Bomben auf Berlin -  - ebook

Bomben auf Berlin ebook

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Opis

Ohne Pathos berichten 50 Zeitzeugen über die Tage und Nächte, in denen im Zweiten Weltkrieg Bomben auf Berlin fielen. Aus den individuellen Schicksalen ergibt sich ein historisches Bild der Zeit, die eine Generation bis heute geprägt hat. So einstand ein einzigartiges Buch bewegender Schilderungen. Mit einem Vorwort von Sven Felix Kellerhoff.

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BOMBEN AUF BERLIN

WIELAND GIEBEL (HG.)

BOMBEN AUF BERLIN

ZEITZEUGEN BERICHTEN VOM LUFTKRIEG

IMPRESSUM

Giebel, Wieland (Hg.)

Bomben auf Berlin – Zeitzeugen berichten vom Luftkrieg

1. Auflage — Berlin: Berlin Story Verlag 2012

eISBN 978-3-86368-720-5

© Berlin Story Verlag

Alles über Berlin GmbH

Unter den Linden 40, 10117 Berlin

Tel.: (030) 20 91 17 80

Fax: (030) 69 20 40 059

www.BerlinStory-Verlag.de

E-Mail: [email protected]

Umschlag: Norman Bösch

Redaktion und Satz: Karima Hayit

Abbildungen:

Frontcover, Buchrücken: Bundesarchiv, Bild 183-J31345, o.A.;

WWW.BERLINSTORY-VERLAG.DE

INHALT

Sven Felix Kellerhoff: Bomben auf Berlin

Berichte

Renate Baudert: Leben im Keller

Horst Biesel: Brandwache in Prenzlauer Berg

Waltraud Bock: Wir liefen durch das brennende Spandau

Helene Braun: Bis wir uns wiedersehen

Leopold Deutsch: Verschüttet

Barbara Graff: War das die Hölle?

Roswitha Haak: Heimliche Taufe

Rosa Heinrich: Der erste Kuss

Irmgard Hoferichter: Alarm!

Walter Horwitz: Wir wollten helfen

Anni Juncker: Schwester, die Wehen

Peter Jung: »Feindliche Bomberverbände über Hannover-Braunschweig«

Veronika Kandel: Meine Schwester

Luzie Kannewischer: Die furchtbare Angst

Renate Knispel: Warten auf Rettung

Horst Konzog: Du darfst nicht die Ruhe verlieren

Horst Krause: Der Himmel war schwarz

Edith Krüger: Ausgebombt

Lutz Lehmann: Bombennächte

Ruth Lejeune-Jung: Hör bloß mit dem Beten auf!

Gerda Lemke: Der Himmel war glühend rot

Otto Leonhardt: Nicht umdrehen, nur nach vorn sehen!

Marianne Maasch: Berlin brannte

Günter Marquardt: Plötzlich Stille

Bernd Müller: BBC London

Erich Nieswand: Ein Kasten Bier

Gerhard Pagel: Stunden der Angst

Renate Paternoga: Gottes Flügel über uns

Wolfgang Pickert: Bombe gegen Splitter

Ilse-Dore Pilz: Scherben

Elisabeth Pochinger: Mein 20. Geburtstag

Christa Ronke: Ein Surren über uns

Bruno Roth: Im Erdloch

Horst Rückert: Eine Sprengbombe

Eva Schliep: Schattenspiele

Kurt Schulz: Flakhelfer

Heinz Schwedtke: November 1943

Egon Seeling: Luftschutzwache im Theater

Hans Soost: Härteprüfung

Gerda Steinke: Stumm vor Angst

Gisela Talkenberger: Ihr Haus brennt!

Briefe einer Mutter aus Friedrichshain: »Berlin ist tot«

Helga Thiele-Wende: Ich wusste nicht, wie mir geschah

Klaus Jürgen Ulandowski: Wieder einmal Berlin

Peter Ulrich: 1. März 1943

Hildegard Urban: Eine Nacht in der Hölle

Hans von Przychoski: Wir trugen die Folgen

Ulrich Walter: Taghell war die Nacht

Erhard Weiner: Verbrannt

Helga Wiechula: Unter den Linden

Dokumente

Eine Botschaft des Oberbefehlhabers der britischen Kampfflugzeuge an das deutsche Volk

Der Großangriff vom 19. Mai 1944

Bomben auf Berlin

Von Sven Felix Kellerhoff

Manchmal ist Nichtwissen besser als Wissen. Kein Berliner erfuhr, was Arthur Harris, Air Marshal der Royal Air Force (RAF) und Chef ihres Bomber Commands, am 3. November 1943 in einem Brief an den britischen Premierminister Winston Churchill vorschlug: »Wir können Berlin von einem Ende bis zum anderen verwüsten, wenn sich die Amerikaner daran beteiligen. Es wird uns 400 oder 500 Flugzeuge kosten, Deutschland aber wird es den Krieg kosten.« Ähnlich dachte sein direkter Vorgesetzter, RAF-Stabschef Sir Charles Portal: »Ohne Harris drängen zu wollen, würde ich mich freuen, ein genaues Datum zu erfahren, ab dem schwere Luftangriffe auf Berlin möglich sind.« Portal war sich sicher: »In der gegenwärtigen Kriegslage würden Angriffe auf Berlin wie jene auf Hamburg enorme Auswirkungen auf Deutschland als Ganzes haben.«1 Churchill ließ sich überzeugen und gab Harris grünes Licht. Nachdem die RAF-Bomber bereits 19 deutsche Städte so sehr zerstört hatten, dass sie für die Deutschen nur noch eine Belastung waren, und 19 weitere schwerer beschädigt waren als Coventry, sollte nun die Zerstörung der Reichshauptstadt den Widerstand der deutschen Bevölkerung brechen und damit den Krieg zu einem raschen Ende führen.

