Benno hatte schon ein Mädchen geküsst, als Mädchen für uns noch ‚alberne Gänse‘ waren. - Jürgen Wiedey - ebook

Benno hatte schon ein Mädchen geküsst, als Mädchen für uns noch ‚alberne Gänse‘ waren. ebook

Jürgen Wiedey

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Opis

Benno hatte schon im Kindergartenalter ein Faible für Mädchen und zeigte bereits in der Grundschule ein frühreifes Verhalten. Später im Gymnasium war er, von Hormonwallungen getrieben, dem anderen Geschlecht zugewandt, mit allen Höhen und Tiefen. Wenn Sie wissen wollen, was Benno jetzt schon wieder angestellt hat; wie er aufgeklärt wurde; wie der pubertierende Benno seine Sexualität erlebte; warum die Höhenverstellung am Friseurstuhl nicht für die Klärung der Frage: Knabe oder schon pubertierender Jüngling? geeignet war; wie Benno seinen Lehrer im Hallenbad baden-gehen-ließ; die Sperrstunde in der Schülerkneipe hinausschob; seinen Gästen Sahnetorte aus der Kaffeekanne serviert hat; das Problem der Unterversorgung mit Haaren auf Kalles Brust beheben wollte; wie sich Benno beim Fasching in München in sein Bienchen verliebte und den ‚Kini‘ in ihrem Bett antraf; dann schlagen Sie das Buch auf.

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Benno hatte schon ein Mädchen geküsst,

als Mädchen für uns noch ‚alberne Gänse‘ waren.

Geschichten aus dem Ostwestfälischen

erzählt in Episoden

von

Jürgen Wiedey

Benno hatte schon ein Mädchen geküsst,

als die für uns noch ‚alberne Gänse‘ waren.

Episoden aus dem Leben eines Bielefelder Jungen in

den 50er Jahren.

1 - Handreichungen für Eltern eines heranwachsenden Sohnes mit eigenwilligem Charakter

Seien wir ehrlich, die Hauptlast der Erziehung, ob Junge oder Mädchen, übernehmen in der Regel die Mütter. Wenn die Kinder klein sind, ist das allemal so, und später, wenn die Kinder größer sind, sagen sich die Väter: ‚Es ist doch alles gut gelaufen, lassen wir es, wie es ist‘. Die Herren der Schöpfung schleichen sich mit der großen Geste: ‚Das kann meine Frau besser‘ aus der Erziehung heraus. Die Väter sehen sich im Fernsehen die Nachrichten an oder gehen ihren Freizeitaktivitäten nach und sehen darin, ganz im Sinne ihrer Maßstäbe, eine gleichwertige Tätigkeit. In den meisten Fällen werden die Ehemänner von ihren Frauen nicht zurückgepfiffen, weil es leicht zu Unstimmigkeiten im Familienleben führen kann.

Diese stillschweigende Übereinkunft kommt vielen Müttern nicht ganz ungelegen, haben sie doch jetzt bei der Erziehung vom Hänschen zum Hans freie Hand.

Natürlich freuen sich die Eltern, wenn sie ihre Kinder heranwachsen sehen, und im Normalfall läuft ja auch alles in denkbar guten Bahnen. Wenn Mütter aber so einen wilden Knaben haben, der es faustdick hinter den Ohren hat, der immer mal wieder aus dem Ruder läuft und seine Mutter fast zur Verzweiflung bringt, dann rate ich Ihnen:

Regen Sie sich nicht auf, liebe Mutter, selbst wenn Sie irgendwann vor ihrem pfiffigen Knirps stehen und entsetzt ausrufen:

„Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt!?“

Schauen Sie nach, was Benno im Alter Ihres Sohnes angestellt hat, das wird Sie wahrscheinlich beruhigen.

Bestimmt werden Sie später auch einmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ratlos zum Himmel schauen und sich fragen:

„Was mache ich bloß mit diesem unausgegorenen Jungen!? Wie kriege ich den bloß durch die Pubertät!?“

Sie werden sich wundern, Benno hatte in dieser Entwicklungsphase auch so seine Probleme.

Und wenn Sie schließlich Ihren fast erwachsenen Sohn erwischen, wie er spät nachts die Treppe zu seinem Zimmer heraufschleicht, und Sie ihn zur Rede stellen und fragen:

„Warum müsst ihr so lange in der Kneipe herumhängen?“

Da kann ich Ihnen nur sagen, Benno bekam den Hintern auch nicht hoch, wenn er erst einmal vor seinem Bier saß.

Und sollten Sie keine Anhaltspunkte dafür finden, was Ihr Filius später beruflich machen könnte und sich besorgt fragen:

„Was soll nur aus dem Jungen werden?“

Behalten Sie die Nerven, Benno hat das Abitur auch wiederholen müssen und erst nach intensivem Lernen bestanden.

Oder Sie beobachten, dass der Junior – getrieben von seinen sprudelnden Hormonen - plötzlich dreimal so viel Zeit für die Morgentoilette braucht wie früher, da fragen Sie sich natürlich:

„Was läuft da eigentlich zwischen ihm und den attraktiven, jungen Damen in den modisch kurzen Miniröcken und den bunten, verspielten, enganliegenden schaut-mich-an-Tops? Sie werden sagen, ein solches Maß an Freizügigkeit und optischen Lockreizen hat es zu meiner Zeit nicht gegeben, so viel Bein und nackte Haut kann doch bei einem heranwachsenden Mann nur erotische Begehrlichkeiten wecken!“

Nun ja, liebe, besorgte Mutter, haben Sie nicht als junge Dame selbst Miniröcke getragen und fanden nichts dabei? Selbst wenn Sie es heute vielleicht kaum glauben können, aber die Miniröcke waren damals bestimmt genauso kurz.

Wissen Sie, begehrliche Männerblicke hat es immer gegeben, ganz gleich ob geschnürte Korsett-Mode oder Petticoats angesagt waren. Das war seit Menschengedenken so: Auf der einen Seite das raffinierte, verführerische Kleid und auf der anderen der heiße, begehrliche Blick. Trafen Verführungskunst und Begehrlichkeit zusammen, war die Erhaltung der Spezies Mensch potentiell gesichert.

