Miss March wird entführt - Cedric Balmore - ebook

Miss March wird entführt ebook

Cedric Balmore

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Opis

Krimi von Cedric Balmore Der Umfang dieses Buchs entspricht 153 Taschenbuchseiten. Hazel Waters ist Jeff Mennings hörig. Um ihre Loyalität zu beweisen, tötet sie sogar für ihn, doch kurz darauf findet sie ihren Geliebten ebenfalls ermordet – und eine Million Dollar im Kofferraum ihres Wagens. Sie weiß, dass Jeff für den Gangsterboss Bronco Mandresi arbeitete, und dessen Handlanger sind nun hinter dem Geld her. Mit der Situation überfordert, vertraut Hazel sich Bount Reiniger an, einem der besten Privatdetektive New Yorks. Nur zögernd nimmt dieser das Geld zur Aufbewahrung und den Auftrag an, Jeff Mennings' Mörder zu finden. Dann überschlagen sich die Ereignisse, sodass Reiniger handeln muss, zumal seine Assistentin June March von den Gangstern entführt wurde …

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Cedric Balmore

Miss March wird entführt

N.Y.D. - New York Detectives

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Miss March wird entführt: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 153 Taschenbuchseiten.

 

Hazel Waters ist Jeff Mennings hörig. Um ihre Loyalität zu beweisen, tötet sie sogar für ihn, doch kurz darauf findet sie ihren Geliebten ebenfalls ermordet – und eine Million Dollar im Kofferraum ihres Wagens. Sie weiß, dass Jeff für den Gangsterboss Bronco Mandresi arbeitete, und dessen Handlanger sind nun hinter dem Geld her. Mit der Situation überfordert, vertraut Hazel sich Bount Reiniger an, einem der besten Privatdetektive New Yorks. Nur zögernd nimmt dieser das Geld zur Aufbewahrung und den Auftrag an, Jeff Mennings' Mörder zu finden. Dann überschlagen sich die Ereignisse, sodass Reiniger handeln muss, zumal seine Assistentin June March von den Gangstern entführt wurde …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Hazel lächelte, dann drückte sie ab.

Es war seltsam, dass sie in diesem Augenblick nicht so sehr den Mann sah, auf den sie schoss, sondern ausschließlich sich selbst.

Ihr Lächeln zum Beispiel. Es erschien ihr so leer wie eine Blechdose auf dem Müll, und genau so fühlte sie sich auch: hohl und schmutzig.

Jeff hatte ihr beigebracht, mit einem Revolver umzugehen. Sie hatte wochenlang in seinem Keller mit der Waffe geübt, sie hatte auf Scheiben und Bilder geschossen, aber jetzt, wo es ernst war, bitterer, tödlicher Ernst, kam es ihr so vor, als benutzte sie den Revolver zum ersten Male.

Die Waffe bäumte sich in ihrer Rechten auf wie ein junges, kraftvolles Tier. Hazel hasste diese groteske Lebendigkeit, die zum Tode führte, aber noch mehr hasste sie sich selbst.

Hazel Conchita Waters, die Killerin.

Ein Erinnerungsblitz erhellte ihr Bewusstsein, und sie sah sich noch einmal als Mädchen im weißen Kommunionskleid, als stolzen Mittelpunkt einer intakten, frommen Familie, als das glückliche Kind, das von Nestwärme, Gläubigkeit und Hoffnungen getragen wurde.

Vorbei! Jetzt zählte nur die Gegenwart, der Augenblick des Terrors, das harte, mitleidslose Krachen des Schusses und seine irreparablen Folgen.

Hazel beobachtete, wie der Mann den Mund aufriss, wie sein Körper von dem Geschoss gepeitscht wurde und wie sich in seinen hellen Augen blankes Entsetzen formierte. Er begriff,dass er sterben musste, ja, dass er in diesem erstickenden, lähmenden Prozess schon mittendrin war.

Er musste sterben, damit sie leben konnte. Leben wie eine Made im Speck. Das hatte Jeff ihr versprochen.

