Dreck - Garry Disher - ebook

Dreck ebook

Garry Disher

0,0

Opis

Wyatt hat es auf die Lohngelder einer Baufirma abgesehen, die im australischen Busch eine Pipeline verlegt. Gemeinsam mit Leah, einer ehemaligen Prostituierten, stellt er ein Team zusammen, um den Geldtransporter abzufangen. Doch sie sind nicht die einzigen die Beute machen wollen. Zu allem Überfluss setzen die Mesics aus Sydney den suspendierten Ex-Bullen Letterman als Kopfgeldjäger auf Wyatt an, weil der Ihnen einst bei einem Drogendeal in Melbourne in die Quere kam. Alles in allem keine guten Voraussetzungen für Wyatt, um ungestört arbeiten zu können ...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 263

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Inhalte

Neuer Artikel

Neuer Artikel 1

Garry Disher
Dreck
Ein Wyatt-Roman
Eins
Die Arbeit war dreckig, die Kleinstadt ein Witz, aber für Wyatt zählten nur die Vorteile – kein Mensch kannte ihn, keine Bullen weit und breit und niemand rechnete mit einem Überfall auf die Lohngelder.
Als das Geld ankam, steckte er mit beiden Armen im Schmierfett. Aus einer Wolke aus Staub tauchte in Höhe des Friedhofs der Steelgard Security Van auf, schob sich hinter dem grünen Bowling-Clubhaus hoch, um vor dem Tor eines provisorisch errichteten Zauns zu bremsen, der das Baulager der Brava-Construction von dem kleinen Städtchen trennte. Er beobachtete, wie der Transporter langsam durch das Tor ins Lager hineinrumpelte und vor dem Büro der Bauleitung hielt, etwa fünfzig Meter entfernt von dort, wo Wyatt sich gerade die Hände schmutzig machte. Er sah auf die Uhr: Mittag. Zwei Männer stiegen aus, die sofort anfingen, Geldbomben ins Baubüro zu schleppen. Als einer von ihnen in seine Richtung blickte, beugte sich Wyatt rasch wieder über seine Arbeit und machte sich noch dreckiger.
Er wartete Getriebe in der Reparaturwerkstatt des Baulagers. Die letzten Donnerstage wurde er nördlich der Stadt eingesetzt, als Teil des Trupps, der die Pipeline über die Weizenfelder verlegte. Aber diesmal hatte er einem der Chilenen fünfzig Dollar gezahlt, damit er mit ihm tauschte, und nun steckte er bis zu den Ellbogen im Schmierfett und beobachtete die Ankunft des Geldes.
Normalerweise achtete Wyatt darauf, nicht mit dem Ort des späteren Geschehens in Verbindung gebracht zu werden. Wenn er in einer Stadt war, schlug er sein Lager in irgendeinem entfernteren Stadtteil auf und aus dem Nichts heraus zu. Doch das hier war keine Stadt, das war Belcowie. Einwohnerzahl: zweihundert, eine staubige Kleinstadt mit ein paar Farmen, drei Stunden nördlich von Adelaide. Dort gab es eine Four Square-Supermarktfiliale, eine Post, vier riesige Getreidesilos, eine Autowerkstatt mit einer einzigen Zapfsäule, eine Bank, die zwei Nachmittage die Woche geöffnet hatte, fünfzig Häuser, keine Polizeistation und einen Pub, der wahrscheinlich noch nie bessere Zeiten gesehen hatte.
Brava-Construction hatte hundertfünfzig Männer angeheuert, als sie den Auftrag zum Verlegen der Gas-Pipeline in der Tasche hatten. Durstig waren sie alle. Erstaunlicherweise war etwa ein Drittel von ihnen Mittel- und Südamerikaner. Der Boss, ein Argentinier namens Jorge Figueras, erzählte jedem, der es hören wollte, dass sein größtes Anliegen sei, den Armutsflüchtlingen und Verfolgten von Todeskommandos, Generälen und Kommunisten zu helfen. Die Verträge liefen über zehn Monate, und die Löhne waren hoch. Hundertfünfzig Männer à $1.500 die Woche, weitere $50.000 für Manager-Gehälter und Spesen, das machte zusammen mindestens $275.000. Außerdem fuhr der Steelgard-Van vorher zehn weitere Banken in einem Radius von hundert Kilometern an. Wenn die Fahrt dann in Belcowie endete, so weit Wyatts Berechnung, könnten alles in allem ganze $400.000 bei dem Raubüberfall rausspringen.
