Fragwürdige Identität, Teil 2 von 3: Thriller - Angela Planert - darmowy ebook

Fragwürdige Identität, Teil 2 von 3: Thriller ebook

Angela Planert

0,0

Opis

Ohne jede Erinnerung erwacht ein Mann im Krankenhaus aus einem diabetischen Koma. Man nennt ihn Nicolás Rodriguez. Er selbst ist überzeugt, dass eine Verwechslung vorliegt. Er macht sich auf die Suche nach seiner wahren Identität und stößt auf ein Video, welches ihn während seiner sechs Monate dauernden Geiselhaft zeigt. War die Folter, der er dort ausgesetzt war, der Auslöser für seinen Gedächtnisverlust? Nicolás zweifelt, dass er Leibwächter für seinen mächtigen Vater war. Nachdem seine Yacht unter mysteriösen Umständen explodiert, er selbst aber überlebt, bleibt ihm zunächst keine andere Wahl, als sich seinem dominanten Vater unterzuordnen. Er nimmt seinen Job als Bodyguard wieder auf. Seit seiner angeblichen Entführung leidet er immer noch unter Amnesie, doch aufgrund intensiver Flashbacks hat er vermehrt das Gefühl, dass er möglicherweise eine falsche Identität lebt. Ihm fehlen lediglich die Beweise, die seine Zweifel untermauern. Während eines Attentats an seinen Vater gerät Nicolás in die Schusslinie, wird dabei lebensgefährlich verletzt. Was zuerst wie ein Unglück erscheint, soll sich schon bald als Glücksfall erweisen, denn durch seine Verletzung hinterlässt er Spuren für diejenigen, die ihn seit Langem suchen ...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 187

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Angela Planert

Fragwürdige Identität, Teil 2 von 3: Thriller

Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

FRAGWÜRDIGE IDENTITÄT

Teil 2 von 3

THRILLER von ANGELA PLANERT

 

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

FRAGWÜRDIGE IDENTITÄT Teil 2 von 3

© by Angela Planert & Edition Bärenklau, 2015

Cover © by Steve Mayer nach einem Motiv von Fotolia, 2015

Lektorat: Birgit Maria Hoepfner

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 181 Taschenbuchseiten.

 

 

 

 

