Als Deutschland sich neu erfand -  - ebook

Als Deutschland sich neu erfand ebook

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Die Jahre, die unser Land zu dem machten, was es heute ist

Am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei. Zwölf Jahre Nazidiktatur, davon sechs Jahre Krieg, haben Trümmerfelder hinterlassen. Die Großstädte sind zerstört, Menschen obdachlos, ganze Familien auf der Flucht. Doch schon 1949 sind die Weichen für die Zukunft gestellt. Was geschah in den Jahren, die unser Land zu dem machten, was es heute ist? SPIEGEL-Autoren erzählen von Menschen, die Gärten zwischen zerstörten Häusern anlegen, von starken Frauen und von Heimkehrern, von Besatzern, die mit deutschen Kindern Fußball spielen. In bewegenden Erinnerungen, Briefen und Tagebucheinträgen kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort. Das Buch enthält zahlreiche Fotografien.

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KATJA IKEN, geboren 1972, ist Absolventin der Axel-Springer-Journalistenschule. Seit 2007 ist sie Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE. Sie studierte Geschichte und Romanistik und promovierte anschließend in Rom über Feminismus im Ersten Weltkrieg.

UWE KLUSSMANN, geboren 1961, ist seit 1990 Redakteur des SPIEGEL. Zu den Schwerpunkten des Historikers gehören die deutsche, russische und sowjetische Geschichte. Zuletzt hat er die Werke »Die Weimarer Republik« (2015) und »Das Kaiserreich« (2014) herausgegeben.

EVA-MARIA SCHNURR, geboren 1974, ist seit 2013 Redakteurin beim SPIEGEL und verantwortet seit 2017 die Heftreihen SPIEGEL GESCHICHTE und SPIEGEL WISSEN. Zuvor arbeitete die promovierte Historikerin als freie Journalistin, u. a. für »DIE ZEIT« und »stern«.

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Katja Iken, Uwe Klußmann, Eva-Maria Schnurr (Hg.)

Als Deutschland sich neu erfand

Die Nachkriegszeit 1945 – 1949

Ein SPIEGEL-Buch

Ein Teil der Texte dieses Buchs ist erstmals in dem Heft »Die Nachkriegszeit. Als Deutschland sich neu erfand« aus der Reihe SPIEGEL GESCHICHTE (Ausgabe 1/2018) und im Ressort »einestages« bei SPIEGEL ONLINE erschienen. Sie wurden für diese Ausgabe durchgesehen und aktualisiert.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

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in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

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und SPIEGEL-Verlag, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg

Covermotiv: David Seymour/Magnum Photos/Agentur Focus

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24153-7V001

www.penguin-verlag.de

Inhalt

Vorwort

KAPITEL I: In Trümmern

»Schwer beschädigt, aber es lebt«

Dokumente und Erinnerungen von Zeitzeugen vermitteln die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Land ohne Männer

Warum Frauen Enormes leisteten – aber die »Trümmerfrau« dennoch ein Mythos ist

Erst vergewaltigt, dann vergessen

Hunderttausende wurden Opfer sexualisierter Gewalt durch Soldaten der Siegermächte.

»Wie müssen von handfestem Rassismus sprechen«

Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen 1945 ins Land. Warum die Integration so schwierig war, erklärt der Historiker Andreas Kossert.

»Verdammter Flüchtling, du!«

Als Eindringling beschimpft und geschlagen:1945 kam Rolf Klodt mit seiner Mutter und vier Geschwistern aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein.

KAPITEL II: Unter Besatzung

Gemischte Gefühle und Schokolade

Was Kinder bei Begegnungen mit Besatzungssoldaten erlebten – Zeitzeugen erzählen.

Wie gewinnt man die deutschen Seelen?

Erst stand die Entnazifizierung ganz oben auf der Agenda der Alliierten. Aber bald waren ihnen die Sympathien der Deutschen wichtiger.

»Ich tanzte auf Hitlers Asche«

Vom Verfolgten zum Häscher: Der Jude KurtTeil floh vor den Nazis aus Deutschland, dann kämpfte er als Amerikaner gegen Hitlers Schergen.

Sie kamen zurück in ein fremdes Land

Oft erst nach Jahren kehrten die deutschen Kriegsgefangenen heim. Im Frieden fanden sie sich schwer zurecht.

»Aus dem Massengrab auferstanden«

Wer überlebte, war oft lebenslang traumatisiert:Benhard Schulz war Soldat der deutschen Wehrmacht – und verfluchte am Ende den Krieg.

Was ist mit Vater passiert?

Wie so viele Kinder seiner Generation wuchsAlfred Lange-Schmeiss ohne Vater auf. Bis heute treibt ihn die Frage um, wo der Soldat starb.

»Die weitaus schlimmste Zeit«

Die Nachkriegserfahrungen wirken bis heute nach. Die Psychotherapeutin Christa Müller erläutert die Gründe.

Wie Winfried A., 14, hinter den Ural verschleppt wurde

Im Viehwaggon Richtung Osten: Kurz vor Kriegsende wurde Winfried A. gefangen genommen und in ein sowjetisches Arbeitslager gekarrt.

Konfrontation mit der Hölle

Auf Befehl der Amerikaner mussten Weimarer Bürger kurz vor Kriegsende das KZ Buchenwald besichtigen. Mit dabei: Edelgard Schlegelmilch.

Als Hitler aus den Schulbüchern verschwand

Im Unterricht sollten die Lehrer nun demokratische Ideen vermitteln. Der Neuanfang klappte nicht immer.

Englisch für eine Flasche Milch

Ihre Schüler zahlten in Naturalien: 1945 verschlug es Erna Elisabeth Nordmann aufs Land, wo sie Bauern die Sprache der Besatzer lehrte.

Amerika läuft nicht weg

Die Besatzungszeit hat die Bundesrepublik auf Jahrzehnte geprägt – wohl nirgends so unübersehbar wie in Frankfurt. Eine Spurensuche.

Mit der Seifenkiste zur Demokratie

Diether Sieghart landete 1946 im bayerischen Moosburg – und lernte als Elfjähriger den »American Way of Life« lieben.

