Russische Märchen - Sigrid Früh - ebook

Russische Märchen ebook

Sigrid Früh

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Opis

Die großen Märchen Russlands erzählen poetisch und voller Lebenskraft von Gefahren und Abenteuern, von Abschied und Aufbruch, von Glück und Heimkehr, vom ewigen Kampf für das Gute, von den Rätseln und Wundern des Lebens und von Zauberwelten, die dennoch reale Erfahrungen spiegeln und uns oft sehr viel näher sind, als wir denken.Diese Neuauflage erscheint in neuer Ausstattung mit Lesebändchen.

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Über dieses Buch

Die großen Märchen Rußlands in einem Band: Voller Poesie und Lebenskraft erzählen sie von Gefahren und Abenteuern, von Abschied und Aufbruch, von Glück und Heimkehr – vom ewigen Kampf für das Gute, von den Rätseln und den Wundern des Lebens in all ihrer Wucht und ihrer Zartheit – von Zauberwelten, die dennoch reale Erfahrungen spiegeln und uns oft sehr viel näher sind, als wir denken.

Über die Herausgeber

Sigrid Früh, Jahrgang 1935, studierte Germanistik und Volkskunde und ist eine der bekanntesten Märchenerzählerinnen und Märchenforscherinnen Deutschlands. In zahlreichen Seminaren und Vorträgen bringt sie Märchen einem breiten Publikum nahe. Sie lebt und arbeitet in Fellbach in der Nähe von Stuttgart. Weitere Informationen: www.sigrid-frueh.de.

Paul Walch, Jahrgang 1935, wuchs als Sohn einer russischen Mutter in München auf. Er absolvierte ein Studium der slawischen Sprachen und Kulturen und arbeitete als Buchhändler, Dozent und Übersetzer.

Russische Märchenzum Erzählen und Vorlesen

Herausgegeben vonSigrid Früh und Paul Walch

Ungekürzte Sonderausgabe des Titels »Das Goldene Zarenreich« von Sigrid Früh und Paul Walch, 2003

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe

2016 Krummwisch bei Kiel

© 2016 by Königsfurt-Urania Verlag GmbH

D-24796 Krummwisch

www.koenigsfurt-urania.com

Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Seedorf, unter Verwendung des folgenden Motivs von Fotolia »winter boots. old fashioned style«

© Andrii Muzyka

Satz: Satzbüro Noch & Noch, Menden

ISBN 978-3-86826-332-9

Inhalt

Der blaue Rosenstock

Die Schwestern Mond und Stern

Die pupurrote Blume

Der wahrsagende Traum

Das kupferne, das silberne und das goldene Zarenreich

Die Schafe im Meer

Das Schneeflöckchen

Iwan Zarewitsch und Maria Morewna

Zarewna Frosch

Die Zarjungfrau

Das fliegende Schiff

Auf des Hechtes Geheiß

Der Zaubermeister

Baba Jaga Knochenbein

Iwan, der Bauernsohn, und der Drache Tschudo Judo

Iwan Zarewitsch und der Wildwolf

Der Falke Helfinist

Der Feuervogel und die Zarewna Wassilissa

Der Kristallberg

Die Milch der Tiere

Das Zauberpferd Siwka-Burka

Nachwort

Quellenverzeichnis

Der blaue Rosenstock

In irgendeinem Zarenreich, in irgendeinem Reich, nicht in unserem Land, lebte ein Zar, der hatte einen Sohn, Iwan Zarewitsch.

Eines Tages zog der Zar in den Krieg gegen die Franzosen. Da nahm er den französischen König gefangen und ließ ihn in ein Verlies sperren.

Als der Zar in eines seiner Güter geritten war, ging sein Sohn Iwan Zarewitsch zum Verlies, wo der französische König eingesperrt war. Der König ging ihm entgegen und jammerte: »Iwan Zarewitsch, laßt mich frei. Denkt doch: Wäre Euer Vater gefangen, wie sehr würdet Ihr um ihn weinen. Meine Kinder weinen sicher sehr um mich.«

Da war Iwan Zarewitsch sehr von Mitleid gerührt und ließ den französischen König frei. Die Soldaten aber sprachen: »Iwan Zarewitsch, das hättest du nicht tun dürfen, der Zar wird sehr erzürnt sein, wenn er davon hört.«

Da ging Iwan Zarewitsch fort und nahm etwas Geld mit. Und als sein Vater hörte, daß sein Sohn Iwan Zarewitsch den französischen König freigelassen hatte, gab er den Befehl, daß Iwan Zarewitsch aus dem Zarenreich verjagt werde, und wer ihn bei sich aufnehme, müsse sogleich zu den Soldaten.