Vater

Der Geruch von Benzin und Rauch lag in der Luft. Langsam beruhigte sich der Wellengang, der durch die Explosion ausgelöst worden war. Hektisch schwamm Nicolás suchend zwischen den brennenden Wrackteilen hin und her. Irgendwo mussten Falicia, Juan und die Crew-Mitglieder sein. „Nicolás!“ Jemand fasste ihn am Nacken. „Hier ist niemand mehr, für den du etwas tun könntest.“ Andrés versuchte, ihn aus dem Chaos herauszuziehen. Nicolás befreite sich, „hilf mir suchen!“ Erneut packte Andrés ihn am Arm. „Nicolás! Das hat keiner überlebt!“ „Das kannst du nicht wissen!“ „Sieh dich doch nur um! Du bringst dich sinnlos in Gefahr!“ Andrés‘ Griff wurde fester. „Komm jetzt!“ Energisch schüttelte Nicolás die Hand des Leibwächters seines Vaters ab. „Ich muss Falicia und Juan suchen!“ „Sei vernünftig, Nicolás!“ Andrés ergriff abermals seine Schulter, „du solltest gar nicht hier sein!“ „Vorsicht! Links!“, rief jemand. Aus den Augenwinkeln erfasste Nicolás ein brennendes Wrackteil, welches zur Seite kippte und geradewegs auf ihn zu fallen drohte. Instinktiv tauchte er unter und wich dabei der direkten Gefahr aus. Er spürte noch ein Brennen am linken Schulterblatt, dann wurde er mit einem kräftigen Griff am rechten Oberarm zur Seite und an die Wasseroberfläche gezogen. „Komm zur Vernunft!“ Rodrigo fasste ihn grob an die Kehle. Mit seiner Linken versuchte Nicolás, sich von Rodrigos Hand an seinem Hals zu befreien, gleichzeitig drehte Andrés ihm jedoch seinen rechten Arm auf den Rücken, bis Nicolás aufstöhnte. Rodrigo kam mit seinem Gesicht so nah an Nicolás‘ heran, dass er seinen Atem spürte. „Beruhige dich! Du machst niemanden lebendig, wenn du dich selbst in Lebensgefahr begibst!“ Nur geringfügig lockerten die beiden ihre Griffe, schleppten ihn aus dem flammenden Chaos heraus. „Falicia!“, hörte er sich flüstern. Damit wurde ihm bewusst, dass seine Frau und sein bester Freund tot waren, sein Zuhause zerstört. Vor seinem geistigen Auge sah er diesen Arm ohne Körper vor sich, an dem blutiges Fleisch, Sehnen und Knochensplitter herausquollen. Er hatte so unwirklich ausgesehen, als sei er ein Requisit aus einem Horrorfilm. Das konnte nicht die Realität sein, wahrscheinlich war das alles nur ein lebhafter Traum. „Mi Amor“, glaubte er Falicia flüstern zu hören. Er dachte an die innigen Küsse, mit denen sie ihn im Krankenhaus begrüßt hatte, an das wohltuende Gefühl, umsorgt zu werden. „Nicolás!“, beförderte ihn eine energische Stimme neben ihm in die Wirklichkeit zurück. Rodrigos Hand war von seiner Kehle verschwunden und Andrés schob ihn zur Schwimmplattform der Yacht seines Vaters. „Bist du in Ordnung?“ „Sí!“, hörte sich Nicolás antworten. Er fühlte sich seltsam, sein eigener Körper war ihm augenblicklich fremd. Mechanisch zog er sich aus dem Wasser, blieb benommen am Rand der Plattform sitzen und starrte fassungslos auf die überall verstreuten Reste der Yacht, welche einmal sein Zuhause gewesen war. Eines der brennenden Wrackteile verglimmte im selben Moment, als sein Blick darauf fiel, und schien mit den seichten Wellen in der Dunkelheit zu verschmelzen. „Das hätte nicht passieren dürfen!“, vernahm er die Stimme seines Vaters über sich. „Heilige Mutter Gottes!“ Sein Vater beugte sich zu ihm. „Was hast du dir nur dabei gedacht?“ Erst jetzt bemerkte er, wie stark er zitterte und wie kalt es ihm war. Sein Vater berührte ihn an den Schultern. „Nicolás? Sieh mich an!“ So sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, sich umzudrehen. „Er wird unter Schock stehen!“ Das war Catalinas Stimme. Sie hockte sich neben ihn, ergriff seine Linke und entnahm seinem Zeigefinger einen Blutstropfen. „Don Nicolás? Sehen Sie mich an, por favor!“ Endlich löste er seinen Blick aus der Unendlichkeit, schien aus seiner Starre herauszukommen. Catalina sah ihm prüfend in die Augen. Obwohl er sie vor sich sah, meinte er, sie wäre meilenweit entfernt. Dieses Unglück schien etwas tief Verborgenes in ihm wachzurufen, das ihm den Atem raubte.

 