Brennnesselsuppe und scharfe Munition

Knappe Lebensmittel, blühender Schwarzhandel: Eric Keppel floh mit seiner Familie kurz vor Kriegsende vor der Roten Armee.

Das Geheimnis der Mutter

Etwa 400000 »Besatzungskinder« gab es nach dem Krieg, doch selbst in den Familien wurde das oft verschwiegen.

KAPITEL III: Vom Neuanfang

Wie ein Schulterschluss zur Spaltung führte

Auch Parteien formierten sich neu. Die SPD stand vor der heiklen Frage, wie es mit den Kommunisten zu halten sei.

Maskiert kämpfen!

Kann man im Osten den Sozialismus aufbauen, ohne Schuld an der deutschen Teilung zu tragen? Josef Stalin hatte da einen Vorschlag.

Opa zwischen Goethe und Stalin

Hoffnung, Einsatz, Ernüchterung: Porträt eines Lokalpolitikers in der frühen DDR

Der steinige Weg zum Wunder

Hunger, Tauschgeschäfte und zerstörte Betriebe – würde das Land wirtschaftlich je wieder auf die Beine kommen?

»Ich konnte nichts wiedererkennen«

Aus der Idylle ins Trümmerchaos: Als Barbara Sieghart 1945 ins zerstörte Ludwigshafen zurückkehrte, brach für sie eine Welt zusammen.

»Leben, nicht vegetieren«

Nach der Währungsreform kam es zu Aufständen in Stuttgart.

Betreutes Schreiben

Überall entstanden neue Zeitungen. Aber sie wurden von den Alliierten zensiert – auch im Westen.

Aus den Trümmern in die Manege

Eine Zeitungsanzeige veränderte sein Leben: Mit 15 büxte Flüchtling Gerd Siemoneit-Barumvon daheim aus und heuerte beim Zirkus an.

Kein einig Volk von Brüdern

Die Gründung zweier Staaten war die folgenschwerste Entscheidung der Nachkriegszeit. Sie war nicht geplant.

Welches Lied für Deutschland?

Warum es zwei Jahre dauerte, bis die Bundesrepublik endlich eine Nationalhymne bekam.

»Im Nebel verschwunden«

Wie blicken wir heute auf die Nachkriegszeit? Der Historiker Axel Schildt erklärt, wie sich die Perspektive gewandelt hat.

ANHANG

Autorenverzeichnis

Dank

Bildteil

Bildnachweis

Vorwort

Nach dem Krieg kommt – Frieden. Doch unter welchen Bedingungen? Das war die große Frage, die im Raume stand, nachdem Deutschland 1945 den Krieg verloren hatte, kapituliert hatte vor den Alliierten. Es waren Amerikaner, Engländer, Polen, Franzosen, Russen, Belgier und Männer aus vielen anderen Nationen, die die Welt vom Nationalsozialismus befreiten. Für viele Deutsche jedoch fühlte es sich anfangs nicht nach Erlösung an. Auf beiden Seiten forderten noch die letzten Kriegsmonate unzählige Opfer, die Städte lagen in Trümmern, die Zukunft war ungewiss.

Es war eine unruhige, raue Zeit, in der wenig sicher und vieles möglich war. Neues wuchs nur langsam. Vieles war zunächst improvisiert, aus der Not geboren. Das zerstörte Land musste sich neu erfinden, es galt zu entscheiden, wie Deutschland wieder aufgebaut werden sollte, mit welchen Werten, welcher politischen Ordnung. Es brauchte neue Regeln, neue Werte, neue Köpfe. Würde der Wiederaufbau gelingen?

In den ersten Jahren nach Kriegsende bestimmten die Besatzungsmächte über die Zukunft des Landes mit. So entstanden zwei konkurrierende deutsche Staaten, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegensätzliche Wege gingen – mit Folgen bis heute, 70 Jahre später.

Die Weichen dafür wurden in der Zeit zwischen 1945 und 1949 gestellt, zwischen der deutschen Kapitulation und der Gründung der beiden deutschen Staaten. Die Texte in diesem Band erzählen von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesen entscheidenden Jahren. SPIEGEL-Autoren und Historiker beschreiben, welche unterschiedlichen Vorstellungen die Allliierten von der Zukunft Deutschlands hatten, wie das Land entnazifiziert werden sollte (und warum das nur teilweise klappte), wie sich Parteien unter Aufsicht neu gründeten und wie mühsam sich die Wirtschaft wieder belebte; sie erzählen aber auch von Schicksalen wie dem der Besatzungskinder oder der Frauen, die sexuelle Gewalt erfuhren und zeigen, wie die Besatzungszeit in einigen Regionen bis heute ihre Spuren hinterlassen hat.

Ergänzt werden die journalistischen Texte durch Erinnerungen von Zeitzeugen. Sie haben sich auf einen Aufruf auf SPIEGEL ONLINE hin gemeldet und in Briefen und anhand von Dokumenten ihre Erfahrungen geschildert. Nicht selten beschäftigen die oft traumatischen Erfahrungen von damals Familien noch immer. Und so soll dieser Band auch eine Anregung sein, die noch Lebenden zu befragen, neugierig und kritisch, wie das denn war damals, um vielleicht daraus Schlüsse zu ziehen für die Gegenwart. Es sind solche Auseinandersetzungen, die Geschichte lebendig halten. Unser großer Dank gilt allen Zeitzeugen, die uns ihre Erinnerungen anvertraut haben und uns erlaubten, sie hier einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Hamburg im Januar 2019

Katja Iken, Uwe Klußmann,

Eva-Maria Schnurr

KAPITEL I In Trümmern

Am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei. Zwölf Jahre Nazidiktatur, davon sechs Jahre Krieg, haben Trümmerfelder hinterlassen: Mehr als 30 Großstädte sind fast vollständig zerstört, 13 Millionen Menschen obdachlos, Familien auseinandergerissen, auf der Flucht. Viele empfinden das Kriegsende als »Stunde null«, einen Moment, in dem alles, was bisher gewiss war, nicht mehr gilt. Von Aufbruch, von Neubeginn ist anfangs wenig zu spüren.