Iwan Zarewitsch ging und ging drei Tage. Am vierten Tag kam er in einen Ort, wo sein Onkel regierte. Der nahm ihn freudig auf und gab ihm zu essen. Am nächsten Tag gab er ihm etwas Geld und einen Säbel und sprach: »Nimm diesen Säbel mit auf deinen Weg, er wird dich durch alles hindurchführen.«

Iwan Zarewitsch ging und ging zehn Wochen. In der elften Woche kam er in ein fremdes Reich, nach Frankreich. Da hörte er, daß in diesem Königreich eine wunderschöne Prinzessin lebe, die kein einziger Mann anschauen dürfe, weil er sogleich in Ohnmacht fallen würde, und sie würde sich nur ihren Dienerinnen zeigen.

Iwan Zarewitsch ging zu dem Schloß, wo die Prinzessin lebte, und sah im Garten eine alte Frau. Da sprach er zu ihr: »Ich möchte die wunderschöne Prinzessin sehen, was soll ich tun?« Da sprach die alte Frau: »Morgen wird im Schloß ein großes Fest gefeiert, verkleide dich als Mädchen, dann wirst du eingelassen.«

Am nächsten Abend fuhr vor dem Schloß eine Kutsche vor, und ein schönes Mädchen stieg aus. Da sprach die Amme zur Prinzessin: »Es ist ein wunderschönes Mädchen aus einem anderen Land gekommen, und es möchte Eure Schönheit sehen.«

»Ruf sie zu mir«, sprach die Prinzessin.

Und wie das schöne Mädchen vorgelassen wird, da sprach die Prinzessin: »Sie ist schön, sie gefällt mir sehr. Sie soll mit mir das Fest feiern.«

Als es spät geworden war, und alle Gäste fort, da lüftete die wunderschöne Prinzessin ihren Schleier und zeigte sich dem fremden schönen Mädchen. Kaum war dies geschehen, da fiel diese sogleich in Ohnmacht. »Was ist mit ihr?« sprach die Prinzessin.

Da sprach die Amme: »Sie hat zuviel getanzt, sie wird müde sein. Wir legen sie schlafen.«

Am nächsten Morgen stand Iwan Zarewitsch auf und sprach zu der Amme: »Alles würde ich geben, könnte ich ihre Schönheit noch einmal sehen.«

Da sprach die Amme: »Im Tiergarten kannst du sie sehen. Dort geht sie jeden Tag spazieren.«

Da ging Iwan Zarewitsch in den Tiergarten. Er ging eine Stunde. Er ging zwei Stunden. Er ging drei Stunden. Da sah er sich um, und er sah hinter sich keinen Weg mehr, und er sah auf einem Berg ein Haus. Aus dem Haus lief ein Mädchen und sprach: »Mein Herr, gehen Sie ins Haus, es gibt für Sie keinen anderen Weg mehr.«

Da ging er in das Haus hinein. Darin saß eine Zauberin, die sprach: »Sei gegrüßt, Iwan Zarewitsch«, und gab ihm Tee zu trinken. Gerade, als er trinken wollte, sprang der Säbel aus der Scheide, und mit einem Hieb war die Tasse samt dem Tablett entzwei.

Die Zauberin sprach leise: »Ich bin weise, aber er ist noch weiser.« Da gab sie ihm zu essen. Gerade, als er essen wollte, sprang der Säbel heraus, und mit einem Hieb war der Teller und der Löffel entzwei.

Da sprach die Zauberin: »Ich bin weise, aber er ist noch weiser.«

Nun war es Zeit zum Schlafen. Da wollte er sich auf ein Lager legen, das ihm die Zauberin bereitet hatte, da sprang der Säbel heraus, und mit einem Hieb war das Lager entzwei.

Da nahm er seinen Mantel und breitete ihn auf der Erde aus und legte sich darauf. Den Säbel legte er neben sich und schlief ein.

Wie er am nächsten Morgen zum Brunnen ging, um sich zu waschen, da nahm die Zauberin ihm den Säbel weg. Als er sah, daß der Säbel nicht mehr da war, wurde er sehr traurig.

Man brachte ihm Tee, und er trank den Tee, und man brachte ihm zu essen, und er aß. Und die Zauberin sprach leise: »Ich bin weise, er ist noch weiser, aber sein Säbel ist jetzt bei mir.«

Da gab sie ihm einen Ring an den Finger und sprach: »Mit diesem Ring kannst du in alle Gemächer treten.« Da ging er durch alle Gemächer, und alle Türen gingen von selber auf, und er schaute und schaute. Und wie er in den Keller kam, da erschrak er sehr. Da war ein großes Feuer, und mitten in dem Feuer saß die wunderschöne Prinzessin. Er hatte großes Mitleid und sprach: »Wie bist du hierhergekommen, wunderschöne Prinzessin?«

»Die Zauberin hat mich hierher verbannt, weil ich mich in dich verliebt habe«, sprach sie. Und die Amme sprach zu Iwan Zarewitsch: »Du mußt erfahren, wo der Tod der Zauberin ist, dann kannst du die Prinzessin befreien.«

Da ging Iwan Zarewitsch zur Zauberin und fragte: »Sag mir, wo ist dein Tod?«

Da sprach sie: »Sag du mir zuerst, wo dein Tod ist.«

Iwan Zarewitsch sprach: »Mein Tod ist in irgendeinem Ozean in einem Hühnerei und liegt auf einem Baum.«

»Mein Tod ist in irgendeinem See ein blauer Rosenstock an einer sehr tiefen Stelle, wo ihn niemand erreichen kann«, sprach die Zauberin.

