Und keiner hat’s gemerkt - Christina Conradin - ebook

Und keiner hat’s gemerkt ebook

Christina Conradin

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Opis

Klara leidet unter Bulimie. Alle ihre Gedanken kreisen ums Essen und darum, wie sie das Essen schnell wieder loswird. Bis Max auftaucht, der schöne Junge, der sich ausgerechnet für sie interessiert. Doch was wird sein, wenn er von Klaras Geheimnis erfährt? Eine zarte Liebesgeschichte für Jugendliche und junge Erwachsene - einfühlsam und offen erzählt.

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Christina Conradin

UND KEINER HAT’S GEMERKT

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Lektorat: Barbara Lösel

www.wortvergnügen.de

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Für Stefan

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Zoom

Einen Tag zuvor

Die Party

Der Anruf

Die Familienfeier

Der Stein

Der Ranken

Der Ständer

Die Beichte

Mein Geburtstag

Die Tür

Im Urlaub

Stoa

Zoom

Ich bin ein Mauerblümchen. Naja, oder vielleicht doch nicht? Auf alle Fälle falle ich nicht gerne auf. Nur dezent in Erscheinung treten, mit Stil. Das versuche ich zumindest. Mitstreiterinnen, damit meine ich einfach nur andere Frauen, besonders gleichaltrige, aber auch andere, denen man begegnet, fahren so schnell ihre gefühlt tötenden Blicke aus. Mir ist total unverständlich, wie viele Frauen genau diesen Blick bewusst provozieren und dann aushalten können. Eigentlich bewundere ich das! Sie stehen zu ihrem Körper, ihren Reizen und genießen die permanente Show. Für mich kommt das gar nicht in Frage. So vermeide ich neidische Blicke. Mit etwas mehr Schminke und körperbetonter Kleidung wäre das allemal drin.

Derartige Gedanken kommen mir, als ich in Unterwäsche vor dem Spiegel stehe und mich für einen Volksfestbesuch fertig machen möchte. Heute haben die großen Ferien begonnen. Meine beste Freundin, Annie, die im Reihenhaus nebenan wohnt, hat meine Mama überredet, mich heute zum Fest mitnehmen zu dürfen. Annie ist eine Seele von Mensch. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals gestritten haben. Irgendwie ergibt sich das Richtige mit ihr immer von selbst. Seit ich denken kann, klettern wir über den bereits sehr mitgenommenen Zaun zwischen den kleinen Gartengrundstücken. Schon klingelt es. „Klara, Besuch für dich!“, ruft Papa. Annie betritt leichten Fußes mein Zimmer. Ihre leuchtend blonden Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. Die blauen Augen schimmern vor dem hellen Teint ihres Gesichts.

Sie trägt ein Sommerkleid mit gelben Streifen und Spitzen, die ihre Oberschenkel zart bedecken.

Und ich? Für was soll ich mich nun entscheiden? Natürlich greife ich zur Hose. Ein lockeres, geblümtes Oberteil reicht als Deko. Immerhin steht mir die Farbe, hieß es irgendwann einmal.

Na, dann kann es losgehen! Annie und ich gehen Hand in Hand, Finger in Finger, versteht sich, zur Festwiese.

Entlang der Zelte und Fahrgeschäfte, drängeln wir uns durch die Menschenmenge. Vor dem Looping ist es etwas besser. „Schau mal, da gibt es Schokobananen! So eine kaufe ich mir jetzt“, meint Annie freudestrahlend. „Magst du auch eine?“

„Nein, danke!“, erwidere ich, wohl wissend, dass Annie ein Ja überrascht hätte. Allein aus Höflichkeit und Wertschätzung würde sie aber nie aufhören mich zu fragen.

Total versunken in den Genuss der Banane im Schokomantel, schlendert Annie weiter in Richtung Riesenrad. Ich folge ihr prompt, damit wir uns nicht verlieren. Bald schon greift sie wieder nach meiner Hand.

Vor der Geisterbahn treffen wir Klassenkameradinnen von Annie. Sie sind sichtlich aufgeregt, total aufgebrezelt und wirken, als hätten sie vier Gläser Placebosekt getrunken, Alkohol darin aber vermutet.