»Schwer beschädigt, aber es lebt«

Der Krieg war vorbei, die Städte lagen in Schutt und Asche. Wie sollte es weitergehen? Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsberichte und Erinnerungen vermitteln die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit.

»Wenn wir im Treppenhaus in den dritten Stock kamen, gab es darüber kein Dach mehr. An verregneten Tagen mussten wir einen Regenschirm aufspannen, um trocken zu unserer Tür zu kommen. In unserer Wohnung gab es keine Fenster, keinen Ofen und kein Badezimmer, noch nicht einmal Fensterrahmen. In der Wohnung gegenüber reichte ein Bombenkrater von der dritten Etage bis in das Erdgeschoss, genau in den Wohnzimmern der Familien. Ich fand das sehr sensationell. Sie mussten einen Zaun um das Loch bauen, sodass keiner herunterfallen konnte.«

Erinnerung von Margot Heller, Jg. 1938, damals Berlin

»Dieses Haus lebt; es ist schwer beschädigt und stützt sich auf Krücken, aber es lebt. Das ist symbolisch – wie alles in Deutschland. Alles spricht die starke Sprache der Symbole. Jeder Deutsche ist ein Symbol für den Niedergang, den Verfall, die Hoffnungslosigkeit seines Landes.«

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

»Ich muss mir ein bisschen oft sagen: Du bist jetzt im Paradiese, verglichen mit dem vergangenen Zustand. Es ist so, aber ich merke es allzu selten. Es wächst ein bisschen allzu viel Unkraut im Paradiesgarten.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945

»Ein Tag Ende Mai 1945: In meinem Wartezimmer reißt ein Schrei die Köpfe der dicht gedrängt sitzenden Patienten hoch. Als ich durch den Türspalt hineingucke, wirft sich mir eine Frau mit einem Wickelbündel entgegen. ›Es atmet gar nicht mehr – Blut läuft ihm aus der Nase! Helfen Sie rasch, Herr Doktor.‹ Ich ziehe die jammernde Frau ins Sprechzimmer, führe sie zu einem Stuhl und nehme ihr den Säugling ab. Nach kurzer Untersuchung sage ich leise: ›Ihr Kind ist tot.‹ – ›Das ist ja unmöglich. Vor zehn Minuten hat Dieter noch eine Brotsuppe gegessen.‹ Ich kann nur nicken. Mir ist alles klar. Das Kind zeigt deutliche Merkmale des Hungertodes – trotz Brotsuppe.«

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

»Überall stehen russische Posten, die Russen treiben das Vieh fort, es herrscht Hunger, schon hört man: Unter Hitler habe jeder wenigstens bekommen, was auf den Marken versprochen war! Ich sehe die Situation sehr düster. Man macht alle früheren Fehler wieder und in verstärktem Maß. Man beschimpft die Gegner und lässt sie in manchem Besitz. Man predigt einseitigsten Pazifismus inmitten der gegnerischen Machtentfaltung. Und bei alledem wird täglich mehr gehungert. Man rühmt stündlich im Radio die großen Fortschritte, man rühmt die Güte der Alliierten, und beides stimmt doch nur teilweise, und jeder fühlt dies ›nur teilweise‹. – Und das Volk ist so rettungslos dumm und gedächtnislos. Es denkt jetzt nur: ›Vorher haben wir weniger gehungert‹, und alles andere ist vergessen. Es wird bald denken: All diese Hitler-Gräuel sind erfundene Propaganda.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945

»Wenige Monate nach Kriegsende fuhr ich von Niebüll/Schleswig nach Hannover. Bis Hamburg auf der offenen Ladefläche eines Lkw-Anhängers, von dort mit der Reichsbahn in einem offenen Kohlen-Güterwagen, stehend. Auf dem Weg nach Süden kommt die Strecke nahe am Hamburger Hafen vorbei. Da lag nun der deutsche Glockenfriedhof: Auf einer ausgedehnten Betonfläche zum Wasser hin lagerten die zusammengekarrten Kirchenglocken, Glocke an Glocke als Rohmaterial für die Führungsringe von Artilleriegranaten.«

Erinnerungen eines Mannes, Jg. 1930

»Furchtbares ist schon vor dem Kriege in Deutschland und während des Krieges durch Deutsche in den besetzten Ländern geschehen. Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden.«

Schuldbekenntnis der Katholischen Bischofskonferenz vom 23. August 1945

»Der Hitler-Krieg und dessen Totalkatastrophe erfolgten, nachdem Deutschland in seiner Vergangenheit eine glanzvolle Kulturhöhe erreicht und eine große Arbeiterbewegung herausgebildet, nachdem Deutschland solche Genies wie Goethe, Hegel, Engels und Marx hervorgebracht hatte und nachdem bereits in der Sowjetunion eine neue, freiheitliche Menschenordnung geschaffen worden war. Weltanschauliches, politisches Neubeginnen, geistiger Neuaufbau verlangen, dass wir die geschichtliche Grundlage, das ideologische Fundament genauestens untersuchen. Wir können uns bei diesem hohen Beginnen auf die großen Genien unseres Volkes berufen, die uns ein reiches humanistisches Erbe hinterlassen haben. Dieses reiche Erbe des Humanismus, der Klassik, das reiche Erbe der Arbeiterbewegung müssen wir nunmehr in der politisch-moralischen Haltung unseres Volkes eindeutig, kraftvoll, überzeugend, leuchtend zum Ausdruck bringen. Deutschland wird ein freiheitliches, demokratisches Deutschland sein – oder politisch-moralisches Trümmerland, geschichtliches Niemandsland.«

Ansprache von Johannes R. Becher auf der Gründungskundgebung des Kulturbundes am 4. Juli 1945 im Haus des Berliner Rundfunks

»Gestern früh fing ich einen schon mal gelaufenen Vortrag über Johannes Becher ab, den man jetzt immerfort von kommunistischer Seite überschwänglich feiert und zum größten deutschen Dichter erhebt. Ich hörte schon wiederholt als Zusammenstellung der Größten: Goethe, Heine, Thomas Mann, Becher. Gestern ging das Superlativieren noch weiter: Dante, Goethe, Heine, Becher.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, August 1945

