Bonuskind - Saskia Noort - ebook

Bonuskind ebook

Saskia Noort

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Opis

Die 15-jährige Lies wacht eines Morgens mit dem starken Gefühl auf, dass ihrer Mutter Jet etwas passiert ist. Ihr Bett ist unberührt, sie hat ihr Handy zurückgelassen und sie bleibt spurlos verschwunden. Der Vater – in einer neuen Beziehung mit der jüngeren Laure lebend – deutet die kommentarlose Abwesenheit seiner Ex als einen willkommenen Beweis ihrer psychischen Instabilität und ihrer Unfähigkeit, sich um die Kinder zu kümmern. Sie hätte die Scheidung niemals überwunden und beschlossen, zu verschwinden. Lies ist sich jedoch sicher, dass die Mutter sie niemals im Stich gelassen hätte. Auf eigene Faust versucht sie herauszufinden, was passiert ist. Dabei findet sie ein Tagebuch mit beunruhigenden Details aus dem Liebesleben der Mutter: Auf der Suche nach Trost, nachdem ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hat, hatte sich Jet im Labyrinth einer geheimen toxischen Beziehung verfangen. Wird Lies die Wahrheit über das unheimliche Verschwinden ihrer Mutter aufdecken und damit die Erklärungen der Erwachsenen Lügen strafen? Klug konstruierte Geschichte mit einem mehr als erstaunlichen Ende. Entführt den Leser in den Gefühls- und Gedankenkosmos einer unabhängig denkenden Jugendlichen, die sich als die Erwachsenste in dieser Ansammlung voller über sich selbst und das Leben stolpernder Charaktere erweist. Ein Buch über die Mechanismen scheiternder Beziehungen, über die Schwierigkeit der Erwachsenen mit der Wahrheit und vor allem eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte.

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Saskia Noort

BONUSKIND

Aus dem Niederländischen vonAnnette Wunschel

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem TitelBonuskind bei House of Books, Niederlande.

Die deutsche Ausgabe wurde durch Vermittlung der Nordin Agency AG, Schweden, ermöglicht.

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

1. eBook-Ausgabe 2021

© 2020 Saskia Noort

© der deutschsprachigen Ausgabe 2021 Europa Verlagin der Europa Verlage GmbH, München

Umschlaggestaltung und -motiv:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Lektorat: Silwen Randebrock, Berlin

Layout und Satz: Robert Gigler, München

Gesetzt aus der Minion Pro

Konvertierung: Bookwire

eISBN 978-3-95890-392-0

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

Inhalt

JET

1.

2.

3.

4.

5.

6.

JET

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

EPILOG

ICH WACHE MIT dem Gefühl auf, dass Mam tot ist. Was habe ich geträumt? Ich erinnere mich nur an Fetzen. In unserem alten Haus fiel irgendwo eine Tür zu; Papa war noch bei uns; da war dasselbe zischende Flüstern wie in den letzten Monaten. Ein Auto, quietschende Reifen. Oder ist das etwa kein Traum?

Ich knipse die Lampe an meinem Bett an, greife nach dem Glas Wasser, das immer auf dem Nachttisch steht, und trinke es in einem Zug aus. Mir ist gleichzeitig kalt und heiß, vielleicht bin ich krank. Am liebsten würde ich jetzt zu ihr gehen, aber ich traue mich nicht. Ich nehme mein Handy und schaue auf WhatsApp nach. Keine Nachrichten. Ich habe vor vielen Dingen Angst. Dass Mama wirklich tot ist; dass ich wieder Blasenentzündung habe; dass Mees mich nicht mehr beachtet; dass wir ganz bei Papa wohnen müssen; dass Mama wirklich kein Geld mehr hat und wir auf der Straße landen. Keine Ahnung, wie ich auf den ganzen Quatsch komme. Dann ist es, als könnte ich nicht mehr atmen, als stimmte irgendwas mit der Luft im Haus nicht, vielleicht Kohlenmonoxid; Mama und Luuk und Wammes sind schon tot, und ich sollte jetzt aufstehen, um mein Fenster zu öffnen, sonst sterbe ich auch. Mir ist schwindlig und ich muss an Geschichten über Morde im Familienkreis denken und dass Mama mich und Luuk vielleicht betäubt hat; aber auch an das, was mein Niederländischlehrer gesagt hat: dass ich zu viel Fantasie habe und er sich manchmal um mich sorgt. »Deine Eltern müssen sich klarmachen, welchen Schaden sie bei ihren Kindern anrichten.«

Ich steige geräuschlos aus dem Bett und öffne das Fenster. Die kalte Nachtluft sorgt dafür, dass mein Kopf wieder klar wird. Es ist natürlich alles so, wie es sein soll. Auf der Straße herrscht Dunkelheit und Stille, Mamas Auto steht vor der Tür, Luuks Fahrrad liegt im Garten. Ich habe einfach Angst vor unserem neuen Leben in diesem zugigen Viertel ohne Gras und Bäume direkt an der Autobahn. Nachts kann ich mir Sachen eingestehen, auf die ich tagsüber gar nicht kommen würde, zum Beispiel, dass ich meinem Niederländischlehrer gern sagen würde, dass seine Meinung mir auch nicht weiterhilft. Ich weiß selbst, dass meine Eltern uns schaden, so wie ich auch weiß, dass sie das nicht mit Absicht tun. Aber was sollen wir machen? Wir sind zwischen ihnen gefangen. Hören zu, schweigen und warten. Jede Woche packen wir unsere Rucksäcke und geben acht, dass nichts fehlt, dann ist nämlich der Teufel los. Wir sind zu Eltern unserer Eltern geworden. Wir besänftigen ihre Gefühle, beschwichtigen ihren Zorn, bewegen uns immer am Rande ihres Hasses. Da fallen wir ihnen besser nicht auch noch lästig, denn der kleinste Hauch kann den nächsten Krieg auslösen.

JET

Ich steige neben ihm ins Auto ein. Als er sich vorbeugt, um mich zu küssen, zucke ich zurück. Er tut, als bemerkte er meine Kälte gar nicht. Aber aus der Art, wie er Gas gibt, entnehme ich, dass er gereizt ist.