Was Benno angeht, weiß man leider nicht genau - war es der heiße Sommer oder waren es andere klimatische Einflüsse - weshalb die Sexualhormone in Bennos Körper extrem früh aktiv wurden. Benno war ausgesprochen frühreif, und sein testosterongesteuertes Verhalten hatte Anstoß und Unmut in seinem Umfeld erregt. Seine Eltern waren sich einig, dass die Entwicklung ihres Sohnes nicht einem ungeordneten Zufall überlassen werden sollte. Sie befürchteten sogar, dass ihnen die Sache über den Kopf wachsen könnte und entschieden sich für professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten. Benno sollte in der Pubertätsphase noch etwas nachjustiert werden, um ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Selbst diese Entwicklungsphase hat Benno mit vertretbaren Blessuren überstanden. Also besteht auch für Sie, liebe, fürsorgliche Mutter, kein Grund zur Aufregung.

Später, als Benno ein Jüngling war und Amor mit ihm im Bunde stand, fühlte sich Benno wie der unwiderstehliche Herzensbrecher; hatte sich Amor aber von ihm abgewandt, war Benno zerfressen von Liebeskummer und sah dem ‚Ritter von der traurigen Gestalt‘ nicht unähnlich.

Vielleicht haben Sie, liebe alles-wissen-wollende-Mutter, auch mal im Stillen den Gedanken gehabt:

„Ich möchte nur zu gern wissen, was der Junge so alles treibt und uns Eltern nicht erzählt?“

Bei diesem Gedanken sind Sie selbst erschrocken, legen eine Denkpause ein und sagen sich:

„Ach, ich möchte es gar nicht wissen, ich reg mich nur auf.“

Sehen Sie, jetzt haben Sie absolut richtig reagiert, denn das ist die Privatsphäre Ihres Jungen, und das muss sie auch bleiben. Ihr Sohn wird sich schon gut entwickeln, Sie waren ja immer für ihn da.

Natürlich haben Mütter recht mit ihrer Beobachtung, dass sich Väter selbst in heiklen, erzieherisch kritischen Situationen lieber hinter einer Zeitung verschanzen, als dass sie ihrem Erziehungsauftrag nachkommen. Väter greifen erst ein, wenn der gute Ruf der Familie auf dem Spiel steht: Der Sprössling hat sich z.B. auf dem Gebiet der Sexualität Freuden geleistet, die in der Familie und im Umfeld der Familie als Fehltritt eingestuft werden. Hier ist das korrigierende Gespräch des Vaters angesagt, denn es handelt sich ja um die männliche Sexualität, die sich da austobt.

Was das Getratsche im Familienumfeld unter Verwandten, Bekannten und Nachbarn betrifft, ist der Herr des Hauses auf Schadensbegrenzung bedacht und wird das schon im Gespräch unter Männern aus der Welt schaffen. Er wird sagen: „Was haben wir nicht alles in dem Alter gemacht…?“ Die Herren, die sich angesprochen fühlen, werden ins Erzählen kommen und mit lachenden Augen von ihren Schandtaten berichten. Es wird Gras über die Sache wachsen, und später wird der Vorfall irgendwann als Stammtischknüller in bierseliger Runde zum Besten gegeben.

Aufgrund meiner Freundschaft mit Benno habe ich einen unverstellten Blick auf Bennos Entwicklung, so dass ich Ihnen, liebe Eltern, einen etwas anderen, aber dennoch sehr praktischen Ratgeber in Erziehungsfragen an die Hand geben kann. Vergleichen Sie bitte Bennos Eskapaden auf seinem Weg zum Erwachsenwerden mit denen Ihres Jungen und Sie werden sich sagen:

„Also, wenn der Benno das gemacht hat, dann ist das, was unser Sohn sich erlaubt hat, ja gar nicht so schlimm.“

Sollte Ihr Filius Schlimmeres angestellt haben als Benno oder sich Freiheiten herausgenommen haben, die selbst Bennos Eskapaden in den Schatten stellen, wird es bei Ihrem Sohn später garantiert nicht zum Weihbischof reichen, aber zum Beamten allemal; selbst mit Bennos Vita kann man es zu etwas bringen: Benno wurde Chirurg.

Die Väter- und Großvätergeneration wird sich beim Lesen des Buches gern an ähnlich gelagerte Episoden aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erinnern. Väter und Großväter werden ihre Geschichten vielleicht weitererzählen oder sie in ihrem Gedächtnis hüten wie einen Schatz. Ob sich grundlegend etwas geändert hat, wird uns die jüngste Generation Jugendlicher sagen können.

Nun, liebe Leserinnen und Leser, entspannen Sie sich bitte, legen Sie die Füße hoch und lesen Sie, was ich Ihnen von Benno zu erzählen habe.

2 – Bennos Eltern mit einem Vorgeschmack auf ihren Sprössling

Jeder fragt sich: ‚Aus was für einem Elternhaus stammt der Junge eigentlich‘?

Stellen wir die Uhren auf das Jahr 1941 zurück.

Arthur Zimmermann hatte Fronturlaub. Seine Frau Erika war überglücklich, ihren Mann unverletzt und gesund in ihren Armen halten zu können. Für beide war es das größte Geschenk, endlich wieder ein paar Tage zusammen sein zu können. Glücklicherweise konnte Arthur während der Zeit seines Urlaubs die Schrecken des Krieges ausblenden und Erika die Angst, die sie um ihren Mann gehabt hatte. Sie erlebten ihre Zweisamkeit wie frisch Verliebte und vergaßen die Welt um sich herum. Sie fühlten sich in ihrem Haus beschützt wie in einem Kokon, der aus Zweisamkeit, Empfindsamkeit, Glück und Liebe gesponnen war. Immer wenn Erika und Arthur zufällig auf der Treppe oder im Gang aufeinandertrafen, lagen sie sich in den Armen, küssten sich, konnten gar nicht genug voneinander bekommen. Der schützende Kokon umgab sie in der Küche, dem Wohn- und dem Schlafzimmer. Er umhüllte sie auch, als sie im Bett lagen, sich aneinander kuschelten, einander zärtlich berührten und liebten. Sie küssten einander hingebungsvoll und liebten sich immer wieder, und als sie fest umschlungen waren, und Arthur nicht mehr fühlen konnte, wo Erikas Körper anfing und sein Körper aufhörte, - in dem Moment wird Benno gezeugt:

Ein Sperma mit dem Buchstaben „B“ aus vielen tausend „A bis Z“ Spermien klopft an einer Eizelle an, die Tür tut sich auf, und Benno wird zum Leben erweckt.