Städte sind im Zweiten Weltkrieg nicht zum ersten Mal Ziel kriegerischer Operationen gewesen. In der gesamten Kriegsgeschichte standen sie im Mittelpunkt des strategischen Interesses. Im selben Umfang, in dem die Waffentechnik das zuließ, wurden sie terrorisiert, beschossen, gebrandschatzt. Das Bombenflugzeug allerdings erweiterte den potentiellen Radius der Zerstörung und ihren möglichen Umfang enorm. Es gab dem Krieg gegen die Heimatfront eine ganz neue, furchtbare Dimension. Berlin stand nach der weitgehenden Zerstörung Hamburgs im Sommer 1943 auf der Liste der britischen und bald auch der US-Bomber ganz oben. Als Industrie- und Verkehrszentrum war die Reichshauptstadt ein legitimes militärisches Ziel. Knapp ein Zehntel der deutschen Arbeitskräfte war hier beschäftigt, die rund 14 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung erbrachten. Sämtliche Elektromotoren für U-Boote stammten aus Berlin, 95 Prozent der Funkgeräte und 60 Prozent aller Kabel, außerdem zwei Drittel der deutschen Torpedos, die Hälfte aller Flugzeugmotoren und jeder vierte Panzer. Die großen Firmen lagen am Rande der Metropole oder in innerstädtischen Industriegebieten wie Siemensstadt, doch eine Fülle von kleineren Unternehmen produzierte Rüstungsgüter in der Innenstadt – allein im Bezirk Kreuzberg mehr als 170 Betriebe. Über tausend größere und kleinere Zwangsarbeiterlager waren in ganz Berlin verteilt. Ähnlich wichtig war die Stadt als Verkehrsknotenpunkt. Seit der Kaiserzeit dienten die Gleisanlagen in Berlin als zentrales Drehkreuz. Die Versorgung der Ostfront mit Material und Mannschaften lief ebenso zum großen Teil über die Reichshauptstadt wie der Urlauberverkehr der Wehrmacht aus der Sowjetunion.

Als militärisches Ziel war Berlin auch deshalb legitim, weil hier die Regierung Hitler amtierte. Für die NS-Spitze war die größte zugleich die wichtigste Metropole des Reiches. Deshalb nahm Göring größere RAF-Angriffe gegen die Reichshauptstadt oft zum Anlass für Luftschläge auf London. Psychologisch hatte das jedoch negative Folgen: Die Luftkriegsgeschädigten in anderen Städten äußerten sich zunehmend enttäuscht, dass ihr Leiden den Briten nicht ähnlich massiv ›heimgezahlt‹ würde. Das zeigte sich an einem Spottgedicht, das auf Joseph Goebbels’ Rede im Sportpalast am 18. Februar 1943 nach dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad zielte. Der Propagandaminister hatte dabei rhetorisch gefragt: »Wollt Ihr den totalen Krieg?« und tosende Zustimmung geerntet. Eine »gewisse Animosität der Volksgenossen gegen die Reichshauptstadt« war die Folge, berichtete der SD, die sich im Ruhrgebiet in einem Vierzeiler ausdrückte:

Lieber Tommy, fliege weiter,

Wir sind alle Ruhrarbeiter,

Fliege weiter nach Berlin,

Die haben alle ›Ja‹ geschrien.2

Fragwürdig war dagegen der vierte Grund für die Angriffe der Royal Air Force auf Berlin. Die Stadt war das mit Abstand größte zivile Ziel in Deutschland, mit immer noch mehr als drei Millionen Einwohnern. Arthur Harris hatte sich längst verabschiedet von der Fiktion, seine Besatzungen würden nur rein militärische und strategische, äußerstenfalls politischsymbolische Ziele attackieren. Am 25. Oktober 1943 forderte er ein öffentliches Bekenntnis zur »Zerstörung der deutschen Städte, Tötung deutscher Arbeiter und Zerschlagung des gesamten zivilisierten Lebens in ganz Deutschland«. Harris verlangte radikale Ehrlichkeit: »Es sollte unterstrichen werden, dass die Zerstörung von Gebäuden, öffentlichen Einrichtungen, Transportmitteln und Leben, die Schaffung eines Flüchtlingsproblems von bislang unbekanntem Ausmaß und der Zusammenbruch der Moral an der Heimat- wie der Kriegsfront durch die Furcht vor noch umfassenderen und heftigeren Bombenangriffen akzeptierte und beabsichtigte Ziele unserer Bombenpolitik sind. Keinesfalls sind sie Nebeneffekte von Versuchen, Fabriken zu treffen.«3 Allerdings weigerten sich Harris’ Vorgesetzte, dieser Empfehlung nachzukommen.

Die RAF erwartete, die Berliner würden angesichts ihrer bis 1932 bei Wahlen vergleichsweise geringen Zustimmung zur NSDAP unter zunehmendem Druck durch Luftangriffe gegen das Hitler-Regime aufbegehren. Berlin sollte also in einen Aufstand hineingebombt werden. »Die Aufrechterhaltung der Moral ist zum größten Problem der inneren Machthaber Deutschlands geworden«, urteilte am 4. November 1943 die Nachrichtenabteilung des Londoner Luftfahrtministeriums. Immer mehr Deutsche seien für einen ›Frieden um jeden Preis‹, um die totale Zerstörung weiterer Städte zu verhindern.4 Diese Erwartung beruhte jedoch auf falschen Annahmen. Berlin war auch vor Hitlers Machtübernahme nicht besonders ›antinazistisch‹ gewesen. Gemessen an der Zustimmung zur NSDAP in den 15 größten Großstädten bei den Wahlen 1925 bis 1932 hatte die Reichshauptstadt stets im Mittelfeld gelegen – mit niedrigeren Werten als etwa Königsberg, Frankfurt am Main oder Hamburg, aber mit höheren Ergebnissen als Dortmund, Duisburg, Essen und Köln. Durchschnittlich lagen die ›Hauptstadt der Bewegung‹ München und die Reichshauptstadt Berlin gleichauf.5 Jede Hoffnung auf eine besonders oppositionelle Haltung der Berliner war Illusion, das Konzept des ›moral bombing‹ von vorneherein verfehlt. Statt Opposition durch Bomben zu fördern, führte das unterschiedslose Bombardement glühender Hitler-Befürworter, Gleichgültiger und Skeptiker zu einer Solidarisierung. Joseph Goebbels beurteilte die Lage weitaus treffender als das Ministerium in London: »Die Engländer werden sich sehr in die Finger schneiden, wenn sie glauben, die deutsche Kampfmoral durch den Luftkrieg oder durch eine Propagandakampagne zu brechen. Davon kann überhaupt keine Rede sein. An der Haltung des deutschen Volkes in der Heimat ist der Krieg unmöglich zu verlieren.«6