»Erzähl«, sagt er, während er zu schnell durch die verkehrsberuhigten Straßen unseres noch im Bau befindlichen Viertels fährt. »Was ist so furchtbar dringend?«

»Fährst du bitte nicht so schnell? Wir müssen nirgends hin. Wir können auch kurz irgendwo parken und im Auto reden.«

»Das ist ein bisschen ungemütlich. Warum nicht bei dir oder mir?«

Ich habe Angst. Ich möchte es hinter mich bringen, und ich will ihn auf keinen Fall in der Nähe meiner Kinder haben oder mit ihm allein im Haus sein. Er biegt nach links auf die Bundesstraße ab und tritt noch stärker aufs Gas.

»Bitte, geht es auch langsamer?«

Ich weiß, dass ich das nicht sagen dürfte. Das Dümmste, was man bei ihm machen kann, ist, ihm zu zeigen, dass man Angst hat. Das kleinste Anzeichen ist zu viel. Er lacht lauthals und jagt den Motor auf hundertzehn Stundenkilometer hoch.

»Es könnten Kinder ohne Fahrradlicht unterwegs sein. Oder Leute, die ihren Hund ausführen.«

»Das wäre dann ziemlich dumm von ihnen, so mitten in der Nacht auf einer unbeleuchteten Straße.« Er legt die Hand auf mein Knie. »Hast du Angst?«

»Ja«, sage ich.

»Ach, Bohnenstängelchen, das brauchst du doch nicht.«

Plötzlich steigt er voll auf die Bremse und hält den Wagen am Straßenrand an.

»Also schön. Was genau möchtest du loswerden?«

Ich presse meine Hände an die Schläfen. Seinetwegen habe ich Tage, Wochen, vielleicht Monate nicht mehr richtig geschlafen. Inzwischen bin ich so müde, dass ich fast nicht mehr denken kann.

»Ich bin zutiefst verwirrt«, fange ich an.

»Wieso, etwa meinetwegen? Ist doch logisch! Wir beide, das ist der Wahnsinn. Echt Champions League.«

»Aber es tut mir nicht gut. Ich vernachlässige meine Kinder, meine Arbeit leidet darunter, meine Gesundheit. Deine dauernden Spielchen, dafür bin ich nicht gemacht!«

Erst jetzt sieht er mich richtig an. Seine Augen leuchten im Dunkeln wie zwei glühende Kohlen. Er faltet die Hände vor dem Gesicht und atmet tief ein. »Was genau willst du sagen?«

Wie immer, wenn wir uns treffen, scheint mein Gehirn auf die Größe einer Rosine zu schrumpfen. Mein Mund ist trocken, die Hände werden feucht, und am liebsten würde ich vor ihm niederknien und um Vergebung bitten. Vergebung wofür? Ich habe keine Ahnung. Er gibt mir das Gefühl, ständig alles falsch zu machen.

»Diese Beziehung tut mir nicht gut«, presse ich mit Mühe hervor.

»Beziehung?«

»Ich meine das, was zwischen uns ist.«

»Du nennst das eine Beziehung?«

Das ist der Moment, in dem er die Kontrolle über das Gespräch übernimmt. Er hat einen Aufhänger gefunden und richtet ihn gegen mich.

»Nenn es, wie du willst. Es muss aufhören«, bricht es aus mir hervor.

Gut gemacht, rede ich mir zu. Es ist egal, wie das Gespräch verläuft, solange das Ergebnis lautet, dass es zwischen uns aus ist.

Er grinst. »Ach, Bohnenstängelchen!«

Wie kann man einen Menschen, den man liebt, Bohnenstange nennen?

Er legt den Arm um mich, aber ich zucke zurück wie von einem elektrischen Schlag getroffen.

»Du meine Güte! Hast du etwa Angst vor mir?«

Meine Furcht grenzt jetzt an Panik. Gleichzeitig will ich, dass er die Führung übernimmt. Ich fürchte, mich sonst völlig zu verlieren.

»Hör zu«, beginne ich meinen seit Wochen eingeübten Wortschwall. »Ich mache Schluss. Diesmal wirklich. Es ist vorbei. Und wenn du irgendetwas für mich empfindest, dann hältst du dich daran. Also keine Anrufe mehr, keine WhatsApp-Nachrichten, und du tauchst auch bitte nicht mehr einfach vor meiner Tür auf. Ich brauche Ruhe. Und meine Kinder brauchen mich. Mir wird das alles viel zu viel, entschuldige.«

Er legt die Stirn aufs Steuer. Meine Hand ist an der Autotür. Ich versuche, sie zu öffnen, aber er hat sie verriegelt.

»Was hast du vor, Bohnenstange? Dachtest du, du könntest mich mal eben am Straßenrand zum Teufel schicken? Meine Güte!«

Er lässt den Wagen an und gibt Gas, bis der Motor aufheult. Das, was jetzt kommt, habe ich alles mir selbst zuzuschreiben, schießt es mir durch den Kopf. Ich sehe die Gesichter meiner Kinder vor mir, als Babys, tapsige Kleinkinder, Schulkinder und so, wie sie jetzt sind: heranwachsend beziehungsweise vorpubertär. Ich stelle mir ihre schlaksigen Körper vor und kann sie fast riechen, ihre Deos vermischt mit Schweiß.

»Lass es gut sein, Godfried, bitte. Bring mich zurück. Meine Kinder sind allein zu Hause. Ich muss zu meinen Kindern.«

»Du kotzt mich an mit deinen Kindern. Wieso versteckst du dich immer hinter ihnen? Wenn du mich nicht mehr willst, sag’s doch einfach!«

»Wir haben doch schon tausend Mal darüber geredet. Du weißt, dass ich mit den Kindern eine Vereinbarung habe. Ich werde sie keinem neuen Mann vorstellen, ehe sie dazu bereit sind. Sie mussten schon genug wegstecken. Und das, was wir miteinander haben … du sagst ja selbst, es ist keine Beziehung. Es ist eine Art zutiefst krankes, giftiges … eine Art Virus. Oder eine psychotische Einbildung. Genau das denke ich manchmal: dass du gar nicht wirklich existierst.«

Ich rede schnell, als könnte ich ihn dadurch beschwören, seinen Fahrstil zu ändern. Als ob irgendetwas von dem, was ich sage, bei ihm ankäme. Wir fahren von der Hauptstraße auf eine Art Pfad und rumpeln über Bodenwellen und Schlaglöcher. Ich rede mir ein, dass er mich schon nicht umbringen wird. So ist er eben, ich kenne God: Er ist ein impulsiver, seltsamer Mensch, und ich muss von ihm loskommen, aber wir sind hier nicht in irgendeiner Netflixserie. Über kurz oder lang wird er anhalten und den Motor abstellen und dann streiten wir, und danach werde ich ihn irgendwie überzeugen können, dass er mich nach Hause bringen muss. Er ist letztlich kein schlechter Mensch.