Annie scheint an den Mädels nicht so viel zu liegen, sodass wir uns bald wieder ganz freundlich verabschieden. „Die eine mit der roten Bluse, das war Manu! Jetzt hast du sie endlich auch mal gesehen“, klärt Annie mich auf. Alle anderen scheinen nicht erwähnenswert zu sein. Deshalb schlendern wir ziellos weiter.

Plötzlich macht es: Zooom! Alles dreht sich. Mein Magen kehrt sich nach innen. Die Zeit steht still. Auf wackligen Beinen blicke ich tief in die Augen eines Jungen. So schöne Augen habe ich noch nie gesehen. Ich fühle mich wie nackt vor ihm stehend. Sein anmutig lässiger Gang. Langsam schlendert er auf mich zu. Er ist cool und schön und lächelt mit den Augen. Es kommt mir vor wie in Zeitlupe. Ganz dicht geht er an mir vorbei. Galt dieses Lächeln im Vorbeigehen etwa mir? Das kann nicht sein! Nur nicht umdrehen, denke ich mir. Ich mache es doch, weil ich ihn vielleicht nie wiedersehe und jetzt schon süchtig bin nach seiner Nähe.

„Das war Max!“, erzählt Annie nebenbei, als sei es keine wichtige Information. „Er ist mit Manus Bruder befreundet.“ Ich löse die Hand und hänge mich bei Annie ein. Da erst merkt sie, dass ich total durcheinander bin. „Gefällt er dir?“ Ich kann gar nicht antworten. „Verstehe ich. An unserer Schule liegen ihm die Mädchen zu Füßen! Soweit ich weiß, ist er ein netter Kerl, halt mit Erfahrung!“, klärt Annie mich auf.

Zu Hause in meinem Bett dreht sich immer noch alles. Niemals wird so einer mit einer wie mir auch nur sprechen und wenn, dann nur aus Höflichkeit.

Ich hole ein Plakat aus meiner Schublade, auf dem ein junger Mann sein Mädchen eng umschlungen auf dem Schoß hat. Obwohl es nur ein gestelltes Plakat ist, wirkt es so, als würde er sie lieben. Wie soll ich jemals wieder klar denken können, ohne mich nach einer derartig innigen und nach Liebe strotzenden Umarmung mit dem drahtigen Körper und den schönsten Augen der Welt zu sehnen? Beim Abendessen fragt mich Mama nur, ob alles in Ordnung sei. Mein kleiner Bruder Felix ist aber so am Erzählen, dass ich mich zum Glück nicht einbringen muss.

„Komm, iss noch was! Oder magst du nichts mehr? Darum bist du so schlank. Du isst halt so wenig!“, bemerkt Mama wieder einmal. Irritiert nehme ich die Aussage zur Kenntnis. Eigentlich ist sich Mama sehr wohl ihrer Attraktivität bewusst. Die zwei bis drei Kilo, die ihr zu viel scheinen, beruhen wohl auf einem uralten Komplex.

Da und doch abwesend helfe ich den Tisch abzuräumen und verziehe mich dann schnell in mein Zimmer. „Gute Nacht!“, rufe ich in die Runde. Papa, Mama und Felix schließen sich meinem Gruß an.

Der eine Blick heute hat mich komplett auf den Kopf gestellt. Irgendwann schlafe ich, mein Kissen eng umschlungen, trotzdem ein.

Einen Tag zuvor

Nur, weil am letzten Tag vor den Ferien Schulschluss generell früher ist, gibt es heute kein Hitzefrei. Die Schweißdrüsen der Lehrer wie auch der Schüler haben sichtlich viel zu tun. Jeder sitzt stinkend und ausdünstend und wartet nur auf den letzten Gong. Sogleich schieben sich alle durch die engen Türen, während schweißbedeckte Arme und Oberteile sich aneinander reiben. Jeder will nur noch raus!

Im Bus ist es nicht anders. Armer Papa, denke ich mir nur. Er hat genau an diesem Tag die Buslinie mit dem viel zu kleinen und deshalb immer total überfüllten Schulbus zum Bahnhof.

