Tatort Gemeindebau - Reinhardt Badegruber - ebook

Tatort Gemeindebau ebook

Reinhardt Badegruber

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Opis

13 österreichische Autorinnen und Autoren machen sich in der Wiener Gemeindebau auf Mörderjagd.

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 273




Edith Kneifl (Hg.)

Tatort Gemeindebau

13 Kriminalgeschichten aus Wien

Falter Verlag

© 2016 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9

T: +43/1/536 60-0, E: [email protected], W: www.falter.at

Alle Rechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub: 978-3-85439-583-6

ISBN Kindle: 978-3-85439-584-3

ISBN Printausgabe: 978-3-85439-573-7

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort ~ Edith Kneifl

Andreas P. Pittler ~ Hausmasters Voice

Lisa Lercher ~ Die Tatort-Fini hat einen Verdacht

Erwin Riess ~ Brief an einen Floridsdorfer im Exil

Reinhardt Badegruber ~ Nackt und rasiert

Eva Holzmair ~ Das Wassermännlein

Manfred Rebhandl ~ « L’Ennui, c’est moi! »

Günther Zäuner ~ Ruf an! Sofort!

Sylvia Treudl ~ Die Stunde des Drachen

Reinhard Kleindl ~ Justin Sedlacek, Meisterdetektiv

Franz Zeller ~ Zerfall

Beatrix Kramlovsky ~ Im Tischtennisraum

Thomas Schrems ~ Hütet euch vor dem Karierten

Edith Kneifl ~ Gloria

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Fußnoten

Vorwort

»Du bist die Blume aus dem Gemeindebau«. Der bekannte österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros setzte mit diesem wunderschönen Liebeslied dem Wiener Gemeindebau ein musikalisches Denkmal.

Aufgewachsen im Gemeindebau? Ja, einige der zwölf österreichischen Kriminalschriftstellerinnen und Kriminalschriftsteller, die ich einlud, Geschichten für diese Anthologie zu schreiben, sind in einer Gemeindewohnung aufgewachsen, manche leben noch heute dort. Vielleicht ist ihnen auch deshalb die Schilderung dieses ganz spezifischen Milieus so gut gelungen.

Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und der international vorbildliche kommunale soziale Wohnbau in Wien sind untrennbar miteinander verbunden. Begonnen hatte alles in den 1920er-Jahren. Der in Wien regierenden Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gelang es, die verheerenden Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter maßgeblich zu verbessern, indem sie 65.000 billige und hygienisch einwandfreie Gemeindewohnungen errichten ließ. Größter Wert wurde schon damals auf eine gute Infrastruktur gelegt. Lebensmittelgeschäfte, Büchereien, Kindergärten, gemeinsame Waschküchen und Grünflächen mit Kinderspielplätzen wirkten der Isolierung entgegen, stärkten den Gemeinschaftssinn.

Während des Februaraufstandes 1934 gegen die Ständestaatdiktatur wurden einige der festungsartig anmutenden Gemeindebauten vom Republikanischen Schutzbund dazu genützt, sich gegen die Angriffe der Polizei und des Bundesheeres zu verteidigen. Nach der Machtergreifung der Austrofaschisten und in der darauf folgenden NS-Diktatur erlosch die Bautätigkeit des Roten Wien. Kurz nach Kriegsende nahm die Stadt den kommunalen Wohnbau wieder auf und führt ihn bis heute fort.

Architektonisch passten sich die Gemeindebauten immer den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen an. Die klassischen Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit wurden übrigens wegen ihrer oft pompösen Eingänge scherzhaft »Arbeiterbarock« genannt. Die typischen Hochhäuser und Hochhaussiedlungen in Fertigteilbauweise der späten Fünfziger- und Sechzigerjahre wurden als »Emmentaler-Architektur« verspottet und in den reicheren Siebziger- und Achtzigerjahren von Wohnhausanlagen mit schönen Terrassen abgelöst. »Ohne dich wär dieser Bau so grau«, sang Wolfgang Ambros damals und meinte damit seine Blume aus dem Gemeindebau.

Freuen Sie sich auf spannende und witzige Geschichten. Und wer weiß, vielleicht melden Sie sich nach der Lektüre sogar für eine Gemeindewohnung an?

Herzlichst,

die Herausgeberin Edith Kneifl

Wien, im September 2016

Andreas P. Pittler

Hausmasters Voice

Eine schwarze Geschichte

I.

Wer san Sie und was wollen Sie? Ah, vom Fernsehen! Gut, und was wollen S’ da von mir? Weil eins sag ich Ihnen gleich: wenn S’ wegen derer Gschicht da kommen, da sind S’ bei mir an der falschen Adress, weil dazu sag ich einmal aus Prinzip überhaupt nix, nur damit das klar ist. … Ah, eine Dokumentation machen S’. Na gut, wenn’s weiter nix ist, dann kommen S’ halt erst einmal rein.

