Die Sonnenanbeterin - Nieke V. Grafenberg - ebook

Die Sonnenanbeterin ebook

Nieke V. Grafenberg

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Opis

Ort des Geschehens ist ein Hotel in den Bergen - heiß geliebte Sommerfrische für Lena und ihre Töchter. Und nicht nur für sie. Jedes Jahr wieder trifft sich hier der engste Freundeskreis für zwei Wochen märchenhaften Urlaubs. Nur - diesmal stehen die Vorzeichen schlecht. Diesmal kommt alles ganz anders… Ein unerwartet eintreffendes Geschenk des Hotels zwingt Lena, Verdrängtes hervorzuholen und die traumatischen Ereignisse in jenem Jahr ein für alle Mal aufzuarbeiten.

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DIESONNENANBETERIN

Für Olli,

Das Buch

Ort des Geschehens ist ein Hotel in den Bergen - heiß geliebte Sommerfrische für Lena und ihre zwei Töchter. Und nicht nur für sie. Jedes Jahr wieder trifft sich hier der engste Freundeskreis für zwei Wochen märchenhaften Urlaubs.

Nur - diesmal stehen die Vorzeichen schlecht.

Diesmal kommt alles ganz anders.

Ein unerwartet eintreffendes Geschenk des Hotels zwingt Lena, sich erneut zu erinnern und damit die traumatischen Ereignisse in jenem Jahr ein für alle Mal aufzuarbeiten.

"Ich trage die Schneekugel hinauf in mein Reich, spüre das glatte Glas in der Hand, fahre die Wölbung mit dem Finger nach und tauche ein in eine andere Zeit.

Mein Herz fängt unkontrolliert an zu pochen.

Tränen des Schmerzes drängen heraus.

Bis dahin kamen wir jedes Jahr - waren dort glücklich.

Bis das Unfassbare geschah.

Mit der einen, die dachte, sie könne die Puppen tanzen lassen. Die die Gunst der Stunde zu nutzen verstand.

Und mit der anderen, die die Gefahr nicht witterte.

Die sich ahnungslos selbst eine Falle stellte.

Und hineintappte."

PROLOG

Sommerfrische.

Für mich ein Wort, das ich schmecken kann.

Das auf der Zunge zergeht wieSchmetterling, Stoppelfeld, Zehnpfennigkugelvanilleeis.

Geschmäcker, Gerüche und der leise Hauch eines Bilderbuchsommers, wie man ihn nur als Kind erfährt.

Es war Mutter, aus deren Mund ich das Wort so gern hörte. Ihre Eltern besaßen ein Stück Land bei Berlin. Zugang war nur auf dem Wasserweg möglich. Am Grundstücksende, unweit des altersschwachen Kletterkirschbaums, stand ein winziges Holzhaus, manchmal hellblau gestrichen, der weiße Giebel geschnitzt wie aus Spitzen - Handwerksarbeit allerfeinster Tradition. Auf dem Grasplatz davor weiße Korbmöbel.

Sommerfrische. So stand es geschrieben.

Bei Mutter im Gästezimmer hängt ein gerahmtes Foto. Beim Betrachten tauche ich ein in eine andere Zeit. Ich wollte immer schon haarklein wissen, wie es damals so war. Und Mutter erzählte bereitwillig die unabänderlich gleiche Geschichte - ein Märchen aus Kinderzeit ganz ohne Happy End:

An Wochenenden und Festtagen zwischen Frühling und Spätherbst warSommerfrischeTreffpunkt für Verwandte und Freunde, die jederzeit willkommen waren. Kaum ertönte ihr Rufen vom anderen Ufer, schon machte man sich auf. Der am Holzpflock vertäute Kahn wurde losgebunden, die Lieben eingeholt und über den Fluss geschippert.

Die Kinder lernten schwimmen, als das Boot einmal auf halber Strecke kenterte. Von da an durften sie sich unbeaufsichtigt in und auf dem Wasser tummeln.