Harris’ Plan sah vor, dass anderthalb Dutzend Großangriffe mit jeweils mehreren hundert Bombern, nachts durch britische ›Lancasters‹ und ›Halifax’‹, tagsüber durch amerikanische ›Fliegende Festungen‹ B-17 und ›Liberators‹ B-24, die Millionenstadt ›hamburgisieren‹, wie man im Bomber Command seit den verheerenden Attacken auf die Hansestadt sagte. Gemeint war, mit gezielten Luftangriffen auf eng bebaute (und bewohnte) Innenstadtviertel Brände auszulösen, denen die Stadt selbst die Nahrung liefern sollte. Einen Feuersturm zu erzeugen, der mit Temperaturen jenseits der 1000 Grad alles verzehren würde, was es überhaupt an brennbaren Materialien gab – das Holz der Dachstühle und die Möbel in den Wohnungen ebenso wie den Asphalt auf den Straßen und die Kohle in den Vorratskellern. ›Hamburgisieren‹ bedeutete, eine Stadt so zuzurichten, dass sie dem Gegner nur noch zur Last fiel. Städte sind das Herz jeder Industriegesellschaft; hier leben auf engstem Raum zehntausende, manchmal hunderttausende Menschen. Städte sind, jedenfalls solange sie noch nicht in die Frontlinie geraten sind, der Ruhepol eines kriegführenden Landes. Sie sind Heimat; hier leben die Frauen, die Kinder und die Eltern der Frontsoldaten. Ein Nebeneffekt der Bombardierungen und wohlgemerkt nicht ihr Hauptgrund war, die Stadt als Standort von Industrie auszuschalten.

Als ›Schlacht um Berlin‹ ist Arthur Harris’ Offensive mit ihren insgesamt 16 Großangriffen durch Bomber der RAF und drei weiteren der United States Army Air Forces (USAAF) zwischen dem 18. November 1943 und dem 25. März 19447 im Gedächtnis geblieben – im Gedächtnis der Militärhistoriker, im Gedächtnis der angreifenden Flugzeugbesatzungen, vor allem aber im Gedächtnis der Opfer: der mehr als 800.000 Berliner, die in diesen knapp dreieinhalb Monaten ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Dach über den Kopf verloren, der 16.150 gemeldeten Schwerverletzten und der Angehörigen der rund 7400 Toten unter der Zivilbevölkerung.8 Insgesamt starben im fünfjährigen Bombenkrieg gegen die Reichshauptstadt nachweislich 11.367 Zivilisten.9

So grausam, so unvorstellbar diese Zahlen auch sein mögen: Der Bombenkrieg traf Berlin insgesamt weniger hart als andere deutsche Städte. In Hamburg zum Beispiel starben allein während des Feuersturms in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1943 wahrscheinlich rund 31.000 Menschen10, in Dresden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 etwa 22.000 Zivilisten.11 In Pforzheim kam am 24. Februar 1945 beinahe jeder dritte Einwohner ums Leben: 20.277 von rund 65.000. Auch gemessen an den zerstörten Gebäuden wurden andere deutsche Städte wie Düren (zu 99,8 Prozent zerstört – nur 13 von 9322 Gebäuden in der Innenstadt blieben stehen), Paderborn (zu 95 Prozent zerstört) oder Würzburg (90 Prozent der Altstadt und 82 Prozent der gesamten Stadt zerstört) weitaus härter getroffen als Berlin. Auch Kassel, Lübeck, Potsdam, Darmstadt, Osnabrück und Köln trugen im Vergleich schlimmere Schäden davon und hatten relativ gesehen höhere Opferzahlen zu verkraften als Berlin.

Das lag freilich nicht an irgendeiner Form von Zurückhaltung der alliierten Bomberstaffeln bei den Angriffen auf die Reichshauptstadt. Berlin hatte einfach, das wurde zum Glück für die Stadt und ihre Millionen verbliebenen Einwohner, keinen großen mittelalterlichen Altstadtkern mehr. In der Boomzeit des ausgehenden 19. Jahrhundert war die gerade erst zur deutschen Metropole aufgestiegene Stadt so gründlich umgebaut worden, dass die teuflische Kombination von Spreng- und Brandbomben nicht so viel leicht entflammbares Material fand wie in anderen Städten. Während etwa in Lübeck viertelweise Fachwerkhäuser wie Zunder brannten, widerstanden in Berlin die gemauerten Haus- und Ziegelsteinwände vieler Mietskasernen den Flammen. Die breiten Straßen, die Parks, die Kanäle taten ein übriges, um den Zusammenschluss der vielen hundert Einzelbrände zum alles verzehrenden Feuersturm zu verhindern. Hinzu kam, dass die ›Schlacht um Berlin‹ im Winter 1943/44 geführt wurde – als erstens die Temperaturen sehr viel geringer waren als im Hochsommer 1943 beim verheerenden Angriff auf Hamburg und zweitens die Technik der Brandlegung aus der Luft noch nicht so vollkommen war wie im Frühjahr 1945, als Pforzheim, Dresden und andere Städte untergingen.

In einzelnen Vierteln Berlins kam es zwar sehr wohl zu verheerenden Großbränden, zum Beispiel ziemlich am Anfang der ›Schlacht um Berlin‹ im Hansaviertel, von dessen alter Pracht nur sehr wenig übrig blieb. Theo Findahl, Korrespondent norwegischer Zeitungen in Berlin und einer der wenigen neutralen Ausländer, die den Bombenkrieg vom ersten bis zum letzten Tag erlebten und später darüber detailliert berichteten, schrieb nach dem Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. November 1943 in sein Tagebuch: »Das ganze Hansaviertel steht in Brand. Ich muss nach Hause, um zu sehen, ob irgendetwas gerettet werden kann. In der Altonaer Straße ist die Wasserleitung geborsten, die Straße gleicht einem Binnensee. Unmöglich, auf diesem Weg zum Hansaplatz vorwärts zu kommen. Der Tiergarten ist wie ein Dschungel. Zweige und Stängel schlagen einem ins Gesicht, während man über die umgestürzten Baumstämme vorwärts tastet. Die Händelallee – ein einziges Flammenmeer. Ich gehe weiter, biege in die Klopstockstraße ein. Die Straße ist heiß wie ein Backofen. (…) Ein glühender Wind peitscht durch die Straßen, das Haus ist ein einziger Feuerwirbel. (…) Das Beste ist, so schnell wie möglich kehrt zu machen und wieder in den Park zurückzukommen, wo die Luft nicht ganz so beißend ist von Ruß und Rauch wie hier – schnell weg von dieser Stelle, die drei Jahre lang unser Zuhause gewesen ist!«12