Ein Stich in seinem Arm katapultierte ihn in die Realität zurück, geräuschvoll hörte er sich einatmen. „Ich bekomme das in den Griff, Señor Rodríguez“, klang Catalina energisch. Nicolás schaute auf, versuchte, sich zu orientieren. Noch immer saß er auf der schmalen Schwimmplattform, neben ihm Catalina, die auf eine Stelle in seiner rechten Armbeuge drückte. „Ganz ruhig! Atmen Sie tief durch!“ Sein Vater, der neben der Krankenschwester hockte, seufzte. „Gott sei Dank!“ „Können Sie aufstehen?“ Catalina sah ihm prüfend ins Gesicht. Nicolás nickte. Er konnte sich diesen Aussetzer nicht erklären - auf was wollte sein Unterbewusstsein ihn aufmerksam machen? Erneut fiel sein Blick auf die restlichen Wrackteile, die langsam im Wasser erloschen. Es war unfassbar! Wie konnte das nur passiert sein? „Langsam!“, mahnte ihn Catalina, als er ansetzte aufzustehen. Mit einem Gefühl von unendlicher Leere in sich stieg Nicolás die Treppe zum Deck hinauf. Nur beiläufig registrierte er, dass die Reling jetzt angestrahlt und der Wohnbereich hell erleuchtet waren. „Setzten Sie sich, Don Nicolás.“ Catalina schob ihn auf die große Bank am Esstisch zwischen den beiden Treppen, wo er am Morgen mit seinem Vater in der Sonne gefrühstückt hatte. „Drücken Sie hier drauf! Unterdessen kann ich mir ihre Verletzungen ansehen.“ Catalina legte ihm einen Stapel Tupfer in die Hand, wies auf die rechte Armbeuge, in der Catalina ihm offenbar ein Medikament gespritzt hatte. Sie betastete vorsichtig die Verletzung an seinem Schulterblatt. „Das ist eine Verbrennung dritten Grades.“ Sie klebte ein Wundpflaster darauf und rief Richtung Wohnraum, „ich brauche ein Kühlkissen, pronto, por favor!“ Das Zittern hatte ein wenig nachgelassen, doch sein Mund war furchtbar trocken. Plötzlich sah Nicolás abermals den abgetrennten Arm vor sich. Wie konnte es nur zu diesem Unglück gekommen sein? Mit seinem nächsten Gedanken spürte er eine unangenehme Enge in seinem Hals. Ihm wurde deutlich, auch er hätte in Einzelteilen im Wasser treiben können. Womöglich war es ein Anschlag, der sogar ihm gegolten hatte, gegen Nicolás Rodríguez! „Könnte ich ein Glas Wasser bekommen?“, fragte er leise und schluckte diese bittere Vermutung hinunter. „Und ein Glas Wasser, por favor“, rief Catalina laut. Danach behandelte sie seinen rechten Oberarm, eine Wunde am linken Unterarm und in seinem Gesicht. „Küstenwache und Polizei sind verständigt.“ Sein Vater erschien mit zwei Schnapsgläsern und stellte sie auf den Tisch. „Auf den Schreck brauche ich ...“ „Aber nicht Don Nicolás!“ Catalina sah flüchtig zu seinem Vater. „Por favor! Nicht nach einem solchen Vorfall wie eben.“ Sie nahm Nicolás die Tupfer aus der Hand und klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle in seiner Armbeuge. Dann wandte sie sich an seinen Vater. „Die Schnittverletzungen habe ich mit Strips zusammengezogen. Die Verbrennung allerdings muss sich ein Arzt ansehen, Don Rodríguez!“ „Darum werde ich mich gleich morgen Früh kümmern.“ Sein Vater kippte die klare Flüssigkeit aus dem Glas mit einem Schluck hinunter. „Hoffentlich entzünden sich die Wunden nicht.“ Victor trat mit einem Tablett auf Nicolás zu. Zuerst reichte er Catalina das Kühlkissen, goss dann Nicolás ein Glas Wasser ein. „Señor Rodríguez!