Hazel war es zumute, als müsste sie schreien, aber sie brachte keinen Laut zustande, ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie schoss zwei weitere Male. Sie wollte das Furchtbare schnell hinter sich bringen, nicht nur für sich, sondern auch für Raymond Miller, ihr Opfer.

Er war ein Mann der Mittelklasse, ein sechsundvierzigjähriger Angestellter aus der Linwood Street. Ledig, wie Jeff ihr versichert halte. Ein Mann ohne Bindungen, ohne Zukunft.

Miller brach zusammen. Er blieb liegen, ohne sich zu rühren. Hazel ließ die Waffe sinken. Sie starrte auf das leblose Bündel und hob wie fröstelnd die runden Schultern, als sie das schmale, rote Rinnsal bemerkte, das sich zögernd unter dem Körper des Mannes hervortastete.

Ihr wurde übel. Sie zuckte auf den Absätzen herum, hastete in einen Nebenraum und musste sich erbrechen. Danach drängte es sie an die frische Luft.

Sie blinzelte, als sie die Straße erreichte und in den Strom der Passanten eintauchte. Ihr schien es so, als müsste jeder Vorübergehende erkennen, dass sie gezeichnet war, dass Blut an ihren Fingern klebte, aber die wenigen Blicke, die sie trafen, galten ihrer schlanken, biegsamen Figur und den sehr weiblichen Kurven, mit denen sie aufzuwarten vermochte.

Hazel kannte diese Blicke, das männliche Begehren mit seinem anonymen Werben, so hatte es auch mit Jeff angefangen, eigentlich ganz harmlos, und nun war sie ihm hörig, jetzt hatte sie sogar für ihn getötet - auch wenn Jeff behauptete und ihr weiszumachen versuchte, dass sie es um ihrer selbst willen getan habe.

Die Umhängetasche schlug bei jedem Schritt schwer gegen ihre Hüfte. Das Gewicht des Revolvers mahnte sie an ihre Aufgabe. Sie betrat eine Telefonzelle und stellte sich mit dem Rücken zum Münzautomaten, um sich davon überzeugen zu können, dass niemand an die Tür trat und mithörte. Sie wandte den Kopf, um Jeffs Nummer zu wählen, dann schaute sie wieder auf die Straße.

Das Freizeichen tutete monoton in ihr Ohr. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Warum meldete Jeff sich nicht sofort? Er erwartete doch ihren Anruf!

„Mennings“, tönte es endlich an ihr Ohr.

„Ich hab’s getan“, sagte sie und merkte, wie ein Schluchzen an ihrer Kehle zerrte.

„Braves Mädchen“, lobte er. „Du bist sicher, dass er nicht wieder aufsteht?“

„Ganz sicher“, murmelte sie.

„Was sagst du? Ich kann dich kaum verstehen. Die Verbindung ist miserabel.“

„Er ist tot“, sagte sie mühsam. Diesmal schluchzte sie wirklich.

„Du hast es geschafft. Gratuliere!“

„O Gott, Jeff ...“

„Reiß dich zusammen, Mädchen“, sagte er. „Wann kannst du hier sein?“

„Es war schrecklich!“

„Wann kannst du hier sein?“, wiederholte er.

„In einer Viertelstunde.“

„Gut. Bist du sicher, dass nichts am Tatort zurückgeblieben ist, was dich verraten könnte?“

„Nur der Tote.“

„Mach kein Schauerdrama aus dem Ganzen. Du weißt, was ich meine.“

„Ich habe deine Ratschläge befolgt, ich trage Handschuhe und ...“ Ihre Stimme brach. Sie konnte einfach nicht weitersprechen.

„Ich kenne das“, meinte Jeff tröstend. „So ist das beim ersten Mal. Es geht schnell vorüber. Danach bist du ein neuer Mensch, glaube es mir, du fühlst dich den anderen überlegen, und in gewisser Weise bist du's auch. Herrin über Leben und Tod! Ist das nichts? Erst jetzt gehörst du richtig zu uns, Hazel. Ich bin stolz auf dich.“

„Bis gleich“, sagte Hazel und hängte auf. Sie verließ die Telefonzelle und spürte, wie ihre innere Erregung abklang. Jeffs Stimme war wie Balsam gewesen, Hazel hatte sich an seinen Worten aufgerichtet.