Acht Monate später, im Frühsommer, kam Benno zur Welt. Es war eine etwas komplizierte Geburt. Bennos Kopf war schon ziemlich groß, obwohl der Junge einen Monat zu früh geboren wurde. Als Benno dann endlich auf der Welt war, riss er sofort die Augen auf. Benno wollte sehen, was da draußen los war und schrie aus Leibeskräften. Keiner wusste, warum das Kind länger schrie als allgemein üblich. Bis die ruhige, erfahrene Hebamme die erlösende Erklärung für Bennos Geschrei hatte:

„Das wird bestimmt ein Kind mit stark ausgeprägtem Willen. Der lässt sich später bestimmt nicht die Wurst vom Brot nehmen.“

Erst jetzt waren alle glücklich, freuten sich, dass Benno gesund war und sich später nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen würde.

Eine kleine, organisatorische Besonderheit soll nicht unerwähnt bleiben: In der Woche, als Benno geboren wurde, kamen auf der Entbindungsstation so viele Jungen zur Welt, dass die Kinderbetten nicht ausreichten. In jedem Bett lagen zwei Jungen. Es meldete sich dann aber noch ein Mädchen an, das auch untergebracht werden musste. Zur Überraschung der Schwestern war Benno der einzige Junge, der ein Mädchen in seinem Bett duldete. Er schrie nicht. Die jungen Schwestern erkannten sofort im Verhalten von Baby Benno den Gentleman und hatten ein Lächeln mehr für ihn übrig, als für die anderen neugeborenen Jungen.

Kaum geboren, war Benno schon der Star unter den männlichen Babys. Die Schwestern hatten ihn in ihr Herz geschlossen: „So einen möchte ich später auch mal haben.“

Benno war natürlich auch Erikas Augenstern, das Baby war gesund und munter. Beim Stillen ließ sich Benno nicht ablenken und war ganz bei der Sache: Er schlief nicht ein, er trank eifrig, geriet sogar meist dabei ins Schwitzen, er wollte ganz offensichtlich schnell groß und stark werden. Und wenn seine Mutter ihn anlächelte, glaubte sie auch auf Bennos Gesicht ein Lächeln entdeckt zu haben, obwohl das in den ersten Wochen noch kein bewusstes Lächeln gewesen sein konnte. Später, als er ein paar Monate älter war und seine Bewegungen gezielt steuern konnte, kuschelte er sich beim Stillen an seine Mama, nahm ihren Busen zwischen seine beiden kleinen Fäuste, trank kräftig und lächelte seine Mama an, wenn er eine Trinkpause einlegte. Bennos Mutter fand das ganz amüsant, wie Benno ihren Busen zwischen seinen beiden Fäustchen hielt. Sie erwartete aber, dass Benno sofort loslassen würde, wenn er satt war. Das tat Benno aber nicht. ‚Mein lieber, kleiner Genießer, es reicht dir wohl offensichtlich nicht, nur zu trinken, dir gefällt es wohl, meinen Busen zwischen deinen Händen zu halten‘, dachte seine überraschte Mama und hob ihn hoch zu sich. Sie drückte ihn fest an sich und streichelte ihren Benno liebevoll. „Vielleicht wirst du ja später ein guter Liebhaber, mein kleiner Wonneproppen“, sagte sie zu ihrem, mit den besten Anlagen versehenen Sprössling.

Benno gähnte, wahrscheinlich weil er wusste, dass die Straßenbahnen noch viele Kilometer kreuz und quer durch Bielefeld fahren würden, bis seine Zeit als Herzensbrecher kommen würde. Mutter Erika legte ihren Benno zu Bett, streichelte dem Liebhaber in spe den Rücken und wartete noch ein paar Minuten, bis er eingeschlafen war.

Bennos Vater hatte seine Frau Ende der Dreißiger Jahre in Aachen kennengelernt. Arthur studierte damals Maschinenbau an der Technischen Hochschule, und Erika arbeitete als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei.

Da beide gern tanzten, könnte man von einem absehbaren Zufall sprechen, dass sie sich in einem Tanzcafé in der Altstadt kennenlernten. Es war Liebe auf den ersten Blick. So schnell hatte Amor schon lange nicht mehr seine beiden Pfeile abgeschossen. Sie sahen sich nahezu täglich. Bei ihrem dritten Wiedersehen hatten sich Erika und Arthur zu einem Schaufensterbummel in Aachens Innenstadt verabredet. Es begann zu regnen, es regnete stärker, und die beiden flüchteten in ein Café, sie tranken Kaffee und aßen Sahnetorte. Auf dem Heimweg unter einer Eisenbahnbrücke zog Arthur Erika näher zu sich heran und sagte:

„Weißt du, Erika, es wäre ein fataler Fehler, wenn ich dich unter dieser romantischen Eisenbahnbrücke nicht fragen würde, ob du meine Frau werden willst.“

Ein ratternder Zug auf der Brücke übertönte das glückliche JA, aber der innige Kuss sprach Bände.

Nachdem Erika wieder Luft schnappen konnte, sagte sie: „Schatz, wir sind ja schon unter einem Schirm, der uns vor dem Regen schützt, nehmen wir ihn als Symbol für unseren gemeinsamen Lebensweg. Er wird später in unserer Garderobe stehen, und wenn wir unser Haus betreten oder verlassen, wird er uns an diesen Glücksmoment erinnern.“

Der Himmel hing für sie voller Geigen. Sie verlebten eine wunderbare Zeit in Aachen.