“ Victor verbeugte sich leicht. Nicolás konnte dieses Unglück nicht fassen. Er trank sein Glas leer, trotzdem blieb das trockene Gefühl in seinem Hals. Catalina legte das Kühlelement auf die Brandwunde am Schulterblatt und fixierte es mit mehreren Streifen Klebeband. „Hast du Schmerzen, Nicolás?“, fragte ihn sein Vater. Erneut sah Nicolás den abgerissenen Körperteil vor sich, „ich habe ihren Arm gefunden“, flüsterte Nicolás. „Nur ihren Arm!“ Hörbar atmete Catalina ein, „wie entsetzlich!“ „Heilige Mutter Gottes!“ Sein Vater leerte auch das zweite Schnapsglas mit einem Zug. „Andrés?“, rief sein Vater seinen Leibwächter, der sich im Hintergrund zur Verfügung hielt. „Begleiten Sie Nicolás in sein Zimmer. Er muss sich das Drama hier nicht länger ansehen. Und verdunkeln Sie die Fenster.“ Wie in Trance stand Nicolás auf und ließ sich von Andrés in seine Kajüte führen. Er fühlte sich leer, wie ferngesteuert. „Sehen Sie zu, dass Sie das Schloss zu seinem Zimmer schnellstmöglich repariert bekommen“, fügte sein Vater leise hinzu. Mit dieser Aussage wurde Nicolás deutlich, dass er zuvor die verschlossene Tür demoliert haben musste, woran er sich gar nicht erinnerte. „Und, Catalina?“, hörte er die Stimme seines Vaters hinter sich. „Geben Sie ihm was zum Schlafen. Er soll nicht die ganze Nacht darüber grübeln müssen!“ Andrés drängte ihn durch den Wohnbereich, an der Küche sowie an der Treppe vorbei zu seinem Schlafraum. Andrés schloss die Jalousien, „kann ich noch etwas für dich tun?“ Nicolás schüttelte gedankenverloren den Kopf. Wo er auch hinsah, überall tauchte dieser Arm vor seinem geistigen Auge auf. Benommen sank er auf den Sessel. „Es tut mir furchtbar leid, Don Nicolás!“ Catalina machte hinter Andrés die Tür zu. „Dieses Unglück ist ...“ Sie biss sich auf die Unterlippe, stellte das Tablett mit der Wasserflasche und dem Glas auf den kleinen Tisch neben ihn. „Ich finde einfach keine Worte.“ Dann hockte sie sich vor ihn und ergriff seine Hand. „Ich bin für Sie da, was Sie auch immer auf dem Herzen haben, Don Nicolás.“ Sie hielt ihm eine weiße, einzeln verpackte Tablette hin, „das ist ein stärkeres Beruhigungsmittel.“ Nicolás nahm das Medikament kommentarlos entgegen, drückte es aus der Verpackung und nahm das Glas Wasser, das Catalina ihm einschenkte. „Ein tiefer erholsamer Schlaf wird Ihnen gut tun.“ Nicolás nickte, „gracias!“ Er schob die Pille in den Mund und trank das Glas leer. Einen Moment blieb er reglos sitzen, dann stand er auf und ging ins Badezimmer. Als er zurückkam, saß Catalina auf dem Sessel an der Tür. Erschöpft sank er aufs Bett. Die Krankenschwester schaute flüchtig auf ihre Armbanduhr, „ich muss gleich noch mal Ihren Blutzucker überprüfen.“ Nicolás legte sich zurück, „bevor ich überhaupt die Chance bekam, mein Leben zu erforschen, zerreißt es in tausend Stücke und sinkt auf den Meeresgrund.“ Catalina stand auf, um das Licht zu löschen, nur eine dezente Lampe auf dem Tisch ließ sie an. „Don Nicolás, so schwer es Ihnen im Augenblick fallen mag, Sie müssen nach vorn sehen, setzten Sie sich neue Ziele.“ Nicolás fragte sich, wozu er Ziele brauchte? Die nächsten Jahre war er seinem Vater als Leibwächter verpflichtet. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er das Dokument unterschrieb? In diesem Chaos einen Lichtblick zu finden, war nicht ganz einfach. Die wachsende Müdigkeit begann seine Überlegungen zu lähmen.