Auch der Journalist und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes Hans-Georg von Studnitz hatte bis zum 22. November 1943 im Hansaviertel gelebt. Er war gerade auf dem Rückweg von einem verlängerten Wochenende in Pommern, als der Angriff begann. Seine Frau und er saßen bis morgens um zwei Uhr in Pankow fest und wussten nicht, wie sie weiterkommen sollten, denn in ganz Berlin verkehrte kein Zug mehr. »Die Luft ist von beißendem Qualm erfüllt. Wir geben uns der Hoffnung hin, dass der Angriff dem Osten der Stadt gegolten hat, und machen uns so gut es geht mit unseren Sachen zu Fuß auf, um über die Schönhauser Allee der Stadt näher zu kommen. Das Gepäck lassen wir in einem Notspital, in dem ständig Verletzte eingeliefert werden.« Den Versuch, das östliche Stadtzentrum um den Alexanderplatz zu erreichen, gaben die beiden Studnitz’ rasch auf. »Die von Brandgeruch und ausströmendem Leuchtgas geschwängerte Luft wird so unerträglich, die Finsternis so undurchdringlich, der Regenschauer vor sich herjagende Sturm so stark, dass unsere Kräfte erlahmen. Dazu versperren umgestürzte Bäume und Leitungsmasten, zerrissene Hochspannungskabel, verkohlte Straßenbahnwagen, Trichter, Gesteinstrümmer und Glasscherben den Weg. Alle Augenblicke reißt der Wind von den Ruinen Fensterrahmen, Dachziegel und Regenrinnen auf die Straße.« Gegen vier Uhr morgens fanden die beiden ein Lokal, in dem sich Zeitungsausträgerinnen versammelt hatten, um ihre Blätter in Empfang zu nehmen. »Von ihnen erfahren wir, dass die Katastrophe sich nicht auf die östlichen Stadtteile beschränkt, sondern auch das Zentrum und der Westen schwer getroffen sind.« Studnitz beeindruckten die Frauen: »Jede von ihnen ist ausgebombt oder hat in dieser Nacht irgendeinen schweren Schaden erlitten. Keine macht ein Aufhebens davon. Alle finden sich zur gewohnten Stunde ein, ruhig, tapfer und gefasst, um die Bevölkerung mit den Morgenzeitungen zu versorgen.« Das Leben musste weitergehen.

Erst als der Morgen graute, am 23. November 1943 gegen halb acht Uhr, standen Hans-Georg und Marietta von Studnitz auf dem Pariser Platz. »Jenseits des Tores gleicht der Tiergarten einer Waldlandschaft aus dem Ersten Weltkrieg. Zwischen Bataillonen gefällter Parkbäume ragen die Stümpfe ihrer Kronen beraubter Eichen und Buchen. Die Charlottenburger Chaussee bedecken zerrissene Tarnnetze, versackte Autos, ausgebrannte Lastzüge, zwischen denen eine Völkerwanderung von Obdachlosen verstört dem Großen Stern zu stolpert, über dem sich, ungerührt von den Schrecken der Nacht, die Siegessäule erhebt.« Das Ehepaar reihte sich ein, bis sie nördlich der Ost-West-Achse einen Turmstumpf aus dem Rauch ragen sahen: die Ruine der Kaiser-Friedrich-Kirche. Die vierstöckigen Häuser dahinter waren nur noch eine Zeile verkohlter Fassaden: »Unser Haus Händelallee 12 hatte den Angriff überstanden und ist erst durch den Brand der Nachbarbauten der Zerstörung anheimgefallen.« Die Köchin des Ehepaars Studnitz hatte ein paar Kleider und etwas Wäsche aus dem brennenden Haus gerettet und auf der anderen Straßenseite abgelegt. »Alles andere ist unwiederbringlich dahin. Lebensmittelvorräte, die wir Jahre hindurch aufgebaut haben, 300 Flaschen Wein, alle Möbel.«13 Von den 343 Häusern des Hansaviertels überstanden lediglich 70 diese Nacht.

Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung

Weniger als acht Jahre hat es gedauert vom ersten gesteuerten Motorflug eines Menschen bis zum ersten Bombenabwurf. Am 17. Dezember 1903 erhob sich der Flugapparat der Gebrüder Wright erstmals in die Luft; am 1. November 1911 schleuderte Leutnant Giulio Cavotti von der italienischen Kolonialarmee zum ersten Mal einen Sprengkörper auf feindliche Truppen: Er ließ bei einer Oase nahe Tripolis aus seinem einmotorigen ›aeroplano‹ eine Handgranate auf eine Gruppe rebellischer Araber fallen. Laut dem Bericht der italienischen Armee hatte dieser Angriff »wundervolle Auswirkungen auf die Moral der Araber«.14 Eine neue Waffe war geboren.

Schon im Ersten Weltkrieg wurden Städte hunderte Kilometer hinter der Frontlinie zum Ziel von Luftangriffen. Die erste europäische Hauptstadt, auf die Bomben fielen, war London. Zuerst, seit Januar 1915, aus Luftschiffen, ab Mai 1917 dann zusätzlich mit den ersten schweren, strategischen Bombenflugzeugen. Den nach britischen Angaben insgesamt 5806 meist kleinen Bomben, die von Zeppelinen aus auf London, Liverpool, Birmingham und andere Städte abgeworfen wurden, fielen 557 Menschen zum Opfer, 1358 wurden verwundet, der Sachschaden betrug 1,5 Millionen Pfund. Die deutschen Bombenflugzeuge luden bedeutend mehr tödliche Last ab, allein die im Mai 1917 aufgestellte Riesenflugzeug-Abteilung 501 brachte in 22 Angriffen 112 Tonnen Bomben ins allerdings weitgefasste Ziel. Auch die Gegner der Deutschen attackierten die Zivilbevölkerung; in Karlsruhe starben bei Angriffen französischer Flieger 30 Zivilisten, in Freiburg sogar 110.15 Britische Flugzeuge attackierten im Ersten Weltkrieg auch deutsche Städte, gemessen am Aufwand und an den eigenen Verlusten objektiv mit geringen Auswirkungen, während diese Angriffe in der Wahrnehmung der britischen Verantwortlichen außerordentlich erfolgreich waren. Winston Churchill träumte schon 1918 als Rüstungsministervon einem Angriff mit tausend Bombern auf Berlin. Worum es dabei hätte gehen sollen, wusste Churchill genau: »Vielleicht wird es sich das nächste Mal darum handeln, Frauen und Kinder und die Zivilbevölkerung überhaupt zu töten.«16