Iwan Zarewitsch sprach: »Laß mich zurück in mein Reich gehen, ich bin schon so lange fort von daheim.«

Da sprach die Zauberin: »Gehe, den Ring darfst du behalten, mit ihm bist du imstande, überall hinzufliegen, wo immer du willst, in Windeseile.«

»Ich will zu diesem See, zu dem blauen Rosenstock«, dachte sich Iwan Zarewitsch. Und sogleich flog er hin. Kaum hatte er seinen Wunsch zu Ende gedacht, da war er schon da.

Er sah den blauen Rosenstock stehen und um ihn herum ein dichter, blauer Wald. Da flog er in ein Dorf und holte sich eine Axt.

Mit der Axt schlug er die Bäume um, die ihm im Weg waren, um an den Rosenstock zu kommen. Aus den Baumstämmen machte er einen Hügel und kletterte darauf. Da konnte er den blauen Rosenstock mit Mühe erlangen und riß ihn samt den Wurzeln aus.

Kaum hatte er den blauen Rosenstock in seinen Händen, da erkrankte die Zauberin, und der Ring am Finger Iwan Zarewitschs drückte sehr.

Dann flog er zurück und sah, daß die Zauberin im Sterben lag. Zur Prinzessin im Keller sprach er: »Wunderschöne Prinzessin, den blauen Rosenstock habe ich ausgerissen und weggeworfen, das ist der Tod der Zauberin.«

In diesem Augenblick erbebte alles. Kein Haus blieb stehen. Nichts war übrig. Nur eine kleine Insel entstand. Diese war voll von Menschen, die jetzt aus dem Zauber erlöst waren. Sie alle bedankten sich bei Iwan Zarewitsch. Da kam ein Schiff vorbei, und alle fanden Aufnahme auf dem Schiff. Aber für Iwan Zarewitsch und die wunderschöne Prinzessin war kein Platz mehr, und sie mußten zurückbleiben.

Da warteten sie auf ein neues Schiff. Sie warteten und warteten und warteten vier Tage. Und am fünften Tag kam ein Schiff und nahm sie auf. Sie nannten sich Bruder und Schwester.

Ein Kaufmann auf dem Schiff befahl nun, den Bruder ins Meer zu werfen, weil er selber die Schwester zur Frau haben wollte.

Iwan Zarewitsch sprach: »Werft mich nicht ins Meer, ich bezahle euch dafür.« Da nahmen sie ein Boot und setzten ihn hinein und ließen es ins Meer hinunter und ließen ihn ziehen. Und statt seiner warfen sie eine Puppe ins Meer.

Lange Zeit fuhr er mit dem Boot.

Und wie er an Land kam, sah er eine Tafel, auf der geschrieben stand: »Wer mir meine Tochter zurückbringt, dem gebe ich sie zur Frau.«

Und wie er in die Nähe des königlichen Schlosses kam, traf er die Amme, die zu ihm sprach: »Warum bist du so lange nicht gekommen, Iwan Zarewitsch, in drei Tagen soll die Hochzeit sein. Der Kaufmann hat die Prinzessin zurückgebracht.«

»Ich muß die Prinzessin sehen«, sprach Iwan Zarewitsch, und die Amme sprach: »Komme zur Hochzeit. Es sind viele Menschen geladen. Winke mit diesem Tuch«, und sie gab ihm ein Taschentuch.

Als die Hochzeit gefeiert wurde, und alle anfingen zu tanzen, da winkte Iwan Zarewitsch der wunderschönen Prinzessin mit dem Tuch zu. Und als sie ihn erblickte, da fiel sie sogleich in Ohnmacht. Sie riefen sofort nach dem Arzt. Und der Arzt brachte sie wieder zu Bewußtsein.

Da sprach sie: »Nicht der Kaufmann hat mich erlöst. Iwan Zarewitsch hat mich erlöst. Ich will ihn heiraten. Den Kaufmann aber, den werft ins Meer.«

So wurden sie getraut, und sie lebten und lebten und mehrten ihre Güter.

Die Schwestern Mond und Stern

In irgendeinem Zarenreich, in irgendeinem Reich, lebte einmal ein Zar mit seiner Frau, und sie hatten keine Kinder. Sie beteten zu Gott, daß er ihnen ein Kind schenken möge. Nach einiger Zeit gebar die Zarin eine Tochter, und sie nannten sie Mond*, und sie freuten sich sehr.