Onkel und Tanten brachten einen Kuchen oder andere leibliche Genüsse. Von noch größerer Bedeutung war - sie brachten ihre Hände, denn Obstbäume und Beerensträucher standen in Reihe und Glied.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Mutters leiser Seufzer, wenn sie vom fortgesetzten Pflücken, Säubern und Einmachen der verschwenderisch reichen Ernte sprach, gehörte zu ihrer Erzählung wie die verblichene Schwarzweißaufnahme an der Wand.

Gelegentlich kam Onkel Paul zu Besuch, um von morgens bis abends beängstigend erfolgreich zu angeln. Töten konnte er nicht, das war Aufgabe der Kinder. Auf dem Küchentisch schnitten sie den kleinen, zappelnden Flussfischen mir nichts dir nichts die Köpfe ab.

Großmutter briet sie und wollte gelobt sein.

„Wie schmeckt’s dir denn, Paul?“

„Der Hunger treibt’s rein!“

Für die Kinder von damals waren Haus und Grundstück schiere Last, die sie vom Baden und Spielen abhielt. Später, als sie erwachsen wurden, bot sich keine Möglichkeit mehr, ihreSommerfrischeschätzen und lieben zu lernen.

Es war Krieg.

Der Bruder kam um.

Was blieb, war die Erinnerung.

Erinnerungen an eine Sommerfrische habe ich mehr als genug.

Eigene Erinnerungen.

Gute und schlechte.

Damals dachten wir nur an gute - damals ahnten wir noch nichts Böses. Das glückliche Ende schien jedes Jahr vorbestimmt. Es sollte ein märchenhafter Urlaub werden. Wie schon zuvor in vergangenen Jahren.

Es war einmal ...

Dabei fangen auch Märchen meist gar nicht gut an.

Aber HauptsacheEnde gut - alles gut.

Doch die Vorzeichen dafür standen schlecht.

EINS

Ich hatte nicht darum gebeten.

Meine Erinnerung an einen fernen Sommer in den Bergen wird heute morgen unvermutet aufgefrischt.

Sanne hat Ferien und die Post hereingeholt.

Ich spüre, wie sie zögert, und wende mich um. Zwischen uns, doppelt verschnürt, liegt der Karton mit den fremden Marken. Mein Name steht drauf.

Ich habe die Hände im Spülwasser. Trotzdem weigert sie sich, das Päckchen für mich zu öffnen. Nach einem zweiten Blick auf den Absender schüttelt sie abwehrend den Kopf, zurrt ihr Haargummi fest, läuft die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

Schließt deutlich hörbar die Türe.

Unwillig trockne ich die Hände, zerschneide die Schnüre.

Seidenpapier knistert unter meinen Fingern, leuchtet rein wie frisch gefallener Schnee. Ein Umschlag liegt mit in der Schachtel - Kartengruß des Hauses und Dank für den Feriengast, den wir einmal empfohlen haben.

Ein feuchter Film legt sich auf meine bloßen Arme, ich spüre, wie mir der Schweiß ausbricht. Ich will es schnell hinter mich bringen, reiße die schützende Umhüllung auf, hebe den Inhalt sorgsam heraus.

Nun liegt es auf meiner flachen Hand - das Geschenk des Hotels.

Die Kuppel ist eine drückende Last. Dickes Glas wölbt sich über dem Raum, in dem sich ein einzelnes Haus befindet. Zögernd bringe ich die gläserne Zelle in Augenhöhe. Mein Herz macht einen Sprung.

Geborgen in der Form ruht derScheunenhof.

Wetterabweisend und Zuflucht bietend breitet das schiefergedeckte Dach seine Fittiche über Balkone und Außenmauern - allzeit gerüstet, wie es mir scheint, für die Schneemassen künftiger Winter.

DerScheunenhofwar mein Lieblingshotel.

Abbild und Wirklichkeit gleichen sich.

Rund ums Haus Blumen. Hängende Blütenwunder in den Kästen der Balkonbrüstung.

Ich trage die Schneekugel hinauf in mein Reich, spüre das glatte Glas in der Hand, fahre die Wölbung mit dem Finger nach, schließe die Augen und tauche ein in eine andere Zeit.