Immerhin führten die Erfahrungen mit den ersten Zivilbombardements aus der Luft im Ersten Weltkrieg dazu, dass die seit 1907 gültige Haager Landkriegsordnung im Februar 1923 durch »Regeln für die Luftkriegsführung« ergänzt wurde, die allerdings kein Staat ratifizierte und die daher niemals formell in Kraft traten. Im Artikel 23 dieser Regeln heißt es: »Das Luftbombardement, das den Zweck hat, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, oder das Privateigentum, das keinen militärischen Charakter hat, zu zerstören oder zu beschädigen oder Nichtkombattanten zu verletzen, ist verboten.«17 Interessiert hat dieses völkerrechtliche Verbot allerdings niemanden. In der Zwischenkriegszeit machten die Briten ›gute‹ Erfahrungen mit Luftbombardements, vor allem bei den häufigen Aufständen in ihren Kolonien. Bomben erwiesen sich hier als vorrangig ›moralische‹ Waffe, die bedeutende Schäden im Selbstvertrauen der Bombardierten hinterließ, selbst wenn die Zerstörungen durch die Sprengkörper nicht immer dem eingesetzten Material entsprachen. Jedenfalls war Großbritannien das einzige Land, das in den Zwanzigerjahren über eine eigenständige, systematisch ausgebaute Luftwaffe verfügte. Deutschland waren Entwicklung und Besitz jeglicher Kampfflugzeuge durch den Versailler Vertrag verboten, die USA bauten getrennt in Armee und in Marine taktische Luftstreitkräfte auf, die durchaus das Ziel des Fernbombardements im Hinterland des Feindes verfolgten, niemals jedoch den Angriff auf die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung.

Genau dieses Ziel propagierte 1921 der italienische General Giulio Douhet, ein Kriegstheoretiker, in seinem Buch ›Luftherrschaft‹.18 Er vertrat den Standpunkt, dass Angreifer aus der Luft sich stärker auf zivile als auf militärische Ziele konzentrieren sollten und auch die Städte des Feindes »erbarmungslos bombardieren« sollten. »Es würde bald der Augenblick kommen«, schrieb er, »da die Bevölkerung, um dem Schrecken und dem Leid Einhalt zu gebieten, getrieben von ihrem Selbsterhaltungswillen, sich erheben und die Beendigung des Krieges verlangen würde – und zwar bevor ihre Armee und ihre Marine überhaupt Zeit zur Mobilmachung hätten.« Ähnliche Überlegungen verfolgten in Großbritannien die führenden Offiziere der RAF, zum Beispiel Air Chief Marshal Hugh Trenchard19, und sogar Premierminister Stanley Baldwin. ›Gefüttert‹ von den RAF-Verantwortlichen, glaubte er an die herausragende Bedeutung strategischer Bombardements auf die feindliche Zivilbevölkerung. Kritische Stimmen, die warnten, angreifende Flugzeuge würden ihre Ziele angesichts der Verbesserung der Jagdflugzeuge und der Flugabwehrkanonen nie oder nicht in ausreichender Zahl erreichen, kanzelte Baldwin ab: »Der Bomber kommt immer durch!«20

Die Erfahrungen aus dem ersten ›modernen‹ Krieg in Europa in den Dreißigerjahren schienen diese Erwartung zu bestätigen: Im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 unterstützten die beiden Diktaturen Italien und Deutschland die aufständischen Falangisten des Generals Franco, während die Volksfrontregierung in Madrid von der Sowjetunion mit Waffen versorgt wurde. Tausende Freiwillige aus aller Herren Länder, die in Spanien den Kampf gegen den Faschismus aufnehmen wollten, wurden verheizt, weil sie der modernen Waffentechnik vor allem der deutschen ›Legion Condor‹ nichts entgegenzusetzen hatten. Berüchtigt wurde der Angriff auf die baskische Kleinstadt Guernica am 26. April 1937. Mit Spreng- und Brandbomben machten moderne Flugzeuge ganze Viertel dem Erdboden gleich. Die Volksfrontregierung griff diesen Angriff in einem weltweiten Propagandafeldzug auf, unter anderem, um von den eigenen Untaten abzulenken, die in der faschistischen und katholisch-konservativen Presse europaweit behandelt wurden. Der Maler Pablo Picasso schuf sein Bild ›Guernica‹, das zum Symbol gegen den Krieg und für den Pazifismus wurde und heute die Wandelhalle des UN-Sicherheitsrates in New York schmückt. Allerdings war der Angriff auf Guernica keine gezielte Probe für den Luftkrieg gegen zivile Ziele.21 Ein Kriegsverbrechen war das Bombardement trotzdem und zweifelsohne völkerrechtswidrig – schon, weil das Eingreifen zweier fremder Mächte in einen Bürgerkrieg selbstverständlich nicht zu rechtfertigen ist.