Als eine Zeit vergangen war, da gebar die Zarin wieder eine Tochter, und sie nannten sie Stern.

Die beiden Mädchen wuchsen heran, und sie waren so schön, daß man es mit Worten gar nicht beschreiben kann. Sie wurden von allen wegen ihrer Schönheit bewundert. Wie die Mädchen erwachsen waren, da gab der Zar ein großes Fest, und alle wurden dazu eingeladen. Die Gäste kamen und bewunderten die unbeschreibliche Schönheit der beiden Töchter.

Da gingen Mond und Stern im Garten spazieren. Auf einmal kam ein großer Sturm, packte die beiden Schwestern und trug sie fort. Sie schrien laut auf, aber der Sturm trug sie höher und höher. Die Gäste schrien, und es entstand ein großer Lärm.

Da kam der Zar aus dem Schloß gelaufen und sprach: »Was ist geschehen?« und die Gäste antworteten ihm: »Eure Kinder hat ein fürchterlicher Sturm fortgetragen, hoch und höher. Sie sind verschwunden.«

Der Zar erschrak sehr und fiel in Ohnmacht.

Man sandte sogleich Soldaten aus, um die Töchter zu suchen. Sie suchten einen Tag. Sie suchten zwei Tage. Sie suchten drei Tage. Sie suchten noch lange. Eine Woche, zwei Wochen und mehr.

So verging ein Monat, und man fand sie nicht. Man fragte die Hirten und suchte in den Wäldern. Man fand sie nicht. »Sie sind wohl ins Meer gefallen«, sprachen der Zar und die Zarin und waren sehr traurig.

Es verging ein Jahr, es vergingen zwei Jahre, und im dritten Jahr gebar die Zarin einen Sohn, Iwan Zarewitsch.

Er wuchs nicht nach Tagen, nein, er wuchs nach Stunden und war so klug und schön. Aber die Zarin weinte immer wieder um ihre Töchter Mond und Stern.

»Liebe Mutter, was weinst du so?« fragte Iwan Zarewitsch, und die Mutter sprach: »Es ist nichts, mein Sohn.«

»Meine liebe Mutter, bitte, sag es mir doch«, bettelte Iwan Zarewitsch.

Die Zarin sprach: »Mein lieber Sohn Wanja, es waren vor dir zwei Töchter. Eines Tages hat sie ein fürchterlicher Sturm fortgetragen. Man hat sie nie mehr gesehen, und man hat sie nie gefunden.«

Da sprach Iwan Zarewitsch: »Liebe Mutter, laß mich fort, meine Schwestern zu suchen.«

»Nein, nein, gehe nicht, du wirst sie nicht finden. Wir haben die Töchter verloren, und du wirst auch verloren sein.«

Iwan Zarewitsch bettelte noch mehr, und als der Zar davon erfuhr, da wollte er ihn auch nicht gehen lassen.

Da rief der Zar seine Würdenträger zusammen und sprach: »Meine vertrauten Männer, gebt mir einen Rat, mein Sohn Iwan Zarewitsch bettelt und weint Tag und Nacht, er will fort und seine Schwestern suchen, sollen wir ihn gehen lassen?«

Die Würdenträger sprachen: »Warum sollte man ihn nicht gehen lassen, wir meinen, man sollte ihn segnen.«

Der Zar zürnte der Zarin, weil sie dem Sohn von den Schwestern erzählt hatte. Sie dachten nach und dachten nach, und dann segneten sie ihn. »Ich gehe ohne alles, nur mit eurem Segen. Liebe Mutter, weine nicht, sei nicht traurig, ich finde meine Schwestern«, sprach Iwan Zarewitsch und machte sich auf den Weg.

Er ging zwei Wochen im tiefen Wald. Da sah er auf einmal zwei Riesen, die als Waldgeister dort hausten, miteinander streiten.

Wie die Riesen ihn kommen sahen, hielten sie inne und sprachen: »Uns gehören drei Dinge: ein Zaubertischtuch, eine Tarnkappe und Siebenmeilenstiefel. Wir streiten darum, wie diese drei Dinge verteilt werden sollen. Sag du, was sollen wir tun?«

Iwan Zarewitsch sprach: »Wer von euch beiden am schnellsten einen Werst laufen kann, soll zwei Dinge bekommen, und der als zweiter ankommt, bekommt ein Ding.«

Da liefen die beiden um die Wette, jeder versuchte schneller zu laufen als der andere. Am Ende prügelten sie sich wieder, weil keiner der zweite sein wollte. Da nahm Iwan Zarewitsch schnell die Sachen an sich. Die Tarnkappe setzte er sich auf. Da war er unsichtbar. Das Zaubertischtuch steckte er ein, und die Siebenmeilenstiefel zog er an. Die beiden Riesen sahen ihn nicht mehr und suchten ihn im ganzen Wald.

