100 Jahre Roter Oktober -  - ebook

100 Jahre Roter Oktober ebook

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Opis

Im Jahr 2017 jährt sich die Russische Revolution zum 100. Mal – ein Jubiläum, das dazu einlädt, über die globale Wirkungsgeschichte der Ereignisse um die kommunistische Machtübernahme im November 1917 in Petrograd nachzudenken. Von Anbeginn war die Deutung jener "10 Tage, die die Welt erschütterten" (John Reed) hoch umstritten: Handelte es sich um einen Staatsstreich, einen Volksaufstand oder die lang ersehnte sozialistische Revolution? Vom Jahr 1917 und seinen runden Jahrestagen ausgehend behandeln Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Russland, Großbritannien, den USA, Polen und Spanien das Verhältnis vom Mythos des Roten Oktober zur welthistorischen Erfahrung kommunistischer Herrschaft im 20. und 21. Jahrhundert. So entsteht in elf Essays ein vielschichtiges Panorama der Wirkungsmacht der Russischen Revolution, das von 1917 bis in unsere Zeit reicht.

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Jan Claas Behrends, Nikolaus Katzer, Thomas Lindenberger (Hg.)100 Jahre Roter Oktober

Jan Claas Behrends, Nikolaus Katzer,Thomas Lindenberger (Hg.)

100 JahreRoter Oktober

Zur Weltgeschichteder Russischen Revolution

Mit Unterstützung des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und des Deutschen Historischen Instituts Moskau

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage als E-Book, Februar 2017

entspricht der 1. Druckauflage vom Februar 2017

© Christoph Links Verlag GmbH

Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 4402 32-0

www.christoph-links-verlag.de; [email protected]

Covergestaltung: Stephanie Raubach, Berlin

Covermotiv: Rede Lenins am 5. Mai 1920 auf dem Swerdlow-Platz (heute: Theaterplatz) in Moskau an Rotarmisten vor ihrem Abmarsch an die Front im polnisch-russischen Krieg. Rechts neben dem Rednerpult stehen Trotzki (v.) und Kamenjew, die später wegretuschiert wurden.

Fotografie von Grigori Goldstein (1870 – 1941)

eISBN 978-3-86284-382-4

Inhalt

100 Jahre Roter Oktober. Versuche zur Historisierung der Russischen RevolutionVon Jan Claas Behrends, Nikolaus Katzer, Thomas Lindenberger

1917Der Rote Oktober in zeitgenössischen Deutungen. Bolschewistische Camouflage und bürgerliche Apokalypse

Von Dietrich Beyrau

1927Zehn Jahre Roter Oktober. Das öffentliche Gedenken an die Oktoberrevolution im Jahr 1927

Von Frederick C. Corney

1937Eine Gedenkfeier im Spannungsfeld von Terror, »Fünfter Kolonne« und transnationalem Kommunismus

Von José M. Faraldo

1947Gesichter des Nachkriegssozialismus

Von Olga Nikonova

1957Die Lehren des »Schwarzen Oktober«Von Maciej Górny

1967Lenins Erben und die nationale Revolution in der Dritten WeltVon Andreas Hilger

1977Stagnierende Revolution? Zwischen Erstarrung und DynamikVon Juliane Fürst

1987Lasst uns über Geschichte reden! Gorbatschow und die Umwertung des revolutionären ErbesVon Alexander Vatlin

1997Eine Wende, still und leiseVon Irina Scherbakowa

2007China – aus dem Schatten des Roten Oktober auf die Höhe des 21. Jahrhunderts?Von Gerd Koenen

2017Erinnerung und Verdrängung der Revolution in Russland – zwischen Märtyrologie, Konspirologie und starkem StaatVon Jan Plamper

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Auswahlbibliografie

Danksagung

Personenregister

Autorenverzeichnis

Jan Claas Behrends, Nikolaus Katzer, Thomas Lindenberger

100 Jahre Roter Oktober. Versuche zur Historisierung der Russischen Revolution

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Russische Revolution von 1917 und mit ihr der Kommunismus als weltumspannende Bewegung einer fernen Vergangenheit anzugehören, sie sind passé.1 Ebenso rasch, wie sie binnen weniger Jahre Millionen von Menschen als glühende Anhänger rekrutierten, verblasste ihre Faszination im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, unter »Proletariern« noch schneller als unter Intellektuellen. Wo kommunistische Parteien noch regieren, wie etwa in China oder Vietnam, verfolgen sie nationale Modernisierungsprojekte oder sind zu Autokratien versteinert, wie in Kuba oder Nordkorea. Es geht nicht mehr um die Utopie einer Weltrevolution, die den Kapitalismus endgültig überwinden sollte. Das Mutterland des Kommunismus und selbsternannte »Vaterland aller Werktätigen«, die Sowjetunion, die zuerst eine kommunistische Herrschaft schuf, besteht seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Mit ihr zerbrachen eine Herrschaftsform und ein Imperium eigenen Rechts. Vom Mythos des »Sturms auf das Winterpalais« und jener »Tage, die die Welt erschütterten«, die der amerikanische Journalist John Reed in seinem Bestseller schilderte, ist kaum mehr geblieben als das populäre Filmzitat aus Eisensteins Film »Oktober«, ein abgenutztes Symbol im Arsenal der History Channels.2 Im postsowjetischen Russland selbst überwiegt die Unsicherheit darüber, ob und wie man dieser stürmischen Tage überhaupt gedenken sollte. Lenins Mumie liegt zwar immer noch im Mausoleum auf dem Roten Platz im Zentrum Moskaus.3 Doch frequentieren sie meist Touristen, vor allem aus China, wo Lenin tatsächlich noch etwas gilt. Für die Legitimation russischer Staatlichkeit haben der Revolutionsführer und seine Bolschewiki hingegen offenbar ausgedient. In der offiziell dekretierten wie in der populären Erinnerungskultur Russlands dominiert der »Große Vaterländische Krieg«. Die Erinnerung an seine Helden und den Sieger Stalin lässt keinen Raum für die Revolutionäre von 1917. Warum lohnt es sich dennoch, über die Russische Revolution neu nachzudenken?

Wie kaum ein anderes Ereignis markiert der Staatsstreich der Bolschewiki in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1917 (nach altem Kalenderstil) in Petrograd eine historische Wasserscheide, sowohl für Russland als auch im Weltmaßstab. Er war so folgenreich wie umstritten. Der folgende Bürgerkrieg fegte die Gesellschaftsordnung hinweg, die Peter I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts geschaffen hatte und die auf dem Weg war, zu den führenden Weltmächten aufzuschließen. Hingegen beanspruchten die Revolutionäre, die einzig zukunftsfähige Alternative zur »faulenden« Ordnung des imperialistischen Zeitalters zu errichten. Die Russische Revolution war weit mehr als eine radikale Neuverteilung von Macht und Besitz im größten Land der Erde: Sie begründete einen neuen Staat, der nicht nur Wirtschaft und Kultur seiner Politik zu unterwerfen trachtete, sondern sich auch anmaßte, die Grundlagen menschlicher Existenz insgesamt umzuwälzen. Der »Neue Mensch« würde die Grenzen zwischen Individuum und Gesellschaft aufheben, private und öffentliche Sphäre verschmelzen und, reguliert vom neuen bolschewistischen Leviathan, im Leben seiner Klasse aufgehen. Damit nicht genug: Nach dem rückständigen Russland sollte die gesamte bürgerliche Welt, von Wladiwostok bis San Francisco und von Finnland bis Australien, aus den Angeln gehoben werden. Der Rote Oktober 1917 in Petrograd sollte der archimedische Punkt sein, von dem aus die Weltrevolution ihren Ausgang nahm. Bolschewistische Realpolitik für Russland meinte zugleich, der kommunistischen Weltbewegung zum Durchbruch zu verhelfen.4

Dass die Bolschewiki an ihrer eigenen Hybris scheiterten, ist wenig verwunderlich. Erstaunlicher ist, wie lange und wie oft sie ihre Herrschaft in scheinbar ausweglosen Situationen zu konsolidieren vermochten und welche Energien ihr tollkühnes Projekt trotz schwerer Rückschläge immer wieder freisetzte.5 Die Bolschewiki waren beides, Utopisten und Realpolitiker. Zu ihren Stärken gehörte es, überspannte Ziele wiederholt den gewandelten Gegebenheiten anzupassen. Gerade der unbedingte Macht- und Überlebenswille, der schon den unwahrscheinlichen Erfolg des Coups im Oktober 1917 ermöglicht hatte, begründete weltweit den Glauben an die Legitimität ihres Projekts. Was in Petrograd und daraufhin in ganz Russland tatsächlich gelang, nämlich »die Macht der Bourgeoisie« zu brechen und durch eine »Diktatur des Proletariats« zu ersetzen, sollte Schule machen. Das kommunistische Russland war Tatsache geworden und übte von Lenin bis Gorbatschow entscheidenden Einfluss auf die Geschichte Europas und zunehmend auch anderer Kontinente aus. Weder die internationale Politik noch die Weltwirtschaft, noch das kulturelle Leben des 20. Jahrhunderts lassen sich ohne das Erdbeben der Russischen Revolution verstehen.

Nicht überall zeitigte der Rote Oktober die gleichen Folgen. Er traf auf höchst unterschiedliche Erwartungen und Gegebenheiten. Von besonderem Interesse ist es deshalb, herauszufinden, wie die Russische Revolution im Verlauf eines Jahrhunderts und in verschiedenen Weltgegenden ihr Erscheinungsbild und ihre Semantik veränderte. Je nach Perspektive treten andere Merkmale und Konsequenzen in den Vordergrund. Das Ende der alten Ordnung im Russischen Reich wurde bereits von den Zeitgenossen kontrovers interpretiert. Über Nacht verschwanden jahrhundertealte Institutionen, usurpierten marginale Radikale die Macht und stießen Millionen ehemaliger Reichsuntertanen in den Mahlstrom der Geschichte. Angesichts dieses epochalen Geschehens war die Bedeutung einzelner Ereignisse kaum einzuschätzen. Alles war im Fluss. Und dennoch schwappte die Debatte über den Charakter der Revolution weit über das Ursprungsland hinaus und erfasste im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer neue Erdteile. So wie sich die Zeitgenossen im 19. Jahrhundert immer wieder neu über die Französische Revolution verständigten, so prägen die Erinnerungen an den Umsturz in Russland und an die Realitäten kommunistischer Herrschaft das Geschichtsbewusstsein im 20. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart hinein. Nach dem Willen der Bolschewiki sollte es kein Zurück mehr in jene »Welt von gestern« geben, die einen Weltkrieg zu verantworten hatte. Lenin, der in Zürich ein kümmerliches Dasein als Berufsrevolutionär gefristet hatte, stieg – unter tatkräftiger Mithilfe deutscher diplomatischer und militärischer Dienststellen – zum Führer der Weltrevolution auf.