»Als wir nach Frankfurt kamen, sahen wir nur Trümmer. Selbst in den Anlagen und Alleen lagen Trümmerberge. Mich nahmen Freunde in ihrem Haus auf. Doch dieses Haus hatte kein Treppenhaus mehr. Mit einer Leiter krabbelten wir in den dritten Stock. Einige Zimmer dieser Wohnung hatten keine Wände. Die Absturzgefahr vom dritten Stock in die Tiefe war groß. Ich hatte Angst.«

Erinnerung von Hilde Mück, Jg. 1936, damals Frankfurt am Main

»Und du, die du Vergewaltigung spielst mit deiner Puppe. Du hast die fremden Soldaten gesehen, die sich über deine Mutter stürzen. Wirst du jemals Versöhnung empfinden? Wirst du jemals den Mann ohne Angst betrachten können, ohne Hass?«

Peter Weiss über Kriegstraumata

»Millionen verloren den Mann. Andere warten nach allen Lasten des Krieges, nach Jahren der angstvollen Sorge auch heute weiter oder von Neuem in Ungewissheit auf ihren Mann, da die sowjetische Besatzungsmacht unzählige deutsche Männer erst nach dem Zusammenbruch verhaften ließ, ohne Angabe von Gründen oder Auskunft über deren Verbleib. Die Trümmerfrau, die bei Eiseskälte oder Sonnenglut den Mörtel von den Steinen abklopft, um sie dann aufzuschichten, und schwere Loren schiebt, dürfte eine Anklage gegen die ganze humane Welt sein. Vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht reißt die Arbeit dieser Frauen nicht ab. Sie tun sie stumm, selbstverständlich, doch hoffnungslos. Denn sie sehen keine Möglichkeit, ihren Kindern die Basis für eine vernünftige Zukunft vorzubereiten. Sie leben in ihrer Weise auf den Tag hin; wie auch die ganz gleichgültigen Frauen, die sich treiben lassen und das Schicksal betrügen wollen, indem sie durch kleinere oder größere Ordnungsverstöße nach Um- und Auswegen suchen.«

Aufzeichnung von Annedore Leber, Widerstandskämpferin und Frau des SPD-Reichstagsabgeordneten Julius Leber

»Gestern sind wir – trockene Formalität – auf dem Standesamt am Chemnitzer Platz (Rathaus) beide aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche ausgetreten. Es ließe sich viel darüber sagen, gefühlsmäßig ist die Sache sehr kompliziert …«

Victor Klemperer, Tagebuch, 19. August 1945

»Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.«

Die Stuttgarter Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945

»In unserer Nachbarschaft wohnte eine Familie, die nur aus Frauen bestand, eine Mutter mit drei Töchtern. Sie hatte im Krieg drei Männer verloren: ihren Mann und ihre zwei Söhne. Seitdem war sie immer in Schwarz gekleidet.«

Erinnerungen von Hans-Joachim Pescatore, Jg. 1939, damals Horrem, Bezirk Köln

»In einem geplünderten Laden ohne Tür und Scheibe finde ich im Schaufenster zwei papierumwickelte menschliche Körper, wie ägyptische Mumien verschnürt, die keinerlei Lebenszeichen mehr verraten. Ich lasse die Umhüllung entfernen und stehe vor einer völlig nackten männlichen Leiche. ›Woher kommen die Toten?‹ – ›Aus unserem Hauskeller. Hier!‹ Ich taste mich die dunkle, halb verschüttete Treppe hinunter, öffne die Tür und trete in den Luftschutzraum des schwer beschädigten Hauses. Etwa 20 Menschen liegen, in Decken gehüllt, auf dem Steinboden. Alle atmen schwer und sind kaum bei Besinnung. Der ganze Keller ist eine Fleckfieberhölle. Einige Soldaten in lehmverkrusteter Uniform und eine Familie, deren Kleidung auf Bauernflüchtlinge aus dem Osten schließen lässt, verraten, wie die furchtbare Krankheit in die Stadt verschleppt worden sein könnte. Rasch beende ich meinen Rundgang und nehme draußen den Mann beiseite, der mich geholt hatte. ›Wir müssen den Keller von der Außenwelt völlig abschließen. Sorgen Sie für ständige Bewachung des Eingangs. Wahrscheinlich sind aber alle dort unten in wenigen Tagen tot.‹ – ›Meine Frau liegt auch dort, was soll ich …?‹ Diese Worte des verzweifelten Mannes höre ich noch im Weggehen. Mehr kann ich hier nicht tun.«

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

»1 Ei: 15 Mark1 Pfund Mehl: 35 Mark1 Pfund Zucker: 85 Mark1 Flasche Schnaps: 140 Mark1 Pfund Kaffee: 600 Mark1 Sack Kartoffeln: 500 Mark20 Zigaretten: 150 Mark

Ehrlichkeit und Moral – sind keine gängigen Münzen. Schieber sei dein Beruf! Der Gulaschbaron baut seine schwarzen Mode-, Antiquitäten- und Teppichgeschäfte direkt in die Ruinen des Kurfürstendamms. Hier gibt es Glasscheiben und Zement, die Tausende kosten, während die Bevölkerung Pappe vor die leeren Fensterrahmen klebt. Es lohnt sich nicht, Kraft für eine anständige Arbeit zu sammeln, wenn man durch einen bequemen Betrug in kürzester Zeit reicher werden kann. Nur die Allerbesten halten aus. Der Rest wird proletarisiert. Die Anarchie ist die unausweichliche Konsequenz. Aber nicht eine durchdachte, von Freiheit erfüllte Anarchie, sondern die Anarchie der Abstumpfung, der Sinnlosigkeit und der üblen Instinkte.«