Mit den Siebenmeilenstiefeln konnte Iwan Zarewitsch mit einem Schritt fünf Werst vorankommen.

Als er sehr hungrig war, nahm er das Tischtuch und sprach: »Tischtuch, verzaubere dich!« Da erschien sogleich ein gedeckter Tisch mit köstlichen Speisen und Getränken. Und wie zwei Bauern des Weges kamen, da rief ihnen Iwan Zarewitsch zu: »Liebe Freunde, kommt her, eßt und trinkt mit mir, seid meine Gäste«. Iwan Zarewitsch betete: »Gott, heiliger Vater, Dank sei dir, ich habe alles, was ich brauche.« Die Bauern waren sehr erfreut und tranken mit ihm.

Wie sie gegessen und getrunken hatten, sagten sie ihm Dank und gingen ihres Weges weiter.

Iwan Zarewitsch ging weiter in den tiefen Wald. Da stand eine kleine Hütte auf Hühnerbeinen, die drehte sich.

Iwan Zarewitsch sprach:

»Hüttchen, mein Hüttchen,

Dreh dich zu mir.

Mit dem Rücken zum Wald,

Mit dem Eingang zu mir.«

Da drehte sich der Eingang zu ihm, und er ging hinein. Da saß die Baba Jaga, die alte Zauberin. Sie sprach: »Jetzt kommt der russische Geist leibhaftig zu mir! Was willst du, fliehst du vor einem Geist, oder suchst du einen Geist, Iwan Zarewitsch.«

Iwan Zarewitsch sprach: »Ich habe zwei Schwestern, die ich erlösen will, weißt du, wo sie sind?«

»Ja, ich weiß, wo sie sind«, sagte die Baba Jaga und sprach weiter: »Die Stürme haben sie weit fortgetragen.

Deine Schwester Mond ist in einem silbernen Palast, und deine Schwester Stern in einem goldenen Palast. Es ist sehr, sehr schwer, dorthin zu kommen. Die Stürme sind verzauberte Ungeheuer.«

»Ich will sie finden«, erwiderte Iwan Zarewitsch.

Da sprach die Baba Jaga: »Gehe zu meiner Schwester, sie kann dir weiterhelfen. Ich gebe dir ein Knäuel, und wo das Knäuel hinkullert, dahin gehe, und du wirst zu meiner Schwester kommen.«

Iwan Zarewitsch ging eine ganze Woche lang, und das Knäuel führte ihn zu der Schwester der Baba Jaga. Diese war sehr erzürnt und sprach: »Ich bin schlau und weise und sehr böse, was willst du?«

»Ich suche meine Schwestern Mond und Stern«, sprach Iwan Zarewitsch.

Da sagte die Baba Jaga: »Hier gebe ich dir ein Tuch, bringe es meiner anderen Schwester als Geschenk, sie kann dir weiterhelfen. Das Knäuel führt dich hin.«

Da ging Iwan Zarewitsch eine ganze Woche lang, und das Knäuel führte ihn zur dritten Schwester der Baba Jaga. Er übergab ihr das Tuch, und sie fragte: »Was ist dein Begehr, Iwan Zarewitsch?«, und er sprach: »Ich suche meine Schwestern Mond und Stern, weißt du, wo sie sind?«

Die dritte Schwester sagte: »Deine Schwester Mond ist im silbernen Palast beim ersten Sturm. Der Palast ist von einer steinernen Mauer umgeben. Die Mauer ist so hoch, daß man sie nicht ersteigen kann. Zwölf Wachen sind aufgestellt, die niemanden durchlassen. Deine Schwester Stern ist beim zweiten Sturm im goldenen Palast. Da ist es noch schwerer.«

Da ging Iwan Zarewitsch eine ganze Woche lang und kam zum silbernen Palast. Die steinerne Mauer war so hoch, daß man sie nicht ersteigen konnte, und die zwölf Wächter ließen ihn nicht durch. Da setzte er sich seine Tarnkappe auf und flog in den Palast. Er ging ins erste Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins zweite Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins dritte Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins fünfte Gemach hinein, da lag auf dem Sofa seine Schwester Mond und schlief. Sie war sehr schön. Iwan Zarewitsch sprach: »Meine Schwester Mond, wach auf! Vater und Mutter weinen um dich, ich bringe dir Grüße von ihnen.«

»Ich habe keinen Bruder«, sprach Schwester Mond. Iwan Zarewitsch erwiderte: »Ich bin geboren, nachdem du fort warst.« Da weinte sie vor Freude und umarmte ihn. Dann sprach sie: »Gleich wird mein Gemahl, der Sturm, angeflogen kommen und dich in Stücke zerreißen.«

Iwan Zarewitsch sprach: »Ich fürchte mich vor nichts und niemand auf der Welt.«

Auf einmal kam der Sturm dahergeflogen. Iwan Zarewitsch setzte seine Tarnkappe auf und wurde unsichtbar.