Mein Herz fängt unkontrolliert an zu pochen.

Tränen des Schmerzes drängen heraus.

Bis dahin kamen wir jedes Jahr - waren dort glücklich.

Bis das Unfassbare geschah.

Mit der einen, die dachte, sie könne die Puppen tanzen lassen. Die die Gunst der Stunde zu nutzen verstand.

Und mit der anderen, die die Gefahr nicht witterte. Die sich ahnungslos selbst eine Falle stellte.

Die hineintappte.

Wir waren allesamt gute Freunde, die herauswollten.

Heraus aus dem unerträglich heißen Sommer der Ebenen.

Hinein in die luftigen Höhen der Berge.

Wo man wieder schlafen konnte. Ruhe und Erholung fand.

Damals.

Nach den Ereignissen gab es ein Gesetz. Eins, das nie jemand niederschrieb: Wir sprachen einfach nicht mehr darüber. Versuchten, was passiert war, aus dem Gedächtnis zu streichen. Und doch - es ist geschehen. An demselben Ort, den ich jetzt in den Händen halte.

Ich kann nicht widerstehen, meine Finger fassen und kippen die gläserne Halbkugel.

Die Welt steht Kopf.

Dichtes Schneegestöber aus wirbelnden Flocken. Sacht breitet sich ein flimmerndes Leintuch aus. Deckt lautlos alles zu.

Mitten im Sommer.

Es ist wie damals. Allein ... die Kuppel war ein gläserner Sarg. Ich versinke in Erinnerungen, spüre das Grauen so frisch, als sei alles erst gestern passiert.

Mit einem Sarg fing der Urlaub an.

Vor dem Hotel - genau an der Stelle, wo heute noch die weiß lackierten, in Betonringe eingelassenen Stangen stehen, mit den weißen Kettengliedern dazwischen und dem breiten Durchgang für Fußgänger - genau dort wurde eine längliche Kiste transportiert.

Zu dem dezent lackierten Kastenwagen, der mit geöffneten Hecktüren bereitstand und den Haupteingang zum Hotel blockierte.

Grüppchen von Hausgästen standen in der Nähe, lauerten, wisperten, rührten sich nicht vom Fleck.

Anzüge korrekt wie Uniformen, die Männer darin kannten sich aus. Flüssig, ruhig, tatkräftig luden sie das auffällige Behältnis in das wartende Auto, schlossen die Flügeltüren und fuhren in engem Bogen über den nahegelegenen Hotelparkplatz auf die Durchgangsstraße.

Später hätte ich nicht sagen können, wie lange alles dauerte. Es ging rasch, und doch prägte die Szene sich wie in Zeitlupe ein: der Sarg, die bedächtigen Bewegungen, die düstere Innenverkleidung des Kastenwagens, die sich dumpf tönend schließenden Türen. Bilder und Gesten blieben auf der Netzhaut, sollten tief ins Bewusstsein dringen, auch wenn ich mir sagte, das alles ging mich nichts an.

Das war der Tag der Anreise in unsere langjährige Sommerfrische im Hochgebirge, zu der wir wohl niemals zurückkehren werden. So wie Mutter kaum jemals zu ihrer zurückkehren wird, wenn auch aus anderen Gründen.

ZWEI

„Lena, mach zu, wolltet ihr nicht frühzeitig los?“

Grundsätzlich ist Ulli ein bedächtiger Mann, aber jetzt, auf der Schwelle zum Wachsein, bohrten seine Worte sich schmerzhaft in mein Ohr. Durch den Spalt in der Schlafzimmertür drang der metallische Geruch von eingebranntem Kaffee. In der Küche hörte ich Rieke ihre jüngere Schwester beim Tischdecken dirigieren.

An diesem Morgen fiel es mir ungewohnt schwer aufzustehen. Verschlafen rappelte ich mich auf und öffnete die Fensterläden. Nach mehr als einer Woche wunderbar kühler Nächte, nach Tagen außergewöhnlich trockener Hitze sah die Welt trüb aus am Morgen der Abreise. Sechs Uhr früh und schon lastende Schwüle.