Von welchem Sender sind Sie noch einmal? ATV? Nein? … Was? … Nie g’hört! Gibt’s den auf Kabel? Na wurscht, ich schau eigentlich eh nie fern. Zahlt sich nicht aus. Ich kenn das von der Pokorny ober mir. Hundert Programme und überall dasselbe. … Ja, ja, das ist mir klar, dass Sie das sagen müssen, von Berufs wegen quasi. Aber mir macht da keiner was vor. Früher, ja, da war Fernsehen noch was! Peter Frankenfeld zum Beispiel, kennen S’ den noch? »Musik ist Trumpf«! … Ah ned, na, da haben S’ echt was verpasst. Das waren noch Sendungen. Oder »Am laufenden Band« mit dem Dings, dem … was? Rudi Carrell! Genau! Der Edamer! Der war echt witzig! Also auch seine Sketche, wissen S’. Trauert man so einem Kasroller gar ned zu, dass der was von Humor versteht. Aber der Rudi, der hat’s draufg’habt, der alte Holzschlapfen. … Na ja, was ich damit sagen will, ist, früher war Fernsehen halt noch Fernsehen, ned wahr! Wir haben zwar nur zwei Sender g’habt, aber genau deswegen war jede einzelne Sendung ein Highlight, verstehen S’! »Dalli Dalli« oder auch das mit dem Eierschädel, wie hat der schnell g’heißen, dieses heitere Beruferaten, das war lustig. Genau! »Was bin ich« hat das g’heißen. … Na und erst die Serien, die waren super damals! Kottan! Mundl! … Robert Lemke – so hat der g’heißen, der was das »Was bin ich« gmacht hat! Und »Ringstraßenpalais«. Mei, das war fesch. Die Leut damals, alle so … fesch, halt! Ned? Aber heute? Lauter Schmarren, wenn S’ mich fragen! »Vorstadtweiber«! Pfff! Was interessiert mich, wer da wann mit wem herumpudert! Wenn ich spechteln will, dann geh ich runter in die Waschküche und schau dem Bösel zu, wie er die Halina schnackselt. Der Depp glaubt, das weiß keiner! Dabei weiß es ein jeder im Bau, sogar die Sevgi, die was die Kopftuchtürkin im zweiten Stock ist. Wahrscheinlich weiß es sogar in Bösel seine Alte, aber die ist wahrscheinlich froh, dass er sie auslasst mit seiner Geilheit, der ausgschamte Haderlump der. … Wo war ich? Ach ja, das Fernsehen von heute! Schrecklich, ganz einfach schrecklich! Heute müssen S’ schon ein Mordstrumm Glück haben, wenn S’ einmal eine gscheite Sendung sehen wollen. Vor der Wahl zum Beispiel, da war so eine Dokumentation über den Jonas Franzl im ORF, die war gut, die hab sogar ich mir angschaut. Da hat der Androsch gredet und der Krimischreiberling, der Pittler! Kennen S’ den? Ned? Na, wurscht, ich kennert ihn ja auch ned, wenn er ned da im Reumannhof auf unserer Stiegen fünfzehn Jahr gwohnt hätt. Ganz nett eigentlich, aber immer eine furchtbare Frisur. Ich glaub fast … Was? Ah! Sie täteten gern anfangen! Na warum sagen S’ das ned gleich. Ich sitz da und wart wie bestellt und ned abg’holt, und Sie plauschen mich da nieder in einer Tour!

Also, was wollen S’ wissen? Sagen S’ jetzt ned, Sie machen schon wieder so eine depperte Dokumentation über die Freaks im Gemeindebau, weil für so etwas bin ich nicht zu haben, dass das gleich einmal klar ist! Bitte, es stimmt schon, dass der Gemeindebau auch nimmer ist, was er einmal war, aber solchene Trottel, wie ihr Fernseh-Fuzzis immer aus uns macht, simma auch wieder nicht. Und als Hausmeister, bitte schön, hat man eine Verantwortung. Immer noch! Auch wenn’s nicht mehr so ist, wie’s früher einmal war.