Nach dem Studium heirateten sie, Arthur bekam eine Anstellung bei einer Firma in Bielefeld. Sie zogen nach Bielefeld, aber es dauerte nicht lange, und Arthur wurde eingezogen. Für Erika begann eine schwierige Zeit. Sie vermisste ihre Familie und fühlte sich allein in einer fremden Stadt. Erst als sich Benno anmeldete und ihre Mutter zu ihr kam, hatte Erika wieder eine vertraute Gesprächspartnerin um sich. Als dann das elterliche Haus in Köln 1943 von Bomben zerstört worden war, blieb die Omi ganz bei ihrer Tochter. Mutter und Tochter verstanden sich gut. Ihre Mutter war zwar ausgebombt, und sie hatte ihr ganzes Hab und Gut verloren, aber nie ihren Humor und Optimismus.

Erika kam vom Einkauf zurück:

„Sie hatten wieder kein Mehl, Mutti; gestern ist ihnen der Zucker ausgegangen. Zum Glück gab es im Milchgeschäft Vollmilch für Benno.“

„Na siehst du, das ist doch schon mal was, lass den Kopf nicht hängen, Liebes. Wir haben genügend Kartoffeln im Keller, und Möhren sind auch noch da. Ich mache mal das Mittagessen und du spielst mit Benno, das bringt dich auf andere Gedanken.“

Benno saß auf dem Teppich im Wohnzimmer, er war dabei, seine Holzbauklötze aufeinander zu setzen, als seine Mama ins Zimmer kam. Der Kleine strahlte sie an, er hatte einen Bauklotz im Mund, warf ihn zur Seite und krabbelte zu seiner Mama. Erika nahm ihn auf den Arm und küsste ihn. Ein Blick in sein fröhlich lachendes Gesicht, und alle Probleme mit der schlechten Versorgung waren für Erika wie weggeblasen.

Benno war gut neun Monate alt, er robbte, krabbelte, war immer in Bewegung, und was er auf seinen Entdeckungstouren interessant fand, nahm er sofort in den Mund.

Immer wieder hörte man den Ruf durch das Haus schallen:

„Nein, nicht in den Mund, Benno!“ Und etwas verzweifelt zu ihrer Mutter gewandt sagte Erika:

„Mutti, schau doch, jetzt kaut er schon wieder an den Teppichfransen. Ich habe den Eindruck, Benno leidet an Geschmacksverirrung. Gestern war es ein Gardinenzipfel, heute die Teppichfransen, was wird er morgen in den Mund nehmen? Das Tischbein? Oder finde ich wieder ein Geldstück in seiner Windel? Neulich konnte ich über das Geldstück noch lachen, aber allmählich gibt mir Bennos Appetit auf Läufer, Vorhänge und Türen zu denken. Auch deine Bemerkung zum Ablecken der Türen: ‚Das wäre Bennos erste Begegnung mit ‚Lek-türe‘, konnte mich nicht mehr erheitern.

Benno, nicht den Vorhang in den Mund nehmen!

Siehst du, Mutti, und wenn wir ihn ermahnen, etwas nicht in den Mund zu nehmen, schaut er uns treuherzig an, steckt es dann aber irgendwann doch in den Mund.“

Omi und Mutter Erika bekamen ihre erste Lektion in: ‚Was es heißt, ein Kind mit einem stark ausgeprägten Willen zu haben‘.

„Benno ist nicht einmal der Geschmack von Teppichrändern, Gras oder Sand fremd.“

„Erika, beruhige dich, Benno ist nicht das erste und einzige Kind, das Sand oder Dreck probiert.“

„Was machen wir bloß? Wir können ja nicht alle Gardinen abhängen und die Teppiche aufrollen und in den Keller bringen. Mich wundert allerdings, dass er bei den vielen Bakterien, die er aufnimmt, nicht krank wird. Sollen wir vielleicht mal den alten Kinderarzt zu Rate ziehen, der hat bestimmt viel Erfahrung, oder was meinst du?“

„Damit warten wir noch. Wir wollen nichts überstürzen. Das bisschen Dreck wird der Junge schon verkraften.“

„Ja natürlich, aber ich kann das nicht so wörtlich nehmen, damit verharmlosen wir nur Bennos Appetit auf alles, was ihm in die Quere kommt, und das ist mir gar nicht recht.“

„Wir sind ja immer da und passen auf.“

Zu allen Zeiten verhielten sich Babys im Wesentlichen gleich: Es gab normale Babys, die nichts in den Mund nahmen und Babys, die wie Benno alles in den Mund nahmen, aber die waren auch normal. Medizinisch betrachtet, richtete sich die Behandlung dieser Geschmacksverirrung nach dem jeweiligen Stand der Forschung.

Damals in den 40er Jahren kannte man noch keine Gene, also konnte man auch nicht nach einem Gendefekt suchen. Aufgrund der Forschungslage bewerteten die Wissenschaftler dieses Leck- und Schleckverhalten als eine Unart, die zu unterbinden war. Die Kleinen hingegen fühlten sich auf ihrem Krabbelparcours durch die Wohnung wie magisch angezogen von den köstlich schmeckenden Tischbeinen, Türen oder Teppichen, als wäre es das kalte Buffet. Ihre Spielverderber, die Ärzte, waren sich sicher, dass die von den Babys abgeleckten Gegenstände nicht keimfrei waren. Ärzte vertrauten auch nicht darauf, dass der natürliche Instinkt den kleinen Genießern auch mal erlaubte, mit großer Hingabe ein Stuhlbein genüsslich mit den ersten Zähnchen anzuknabbern, ohne Schaden zu nehmen.