1.

Jeden Morgen wache ich davon auf, dass meine Mutter das Radio einschaltet. Sie kann Stille nicht leiden. Aber heute bleibt alles ruhig, das ist seltsam. Ich schaue auf mein Handy. 71 Nachrichten. Von ihr keine einzige. Dafür eine von Pap.

»Schlaf gut, liebe Liesie. Ich vermisse euch.«

Es ist neun Uhr, und mein Magen knurrt.

Sie geht natürlich mit Wammes Gassi.

Ich stehe auf, angle mit den Zehen nach meinen Tigerpantoffeln und schlüpfe in den Morgenmantel, ebenfalls Tigerdruck. Er knistert beim Tragen. Synthetisch wie Hölle.

Das Zimmer meines Bruders ist leer. Ich gehe hinunter ins Erdgeschoss. Luuk sitzt im Pyjama auf dem Sofa, Kopfhörer auf den Ohren und in der Hand seinen Game Boy. Er riecht nach Kuchen.

Ich nehme ihm die Kopfhörer ab.

»Mann, Lies, blöde Kuh!«

»Du bist so erbärmlich. Ist Mam mit Wammes spazieren?«

»Woher soll ich das wissen. Selber erbärmlich!«

Die Gardinen sind noch zugezogen. Auf dem Tisch neben ihrem Laptop sehe ich ein Glas Rotwein und einen Aschenbecher mit einer halb gerauchten Zigarette. Mam raucht schon seit Jahren nicht mehr. Behauptet sie wenigstens. Vielleicht hatte sie Besuch von jemandem. Aber dann stünden hier zwei Gläser. Ich höre Wammes, er springt gegen die Spülküchentür und kratzt. Ich befreie ihn und werde mit begeisterten Freudensprüngen und Fiepsern belohnt.

»Ja! Wo ist denn die Mama, hm?«

Wammes und ich gehen querfeldein. Ich trage Mams Jogginganzug, er lag am Fußende ihres Betts. Ich habe an den Kissen und am Betttuch gerochen, ob sie dort geschlafen hat. Ich glaube schon. Ich weiß nicht, ob ich mich gerade besonders anstelle. Das sagt sie oft: Stell dich nicht so an! Und dass ich zu viel Fantasie hätte. Wenn ich nachher nach Hause komme, ist der Tisch gedeckt und sie hat Croissants geholt. Oder vielleicht hat sie gestern irgendwann gesagt, sie müsste ganz früh arbeiten gehen, und ich hab’s vergessen. Aber ihr Auto steht vor dem Haus, und ihr Fahrrad lehnt am Zaun. Sehr weit weg kann sie nicht sein. Ich drücke ihre Nummer. Sie hebt nicht ab.

Es ist kalt, wolkenloser Himmel. Wammes springt und rennt und purzelt übers Gras. Er erledigt sein Geschäft zum Glück im Gebüsch, und ich schlendere mit der Hand in der Hosentasche und dem Telefon in der Hand weiter, obwohl mir das komisch vorkommt und ich mich frage, ob ich nicht Pap anrufen müsste. »Ich halte das für eine ganz schlechte Idee«, höre ich Mamas Stimme sagen. Sie und Pap hassen sich, auch wenn sie es nicht laut sagen. Laut sagen sie, dass sie einander nur Gutes wünschen, aber leider nicht in allen Dingen derselben Meinung sind; oder: dass sie den anderen nicht wirklich verstehen. Einmal hat Pap auch gesagt, meine Mutter zu heiraten sei der größte Irrtum seines Lebens gewesen. Später hat er es abgestritten.

»Sind Luuk und ich dann auch Irrtümer?«, hatte ich gefragt.

»Nein, natürlich nicht! Ihr beide seid das Beste, was mir je passiert ist.«

Das kam mir seltsam vor. Ich meine, wie kann man gleichzeitig ein Riesenirrtum und das Beste überhaupt sein. Das habe ich aber nicht laut ausgesprochen, denn von dieser Art von Gesprächen bekomme ich immer ein ungutes Gefühl. Deshalb rufe ich ihn auch nicht an: Ich will ihm keine Gelegenheit geben, über Mama herzuziehen.

Ich drücke noch mal ihre Nummer. Wahrscheinlich ist sie gerade mit irgendwas beschäftigt. Einer ihrer Patienten, die sie »Klienten« nennt, hat angerufen. Irgendein Notfall. Aber dann hätte sie einen Zettel hinterlassen oder uns eine Nachricht geschickt. Oder der Notfall war so groß, dass ihr dafür keine Zeit blieb. Ein Selbstmord, eine Psychose … Mamas Patienten sind verrückt. Sie selber ist auch verrückt. Ich höre die Stimme meines Vaters. Ich wünschte, das würde mal aufhören, dieses Gekeife in meinem Kopf.

Zu Hause ist sie nicht. Keine Croissants, kein Zettel. Ich stelle Wammes sein Futter hin und setze Teewasser auf. Frage Luuk, ob er einen Sandwichtoast möchte.

Ich schmiere Butter auf die alten Brotscheiben und belege sie mit Käse. War da nicht irgendein Geräusch heute Nacht? Der Fernseher, daran erinnere ich mich. In diesem Haus hört man jedes Geräusch. Wammes hatte kurz gebellt, und Mam rief von irgendwo, er solle die Klappe halten. Dass sie hoch kam, um mir einen Gutenachtkuss zu geben, kam mir seltsam vor. Ich bin kein Kind mehr. Sondern fünfzehn. Da wird man nicht mehr mit einem Gutenachtkuss schlafen gelegt. Mam sagte, dass ihr solche Regeln egal sind und dass ich es später nicht mehr seltsam finden, sondern sogar froh sein werde, diese Erinnerungen zu haben. Wieso sagt sie so was?

Luuk scheint völlig unbesorgt. Ich möchte, dass es so bleibt. Ich gebe ihm seinen Sandwichtoast und seinen Tee, dazu ein paar Scheibchen Banane. »Ich mag keine Bananen«, sagt er. »Das weißt du doch.«

»Nein«, sage ich. »Das weiß ich nicht.« Ist es seltsam, wenn man solche Dinge nicht weiß? Luuk ist eine Art Schatten. Mam hat ihn untersuchen lassen, aber anscheinend fehlt ihm nichts. Luuk sei »anders«. Laut Pap ist das Unsinn. Er sagt, dass Mam ihn höchstens anders gemacht hat durch das ewige Psychologisieren. Pap findet einen Fußballverein genau das Richtige für Luuk, und Mam sagt, dass er vielleicht homosexuell ist. Es nervt mich, dass man immer irgendwas sein soll. Luuk ist einfach Luuk.