Früher war man als Hausmeister ja eine Respektsperson, bitte schön. Da hat der ganze Bau auf einen g’hört. Mein lieber Schwan, wenn ich beim Fenster außegschaut hab und nur kurz gschrien hab, eine Ruh is, dann war’s da still wie am Friedhof um Mitternacht. Und genau so g’hört es sich auch! Und wir haben nur astreine Mieter g’habt! Alles Mechaniker, Maurer, Tischler, Elektriker, Installateure! Ned solche windigen Gestalten wie heute, wo du keine Ahnung hast, was die eigentlich machen. So Programmierer, PR-Heinis oder Softwehrentwickler. Ich mein, was soll das überhaupt sein, eine Softwehr, ned wahr! Na ja, früher, da hat man halt noch ehrliches Geld mit ehrlicher Arbeit verdient, drum waren wir früher auch ned so im Oasch daheim wie heute. Mit die ganzen Banken und so, wissen S’ eh, Krise, sag ich nur. Früher war eine Bank eine Sparkassa. Da hat man einen Zehner einzahlt oder auch einen Zwanziger, und die haben das auf ein Sparbuch tan, und wenn man’s braucht hat, dann haben sie es einem wiedergegeben. Da wär keiner auf die Idee gekommen, das als Spielgeld für irgendwelche halbseidenen Gschichten zu nehmen. Aber gut, damals haben die Banken ja auch noch uns g’hört und ned wir den Banken. Das ist ja erst alles mit dem depperten Neoliberalis … was? Ah so, die Kamera rennt schon. Na, warum sagen S’ denn das nicht gleich! Warten S’, bin ich überhaupt gscheit frisiert? Ned, dass mir da irgendwo eine Meschen weghängt oder so. … Gut? Gut! Also, als Hausmeister hat man damals ja noch den Zins kassiert, ned wahr. Da sind die Mieter am Ultimo kommen und haben das Geld bar bei mir auf den Tisch legen müssen. Und da hat’s so ein kleines Zinsbüchl geben, und in das hab ich dann den Empfang quittiert. Stellen S’ Ihnen vor, ich hätt mich da einmal verzählt oder so etwas, der Hausinspektor hätt mir den Kopf abgrissen. Da hätt ich dann schön ausgschaut, mit die ganzen Kabeln, die da dann aus dem Hals außestehn, ned wahr! … Ah, das finden S’ ned lustig? Na gut, ich find auch viel ned lustig. Immer weniger eigentlich. Wenn ich allein schon bei unserer Hauswand heute raufschau, da seh ich diese ganzen depperten Sat-Schüsseln überall hängen. Echt abstoßend, sag ich Ihnen. Das hat ja alles kein Gsicht mehr, aber bitte, allerweil, das wär unsere einzige Sorg. Na wurscht. Jedenfalls hab ich immer in der Nacht vorm Ersten zigtausende Schilling bei mir im Brotladl liegen g’habt. Das war eine unvorstellbar hohe Summe damals. Andere wären da in Versuchung kommen. Aber bei mir hat’s nix geben! Als Hausmeister ist man quasi eine Amtsperson. Und eine Amtsperson, die ist unbestechlich. Also damals halt. Heut, na, das wissen S’ ja eh selber. … Aber egal. Was auch immens wichtig war, das waren die Waschmarken! … Ja, ja! Damals hast ned so einfach in die Waschküche runtergehen können und dein Zeug in die Trommel stopfen! Da hat Ordnung geherrscht, mein lieber Herr! Ich hab einen ganz genauen Plan g’habt, wer wann dran war. Und der hat sich dann pflichtschuldigst bei mir den Schlüssel zur Waschküche abholen dürfen und Waschmarken kaufen dürfen. Je nachdem, für was er es halt gebraucht hat. Unterwäsch oder so, das geht ja schnell, gell, da brauchst höchstens eine. Also Waschmarke, mein ich jetzt. Aber wennst deine Bettwäsch gwaschen hast oder, was weiß ich, Frühjahrsputz halt, da hast mitunter auch zwei oder sogar drei braucht. Na ja, jedenfalls hab ich darüber natürlich auch ganz genau Buch führen müssen.

Und dann natürlich die eigentliche Hausmeisterei! Zweimal die Woche Stiegen kehren, einmal die Woche Stiegen waschen, einmal im Monat Fenster putzen. Lift kehren, das Grünzeug im Hof gießen. Schauen, dass die Kinderschaukel in Ordnung ist, und im Winter natürlich Schnee schaufeln, wenn’s gwesen ist. Glauben S’ mir, als Hausmeister wird dir nie fad. Und vor allem, wie gsagt, als Hausmeister bist ja auch eine Respektsperson, das heißt, du musst zwischen die Leut vermitteln, wenn’s irgendwo Probleme gibt, ned wahr. Früher, ja früher war das ganz leicht. Wir waren ja alle vom selben Schlag, da hat’s eigentlich gar keine Probleme geben. Hie und da sind einmal zwei unten im Wirtshaus aneinandergraten, aber da hat’s mich auch nicht braucht, weil zerst hat sie der Wirt außeg’haut und dann sind s’ eh von ihre eigenen Frauen birnt worden, weil s’ so blöd waren. So haben wir uns unsere Sachen eigentlich immer selber gregelt. So eine Gemeindebaubetreuung oder wie das neumodische Zeug da heute heißt, das die vom Rathaus uns da dauernd aufs Aug drücken wollen, das hätt’s damals nie gebraucht. Wir waren, wenn S’ so wollen, eine einzige große Familie, und da regelt man seine Probleme auch unter der Tuchent, also, Sie wissen schon, wie ich das meine. Man braucht keinen Richter, wenn S’ verstehen!