 

Ein brennender Schmerz auf seinem Rücken, der bis in den linken Arm hinein ausstrahlte, beendete Nicolás‘ tiefen Schlaf. Seine Gedanken kamen nur schwerfällig in Gang. Das furchtbare Ereignis von vergangener Nacht kam ihm unvermittelt in den Sinn, oder hatte er das alles nur geträumt? Um darauf eine Antwort zu finden, zwang er sich, seine Augen zu öffnen. Er blickte auf den Sessel in seinem Schlafraum, aus den Augenwinkeln erfasste er eine Bewegung und sah, wie sich Catalina aus dem anderen Sessel an der Tür erhob. In ihrer Hand hielt sie Falicias herausgerissenen Arm. Erschrocken schoss Nicolás in die Höhe. Im nächsten Moment erkannte er, dass Catalina tatsächlich nur das Messgerät in der Hand hielt. „Don Nicolás? Kann ich was für Sie tun?“ Er schluckte, schüttelte nur den Kopf. Sie legte das Gerät auf den Tisch, goss Wasser ins Glas und reichte es ihm. „Gracias!“, dankbar nahm er das Wasserglas mit zitternden Händen entgegen. Während er trank, bemerkte er ein leises Surren, als würde der Motor der Yacht laufen. Catalina verstellte die Lamellen der Jalousien, sodass warmes Sonnenlicht in das Zimmer fiel. Nicolás schaute auf seine Armbanduhr. Es war bereits halb elf. „Ihr Vater bestand darauf, Sie heute schlafen zu lassen.“ Nicolás verspürte ein dringendes Bedürfnis. „Perdón! Ich muss mal nach nebenan.“ Nicolás stand auf, stellte das Glas auf den Tisch und begab sich ins Badezimmer. Mit dem Blick in den Spiegel, bei dem er vier Strips auf seinem rechten Wangenknochen entdeckte, kam das furchtbare Ereignis erneut in ihm hoch. Was für eine Tragödie! Weder für Falicia noch für Juan oder die Crew hatte er etwas tun können. Andrés und Rodrigo hatten ihn davon abgehalten. Dabei hatten sie nur versucht, ihn vor weiteren Verletzungen zu bewahren. Das zunehmende Brennen auf seiner Schulter verdeutlichte ihm, dass er froh sein konnte, von den beiden Leibwächtern aus dem Wasser herausgeholt worden zu sein. Mehrfach schaufelte er sich kaltes Wasser ins Gesicht. Einerseits fühlte er sich entsetzlich schuldig. Es waren Menschen gestorben – wer weiß, vielleicht sogar seinetwegen! Menschen, die ihm nahegestanden hatten! Andererseits fehlte ihm das tiefe Gefühl von Trauer. Das Einzige, das er fühlte, war diese mächtige Leere in ihm, die ihn zu verschlingen schien. „Ist alles in Ordnung, Don Nicolás?“, klopfte Catalina an die Badezimmertür. Nicolás öffnete ihr. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, dass Catalinas Augen gerötet und ihr Gesicht auffallend blass waren. „Ich kann das von letzter Nacht nicht begreifen.“ Er hielt ihr automatisch seinen kleinen Finger hin, als er das Messgerät in ihrer Hand sah. „Sí, mir geht es nicht anders.“ Sie entnahm einen Blutstropfen. „Sie sehen sehr müde aus, Catalina. Haben Sie die ganze Nacht auf dem Sessel verbracht?“ Sie schaute auf das Messergebnis. „Ihre Sorge ehrt mich, Don Nicolás! Ich bin seit halb zehn im Zimmer.“ „Ich komme allein zurecht ...“, Nicolás wollte allein sein. Energisch schüttelte Catalina den Kopf. „Gerade jetzt, wo Sie, abgesehen von Ihrem Vater, wahrscheinlich niemand mehr haben, werde ich Sie nicht im Stich lassen.“ Sie injizierte ihm das Insulin. „Brauchen Sie etwas gegen Ihre Schmerzen?“ Nicolás fühlte in sich hinein, fand jedoch keinen Grund, um schon wieder Medikamente einzunehmen. „Ich habe Ihrem Vater geraten, wegen der Brandwunde einen Arzt zu Rate zu ziehen.“ „So schlimm ist es nicht! Ich sollte nur nicht auf dem Rücken liegen.“ Für einen Augenblick sah sie ihm prüfend ins Gesicht. „Ihre Schmerzgrenze scheint mir ungewöhnlich hoch zu sein.“ Sie packte das Messgerät in die Tasche zurück, „was Sie als Diabetiker vor schlecht heilenden Wunden dennoch nicht bewahren wird. Ihr Vater wartet draußen auf Sie.“ Catalina verließ das Zimmer, machte die Tür von außen zu. Nicolás zog sich an und trat ans Fenster. Das Schiff bewegte sich längs der Küste entlang, somit hatte er sich also nicht getäuscht, als er glaubte, Motorengeräusche zu hören. Santa Marta lag bereits außer Sichtweite. Wo wollte sein Vater hin? Sollte er nicht besser am Unfallort bleiben? Andererseits gab es dort ohnehin nichts zu tun, nichts mehr zu erledigen. Die ›Armada Nacional‹ würde sich vermutlich um die Unglücksstelle kümmern. Was würden sie herausfinden?