Als Adolf Hitler am 1. September 1939 mutwillig und ohne jeden Grund einen neuen Krieg vom Zaune brach, galt die entgegen dem Versailler Friedensvertrag aufgebaute deutsche Luftwaffe als die stärkste der Welt. Sie war allerdings ausschließlich für taktische Aufgaben ausgebildet und ausgerüstet, für die Unterstützung der deutschen Truppen bei ihrem Vormarsch, zur Zerstörung von Verkehrsknotenpunkten im Hinterland und für Angriffe gegen Industrieanlagen. Die deutschen Bomberflotten waren ausschließlich mit mittelgroßen, zweimotorigen Flugzeugen ausgerüstet sowie mit den für Präzisionsangriffe entwickelten einmotorigen Sturzkampfbombern. Viermotorige, schwere Bomber, die 1939 in Großbritannien und den USA längst dem Entwicklungsstadium entwachsen waren, gab es nicht einmal als Prototypen. In der offiziellen »Dienstvorschrift über die Luftkriegsführung« wurden drei Ziele der deutschen Luftwaffe benannt: der Kampf gegen feindliche Luftwaffen, das Eingreifen in Operationen und Kampfhandlungen zu Lande und zur See, schließlich der Kampf gegen den Nachschub der feindlichen Armeen, verbunden mit der Unterbrechung der Verkehrswege zur Front. In der Dienstvorschrift heißt es außerdem: »Der Angriff auf Städte zum Zwecke des Terrors gegen die Zivilbevölkerung ist grundsätzlich abzulehnen. Erfolgen trotzdem Terrorangriffe durch einen Gegner auf schutz- und wehrlose Städte, so können Vergeltungsmaßnahmen das einzige Mittel sein, den Gegner von dieser brutalen Art der Luftkriegsführung abzubringen. Die Wahl des Zeitpunktes wird vor allem durch das Vorausgehen eines feindlichen Terrorangriffes bestimmt. Der Angriff muss in jedem Fall klar den Vergeltungscharakter zum Ausdruck bringen.« In einer anderen Dienstvorschrift für die deutsche Wehrmacht heißt es unmissverständlich: »Für die Truppenführung sind alle Kriegsvölkerrechtsabkommen von Wichtigkeit, also auch solche, die ohne rechtliche Bindung blieben (...) wie der Entwurf eines Luftkriegsabkommens vom Februar 1923.«22

Das allerdings war die Theorie; die Realität sah anders aus. Schon in den ersten Tagen des Feldzuges gegen Polen wurde Warschau zum Ziel deutscher Bomber. Als Mitte September 1939 die polnische Hauptstadt noch nicht kapituliert hatte, flog die Luftwaffe Angriffswelle um Angriffswelle, obwohl der Einsatz taktischer Bomber gegen strategische Ziele aus militärischer Sicht ineffizient war. Für die Opfer am Boden allerdings machte das keinen Unterschied: Systematisch wurden Spreng- und Brandbomben auf die eingekesselte, schutz- und wehrlose Stadt geworfen. Der Luftkrieg gegen Warschau war ein klarer Verstoß der Luftwaffe gegen ihre eigenen Richtlinien. Irgendein Anlass für formal unter gewissen Bedingungen zulässige Vergeltungsangriffe lag nicht vor. Mehr noch: In Kreisen der deutschen Luftwaffe wurde ganz offen über die bewusste Zerstörung gegnerischer Städte nachgedacht – und dieses Nachdenken wurde auch in die Realität umgesetzt, zum Beispiel in Belgrad. Die jugoslawische Hauptstadt war im Frühjahr 1941 sogar offiziell zur »offenen Stadt« erklärt worden. Trotzdem wurde sie angegriffen. Im Bericht des eingesetzten Kampfgeschwaders hieß es: »Die Wirkung ist nach Luftbild- und Erddarstellung hervorragend gewesen. Die 50-kg-Sprengbombe hat sich für die Zerstörung eines großen Stadtteils im Verein mit der Brandbombe hervorragend bewährt.«23

Zu diesem Zeitpunkt war der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung bereits eskaliert. Am Abend des 24. August 1940 fielen erstmals deutsche Bomben auf London, allerdings versehentlich: Zwei Maschinen, die sich verflogen hatten, entledigten sich ihrer tödlichen Fracht zufällig über der britischen Hauptstadt. Ein folgenreicher Fehler, denn Winston Churchill hatte schon am 20. Juli 1940 den Stabschef der RAF schriftlich angewiesen: »Für den Fall, dass es einen Bombenangriff auf das Regierungsviertel in London gibt, erscheint es sehr wichtig, dass wir diesen Gruß am folgenden Tag erwidern, und zwar auf Berlin.« So geschah es, allerdings erst nach einer weiteren, diesmal telefonischen Anweisung des Premiers. Um 9:10 Uhr morgens am 25. August 1940 rief er den stellvertretenden Chef des britischen Bomber Command an und befahl, »so schnell wie möglich« einen Angriff auf militärische und industrielle Ziele in Berlin zu fliegen.24 Die RAF befolgte den Befehl und flog binnen der folgenden elf Nächte vier Angriffe auf Berlin. Sie richteten zwar keine großen Schäden an, doch die psychologische Wirkung war enorm. Für Hitler waren die britischen Bombenabwürfe der Anlass, den Luftkrieg seiner Bomber offiziell auf zivile Wohngebiete in Großbritannien auszudehnen. Am Abend des 4. September 1940 kündigte der ›Führer‹ im Sportpalast in Berlin an: »Wenn die britische Luftwaffe zwei- oder drei- oder viertausend Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150.000, 180.000, 230.000, 300.000, 400.000, eine Million Kilogramm. Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Maße angreifen – wir werden ihre Städte ausradieren!«25 Coventry, Liverpool und die Innenstadt von London wurden von deutschen Bomben verwüstet, die Zahl der Luftkriegstoten in Großbritannien überstieg die Marke von zehntausend – doch ›ausradiert‹ wurden schließlich nicht britische, sondern deutsche Städte und Gemeinden.

