete sich daraufhin mit Tang zum Angriff auf Paekche. Trotz mehrerer Gesandtschaften an den Tang-Hof (630, 653, 659) gelang es Japan nicht, Tang zu beschwichtigen. Gleichzeitig war der YamatoStaat an seiner Nordgrenze in heftige Kämpfe verwickelt. 658 bis 660 unternahm der Feldherr Abe no Hirafu einen Feldzug gegen das Volk der Su-Shen (jap. Mishihase), die aus der Region um das heutige Wladiwostok die nordjapanischen Küsten angriffen. Dabei kämpfte er auch gegen das Volk der Emishi, wobei es sich möglicherweise um frühe Teile der späteren Ezo-Ainu handelt. Zwei Emishi wurden jedenfalls 659 dem Tang-Kaiser als Beweis japanischer Expansionserfolge präsentiert – auch dies ein nicht gerader geschickter Einfall. Im Jahre 660 fiel Paekche dem gemeinsam vorgetragenen Angriff der Tang-Dynastie und Sillas zum Opfer. Der König floh mit seinem Hof nach Japan und erhielt eine Residenz im Raum von Ōsaka, später im nördlichen Hyūga (heute Präf. Miyazaki). Der Kronprinz Paekches erhoffte sich jedoch, mit militärischer Unterstützung Japans das verlorene Reich wieder aufrichten zu können. Ein vor allem von der japanischen Flotte mit mehr als 400 Schiffen vorgetragener Angriff im Mündungsgebiet des Paekkang (jap. Hakusuki-no-e)-Flusses scheiterte in der Nacht vom 28. auf den 29. des 8. Monats 663 infolge des Unvermögens des Kommandierenden, der die an der koreanischen Küste extrem großen Unterschiede zwischen Ebbe und Flut nicht kannte. Die gesamte Flotte wurde vernichtet, Fluss und Meer waren »rot von Blut«. Erst 50 Jahre später löste eine japanische Gesandtschaft die letzten gefangenen Marinesoldaten aus chinesischer Gefangenschaft aus. Mit dem Fall Paekches und dem Verlust der Flotte fühlte sich Japan von einer bevorstehenden Invasion der Tang bedroht. Schon 664 wurde am südlichen Ausgang der Ebene von Fukuoka ein 14 m hoher und 1 km langer Wall (Mizuki) mit davorliegendem Graben gebaut, der noch bei den Mongolen-Einfällen im 13. Jahrhundert bemannt wurde. Bei Kurume baute man einen ähnlichen Wall und auf den Inseln Tsushima, Iki sowie in den Küstengebieten der Inlandsee wurden eiligst Befestigungsanlagen mit bemannten Signalfeuerstationen errichtet. Doch schon im gleichen Jahr erschien eine Gesandtschaft der Tang mit 47 Schiffen und 2000 »Gesandten« in Japan, die mehrere Jahre lang am Hofe blieb und sehr wahrscheinlich eine Politikwendung erzwungen hat. Die internen Kämpfe am Kaiserhof dürften dies widerspiegeln, bis schließlich mit dem Sieg des Temmu-Tennō 672 die Pro-Tang-Partei sich durchsetzte. Auch hier vermutet die Geschichtswissenschaft einen Wechsel der Dynastie.

Dass sich Tang-China nicht noch nachhaltiger mit Yamato auseinandersetzte, hatte seinen Grund wohl darin, dass sich der Verbündete Silla 675 gegen China wandte und die Tang siegreich aus Korea drängte. Ohne die Herrschaft über das nun geeinte Korea war für China eine Intervention in Japan nicht möglich, angesichts der freiwillig unternommenen Einordnung Japans in die Herrschaftssphäre der Hegemonialmacht China aber auch nicht notwendig. Äußeres Zeichen dieser Politik war die Teilnahme eines japanischen Gesandten an der feierlichen Zeremonie des fungshan am Berg Tai-shan auf der Shandong-Halbinsel im Jahre 666, bei der dem Himmel durch den chinesischen Herrscher die Vollendung der Unterwerfung des Erdkreises mitgeteilt wurde.

Die zahlreichen weiteren Gesandtschaften nach China (insgesamt 15 an den Tang-Hof) wurden jeweils von dem nach dem Verlust Koreas als unmittelbar dem Kaiserhof unterstehend eingerichteten »Außenamt« Dazaifu in Tsukushi (heute Präf. Fukuoka) abgefertigt. Ähnlich intensiv gestaltete sich der diplomatische Verkehr mit dem Reich Bohai (jap. Bokkai) eines sinisierten Tungusenvolkes in der Region Nordkorea-Mandschurei-Wladiwostok. Zwischen 727 und 930 wurden 35 Gesandtschaften empfangen und 13 dorthin entsandt, meist über Tsuruga und andere Orte am Japanischen Meer.

Nachdem seit 663 keine Unternehmungen in Korea mehr möglich waren, wandte sich das ganze Interesse des Yamato-Hofes der Abrundung seiner Herrschaft auf den japanischen Inseln selbst zu. Im Norden (Tōhoku-Region, Hokkaidō) traten die Emishi (vgl. Ainu enju »Mensch«, oder emush »Schwert«) als starke Gegner den Yamato-Siedlern gegenüber. 724 wurde nördlich der heutigen Stadt Sendai die starke Grenzbefestigung Taga-jō errichtet. Nach heftigen Kämpfen fiel diese jedoch 780 an die Emishi, die 789 ein japanisches Heer vernichteten. Erst die Feldzüge des Sakanoue no Tamuramaro 794–803 und 804–811 entlang der Küste des Japanischen Meeres nach Norden bis über die Tsugaru-Straße nach Hokkaidō beruhigten die nun bis an die Nordspitze Honshūs vorgeschobene Reichsgrenze. Dieser Feldherr war der erste, der 794 den später so wichtigen Titel eines sei’i-tai-shōgun (»Generalissimus zur Unterwerfung der Barbaren«) verliehen bekam. Um diese Zeit treten die Ainu auch erstmals als anthropologischer (durchaus mongoloid mit starker Ähnlichkeit zum Jōmon-Menschen) und kultureller Typ (Satsumon-Kultur) in Erscheinung.

In Süd-Kyūshū verteidigte sich das Volk der Hayahito. Es scheint sich möglicherweise um ein Fremdvolk mit austronesischer Sprache gehandelt zu haben, das von 689–805 regelmäßig die Leibwache am Herrscherhof in Yamato stellte, dort auch Musik und Tänze pantomimischer Art aufführte und Sumo-Turniere abhielt. Nach einem Aufstand 720 wurde durch das Dazaifu die Unterwerfung des Gebietes und seine Einbeziehung in den Staat der Nara-Zeit betrieben. Von den südlichen Inseln waren vereinzelt nur Yaku, Tanega und Amami-Ōshima mit Tributsendungen an den Hof und den Ise-Schrein in Erscheinung getreten. Okinawa wird im Zusammenhang mit Schiffsverschlagungen der Tang-Gesandtschaften gelegentlich erwähnt. Das chinesische Geschichtswerk Suishou berichtet wenig glaubwürdig, ein Königreich auf Okinawa habe die Aufforderung zur Tributsendung abgelehnt und sei 610 von einer riesigen Armee vernichtet, König und Bevölkerung seien als Sklaven nach China verschleppt worden. Es handelt sich bei diesem Bericht sehr wahrscheinlich um Taiwan. Danach brechen Berichte bis in das 12./13. Jahrhundert ab.

Das komplizierte und immer wieder auseinanderfallende Netzwerk der Machtverteilung unter den uji-Geschlechtern des Yamato-Hofes war am Beginn des 8