Ich koche mir Kaffee und schalte das Radio ein. Meistens nervt mich diese Angewohnheit von Mam, aber heute habe ich selber Angst vor der Stille. Jetzt, wo das Radio läuft, ist es fast, als wäre sie im Haus. Es ist zehn Uhr. Ich kuschle mich in ihren Sessel und scrolle durch mein Handy. Die Chats meiner Freunde sind mäßig spannend. In die WhatsApp-Gruppe, die aus Pap, Luuk und mir und seiner Freundin Laura besteht, hat er ein Foto von uns vieren geschickt, das ich gleich wieder lösche. Auf Facebook Messenger sehe ich, dass Mam zuletzt um halb elf online war. Laura hat das Foto von uns vieren auf Instagram gepostet und dazu getextet: »Eine glückliche moderne Familie!« Pap hat mit einem Herz geantwortet, die restlichen Kommentare stammen alle von Lauras Verwandtschaft. »Du hast es ja so verdient, Liebes.« Ich frage mich, ob Mam das auch gesehen hat; der Gedanke tut mir irgendwie im Herzen weh.

Ich drücke ihre Nummer. Aus der Diele höre ich Telefonläuten. Einen Moment lang glaube ich, dass sie zu Hause ist: Sie schließt die Tür, schlüpft aus dem Mantel, zupft vor dem Spiegel ihre dunklen Wuschellocken in Form, sucht hektisch alle Taschen nach ihrem Telefon ab. Ich gehe an die Tür. Ihre Handtasche hängt am Treppengeländer. Das Läuten kommt aus der Tasche.

Ab wann stimmt wirklich etwas nicht? Vielleicht ist sie bei jemandem aus unserer Straße zum Kaffee eingeladen? Das wäre ungewöhnlich, denn wir sind erst vor Kurzem hierher gezogen.

»Luuk! Leg das doch mal weg.«

Ich nehme die Fernbedienung und schalte den Fernseher aus.

Eine Zombimiene starrt mich an.

»Hast du Mam irgendwo gesehen?«

»Nein. Liegt sie denn nicht noch im Bett?«

»Nein.«

»Sie ist sicher irgendwo.«

»Ja, klar.« Ich will ihm keine Angst machen.

»Ich hab sie heute Nacht gesehen, in meinem Zimmer. Sie hat mir einen Gutenachtkuss gegeben.«

»Mir auch. Und hat sie sonst noch irgendwas gesagt?«

»Nur schlaf gut.«

»War sie irgendwie seltsam?«

»Nein. Ich weiß nicht. Sie war wie immer.«

Ich möchte jemanden anrufen, aber dann würde es real werden. Oder stelle ich mich an? Wen würde ich überhaupt anrufen? Etwa meine Freundin Evi mit ihren perfekten Eltern, die dauernd um mich besorgt sind und sagen, dass das, was meine Eltern veranstalten, »nicht normal« ist? Die hetzen uns noch das Jugendamt auf den Hals. Laut Mam wäre das das Schlimmste, was passieren könnte.

Letzte Woche bekam Luuk beim Fußball einen Ball an den Kopf und musste ins Krankenhaus. Pap konnte Mam nicht erreichen, und ich und Laura saßen wartend im Gang. Sie hatte den Arm um mich gelegt und gackerte und gluckte, als ob ich drei Jahre alt wäre. Mir wurde schlecht von ihrem Geruch nach Parfüm gemischt mit Zigaretten und dem aufgesetzten Babystimmchen, und ich hasste sie, weil sie Suppe holen ging und Paps Wange streichelte, während er versucht hat zu telefonieren. Dann kam Mam angerannt, und Laura gab sich diplomatisch, während Pap und Mam sich darüber in die Haare bekamen, wer der unfähigere Elternteil sei.

Luuks Verletzung erwies sich dann als weniger schlimm als gedacht, er hatte eine Gehirnerschütterung und durfte nach Hause, woraufhin wieder neuer, großer Streit über die Frage entbrannte, mit wem Luuk nach Hause durfte. Mam war Siegerin. Im Auto sagte sie, ich hätte jetzt das Alter erreicht, in dem ich wählen darf, bei wem ich wohnen will, und ob mir das bewusst sei. »Bei euch beiden«, log ich, und sie darauf: »Natürlich, Schatz, das verstehe ich doch.« Aber sie versteht gar nichts.

Ich will mir diese Möglichkeit gar nicht vorstellen, aber tue es trotzdem: Könnte es sein, dass Mam sich absichtlich in Luft aufgelöst hat? Als eine Art Statement?

Luuk kommt in mein Zimmer und schlüpft zu mir ins Bett. Er legt den Kopf an meine Brust. »Ich will Mama!«, sagt er.

2.

Evi und ich führen Wammes aus. Ich weiß nicht, ob ich ihr von meiner Mutter erzählen soll. Denn dann erzählt sie es ihrer Mutter, und schlagartig geraten die Dinge außer Kontrolle. Dann kommen wir nachher zurück, und sie steht schon an der Tür.

Evi zieht eine kleine Flasche aus ihrem Beutel.

»Was ist das?«

»Cuarenta y Tres. Schmeckt geil.«

Wie nehmen beide einen Schluck. Das Zeug ist so süß, dass mir davon die Zähne wehtun.

»Hat deine Mutter einen neuen Freund oder so?«

»Nicht, dass ich wüsste. Wieso?«

»Mein Vater hat sie mit einem Mann gesehen.«

»Ja und? Sie ist in der Arbeit oft mit Männern zusammen.«

Vielleicht liegt sie im Krankenhaus. Sie könnte gestürzt oder angefahren worden sein, oder vielleicht hat ein Hund sie gebissen und jemand hat sie ins Krankenhaus gebracht?

Ich nehme Evi die Flasche aus der Hand und trinke sie aus. Wenn sie nun bewusstlos irgendwo liegt? Meine Hände sind plötzlich feucht.

Evi bekommt eine Chatnachricht und schaut auf ihr Handy.

»Ist es für dich okay, wenn Malou auch kommt?«

Für mich ist Malou einfach eine blöde Schlampe.