Eine feuchte Strähne klebte an meiner Schläfe, Haarspitzen juckten im Auge. Ich strich sie weg, wankte in die Küche und unterdrückte erfolglos ein Gähnen. Dachte reuevoll zurück an die gute Flasche Wein kurz vor Mitternacht.

Ulli war nichts von unserer kleinen Abschiedsfeier anzumerken. Er war seit dem ersten Spatzentschilper auf den Beinen, holte gerade ein Stück Butter aus dem Kühlschrank und schnitt konzentriert frisches Brot in Scheiben.

„Verflixt!“

Das Brotmesser landete auf dem Fußboden, er hielt sich die Hand, jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen. Dafür tropfte es stetig vom abgespreizten Zeigefinger. Angestrengt suchten seine Augen nach einem Fixpunkt außerhalb des Geschehens.

Rieke und Sanne waren mit einem Schlag hellwach, kamen gleich mit dem Verbandszeug angelaufen. Rieke wischte hastig die Blutspuren von Knie und Fußboden, ihr besorgter Blick blieb an seinem blutleeren Gesicht hängen. Während der Finger noch verpflastert wurde, zupfte sie ihren Vater aufmunternd am graumelierten Bart:

„Halt dich senkrecht, Papa, du bleibst am Leben! Kannst ruhig wieder herschauen.“

Nach dieser Verzögerung setzten wir eilig und ohne großen Appetit unser Frühstück fort - ganz wie es sich bei einem frühmorgendlichen Aufbruch in die Ferien gehörte.

Ulli beschäftigte sich derweil in der Küchenzeile, setzte dabei die Brille ab und auf, rieb Steg und Nasenwurzel trocken. Hin und wieder beugte und streckte er selbstvergessen den stramm verpflasterten Finger, oder er griff zum Küchenhandtuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Hemd hatte hässliche, feuchte Flecken. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, handelte ich mir einen verständnislosen Blick ein.Weraußerihmwar in aller Herrgottsfrühe zum Bäcker geradelt, um fürunsknusprige Brötchen zu holen?

Er selbst aß nichts, richtete nur den überreichlichen Reiseproviant. Ob belegte Brote oder Obst - an jeden Geschmack war gedacht. Landjäger gab es noch extra für überraschend auftretende Engpässe in der leiblichen Versorgung. Ich sah ihm zu und überlegte: Wir hatten nicht vor, auf einem Rastplatz zu übernachten. Sollte ich zart darauf hinweisen? Manchmal allerdings war er arg empfindlich. Meinte es doch wie immer so gut!

Dabei kam er vorerst gar nicht mit, er wollte uns nur treusorgend auf den Weg helfen. Wollte seiner Familie die Bahn ebnen für einen wunderbaren Urlaub. Dass es einmal unerwartet anders sein, dass das Gegenteil eintreten könnte, das war nicht eingeplant, daran hat keiner von uns geglaubt.

Ein Blick aus dem Fenster verhieß nichts Gutes. Schmierig-schwärzliche Wolkenmauern richteten sich am westlichen Horizont auf, kamen nicht recht voran, türmten sich übereinander. Ich hörte ein saftloses Grollen weit weg und trieb die Kinder zum Aufbruch.

Wenn wir uns sputeten, hatten wir vielleicht eine Chance.

Wir würden dem Unheil vorauseilen.

Am Vorabend hatte Ulli schon einmal geschwitzt: Als er das Gepäck im Kofferraum verstaut hatte.

„Ihr habt wohl wieder mal nichts zu Hause gelassen!“

Wieder mal- die Bemerkung war längst Ritual. Hätte sie gefehlt, wir hätten mit Sicherheit etwas vermisst. Insgeheim aber gab ich ihm Recht. Wir gaben uns Mühe, konnten uns aber einfach nicht beschränken. Schließlich fuhren wir in die Berge, mussten für alle Wetter gerüstet sein.