Für die Mediziner gab es nur die Lösung, auf Sauberkeit zu achten und die Gelüste der Kleinen strikt zu unterbinden. Sie befürchteten, Bakterien und Viren könnten gefährliche Krankheiten auslösen. Um das zu vermeiden, hielten sie die jungen Mütter zu strikter Reinlichkeit und Sauberkeit an und empfahlen ihnen, auf keinen Fall zuzulassen, dass ihre Kinder alles in den Mund nahmen. Der Zusammenhang zwischen Dreck und Krankheit leuchtete jeder Mutter ein, und sie verhielt sich entsprechend aufgeregt, wenn ihr Kind mal wieder den Teppichrand wie ein Steak durchkaute.

Früher, als Bennos Großmutter selbst Mutter war, betrachtete diese Müttergeneration derartige Gelüste ihrer Kinder gelassener und dachte nicht gleich an Krankheitskeime, die in einem köstlichen Teppichsteak verborgen sein könnten. Den Müttern war dieses Leck- und Schleckverhalten, was vor nichts Halt machte, durchaus vertraut. Erikas Mutter beruhigte ihre Tochter mit ihren Erfahrungen: „Weißt du, das wird sich von selbst geben, wenn Benno zu sprechen beginnt. Da bin ich ganz sicher; und wenn er so viel redet wie du als kleines Mädchen, dann mach dich auf was gefasst.“

Die Omageneration verfügte über lange Erfahrung mit Kindern. Bezüglich Reinlichkeit bauten sie auf ihr bodenständiges Wissen, was sich in der praxisnahen Erkenntnis bündeln ließ: ‚Dreck macht Speck‘ oder ‚Dreck scheuert den Magen‘.

Wie man heute weiß, lagen die Großmütter mit ihrem Wissen auch nicht ganz falsch, denn Dreck hat in der heutigen Medizin einen neuen Stellenwert bekommen und ist nicht per se abzulehnen, denn Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder, die auf dem Bauernhof großgeworden sind, seltener zu Allergien neigen. Demzufolge kümmern sich moderne Mediziner weniger um Dreck und unterlassen es, eine entsprechende Erziehung: ‚Weg vom Dreck‘! zu propagieren, sondern sie suchen die Ursachen für ein bestimmtes, verqueres Verhalten in einem Gendefekt. Die Gene ihrerseits sind glücklich, dass sie vor einiger Zeit entdeckt wurden, und sie freuen sich, den Wissenschaftlern mehr und mehr von ihren Geheimnissen preisgeben zu können. Die Gene sind sich sicher, dass irgendwann ein Forscher mit besonders scharfen Augen sehen wird, dass das dritte Gen in der vierten oberen Reihe aufgrund äußerer Einwirkung, z. B. einen heftigen Stoß, quer steht und ursächlich dafür verantwortlich ist, dass betroffene Babys alles in den Mund nehmen. Gelingt es, dieses Gen durch Medikamente oder einen minimalinvasiven Eingriff gerade zu stellen, wird eine Heilung dieses Leck- und Schleckphänomens möglich sein.

Da man jetzt weiß, dass strikte Sauberkeit nicht das Immunsystem ankurbelt, werden Eltern einen medizinischen Eingriff nur in Extremfällen vornehmen lassen. Auch melden sich schon die ersten Psychologen, die einen engen Zusammenhang zwischen dem frühkindlichen Leckverhalten und dem späteren Kussverhalten sehen. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass diese Kinder zu typischen Dauerküssern heranwachsen. Und nun noch die Topnachricht: Dauerküssen hilft bei akutem Burn-out-Syndrom.

In Bennos Fall kann ich das nur bestätigen.

Wie fast alle Kinder entzog sich Benno, bewusst oder unbewusst, in seinem ersten Lebensjahr allen erzieherischen Maßnahmen. In Fragen der Reinlichkeit überhörte der Kleine die entsetzten Ausrufe seiner Mutter „Nicht in den Mund, Benno!“, sondern vertraute ganz seinem untrüglichen Instinkt, der ihm sagte, ‚nur wenn du alles in den Mund steckst, kannst du ein gut funktionierendes Immunsystem aufbauen‘.

Selbstverständlich bekam Benno auch die üblichen Kinderkrankheiten, aber es war auffallend, dass er nur halb so lang krank war, und die Krankheitsverläufe wesentlich moderater abliefen als bei seinen Freunden, die mit sauberem Mund die Welt eroberten.

Als Benno ein gutes dreiviertel Jahr alt war, machte der Junge zu Erikas großer Freude rasch Fortschritte in seiner sprachlichen Entwicklung; parallel dazu legte sich tatsächlich sein Appetit auf Einrichtungsgegenstände aller Art.

Alle Familienmitglieder machten sich zwar Gedanken darüber, wie diese parallelen Entwicklungen miteinander zusammenhängen könnten, befanden dann aber, dass es müßig wäre, darüber nachzudenken. Erika war es nur recht, dass Benno jetzt mehr Geschmack an Wörtern als an Stuhlbeinhaxen fand.

Als Benno die Phase unverständlichen Kindergeplappers hinter sich gelassen hatte und sprachlich Verständliches äußerte, begann er, die Welt um sich herum zu erobern. Das größte Angebot, was die Welt ihm zu bieten hatte, war draußen vor der Haustür. Seine Mutter nahm ihn zu allen Einkäufen mit. Da gab es für Benno etwas zu sehen, und alles, was er sah, wurde sofort von ihm benannt.

„Mann Hut auf.“

„Ja, Benno, der Mann hat einen Hut auf“, wiederholte seine Mutter.

Der Herr drehte sich um, sah Benno, wie er aufrecht in seinem Kinderwagen saß und ihn ganz interessiert ansah.

„Mann guckt.“

„Der Mann hat dich angeschaut.“

Der Herr grinste, sah zu Bennos Mutter herüber und lüftete kurz zum Gruß seinen Hut. Erika erwiderte den Gruß mit einem leichten Nicken.

„Mann Hut ab.“

„Der Mann hat seinen Hut kurz abgenommen. Er hat uns gegrüßt.“

„Ihnen und ihrem Kleinen wünsche ich alles Gute. Auf Wiedersehen“, sagte der Herr mit dem Hut.