 

„Nicolás! Wie geht es dir? Es tut mir unglaublich leid für dich!“ Sein Vater stand auf und kam ihm mit ausgebreiteten Armen auf dem Sonnendeck entgegen. „Aber ich bin Mutter Maria unendlich dankbar, dass du nicht auf deinem Schiff gewesen bist.“ Er fasste ihn an den Oberarmen und drängte ihn zum Tisch. Nicolás nickte. Die Wärme, das helle Sonnenlicht empfand Nicolás in diesem Moment besonders wohltuend. Die kühle Luft der Klimaanlagen behagte ihm gar nicht, wie ihm bewusst wurde. „Ich verdanke dir wohl mein Leben!“ Nicolás war nicht klar, ob sein Vater nun besondere Dankbarkeit erwartete. „Unsinn, Nicolás!“ Sein Vater kratzte sich an seinem rasierten Kinn. „Ich habe mit der Polizei gesprochen. Inspector Estrada hat mir eine umfangreiche Untersuchung zugesichert, um dieses furchtbare Geschehen aufzuklären.“ Sein Vater wies ihn an, sich hinzusetzen. In diesem Moment fielen ihm seine fehlenden Gehstützen auf. „Bis dahin wird Andrés an deiner Seite bleiben.“ Nicolás schüttelte lächelnd den Kopf, „ein Leibwächter, der einen Leibwächter hat?“ Sein Vater ergriff sein Handgelenk, als Nicolás sich neben ihm auf die Bank setzte. „Das ist kein bisschen amüsant, Nicolás! Im Augenblick gehe ich davon aus, dass es ein Anschlag war, der sich gegen dich richtete.“ Er löste den Griff. Obwohl Nicolás diese Überlegung bereits selbst gehabt hatte, sah er trotz allem diese Tatsache seltsam gelassen. Nur dieses Schuldgefühl drückte ihm mächtig aufs Gemüt. „Meinetwegen sind fünf Menschen tot“, flüsterte er. „Es ist nicht deine Schuld“, erwiderte sein Vater kühl. „Wir fahren kurz nach Rodadero. Ich werde zu Hause ein paar Sachen zusammensuchen. Heute Abend kommt Doctor Ruiz vorbei und wird sich deine Verbrennung anschauen.“ Rodadero, das wusste Nicolás, war ein Vorort von Santa Marta. Sie würden vermutlich gleich wieder anlegen. Er überlegte, ob er seinem Vater den Arztbesuch ausreden sollte, aber darauf würde er sich nicht einlassen, so gut kannte er inzwischen seinen alten Herrn. „Morgen Vormittag wird sich Señora Botero mit dir beschäftigen.“ Sein Vater fixierte ihn von der Seite. „Es ist jetzt umso wichtiger, dir bei der Verarbeitung der Ereignisse helfen zu lassen.“ Nicolás stimmte nickend zu. Ihm fiel auf, wie unberührt sein Vater mit dieser Situation umging. Unterdessen servierte Victor zwei gut gefüllte Teller mit Spiegelei, gebratenen Kochbananen, Reis mit Bohnen, Schweinebauch und Rippchen. „Buen provecho! Ich bringe gleich noch die Arepas.“ Obwohl er eigentlich keinen Appetit verspürte, wusste Nicolás nicht, ob es der Duft oder der Anblick war, der ihm einen Hauch von Vertrautheit vermittelte und sich im Moment wie ein kleines Stück Heimat anfühlte. „Sofern Señora Botero meinem Vorhaben nichts entgegensetzen wird, werden wir morgen Nachmittag nach Aruba aufbrechen. Wir könnten dann schon gegen Samstagmittag in San Nicolas sein.“ „Wozu?“ Ihm fehlte die Vorstellung, zu welchem Zweck er in einer solchen Situation auf eine niederländische Insel fahren sollte. Sein Vater lächelte triumphierend. „Damit du deinen Geburtstag wie jedes Jahr dort verbringen kannst.