Sie ging zu ihrem Wagen, der nur zwei Häuserblocks von der Telefonzelle entfernt parkte, setzte sich hinein und warf die Umhängetasche mit der Mordwaffe auf den Rücksitz. Dann kurbelte sie die Fenster herunter, auf beiden Seiten. In dem blauen Pontiac herrschten Backofentemperaturen. Sie startete die Maschine und lenkte den Wagen behutsam in den Verkehrsstrom. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen, Jeff hatte ihr eingeschärft, dass die Konzentration nach der Tat besonders groß sein müsse.

Es war seltsam, wie sehr ihre Erregung mit der zunehmenden Distanz zum Tatort abnahm. Hazel schien es fast so, als hätte sie einen bösen Traum durchlebt, als sei Raymond Miller gar nicht wirklich tot.

Hazel Conchita Waters, eine Killerin? Doch nicht sie, die noch vor drei Jahren fleißig und regelmäßig zur Beichte gegangen war!

Wieder überfiel sie die Erinnerung, die plötzliche Angst, dass die Eltern, die vor drei Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben waren, sie in diesem Moment sehen könnten, von oben herab, entsetzt, schockiert und fassungslos.

„Quatsch!“, sagte sie laut.

Ihre Eltern waren auch keine Engel gewesen, das hatte sich nach deren Tod ebenso schnell wie nachhaltig herausgestellt. Sie hatten einen Berg von Schulden hinterlassen und eine Tochter, die sich plötzlich ohne Halt, ohne Versorgung und ohne Obdach wiedergefunden hatte.

Wenn Jeff damals nicht gewesen wäre ...

Jeff, immer wieder Jeff!

Sie erreichte die Burtock Street um sechzehn Uhr zwanzig und fand eine Parklücke direkt vor der Nummer 21. Hazel Waters blickte flüchtig an der Fassade empor.

Nein, Jeff war nicht am Fenster, aber das hatte sie nicht erwartet, seine Liebe zu ihr war eher fordernd als zärtlich, eher grob als sanft. Immerhin zeigte er ihr manchmal - wie vorhin am Telefon -, dass es ihm keineswegs an Gefühl mangelte und dass er sie gelegentlich mit einem tröstenden Wort aufzurichten vermochte.

Das Haus 21 stammte aus den Tagen der Jahrhundertwende, es hatte ursprünglich einem Steinmetz gehört, der die Fassade in eine Reklamefläche umfunktioniert und mit den Produkten seines Geschmacks und seiner beruflichen Fähigkeiten verziert hatte - verunziert, wie Jeff meinte. Noch heute lächelten oder grinsten Putten, Teufel und Satyrn in trauter Gemeinsamkeit auf die erstaunt, amüsiert oder gar nicht reagierenden Passanten hinab.

Jeffs Apartment bestand aus vier Zimmern und lag in der zweiten Etage, es war eine geräumige, sehr schick möblierte Wohnung, die keiner in dem alten Gemäuer vermutete, aber Jeff wusste, was er wollte. Er hasste die Sterilität moderner Neubauten und hielt es überdies für gut, von einer biederen, bürgerlichen Umgebung zu profitieren.

Hazel hatte es eilig, nach oben zu gelangen, sie stürmte die Treppe hinauf und war ein wenig außer Atem, als sie die Schlüssel aus der Tasche fischte, wobei sie es vermied, den Revolver zu berühren. Sie hasste ihn immer noch, er war ihr zuwider.

Sie schloss die Tür auf, betrat die Diele und rief: „Jeff?“

Er antwortete nicht.

Hazel war enttäuscht. Jeff war also weggegangen, vielleicht holte er sich nur Zigaretten, aber in einem Augenblick, wo sie seine Nähe brauchte, sein Verständnis, seine Umarmung, war er nicht da ...