Was? Ob das jetzt anders ist? Ja schon! Aber ned, wie Sie das jetzt vielleicht hören wollen. Ich kenn euch ja, euch Fernseh-Pülcher. Ihr dreht die Sachen immer gern so, wie ihr sie haben wollt. Aber das sag ich Ihnen gleich: dass es nimmer so ist, wie’s einmal war, das hat nix damit zu tun, dass da jetzt Türken und Jugos und Perser und, was weiß ich, Murlis wohnen. Das ist da ein Gemeindebau. Da hat’s immer schon alle Farben gspielt, bildlich gesprochen! Als ich da im Neunundsiebzigerjahr den Posten antreten hab, da hat’s oben im ersten Stock die Marek geben. Die hat immer noch böhmakelt wie der Maxi Böhm. Die Neziba von der Siemerstiegn, a so eine Kanaille. Gelt. Und der Swetoslawski, das war ein waschechter Pole. Der ist ein Jahr später kommen, direkt aus Krakau oder wo. Der ist damals abpascht wegen dem Kriegsrecht und so, was die g’habt haben in Polen droben. Der Swetoslawski, jöh, der war lustig. So einen Schnurrbart hat der g’habt. So einen, aber wirklich! Und ganz verwoahdagelt hat er Deutsch gredet. Ich komm siebene, wegen Wasch. Na und erst der Spasojević. Der hätt der Hausmeister sein sollen, sag ich Ihnen. War zwar aus einem Ort, den keiner aussprechen hat können, Wrschatz oder so, aber der war ein echtes Genie. Der hat alles reparieren können, vom Klo bis zum Automotor. Und wenn bei uns auf der Stiege einmal eine Glühbirn ausgfallen ist, dann hat die der Spasojević schon auf eigene Regie austauscht g’habt, bevor ich’s überhaupt gmerkt hab. Und von der Marek, die schon seit 1924 da gwohnt hat, hab ich gwusst, dass früher da auch noch Ukrainer und Rumänen, Slowaken und Juden und was weiß ich noch alles da gegeben hat. Also wir im Gemeindebau, wir waren immer schon eine kleine UNO, gell!

Anders? Was soll da bitte heute anders sein? Nur weil die Neuen halt aus anderen Ländern kommen, geh bitte! Der Bösel, der Trottel, der is ein Stoasteirer. Des is aa ein anderes Land. Und verstehen tut man den mit seinem ewigen »Woul, woul« genauso wenig wie den Kümmeltürken im zweiten Stock. Ja, der ist schon ein wengerl streng, stimmt schon. Aber er weiß, was sich g’hört. Und immer ordentlich. Bitte, ja, die Sevgi, die was seine Frau ist, die hat er ein bisserl sehr an der kurzen Leine. Aber wenn er’s wieder einmal übertreibt, dann geh ich hin zu ihm und sag Mustapha, so geht das nicht. Du bist nimmer in Ankara, also reiß dich gfälligst zusammen. Das ärgert ihn dann immer maßlos, weil er ja erstens aus Istanbul ist und zweitens Hassan heißt. Aber ein bissi ein Häkel muss sein, sonst könnten wir ja gleich alle in die Grube fahren. Na, aber sonst ist der Hassan eine harbe Haut. Trinkt Alkohol, pfeift auf die Moschee und ist total fußballnarrisch. Gut, mit dem Schnitzel hat er’s nicht so, aber wenn er sagt, das hat bei ihm nix mit der Religion zu tun, es schmeckt ihm nur einfach nicht, bitte, dann glaub ich ihm das. Na und die Kinder, die sind total brav, bitte. Da könnten sich die österreichischen Fratzen ein Beispiel nehmen. Die Gschrappen von der Naderer zum Beispiel. Die glauben, sie können da im Hof mit ihrem gschissenen … pardon, mit ihrem Scheiß-Skateboard umadum tun. Aber ned mit mir! So schnell können die gar nicht schauen, was das konfisziert ist. Und wenn die Naderer dann ihr Pappn aufmacht, na mehr braucht die ned. Da sieht s’ einmal, was es heißt, Hausmeister zu sein. Aber immer noch, gell!

Wer der Murli ist? Das war der Aschantine …, also der Afrikaner im dritten Stock. Angeblich ein Diplomat, aber ich glaub das nicht, weil simma uns ehrlich, ein Diplomat, der wohnt in einer Villa, auch wenn er schwarz wie die Nacht ist, und ned bei uns im Gemeindebau. Aber bitte, jedenfalls braucht der sie nicht zu interessieren, weil der ist ja …

… ned sagen S’ jetzt, Sie sind doch wegen derer Gschicht da! Sagen S’ einmal, wollen S’ mi pflanzen? Ich hab Ihnen ganz am Anfang schon gsagt, dass von mir dazu nix hören werden. Also so was! Rollen mich da in einer Tour! Schleichen S’ Ihnen, aber gaach aa no! Wiederschaun! Pfff, Dokumentation! Ein ganz ein mieser Spechtler san Sie, ein Elendstourist! Das hat sich der arme Herr Nkonkwo ned verdient, dass Sie da aus seinem Tod Kapital schlagen, Sie Rohling, Sie!