Der Sturm sprach mit grollender Stimme: »Hier riecht es nach russischem Geist. Dein Bruder ist wohl gekommen!« Schwester Mond entgegnete: »Ich habe keinen Bruder, und wenn er gekommen wäre, was könnte er schon tun?« Da suchte der Sturm nach Iwan Zarewitsch in den Schränken, in den Truhen, in den Gemächern. Er fand ihn nicht. »Ganz sicher ist er hier!« sprach er und schrie: »Iwan Zarewitsch, zeige dich!«

Da nahm Iwan Zarewitsch seine Tarnkappe ab, und wie der Sturm ihn erblickte, sprach er vor sich hin: »Ich bin schlau und weise, aber er ist weiser.«

»Wie bist du hierhergekommen?« fragte der Sturm Iwan Zarewitsch.

»Das Blut in meinen Adern gab mir die Kraft«, antwortete Iwan Zarewitsch.

Schwester Mond wollte Essen und Trinken holen, aber Iwan Zarewitsch winkte ab und sprach: »Ihr seid meine Gäste.« Da nahm er das Tuch aus seiner Tasche und sprach: »Tischtuch, verzaubere dich!« Da erschien sogleich ein reichgedeckter Tisch mit köstlichen Speisen und Getränken. Sie aßen und tranken, und der Sturm lobte die Köstlichkeiten und sprach: »Was gibt es doch in Rußland Gutes zu essen und zu trinken!«

Zwei Wochen lebte Iwan Zarewitsch bei seiner Schwester Mond. Da sprach er: »Ich möchte fort und dich mitnehmen, meine liebe Schwester Mond.«

Da erwiderte sie: »Das kannst du nicht, mein lieber Bruder, der Sturm wird uns einholen und töten. Es ist besser, zu Schwester Stern zu gehen. Dort lebt auch die schöne Zarewna, sie hat Gewalt über die Stürme, diese unheimlichen Geister.«

Da ging Iwan Zarewitsch eine ganze Woche lang und kam zum goldenen Palast. Die steinerne Mauer war so hoch, daß man sie nicht ersteigen konnte, und die zwölf Wächter ließen ihn nicht durch. Da setzte er sich seine Tarnkappe auf und flog in den Palast. Er ging ins erste Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins zweite Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins dritte Gemach hinein, da war niemand. Er ging ins fünfte Gemach hinein, da lag auf dem Sofa seine Schwester Stern und schlief. Sie war noch schöner als die andere.

Iwan Zarewitsch sprach: »Meine Schwester Stern, wach auf! Vater und Mutter weinen um dich, ich bringe dir Grüße von ihnen.«

»Ich habe keinen Bruder«, sprach sie.

»Ich bin geboren, nachdem du fort warst«, erwiderte Iwan Zarewitsch. Da weinte sie vor Freude und umarmte ihn und sprach: »Ich habe einen sehr bösen, widerwärtigen Gemahl, den Sturm. Er wird bald kommen und dich in Stücke reißen.«

Da sprach Iwan Zarewitsch: »Ich fürchte mich vor nichts und niemand auf der Welt.«

Auf einmal kam der Sturm angeflogen. Iwan Zarewitsch setzte seine Kappe Sieh-mich-nicht auf und wurde unsichtbar. Der Sturm sprach mit grollender Stimme: »Ich spüre den russischen Geist, dein Bruder ist wohl gekommen?« »Ich habe keinen Bruder«, sprach Schwester Stern.

»Ganz sicher ist er gekommen!« schrie der Sturm.

»Und wenn er gekommen wäre, was könnte er tun?« sprach Schwester Stern. Da schrie der Sturm: »Iwan Zarewitsch, zeige dich!« Iwan Zarewitsch nahm seine Kappe Sieh-mich-nicht ab, und als ihn der Sturm erblickte, sprach er: »Ich bin schlau, aber er ist weise.«

»Wie bist du hierhergelangt?« fragte der Sturm. »Das Blut in meinen Adern gab mir die Kraft!« erwiderte Iwan Zarewitsch.

Schwester Stern wollte Essen und Trinken holen, aber Iwan Zarewitsch winkte ab und sprach: »Nein, nein, ihr seid meine Gäste.« Dann holte er sein Tuch aus seiner Tasche und sprach: »Tischtuch, verzaubere dich!« Da erschien sogleich ein gedeckter Tisch mit köstlichen Speisen und Getränken. Sie aßen und tranken, und der Sturm lobte die Köstlichkeiten und sprach: »Was gibt es doch in Rußland Gutes zu essen und zu trinken!«

Iwan Zarewitsch lebte bei seiner Schwester zwei Wochen. »Ich werde gehen und dich mitnehmen«, sprach er zu Schwester Stern. Schwester Stern entgegnete: »Das kannst du nicht, lieber Bruder, der Sturm wird uns einholen und töten. Aber hier in diesem Reiche wohnt die Zarewna, und sie hat große Macht über diese Geister. Gehe zu ihr.«

Iwan Zarewitsch machte sich auf und ging zur Zarewna. Als er sie erblickte, war er sehr angetan von ihrer Schönheit. Sie sprach: »Iwan Zarewitsch, ich freue mich, daß du gekommen bist. Gott hat dich hierhergeschickt. Wie bist du hierhergekommen?«

»Das Blut in meinen Adern gab mir die Kraft«, sprach Iwan Zarewitsch.