„Danke, nett von ihnen. Auf Wiedersehen.“

Solche Alltagserlebnisse taten den Menschen gut, sie machten ihnen Mut, denn die Kriegs- und Nachkriegszeit waren hart und entbehrungsreich für die Menschen, besonders für Familien mit kleinen Kindern. Es gab nicht genügend zu Essen, nicht ausreichend Heizmaterial und keine Kleider zu kaufen. Viele Geschäfte waren zerstört, es fehlte an Allem. Nahrungsmittel konnte man nur über Lebensmittelmarken beziehen, oder man ging in Gruppen aus den Städten heraus aufs Land, um beim Bauern Wertgegenstände wie Schmuck gegen Lebensmittel einzutauschen. Besonders in den Innenstädten waren nahezu alle Wohnhäuser zerstört, es mussten Flüchtlinge aus dem Osten sowie Ausgebombte aufgenommen werden. Die Menschen wohnten beengt, viele Familien hatten nur ein Zimmer und teilten die sanitären Einrichtungen mit anderen Familien im Haus.

Von diesen schlimmen Zeiten merkte Benno kaum etwas. Er hatte immer ausreichend zu essen und wurde von seiner Mutter und den Großeltern bestens umsorgt. Sein Opa war nach Kriegsende aufgrund seines Alters von den Engländern sofort aus der Gefangenschaft entlassen worden. Da das Haus in Köln zerstört war, kam er gleich zu seiner Familie nach Bielefeld. Benno stand natürlich immer im Mittelpunkt: „Wie geht es ihm? Ist er gesund? Hat er gut geschlafen? Hat er schon was gegessen? Wo spielt er denn gerade?“ waren die typischen Fragen der Großeltern. Der kleine Enkel war ihr ein und alles, und Oma und Opa waren neben seiner Mutter natürlich seine liebsten Spielkameraden.

Der liebe Enkel hatte natürlich schnell raus, wie er Oma und Opa um den Finger wickeln konnte.

„Komm Oma, spiel mit mir!“

Und dann ergriff er die Hand seiner Großmutter und zog sie zu seinen Spielsachen. Dem Kleinen gelang es immer wieder, seinen Großvater oder seine Großmutter rumzukriegen, noch etwas länger mit ihm zu spielen, als geplant war. Das taten sie auch und bauten mit ihrem Enkel weitere Hochhäuser mit Holzbauklötzen, spielten gemeinsam mit seinem Bauernhof und führten die Kühe, Schweine und Schafe vom Stall auf die Weide oder spielten mit Benno ‚Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist grün‘.

Nur wenn es hieß: „Jetzt müssen wir Schluss machen…“, dann gab es Probleme. Einmal musste das Spielen ein Ende haben, auch eine Verlängerung konnte man nicht endlos ausdehnen. Den Absprung vom Spielen zu kriegen, das war für beide Seiten nicht ganz einfach. Da war Überredungskunst gefragt. Hatte Bennos Großmutter endlich die richtigen Worte gefunden und sich aus der schmeichelnden Umklammerung: ‚Spiel noch mit mir‘!, gelöst, ohne dass es ein trauriges Gesicht gab oder sogar Tränen, dann sagte seine Oma ganz erleichtert:

„Ich habe mich gerade mal wieder von dem Finger losgewickelt, um den mich Benno gewickelt hat.“

Der Ausspruch wurde irgendwann zum geflügelten Wort in der Familie. Ergänzend fügte Oma Köln noch die Bemerkung hinzu: „Leider gibt es keinen Nobelpreis für Pädagogik, aber dem klugen Kopf, der auf die Frage: ‚Wie beende ich das Spiel mit einem Kind, das kein Ende finden kann‘? die ideale pädagogische Antwort gefunden hat, dem sollte der Nobelpreis verliehen werden.“

Bennos Hinwendung zum intensiven Sprechen war zweifellos dem Erbteil seiner Mutter zuzuschreiben, die sich als Rheinländerin immer schon in netter Gesellschaft wohlfühlte und sich nicht nur gern angeregt unterhielt, sondern auch selbstbewusst und gar nicht zimperlich alles, was ihr gefiel oder nicht gefiel, direkt ansprach, sonst hätte sie zu wenig Luft zum Atmen gehabt.

Benno lernte Hochdeutsch mit einem ganz leichten Kölner Akzent. Mutter und Sohn redeten ständig miteinander und bauten über die Sprache ein inniges Vertrauensverhältnis auf.

Bennos Freude am Sprechen und die Änderung in seinen Geschmackspräferenzen – vom pikanten Teppichsteak-geschmack zum Geschmack am gesprochenen Wort - waren ausschlaggebend für die Entwicklung seines Rede- und Kommunikationstalents. Zudem war Benno ein guter Zuhörer, der sich gern an seine Mama kuschelte und sich von ihr aus Kinder- und Märchenbüchern vorlesen ließ. Märchen regten seine Phantasie an, um genau zu sein, sie regten nicht nur seine Phantasie, sondern auch seinen Wissensdurst an, was dazu führte, dass er seine Mutter ständig mit Fragen löcherte. Seine Spezialität waren märchenübergreifende Fragen:

„Hätte Gretel auch gern den Prinzen aus Aschenputtel geheiratet oder doch lieber das tapfere Schneiderlein, Mama?“

Seine Mutter hatte zwar geahnt, dass Bennos Wissensdurst schwer zu befriedigen sei, aber nicht in dem Ausmaß, denn einer beantworteten Frage folgten gleich zwei neue:

„Warum macht ‚Hans im Glück‘ das? Ist der doof?“

Und nach einer Erklärung von Bennos Mutter, warum Hans nicht doof ist, besteht Benno darauf, dass der Hans doch doof ist und will weiter wissen:

„Aber wenn der so doof ist, kommt der dann trotzdem in den Himmel?“

Irgendwann endete auch dieses Gespräch, es wird ja jeden Tag dunkel und Benno musste ins Bett.