Was? Na sicher könnt ich Ihnen viel erzählen. Alles sogar! Weil einem Hausmeister, dem entgeht aus Prinzip nix, aber auch schon gar nix. Aber machen werd ich’s nicht. Weil Sie das nämlich einen Scheißdreck angeht. Und jetzt auße da, bevor ich rabiat werd. Na, sind S’ noch ned weg? Hörst, mach einen Abgang jetzt, oder ich renn dir einen Regenschirm in Oasch und spann … na endlich. Zeit is’s worden!

II.

Du, servus Antschi, ja, ich bin’s. Du wirst ned glauben, wer grad bei mir war! Nein! Sicher nimmer. Das brauch i auf meine alten Tag ned mehr! Na, ganz wer anderer! Wer vom Fernsehen, stell dir vor! Ja, wegen dem Nkonkwo natürlich. Die haben mich aushorchen wollen. Na, da waren s’ bei mir grad richtig. Außegschmissen hab ich s’, hochkant. Na so weit kommt’s noch! … Was heißt, wer ist der Nkonkwo? Bist hirngschlagelt oder was?! Seit drei Tag redet Wien von nix anderem, und ausgerechnet du, die größte Tratschen vom Bezirk, will von nix wissen? Geh, hör mir auf!

Na sicher, der Neger, den was abkragelt haben die Tag. Ja sicher, der hat bei mir auf der Stiegn gwohnt. Na wenn ich dir’s sag! … Was? Weiß ich nimmer, so drei, vier Jahr wird’s gwesen sein. Is ja wurscht. Jedenfalls war der Murl eigentlich eh ganz in Ordnung. Ein bisserl komisch halt, wie alle Neger, ned. Immer so reserviert, so … so unheimlich … höflich. Weißt eh, das bist ja ned gwohnt als Wiener, da denkst dir gleich, da hat’s was, sonst tät dich der ned so schaßfreundlich grüßen. Und in die Kirchen is er auch grennt jeden Sonntag. Sag ich ja, unheimlich! Na ja, so gsehen war er vielleicht schon selber ein bissl schuld auch, dass eam die Schleifen geben haben. Weil wennst in Wien über die Runden kommen willst, gell, da musst dich halt anpassen. Da darfst ned umadumrennen wie der Kasperl und auf leiwand machen. Da machst dich nur verdächtig. Aber wem sag ich das, das weißt ja eh genauso gut wie ich.

Ha? Na sicher weiß ich das! Na wer glaubst, hat ihn gfunden! Na sicher ich! Wer sonst! Die Stiegen hab ich grad aufgwaschen, und da ist mir aufgfallen, dem seine Tür ist nur anglehnt. Na ja, hab ich mir denkt, eh klar, daheim in seinem Kral und so, da kennt der natürlich keine Türen ned, gell, weil die haben da ja nur so Bastfadeln runterhängen, ned wahr. Aber dann hab ich mir denkt, der wohnt jetzt schon so lang bei uns, da wird er ja glernt haben, dass man eine Tür zumacht. Also sag ich mir, schaust einmal nach. Einfach nur zur Sicherheit, ned wahr.

Ich also eine bei der Tür, ich sag noch, Herr Nkonkwo, hallo, ist Ihnen was? Ihr Tür, die steht offen wie ein Hosenstall! Nix! Alles still wie in der Gruft. Na, ich geh weiter. Durch die Küche durch ins Zimmer rüber. Na, und da ist er glegen. Mitten am Teppich. Aufgschlitzt! Von oben bis unten. Servas, das hat ausgschaut! Allein schon das Blut! Rotes Meer, sage man nur! Ich mein, mir war gleich klar: den Teppich, den kannst wegschmeißen!

Zerst hab ich mir ja denkt, ich muss sofort die Rettung anrufen, aber wie ich dann genauer hingschaut hab, da is mir klar worden, der ist hin, da kannst eh nix mehr machen. Also hab ich mir gsagt, ich kann mir ruhig ein wenig mit dem Anruf Zeit lassen. Schaust dich lieber einmal ein bisserl um. Ich mein, wann hast schon Gelegenheit festzustellen, wie so ein Neger wohnt bei uns, ned wahr? Das ist ja, also quasi, so, wie heißt das, Ethnologie, ned? Und wer weiß, hab ich mir gsagt, vielleicht findst was, ein Souvenir oder so, ein Andenken halt an ihn. Weil er braucht’s ja nimmer, ned wahr?! Also hab ich mich ein bisserl umtan bei ihm. Aber noch bevor ich irgendwas gfunden hätt, was vielleicht interessant sein hätt können, ist mir ganz plötzlich eingschossen! Selbstmord war das keiner! Ja, ich weiß, das klingt jetzt ein wenig seltsam, aber an so was denkst ja normal ned, das … wird dir ja erst … mit der Zeit bewusst. Weißt eh, der Schock und so, der blockiert dich ja erst einmal. Jedenfalls wird mir klar, den hat wer gmacht. Und schon ertapp ich mich bei der Frage: Wer war des?