Der Kofferraum klaffte randvoll mit Gepäckstücken, ineinandergreifend verstaut wie ein Puzzle. Obenauf standen Klappkörbe mit wettererprobten Anoraks, abgetragenen Wanderschuhen, Badezeug - alles gnädig zugedeckt von einem dicken dunkelgrünen Veloursbademantel in behaglicher Übergröße, marineblau gestreift und fadenscheinig an den Kanten - Lieblingskleidungsstück der ganzen Familie.

„Das istmein Bademantel!“

Ullis milder Protest war fruchtlos geblieben, sein Langmut wurde schamlos ausgenutzt. Ob Nässe oder Kälte, körperlicher oder seelischer Schmerz - man konnte sich so herrlich darin einmummeln!

Ulli würde also später nachkommen. Er hatte noch in der Toskana zu tun. Eine Contessa in Florenz zog in Erwägung, die Fächersammlung ihrer Ahnen zur Versteigerung freizugeben. Bestimmt konnte er viel Geld verdienen!

„Ein paar Tage ... na gut.“

Sanne nahm kein Blatt vor den Mund:

„Hauptsache, sie kratzt nicht vorzeitig ab, dann ist das Geschäft im Eimer!“

So kam es, dass wir allein unterwegs waren.

Unterwegs zu dem Ort, der so gar nichts vom Charme eines heimeligen Chaletdorfes hat, wie ich es liebe.

Das weißgekalkte Berghotel am nördlichen Seezipfel steht viel zu nah an der Durchgangsstraße. Gegenüber drängen sich ein paar bescheidenere Gasthöfe und zwei Andenkenläden. Mittendrin eine Bank mit dem HinweisschildGeldautomat.

Ein Edelsteingeschäft.

Von der holzverschlagähnlichen Talstation schlängelt sich ein Sessellift zurPanoramahütte. Seine starr aufstrebenden Masten verschandeln die sanfte Almenlandschaft und beleidigen sommers das Auge.

Oberhalb des Ortes ein meist verlassener Tennisplatz.

„Mama, pass auf - wenn du so weiter machst, kommen wir nie an!“

Riekes Aufschrei kurz vor dem Ziel riss mich unsanft aus meinen Gedanken. Wir waren am happigsten Steilstück der Zufahrtsstraße zum Ort angelangt. Noch heute klingt mir das nervtötende Geräusch in den Ohren, als ich den ersten Gang nicht schalten konnte, ängstlich auf die Bremse stieg und damit den Motor abwürgte. Und dann, in der Hektik, fiel mir nichts mehr ein! Unaufhaltsam rollten wir rückwärts den Hang hinunter. Panik brach aus, bis die lädierte Handbremse fasste.

Hinter uns das höhnische Gehupe der Überholenden, bis endlich ein neuer Start gelang.

In der Linkskurve beim Dorfeingangsschild fiel mir wie jedes Jahr ein:

„Der erste Eindruck ist wie immer nicht überwältigend. Nur gut, dass uns der Ort empfohlen wurde! Auf mehr als einen Kaffee wäre ich sonst bestimmt nicht geblieben!“

Unser Anreisetag war noch trügerisch warm. Der bedrohliche Himmel war uns gefolgt, kam mit düsterer Wolkenwand näher.

Ich nahm die Sonnenbrille von der Nase, setzte sie aber gleich wieder auf. Vor uns lag es, am Ende des Sees, in ener lockend hellen Lichtsäule, die mir die Tränen in die Augen trieb - unser Hotel.

DerScheunenhof.

Unsere langjährige Sommerfrische.

Aus der Entfernung hatten wir unverstellte Sicht auf die Nordseite der Anlage. Dort liegen Wasserbecken, Bootsanleger und Zirbensauna geborgen zwischen schützenden Gebäudearmen. Noch herrschte reger Badebetrieb auf den Rasenterrassen. Ein grünweißes Tretboot leuchtete auf, löste sich vom Ufer, strebte lautlos zur Mitte des Sees.

Erst als wir die Einfahrt zum Hotelparkplatz passierten, schloss ein Wolkenfetzen die heitere Himmelslücke.

Wir waren da.