Petrograd, Europa und die Welt

Der Große Krieg endete für Russland in der Revolution. Viele hatten indessen schon lange zuvor eine tiefgreifende Umwälzung erwartet, andere sie herbeigesehnt, nicht wenige aber befürchtet. Der französische Russlandreisende Anatole Leroy-Beaulieu prophezeite in seinem viel gelesenen Werk »L’Empire des tsars et les Russes« (1881 – 1888), dass es im Zarenreich eine neuartige Volksrevolution geben werde. Eine Wiederkehr der jacqueries wie zu Zeiten des Aufrührers Pugatschow hielt er für durchaus möglich. Im Hinblick auf die französische Erfahrung ergänzte er, eine »solche Revolution würde wahrscheinlich unseren Terror und unsere Kommunen an barbarischer Grausamkeit weit übertreffen«.6 Damit formulierte er einen Erwartungshorizont, der partiell bereits 1905 und dann im russischen Bürgerkrieg seit 1918 historische Wirklichkeit wurde.7 Der Krieg gegen Japan, vor allem aber der Krieg gegen die Mittelmächte überforderten die Autokratie, deren Legitimität seit ihrem Triumph von 1812 kontinuierlich geschwunden war. Doch die liberale Opposition, die 1906 eine Verfassung erzwungen hatte und der im Februar 1917 inmitten eines unpopulären Krieges die Staatsmacht zufiel, konnte sich nicht behaupten und das Land konsolidieren. Eine militärische Entlastungsoffensive scheiterte im Sommer. Der nachfolgende Stimmungsumschwung in der Bevölkerung erleichterte es den Bolschewiki, im Oktober die Provisorische Regierung in Petrograd zu stürzen. Mit der gewaltsamen Auflösung der Konstituante durch Rote Garden im Januar 1918 endete das liberale Experiment in Russland. Wie 1914 angekündigt, betrieb Lenin eine Verschärfung der innenpolitischen Konflikte. In Russland sollte die Initialzündung für einen Welt-Bürgerkrieg erfolgen.

In wenigen Monaten brachen 1917 die Stützen des Ancien Régime zusammen. Die Armee löste sich auf, Adel und Orthodoxe Kirche verloren ihre Privilegien. Doch der Furor der Bolschewiki machte auch vor ehemaligen Mitstreitern gegen die Autokratie nicht Halt. Die kommunistische Diktatur bot keinen Raum für Pluralität. Ihre Radikalität wurde vielfach stilbildend für politische Regime des 20. Jahrhunderts. Carl Schmitt erkannte, dass sie mit den vertrauten Begriffen der politischen Theorie nicht zu erfassen war. Er hielt Lenin für den Schöpfer einer »souveränen Diktatur«, die nicht eine alte Ordnung der Herrschaft wiederherstellen will (»kommissarische Diktatur«), sondern bewusst mit der Tradition brach und etwas radikal Neues schuf.8 Die Konkurrenz zwischen Demokratie und Diktatur löste nach 1917 den Gegensatz zwischen Monarchie und liberalem Staat ab und bestimmte fortan die globale Ordnung. Nach dem Sieg der Sowjetmacht im Bürgerkrieg unterlag die internationale Politik einem neuen Gesetz: Die noch ungefestigte neue Macht im Osten konkurrierte nicht nur mit den etablierten Mächten, sondern setzte sich zum Ziel, an ihre Stelle eine »sozialistische Weltrepublik« zu setzen.

Bereits die Februarrevolution 1917 hatte internationale Auswirkungen. Inmitten des Weltkrieges dankte Zar Nikolaus II. ab und gefährdete das Bündnis mit den Entente-Mächten. Würde Russland zu seinen Verpflichtungen stehen oder einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich schließen? War die Provisorische Regierung in der Lage, das Imperium zusammenzuhalten? Weder Pawel Miljukow, der Führer der Liberalen, noch Alexander Kerenski, der bonapartistische Sozialist, hatten eine konkrete Vorstellung davon, wie das entstandene Machtvakuum gefüllt werden könnte. Die Völker an der Peripherie des Reiches witterten die Gelegenheit, mehr Autonomie oder sogar die Unabhängigkeit zu erlangen. Eine Neuordnung Osteuropas, des Kaukasus und Zentralasiens trat in den weltpolitischen Horizont. Wo nach 1917 Nationalstaaten entstanden, büßte Russland seine lange unumstrittene Rolle als Ordnungsmacht im Osten des Kontinents rapide ein. Das Machtvakuum im eurasischen Raum ließ das Russische Reich nun als failed state erscheinen. In seinen Weiten zwischen Warschau und Wladiwostok entstanden zahlreiche Gewalträume. Millionen von Flüchtlingen versuchten, dem Inferno des Bürgerkriegs zu entkommen. Staatenlosigkeit und Exil stellten eine ungekannte Herausforderung für die aufnehmenden Staaten und die internationale Politik dar.9 Die Russische Revolution führte die Welt in die erste moderne Flüchtlingskrise.

Nicht minder folgenreich war die Umwälzung der sozialen Verhältnisse. Wo die Bolschewiki an die Macht gelangten, verloren die politischen und wirtschaftlichen Eliten Russlands ihren gesamten Besitz. In den Städten wurden sämtliche Eigentumstitel aufgehoben – nicht nur für Fabriken und Betriebe, sondern auch für Häuser und Wohnungen. Auf dem Land erledigten die von den Fronten zurückflutenden Bauernsoldaten die »schwarze Umverteilung« gleich selbst. Gutshäuser gingen in Flammen auf. Doch der Triumph der Bauern währte nur kurz: Bereits im Kriegskommunismus mussten sie ihre Erträge an die neuen Herrschenden abliefern. Nach dem Bürgerkrieg wurden die brutalen Requisitionen von Vieh und Getreide für wenige Jahre ausgesetzt, bevor Stalin 1929 den Dörfern den Krieg erklärte und die Bauern in eine moderne Form der Leibeigenschaft trieb.10 Die gewaltsame Kollektivierung verfolgte das Ziel, das Land um jeden Preis ins industriell-technologische Zeitalter zu katapultieren. Die sowjetischen Bauern – insbesondere in der Ukraine – bezahlten diese Vision mit millionenfachem Hunger und Tod. Bäuerlicher Widerstand wurde mit Gewalt niedergeworfen. Weitere Tausende wurden aus ihrer Heimat in menschenleere Gebiete der Sowjetunion deportiert.

Ihrem Selbstverständnis nach waren die Bolschewiki Internationalisten. Russland sollte nur eine Etappe auf dem Weg zur Weltrevolution sein. Lenin wollte aus dem »schwächsten Glied« in der Kette der imperialistischen Mächte die Avantgarde einer revolutionären Weltordnung machen. Insofern hatten die russischen Radikalen nicht nur dem Zaren, sondern der Welt der Großmächte den Krieg erklärt. Von Russland aus sollte der Klassenkampf nach außen getragen werden. Als Vehikel sollte die Kommunistische Internationale dienen. Die Bolschewiki hatten sie gemeinsam mit linksradikalen Sozialisten 1919 in Moskau aus der Taufe gehoben.11 Das bolschewistische Russland repräsentierte keineswegs nur den Kern der internationalen kommunistischen Bewegung. Von Beginn an versuchte es zugleich, als souveräner Akteur auf dem diplomatischen Parkett ernst genommen zu werden. In dieser doppelten Rolle als Staat und als Weltbewegung gründete die Anziehungskraft des kommunistischen Projekts und einer Großmacht, die in der Lage war, das alte Mächtesystem zu zerstören. Die Vermessenheit, mit der dieser Doppelanspruch vertreten wurde, löste international Misstrauen und Furcht aus, zumal in Ländern, in deren Grenzen eine starke Arbeiterbewegung beheimatet war. Das von Marx beschworene »Gespenst des Kommunismus« ging nun tatsächlich um und wurde zum globalen Ereignis. In den Vereinigten Staaten breitete sich bereits 1919 ein red scare aus. Es steht für Reaktionen auf eine neuartige Form internationaler Drohpolitik, die erst später »Kalter Krieg« genannt wurde und zeigte, dass die Ereignisse in Russland auch die Innenpolitik weit entfernter Staaten beeinflusste.

Kontroversen um den Roten Oktober

Der Streit um die Russische Revolution ist so alt wie die Revolution selbst. Schon die revolutionäre Bewegung des 19. Jahrhunderts war heterogen und zerstritten. Es war symptomatisch, dass Lenin »seine« Fraktion innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – die Bolschewiki – stets in Abgrenzung zum anderen Parteiflügel, den Menschewiki, definierte. Mit der Machtübernahme 1917 wurden diese taktischen und strategischen Differenzen in die internationale Arbeiterbewegung getragen und spaltete sie in Befürworter und Gegner des Roten Oktober. Sozialdemokraten und Kommunisten standen sich für Jahrzehnte unversöhnlich gegenüber. In den Kontroversen zwischen Lenin, Trotzki und Karl Kautsky hat dieser Streit schon früh Ausdruck gefunden. Kautsky bestritt aus marxistischer Sicht die Legitimität und den sozialistischen Charakter der Revolution in Russland; er geißelte den Terror und die Alleinherrschaft der Bolschewiki.12 Aus bolschewistischer Sicht verabschiedete er sich damit aus den Reihen der revolutionären Bewegung und wurde zum »Renegaten«.