»Nein«, sage ich. »Ist es nicht.«

»Du bist vielleicht komisch drauf!«

»Wieso bin ich komisch drauf? Ich mag Malou nicht, das weißt du genau. Ich versteh gar nicht, wieso du das sagst: Ich bin komisch drauf!«

»Mann, entschuldige! Ich hab nur gesagt, was mein Vater gesagt hat, und du wirst gleich sauer. Das ist doch nur, weil Mees dich nicht mehr beachtet.«

Mees ist der Junge, mit dem ich mich neulich geküsst habe. Seitdem gehe ich ihm aus dem Weg. Nicht, weil ich ihn nicht mag, im Gegenteil.

»Quatsch. Ich beachte ihn nicht!«

»Ja, klar.«

Als wir zurückkommen, ist Luuk in Tränen aufgelöst.

»Wo warst du so lange? Ich hab dich x-mal angerufen.«

»Wir waren nur mit Wammes spazieren, jetzt bin ich wieder zu Hause.«

Ich will, dass Evi geht.

»Papa hat angerufen.«

»Was hast du gesagt?«

»Dass du weg bist und Mama auch.«

»Und jetzt?«

»Jetzt kommt er her.«

»Ich gehe«, sagt Evi.

Ich drücke auf Papas Nummer. Er braucht nicht zu kommen. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Wir kommen schon klar, ich weiß, dass Mama bald wieder da ist. Ich kann es spüren. Das passiert mir ständig, dass ich schon vorher weiß, dass etwas wieder gut wird oder eben nicht gut wird, so wie ich es auch immer gleich weiß, wenn jemand lügt. Papa und Mama lügen andauernd.

»Lies, wo steckst du?«

»Zu Hause. Luuk hat sich bloß angestellt.«

»Wie? Na, vielleicht. Der Junge war eben ganz aus dem Häuschen.«

»Jetzt nicht mehr.«

»Na, wie auch immer. Ich sitze im Auto und hole euch ab. Bin gleich da.«

»Das ist nicht nötig.«

»Wo ist deine Mutter? Gib sie mir bitte mal.«

»Sie möchte nicht mit dir sprechen.«

Im Lügen bin ich unschlagbar.

»Wieso geht sie nicht an ihr Telefon?«

»Weil sie nicht mit dir sprechen möchte.«

»Herrgott, dass sie euch auch die ganze Nacht allein lässt! Aber ständig über mich meckern, was ich für ein schlechter Vater bin!«

»Jetzt tu bitte nicht so, Pap.«

»Hör zu. Sag ihr, dass ich jetzt nicht komme, aber dass meine Geduld am Ende ist. Noch so ein Schlamassel, und ihr wohnt bei mir! Sag ihr, es wird Zeit, dass sie sich wie ein normaler Mensch benimmt.«

Dass er wirklich glaubt, ich würde ihr das alles sagen.

»Ist gut, Pap, wir sehen dich nächste Woche wieder, okay?«

»Du rufst mich an, ja? Wenn etwas ist, egal wie spät, ruf mich an, ich komme sofort. Ich vermisse euch nämlich ganz schrecklich.«

Er zieht hörbar die Nase hoch.

»Ach, richtig«, sagt die Stimme meiner Mutter. »Das macht er, wenn er seinen Willen nicht kriegt. Dann versucht er es auf die sentimentale Art.«

Ich schalte Mamas Laptop an und gebe das Passwort ein. Sie verwendet für alles dasselbe: Wammes2017. Lauras Post ist tatsächlich der letzte, den sie gesehen hat. Ich schaue mir das Bild noch mal an. Wir sitzen bei Pap am Esstisch, Laura hat Luuk auf den Schoß genommen, während ich hinter ihr neben Pap stehe, der den Arm um mich legt. Sie hat einen völlig idiotischen Filter darübergelegt; Laura gehört nämlich zur Hasen- und Bärenselfie-Fraktion. Echt unfassbar, dass mein Vater mit so jemand zusammen ist.

Ich kann mir vorstellen, was Mama denkt: meine Familie. An meinem Tisch, mit meiner Teekanne darauf. Er hat mich ausradiert. Wäre Mam jetzt hier, würde ich sie in den Arm nehmen und fragen, ob sie denn lieber dort am Tisch säße.

»Nein«, würde sie antworten. »Nicht einen Tag länger.«

Aber das Bild hat sie trotzdem gesehen. Deshalb ist sie draußen eine Zigarette rauchen gegangen und weggelaufen.

Dabei waren wir gar nicht glücklich, als es aufgenommen wurde; jedenfalls nicht so glücklich, wie es aussieht. Und ich wollte auch gar nicht mit auf das Bild, nicht so! Ich wusste es. Mama sieht das Bild und kriegt einen Anfall. Wieso wir dann trotzdem so brav lächeln? Ich weiß es nicht. Das ging ganz automatisch. Um Pap eine Freude zu machen, was weiß ich.

Meine Mutter ist Psychologin. Ihre Bücherregale sind voll mit Büchern über Probleme. Bei anderen weiß sie immer Rat. »Treten Sie aus sich heraus. Äußern Sie den Schmerz und betrachten Sie ihn von oben.« Solche Sachen sagt sie zwar, aber sie selbst befolgt das nicht. Sie und Pap streiten über unser Schwimmzeug. Das dürfen wir nie zu Pap mitnehmen, weil bei ihm immer alles verloren geht. »Dann besorgt er euch eben selbst Schwimmsachen.« Luuk und ich haben jeweils zwei Fahrräder, eins bei Pap und eins bei ihr. Wir feiern auch unseren Geburtstag und Nikolaus doppelt und fahren doppelt in die Ferien. Mit ihr auf einen Campingplatz in Bakkum, mit ihm irgendwo weiter weg oder in einen teuren Skiort. Unsere Ferien sind dazu da, damit sie sich gegenseitig ausstechen. Sie führen einen Wettstreit darum, wer der bessere Elternteil ist. Zu ihren Freunden sagen beide: »Die Kinder kommen besser zurecht, wenn sie bei mir sind.« Luuk und ich sagen nichts; das ist das Beste. Aber am liebsten hätten wir noch unser altes Zimmer. Einfach ein Zimmer in einem Wohnviertel und ein Fahrrad.