Endlich zu Hause angekommen, interessieren sich alle Anwesenden zuerst einmal für das Jahreszeugnis.

„Ich finde es okay. Kunst und Deutsch sind super, die restlichen Fächer passen.“ „Na, dann gehen wir doch gleich mal zur Feier des Tages ins Molise!“, freut sich Mama.

Bald darauf erreichen wir unseren Stammitaliener. Spendabel bestellt Mama zunächst Antipasti. Ein Ölberg türmt sich schon bald vor uns auf. „Probier halt, Klara!“, fordern mich Oma und Mama immer wieder auf. Nach dem fünften Mal nehme ich mir ein Stück triefende Zucchini. Bevor ich sie verzehrt habe, weiß ich: Jetzt ist es schon wieder zu spät! Heute kann ich es nicht mehr schaffen. Das Rad in meinem Kopf dreht sich unaufhörlich, bis ich alles wieder losgeworden bin. Nun kommt also der Hauptgang. Ich bestellte mir zuvor eine Tomatensuppe ohne Sahne. Nun ist es aber schon egal, sodass ich das Baguette dazu esse und am besten noch einen weiteren Gang nehme, damit sich das Ganze auch irgendwie lohnt. Überglücklich bestellt Mama deshalb ein Eis für uns alle. In meinem Kopf dreht sich nun alles nur noch um Nahrungsaufnahme und Nahrungsbeschaffung. Je mehr, desto besser. Aber immer möglichst unauffällig. Trinken darf ich dabei nicht vergessen, es muss ja alles schön locker gehalten werden.

Als wir wieder zu Hause sind, mache ich mich sofort über die Reste vom gestrigen Essen her, im Stehen, ganz nebenbei. Ein Glas Milch und Säfte unterstützen mein nun unausweichliches Vorhaben. Zielorientiert verschwinde ich nach kurzer Zeit in meinem Zimmer, um dort noch die letzten Vorräte zu plündern. Kekse und Bonbons, die ich vor mir selber versteckt habe, finden sich immer noch irgendwo.

Meine Bauchdecke beginnt sich erheblich zu spannen. Jetzt muss es schnell gehen, denn zu verstecken ist es nun schwer. Nachdem ich die reine Luft überprüft habe, verschließe ich die Klotüre und ziehe den Vorhang zu. Mist, ich habe vergessen, die Musik aufzudrehen! Stattdessen lasse ich den Wasserhahn laufen. Finger waschen, reinstecken, hin- und her bewegen. Mein Körper bebt. Immer wieder schiebt sich etwas in die falsche Richtung. Es stinkt. Zuerst kommen die Brote, dann die öligen Gemüsestücke, danach Klumpen von Schokolade und glitschige Gummibärchen. Irgendwann tut`s nur noch weh. Meine Hand und das Klo sind über und über voll mit meinem Mageninhalt. Dabei kommen immer und immer wieder die Gedanken auf von Kindern, die verhungern, und von allen, die ich damit ein Stück weit belüge, alle, die mich gern haben. Es dauert keine zwei Minuten, schon bin ich vieles wieder los. Mein Herzschlag beruhigt sich. Alles lief störungsfrei ab, keine Klingel, kein Rufen, kein Klopfen an der Türe. Möglichst schnell beseitige ich sämtliche Spuren. Das habe ich mittlerweile perfektioniert: Hände, Mund und Gesicht mit Zahnpasta spülen, gegen den Geruch. Den Kloring und -rand abwaschen und schnell das Fenster auf, wobei mein Deo seinen Teil dazu beiträgt.

Dann kommt der Blick in den Spiegel. Traurige, rot unterlaufene und enttäuschte Augen blicken mich an, als wären es nicht meine. „Heute habe ich es wieder nicht geschafft! Kurze Zeit später besucht mich Felix in meinem Zimmer. Er legt sich zu mir ins Bett. Stillschweigend lauschen wir der Musik. Ich genieße es im Moment, nicht alleine und doch keinen ertappenden Fragen ausgesetzt zu sein.

Morgen schaffe ich es! Ganz bestimmt! Morgen bin ich stark!

Die Party