In der bürgerlichen Öffentlichkeit Europas herrschte zunächst die Verurteilung der Revolution und ihrer Schrecken vor. Die europäischen Staaten und die USA errichteten eine neue internationale Staatenordnung, die wegen des Ausschlusses jeder russischen Vertretung von den Friedenskonferenzen nach dem Ersten Weltkrieg für Osteuropa eine schwere Hypothek bedeutete.13 Weder der Waffenstillstand im Westen noch die Pariser Vorortverträge brachten einen stabilen Frieden. Gerade in Osteuropa blieb die politische Ordnung in der Zwischenkriegszeit labil. Die neuen Nationalstaaten, die aus der Konkursmasse der Imperien hervorgingen, hatten Mühe, sich zu konsolidieren. Mit Deutschland und der Sowjetunion existierten hier gleich zwei revisionistische Mächte. Doch nicht nur diplomatisch, sondern auch politisch wog das Erbe der Revolution schwer. Nicht nur auf der Linken, sondern auch bei der radikalen Rechten hatte der Umbruch in Russland große Faszination ausgelöst. Die Bolschewiki hatten gezeigt, wie man die bürgerliche Welt zum Einsturz bringt. Der antiliberale und antibürgerliche Impuls und das Versprechen eines starken Staates übten etwa in Deutschland eine starke Anziehungskraft auf Anhänger der »konservativen Revolution« aus. Auch der italienische Faschismus – vom sozialistischen Renegaten Benito Mussolini ins Leben gerufen – machte Anleihen beim bolschewistischen Modell.14 Die Bolschewiki hatten die Möglichkeiten radikaler Politik neu definiert.

Umstritten waren von Beginn an die Ursachen und die Akteure der Russischen Revolution. Das Klischee vom »jüdischen Revolutionär« war älter als der Rote Oktober. Im Jahrzehnt nach 1917 fand es epidemische Verbreitung. Der moderne Antisemitismus bediente sich nun der Russischen Revolution als neuem Bezugspunkt.15 Die Figur des »jüdischen Bolschewiken« sollte ihm Plausibilität verleihen. In der antikommunistischen Vorstellung des »Bolschewiken« verschmolzen Bilder vom äußeren und inneren Feind.16

Welche Folgen die Revolution für das europäische Bürgertum hatte, blieb umstritten. Die Krise des liberalen Europa hatte spätestens 1914 und nicht erst 1917 begonnen. Lange vor dem Weltkrieg zeichnete sich ab, dass die radikale Rechte den Kampf mit der Linken auf Straßen und Plätze verlagern wollte. Inwieweit Revolution und Bürgerkrieg in Russland die Radikalisierung des europäischen Bürgertums beschleunigten, verdient genauere Untersuchung. Denn die Interferenzen zwischen Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus sind keineswegs erschöpfend bearbeitet worden.17 Weitere Kontroversen entspannen sich um die Nachfolge Lenins. Hätte das revolutionäre Russland unter einer anderen Führung eine weniger gewaltsame Richtung einschlagen können? War Stalin, den Trotzki für einen mittelmäßigen Politiker hielt, lediglich der Vollstrecker eines russischen Thermidor oder doch die notwendige Konsequenz aus der Radikalität Lenins? Gab es eine Alternative zum Stalinismus?18 Für die Verbrechen des Bürgerkriegs war Trotzki nicht weniger verantwortlich als andere führende Bolschewiki. Vor Öffnung der Archive, als der Kommunismus Einfluss und Reputation noch nicht vollends verspielt hatte, waren dies bedeutsame politische Fragen, wenn nicht Glaubensfragen. Unterschiedlichste linksradikale Bewegungen lasen die Russische Revolution als Heilsgeschichte, die nur in einer verbindlichen Form erzählt werden durfte. Und es versteht sich, dass weite Kreise des bürgerlichen Westens zu einem unvoreingenommenen Blick auf das revolutionäre Russland nicht fähig waren. Hier konkurrierte falsche Empathie, wie bei E. H. Carr, lange Zeit mit pauschaler Verdammung, die beispielsweise noch das späte Werk Richard Pipes’ prägt.19 Häufig waren es frühere Kommunisten, die trotz Kritik auch um Verständnis für den Kommunismus und sein außerordentliches Anziehungspotenzial warben. Erst nach dem Ende des Kommunismus an der Macht wurde ein sachlicherer Blick auf den Gegenstand möglich.

Es ist aufschlussreich, den russischen Fall mit der Französischen Revolution zu vergleichen, so wie es bereits zahlreiche Zeitgenossen taten.20 Wie diese wurde er als Vorbild für überfällige politische Veränderungen verstanden. Ebenso zeigt er aber, wie leicht die errungene Freiheit in ein terroristisches Regime abgleiten konnte.21 Solange es starke kommunistische Parteien in Europa gab, wurde versucht, die historische Debatte über diese Kehrseite, eine Schlüsselfrage an das Revolutionsparadigma, zu relativieren. Besonders in den 1930er und 1940er Jahren gelang es der Sowjetunion, diese Strategie einzusetzen und bürgerliche Sympathisanten für ihre Sache zu gewinnen.22 Ins Wanken kam die erfolgreiche Außenwerbung erst, als Kommunisten im Westen begannen, an der Verbindlichkeit des sowjetischen Modells und seinen Methoden der Systemüberwindung zu zweifeln. Der Eurokommunismus hatte nicht unerheblich Anteil an der Zerstörung des Mythos der Russischen Revolution.

Zur kritischen Auseinandersetzung trug zeitweise auch die Totalitarismustheorie bei, die von Hannah Arendt sowie von Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzeziński begründet worden war. Sie unterstellte eine Affinität zwischen den modernen Diktaturen Europas. Arendt meinte, die Wahlverwandtschaft entspringe der gemeinsamen Reaktion auf die Krise der Moderne, während Friedrich und Brzeziński eher die strukturellen Ähnlichkeiten der Regime betonten. Die sozialgeschichtliche Kommunismusforschung seit den 1970er Jahren unterwarf das binäre Weltbild der Totalitarismustheorie einer grundlegenden Kritik. Die sogenannte »revisionistische« amerikanische Russlandforschung stellte zunächst die Vorannahmen des Kalten Krieges auf den Kopf: Sie suchte nicht nach Unterdrückten, sondern nach den Unterstützern des Regimes. Schließlich konstatierte aber auch sie, dass die sowjetische Geschichte nicht jenseits der kommunistischen Machtstrukturen zu schreiben war. Sowjetische Bauern waren insofern »Stalins Bauern«, als sie sich dem Zugriff der diktatorischen Apparate nicht entziehen konnten.23 Im deutschen Historikerstreit von 1986 kam noch einmal die Frage auf, ob es eine kausale Verbindung zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus gegeben habe und wo der Ursprung der europäischen Katastrophe zu verorten sei. Zwar haben sich die suggestiv-vereinfachenden Antworten Ernst Noltes längst erledigt, doch bleibt die Frage nach der entscheidenden Zäsur – Ausbruch des Weltkrieges 1914 oder Übertritt in den Bürgerkrieg 1917 – bestehen. Zuletzt hat 2014 die Rückschau auf den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gezeigt, dass die Debatte über die Massengewalt die Historiker wie die Öffentlichkeit noch immer umtreiben.24

Die dynamische Historisierung des Kommunismus begann mit dem Verfall seiner Macht Ende der 1980er Jahre und der Öffnung der sowjetischen Archive. Erst jetzt war es möglich, die Veränderung der sozialen Strukturen unter kommunistischer Herrschaft zu untersuchen. Zugleich gewährten die neu erschlossenen Dokumente Einblicke in das politische Arkanum der sowjetischen Macht unter Lenin und Stalin. Neben der Grundlagenforschung trugen geschichtsphilosophische Rückblicke, etwa das eingangs zitierte Buch von François Furet, zur Entzauberung bei.25 Ein weiteres besorgten geschichtspolitisch motivierte Abrechnungen, wie etwa das »Schwarzbuch des Kommunismus«. Die Auseinandersetzung mit diesen nicht zuletzt moralisch argumentierenden Werken zeigte, dass der Kommunismus als abgeschlossene Epoche angesehen wurde, über die nun ein Urteil zu fällen war. Die Rebellionen der vergangenen Jahre und insbesondere die Entwicklung in Osteuropa lassen allerdings zweifeln, ob diese Diagnose nicht verfrüht war. Was also bleibt vom Kommunismus?

Nach 1991 spielen die Kommunisten in Russland nur noch eine untergeordnete Rolle. Doch die Erinnerung an den Ausnahmezustand, der das Land vor 100 Jahren erfasste, hat sich mit dem Jahr 1991 nicht erledigt.26 Einen funktionsfähigen Rechtsstaat, auf den sich das Land zurückbesinnen könnte, gab es erst in Ansätzen. So wirken die sieben Jahrzehnte kommunistischer Macht umso stärker nach. Institutionen wie Geheimpolizei und Armee, auf die sich die sowjetische Herrschaft maßgeblich stützte, spielen auch im neuen Russland eine herausragende Rolle, ebenso eingeübte politische Praktiken, die auf personalen Netzwerken beruhen.27 Machtfragen und Konflikte werden auch im postsowjetischen Russland selten durch Interessenausgleich und häufiger durch administrative Eingriffe oder Gewalt entschieden. Wenn wir also zurückblicken, dann erscheint die Russische Revolution gar nicht mehr so fern wie noch in den 1990er Jahren. Ihr Erbe ist insbesondere im postsowjetischen Raum lebendig. Die Ukraine erlebte bereits zwei Revolutionen, die das Land von Willkür und Korruption befreien sollten. Hier begann man seit 2014 auch, sich symbolisch vom Erbe des Roten Oktober loszusagen. In zahlreichen Städten schleiften Aktivisten Lenin-Denkmäler, die auch 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion noch die zentralen Straßen und Plätzen beherrschten (»leninopad«). Für die ukrainischen Aktivisten bedeutete der »Euromaidan« nicht zuletzt auch eine antibolschewistische Revolution – fast 100 Jahre nach Lenin.

Vergleicht man die postsowjetische Entwicklung mit der Geschichte Frankreichs, so fällt auf, dass die französische Gesellschaft weit mehr als ein Jahrhundert benötigte, um nach der »Großen Revolution« wieder zu einer stabilen Ordnung zu finden. Zwei Kaiserreiche, eine Restauration und vier Republiken dauerte die postrevolutionäre Epoche. Erst Charles de Gaulle gelang es, mit seinem Staatsstreich von 1958, die Revolution mit dem Ancien Régime zu versöhnen. Russland steht ein solcher Prozess noch bevor: Die Russische Revolution hat ihre Kinder und Enkelkinder noch nicht entlassen. Sie warten noch auf eine historische Figur, der die schwierige Aufgabe gelingen könnte.