»Was führt dich zu mir?«, sprach die Zarewna. Da erwiderte Iwan Zarewitsch: »Schöne Zarewna, kannst du mir helfen, meine Schwestern zu erlösen? Ich möchte dich zur Gemahlin nehmen.«

Da sprach die Zarewna: »Nun gut, ich habe einen zwölfköpfigen Drachen, der ist schon zwölf Jahre angekettet, den lasse ich los, er wird den Sturm besiegen.«

Die Zarewna fragte den Drachen: »Kannst du die beiden Geister, die bösen Stürme, besiegen?«

»Ich kann!« antwortete der Drache, »aber ich muß einen Monat lang Fleisch essen und Bier trinken, dann beginne ich den Kampf.«

Da ließen sie den Drachen los und gaben ihm jeden Tag einen Ochsen zum Fraß und einen Kessel voll Bier. Als ein Monat vergangen war, nahm der Drache seine Waffen und flog davon.

Die Stürme kämpften mit dem Drachen und hieben ihm zehn Köpfe ab, aber er wehrte sich mit Feuer und Krallen. Er tötete sie und hieb ihnen die Köpfe ab. Dann warf er sie ins Meer, und die Köpfe der Geister nahm er mit zu der Zarewna.

Iwan Zarewitsch und die Zarewna ritten dem Drachen entgegen und empfingen ihn voll Freude. Sie ließen ihn in Freiheit, und seine Köpfe wuchsen ihm wieder nach.

Dann gingen sie zu Schwester Stern, und Iwan Zarewitsch sprach: »Meine liebe Schwester Stern, sieh, was die Zarewna für uns getan hat!« Die Schwester war so froh, erlöst zu sein, und sie feierten ein Fest. Der Drache aß und trank, was er wollte, und war danach ein Geist.

Da sprach Iwan Zarewitsch: »Nun, meine liebe Schwester Stern, wir gehen auf den Weg.« Da ging Schwester Stern auf den Vorplatz des Palastes und sprach ein leises Wort. Dann rollte sie ein Ei auf einem goldenen Unterteller. »Roll dich, mein Haus, in dieses goldene Ei«, sprach sie. Und das Haus verschwand in dem Ei. »Mein selbstfliegender Teppich, fliege herbei«, sprach sie weiter. Der Teppich erschien, und Schwester Stern, Iwan Zarewitsch und die Zarewna flogen zu Schwester Mond.

Wie sie bei Schwester Mond ankamen, sprach Iwan Zarewitsch: »Meine liebe Schwester Mond, sieh, was die Zarewna für uns getan hat, gehe mit uns auf den Weg.« Da ging Schwester Mond auf den Vorplatz des Palastes und sprach ein leises Wort. Dann rollte sie ein Ei auf einem silbernen Unterteller. »Roll dich, mein Haus, in dieses silberne Ei«, sprach sie. Und das Haus verschwand in dem Ei.

Auf dem fliegenden Teppich flogen sie nun alle in ihr Reich heim, zu Vater und Mutter.

Kaum waren sie im Hof des Schlosses angelangt, da kam der Zar aus dem Schloß heraus und erkannte sie sogleich. Und es war eine große Freude! Der Zar und die Zarin gaben ein großes Fest. Iwan Zarewitsch nahm die Zarewna zu seiner Gemahlin, und sie lebten und lebten glücklich und häuften Güter an.

*Anmerkung: Mond ist im Russischen weiblich.

Die purpurrote Blume

In einem Zarenreich, in irgendeinem Reich, lebte einmal ein reicher Kaufmann. Dieser hatte drei Töchter, die waren alle wunderschön. Die Jüngste aber war so schön, daß man es nicht einmal in einem Märchen beschreiben kann. Der Kaufmann liebte seine Töchter mehr als alles in der Welt, denn seine Frau war gestorben. Die Jüngste aber liebte er am meisten, denn sie war gütig und freundlich.