Also eines ist für mich gleich festgstanden. Von unserer Stiege war das keiner! Für die leg ich alle die Hand ins Feier. Für den Hassan auch? Ja sicher für den Hassan auch! Wenn der Leut abkrageln wollt, dann wär er in Syrien und tät dort Allahu akbar schreien und mit dem Krummsäbel herumfuchteln anstatt dass er bei uns in Wien Kebab verdraht! Ich verbürg mich sogar für den Bösel, den Trottel. Der ist zwar aus Lieboch und hasst als eingfleischter Blauer alles, was Schwarz ist, aber soweit tät er nie gehen. Im Gegenteil, der hat ja sogar eine ganz besondere Vorliebe fürs Exotische, was ich weiß. Wie? Ah nix, das g’hört da jetzt eh ned her. Egal! Ich hab jedenfalls gleich gwusst, vom Bau kann das keiner gwesen sein. Wer also dann? Na, ich hab mir denkt, ich hab Zeit, also spiel ich einmal ein bisserl Detektiv, weil die Kieberer, die san eh mit allem überfordert, was übers Aufschreiben von Falschparkern hinausgeht.

Ich schau mir die Leiche also genauer an. Ein klarer, sauberer Schnitt, seh ich. Ziemlich groß, geradlinig und dick. Also ein Messer, sag ich mir, war das nicht. Eher schon ein Säbel oder so etwas. Nur, wer hat schon einen Säbel, ned wahr? Also denk ich nach. Ich mein, als Hausmeister kommst ja früher oder später in jede Wohnung, auch auf den Nachbarstiegen. Und der Einzige, der mir eingfallen ist, der solche Dinger irgendwie sammelt, war der Feiler von der Neunerstiege. Aber ich hab mir noch denkt, was sollt denn der Feiler gegen den Nkonkwo haben, ned wahr? Außerdem ist der Feiler so ein klasser Bursch, gibt immer ordentlich Schmattes und regt sich nie über irgendwas auf. Also warum sollt der dann ausgerechnet bei unserem Nkonkwo den Gizi kriegt haben?

Na, wie ich mir das so denk – na, wart einmal, lass mich doch erst einmal ausreden –, geh ich, ohne dass ich’s merk, wieder aus der Wohnung raus. Ja, ich weiß auch nicht, irgendwas muss mich aufgschreckt haben. Irgendwas hab ich g’hört. Und tatsächlich, da war ein Geräusch. Von unten ist’s kommen, so Richtung Waschküche. Ich hab mir noch denkt, das wird ja nicht schon wieder der Bösel sein, der wird doch ned schon in aller Früh die Svetlana pempern, weißt eh, die vom Stadtgartenamt, die da alle Ewigkeit einmal nach unseren Blumenbeeteln schaut. Aber nein, orgiastisch hat das ned geklungen, eher nach Weinen.

Na, mir war schon ein wengerl anders, aber weißt eh, die Neugier, die ist ein Hund. Also bin ich runter. Ja, eh ganz vorsichtig, i bin ja ned blöd oder so. Na, und wie ich da so um die Ecken lins, seh ich den Buben vom Feiler im hintersten Winkel hocken und heulen wie den sprichwörtlichen Schlosshund. Na servas, hab ich mir denkt, und eh gleich alles gwusst.

Na sicher war er’s! Na, wenn ich dir’s sag! Da hat’s ned einmal das Geständnis braucht, des hast dem angesehen, zehn Kilometer gegen den Wind. … Warum er den Neger …? Na, wegen die Drogen! Ahaha, sein Dealer? Na, aber überhaupt ned! Ganz anders war des! Der Feilerbua hat ja sofort, wie er mich gsehn hat, gsungen wie ein Lercherl. Ich glaub, der hat einfach wen zum Reden braucht, und da bin ich ihm grad recht kommen. Also hat er mir alles derzählt. Dass ihn der Nkonkwo derwischt hat beim Haschischrauchen. Und der Nkonkwo, weißt, der war wirklich eine Art Diplomat, der war nämlich bei dieser Antidrogenbehörde da in der UNO-City, und so ist der quasi schon von Berufs wegen total in Saft gangen und hat gsagt, er zeigt den Feilerbuben an. Na, und da hat der Feilerbub natürlich eine Mordstrumm Angst kriegt. Die ganze Nacht hat er ned schlafen können, und gleich in der Früh ist er noch einmal hin zum Nkonkwo und wollt ihn überreden, dass er auf die Anzeige verzichtet. Er würd auch nie wieder gifteln, wollt er ihm noch sagen. Und sogar einen von diese Riesenfeiteln von seinem Vater, wie sagt man, Dolch, genau, hat er mitbracht. Den wollt er dem Nkonkwo schenken. So quasi als Entschuldigung. Aber offenbar ist der dadurch erst recht narrisch worden und hat gmeint, jetzt warat des ned nur Drogenmissbrauch, sondern Bestechung aa noch. Na und stechen war das Stichwort. Also hat ihn der Feilerbub abgstochen in seiner Panik. Und drum ist er, wie ich ihn gfunden hab, heulend in der Ecken gsessen.