Elf Annäherungen an eine Weltgeschichte der Russischen Revolution

In diesem Band soll nicht die Geschichte der Russischen Revolution erzählt werden. Das ist an anderer Stelle in unterschiedlicher Weise bereits geschehen. Vielmehr soll hier der Blick dafür geöffnet werden, welche Wirkungsmacht Lenins Umsturz im vergangenen Jahrhundert und bis in unsere Gegenwart entfaltet hat.

Die Bolschewiki und nach ihnen alle Kommunisten zeichnete eine ausgeprägte Geschichtsversessenheit aus. Der unwahrscheinliche Sieg im Oktober 1917 überzeugte sie von der Richtigkeit ihrer welthistorischen Mission und ihrer Prognose, von der Peripherie aus die moderne Welt aus den Angeln heben zu können. Ihre Instrumente waren ein doktrinär-elitärer Marxismus und ein spontan-revolutionärer Aktionismus. Sie glaubten an das Gesetz historischer Notwendigkeit, das im Roten Oktober seine Gültigkeit unter Beweis gestellt hatte. Darauf beruhte die Legitimität des kommunistischen Projekts. Wer nicht an den Roten Oktober glaubte, konnte im 20. Jahrhundert kein Kommunist sein. Worin aber der »richtige« Glaube im Einzelnen bestand, war und blieb strittig. Teils wurden seine Lehrsätze durch die Parteiführung gesetzt, teils waren sie der Anpassung an gewandelte Verhältnisse geschuldet. Stets neue Häretiker und Abweichler bezeugten, wie wandelbar die »politische Orthodoxie« sein musste und wie unverzichtbar die Beschwörung der heroischen Anfänge, ihres Hauptnarrativs und ihrer Ikonografie. Die beharrliche Arbeit am Mythos des Roten Oktober war für die Reproduktion der kommunistischen Herrschaft und Weltgeltung unverzichtbar.

Entsprechend boten Jubiläen willkommenen Anlass, diese historische Sisyphusarbeit zu bündeln. Im Vertrauen auf die Magie der runden Zahl ragten die Zehn-Jahres-Jubiläen aus der Erinnerungsarbeit hervor: Immer wieder neu musste der Rückblick auf den charismatischen Anfang herhalten, um den Stolz auf das Erreichte zu wecken und sich von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges gegen alle Widerstände zu überzeugen. Die zeitlich fokussierte Arbeit am revolutionären Mythos aus unterschiedlichen Blickwinkeln des Weltgeschehens und über die Jahrzehnte hinweg zu beobachten, führt uns den Kommunismus als eine Geschichtskultur sui generis vor Augen. Das imposante Panorama gewährt Einblicke in die vielfältig zerklüftete und spannungsreiche Geschichte des Kommunismus, seine Metamorphosen als Staatswesen und als transnationaler Weltbewegung. Aus diesem Grund haben die Herausgeber diese Betrachtungsweise der nachfolgenden Essaysammlung als Ordnungsprinzip zugrunde gelegt.

In elf Beiträgen fragen die Autorinnen und Autoren, was die Erinnerung an die Oktoberrevolution im jeweiligen Jahrzehnt bedeutete. Dabei wird sichtbar, wie die kanonische Erzählung von der Revolution entstand und sich über Russland hinaus verbreitete. Diese stufenweise Historisierung verweist immer wieder auf die Petrograder Ur-Ereignisse von 1917 zurück und stellt sie in verschiedene zeitliche und geografische Kontexte. Jahrzehnt für Jahrzehnt wird nachvollziehbar, wie sich die Bilder der Revolution und ihre Deutung verschoben, der Funke allmählich zur Flamme und das Feuer zum Flächenbrand wurde, bevor es schließlich verlöschte. Dabei geht es nicht um eine umfassende Wirkungsgeschichte des Roten Oktober, sondern vielmehr um Schlaglichter, die es erlauben, die Revolution in Zeit und Raum zu vermessen und neu über die langfristigen Folgen nachzudenken.

Die Zeitreise beginnt mit den Jahren, die unmittelbar auf den Umsturz im Oktober 1917 folgten. Dietrich Beyrau analysiert die zeitgenössischen Deutungen und zeigt, wie die Revolution den gesamten Raum des Russischen Reiches erfasste, Staat und Ordnung zerfielen und der Bürgerkrieg das Land verheerte. Ihn beschäftigt die Frage, was die massenhafte Gewalterfahrung für die künftige Gesellschaft bedeutete: Vielerorts – wie etwa in der Ukraine oder im Ural – wechselte die Herrschaft mehrfach innerhalb eines Jahres. Jede Eroberung brachte neue Vertreibungen und Verwüstungen. Das Russische Reich erlebte einen beispiellosen zivilisatorischen Zusammenbruch: Gewalt und Gegengewalt zerstörten die sozialen Bindungskräfte der Gesellschaft; die Bevölkerung musste sich denjenigen unterwerfen, die ein Minimum an Schutz boten. Außerdem zeigt Beyraus Beitrag auf, wie die russische Emigration und die europäische Öffentlichkeit nach 1917 darangingen, die Revolution zu verhandeln. Die Deutungen unterschieden sich radikal: Sie reichten von Schreckensbildern einer Apokalypse bis zur Erwartung utopischer Verheißungen. Unabhängig davon mehrten sich nach dem Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg die Stimmen, die ihren Frieden mit der kommunistischen Diktatur schließen wollten. Für Angehörige der russischen Eliten spielte dabei eine Rolle, dass das Reich 1922 in Gestalt der UdSSR wiedererstanden war. Diese großrussischen Patrioten sahen in den Bolschewiki weniger die Weltrevolutionäre, als vielmehr die Bewahrer imperialer Kontinuität.

Von Anbeginn an war den Bolschewiki daran gelegen, die Geschichte »ihrer« Revolution in ein angemessenes Gewand zu kleiden. Schon während der Kämpfe des Bürgerkrieges feierten sie die Jahrestage des Petrograder Oktobers mit großem Pomp. In Massenfesten und Aufmärschen beschworen sie die vermeintliche Einheit zwischen Führung und Bevölkerung. Ihre Ästhetik des Aufstands machte Anleihen bei der russischen Avantgarde, was nicht unerheblich zur Faszination beitrug und die alltäglichen Repressionen in den Hintergrund treten ließ. Frederick C. Corney legt dar, wie die bolschewistische Führung in den 1920er Jahren um eine eigene Geschichtspolitik rang. Der zehnte Jahrestag der Revolution spielte dabei eine herausragende Rolle: Jubiläen wurden seither zu Stichtagen, an denen es galt, stets neue »Errungenschaften« zu präsentieren. Die historische Erzählung musste einfach sein, die historischen Ereignisse sollte sie zu einem mächtigen Mythos verdichten, der die kommunistische Herrschaft für die Massen legitimieren würde. In seinem Essay erörtert Corney die Kosten, die diese Arbeit am Mythos verursachte: So musste einer der Protagonisten der Revolution, der Organisator des Petrograder Aufstandes Leo Trotzki, zuerst seine Eliminierung aus der sowjetischen Politik und dann auch aus der offiziellen Erzählung erleben.

Das Jahr 1937 wird heute als Höhepunkt des »Großen Terrors« erinnert. Abertausende verschwanden in den Lagern des Gulag oder wurden erschossen. Schauprozesse und Massenverhaftungen erschütterten Moskau, Leningrad und die Provinz. Stalin holte zum entscheidenden Schlag gegen vermeintliche und tatsächliche Gegner aus. Der revolutionäre Furor kehrte in den Alltag zurück. Die Mischung aus Mobilisierung, Führerkult und Terror, die diese Jahre prägte, bezeichneten nachfolgende Generationen als »Stalinismus«. José Maria Faraldo wählt die sowjetische Wochenschau als Ausgangspunkt seines Exkurses über die Revolution in ihrem 20. Jahr. Aus spanischer Perspektive überlagerten die Versprechungen der Volksfront und der Internationalismus die Moskauer Inszenierungen und die Repressionen des NKWD. In diese Sichtweise fügte sich im Jahr 1937 der berüchtigte »Kurze Lehrgang« der Geschichte der Bolschewiki, der unmittelbar vor dem Abschluss stand und an dem Stalin persönlich mitwirkte. Der »Kurze Lehrgang« goss den Mythos in eine feste Form, der selbst die Entstalinisierung nach 1956 wenig anhaben konnte. Die sowjetische Öffentlichkeit und die kommunistische Weltbewegung erhielten mit ihm eine verbindliche Meistererzählung, die millionenfach gedruckt und studiert wurde.

Der Zweite Weltkrieg bildete für die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert eine Zäsur, die nach und nach die Revolution von 1917 in den Schatten stellte. Er war nach Revolution, Bürgerkrieg und Terror die nächste und noch größere Katastrophe, die keine sowjetische Familie unberührt ließ. Darüber hinaus versinnbildlichte er die Leistungsfähigkeit des Regimes, dem es unter immensen Opfern gelang, einen äußeren Feind, das nationalsozialistische Deutschland, niederzuwerfen. Mit dem Triumph über den Faschismus 1945 legitimierte sich die kommunistische Herrschaft neu. Sie hatte ihre zweite Feuerprobe bestanden, sich selbst und das Land gerettet und – je nach Perspektive – die Hälfte Europas befreit oder unterworfen. Der Krieg überdeckte alsbald die Erinnerung an die Repressionen der 1930er Jahre und an den Pakt mit Hitler von 1939. Denn die Sowjetunion stand 1945 im Zenit ihres internationalen Ansehens: Der Nimbus der Unbesiegbarkeit überstrahlte die hässlichen Seiten des »Großen Vaterländischen Krieges« und verdrängte zunehmend die Erinnerung an die »Große Sozialistische Oktoberrevolution«. Olga Nikonova führt in ihrem Essay aus, wie 1947 einerseits der Export der kommunistischen Ordnung nach Osteuropa und andererseits der Beginn des Kalten Krieges den 30. Jahrestag dominierten. Zugleich kämpfte die Sowjetunion in der Heimat mit einer schweren Hungersnot, die zahlreiche Opfer forderte und das Bild des strahlenden Sieges trübte.