Erst nach der Währungsreform 1948 verspürten die Menschen eine wesentliche Besserung in allen Bereichen. Dazu kam natürlich ihre Entschlossenheit die schwierige Lebenssituation nicht zu bejammern, sondern anzupacken, nach vorn zu schauen und zu arbeiten. Bereits Mitte der 50er Jahre war sogar ein gewisser Wohlstand erkennbar. Die bessergestellten Familien hatten ihr Einfamilienhaus wieder für sich, einige konnten sich einen Kühlschrank und eine elektrische Waschmaschine leisten, sie besaßen eine Musiktruhe und vielleicht auch schon einen Fernseher.

Bennos Familie gehörte zu den Familien, denen es nach dem Krieg wirtschaftlich sehr schnell besser ging. Nach Kriegsende gehörte Arthur Zimmermann zu den Glücklichen, die in amerikanischer Kriegsgefangenschaft waren und früh aus der Gefangenschaft wieder nach Haus zurückkehren konnten. Er wurde nach seiner Rückkehr sofort wieder bei seiner Firma eingestellt und stieg schnell zum Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf und hatte ein ausgezeichnetes Einkommen. Ihr Haus war im Krieg nicht zerstört worden, und die beiden Familien, die sie in ihrem Haus aufgenommen hatten, fanden bereits Anfang der 50er Jahre eine eigene Wohnung. Bennos Eltern standen auf der Sonnenseite des Lebens.

Wenn Arthur erschöpft aus der Firma zurückkam und sich darüber beklagte, dass er ständig Fragen seiner Mitarbeiter beantworten musste, konnte es sein, dass Erika ihn schmunzelnd ansah und zu ihm sagte:

„Dann kannst du ja gleich mal Fragen von Benno beantworten: ‚Fliegen Engel schneller als Flugzeuge‘? Oder wie wäre es damit: ‚Wenn die Engel lieb waren, kriegen die dann auch mal vom lieben Gott ein Stück Schokolade geschenkt‘? Wie wäre es mit folgender Frage: ‚Wenn Mäuse stärker als Katzen sind, fressen Mäuse dann Katzen‘?“ Und nach einer kurzen Pause „Möchtest du vielleicht mit mir tauschen, Arthur?“

„Ich gebe mich geschlagen, ich weiß, dass ich eine kluge Frau habe, die auf all diese Fragen eine gescheite Antwort parat hat.“

Als Arthur im Verlauf des Gesprächs wieder klar geworden war, dass Benno auch sein Sohn war – was viel beschäftigte Väter im Trubel ihrer beruflichen Anspannung schon mal vergessen können – unterbreitete er seiner Frau den Vorschlag, dass sie am Wochenende Bennos Fragen doch gemeinsam beantworten könnten. Erika war hocherfreut, und die Eheleute Zimmermann beendeten ihre Unterhaltung mit einer liebevollen Umarmung.

Als Benno ungefähr fünf Jahre alt war, gab es wohl keine Frage, die so ungewöhnlich war, als dass sie Benno nicht schon gestellt hätte.

3 - Für die Oberschicht wird das Leben wieder bunter

Der Beruf ließ Arthur wenig Zeit für kulturelle Veranstaltungen, aber das bedauerte er nicht, denn sein Interesse an Konzerten, Schauspielen oder Opernaufführungen war gering. Bei Konzerten schlief Arthur regelmäßig neben Erika ein, was Erika ärgerte, bei Opern unregelmäßig, was Erika auch ärgerte.

„Arthur, ich habe hier zwei Karten für ein Konzert am Freitag. Hättest du Lust mitzukommen? Sonst frage ich eine meiner Freundinnen.“

Natürlich wusste Erika, dass Arthur nicht gern Symphoniekonzerte besuchte, aber sie wollte ihn nicht übergehen.

„Weißt du Erika, der Gedanke wieder zwei Stunden sitzen zu müssen, der gefällt mir gar nicht. Das tu ich schon den ganzen Tag im Büro. Ich brauche Bewegung.“

„Ich möchte die Karten aber nicht verfallen lassen.“

„Das brauchst du auch nicht. Aber du kennst mich ja, wie immer wird es bei mir zu diesem Kampf zwischen Etikette und Natur kommen. Wenn ich abends in einem bequemen Stuhl sitze, mich entspanne und Musik höre, dann werde ich müde und schlafe ein. Die Natur ist bei mir halt stärker.

Wir hatten doch kürzlich verabredet, wie wir das Problem lösen wollen und haben uns auf das Theater-Herrenabend-Arrangement geeinigt: Wenn du ein Konzert- oder eine Theaterveranstaltung mit einer Freundin besuchst, lade ich ein paar Bekannte zu einem Herrenabend ein. Dann ist jedem von uns geholfen.“

„Gut, ich werde Gerda oder Rita anrufen. Mal sehen, wer von beiden Zeit hat.“

„Wann gibt es denn mal wieder einen Ball?“

„Die Ballsaison beginnt erst im Herbst, aber ich habe gelesen, dass ein Tanzcafé neu eröffnet hat.“

„Das hört sich ja vielversprechend an. Am Tanzen bin ich immer interessiert.“

Erika war zwar auch nicht gerade die begeisterte Konzertbesucherin, sie sah sich lieber Opern oder Operetten an. Aber heute wollte sie mal wieder raus aus dem Alltagstrott, da kam ihr das Symphoniekonzert gerade recht.

Seinen Feierabend gestaltete Arthur halb beruflich halb privat. Bevorzugte Lektüre waren die Leitartikel und der Wirtschaftsteil in den überregionalen Zeitungen, was ihn sowohl beruflich als auch privat interessierte.