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

»Zusammen zog man durch die Ruinen der Innenstadt – ohne Ziel, aber in der Erwartung, etwas Spannendes, wenn nicht sogar Nützliches zu finden. Die wenigen Menschen, die man traf, waren meistens Frauen. Männer, und wenn, dann ältere, waren selten. Viele waren gefallen oder noch in Gefangenschaft. Man konnte in den Keller eines zusammengefallenen Geschäftshauses kriechen, dort im Archiv die Leitzordner durchblättern und Briefmarken von der Korrespondenz mitnehmen. Man konnte an den Resten des Zoologischen Instituts vorbeikommen und dort eine ausgestopfte Schleiereule (ich) oder eine in Spiritus eingelegte Kreuzotter (mein Komplize) retten.«

Erinnerung von Norman Gumbricht, Jg. 1933, damals Kiel

»Es sind ausgewählte Männer und Frauen, meistens ältere Semester. Es fehlen Bücher und Lehrmittel, die auf Jahre nicht wiederbeschafft werden können. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die alten Korporationen wieder erstehen. Anstelle von Kneipe und Mensur werden vielleicht geistige und künstlerische oder sportliche Beschäftigungen treten. Aber sicher ist, dass der überwiegende Teil der akademischen Bürger, Lehrer wie Lernende, die Politisierung der Hochschule, gleichviel in welcher Richtung, scharf ablehnt.«

Bericht der »Neuen Hamburger Presse« vom 3. November 1945 über die Eröffnung des Wintersemesters an der Hamburger Universität

»Beiliegender Brief, nach langer Überlegung geschrieben, beantwortet recht hart ein rührend plump antastendes Anbandeln der Frau Hirche aus Oberlößnitz i. Erzgebirge. Sie hätten meinen Namen unter dem Kulturbund gelesen und sich so gefreut und so oft an uns gedacht, ich sei doch der Bürge ihres Hans, der noch in englischer Gefangenschaft lebe. Wüsste ich nicht zufällig, dass er Major im Generalstab war, und wäre nicht vor ganz kurzer Zeit durchs Radio gekommen, dass die Angehörigen des Generalstabs unter die Kriegsschuldigen zählen, so wäre ich vielleicht halbwegs auf die Anbiederung hereingefallen. Die Antwort ist gewiss hart, aber sie ist von meiner Seite aus auch Notwehr. Wenn der junge Hirche es zum Major im Generalstab gebracht hat, dann muss er politisch ein Musterknabe gewesen sein und muss auch gewusst haben, wem er seine Seele verkaufte.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 11. November 1945

»In seiner Weltscheu war immer so viel Weltverlangen, auf dem Grunde der Einsamkeit, die es böse machte, ist, wer wüsste es nicht!, der Wunsch, zu lieben, der Wunsch, geliebt zu sein. Zuletzt ist das deutsche Unglück nur das Paradigma der Tragik des Menschseins überhaupt. Der Gnade, deren Deutschland so dringend bedarf, bedürfen wir alle.«

Thomas Mann: »Deutschland und die Deutschen«, Rede vom Mai 1945

»Im Rahmen des realpolitischen Denkens wird auch das sogenannte deutsche Selbstmitleid angegriffen. Dieser Angriff ist berechtigt, solange er sich gegen die verbreitete, im Innern verständliche Ansicht richtet, dass Deutschland es unter dem Nazismus besser hatte. Zynisch wird der Angriff, wenn er sich gegen den verzweifelten Notruf des Hungrigen richtet. Falsch wird er, wenn er (wie bei Thomas Mann) generalisiert und den stummen Kampf der Millionen vergisst, wenn er die Mutter vergisst, die im Kellerloch versucht, die Überreste ihrer Familie zusammenzuhalten, den Flüchtling, der von Station zu Station irrt, bis er fällt.«

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

»Trotz gigantischer Zerstörung der Stadt erlebte ich sogar in der sehr frühen Nachkriegszeit in Hannover, dass Straßenbahnen fuhren, Strom und Wasser in ganzen Stadtvierteln verfügbar waren, das Einwohnermeldeamt Zuzugssperren verhängte, Post zugestellt wurde (sogar zweimal am Tag).«

Erinnerungen eines Mannes, Jg. 1930, damals Hannover

»Die Revolutionsfeier der Russen, 7. Oktober 1917, erfüllt den Berlin-Leipziger-Sender. Die Deutschen kriechen den Russen tief in den A., bisweilen (Rede der christlichen Union!) auf komisch gewundene Weise.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, Oktober 1945

»Im Nebenzimmer traf ich den Chirurgen in Gummistiefeln und blutiger Schürze. Der Chefarzt hatte ihn in einer Kellerbehausung für Bombengeschädigte entdeckt und gleich mitgenommen. Zwei ältere Medizinstudenten leisteten Hilfe beim Operieren, Betäuben und Verbinden. Der Operationssaal enthielt außer drei rohen Holztischen und einigen Wassereimern keine weiteren Einrichtungsgegenstände. Der Geruch eitriger Verbände und brandiger Wunden mischte sich mit dem Gestank der Bedürfniszellen, die der Eingangstür gegenüberlagen. Dort waren die Abflussrohre verstopft und die Becken bis zum Rand gefüllt. Wasser und Hilfskräfte gab es nicht.«

Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945

»In den verlassenen Stellungen rund um den Bahnhof lag immer noch genügend Flakmunition zum Spielen. Den 3,8-Zentimeter-Granaten wurde das Projektil herausgebrochen, die Pulverladungen auf einen Haufen geschüttet und angezündet. Manche Buben waren nicht schnell genug beim Weglaufen und verbrannten sich das Fell, einer meiner Klassenkameraden kam ohne Haare in die Schule, ein anderer überlebte die Explosion nicht.«

Erinnerung von Lothar Sonntag, Jg. 1933, Hausach im Schwarzwald

»Der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands ist ein integrierender Teil Westeuropas. Wenn er krank bleibt, wird das von schwersten Folgen für ganz Westeuropa, auch für England und Frankreich sein. Dem Verlangen Frankreichs und Belgiens nach Sicherheit kann auf Dauer nur durch wirtschaftliche Verflechtung von Westdeutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland wirklich Genüge geschehen. Wenn England sich entschließen würde, auch an dieser wirtschaftlichen Verflechtung teilzunehmen, so würde man dem doch so wünschenswerten Endziele ›Union der westeuropäischen Staaten‹ ein sehr großes Stück näherkommen.«