Warum ich das ned der Kieberei erzählt hab? Na warum sollt ich? Bin i die Heh? Die Wappler solln ruhig selber draufkommen! Kriegen ja zahlt dafür, ned wahr! Na, na, ich misch mich da nicht ein. Ich bin Hausmeister und ned die Dorftratschen. Apropos, siehst, ich muss eh wieder weiter. Stiegen waschen, ja. Das erledigt sich nämlich ned von allein. Alsdern, bis die Tag dann, gell. Servus.

III.

Servus, Ferry! Na, wie geht’s dir? Kannst ned klagen, gell! Ja, wie auch. Seitst hinig bist, san unsere Unterhaltungen ein bissi einseitig, ich weiß. Aber wenigstens redtst mir jetzt nimmer dauernd zruck. Obwohl, manchmal geht mir dei ewige Keiferei direkt ab. Aber bild dir jetzt bloß nix drauf ein, gell, ich komm sehr gut ohne dich zrecht, brauchst gar ned erst glauben! Schau, neue Stiefmütterchen hab ich dir mitbracht, die setz ich dann gleich ein, aber jetzt, jetzt muss ich mich erst einmal ein wengerl ausrasten.

Hast du das da oben mitkriegt mit dem Nkonkwo? Ja, weißt eh, der Bimbo aus dem dritten Stock, den haben s’ meia gmacht. Ja, der kleine Feiler war’s. Aus einer Art Notwehr heraus. Du, der hat mir so leid tan. Das reinste Häuferl Elend war der. Ja, die Angst ist ein Hund, da macht man halt oft einmal eine Blödheit, ich mein, erinner dich, wie wir zwei damals den Rinnsaldampfer von der depperten Vejvoda …, na, wurscht. Jedenfalls hab i mir denkt, das hat er si ned verdient, der Feilerbua, dass er jetzt sitzen geht für a halbertes Leben, weil simma uns ehrlich, deswegen stangert der Nkonkwo aa nimmer auf, ned wahr. Also hab i mein Aufreibfetzn gnommen, hab des depperte Messer drin eingwickelt – weißt eh, der war no pitschnass, des gibt sicher a Batzn Korrosion oder wie das heißt. Dann hab ich den Feilerbuben gschnappt, bin mit eam zum Lift gangen, hab die Schutzklappen unten, weißt eh, die, mit der das Loch zwischen Lift und Boden überbrückt wird, zruckdruckt und das Messer in den Schlitz fallen lassen. Das liegt jetzt ganz unten im Schacht, und da liegt’s gut. Da finden s’ es frühestens bei der nächsten Liftüberprüfung, und die ist erst in zwei Jahr. Und bis dahin interessiert sich für die Gschicht keine Sau mehr.

Jetzt fragst dich sicher, wieso die Kieberei dann den Bösel als Mörder vom Nkonkwo arretiert hat, gell? Ja, recht hast. Des war aa i. Vorgestern rennt mir die Sevgi in d’ Arm, total durchn Wind, und i frag s’ natürlich gleich, was s’ denn hat um Himmels willen. Erzählt s’ mir nach einer ganz schönen Weil, dass s’ in der Waschküch unten war, Wäsch waschen, ned. Auf einmal kommt der Bösel eine und stellt si gleich hinter sie. Du, dera war das richtig peinlich, dass s’ mir das alles erzählen muss, aber sie hat si halt ned anders zum Helfen gwusst, und als Hausmeister bist ja eine Respektsperson, ned! Also sagt s’ mir, dass ihr der oide Hurenbock sei Körpermitten gegen ihren Hintern druckt hat, sodass deutlich gspürt hat, dass er einen Steifen hat. Nein, natürlich hat sie das ned so gsagt, dafür ist s’ viel zu gschamig. Aber nach einer Weil hab ich schon kapiert, was sie meint, ned. Na, und dann hat er ihr offenbar aa no auf die Dutteln griffen, der Saubartl der. Und sie is in voller Panik aus der Waschkuchl grennt und hat ned gwusst, was jetzt machen soll. Und grad da bin i daherkommen.

Und weißt, irgendwie hab ich mir dann denkt, jetzt reicht’s mir mit dem Puderanten. Ich mein echt jetzt, die Blauen wählen und alles nageln, was ned von da ist, des is zvü. Hab ich der Sevgi gsagt, sie soll sich beruhigen. Sogar einen Tee hab ich ihr gmacht. Und dann, wie ma so zsammgsessen san, hab ich gsagt zu ihr, sie soll dem Hassan beiläufig erzählen, dass den Bösel am Morgen von dem Mord aus der Wohnung vom Nkonkwo kommen gsehn hat. Der Hassan mog den Ausländerhasser eh überhaupt ned, und daher, so hab i mir denkt, wird der sofort zur Kieberei rennen und das melden. Und die Heh is eh total froh, wenn s’ endlich an Täter hat, also wird die ned lang fackeln, hab i mir denkt. Na, und so war’s auch. Gestern in der Früh sind s’ angrückt, zehn Funkstreifen, volles Programm. Und der Bösel hat die Achter kriegt. Für den spielt’s jetzt den Herrgott aus Staa.