„Jeff“, wiederholte sie, diesmal weniger laut und spontan, eher traurig, aber sie wusste genau, dass sie ins Leere sprach. Sie öffnete die Wohnzimmertür und hielt erschrocken die Luft an.

Jeff lag direkt vor der Couch, sein Gesicht war dem Boden zugekehrt, und er rührte sich nicht. Nur unter seinem Körper war Bewegung, wenn auch nicht viel - ein Blutrinnsal lief im Zickzack von ihm weg und versickerte in den Fransen des Teppichs.

Hazel schluckte.

Sie sah an diesem Tage zum zweiten Mal ein solches Rinnsal, einen leblosen Körper, und sie wunderte sich, dass sie nicht schrie oder zusammenbrach, sondern dass sie einfach stehen blieb und beobachtete, wie das Blut in den bunten Teppich sickerte.

Endlich setzte ihre Reaktion ein, Hazel gab sich einen Ruck, sie stürzte nach vorn und fiel neben Jeff auf die Knie.

„Jeff!“, keuchte sie zitternd. „Mein Gott, Jeff ...“

Sie griff nach ihm, sie wälzte ihn mit einiger Mühe auf die Seite und meinte, dass ihr Herzschlag aussetzen müsste, als sie in seine Augen blickte.

Es waren die Augen eines Toten.

Hazel zog ihre Hand zurück, sie zitterte nicht. Hazel war auf einmal ganz ruhig, so ruhig wie damals, als sie die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern bekommen hatte. Sie stand auf, ging in die Küche und setzte sich. Das Fenster stand offen. Aus dem Hof drangen die Stimmen spielender Kinder herauf.

Hazel schien es so, als stünde sie erneut vor dem Nichts, sie war in diesen Sekunden scheinbar gefühllos, ein wertloser Mechanismus, der nichts mit sich und seiner Umgebung zu beginnen wusste.

Sie hatte getötet, für Jeff, und nun war er selber tot. Erschossen.

Aber von wem, und warum?

Es klingelte. Hazel fuhr heftig zusammen. Nein, sie konnte jetzt nicht zur Tür gehen und öffnen, sie konnte mit keinem Besucher sprechen, ohne sich zu verraten.

Das Klingeln wiederholte sieh.

Hazel schloss die Augen. Vielleicht hat man dich beim Nachhausekommen beobachtet, ging es ihr durch den Sinn. Du musst hinausgehen und so tun, als sei alles in Ordnung, und dann musst du Bronco anrufen, Jeffs Chef. Er muss dir sagen, was zu tun ist ...

Sie zwang sich dazu, aufzustehen. Sie schloss in der Diele zunächst die Wohnzimmertür, ganz leise und behutsam, als dürfte sie einen schlafenden Jeff nicht stören, erst dann, als es zum dritten Male klingelte, öffnete sie die Wohnungstür.

Vor ihr standen zwei Männer. Sie kannte nur den größeren von beiden. Es war Andy McPhail, Broncos rechte Hand. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von dem es hieß, dass er ursprünglich als simpler Gorilla für Bronco gearbeitet habe und erst durch seine Heirat mit Esther Mandresi, Broncos Tochter, zur rechten Hand des Bosses geworden sei. Aber das war gewiss nur die halbe Wahrheit, denn Mandresi hätte Andy sicherlich nicht als Schwiegersohn akzeptiert, wenn Andy außer seinen Muskelkräften nicht noch andere, schätzenswerte Qualitäten besessen hätte.

„Oh Gott - kommt herein, bitte“, sagte Hazel mit bebender Stimme und trat zur Seite, um den Männern Platz zu machen. „Es ist etwas Schreckliches, etwas ganz Unfassbares passiert.“

Sie ging voran und öffnete die Wohnzimmertür. McPhail schob sich über die Schwelle. Er stoppte nach zwei Schritten, wandte sich Hazel zu und fragte mit leiser, scharfer Stimme: „Warum hast du das getan?“

Hazel schluckte. Ihre Augen weiteten sich. „Wie bitte?“, hauchte sie.