Ich muss dem Haus zugute halten: Es hat sich gewehrt und den Kampf für sich entschieden. Auch dem tatendurstigsten aller Architekten war es nicht gelungen, seinen ursprünglichen Charme zu zerstören.

Wie immer schweifte mein erster Blick über Wohlvertrautes, fiel danach auf den neuesten Anbau - einen vierstöckigen, der Westseite horstähnlich angeklebten Gebäudeteil. Sein mehrfach versetztes Satteldach scheint über dem gläsernen Halbrund des vorgebauten Ruhepavillons zu schweben. Balkone und Dachgauben versprechen himmlischen Ausblick auf das Bergpanorama.

Ein Fahrstuhl fährt bis zum obersten Nest - zum wahrhaftigenAdlerhorst.

Dorthin, wo Vera ihr Zimmer hatte.

Mühelos passt dieser Wohnturm sich den behäbigen Fensterläden und traditionell verarbeiteten Holzverkleidungen der Galerien im alten Mittelteil an. Dort stützten sich Hausgäste auf die Brüstung, genossen den Ausblick auf das tragische Geschehen vor dem Haus.

Und auf das Panorama.

Darunter, zu ebener Erde, lugt vorwitzig das durch hohe Fenster transparent gehaltene Sonnencafé hervor - rechts und links gerahmt von den weißen Sitzgruppen und gelben Schirmen der Schönwetter-Außenterrasse.

Nur, dass kein schönes Wetter war.

Aber das konnte sich ganz schnell ändern. Ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen ab und zu nährten die Hoffnung, wie gewohnt nach dem Frühstück draußen sitzen zu können. Es war der günstigste Platz - war Ausguck auf Anreisende, Abreisende, agile und erschöpfte Wanderer, Liebespaare, schräge Vögel.

Und auf den Abtransport eines Sarges.

Langeweile kam hier nicht auf.

Das nach Süden blickende Haupthaus ist Kernstück desScheunenhof. Es birgt den geschäftigen Eingangsbereich mit Kaminhalle und Empfang, der bei kühlerem Wetter eine ähnlich kurzweilige Funktion innehat wie die Schönwetterterrasse. Unverschnörkelt hochgezogen, unterbricht dieser gelblich verputzte Vorbau die lange Front der Balkongalerie. Die setzt sich nach Osten hin fort, um nach wenigen Metern mit dem gesamten Gebäudeteil dahin abzuknicken, wo das Seeufer unzugänglich ist und wir der Ruhe wegen so gerne wohnen. Wie schon in den Vorjahren war eines der vorderen Galeriezimmer für Jana und Thomas und die Hunde reserviert.

Blickfang vor dem Eingang sind jedes Jahr wieder geschickt platzierte, paarweise nickende Fuchsienbäumchen, blau-weiß unterpflanzt oder gelb, in stattlichen Kübeln. Zwei weiß gestrichene Holzbänke sind heißbegehrter Platz an der Sonne vor der wärmespendenden, windgeschützten Hausmauer.

Allerorts besonnene Staudenvielfalt in gemulchten Beeten. Dazwischen besänftigendes Grün.

Das war der Ort des Geschehens.

Der Ort, an dem gerade ein Sarg weggeschafft wurde.

„Wer mag das sein? Ob wir die wohl kennen?“

Ungestüm kurbelte Sanne das Seitenfenster herunter, während ich noch zögerlich die Gepäckentladezone vor dem Haupteingang ansteuerte.

Herr Leo, Restaurantleiter, Oberkellner und Sommelier in einer Person, war schon zur Stelle. Bestimmt, aber taktvoll, wiegelte er unangebrachte Fragen von Zaungästen ab, wies herumlungerndes Personal auf ihre Plätze und stand, wie üblich, für alle Eventualitäten auf dem Sprung.

Eigenartig fing dieser Urlaub an. So etwas war nie zuvor dagewesen. Im Geiste sah ich Ulli schicksalsergeben die Schultern heben, sah ihn den Sitz seiner Brille korrigieren, blickte in vergrößerte Augen hinter starken Gläsern und hörte ihn sagen:

„Einmal ist immer das erste Mal.“

Rieke war längst aus dem Auto geklettert und zu Johanna gelaufen, die in Wanderkleidung bei einer aufgescheucht wirkenden Gästegruppe stand.