Das Jahr 1956 erschütterte die Fundamente kommunistischer Herrschaft in Europa. Stalins Nachfolger als Generalsekretär, Nikita Chruschtschow, versuchte, seine Herrschaft auf dem 20. Parteitag durch eine selektive Verurteilung der Verbrechen seines Vorgängers abzusichern. Gleichsam über Nacht kam der Protagonist der Meistererzählung von Sieg und Revolution abhanden. Die Entstalinisierung beschränkte sich jedoch nicht auf eine damnatio memoriae: Sie ermöglichte erstmals wieder eine marxistische Debatte über die Grundlagen der Russischen Revolution und ihre ambivalenten Folgen für Russland und Osteuropa. Maciej Górny diskutiert die Konsequenzen des »polnischen Oktober« und der Machtübernahme durch Władysław Gomułka in Warschau im Jahre 1956 für den europäischen Kommunismus und das sowjetische Imperium. Die ostmitteleuropäischen »Revisionisten« verhalfen dem marxistischen Denken zu einer späten Blüte. Doch auch sie gerieten ins Visier der parteistaatlichen Apparate und nahmen dies häufig zum Anlass, endgültig mit dem kommunistischen Weltbild zu brechen. Ihre Niederlage in Warschau und Budapest beschleunigte zudem die Versteinerung der kommunistischen Regime, die nun sowohl intellektuell, als auch politisch und ökonomisch in Stagnation und Niedergang verfielen.

Im Zuge der Entkolonialisierung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich das »sozialistische Weltsystem«, das über das engere sowjetische Imperium in Europa hinaus Nationen in Asien, Lateinamerika und Afrika umfasste. 50 Jahre nach dem Sturz des Zaren erschien der sowjetische Weg in die Moderne als wichtiger Referenzpunkt im Befreiungskampf postkolonialer Eliten. Andreas Hilger widmet sich dem Bedeutungszuwachs der UdSSR in der »Dritten Welt«, deren Ansehen hier in den 1960er Jahren wohl seinen Höhepunkt erreichte. Der Kalte Krieg weitete sich zum globalen Systemkonflikt, der sämtliche Erdteile erfasste. Worin bestand zu dieser Zeit die Attraktivität des sowjetischen Modells etwa in Vietnam, Kuba oder Indien? Doch die letzte Blüte währte nur kurz: Der globale Aufschwung des Kommunismus fand mit der sowjetischen Intervention in Afghanistan 1979 ein Ende. Der Krieg am Hindukusch wurde ein sowjetisches Vietnam. Er führte der Moskauer Führung die Grenzen und Kosten der globalen Expansion vor Augen.

Der Beitrag von Juliane Fürst wendet sich der Sowjetunion des Jahres 1977 als einem Land zu, das nach sechs turbulenten Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft der Ruhe bedurfte. Generalsekretär Leonid Breschnew propagierte vor allen Dingen die »Stabilität der Kader«. Er wandte sich damit von einer Politik ab, die seit den Säuberungen Stalins auf Angst und Unsicherheit im Machtapparat baute. Nach den erratischen Reformen Chruschtschows erhofften sich die Eliten eine Atempause. Wer politisch loyal war, musste fortan nicht mehr um Leben oder Pfründe fürchten. Lokale und überregionale Männernetzwerke teilten das Land unter sich auf und begannen, ihre Privilegien zu genießen. Öffentlich wurden weiterhin die Lenin’schen Ideale beschworen, während zwischen Minsk und Wladiwostok das Herrschaftssystem entstand, das den Spätsozialismus prägte und auch in die postsowjetische Ära ausstrahlte. Die Autorin zeigt, wie sich die Kinder der Apparatschiki von einem gesellschaftlichen System abwandten, das ihnen außer bescheidenem Wohlstand und sozialer Sicherheit wenig zu bieten hatte. »Revolutionäre« Ideen entlehnten sie aus dem Westen, wo die Jugend seit den 1960er Jahren eine Pop- und Protestkultur entwickelte, die auch die sowjetische Jugend in ihren Bann zog. Der Westen drang so tief in die sowjetische Gesellschaft ein, dass im Lande Lenins ein interessanter Hybrid entstand: der sowjetische Hippie.

Ein Jahrzehnt später verkündete Michail Gorbatschow eine Reformpolitik, die sich auf die Konzepte von Glasnost und Perestroika stützte. Der Moskauer Historiker Alexander Vatlin hat den Umbruch dieser Jahre, der insbesondere auch die sowjetische Geschichtspolitik erfasste, selbst miterlebt. Aus seiner biografischen Erfahrung beschreibt er die seismografischen Erschütterungen des sowjetischen Geschichtsbildes, die 1987 stattfanden, das Nebeneinander von Dogma und Erneuerung sowie den Furor historischer Aufklärung und Abrechnung, der das Land nun erfasste. Im Zuge einer immer rascheren Lockerung der Zensur konnten über Jahrzehnte verschwiegene Ereignisse erstmals diskutiert werden. So wurde in der Perestroika, die sich ursprünglich auf Lenin berief, schließlich auch das Verhältnis zur Revolution selbst neu austariert. Der Verfasser selbst beteiligte sich an der Rehabilitierung Nikolai Bucharins, der 1938 eines der prominenten Opfer des »Großen Terrors« war. Doch der Umwertungsprozess ging weit über eine Korrektur kommunistischer Parteigeschichte hinaus: Erstmals bekamen die namenlosen Opfer des Systems eine Stimme. Zunehmend zerfiel die Stalin’sche Meistererzählung, die seit den 1930er Jahren das Imperium getragen hatte. Glasnost bedeutete auch das Ende sowjetischer Geschichtspolitik.

Nach dem Ende des herrschenden Kommunismus in der europäischen Revolution von 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 war zu klären, wie mit dem historischen Erbe des Kommunismus an der Macht umzugehen sei. Das sowjetische Experiment hatte Berge von Akten in Archiven von Partei, Staat und Geheimpolizei hinterlassen. In der Perestroika hatte der Parteistaat ein letztes Mal den gesellschaftlichen Wandel »von oben« anstoßen wollen. Wer aber würde nach seinem Abtreten die Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit vorantreiben? Es zeigte sich bald, dass der Umbruch in Ostmitteleuropa tiefgreifender war als im postsowjetischen Raum. Während in der ehemaligen DDR oder auch in Polen die zeithistorische Forschung rasch vorankam, taten sich die früheren Sowjetrepubliken oft schwerer. Hier herrschte schließlich größere politische Kontinuität. Die alten Eliten bestimmten die postkommunistische Politik. Der Einfluss der früheren Dissidenten auf die politische Entwicklung und auch auf die Geschichtspolitik in Russland blieb marginal. Irina Scherbakowa schildert aus eigener Erfahrung, wie groß die Erwartungen an die historische Aufklärung zu Beginn der 1990er Jahre waren, und sie erklärt, wie und warum dieser Prozess in Russland relativ schnell ins Stocken geriet.

Die tiefgreifenden globalen Auswirkungen der Russischen Revolution diskutiert Gerd Koenen in seinem Beitrag über China. Im Unterschied zu Russland ist die Volksrepublik China bis in die Gegenwart ein kommunistisch regiertes Land geblieben. Seit der Revolution von 1949 führten Mao und seine Nachfolger das Land auf den Weg einer erzwungenen Modernisierung, die seit den Reformen Deng Xiaopings erfolgreich autoritäre Herrschaft mit wirtschaftlicher Liberalisierung verbindet. Spätestens seit dem Bruch mit Moskau zu Beginn der 1960er Jahre ging der chinesische Kommunismus einen eigenen, aus europäischer Warte mitunter schwer verständlichen Weg. Gerade weil Chinas politische Kultur fremd erscheint, lohnt es sich, dem Autor zu folgen, wenn er erklärt, warum der chinesische Kommunismus als national-imperiales Projekt die Erschütterungen von 1989 überstanden hat.

Schließlich umreißt Jan Plamper den Stellenwert des »Roten Oktober« im heutigen Russland. Auch wenn Lenin nach wie vor im Mausoleum auf dem Roten Platz liegt, spielt die Revolution in der offiziellen Geschichtspolitik kaum noch eine Rolle. Der Kult um den »Großen Vaterländischen Krieg« überragt alle anderen historischen Themen. Insbesondere das Beharren Präsident Putins auf einer Politik der »Souveränität« und »Staatlichkeit« lässt sich nur schwer mit Lenins Erbe in Einklang bringen. Außenpolitisch lehnt der Präsident revolutionäre Regimewechsel als illegitim ab und dies sowohl im postsowjetischen Raum als auch in der arabischen Welt. Die Kriege, die Russland in der Ukraine und in Syrien führt, sind in gewisser Weise »konterrevolutionär«. Wie im 19. Jahrhundert spielt Russland international die Rolle einer konservativen Ordnungsmacht – es ist eine »weiße«, keine »rote« Macht. Dennoch hält ein Teil der russischen Eliten und der Bevölkerung an der Oktoberrevolution als identitätsstiftendem Faktor der eigenen Geschichte fest. Die Ambivalenz aus sowjetischem Erbe und der Politik Putins prägt in der Gegenwart das Bild. Man darf demnach gespannt sein, wie der Kreml das Jubiläum des Jahres 2017 offiziell begehen wird.

Dietrich Beyrau

1917

Der Rote Oktober in zeitgenössischen Deutungen. Bolschewistische Camouflage und bürgerliche Apokalypse

Vorbemerkung

Wenn man heute in Russland vom Roten Oktober spricht, dann haben junge Moskauer in erster Linie die Schokoladenfabrik »Roter Oktober« im Blick, die vor der Revolution im Besitz der moskaudeutschen Familie von Einem war. Sie ist inzwischen renoviert und Sitz eines Freiluft-Cafés an der Moskwa. In Berlin behauptet sich eine Bierbrauerei mit dem Namen »Roter Oktober«. Sie profiliert sich als »Scout für eine revolutionäre Getränkekultur«.1 Schließlich war es 1990 der Klassenfeind, der den Actionfilm »Jagd auf ›Roter Oktober‹« auf den Markt warf. Es geht um den Kapitän und die Mannschaft eines sowjetischen Atom-U-Bootes, die unbedingt zu den Amerikanern desertieren möchten. Sean Connery und andere prominente Schauspieler richten die Sache, bevor es zur Katastrophe kommt.