„Du hast mich gut verstanden. Warum hast du ihn umgelegt?“

„Aber Andy ...“

Sie zitterte. Ihr fehlten die Worte. Wie konnte Andy bloß annehmen, dass sie auf Jeff geschossen haben könnte? Sie hatte ihn doch geliebt, er war für sie der Pol gewesen, um den sich alles drehte ...

Der zweite Mann, ein kompakter Enddreißiger im grauen Flanellanzug, beugte sich über den Toten. „Nichts mehr zu machen“, stellte er fest. „Saubere Arbeit. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein.“

Andy McPhails Blick klebte förmlich an Hazels Gesicht, hart und verschlagen, fragend und prüfend. „Sprich!“, forderte er.

Hazel setzte sich. Die Knie versagten ihr erst jetzt den Dienst. „Ich bin vor fünf Minuten nach Hause gekommen, ich habe in der Diele nach ihm gerufen und war enttäuscht, dass er nicht antwortete ...“

Der Mann im Flanellanzug schaute sich im Zimmer um, dann ging er hinaus. Er blieb kühl und geschäftsmäßig, nur Andy McPhail gab sich wütend.

„Du hast ihn umgesäbelt!“, stieß er hervor und ballte seine Hände. „Wo ist das Geld?“

„Das Geld?“, echote Hazel fassungslos.

„Ja, der Koffer mit der Million!“

„Spinnst du?“, hauchte Hazel verdattert. Gleichzeitig krampfte eine zusätzliche, neue Angst ihr Herz zusammen. „Jeff hat niemals eine Million besessen ...“

„Stimmt“, sagte Andy McPhail grimmig. „Es war nicht sein Geld, es gehörte uns.“

Der Mann im Flanellanzug kehrte zurück. Er hielt Hazels Revolver in der Hand, mit einem Taschentuch, um keine Prints darauf zu hinterlassen. „Hier“, sagte er zu McPhail. „Riech mal an der Mündung, das ist die Mordwaffe, sie war in ihrer Handtasche. Nicht schlecht, was?“

„Damit habe ich den Auftrag erledigt, euren Auftrag!“, keuchte Hazel.

„Was für einen Auftrag?“, fragte McPhail. Er behielt seine drohende Haltung bei. Seine Blicke wichen keine Sekunde von Hazel Waters’ von Furcht und Terror erfüllten Augen.

„Ich habe Miller erschossen, Raymond Miller.“

„Wer, zum Teufel, ist Raymond Miller?“, fragte McPhail verdutzt.

Hazel zog die Luft durch die Nase und wunderte sich über den leise pfeifenden Ton, der dabei zustande kam. Sie begriff, dass man sie in eine Falle gelockt hatte.

Nicht nur sie. Auch Jeff war in diese Falle gelaufen.

„Was wird hier gespielt, was ist das für ein Trick, was steckt dahinter?“, fragte sie erregt.

„Das wollte ich gerade von dir erfahren, mit den gleichen Worten“, höhnte Andy McPhail.

„Es ist besser, wir stinken ab“, mischte sich der Mann im Flanellanzug ein. Er hatte den Revolver auf den Tisch gelegt und musterte die Waffe, als habe er eine abstrakte Zeichnung vor sich, die es zu entziffern galt.

„Abstinken, wie stellst du dir das vor?“, fragte McPhail. „Ich muss das Geld haben, deshalb sind wir hier. Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkommen.“

„Wende dich an Jeffs Puppe“, meinte der Mann im Flanellanzug. „Ich wette, sie hat den Zaster längst aus dem Haus geschafft. Jeff hat den Diebstahl entdeckt und sie zur Rede gestellt. Er hat sie fertigmachen wollen, aber sie hat den Spieß umgekehrt und ihm einen Streifen Luft durch den Rahmen gepustet.“

„Schau dich nach dem verdammten Koffer um“, forderte McPhail. „Aber zieh gefälligst deine Handschuhe an. Irgendwann wird die Mordkommission hier aufkreuzen und sich für alle Fingerabdrücke interessieren ...“

„Keine Angst“, sagte der Mann im Flanellanzug. „Ich bin doch kein Anfänger.“ Er holte ein paar dünne, helle Lederhandschuhe aus seiner Jackentasche, streifte sie über und verließ das Zimmer.