Eines Tage aber wollte der Kaufmann eine lange Reise antreten, eine Reise durch dreimal neun Länder, ins dreimal zehnte Zarenreich. Er sprach zu seinen Töchtern: »Meine lieben Töchter, ich werde durch dreimal neun Länder, ins dreimal zehnte Reich reisen. Wird es lange Zeit dauern oder kurze Zeit, ich weiß es nicht. Lebt inzwischen in Frieden miteinander. Ich werde euch Geschenke mitbringen. Denkt drei Tage und Nächte nach und sagt mir dann, was ihr euch wünscht.«

Als die Frist vorüber war, sprach die Älteste: »Lieber Vater, bring mir bitte Goldschmuck mit Edelsteinen mit, der die dunkle Nacht erleuchten soll, als wäre lichter Tag.«

Der Kaufmann dachte nach und sprach: »Gut, meine Tochter. Es ist schwer, einen solchen Schmuck zu finden. Aber jenseits des Meeres kenne ich einen Mann, der wird mir helfen.«

Die mittlere Tochter sprach: »Mein lieber Vater, ich benötige keinen Goldschmuck mit Edelsteinen, aber bring mir einen Spiegel aus Kristall. Wenn ich in ihn hineinblicke, so werde ich niemals älter, und meine Schönheit vergeht nicht.«

»Gut, meine Tochter. Aber es ist noch schwerer, einen solchen Spiegel zu beschaffen. Aber jenseits des Meeres kenne ich einen Mann, der wird mir helfen.«

Die jüngste Tochter sprach: »Lieber Vater, ich will keinen Goldschmuck und keinen Spiegel aus Kristall. Aber bring mir die purpurrote Blume mit, die schönste Blume in der Welt.«

»Meine liebste Tochter, du hast mir die schwerste Aufgabe gestellt. Denn wie soll man etwas finden, das man nicht kennt? Eine purpurrote Blume zu finden, ist nicht schwer, aber woran erkennt man, ob sie die schönste in der Welt ist? Ich werde sie suchen, doch weiß ich nicht, ob ich sie finden kann.«

Der Kaufmann machte sich auf den Weg. Er verkaufte seine Waren und kaufte andere ein. Beladene Schiffe schickte er heim. Für die älteste Tochter fand er bald den Goldschmuck mit Edelsteinen, der die dunkle Nacht zum lichten Tag machte. Auch den Spiegel aus Kristall fand er bald, einen, bei dem man nicht älter wurde und die Schönheit nicht verging, wenn man hineinschaute.

Die purpurrote Blume für seine Lieblingstochter fand und fand er nicht. Wohl sah er purpurrote Blumen von solcher Schönheit, daß man sie nicht in einem Märchen erzählen kann, aber niemand vermochte zu sagen, ob es in der Welt nicht noch schönere gäbe.

Eines Tages fuhr er mit seinen Leuten in einen dunklen, dichten Wald. Auf einmal fielen Räuber über sie her. Da floh der Kaufmann vor ihnen und ließ seine Waren zurück. Er dachte bei sich: »Lieber fressen mich wilde Tiere, als daß ich als Sklave verkauft werde.«

Er rannte und rannte und wußte nicht wohin. Schließlich wurde der Boden unter seinen Füßen fester. Er schaute zurück: Es gab keinen Weg. Er schaute nach rechts: Es gab keinen Weg. Er schaute nach links: Es gab keinen Weg. Doch nach vorne, da zeigte sich ein Weg. Der Kaufmann ging den ganzen Tag, vom Morgen bis zum Abend. Ringsum war alles still. Er sah keine Vögel, keine Tiere, kein lebendes Wesen. Da brach die dunkle Nacht herein. Aber, o Wunder, der Weg war so hell wie am lichten Tag! Er sah von weitem große Helligkeit. Da dachte er: »Dort brennt der Wald. Der Tod wartet auf mich. Ich bleibe hier, bis das Feuer sich wendet.« Er wartete und wartete. Das Licht aber entfernte sich nicht. Auf einmal sah er auf einer Wiese einen Palast, der war ganz aus Gold und Silber und funkelte wie die Sonne. Die Fenster waren weit offen, und eine herrliche Musik erklang, wie der Kaufmann noch nie eine gehört hatte. Er betrat den weiten Hof und sah überall Springbrunnen, große und kleine. Er stieg die weißen Marmortreppen hinauf. Dann kam er in einen Saal, der war geschmückt mit Gold, Silber, Edelsteinen und Kristallen. Dann kam er wieder in einen Saal von derselben Pracht und demselben Reichtum. Und der dritte Saal war so schön, daß er ganz geblendet war.

Es verwunderte ihn sehr, daß er keine Menschenseele sah. Und die Musik spielte ohne Unterlaß.

Der Kaufmann dachte: Das ist ja alles gut und schön. Aber es gibt nichts zu essen. Da erschien vor ihm ein Tisch voll von Speisen und Getränken. Er labte sich daran. Aber es war niemand da, dem er hätte danken können. »Es wäre gut, könnte ich mich ein wenig ausruhen«, dachte er. Da stand vor ihm auch schon ein schönes weiches Bett.