Wir essen belegte Aufbackbrötchen und sagen uns ständig vor: Sie kommt bestimmt bald wieder. Wahrscheinlich stellen wir uns an. Sie würde uns nie im Stich lassen. Sie braucht uns. Das Ganze ist ein Missverständnis. Denken wir noch mal nach: War sie heute zu einem Kurs angemeldet, oder hat sich einen Wellness-Tag gegönnt, oder war sie vielleicht mit jemandem zum Spazieren verabredet? Sie musste noch zu Ikea, um die letzten Sachen fürs Haus zu kaufen; sie hat doch gesagt, dass sie das diese Woche erledigen wollte. Danach kommen wir erneut auf das Auto, die Handtasche, das Telefon zurück.

Wo ist ihr Pass? Ich suche in allen Schubladen, Kästen, Schachteln, Taschen, unter ihrer Matratze und zwischen ihrer Unterwäsche. Wenn ich mich auf ihr Bett lege, ist ihr Geruch so intensiv, dass ich einen Moment lang glaube, sie ist wieder da. Ich werde nicht weinen, ich muss einen klaren Kopf behalten. Jetzt bin ich die Mutter. Nicht so eine Mutter wie sie. Ich lasse mich nicht von Wut oder Selbstmitleid hinreißen. Ich denke nach und tue, was das Beste ist. Keine Panik, keine übereilten Schlussfolgerungen, kein Drama. Sie ist jetzt eine Weile weg, aber sie kommt wieder.

Sobald es draußen dunkel ist, tut es mir leid, dass ich nicht draußen nach ihr gesucht habe, solange es noch hell war. Ich möchte unsere Nachbarn anrufen, habe aber ihre Telefonnummer nicht. Vielleicht hat Mama sie. Ich nehme ihr Telefon aus ihrer Handtasche. Der Akku ist fast leer. Ich hänge es an die Ladestation und gebe ihre PIN ein: 1972, ihr Geburtsjahr. Sie hat 72 WhatsApp-Nachrichten bekommen, eine davon in die Chatgruppe »De Zonnepad Nachbarschaftsschutz«.

Liebe Nachbarn, heute gegen halb ein Uhr nachts stand ein schwarzer VW-Golf längere Zeit mit laufendem Motor vor der Hausnummer 74. Ich konnte das Auto niemandem aus dieser Straße zuordnen.

Darunter ein vergrößertes Foto des Kennzeichens: 44-XB-UW, gefolgt von einer Nachricht eines gewissen Diets:

Immer schön wachsam! Manche Leute haben anscheinend nichts Besseres zu tun!!

Woraufhin Diets die Gruppe verlässt.

Ich weiß nicht, wer Diets ist, und von dem, der das Foto gepostet hat, steht nur eine Mobiltelefonnummer da.

Meine Mutter war um halb elf das letzte Mal online. Laura hat einen schwarzen Golf. Die letzte Nachricht meiner Mutter an meinen Vater ist vier Tage alt. Auf ihrem Handy heißt er Der Arsch. Heute Morgen wurde sie von einer unterdrückten Rufnummer angerufen.

Das ist wieder typisch, dass Lies’ ganze frisch gekaufte Unterwäsche nicht zurückgekommen ist. Ihr Klassenlehrer will uns übrigens diesen Donnerstag um 15.40 Uhr sprechen. Sieh zu, dass du da bist.

Ich denke oft an die Zeit, als noch alles gut oder wenigstens normal war. Wir vier um den Esstisch sitzend oder sonntagmorgens im Bett oder alle in unseren Pyjamas vor dem Fernseher. Oder im Auto, auf dem Weg in die Ferien. Als wir noch zusammen Spiele spielten und ich sehen konnte, wie Papa seine Hand um ihre Taille legte. Als noch Gäste zu uns kamen und Mama kochte, während Papa im Wohnzimmer plauderte und lachte. An das Mal, als ich die beiden auf einer Hochzeit tanzen sah. Es war nicht schon immer schlecht, und wenn sie es noch so oft behaupten. Es war die meiste Zeit gut, bis Laura alles kaputt gemacht hat.

3.

Ich bin wütend auf Luuk, weil er Papa angerufen hat. Luuk hat überhaupt keine Ahnung, wie schlimm es zwischen den beiden steht: dass sein Anruf Mama das Sorgerecht kosten kann, weil Papa nur auf einen Fehler von ihr lauert, um zuzuschlagen. Irgendeinen Ausrutscher, der sie als schlechte Mutter entlarvt.

Jetzt hat er bekommen, was er wollte.

»Wie hat er geklungen?«

»Normal.«

»Was hat er gesagt?«

»Ich bin jetzt auf dem Weg zu euch. Sonst nichts.«

»Du hast alles verdorben.«

»Was denn? Mama ist weg, das ist doch schlimm?«

»Jetzt wird es noch schlimmer.«

Ich will sie warnen, aber weiß nicht, wie. Gleichzeitig möchte ich ihr sagen: Wie konntest du das tun? Bist du jetzt zufrieden? Papa ist schon auf dem Weg hierher, um uns zu sich zu holen und nie wieder herzugeben. Um mit uns und Laura Vater-Mutter-Kind zu spielen. Dann werden sie noch ein eigenes Baby machen, und alle werden sagen: »Du findest doch auch, dass dein Vater das verdient hat?« Und ich darf nicken und begeistert tun. Oder ich muss wählen, wo ich selber hinwill, und Luuk dort lassen. Ich möchte am liebsten bei Mama wohnen. Sie braucht uns am meisten. Mein Zimmer hier fühlt sich an wie das von jemand anderem, einem von Laura persönlich erfundenen Mädchen, das Rosa und Blümchen liebt, während ich gerade das nicht mag. Ich brauche keinen flauschigen Riesenbären oder Uggs mit Pailleten. Das ist was für nuttige Typen. Laura will die ganze Zeit mit mir shoppen gehen und zur Pediküre, zwei Dinge, die ich für Schwachsinn halte, ganz besonders mit ihr. Ich bin nicht die »Tochter«, die Mädchendinge unternehmen will. Ich bin Lies und mag Horrorfilme, Abhängen mit Jungs und die Farbe Dunkelblau, Sneakers und Hiphop. Und nein, ich bin nicht lesbisch, was ein paar Typen mir in der Schule nachrufen. Das ist der Grund, warum Mees mich geküsst hat. Um mich zu testen, meinte Evi.

Ich bekomme vor Nervosität nichts herunter. Wie an dem Abend, als Papa und Mama uns eröffneten, dass sie sich trennen. Ich wusste es schon vorher. Ich hatte es monatelang gespürt. Irgendwann hörte ich dann, wie sie sich in der alten Küche unterhielten.