„Hör mal Erika, was ich hier gerade in der Zeitung lese: Adenauer war doch zu seinem ersten Staatsbesuch in Amerika. Wieder zurück in Deutschland, wurde der alte Herr beim Verlassen des Flugzeuges von Journalisten gefragt: ‚Herr Bundeskanzler, hatten sie denn keine Angst vorm Fliegen‘? Und schlitzohrig, wie er nun mal ist, hat Adenauer geantwortet: ‚Meine Herren, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen‘.“

„Arthur, das solltest du eigentlich wissen: Einen Kölner legt so schnell keiner aufs Kreuz - auch kein Journalist.“

„Erika, ich weiß sogar noch mehr, eine Kölnerin auch nicht.“

„Das nehme ich als Kompliment.“

„Erika, du hast mir ‚Der alte Mann und das Meer‘ zum Geburtstag geschenkt, ich habe es vorhin gerade fertiggelesen. Ich bin wirklich sehr beeindruckt.“

„Das freut mich.“

Romane mit mehr als 500 Seiten waren Arthur schlichtweg zu lang. Er habe nicht die Zeit, das alles zu lesen, war sein Einwand. Allerdings Hemingway, der hatte Arthur beeindruckt.

„Wunderbar, genau das richtige Geschenk für mich. Es ist mitreißend, wie Hemingway seine Leser die Gedanken, Hoffnungen und Empfindungen des alten Mannes miterleben lässt. Am Beispiel des Kampfes eines einfachen, alten Fischers mit einem riesigen Fisch erfährt der Leser menschliche Größe in der Niederlage. Diesen heldenhaften Kampf in einer klaren, einfachen Sprache ohne Pathos zu gestalten, das ist Hemingways großes Verdienst. Fantastisch!“

„Schön, dann weiß ich ja, was ich dir zu Weihnachten schenken kann. Der Mann hat ja noch mehr geschrieben.“

Wenn Erika genügend Zeit hatte, las sie gern Familienromane wie ‚Vom Winde verweht‘ oder ‚Und ewig singen die Wälder‘, natürlich auch Thomas Manns ‚Buddenbrooks‘. Ihre täglichen Begleiter waren jedoch diverse Illustrierte, die Märchenbücher für Erwachsene, mit Bildern und Kommentaren zum Leben der modernen Prinzessinnen und Prinzen.

Bei der Hausarbeit hörte sie Radiomusik und sang begeistert die neuesten Schlager von Catharina Valente mit.

Erika war dem Leben zugewandt und traf sich gern mit ihren Freundinnen zu einer Kaffeerunde. Als überzeugte Katholikin engagierte sie sich gern in der Kirchengemeinde. Sie war eine Frau der Tat und verlor sich nicht in tiefschürfenden Gesprächen. Sie hatte einen ausgeprägt praktischen Verstand und ging ihre Aufgaben pragmatisch an. Sie wusste genau, welche Menschen zu ihr und zu ihrer Familie passten. Erika sah ihre Bestimmung im Zusammenhalt der Familie, und dazu gehörten so ganz profanen Dinge wie Einkaufen, Kochen und das Haus sauber halten. Besonders wichtig war ihr die Erziehung ihres Sohnes, wobei sie sich auf die Hilfe ihrer Mutter verlassen konnte, die regelmäßig einsprang, wenn sie den Besuch von Verwandten und Freunden vorbereiten musste. Außerdem hielt Erika ihrem Mann den Rücken frei, sie war eine ausgezeichnete Gastgeberin, wenn ihr Mann langjährige Geschäftsfreunde bei sich zu Hause empfing.

Irgendwann im Mai hatte Erika mit Arthur wieder ihr eingeübtes Arrangement getroffen: Arthur hatte zu einem Herrenabend geladen und Erika ging mit ihrer Freundin Gerda ins Theater. Sie hatten Karten für ‚Die lustige Witwe‘ erstanden.

„Schade, ich hätte ja gern Jopie Heesters in der Rolle des Grafen Danilo gesehen.“

„Aber Gerda, den kann sich unser Stadttheater nicht leisten. Der spielt bestimmt in Hamburg, München oder Berlin. Nun lass dich mal von dem jungen, gutaussehenden Tenor überraschen, in den halb Bielefeld verknallt ist.“

Halb Bielefeld, das sind alle weiblichen Bewohner zwischen 8 und 80. Bielefeld hatte in den 50er Jahren einen erheblichen Frauenüberschuss, sodass die weiblichen Einwohner im Alter zwischen 8 und 80 bereits fünfzig Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten.

“Der umschwärmte Tenor mit der eleganten Schmalzlocke soll allerdings schon verheiratet sein.“

„Das habe ich heute auch in der Zeitung gelesen, Gerda.“

“Ich denke, das wird unsere männlichen Mitbürger beruhigen. Von meiner Nichte hörte ich, diese Pressemitteilung habe sich schnell unter den jungen Mädchen herumgesprochen. Der Marktwert eines Danilo-Bilds mit Autogramm sei beträchtlich gefallen, es wäre fast schon eine Fehlinvestition. Seine Schmalzlocke war natürlich auch nicht mehr attraktiv, die hätte er sich ja doch nur bei Bill Haley abgeguckt.“

„Wie schnell man doch vom Star-Himmel wieder auf die Erde fallen kann“, stellte Erika fest.

Nicht nur die Operette und ein schöner Tenor, Bass oder Bariton locken die Damenwelt ins Theater; da sind auch die Foyers und die langen Gänge, die sich glänzend als Laufsteg eignen, um zu sehen oder gesehen zu werden. Der ‚Jahrmarkt der Eitelkeit‘, wird mit dem Pausenzeichen eingeläutet.

Die Damen stehen hier mehr im Mittelpunkt des Interesses als ihre Begleiter. Die tragen eh nur langweilige, dunkle Anzüge. Die Herrenmode bietet ohnehin nur die geistlose Langweilervariante: Einreiher oder Zweireiher bei Dunkelgrau bis Schwarz oder Schwarz bis Dunkelblau als Farbkonstanten. Nur an den Hosenbeinen hat sich erstaunlicherweise modeschöpferisch hin und wieder etwas geändert. Die Herren konnten zwischen Hosen mit oder ohne Aufschlag wählen, – und das war den meisten Männern schon zu viel - folglich blieb die Hosenlänge von den Modeschöpfern unangetastet.