Brief von Konrad Adenauer an den Duisburger Oberbürgermeister Heinrich Weitz, 31. Oktober 1945

»Bin ich feige, wenn ich eintrete … – bin ich feige, wenn ich nicht eintrete? Sie (die KPD – Red.) allein drängt wirklich auf radikale Ausschaltung der Nazis. Aber sie setzt neue Unfreiheit an die Stelle der alten! Es kommt mir wie eine Komödie vor: Genosse K.! Wessen Genosse?«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. November 1945

»Im Haus Küttenstraße 56 wohnen sechs Familien. Hier ist kein Dach, kein Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Die Treppe wird auf Pfählen gestützt. Der Sturm, der auf dieser Höhe immer sehr beträchtlich ist, braust mächtig durch alle Räume.«

Sozialbericht der Stadt Aachen 1947

»Als ich vorgestern Abend Seidemann unsere Anträge auf Beitritt zur KPD übergab, sagte er mehr ernst als scherzhaft: ›Wollen Sie Ihre Frau nicht lieber draußen lassen, als Rückversicherung, wenn es wieder schiefgeht?‹ Mir ist es beinahe eine Erleichterung, dass mir niemand vorwerfen kann, ich liefe zur Siegerpartei; denn die Stimmung ist weiterhin antikommunistisch.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 30. November 1945

»In der ›Tribüne‹ sind in der letzten Zeit einige Beiträge erschienen, die sich mit der Jugendkriminalität befassen. Die darin vertretene Ansicht stimmt, dass diese Kriminalität ganz reale Wurzeln hat. Nach unseren Erfahrungen sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht allein der Krieg, nicht allein die Demoralisierung und Zersetzung der deutschen Jugend durch die Erziehung der faschistischen Machthaber die Schuld am heutigen Zustand eines Teils unserer Jugend tragen. Vielmehr mussten wir bei unseren Erhebungen in den Betrieben feststellen, dass auch noch andere sehr reale Gründe für diese schwierige Lage der Jugend vorliegen. Dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass die Betriebsjugend gewichtsmäßig nicht zu-, sondern abnimmt und dass der überwiegende Teil der Jugendlichen ein ganz beträchtliches Untergewicht aufweist. Einer der krassesten Fälle der letzten Zeit ist der der 16-jährigen Lieselotte W., die in Tempelhof beschäftigt ist. Sie ist 1,50 Meter groß und wiegt 26 Kilo. Ein anderer Jugendlicher aus demselben Bezirk ist 1,69 Meter groß und wiegt 40 Kilo. Ein 15-jähriger Jugendlicher ist 1,38 Meter groß und wiegt 32 Kilo. Es geht hier nicht um irgendwelche Sonderinteressen, sondern um die vitalsten Sonderinteressen des deutschen Volkes. Es geht darum, dass das kostbarste Gut, das wir über Krieg und Zusammenbruch gerettet haben, unsere Jugend, nicht noch durch Hunger und Entbehrungen so geschädigt wird, dass man mit dieser Generation späterhin überhaupt nicht mehr rechnen kann.«

Bericht in der »Tribüne«, der Zeitung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, am 3. März 1947

»Internationalismus und Versöhnung werden heute in Berlin auf besondere Weise praktiziert. Ein Stadtteil gleicht Palm Beach, mit Eisbars, Swimmingpools, flotten Villen, Cocktailpartys, rasenden Jeeps und Jazzmusik. Ein Stadtteil ist wie ein Vorort von London: mit kühlen, wohlgekleideten Damen auf dem Weg zum Shopping; schmucken Kindern, die mit ihrer Nurse spazieren gehen; und Whisky trinkenden älteren Herren in den Klubs. Ein Stadtteil ist wie eine französische Garnison. Ein anderer scheint nach Russland versetzt zu sein, mit GPU-Gefängnissen (der sowjetischen Geheimpolizei – Red.), Verhaftungs- und Deportationsdrohungen und Gymnastikvorführungen von schneidigen Jungen und Mädchen. Aber überall, quer über die Straßen, ziehen wie im Halbschlaf diese gebeugten Deutschen, die weder Augen noch Ohren für den Verkehr zu haben scheinen. Doch sind sie sprungbereit, wenn die fremden Herren ihre Zigarettenkippen wegwerfen. Sie wühlen in den Mülleimern ihrer ausländischen Gäste nach Orangen- und Grapefruitresten, nach Kartoffelschalen, Fleischknochen und Sardinenbüchsen. Sie verkaufen den Gästen ihre letzten Fotoapparate, den Familienschmuck und die Porzellanteller gegen lumpige Zigaretten. Sie graben mit den bloßen Händen in den abgeholzten Wäldern nach übrig gebliebenen Baumwurzeln.«

Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947

»Wer aber einen Ofen hat, der weiß nicht, was er in ihm brennen soll. Die meisten Hausfrauen sind froh, wenn sie täglich ein warmes Mittagessen kochen können. Für die Heizung bleibt bei ihnen aber nichts übrig. Dazu kommt die Sorge um den Arbeitsplatz. Vor wenigen Wochen noch fehlte es überall an Kräften. Inzwischen sind aber die meisten Plätze besetzt. Die Fabriken haben ihre Vorräte aufgebraucht. Zudem fehlt es ihnen an Kohle und Strom. Viele Produktionsstätten werden vielleicht in den nächsten Wochen auf Weisung der Militärregierung ihre Arbeit einstellen müssen. Zu Tausenden strömen die Flüchtlinge durch die Auffanglager unseres Bezirks. Viele werden für immer bei uns bleiben. Das verschärft nicht nur die Wohnungsnot, es macht uns auch andere Sorgen. Zu allen Umständen, welche die Stimmung der breiten Massen verdüstern, sind in den letzten zwei Wochen Maßnahmen der Militärregierung gekommen, welche für viele Leute sehr lästige und einschneidende Folgen haben. Bis Ende November müssen alle Uniformen der Wehrmacht umgefärbt werden. Viele der ehemaligen Soldaten haben nichts als das, was sie am Leibe tragen. Sie wissen nicht, was sie anziehen sollen, wenn ihre Uniform umgefärbt wird. Die Flut der schlechten Nachrichten hat manche unserer Mitbewohner zu hoffnungslosen Pessimisten gemacht. Gerade die Leute, welche zuvor die Schwierigkeiten nicht sehen wollten, haben den Kopf verloren. Immer wieder hört man von Selbstmorden, von Nervenzusammenbrüchen, von hoffnungsloser Verzweiflung.«