Die Schlacht um Berlin

Berlin war vom ersten bis fast zum letzten Tag des Zweiten Weltkrieges das Ziel alliierter Bombenangriffe. Immerhin war die Hauptstadt zugleich die größte und wichtigste Industriemetropole, in ihrer Bedeutung vergleichbar nur mit der Schwerindustrie im Ruhrgebiet. Der neue Krieg war gerade zwölf Stunden alt, da heulten zum ersten Mal die Luftschutzsirenen über Berlin. Um 18.55 Uhr am 1. September 1939 flogen zwei polnische Flugzeuge auf den östlichen Stadtrand der Reichshauptstadt zu. Doch längst nicht alle Einwohner hatten die in Zeitungen und auf Flugblättern immer wieder genau beschriebene Verdunkelung vorbereitet. Der ehemalige Landgerichtsrat Günther Brandt, der aus politischen Gründen zwangspensioniert worden war und sich nun als Repetitor für angehende Juristen über Wasser hielt, empfing am Nachmittag den Dirigenten Leo Borchard und dessen Lebensgefährtin Ruth Andreas-Friedrich zum Tee. Die beiden kamen etwas zu früh – und trafen Brandt balancierend auf einer Leiter an. Er befestigte gerade dunkelbraunes Packpapier an einem Fensterrahmen. »Deutscher, verdunkle«, begrüßte der Nazigegner seine beiden Gäste bündig und schlug den letzten Nagel ins Holz. Später, mitten im melancholischen Gespräch der drei Freunde über den bevorstehenden Krieg, ertönte ein merkwürdiges Geräusch. »Hoch und tief, tief und hoch, ein langgezogenes Auf und Ab«, beschrieb Ruth Andreas-Friedrich den Ton. Borchard sprang auf und rief erschrocken: »Fliegeralarm!« Die Gäste und ihr Gastgeber sahen einander unschlüssig an; sie wussten nicht, was sie tun sollten. Nach ein paar Sekunden sagte Brandt: »In den Keller gehen.« Aber irgendwie genierten sich die drei, fühlten sich feige. Als sie doch unten im vorbereiteten Luftschutzkeller eintrafen, waren die anderen Bewohner des Hauses längst versammelt. Sie hatten sich, streng nach Vorschrift, ihre Gasmasken aufgesetzt und trugen gepackte Luftschutztaschen über den Schultern. Borchard fand solch vorauseilenden Gehorsam einfach nur »ekelhaft«, traute sich aber lediglich, das Wort zu murmeln. Über sich glaubte Ruth Andreas-Friedrich einen einsamen Flieger brummen zu hören. Sie versuchte, ihn durch das Kellerfenster zu beobachten. Nach einigen Minuten ertönte wieder ein ungewohntes Geräusch, diesmal ein durchdringendes, lang anhaltendes Summen. »Entwarnung«, stellte einer der Hausbewohner fest; alle im Luftschutzkeller setzten ihre Gasmasken ab und traten erregt, aber glücklich den Rückweg in ihre Wohnungen an. Sie waren mit dem Schrecken davongekommen.26

Der erste Luftalarm in Berlin blieb folgenlos; von Bombenabwürfen der beiden Flugzeuge ist nichts bekannt geworden. Ebenso wenig bei den Anflügen britischer Bomber auf Berlin im Herbst 1939 – noch ließ die RAF lediglich Flugblätter vom Himmel regnen.27 Nur noch einmal, am 9. September 1939, warnten in diesem Jahr die Luftschutzsirenen die Berliner. Wieder war es ein Fehlalarm. Die ersten echten britischen Bombenangriffe trafen nicht Berlin, sondern das Ruhrgebiet – in der Nacht vom 16. auf den 17 Mai 1940 griffen 99 RAF-Flugzeuge Industrieanlagen an. Noch richtete sich der Luftkrieg nicht gegen die Zivilbevölkerung, sondern gegen militärische oder industrielle Ziele. Im Sommer 1940 fiel dann zum ersten Mal eine Bombe auf Berlin: In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni flog ein einzelnes französisches Langstreckenflugzeug von Norden her über die total verdunkelte Stadt. Es handelte sich um einen symbolischen Angriff, den ein französisches Kommuniqué am 10. Juni als ›Vergeltung‹ für einen deutschen Angriff auf Paris erklärte. Luftalarm wurde nicht ausgelöst. Von Schäden ist nichts bekannt geworden.28

Das änderte sich mit dem ersten Angriff einer geschlossenen britischen Formation am 25. August. Immerhin 22 Tonnen Bomben warfen 29 RAF-Bomber in dieser Nacht ab. Wieder blieben die Schäden gering; gravierender als die Zerstörungen durch Bomben waren die Schäden durch Flakgranaten. In der eng bebauten Dragonerstraße in Mitte explodierte eine Granate beim Aufschlag und verletzte vier Personen, die Fenster in der Umgebung wurden vollständig zerstört. Auch im Rathaus Tiergarten ging viel Glas zu Bruch, als ein deutscher Blindgänger auf dem Vorplatz detonierte. Im Wedding verletzten Flaksplitter sieben Berliner, davon einen schwer. Mehr als »hundert Anträge auf Feststellung von Sachschäden« registrierte die Hauptluftschutzstelle bei der Stadtverwaltung einige Tage später.29 Trotz der vergleichsweise geringen Zerstörungen hatte der dreistündige Luftalarm weitreichende, vor allem psychologische Folgen: »Die Berliner sind wie vor den Kopf geschlagen«, berichtete der CBS-Korrespondent William L. Shirer wenige Stunden nach der Entwarnung: »Sie haben nicht damit gerechnet, dass so etwas je passieren könnte. Zu Beginn des Krieges hat Göring ihnen versichert, es werde nie geschehen. Er hat geprahlt, dass kein feindliches Flugzeug den äußeren und den inneren Ring der Luftverteidigung um Berlin durchbrechen könnte. Die Berliner sind naive und einfache Leute: Sie haben ihm geglaubt. Umso größer ist jetzt ihre Desillusionierung. Man sieht es ihnen am Gesicht an.«30 Selbst Hitlers Propagandaminister zeigte sich beeindruckt: »Der vierstündige Luftalarm hat ganz Berlin in Aufruhr gebracht.« Angeblich herrsche »kolossale Wut auf die Engländer«. Doch damit schrieb Goebbels sich die Wirkung des ersten Angriffs in seinem Tagebuch schön. Weiter vermerkte er: »Nun ist Berlin auch mitten im Kriegsgeschehen. Das ist gut so.«31 Diese Ansicht immerhin teilte Ernst von Weizsäcker, als Staatssekretär der höchste Beamte des Auswärtigen Amtes und zweiter Mann nach Außenminister Joachim von Ribbentrop: »Dass wir neuerdings in Berlin offenbar regelmäßiges Objekt der englischen Nachtluftangriffe werden sollen, ist im Sinn der Akzentuierung des Krieges gegen England zu begrüßen.«32