Im postsowjetischen Russland verzeichnet ein Straßenatlas 14 Städte mit dem Namen »Roter Oktober«, angeblich soll es mehr als 100 Ortschaften mit diesem Namen geben. Doch auch in der Wissenschaft bleibt der sowjetische Revolutionsmythos verankert. Eine gar nicht so kleine Anzahl der russischen Historiker würde am liebsten an dem in der Sowjetzeit geprägten Begriff von der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« festhalten.2 Gleichzeitig sind andere Historiker und Politikwissenschaftler dabei, die russische Geschichte geopolitisch neu zu ordnen. In diesem historischen Narrativ gelten die Bolschewiki wegen des »Schandfriedens« von Brest-Litowsk (3./16. März 1918) als Verräter und Erfüllungsgehilfen deutscher und angelsächsischer geopolitischer Strategien zur Abschnürung Russlands vom Meer. Denn Lenin hatte der Abtretung zahlreicher Territorien – der baltischen Länder, der Ukraine und transkaukasischen Länder – des Russischen Reiches zugestimmt. Er habe damit zugleich den folgenden Bürgerkrieg ausgelöst. Auch der russische Präsident Wladimir Putin hat sich 2012 in diesem Sinne geäußert.3

Destruktive Dynamik: der Zusammenbruch der Ordnung

»Ich nehme als Beispiel Korolenko: ich habe neulich seine im August 1917 geschriebene Broschüre ›Krieg, Vaterland und Menschheit‹ gelesen. Korolenko ist der Beste aus dem Umfeld der Kadetten, fast ein Menschewik. Aber welche schändliche, gemeine, abscheuliche Verteidigung des imperialistischen Krieges, verdeckt durch empfindsame Phrasen! Ein armseliger Kleinbürger, gefangen in bürgerlichen Vorurteilen! Für solche Herren sind 10 000 000 im imperialistischen Krieg Gefallene eine Sache, die Unterstützung verdient […], aber der Untergang von Hunderttausend im gerechten Bürgerkrieg gegen Gutsbesitzer und Kapitalisten ruft Ahs, Ohs, Seufzen und hysterische Anfälle hervor.«4

Lenins Geschimpfe gegen Liberale, Menschewiki und andere Kritiker und Gegner, die sich seit 1918 über den Roten Terror beschwerten, enthielt das Eingeständnis, dass der Weltkrieg die politischen Akteure und besonders die Bolschewiki und ihren Anhang unter den Roten Garden brutalisiert hatte. Das war ein Wissen, das zeitgenössisch gar nicht diskutiert zu werden brauchte. Spätestens seit der Arbeit des amerikanischen Historikers Peter Holquist von 2002 wird auch in der Historiografie die Russische Revolution wieder in diesem historischen Kontext gesehen. Er spricht von einem Kontinuum des Schreckens zwischen 1914 und 1922.5 Und auch der Historiker Alan Kramer sieht die Russische und speziell die Oktoberrevolution als Teil der »Dynamik der Zerstörung«, die er in der Weltkriegsepoche verortet.6

Nach 1914 wurde Gewalt auch jenseits der Fronten zunehmend Alltag. Die Masse der städtischen und bald auch der ländlichen Bevölkerung im Russischen Imperium erlebte das Kriegsende, die Revolution und schließlich den Bürgerkrieg als einen kontinuierlichen Prozess der Deklassierung, Verarmung und Verrohung, der Verödung der Städte, der Stadtflucht und der Einebnung der ländlichen Besitzverhältnisse. Insgesamt handelte es sich um eine Entdifferenzierung der Sozialstruktur im gesamten Reich. Die Ausbreitung von Hunger und Epidemien hatte viele Ursachen: Die Enteignungen, die mehr oder minder gewaltsame Umverteilung von Wohneigentum in den Städten und von Grund und Boden auf dem Lande, der Zusammenbruch des Transportwesens, staatliche, zunehmend gewalttätige Requisitionen bei den Bauern, kriegerische Handlungen und die überbordende Kriminalität. Die allgemeine Unsicherheit produzierte Furcht, Hass und Rachegefühle. Diese Zustände beförderten aber auch die Kunst der Improvisation und des »Organisierens«. Vor dem Hintergrund der politischen Polarisierung seit 1917 kam es gleichzeitig zu gewalttätigem Widerstand – insbesondere, aber nicht nur unter den Bauern – und politischem Opportunismus. Igor Narski beschreibt in seinem Buch »Leben in der Katastrophe«, wie sich das öffentliche Leben während des Bürgerkrieges im Ural nach jedem Herrschaftswechsel dramatisch veränderte. Unter den Roten dominierten rote Fahnen, Klassenkampfparolen, Rationierung und Mangel sowie aufwendige Revolutionsfeiern. Nach der Besetzung durch Weiße Truppen füllten sich die Kirchen, wurden Gottesdienste und russischer Patriotismus zelebriert. Die Zeitungen, die zuvor bolschewistische Parolen verbreitet hatten, schrieben nun ausführlich über bolschewistische Gräuel. Der Mangel nahm ab und die Läden füllten sich wieder mit Waren. Die Preise und die Kriminalität stiegen. Doch die gesamte Szenerie konnte sich über Nacht ändern, wenn die Roten eine Ortschaft erneut besetzten.7 Jeder Machtwechsel war von Verhaftungen, Folter und Erschießungen begleitet. Die Bolschewiki bekämpften die grassierende Kriminalität erfolgreicher – wenn man die kriminellen Übergriffe bolschewistischer bewaffneter Kräfte einmal außer Acht lässt. Insgesamt handelt es sich um eine Zeit des Schreckens und der Willkür im zerfallenen Russischen Reich.

Die Dörfer profitierten kurze Zeit – in den Jahren 1917/18 – von den Enteignungen privater Ländereien von Gutsbesitzern, kirchlichen Gütern und sogenannten Kulaken. Aber schon gegen Ende des Krieges und mehr noch im Bürgerkrieg wurden sie Opfer der Requisitionen und Plünderungen durch Bolschewiki, Weiße, Grüne, d. h. aufständische Bauern, sowie durch nationale Verbände oder einfach durch Banden, die an vielen Orten unvermutet auftauchten, raubten und wieder verschwanden. Der Soziologe Pitirim Sorokin glaubte feststellen zu können, dass die Bevölkerung insgesamt mehr unter der allgemeinen Kriminalität, Hunger und den Epidemien als unter den bewaffneten Kämpfen der politischen Parteien gelitten habe.8 Dies gilt ganz besonders für die umkämpften Peripherien des Imperiums, während das russische Zentrum seit der Oktoberrevolution kontinuierlich unter bolschewistischer Herrschaft geblieben war. Als der Bürgerkrieg vorbei war, befand sich das Land in einem Zustand der physischen und psychischen Erschöpfung.

Die katastrophale Situation und die beschriebenen Umbrüche bildeten den Hintergrund für das Verhalten der politischen Akteure, für Einstellungen und Handlungen in der Bevölkerung sowie für Wahrnehmungen und Deutungen der revolutionären Prozesse vom Februar bis zum Oktober 1917 und ihrer Konsequenzen. Hier soll zunächst ein knappes Panorama populärer Stimmungen unter den wichtigsten sozialen Gruppen – Soldaten, Fabrikarbeitern und Landbevölkerung, den städtischen Mittelschichten und verschiedenen Nationalitäten – gezeichnet werden. Danach wird auf einzelne maßgebliche Stimmen vor allem von Intellektuellen und ausländischen Beobachtern eingegangen.

Nach der Revolution: Stimmungslagen in der Bevölkerung

Stimmungslagen und Stimmungswandel in der Bevölkerung des zusammenbrechenden Russischen Reiches sind seit den 1980er Jahren ein prominenter Gegenstand der Forschung gewesen. Diese Forschungen erlauben einen Einblick in die politischen Ansichten, die in der Bevölkerung dominierten und den Ausgang der revolutionären Umbrüche beeinflussten.

Das Verhalten der Soldaten an den Fronten und Garnisonen war von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausbruch der Revolution im Februar 1917 sowie für den folgenden revolutionären Prozess. Die Gärung begann seit Anfang 1917 in den Garnisonen der Etappe. Entscheidend war der verbreitete Wunsch nach einem Ende der Feindseligkeiten. Je mehr sich die liberalen und gemäßigt sozialistischen Parteien sowie die Mehrheit des Offizierskorps für die Fortsetzung des Krieges einsetzten, desto radikaler und gewalttätiger wurden die Antikriegsstimmungen. Dies hatte zur Folge, dass Soldatenkomitees der verschiedenen Fronten den bolschewistischen Umsturz billigten oder passiv hinnahmen, auch wenn sie das politische Programm der Bolschewiki – jenseits der plakativen Forderung von Land, Frieden und Brot – kaum kannten oder gar ablehnten. Der bolschewistischen Machtbehauptung halfen weniger aktivistische Soldatenkomitees als vielmehr die Folgen der Auflösung der Armee und das damit einhergehende Chaos an den Fronten und im Hinterland. Das Offizierskorps war in erheblichem Maße gedemütigt, demoralisiert und »unpolitisch« in seinem Selbstverständnis. Das kam schon bald den Bolschewiki zugute, da diese im Bürgerkrieg auf die »militärischen Spezialisten« aus der Zarenzeit angewiesen waren. Politische Überzeugungen hingegen spielten bei der Rekrutierung für die Rote Armee kaum eine Rolle. Für die Mehrheit der Offiziere wie für die Angestellten und intellektuellen Berufe ging es seit 1918 zunächst ums physische Überleben. Angesichts von Hunger, Kälte und Repressalien von allen Seiten dürften politische Motive im engeren Sinne das Verhalten dieser sozialen Gruppen kaum bestimmt haben. Wenn in den Eliten 1917/18 antibolschewistische Einstellungen noch dominiert hatten, so traten sie in der sozialen Katastrophe in den Hintergrund. Dies mag auf der roten noch mehr als auf der weißen Seite gegolten haben.