Sie war Patentante und schon am Vortag angereist.

Dem Anlass entsprechend strahlte sie nur gedämpfte Wiedersehensfreude aus, doch pure Neugier blitzte aus ihren Augen, als sie den Kopf ins Auto steckte. Mit ausdrucksloser Miene raunte sie uns zu:

„Noch weiß keiner so richtig, was los ist. Aber verlasst euch darauf - bis ihr ausgepackt habt, bin ich auf alle Fälle informiert!“

Der Riemen meiner Handtasche lugte unter einem Berg von Windjacken hervor. Ich zog sie heraus und stieg aus.

Wie alle Sommer nahm ich mir vor, jeden einzelnen Urlaubstag so gründlich wie möglich auszukosten.

Auch wenn dieser erste nichts Gutes verhieß.

DREI

Ursprünglich hatte ich vor, binnen kurzem die Gepäckladezone für Nachkommende freizumachen. Aber ich wusste - beide Töchter würden mich am Empfang erwarten. Sie hatten das Gepäck in unser Stockwerk transportiert und standen garantiert bereit. Wie jedes Jahr freuten sie sich auf das, was jetzt kam - auf den warmen Empfang und die Zeremonie.

Der Wandtresor an der Rezeption wurde aufgesperrt. Wir hatten die Qual der Wahl zwischen einem Begrüßungsschnaps oder Säften aus den Flaschen, die darin verwahrt wurden. Beides gut gekühlt.

Ich konnte etwas Hochprozentiges gebrauchen nach der Mühsal der Anreise und der befremdlichen Begegnung mit dem Tod. Ein Schnaps war immer etwas Besonderes, genau wie ein Urlaub imScheunenhof. Ohne großes Aufheben wurde die Prozedur zelebriert.

Aufhebens machte nur unser hünenhafter Freund Max.

„Wo habt ihr Ulli gelassen?“ schallte es quer durch die Empfangshalle. „Muss der Arme noch schnell das Geld für den Urlaub ranschaffen?“

In den eigenen Bademantel gehüllt, weil kein Hotelexemplar passen wollte, steuerte er blitzblank und saunagerötet mit ausgebreiteten Armen auf uns zu wie ein Bassbariton, der zu einer Liebesarie ansetzt. Während er die Halle durchquerte, hielt ich unauffällig nach Sophie Ausschau. Bestimmt hielt sie sich vornehm zurück, ganz wie es ihre Art war. Als hervorragende Zuhörerin schuf sie stets beste Voraussetzungen für den ruhigen Hintergrund, vor dem ihr Mann konkurrenzlos und störungsfrei agieren konnte. Im Moment jedoch war sie auf dem Zimmer und fönte die Haare. Max führte es uns, ohne Scheu vor amüsiertem Publikum, als eine Art Ententanz vor. Gleich darauf zog er eine Grimasse und fasste sich ins Kreuz.

„Ach du liebe Güte, das hat mir gerade noch gefehlt!“

Er drehte sich um, humpelte steif Richtung Fahrstuhl.

„Wir sehen uns später!“ rief er mit schmerzverzerrtem Gesicht über die Schulter. „Falls ich dann noch lebe!“

Seine Stimme war noch zu hören, als sich die Türen des Fahrstuhls längst geschlossen hatten.

„Man schaut auf uns“, zitierte Rieke peinlich berührt. Eines jedenfalls schien sicher: Von der außerordentlichen Begebenheit mit dem Leichenwagen hatte Max nichts mitbekommen.

Das hätte er keinesfalls für sich behalten können!

Sanne hatte eine gleichaltrige Freundin entdeckt und sich fürs Schwimmbad verabredet. Um sie brauchte ich mir keine Gedanken mehr zu machen, ab jetzt war sie versorgt. So war mein mütterlicher Gedankengang und die Erfahrung aus den Vorjahren.