Nun hatte Goebbels jedoch ein weiteres Problem: Wie sollte sein Propagandaapparat mit diesem Angriff umgehen? Die regierungsamtliche Agentur, das Deutsche Nachrichtenbüro, verbreitete eine kurze Meldung: »In der Nacht vom 25. auf den 26. August überflogen mehrere feindliche Flugzeuge das Stadtgebiet von Groß-Berlin und warfen auf zwei Vororte Brandbomben ab. Bis auf einen Laubenbrand wurde kein Schaden angerichtet. Eines der Flugzeuge, das Berlin überflogen hatte, wurde auf dem Rückweg von Flakartillerie abgeschossen.« Die meisten Abendzeitungen vom 26. August 1940 druckten diese Meldung von wenigen Zeilen beinahe versteckt ab, oft inmitten von Jubelartikeln über deutsche Angriffe auf England.33 Die um einen Rest von Seriosität bemühte Deutsche Allgemeine Zeitung immerhin brachte den kurzen Text als eigenständigen Artikel. Doch weil der Alarm mehrere Millionen Berliner länger als je zuvor in die Luftschutzkeller gezwungen hatte und die Geschützmannschaften stundenlang eine wahre Stahlkanonade in den Himmel schicken mussten, war der Angriff das Gesprächsthema Nr. 1 in der Stadt.

Die offizielle Verlautbarung stellte die Menschen nicht zufrieden, wie Sigrid Schultz beobachtete, die Korrespondentin der Chicago Daily Tribune: »Selten haben die Berliner ihre Montagszeitungen mit größerer Überraschung gelesen als heute. (...) Sie wollten Details erfahren über das, was gerade passiert war. Aber alles, was sie in ihren Blättern finden konnten, war eine Neun-Zeilen-Meldung, dass britische Flugzeuge über Berlin gewesen waren, Brandbomben abgeworfen, aber weder in Berlin noch andernorts in Deutschland nennenswerte Schäden verursacht hätten.« Weil diese Nachricht kaum zusammenpasste mit dem enormen Flakfeuer, verbreiteten sich Gerüchte über Schäden. Als die Korrespondentin am Nachmittag über ihren Bericht für die Chicago Daily Tribune nachdachte, wurde in den Markthallen längst getuschelt, dass in der Innenstadt ganze Straßenzüge abgesperrt worden seien, weil es dort schwere Bombentreffer gegeben habe. Sigrid Schulz wollte es genau wissen und fuhr nach Mitte, in die Dragonerstraße. Sie fand tatsächlich Absperrungen vor und erfuhr, eine deutsche Flakgranate habe die Schäden verursacht.34 Obwohl das tatsächlich stimmte, vertrauten viele Berliner den eigenen Zeitungen nicht, und im Ausland war die Bereitschaft, der NS-Presse glauben zu schenken, noch geringer. Goebbels ärgerte sich: »In der Reichshauptstadt laufen über die angeblichen Zerstörungen die tollsten Gerüchte herum.« Also entschied der Propagandaminister, seine Taktik zu ändern: »Ich lasse sie energisch dementieren und setze dagegen auch die Partei ein. Man muss den Gerüchtemachern auf die Schnauze geben.«35 Um auch das Ausland zu beeinflussen, lud er am Nachmittag ausgewählte amerikanische Korrespondenten ein, sich selbst ein Bild zu machen. »Das Ministerium spielte den Angriff herunter und teilte uns mit, wenn diese Nadelstiche weitergingen, würden sie uns in Zukunft immer mit Militärautos eine Stunde nach jedem Angriff von zu Hause abholen lassen. Wir könnten dann die Fahrer anweisen, überall hinzufahren, um selbst zu sehen, wie wenig Schaden entstanden war«, erinnerte sich der junge Agenturjournalist Howard K. Smith: »Auf diese Weise wurden Berichte über Luftangriffe zum größten Vergnügen, das man als Reporter in Berlin haben konnte. Die Deutschen gestatteten uns alle Freiheiten.«36

Der Bombenkrieg eskalierte. Die Luftwaffe griff gezielt Wohngebiete in London und anderen britischen Städten an, die RAF antwortete mit Gegenschlägen. In Berlin häuften sich die Luftalarme – im Herbst 1940 heulten durchschnittlich alle drei Nächte die Sirenen. Noch immer notierten die Beamten der Luftschutzleitstelle gelegentlich hinter ihren Eintrag: »Flugblattabwurf«. Aber immer öfter mussten sie auch vermerken, welche Stadtteile getroffen, welche Schäden angerichtet wurden. Die erste britische Bomberoffensive Ende August bis Ende November 1940 forderte in Berlin rund 500 Tote und zerstörte etwa 1600 Wohnungen total. Museumsinsel, Zeughaus und Charité erhielten erste Treffer. Fast fünf Stunden dauerten die Luftalarme nun häufig. Für die Berliner war es bis dahin unvorstellbar: Sie wurden in ihrer eigenen Heimat zum Ziel, waren im eigenen Haus nicht mehr sicher. Doch von einem Aufstehen der Menschen gegen den Krieg, wie General Douhet es vorausgesagt hatte: keine Spur. Zumal die Angriffswelle bald wieder abzuflauen schien: In den folgenden Monaten blieb es recht ruhig – mit Ausnahme der Woche vor Weihnachten: Zwischen dem 15. und dem 21 Dezember 1940 heulten die Sirenen fünfmal.37

Erst am 13. März 1941 griffen britische Bomber wieder an. In Schöneberg und Wilmersdorf brannten unzählige Häuser, S-Bahn-Gleise wurden zerrissen. Ein weiterer Angriff dann am 23. März. Nun wurden für die Berliner Luftalarme und Ruinen mitten in der Stadt langsam zur Routine. In der Nacht vom 9. auf den 10. April 1941 fiel das erste herausragende Baudenkmal den Bomben zum Opfer: Knobelsdorffs Staatsoper Unter den Linden brannte komplett aus. In der Nacht vom 7. auf den 8. September 1941 trafen erstmals zahlreiche Bomben den Potsdamer Platz. Auf Lichtenberg und Pankow fiel ein neuer Typ von Brandbomben, der sich zwar nicht bewährt hatte, aber von der RAF lieber auf deutsche Städte gekippt statt verschrottet wurde. Am Pariser Platz tötete eine einzige 1800-Kilogramm-Luftmine Dutzende Menschen.38