“ Er hatte also in zwei Tagen Geburtstag und keine Erinnerung an die letzten achtunddreißig Jahre! Das war deprimierend. Appetitlos stocherte Nicolás in seinem Schweinebauch herum. Für einen winzigen Augenblick sah er jemand vor sich, der genau das getan hatte. Um dieses Erscheinung erneut zurückzuholen, stach er wiederholt auf das Fleisch ein. Leider kehrte dieses Bild aus seiner Erinnerung nicht zurück. Plötzlich packte sein Vater ihn grob am Handgelenk. „Was soll das?“ „Perdón!“, flüsterte Nicolás, jetzt war es ihm unangenehm, dass er seine Manieren bei Tisch vergessen hatte. „Vermutlich“, sein Vater schluckte seinen Bissen herunter, „erinnerst du dich nicht mehr an unsere unzähligen Debatten wegen Falicia, aber ehrlich, ich bin froh, dass sie aus deinem Leben verschwunden ist. Um den armen Juan tut es mir in der Seele leid.“ Sein Vater trank einen Schluck Café. „Papá!“ Diese Worte zeigten ihm deutlich, wie abgebrüht sein Vater war. „Du redest über eine Tote! Über meine Frau!“ „Ach, Nicolás!“ Er sah Nicolás nur flüchtig an, „tu‘ nicht so, als hätte sie dir noch was bedeutet. Diese falsche Schlange war nur hinter deinem Geld her! Ich sehe noch heute ihr entsetztes Gesicht vor mir, als sie von dem Ehevertrag erfuhr.“ Unerwartet schoss Nicolás ein Gedanke durch den Kopf, für den er sich im nächsten Moment schämte und dennoch ließ sich die Überlegung nicht so recht abschütteln. „Was wirst du jetzt tun, ohne Juan?“, erkundigte sich sein Vater. „Ich weiß nicht, Papá.“ Nicolás dachte kurz nach. „Im Grunde kannte ich Juan und Falicia kaum, gerade mal eine Woche.“ Sein Vater nahm einen hörbaren Atemzug. „So gesehen“, er tupfte sich mit der Serviette den Mund ab, „hast du ja enormes Glück. Vor gut einem Jahr hast du mir versichert, wie wichtig dir Juan ist. Außer ihm gäbe es niemand, der dich so glücklich macht.“ Diese Aussage fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Sein Vater wusste also von seiner angeblich bisexuellen Neigung, nur nicht, dass Nicolás nach seiner Entführungsgeschichte diese Vorliebe nicht nachempfand. „Das war vor der Entführung.“ Sein Vater packte ihn im Nacken, kam dabei an die Verletzung. „Willst du behaupten, du hast nichts mehr für ihn empfunden?“ Schmerzlich spürte Nicolás seine Brandwunde. „Jedenfalls ...“ „Perdón, Señor Rodríguez“, Rodrigo eilte mit dem Handy auf seinen Vater zu. „Inspector Estrada!“ „Entschuldige mich!“ Sein Vater ließ ihn los, erhob sich und ging mit dem Smartphone in den Wohnbereich. „Inspector Estrada! No, no! Ich sagte Ihnen bereits, mein Sohn hat genug durchgemacht, ich ...“ Sein Vater war zu weit weg, um dem Gespräch folgen zu können. Nicolás hätte bestimmt bei der Polizei einige Fragen beantworten müssen, ob ihm etwas Ungewöhnliches aufgefallen war, ob jemand Fremdes auf der Yacht gewesen war oder ähnliche Fragen. Sein Vater nahm ihm sogar diese Möglichkeit, zur Aufklärung der Explosion beizutragen. Auch wenn er es gut meinte, es war erschreckend, wie sehr er von seinem Vater bevormundet wurde. Für Nicolás stand fest, er musste sein Leben selbst in die Hand nehmen. Dafür brauchte er jedoch etwas Vorbereitungszeit. Die Überwachungskameras in seinem Schlafraum bewiesen, wie sein alter Herr vorging: totale Kontrolle. Sobald Nicolás eine Summe von seinem Konto abheben würde, hinterließ er Spuren für seinen Vater, und das wollte er unbedingt vermeiden. Jetzt war seine Geduld gefragt, vor allem Zurückhaltung, damit sein Vater ihm anfing zu vertrauen, ihn endlich wieder eigene Wege gehen ließ.