McPhail baute sich breitbeinig vor Hazel auf. Er ließ seine geballte Rechte in die riesige, offene Handfläche der Linken klatschen und sagte drohend: „Du wirst jetzt reden, Baby, oder du wirst am Ende nur noch lallen können - die Wahrheit, versteht sich. Ich prügele sie aus dir heraus.“

„Ihr wisst sehr genau, dass ich dieses Geld weder gesehen noch berührt habe“, sagte Hazel Waters schwer atmend. „Ich vermute, dass es niemals existierte - jedenfalls nicht hier, in dieser Wohnung. Jeff hatte keine Geheimnisse vor mir. Wenn es in diesen Räumen einen Koffer mit einer Million gegeben hätte, wüsste ich davon, mein Wort darauf! Dann wäre ich ...“

Sie sprach nicht weiter.

Stimmte es wirklich, dass Jeff ihr gegenüber stets ehrlich gewesen war? Nein, das traf nicht zu, sie wusste es, sie hatte ihn wiederholt beim Schwindeln ertappt, außerdem hatte Jeff keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm verboten war, gewisse Syndikatsgeheimnisse mit ihr zu erörtern.

Aber er hatte ihr gleichsam den Schlüssel angeboten, der ihr Zutritt zum exklusiven Zirkel von Broncos Kreis verschaffen sollte, und sie hatte schließlich zugegriffen, sie hatte auf Jeffs Weisung diesen Raymond Miller erschossen. Und nun stellte sich plötzlich heraus, dass alles nur ein schmutziger Trick gewesen war, ein fauler Zauber, um Jeff und sie loszuwerden ...

„Dann?“, drängte McPhail.

„Einer von euch hat Jeff erschossen, und ich soll euch jetzt als Sündenbock dienen“, stieß Hazel hervor. „Aber eure Rechnung wird nicht aufgehen! Es stimmt, dass ich mit dem Revolver einen Menschen getötet habe, aber nicht Jeff! Die Kugel in seinem Körper stammt aus einer anderen Waffe, das wird die Polizei feststellen.“

McPhail zog sich einen Stuhl heran, ließ sich rittlings darauf nieder und verschränkte die Ellenbogen auf der Lehne.

„Nehmen wir einmal an, du sagst die Wahrheit“, meinte er. „Was würdest du tun, wenn ich dir glaubte?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wenn du Jeff nicht erschossen hast, dann war es der Mann, der die Million raubte ...“

„Welcher Mann?“

„Mr. X“. sagte McPhail. „Wenn ich dir einen Namen nennen könnte, wäre ich nicht gezwungen, dich durch die Mangel zu drehen. Also los. Wenn Dick und ich gegangen sind, was wirst du dann tun?“

„Ich weißes nicht“, wiederholte sie.

„Abhauen?“

„Wohin sollte ich denn gehen?“

„Eine Million öffnet dir alle Türen.“

„Ich besitze keine Million, und du weißt das sehr genau“, sagte Hazel scharf. Sie war bemüht, nicht auf den Toten zu blicken. Es war unfassbar, dass Jeff sich neben ihr im Zimmer befand und doch nichts tun konnte, um sie zu beschützen.

Hatte er sie belogen? War es am Ende so wie nach dem Tod ihrer Eltern? Würde der großen Liebe die tiefe Enttäuschung folgen?

Nun, jetzt ging es nicht um Liebe und Verzweiflung, jetzt stand mehr auf dem Spiel, sie wusste es, jetzt ging es für sie um Leben oder Tod.

Der Mann im grauen Flanellanzug kam zurück. Er öffnete schweigend das Sideboard und warf den Inhalt heraus. Hazel schaute ihm fassungslos zu. Binnen einer Minute sah das Wohnzimmer aus, als habe ein Tornado darin gewütet.

„Nichts“,sagte Dick.

„Ich dachte es mir“, meinte McPhail.