Bericht des Regierungspräsidenten Wilhelm Backhaus (SPD) in Hildesheim über den Winter 1945

»Die erste Nachkriegsmesse in Leipzig wurde genau am Jahrestag der Kapitulation Nazideutschlands feierlich eröffnet. Diese Tatsache allein bedeutet einen ganz großen Erfolg. Der zweite Erfolg der Leipziger Messe liegt in der unter den Zeitumständen großen Zahl von 2746 Ausstellern, davon 204 aus den Westgebieten, und den vielen Besuchern, die bereits am zweiten Tage die Zahl von 120000, hierunter 12000 aus den westlichen Zonen Deutschlands, überschritten.«

Sonderbericht der »Frankfurter Rundschau« zur ersten Leipziger Messe, 14. Mai 1946

»Schon an der Zonengrenze konnte man feststellen, dass alle ehemals zwei- und mehrgleisigen Strecken eingleisig geworden waren. Tausende von Kilometern Gleise sind in einem Jahr nach dem Osten gewandert. Vor leeren Fabrikgebäuden und ausgestorbenen Werkhallen weht die rote Fahne. Die Leipziger Bevölkerung hat aus Anlass der Messe Zuteilungen bekommen, auf die sie seit Wochen, manchmal Monaten wartete. In Dresden haben die Menschen aus dem gleichen Anlass seit acht Wochen keine Fettzuteilung erhalten. Das Brot ist erdenklich schlecht; man sagte mir, es werde mit Kastanienmehl gemischt. In jeder Gaststätte gibt es Schnaps; dafür kann man nirgends Kartoffeln erhalten. Der Hunger diktiert. Alle Kleingärten sind mustergültig ausgenutzt. Die Bauern klagen, dass ihnen frisch gelegte Kartoffeln bei Nacht aus den Feldern wieder ausgegraben werden. Aber ein Arzt berichtete mir, dass viele nach einer verhältnismäßig leichten Krankheit sterben. Todesursache: Grippe, Lungenentzündung oder dergleichen. Ganz selten sieht man Personenkraftwagen. Noch seltener als die Kraftfahrer sind die bei uns so zahlreichen Ausländer. Nur wenige junge Männer traf ich. Ein junger Mann, den ich in Leipzig darüber befragte, sagte mir: ›Ja, die hauen eben alle ab; ich werde auch bald verschwinden!‹«

Joachim Slawik in der »Süddeutschen Zeitung« über seine Fahrt zur Leipziger Messe, 17. Mai 1946

»Wir gönnten uns zu Weihnachten 1945 einen Theaterbesuch. In einem halb zerbombten ehemaligen Kino wurde ›Das Land des Lächelns‹ aufgeführt. Der Eintrittspreis betrug pro Person ein Brikett, damit wurde der Raum beheizt.«

Erinnerungen von Erika Reinicke, Jg. 1934, damals Berlin

»Morgens wurde das Potsdamer Communiqué im Radio verlesen. Erschütternd, ganz egoistisch erschütternd. Deutschland wird so kastriert, so arm – ein kleiner Ackerstaat –, so ausgestoßen. Nichts im Communiqué deutet darauf hin, dass die Alliierten sich der deutschen Juden annehmen wollen.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 4. August 1945. Er bezieht sich auf die Kurzfassung des Abschlussprotokolls der Potsdamer Konferenz der vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich.

»Mein Vater hatte im Haus eines Arbeitskollegen einen leer geräumten Keller für die Familie herrichten können. Die Stapelbetten mit den Strohsäcken aus dem Bunker, einmal drei und einmal zwei übereinander, standen an der einen Seite. Es gab einen Ofen, einen Wasserhahn und eine Schüssel auf der anderen Seite. In der Mitte stand ein Tisch. An einen Kleiderschrank kann ich mich nicht erinnern, nur an einen Wäschekorb. In dem kleinen, dunklen Flur vor dem Kellerraum stand ein Blecheimer mit einem Holzbrett darauf. Das war jetzt unsere Toilette. Der Eimer wurde von den Erwachsenen draußen in den Trümmern geleert. Als wir in unser neues Zuhause kamen, sah ich als Erstes, dass ein unteres Bett belegt war. Hier lag teilnahmslos mein 16-jähriger Bruder, der inzwischen krank von der Ostfront zurückgekommen war. Ich erkannte ihn nicht wieder. Wie er mir später sagte, war er von vorher 75 Kilogramm Gewicht auf nur noch 50 abgemagert.«

Erinnerungen von Ulla Hofmann, Jg. 1936, damals Hannover

»Erkennen wir, was nötig ist: Der Sozialismus hat das Wort. Unser Sozialismus ist wesensverschieden vom Marxismus. Das christliche Sozialgesetz kann uns sozialistische Wege führen, da es an eine bestimmte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nicht gebunden ist.«

Jakob Kaiser auf der Parteitagung der CDU am 16. Juni 1946

»Wenn heute bei Bürgerlichen von Sozialismus gesprochen wird, dann ist das ein kleiner Denkfehler. Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung! Alles andere mag wohlmeinende Schöngeistigkeit sein.«

Kurt Schumacher auf der ersten Großkundgebung der SPD in Berlin am 20. Juni 1946

»Ich sagte heute zu Frl. Bernd, heute hätte ich eine gewisse Macht, aber ob ich sie morgen noch hätte, sei zweifelhaft; ich empfände den Boden als allzu schwankend unter mir. Und das ist schließlich mein Silvestergrundgefühl. Immerhin: dieses Jahr! Doch wohl das märchenhafteste meines Lebens.«

Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, Silvester 1945

»Wie ernst und verhärmt diese Gesichter sind. Hier sitzen die Besten. Hier sitzen diejenigen, deren Stimme noch nicht zu hören ist, die nichts anderes wollen als lernen, lernen, sich eine neue Welt aufbauen, sich nach dem fürchterlichen Zusammenbruch eine neue Grundlage schaffen. Es liegt etwas Unheimliches über dieser stummen Arbeit, deren Ziel niemand kennt, über diesen schmalen Rücken, die sich über die Tische beugen, über den mageren Händen, die sich gierig um Bücher schließen. Eines Tages, wenn die Alten sich genug in Stücke gerissen haben, werden diese kritischen, noch schlaftrunkenen Menschen zu reden beginnen.«

Peter Weiss über die Bibliothek der Berliner Universität, Reportage aus dem Sommer 1947

Zusammengestellt von Markus Deggerich

Land ohne Männer

Die Väter, Ehemänner, Söhne waren tot, verwundet oder in Gefangenschaft, also waren es die Frauen, die anpackten und ihre Familien durchbrachten. Sie leisteten Enormes – und dennoch sind die Trümmerfrauen ein Mythos.

Von Joachim Mohr

Margarete M. hatte während des Krieges zwei Ehemänner verloren. Ihr erstes Kind war als Säugling an einem grippalen Infekt gestorben. 1944 wurde sie, wieder schwanger, aus Berlin evakuiert, wo sie als Büroangestellte gearbeitet hatte.

Vom Tod Adolf Hitlers erfuhr sie aus dem Radio. »Mir sind an diesem Tage alle meine Ideale zerbrochen, denn jetzt musste ich mich endlich mit dem Gedanken abfinden, dass der Krieg verloren war und alle Opfer vergeblich waren.«

Mit ihrer einjährigen Tochter schlug sie sich wieder nach Berlin durch, teils in Güterwagen, teils zu Fuß. In ihr früheres Zuhause konnte sie allerdings nicht mehr.

Die Notquartierstelle wies sie in die Küche eines Hinterhauses ein, das Dach war fast vollständig zerstört, es gab kein Licht, kein Wasser, keine Toilette. Der Unterschlupf war nicht nur kümmerlich, sondern eine Gefahr für Leib und Leben von Mutter und Kind: »Als starkes Regenwetter einsetzte, musste ich überall gefundene Gegenstände aufstellen und bin selbst auf meinem Bett, das nur ein Gestell war, ohne Matratze und Zudecke, klitschnass geworden, während ich Hella mit ihrem Kinderwagen unter dem Dachsegment unterbrachte«, so ihre Erinnerungen, wie sie die Historikerin Margarete Dörr in einem Sammelband über Frauenschicksale der Nachkriegszeit wiedergibt.

Nach dem Krieg war Deutschland zu einem Land der Frauen geworden: 5,3 Millionen deutsche Soldaten waren tot, fast elf Millionen in Kriegsgefangenschaft. Von Millionen Männern wusste niemand, wo genau sie waren und ob sie je heimkehren würden. Und von denen, die zu Hause lebten, waren viele alt, krank oder verwundet. So litten insbesondere Frauen und Kinder in den verwüsteten Städten und mussten um ihr Überleben kämpfen.

Die Frauen hatten während der Bombenangriffe in den Schutzräumen ausgeharrt und die Kinder beruhigt, hatten das verbliebene Hab und Gut aus den Trümmern gerettet, waren mit leerem Magen zum Hamstern aufs Land gefahren. Nun waren rund 60 Prozent der Deutschen zwischen Kiel und München weiblich. In Hamburg kamen 1946 auf 160 Frauen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren gerade einmal 100 Männer.

»Meine Mutter arbeitet seit einiger Zeit in einer Wäscherei. Während des Krieges war sie bei der Post, aber für diese Tätigkeit gibt es nur die Angestellten-Lebensmittelkarte. Mit der Arbeiter-Lebensmittelkarte sind die Rationen höher, und darauf kommt es bei der jetzt herrschenden Mangelsituation an. Eine Kollegin aus der Wäscherei lädt uns ab und zu nach Hause ein, sie hat zwei kleine Mädchen, auch ein männerloser Haushalt. Meine Mutter muss häufig nachts zur Arbeit, weil tagsüber der Strom gesperrt ist«, erinnert sich Gerd Wahlens, geboren 1933, der die Nachkriegszeit in Berlin verbracht hat.

Frauen wie seine Mutter mussten den Alltag ohne Männer bestehen. Sie hatten sich um die Kinder zu kümmern und Schutt beiseitezuräumen, sie mussten kochen und putzen und waschen, aber auch Lastwagen fahren und Baukräne steuern.

Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Männer- und Frauenarbeit – die Frauen erledigten alles. Der Historiker Heinrich August Winkler schrieb 2005: »Die Trümmerfrauen wurden zur Verkörperung eines radikalen Tausches der Geschlechterrollen.«

Vor dem Krieg hatte Magda Andre aus Köln als Schauspielerin gearbeitet, nun aber gab es keine Engagements. Die Amerikaner hatten nach dem Einmarsch das unbeschädigte und gepflegte Haus der Familie requiriert und sie von einem Tag auf den anderen auf die Straße gesetzt. Erst hatte Andre mit Dutzenden anderen Obdachlosen in einer Notunterkunft in einem Keller gehaust, bevor sie mit ihrem Bruder, dessen Familie und ihrem Vater in einer kleinen Wohnung unterkam. Im September 1946, sie war 42 Jahre alt, fing sie als Bauhilfsarbeiterin an.

»Als ich dann so über die Trümmerberge sah, wurde mir ganz anders. Ich glaubte damals nicht, dass Köln jemals aufgebaut werden könnte. Schon gar nicht mit mir«, so schildert sie es in einem Zeitzeugenbuch der Journalistin Gabriele Jenk.

»Die zeigten mir dann, wie man Steine richtig und schnell abklopft. Aber irgendwie war das nichts für mich, und ich fragte, ob ich nicht lieber Loren schieben könnte. Diese Dinger waren vollgepackt mit Steinen. Zwei Frauen hatten solche Riemen, die sie sich über die Schulter zogen, und zwei Frauen schoben von hinten nach. Eine Sauarbeit war das.«