Wie hätte ich in dem Moment ahnen können, dass sie sich an andere Kreise anschließen und damit überfordert sein würde. Als Mutter hatte ich ihre Ausstrahlung unterschätzt, hatte sie ausschließlich als Kind gesehen. Als kleines, vorlautes Mädchen, das in seiner Arglosigkeit Anerkennung suchte.

Vielleicht noch gefallen wollte.

Mehr nicht.

Ein Grüppchen junger Leute mit Billardstöcken schlenderte vorbei. Einer nahm meine ungleichen Töchter ins Visier, ließ dann einen abschätzenden Blick über mich gleiten.

Glattes Gesicht mit regelmäßigen Zügen.

Hungrige Wolfsaugen, hell, ohne Hintergrund.

Haare wie Grannen, graugelblich und stark.

Als er meinen Blick spürte, schweifte sein Blick ins Leere, täuschte Desinteresse vor, obwohl er uns weiter aus den Augenwinkeln beobachtete.

Ein Prickeln im Nacken machte sich bemerkbar - ein unangenehmes Gefühl. War es der Schnaps oder die Vorahnung?

Rieke machte den Hals lang, hob das rundliche Kinn, blickte ermunternd in seine Richtung, schob die Hände unter die weißblonden Haare, bauschte sie mit gespreizten Fingern auf, als wolle sie der Frisur mehr Masse geben. Für einen Moment fürchtete ich, sie würde den Kopf nach vorne werfen, um die ganze Pracht aufzuschütteln, wie sie es daheim häufig tat.

Ich sehe sie noch lächeln.

Ihre feste Zahnspange, für die sie sich reichlich spät entschieden hatte, schien einen Moment lang vergessen.

„Im Dezember werde ich achtzehn.“

Ich weiß bis heute nicht, was sie daran für Erwartungen knüpfte, aber damals betonte sie das gern und häufig.

Wenig später war der Wagen umgestellt. Ich nahm den Rückweg durch den neuenAlpenpark, der zu meiner Enttäuschung in keiner Weise dem im Prospekt versprochenen Naturerlebnis glich. Die zwischen Steine gesetzten Pflanzen trugen Schildchen mit ihren botanischen Namen wie bei einer Landesgartenschau. Immerhin, die gesamte Bepflanzung bestand aus heimischen Gewächsen, würde daher in absehbarer Zeit nahtlos mit der Umgebung verschmelzen. Ich hielt Ausschau nach demAlmrausch, der mitunter von Juli bis August ganze Berghänge blutrot überzieht. Doch die Pracht war verblüht, wie jedes Jahr Ende August, wenn wir kamen.

Wir kamen meist in der letzten Augustwoche in der Hoffnung auf beständiges Spätsommerwetter mit Sonne ohne Ende, wie es uns einmal vergönnt gewesen und unvergesslich geblieben war.

Unvergesslich wie das Jahr, das beim Blick in die Glaskuppel lebendig wird.

Nur - in dem Jahr war alles ganz anders.

Ich sehe mich im selbenAlpenpark, den Blick erhoben zu den nahen Bergen. Wie mit Löffeln abgestochene Nocken säumen sie den südwestlichen Horizont und bilden eine düster-bucklige Silhouette.

Feuchtigkeit lag in der Luft, ließ sich wie kühler Nebel auf Haar und Haut nieder. In der geschützten Nische beim Murmeltierbrunnen lockte eine Bank. Für ein paar einschläfernde Minuten lauschte ich dem stetig plätschernden Quell. Ich ließ mich treiben.

Bis der erste Tropfen auf meine Hand fiel.

Gleich würde es regnen, ich stand auf. Es galt, sich im Zimmer einzurichten.

Vorerst schlief Rieke an meiner Seite. Sanne hatte die an unser Zimmer anschließende Mansarde für sich, bis Ulli aus Italien eintraf. Sein Ankunftstermin war vage angekündigt, er brachte es einfach nicht fertig, sich festzulegen. Die Hotelleitung kannte das schon, obwohl - glücklich war man nicht darüber.