Gewiss: Das sogenannte Proletariat, auf das sich die Bolschewiki beriefen, war bis 1917/18 streikfreudig, und sein aktivistischer Kern »anti-bourgeois«.9 Die Sozialhistoriker der 1980er Jahre haben heftig darüber gestritten, ob die Bolschewiki hauptsächlich Unterstützung unter den unquali- fizierten oder den qualifizierten Arbeitern gefunden hätten. Ein genauer Blick zeigt, dass Ausbeutung, Leiden und manchmal Erlösungshoffnungen von schreibenden Arbeitern eher in religiösen als in sozialistischen Kategorien artikuliert wurden.10 Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass im öffentlichen Raum in den Resolutionen, Aufrufen und – nach 1918 – selbst in den Protesten gegen bolschewistische Zwangsmaßnahmen eine rasche Adaption der sozialistisch-bolschewistischen Semantik Verbreitung fand. Die während des Bürgerkrieges in den Städten und Industriebezirken verbliebene Arbeiterschaft wird als mental in dieser Semantik gefangen beschrieben, da sie keine Alternativen kannte und angesichts von Hunger und Mangel kaum über politische Spielräume und eigene Ressourcen verfügte.11

Die Revolution in den Dörfern, vor allem die häufig wilde Enteignung privaten Landes (»schwarze Umverteilung«) konnten die gemäßigten Sozialrevolutionäre und bürgerlichen Parteien nicht verhindern. Hier entfaltete die Revolution ihre eigene lokale Dynamik. Die Bolschewiki ließen diesen Umbruch geschehen und übernahmen damit die sozialrevolutionäre Programmatik. Der Adelsstand und die Gutsbesitzer – über Jahrhunderte Russlands herrschende Elite – hörten in kurzer Zeit auf zu existieren. Die Bolschewiki realisierten somit, was eigentlich die Sozialrevolutionäre versprochen hatten. Die im weitesten Sinne sozialistisch orientierten Agrarexperten, die sich als Repräsentanten des Bauerntums gesehen hatten, sahen sich durch die Bauernrevolution ebenso desavouiert wie die liberalen Institutionen, die seit den großen Reformen des 19. Jahrhunderts das Landleben mitbestimmt hatten.12 In den Dörfern nahmen und verteilten die Bauern selbsttätig das Land, das sie seit jeher bewirtschaftet hatten. Dazu brauchten sie weder Revolutionäre noch staatliche Sanktionen.

Der Zusammenbruch der Industrie und des Transportwesens wie der Rückzug des Dorfes vom Markt provozierten während des Bürgerkrieges zunehmend staatliche Eingriffe. Im Geiste des Klassenkampfes gingen die Bolschewiki rabiat gegen die dörfliche »Bourgeoisie« und die »Kulaken« vor. Gewaltsame Requisitionen und militärische Pazifizierungen prägten das ländliche Leben. Wenn die Bolschewiki von »Kulaken« sprachen, dann meinten sie im Grunde die Bauern insgesamt. »Kulak« wurden zum Inbegriff all dessen, was sie an den Bauern hassten: Besitzstreben, Individualismus, Religiosität, Aberglauben, ihre Unregierbarkeit und nicht zuletzt die Unterstellung, dass das »Kulakengesindel« (kulatschjo) die Sowjetmacht gezielt aushungern wolle.13 Mit ihrer rigorosen Requisitionspolitik brachten die Bolschewiki die Landbevölkerung gegen sich auf, so dass seit 1919/20 in zahlreichen Regionen Bauernaufstände ausbrachen, die nur noch militärisch unterdrückt werden konnten.14 Hier lernten die Bolschewiki Strategien der counterinsurgency, die sie auch in den nichtrussischen Peripherien, vor allem in der Ukraine und in Mittelasien, erfolgreich einsetzten.

Die »nationalen« Revolutionen der nichtrussischen Völker des Reiches orientierten sich überwiegend an bürgerlichen oder gemäßigt sozialistischen Vorstellungen von nationaler und sozialer Befreiung. Sie richteten sich vor allem gegen fremdnationale (allochthone) Oberschichten wie in den früheren Ostseeprovinzen, gegen ethnische Konkurrenten wie im Westgebiet des Zarenreiches, in den Ländern dies- und jenseits des Kaukasus und zum Teil auch an der Wolga oder gegen russische Kolonisten wie in Mittelasien. Bolschewismus war in diesen Fällen tendenziell eine Sache der (Groß-)Russen oder russisch-jüdischer Herrschaft, so jedenfalls die weitverbreitete Wahrnehmung nicht nur in der Ukraine.15

Die Bolschewiki: von der Avantgarde im Untergrund zur Herrenklasse

Ein Paradox des Bürgerkrieges bestand darin, dass die Russische Gegenrevolution aus den zumeist nichtrussischen Peripherien operierte, während die »internationalistischen« Bolschewiki vom russischen Zentrum aus agierten. Sie wussten die Nationalitäten in den Peripherien zunächst oft genug dadurch für sich zu gewinnen, dass die »Gegenrevolution« am Konzept des Imperiums (»unteilbares Russland«) festhielt. Die Bolschewiki hingegen proklamierten das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sie realisierten dieses Versprechen in Gestalt der territorialen Abgrenzung ethnischer Gebiete durch Etablierung von »nationalen«, de facto jedoch multiethnischen Sowjetrepubliken und »nationalen« autonomen Republiken, Gebieten oder Kreisen.

Der Erfolg der Bolschewiki ist freilich nicht nur der Schwäche ihrer Gegner und dem unaufhaltsamen Zerfall des alten Reiches zu verdanken. Bereits seit dem Kornilow-Putsch im August 1917 zeigte sich, dass die Bolschewiki in den industriellen Zentren und in den Garnisonen bewaffnete Gruppen mobilisieren konnten, die mehr und mehr die politische Szene beherrschten. Weder die gemäßigten sozialistischen und schon gar nicht die bürgerlichen Parteien hatten eine vergleichbare Gewaltbereitschaft aufzubieten. Die Bolschewiki präsentierten sich trotz des massiven Wachstums der Partei als vergleichsweise zentralistische, disziplinierte und handlungsfähige Organisation, als verschworene Gruppe, der es – coute que coute – um die Erhaltung der Macht ging. Sie waren politische Dilettanten mit einem untrüglichen politischen Instinkt. Lenin wurde schon bald zur charismatischen Führungsfigur der Partei. Er setzte sich in den entscheidenden Fragen stets durch – in der Entscheidung für den Oktoberputsch selbst, in seinem Einsatz für den Friedensvertrag von Brest-Litowsk, in der Verkündung des Roten Terrors, bei den wechselnden Programmen von der Arbeiterkontrolle bis zur Einmanndiktatur in den Fabriken, im Einsatz von »bürgerlichen Spezialisten«, im Übergang zur »proletarischen Naturalwirtschaft« und schließlich in der Proklamation der »Neuen Ökonomischen Politik« (NEP) am Ende des Bürgerkrieges. So siegten in Russland nicht nur die Bolschewiki, sondern auch die autokratischen Traditionen.

Das Selbstverständnis der militanten Parteiaktivisten wandelte sich im Bürgerkrieg. Sie wurden zu Kadern des kommunistischen Parteistaates, die entweder in den zivilen Apparaten, in der Roten Armee oder in bewaffneten Sonderkontingenten Herrschaft ausübten. Die einstige »Avantgarde« des Proletariats war in den militärischen, polizeilichen und zivilen Apparaten der Macht aufgegangen. Die Führungskader verstanden sich seither als verschworene Kampfgemeinschaft, als Orden, als Menschen »von besonderem Schlage«, so Stalin in der Rede zum Tode Lenins 1924. Lenin war der charismatische Führer, dem man selbst nach seinem Tode Eide schwor.16 Dieses Selbstbild der Bolschewiki als einer heroischen Kampfgemeinschaft, geleitet von einem politischen Genie, fand in John Reeds »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« seinen adäquaten Ausdruck.17 In den »Kampftagen« von 1917 verschmolzen das Proletariat, die Partei und die Sowjets scheinbar zu einer politischen Kraft. Dies bestätigte die Gleichsetzung von Proletariat, Sowjets und Partei in der bolschewistischen Semantik. So war von der »Diktatur des Proletariats« ebenso wie von »Sowjetmacht« die Rede, obwohl weder das Proletariat noch die Sowjets an der Macht waren. Wenn von »Kulaken« die Rede war, waren die Bauern gemeint. Bourgeoisie, Kapitalismus und Imperialismus wurden zu moralisch aufgeladenen Feindmetaphern stilisiert, die von den Anhängern und Aktivisten leicht im Sinne von Verschwörungstheorien aufgefasst werden konnten. Die semantische Verschleierung der politischen Realitäten sollte sich über Jahrzehnte als außerordentlich wirksam erweisen. Sie prägte von Beginn an die politische Kultur der kommunistischen Diktatur.

Die bolschewistische Kampfgemeinschaft zeigte sich in der Parteidisziplin nach innen, deren Verletzung durchaus sanktioniert wurde, wie in ständiger Wachsamkeit gegen eine Welt innerer und äußerer Feinde. Die Bevölkerung, einschließlich des nach 1920 infolge von Deindustrialisierung und Stadtflucht kaum noch existierenden Proletariats, war grundsätzlich »kleinbürgerlicher« Tendenzen verdächtig und musste überwacht und kontrolliert werden. Sie wurde wie im alten Regime vornehmlich als Objekt von Herrschaft, Disziplinierung und Indoktrinierung wahrgenommen – »Aufklärung« (prosweschtschenie) im bolschewistischen Sinne. Dabei bestand die Partei zu erheblichen Teilen aus Aufsteigern, die den »kleinbürgerlichen« Milieus, denen sie entstammten, entfliehen wollten und ihnen nun mit Härte oder Hass gegenübertraten. Der Anspruch, die »Massen« zu erziehen und zu aktivieren, führte zu sehr spezifischen Formen teils simulierten, teils echten öffentlichen Engagements, vor allem im »Parteivolk«. Es bildete neben den Gewerkschaften einen wichtigen Resonanzboden für die Parteiführung. Die Basis der Partei und Gewerkschaften sollten als »Transformationsriemen« in die Bevölkerung hineinwirken. In den von oben gesteuerten Kampagnen hatte sich seither immer wieder die »Verbindung« der Partei zu den Massen zu bewähren.18

Die Herrschaft des Pöbels

Die intellektuellen Diskussionen über das Selbstverständnis Russlands und seiner politischen und kulturellen Eliten waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von einer gespaltenen Gesellschaft ausgegangen. Als gesonderte Einheiten nahm man das (bäuerliche) Volk (narod) und seine von den Eliten getrennte Volkskultur wahr, die Gesellschaft (obschtschestwo) der Besitzenden und Gebildeten und eine Sphäre der Beamten, des Militärs und der Herrschaft, die sich immer noch zu maßgeblichen Anteilen aus dem Adel rekrutierte. Diese sozialen Gruppen ließen sich in rechtlichen Kategorien wiederfinden, im Zensus- und Kurienwahlrecht zu den Repräsentationen in den Gouvernements, den Semstwa, zu den städtischen Dumas und zur Reichsduma und schließlich in der Rangtabelle, die immer noch maßgeblich für den Aufstieg in der Welt der Beamten und Militärs sowie in den Sonderrechten für den Gutsbesitz einerseits und für die bäuerliche Landbevölkerung andererseits. Daneben existierten im Russischen Reich ethnokonfessionelle oder soziale Kategorien wie die jüdische Bevölkerung oder die Nomaden.19 Besonders in den industriellen Ballungszentren hatten manche der ständisch-ethnischen Separierungen an Bedeutung verloren oder die Trennlinien hatten sich verschoben. Sie verschwanden aber nicht. Mit der Mobilisierung für den Krieg strömten die Angehörigen der plebejisch-bäuerlichen Unterschichten in die (Garnisons-)Städte und Industriezentren. Durch ihre besonders seit dem Februar 1917 sichtbare Präsenz auch in den besseren Vierteln der Stadt, in den Parks und in den öffentlichen Verkehrsmitteln veränderte sich während der Revolution das Gesicht der Städte.