»Wir sagen, dass wir uns gemeinsam so entschieden haben.«

Mama weinte. »Du willst also, dass ich lüge?«

»Du solltst nur kein Drama daraus machen.«

»Aber es ist ein Drama.«

»Es geht hier nicht um uns, es geht um die Kinder. Wir sagen, dass wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen sind, dass es besser ist, wenn ich für einige Monate in eine andere Wohnung ziehe. Dass wir uns noch sehr lieb haben, aber eher als Freunde und nicht als Mann und Frau.«

»So ein Schwachsinn!«

»Wir sollten unsere Gefühle da heraushalten.«

»Schön. Aber eines Tages werden sie verstehen, was für ein Riesenarschloch du bist.«

»Und was glaubst du wohl, was sie von dir halten werden?«

Eine lange Stille trat ein, gefolgt von Schluchzen.

»Ganz genau, meine Liebe.«

Einer der beiden schlug die Küchentür mit lautem Krachen zu.

In der gleichen Nacht bekam ich meine erste Blasenentzündung. Das war vor etwa zwei Jahren. Damals wusste ich noch gar nicht, was das ist. Ich musste ständig pinkeln und hatte brennende Schmerzen, aber ich wollte nicht alles noch schlimmer für die beiden machen, also habe ich nichts gesagt, sondern die Symptome gegoogelt. Da stand, dass es hilft, viel Wasser zu trinken, also habe ich das getan, aber es hat nicht gewirkt. Am nächsten Tag, während Papa geredet hat und Mama nur weinte und stammelte, dass das alles nicht unsere Schuld sei, ging ich aufs Klo und pinkelte Blut. Es war eigentlich ganz praktisch, der Schmerz lenkte mich davon ab, was sich gerade zwischen meinen Eltern abspielte. Zwei Tage danach erwachte ich in einem Krankenhausbett mit Mama und Papa neben mir. Das war mein letzter glücklicher Moment.

Papa behält den Mantel an und geht ein paar Schritte ins Wohnzimmer hinein. Er ist noch nie bei uns im Haus gewesen. Er atmet heftig durch die Nase, während er sich umsieht.

»Kommt, Kinder, packt eure Sachen, ich nehme euch mit zu mir.«

»Und wenn wir gar nicht wegwollen?«, sage ich.

»Kannst du nicht auch hierbleiben?«, fragt Luuk.

»Ich glaube nicht, dass deine Mutter damit einverstanden wäre.«

»Aber sollten wir Mama nicht suchen gehen?«

»Das machen wir, mein Schatz. Doch ich denke, Mama braucht einfach ein bisschen Raum für sich.«

Das sagen meine Eltern oft. Erst hat Papa ein bisschen Raum für sich gebraucht, dann Mama, und jetzt haben beide Raum für sich, und es ist noch immer nicht genug.

»Pap«, sage ich. »Sollten wir nicht die Polizei rufen?«

»Die wird nichts tun. Deine Mutter ist eine erwachsene Frau, und Erwachsene suchen sie erst nach zwei Wochen. Es gibt keine Anzeichen, dass etwas Ernstes passiert ist.«

Papa ist Anwalt, er weiß das.

»Sie könnte einen Unfall gehabt haben.«

»Ja, oder sie wurde entführt«, sagt Luuk.

»Wir werden natürlich alle Krankenhäuser anrufen. Überlasst das Suchen einfach uns, wir kümmern uns.«

Wir. Laura und er.

»Los, Kinder, Laura wartet im Auto.«

»Warum?«

»Sie macht sich auch Sorgen.«

Was interessiert mich das? Das sage ich nicht, denn es scheint mir besser, jetzt keinen Streit anzufangen. Ich würde mir so wünschen, Laura wäre plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Paff! Weg. Ich würde sie nicht suchen und nicht die Polizei rufen und mir keine Sorgen machen. Mit Laura hat alles angefangen, und sie kann meinetwegen tot umfallen. Wenn ich nur an sie denke, wird mir schon kalt und mir tut der Nacken weh. Laura. Allein schon der Name. Haben wir sie uns ausgesucht? Hatten wir eine Wahl? Und trotzdem haben wir sie jetzt jede zweite Woche am Hals. Und ausgerechnet sie will uns bei der Suche helfen.

»Vielleicht solltest du zusätzlich Kim um Hilfe bitten.«

Kim ist Mams beste Freundin.

»Und Oma«, sagt Luuk.

»Ich glaube nicht, dass es nötig ist, Oma jetzt schon zu beunruhigen.«

»Wammes muss auch mitkommen«, sagt Luuk.

Paps Miene verfinstert sich. Er kann Haustiere nicht leiden. Schon allein deshalb hat Mam uns einen Welpen besorgt.

4.

Papa wohnt in einem modernen Apartment in der Nähe seiner Arbeit. »Eine solche Wohnung habe ich mir immer gewünscht«, sagte er, als er sie uns das erste Mal zeigte. Luuk und ich haben hier jeder ein großes Schlafzimmer mit einem Doppelbett und eigenem Fernseher. Eingerichtet hat die Zimmer Laura mithilfe von Pinterest. Der weiße PU-Gussboden geht über die ganze Fläche. Mein Bett steht auf einer Art Podest und ist mit großen weißen und rosa Kissen übersät. Auf den weißen steht in Stickschrift HAPPY, auf den rosafarbenen GIRL. Über dem Kopfende hängt, umrahmt von Weihnachtsbeleuchtung, ein Wandbild von zwei schlafenden Augen mit langen Wimpern. Den größten Teil dieser Einrichtung gibt es bei Ikea zu kaufen. Alle Zimmer haben hohe Glastüren, was zwar schön, aber megaunpraktisch in Bezug auf die Privatsphäre ist. Ich habe meine Tür mit Fotos meiner Lieblingskünstler vollgeklebt. Luuk hat vor seine eine Feijenoord-Fahne gehängt: Papa ist fanatischer Ajax-Anhänger.

Die Küche ist schwarz. Sitzen kann man an der Kücheninsel, auf hohen Edelstahl-Barhockern. Vor dem Gasheizofen steht ein gigantisches Loungesofa, und wenn man auf die Fernbedienung drückt, fährt der Fernseher aus dem Boden.

Papa lässt sich neben uns fallen.

»Steckt mal kurz die Handys weg, Kinder.«

»Ich schau nur, ob Mama vielleicht irgendwo online ist«, sagt Luuk.