Na, wurscht. Da sitz i und red, und die Stiefmuatterl pflanzen sie ned selber ein. Also, gemma’s an.

Lisa Lercher

Die Tatort-Fini hat einen Verdacht

Oder: Ana hod imma des Bummerl

Wieder eine weniger – war mein erster Gedanke, als ich den Menschenauflauf bei der Siebenerstiege sah. Hoffentlich nicht die Erni – schoss es mir als Zweites durch den Kopf. Gleichzeitig befiel mich eine innere Unruhe, die ich schon von anderen Anlässen her kannte. »Wos is gschegn?«, fragte ich den hatscherten Ferdl, der am Rand der Gruppe stand, weil ich meinen unguten Vorahnungen einfach nicht trauen wollte.

»Erlauben!«, kam die eindringliche Aufforderung von hinten. Ich wollte protestieren, weil ich nicht einsah, warum sich einer, der später als ich gekommen war, vordrängen wollte. Doch als ich den Mund öffnete, wurde ich von einer resoluten Mittfünfzigerin am Ärmel zur Seite gezogen. Ein Uniformierter der Wiener Bestattung schob sich mit ernster Miene an mir vorbei. Die beiden Kollegen, die ihm folgten, trugen einen Blechsarg, der in der Vormittagssonne aufblitzte.

Das Tuscheln der Umstehenden wich betretenem Schweigen und ich war gewiss nicht die Einzige, die beim Anblick des grauen Behältnisses in trübe Endzeitstimmung verfiel.

Geistesgegenwärtig schloss ich mich den Männern an, bevor sich der Durchlass, den sie sich schufen, wieder schließen konnte, und gelangte unbehelligt in den ersten Stock, wo die Tür zur Wohnung Nummer vier sperrangelweit offen stand. Davor und die Stufen hinauf bis zum Halbstock drängte sich ein kleines Grüppchen Neugieriger, deren Blicke den Uniformierten folgten, bis die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fiel.

Ich stellte mich zu den teilnahmsvoll dreinschauenden und teilweise schniefenden Frauen, die nun wieder zu tuscheln begannen. Die alte Pospischil wischte sich mit einem Stofftaschentuch über die Nase und schaute mich aus geröteten Augen an. »Sie hod ned leidn miassn«, flüsterte sie. Als ob das ein Trost wäre!

»Wos is passiert?«

»Ihr Nichte hod s’ gfunden. Des oame Madl woa gaunz deschparat. Augleit hod s’ bei mia, i hob eh glei den Dokta augruafn, oba der hod a nimma höfn kenna«, berichtete die Pospischil.

»Im Schlafzimmer is glegn. Es muss schnell gangen sein«, mischte sich die junge Neumeister von der Dreierstiege ein, die, wie mir schon öfter aufgefallen war, immer gleich auftauchte, wenn irgendwo irgendwas geschehen war.

»Die Erni?«, versicherte ich mich, obwohl die Umstände eigentlich keine Zweifel ließen.

»Ja, die Frau Novacek«, bestätigte die junge Frau mit einem mitfühlenden Nicken.

Mir kam plötzlich vor, als würden die Steinsplitter im Terrazzoboden zu tanzen beginnen, gleichzeitig setzte das Stiegenhaus zu sanftem Schaukeln an, wie ich es von den Bootsfahrten auf der Alten Donau kannte. Gerade noch rechtzeitig bekam ich das Geländer zu fassen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, war der besorgte Gesichtsausdruck der Pospischil, die sich über mich beugte und meine Wange tätschelte. »Geht schon wieder«, murmelte ich peinlich berührt.

»Gleich zwei am selben Tag wärn a bissl viel«, hörte ich die Neumeister sagen. Dann waren die Frauen wieder abgelenkt, weil sich die Vierertür öffnete und die Männer Erni mit den Füßen voraus im Sarg aus ihrer Wohnung trugen. Ganz so, wie sie es sich immer gewünscht hat, dachte ich. Denn Erni hatte nicht nur einmal gesagt, dass sie lieber zu Hause sterben wollte, als in einem Heim dahinzuvegetieren.

Am Nachmittag trafen wir uns trotzdem – weil es so windig war, im Kaffeehaus an der Ecke unseres Gemeindebaus. Die Gummi-Hilde – so nannten wir sie, weil sie früher bei einem Reifenschuster gearbeitet hatte –, die Erika, deren rosastichige Dauerwelle an Zuckerwatte erinnerte, und die Suchanek-Elfie, die wir als Kinder um ihre vielen Spielsachen beneidet hatten, waren schon da, als ich mit meiner besten Freundin Christl hinkam. Jemand hatte ein Sträußchen Vergissmeinnicht auf Ernis Stammplatz gestellt. Die Spiele, die die Gummi-Hilde mitgebracht hatte, blieben in ihren Schachteln. Die Stimmung war gedrückt.