Für die Angehörigen der Oberschicht und Zensusgesellschaft verband sich die Gegenwart von Soldaten und Plebejern in den Städten und der Bauern mit dem beispiellosen zivilisatorischen Zusammenbruch des Reiches. Einfache Soldaten und andere Angehörige der Unterschichten drangen in das geschützte Leben der bis 1917 privilegierten Schichten ein. Seit Beginn des Bürgerkrieges kam die Verwahrlosung der Innenstädte hinzu. Ausländer wie Einheimische haben oft die Verödung der Hauptstädte beschrieben,

»auf deren Straßen Gras wächst; deren Häuser von Kugelspuren gestreift, deren Paläste verödet sind, deren Fabriken still stehen, deren Warenhäuser von Horden armer Menschen als Obdach benutzt werden. Es ist wirklich, als kehre die Natur mit ihren Gräsern und Büschen, ja auch mit ihren Vogelschwärmen und ihren Raubtieren in das Reich des Menschen zurück […].«20

In Zarskoje Selo, der ehemaligen Residenz der Zaren außerhalb Petersburgs, bot sich in den Palästen und mehr noch in den Straßen ein Bild des Verfalls: »Wegen Brennholz halb zerstörte hölzerne Häuser, zerbrochene Bürgersteige, dreckige Straßen, schwache und erschöpfte Menschen, Rotarmisten in zerrissenen Uniformen und hungernde Kinder.«21 Besonders schlimm war die Situation in den Wintern 1919/20 und 1920/21. Die trostloseste Lage herrschte wohl in Petrograd. Das Einzige, was es im Überfluss gab, waren Leichen. »In diesen Tagen war es leicht zu sterben, aber schwierig begraben zu werden.« Der Appell des Rektors der Universität an die Professoren lautete:

»Wenn Sie sterben, finden Sie für sich zwar Erleichterung, aber Sie machen uns Schwierigkeiten. Sie wissen, wie schwer es ist, für Sie Särge zu besorgen, Sie wissen, dass es keine Pferde für den Transport zum Friedhof gibt und wie teuer es ist, Gräber für Ihre ewige Ruhe zu finden.«22

In Petrograd gingen Gerüchte um, dass die Leichen von Erschossenen im Zoo an Tiere verfüttert würden, und in Moskau hieß es, dass Menschen- als Kalbfleisch verkauft würde.23 Während die Geschäfte leer waren, blühten die Schwarzmärkte und die Tscheka machte Jagd auf »Spekulanten«. Durch die Rationierung wurde das Schlangestehen zu einer zeitraubenden und ermüdenden Tätigkeit. »Die wirklich wissenschaftliche Definition des Kommunismus, basierend auf Erfahrung«, so der Soziologe Pitirim Sorokin, »sind Schlangen, endloses Schlangestehen.«24 Hinzu kam die Neuverteilung des Wohnraums. In die oft großzügigen Wohnungen der bürgerlichen Intellektuellen zogen unbequeme und plebejische Nachbarn ein. Wegen des Brennstoffmangels musste man sich im Winter ohnehin auf engstem Raum einrichten. In den Wohnblocks etablierten sich Komitees der Hausarmut, die ähnlich wie schon früher die Hausmeister Spitzeldienste für die Tscheka zu leisten hatten.25

Plebejisierung und Verwahrlosung des öffentlichen Raumes beeindruckten die Angehörigen von Besitz und Bildung tief. Selbst linke Aktivisten aus der Intelligenz waren schockiert über die aus der Provinz, den Vorstädten und von der Front kommenden Sowjetdelegierten, die »vor Klassenhass keuchend« nun ihre Städte bevölkerten.26 Für einen Historiker in Moskau waren die Delegierten des 2. Sowjetkongresses einfach »Gesindel«. Der Sturm auf das Winterpalais war von Sauforgien begleitet, Szenen, die sich in den Oktobertagen und im Bürgerkrieg häufiger wiederholen sollten. Die Gelage schockierten die bürgerlichen Beobachter und wurden zum Symbol der »Pöbelherrschaft«.27 Das Straßenbild veränderte sich in der Revolution. Man beklagte sich, dass nun ungewaschene Soldaten und Sonnenblumenkerne spuckende Bauern die Straßen, Parks und Verkehrsmittel bevölkerten.28 Die Angst und Abneigung der »Bourgeois« vor dem Pöbel wurde bestätigt durch Prügel, Raub und andere Übergriffe.29 So soll auch Lenin wegen seines bürgerlichen Aussehens in Moskau angegriffen worden sein; dies wurde mit Schadenfreude kolportiert.30 Jeder, der kulturell über dem Niveau der »unwissenden Massen und der völlig desorientierten Halb-Intelligenzija« stehe, werde zum »Volksfeind«.31 Der Hass auf den Pöbel konnte rassistische Züge annehmen. Der Schriftsteller Iwan Bunin machte in seinen Tagebucheintragungen von 1918 keinen Hehl aus seinem Abscheu vor den »Visagen« der revolutionären Haufen:

»Wieder irgendeine Kundgebung, Fahnen, Plakate, Musik – und alle wild durcheinander, aus Hunderten von Kehlen: ›Steh auf, erhebe dich, werktätiges Volk!‹ Die Stimmen dumpf, unkultiviert. Die Gesichter der Frauen tschuwaschisch, mordwinisch, die der Männer kriminell, als hätte man sie sämtlich mit Absicht so ausgesucht, manche geradezu Sachalingesichter. Die Römer versahen die Gesichter ihrer Gefangenen mit dem Brandmal: ›Cave furem‹. Diese Gesichter muss man nicht kennzeichnen, sie sind auch ohne Brandmal zu erkennen.«32

Die Revolution als Apokalypse

Den Schock, den die Oktoberrevolution auf einen Teil der zumeist hauptstädtischen Intellektuellen auslöste, verarbeiteten manche in religiösen Bildern und Metaphern. Das ausdrucksstärkste Beispiel für diese Schockstarre ist eine Schrift, die 1919 kursierte und erst wieder 1967 im YMCA-Verlag in Paris neu aufgelegt wurde: »De Profundis« (Is glubiny).33 Hier hatten sich Intellektuelle zusammengetan, die schon 1909 im viel beachteten Sammelband »Wechi« (Wegzeichen) mit der revolutionären Tradition der russischen Intelligenzija abgerechnet hatten. Ihre Vorwürfe richteten sich gegen den Rechtsnihilismus der Intelligenz, gegen ihre Verachtung und Missachtung von Recht und Rechtsstaatlichkeit, gegen die revolutionäre Tradition überhaupt und ihr ausschließlich utilitaristisches Verständnis von Philosophie, Wissenschaft und Kultur. Nicht zuletzt wandten sie sich gegen die Verklärung des einfachen Volkes vor allem durch die Volkstümler (narodniki) und Sozialrevolutionäre.34

Unter russischen Intellektuellen jenseits dieses Kreises herrschte Konsens, dass der Weltkrieg Katalysator der Revolution gewesen sei: Er galt als Ausdruck der »tiefsten geistigen Krise der ganzen europäischen Kultur«35 oder als »Selbstmord Europas«.36 Der Dichter Alexander Blok schrieb: »Europa hat den Verstand verloren«.37 Die Bolschewiki seien Kinder des Weltkrieges und hätten das »Pöbelrussland« an die Macht gespült.38 Hatte der Gewaltausbruch von 1904/05 in Stadt und Land die Autoren der »Wechi« zutiefst verstört, so griffen sie in »De Profundis« in der Kennzeichnung des »Volkes« auf apokalyptische Bilder zurück. Wie der Patriarch der Orthodoxen Kirche sahen sie in der bolschewistischen Herrschaft ein »satanisches Beginnen«:39 Das Volk galt ihnen als böses Tier, das seine heilige Bestimmung als Gottes Volk verfehlt habe. Nicht nur der Schriftsteller Dmitri Mereschkowski schrieb von der »Vertierung« des Volkes, von seinem »Veitstanz«.40 Selbst Maxim Gorki beklagte den Ausbruch »tierischer Instinkte« in der Revolution.41 Auch weniger exaltierte Beobachter sprachen von Amoral und Barbarentum einer Bevölkerung, die kulturell im 17. Jahrhundert stehen geblieben sei.42 Wieder andere Autoren von »De Profundis« sahen das Volk als verführt durch den Nihilismus der revolutionären Intelligenz. Hierbei berief man sich wiederholt auf Dostojewski, dessen Romane – etwa die »Dämonen« oder die »Brüder Karamasow« – als Prophezeiung des Bösen im Nihilismus gelesen wurden. Die Menschen seien »vergiftet« durch den Nihilismus der Intelligenz:

»Die Welt hat noch nie ein solches Bild gesehen: das ursprüngliche Volk, wild und schrecklich in seinem Zorn, vergiftet durch den Nihilismus der Intelligenzija: die Vereinigung der dunkelsten Kräfte der Barbarei und der Zivilisation. Nihilistische Wilde! Das hat unsere Intelligenz mit dem Volk angerichtet! Sie hat seine Seele verwüstet, den Glauben bespuckt, das Allerheiligste beschmutzt!«43