»Sie hat ihr Handy doch nicht dabei«, sage ich.

»Wie ich eure Mutter kenne, hat sie bestimmt noch ein zweites«, sagt Papa.

Das iPhone, das in ihrer Handtasche geläutet hatte, habe ich eingesteckt. Es war fast so, als hätte Mam mich darum gebeten: »Der Idiot soll bloß die Finger von meinem Telefon lassen!«

»Wie war Mama, bevor sie verschwunden ist?«

Meine Schultern werden schwer. Ich kann es nicht ausstehen, wenn er diese Art von Fragen stellt. Normalerweise antworte ich: Frag sie doch selbst, aber genau das geht jetzt nicht.

»Normal«, sagt Luuk.

»Traurig«, sage ich. »Sie hat schlecht geschlafen und war oft sehr müde.«

Papas presst die Kiefer zusammen. Er nickt.

»Deine Mutter war manchmal ein bisschen depressiv. Das ist schlimm für sie, aber ihr könnt nichts dafür. Ich auch nicht. Es ist eine Krankheit. Es ist gut möglich, dass sie einfach irgendwo eine Atempause einlegt. Laura und ich werden alles in unseren Kräften Stehende tun, um sie zu finden. Kim haben wir übrigens ebenfalls informiert. Vertraut ihr uns? Macht euch keine Sorgen, es wird wirklich alles gut. Und wenn wir sie gefunden haben, kümmern wir uns gleich darum, dass sie die richtige Hilfe bekommt. Bei uns seid ihr jedenfalls sicher, und heute Abend dürft ihr bestimmen, wo wir essen wollen.«

Als ob mir jetzt nach Essen wäre!

»McDonald’s«, sagt Luuk. Für Laura ist das vermutlich ein absolutes No-go.

»Ja, genau«, sage ich. »Wir wollen zu McDonald’s!«

»Schön, dann ist heute McDonald’s angesagt.«

Wir fahren durch die zugigen Straßen von Buitenveldert, und ich sehe sie in jeder Frau. Ich habe bisher niemandem von meinem Traum erzählt, aus dem ich mit dem Gefühl erwacht bin, Mama sei tot. Es ist wiedergekehrt, hier in diesem Auto, das nach Lauras schwerem Parfüm riecht: Mama ist tot. Sie liegt einsam und kalt irgendwo, und wir gehen zu McDonald’s.

Ich wünschte, Luuk und ich könnten mit Papa normal über Mama reden und umgekehrt. Dass wir erzählen könnten, was wir gemacht und gegessen haben, was Pap beziehungsweise Mam gesagt hat und wieso wir so lachen mussten, und das alles, ohne dass danach eisiges Schweigen herrscht oder eine verletzende Bemerkung fällt. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich Papa für ein Arschloch halte, und Mama würde antworten: »Aber nein, dein Vater ist so ein lieber Mensch.« Oder dass ich erzählen könnte, wie oft Mama weint und ganze Nächte vor ihrem Computer sitzt. Und dass sie manchmal eine ganze Flasche Wein trinkt und es oft nicht schafft, Geld vom Geldautomaten abzuheben, und dass Papa mir darauf antworten würde: »Das ist sehr traurig, ich rufe sie gleich an.« Aber stattdessen sagt er Sachen wie: »Es reicht mir jetzt mit diesem Theater; ich schalte die Behörden ein; ich lasse nicht zu, dass meine Kinder diesem hysterischen Getue weiter ausgesetzt sind.«

Einmal habe ich es versucht, als ich ihm sagte, dass Mama schon zwei Tage nicht aus dem Bett gekommen sei. »Du bist schon genau so eine hysterische Tussi wie deine Mutter«, war seine Antwort. Danach hat er ihr immerhin eine WhatsApp geschickt. Ich weiß nicht, was er ihr geschrieben hat, aber in der Woche darauf war plötzlich das Haus blitzblank. Sie wirbelte sogar in der Küche herum, um frische Lasagne zu machen.

Ich bekomme den Big Mac kaum runter, so schuldig fühle ich mich. Ich tauge nichts, bin ein wertloses Kind. Ich muss an positive Dinge denken. Daran, wie lieb Mama ist. Sie kitzelt mich jeden Abend am Rücken und lässt mich aufbleiben, um mit ihr Gossip Girl zu schauen. Solange es nicht um Papa geht, kann ich gut mit ihr reden. Sie spricht völlig ungeniert über Sachen wie Sex oder die Periode, kann gut kochen und tanzt mit uns auf Hip-Hop-Musik. Und ganz egal, wie traurig sie ist, ich darf immer zu ihr ins Bett, und dann sagt sie, dass Luuk und ich das Allerwichtigste für sie sind.

Papa ist auf eine andere Art nett. Nicht so verschmust, er geht aber immer mit Luuk zum Fußball und kann Dinge wie Chemie oder Politik, die ich nicht verstehe, sehr gut erklären. Er schenkt meistens Geld und stellt klare Regeln für uns auf. Genau wie Mama ist er uns nie lange böse.

Es geschieht automatisch, das Vergleichen, die Frage, was ich tun würde, wenn ich wirklich zwischen ihnen wählen müsste. Doch jetzt habe ich plötzlich gar keine Wahl mehr, und ich werde noch verrückt, weil wir nicht für Mama da waren.

Laura und Papa reden. Leise, in ihrem Schlafzimmer. Das kenne ich noch von früher, wenn meine Eltern nicht wollten, dass Luuk und ich sie hörten. Wir nannten es »wutflüstern«.

Papa sagt, dass Mama eine Borderlinerin ist und bestimmt wieder auftauchen wird; solche Scherze hätte sie sich schon öfter geleistet. Laura findet, dass wir die Polizei verständigen und einen Aufruf auf Facebook posten sollten.

»Das ist doch genau, was sie will«, sagt Papa.

Ich verstehe nicht, warum er so einen extremen Hass auf meine Mutter hat. Was hat sie ihm je getan? Er ist doch mit einer anderen durchgebrannt! Oder ist alles ganz anders? Wieso lügen Eltern immer?

»Du sprichst hier über die Mutter deiner Kinder, Peter. Also achte ein bisschen auf deinen Ton.«

Ich hasse Laura, aber manchmal tut sie mir auch leid. Mama ist anscheinend immer noch das große Thema in seinem Leben.

»Halt dich einfach raus, Schatz. Du hast keine Ahnung.«