 

Die Yacht hatte im Norden von Rodaderos Stränden Anker geworfen. Nicolás saß mit seinem Vater, Catalina sowie Andrés und Rodrigo in dem Beiboot, das Richtung Ufer auf einen langen Steg zusteuerte. Obwohl Nicolás sich langsam an den Luxus seines Vaters gewöhnt haben sollte, spürte er doch, wie er das Haus oben auf dem Felsen anstarrte. Ein moderner weißer Bau über zwei Etagen; die riesige, leicht nach außen gewölbte Fensterfront wurde nur von der Zwischendecke unterbrochen. Das von Säulen getragene Flachdach ragte ungefähr drei Meter über. Im Souterrain des Wohnhauses, das direkt auf dem Felsplateau gebaut war, befand sich eine imposante Holzterrasse mit Essplatz, Sonnenliegen und sogar einem Pool. Diesen fand Nicolás überflüssig, zumal über die Felsentreppe ein direkter Zugang zum Meer vorhanden war. „Chrystal wird uns etwas Gebäck und Café auf der Terrasse servieren.“ Sein Vater sah zu Catalina, „sehen Sie bitte zu, dass Nicolás‘ Werte in Ordnung sind.“ Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Uhr, „Doctor Ruiz wollte gegen neunzehn Uhr vorbeikommen.“ Nun wandte er sich an die Leibwächter. „Ich würde vorschlagen, Andrés, Sie begleiten Nicolás nach dem Café in den Trainingsraum.“ Andrés nickte. Gebäck und Café? Nicolás spürte erneut sein Entsetzen darüber, wie normal dieser Tag war. Sein Vater ging wie selbstverständlich zur Tagesordnung über, als sei nichts Besonderes vorgefallen. War sein eigenes fehlendes Trauergefühl womöglich gar keine Wahrnehmungsstörung, sondern das Erbe seines Vaters? Lagen nicht Welten zwischen dem, was er fühlen sollte und was er tatsächlich empfand? Weder um Juan noch um Falicia konnte er eine Träne vergießen, das war nicht normal. Er war nicht normal! Aber war er wirklich so ein gefühlskalter Kerl, dem das Schicksal anderer gleichgültig war? Woher kamen dann diese Schuldgefühle, die sich mit jeder Minute, die er darüber nachdachte, erdrückender anfühlten?