„Was machst du mit ihr?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden“, meinte McPhail und biss sich auf die Unterlippe.

Das ist alles nur Theater, billige Schmiere, schoss es Hazel durch den Kopf.

Sie fand keine Erklärung dafür.

Sie hatten Jeff abserviert, okay, aber warum waren sie noch einmal zurückgekommen, und was bewog sie dazu, so zu tun, als seien sie hinter einer Million her?

„Wann hast du das Haus verlassen?“, fragte McPhail und schaute Hazel an.

„Vor drei Stunden. Ich bin direkt zu Miller gefahren.“

„Der ominöse Miller“, höhnte McPhail.

Hazel starrte ihrem Gegenüber in die Augen. Natürlich log McPhail sie an, er musste wissen, wer Raymond Miller war. Oder hatte Jeff sie beschwindelt, hatte er sie nur zu seinem willenlosen Werkzeug machen wollen?

„Jeff hat mir gesagt, dass ich diese Chance nützen müsste, dass nur sie mir den Weg in die Organisation ebnet“,sagte Hazel.

„In unsere Organisation?“

„In welche sonst? Jeff gehörte zu euch, und nun habt ihr ihn umgebracht! Warum? Mein Gott, warum das alles?“ Sie begann hysterisch zu schluchzen und fing an, den ganzen Umfang ihrer Misere zu begreifen.

Der Mann, mit dem sie seit Monaten zusammenlebte, war tot. Er war erschossen worden, und sie hatte für die Tatzeit kein Alibi.

Wenn McPhail und dieser Dick, sein flanellumhüllter Begleiter, sie schon für Jeffs Mörderin hielten, was würde erst die Polizei denken?

Motive ließen sich leicht konstruieren. Streit, Eifersucht, gestohlenes Geld ...

„Sagt mir, was ich tun soll bitte!“, flehte sie.

McPhail erhob sich. „Erwähne niemandem gegenüber unsere Namen oder gar den von Bronco. Es ist uns egal, wohin du gehst und was aus dir wird, aber ich muss dich warnen. Falls du uns etwas vorschwindelst und das Geld in deinen Besitz gebracht hast, werden wir das herausfinden und dich aufspüren, egal, wo du untertauchst. Du wärst erledigt, erledigt für immer.“

„Mein Kopf schmerzt, ich weiß nicht ein noch aus“, sagte Hazel. „Warum musste ich diesen Mann töten? Wer war dieser Raymond Miller? Ich muss es wissen, sonst drehe ich durch!“

Sie schrie die letzten Worte.

„Nicht so laut, verdammt noch mal“, zischte McPhail. „Willst du die Nachbarschaft mobilisieren? Ich kenne keinen Raymond Miller und weiß nicht, weshalb Jeff den Kerl loswerden wollte. Aber mir wird immer klarer, dass unser guter Jeff Geschäfte auf eigene Faust gemacht haben muss und dass er dich anlernte, um ihn dabei zu unterstützen. Er hat dich angeschmiert, Baby, aber am Ende war er selber der Angeschmierte.“

„So fühle ich mich auch“, erklärte Hazel bitter. „Angeschmiert!“

McPhail erhob sich, er ging zur Tür, dort blieb er stehen und schaute Hazel an. „Wenn die Polizei kommt und das Durcheinander sieht - welche Erklärung wirst du ihr geben?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht.“

McPhail grinste dünn. „Dir wird schon etwas einfallen“, meinte er.

„Ich fühle mich wie ausgebrannt.“

„Erkläre ihnen meinetwegen, dass der Killer das Durcheinander angerichtet haben muss. Das wird dich entlasten, denn du hattest schließlich keinen Grund, die eigene Wohnung auf den Kopf zu stellen.“

„Es ist Jeffs Wohnung.“

„Du hast hier mit ihm gelebt“, sagte McPhail. „Komm, Dick, wir verschwinden.“

Der Mann im Flanellanzug nickte und ging in die Diele, kurz darauf fiel die Wohnungstür hinter den beiden Männern ins Schloss.