Es musste vor Ort ausgearbeitet werden. Zunächst hieß es beobachten und dann planen, und das brauchte seine Zeit. Es war also nicht ratsam, einen Touristen oder Geschäftsmann zu mimen – weder der eine noch der andere würde sich länger als unbedingt nötig in Belcowie aufhalten. Als einer von hundertfünfzig Hartgesottenen jedoch würde Wyatt unauffällig seinen Geschäften nachgehen können. Und wenn die Bullen sich am nächsten Zahltag durch die Befragung einiger hundert Einwohner und Bauarbeiter gearbeitet hätten, würde er längst verschwunden sein.
Die Sirene kündigte heulend die Mittagspause an. Wyatt streckte seinen steif gewordenen Rücken. Er war groß und wirkte geschmeidig, und sein Gesicht hatte etwas von der harten Schärfe, die einem Ärger vom Leib hielt, wenn die Latinos allzu hitzig wurden. Sie waren freundlich, aufgeweckt und sentimental und er kam gut mit ihnen aus. Aber manche glaubten, sie müssten sich beweisen, und er konnte manchmal fühlen, wie sie ihn beobachteten und mit Seitenblicken sein schmales, hakennasiges Gesicht und seine geschickten, muskulösen Arme taxierten.
Er durchquerte den Schuppen und gesellte sich zu den chilenischen Mechanikern an den Waschbecken. Aus dem Seifenspender ließ er Handreiniger in die Handflächen tropfen, verteilte ihn über Arme und Hände. In diesem Augenblick lief eins von Leahs Mädchen hinter dem Schuppen vorbei zu ihrem Wohnwagen. Die Chilenen johlten und pfiffen hinter ihr her, und einer von ihnen stieß Wyatt an, doch Wyatt interessierte die Frau nicht. Noch immer beobachtete er den Steelgard-Van, um sich jedes noch so kleine Detail zu merken. Wenn er nächsten Donnerstag zuschlug, sollte alles präzise wie ein Uhrwerk aufeinander abgestimmt sein.
Die Leute von Steelgard waren im Laufe der Jahre nachlässig geworden, so viel war sicher. Sie hatten ihren Sitz in Goyder, einer ländlichen Stadt siebzig Kilometer entfernt, und seit sie die Banken bedienten, hatte es nie Anlass gegeben, ihre Wachsamkeit zu erhöhen. Der Van war ein kleiner, wendiger Isuzu, mit Außenscharnieren an der hinteren Tür und ganz normalen Schlössern. Aber der Van war unwichtig. Wyatts Interesse richtete sich nicht auf das Fahrzeug; im Zentrum seines Interesses standen einzig die ziemlich lax arbeitenden Wachleute.
a) Kein Bulle weit und breit, der ein Auge auf Belcowie werfen konnte. Wenn der Pub zumachte, zeigte sich ab und zu eine Streife aus Goyder, aber höchstens für dreißig Minuten und gewöhnlich nur am Wochenende. Natürlich war nicht garantiert, dass die Polizei am nächsten Donnerstag nicht doch auftauchen würde. Aber während der heutigen Lieferung war sie nicht präsent, auch Leah hatte nie Bullen gesehen, deshalb hätte Wyatt wetten mögen, dass sie nächsten Donnerstag wiederum nicht dabei waren.
b) Um diese Zeit war das Lager nahezu menschenleer. Die einzigen, die dieses Brachland aus Betonrohren, Benzinfässern, Baufahrzeugen und provisorischen Gebäuden bevölkerten, waren Leahs Mädchen und eine Hand voll Angestellter und Mechaniker. Um vierzehn Uhr dreißig würde sich alles ändern, wenn die Bautrupps zurückkamen, um aufzuräumen und ihre Lohntüten in Empfang zu nehmen, aber Wyatt hatte die Absicht, am nächsten Donnerstag um diese Zeit bereits hundert Kilometer weiter weg zu sein.
c) Die Wachleute waren leichtes Spiel für ihn. Nur zwei Männer, denen noch dazu die Härte fehlte, die Wyatt meistens bei anderen Überfällen entgegenschlug. Weitere Nachlässigkeiten fielen ihm auf. Statt einen Mann den Van entladen zu lassen, während der andere Wache hielt, entluden sie ihn gemeinsam. Und von Brava half niemand anpacken.
Wyatt beobachtete, wie die Wachleute den Van abschlossen, sich Zigaretten anzündeten und hinüber zur Kantine schlenderten. Nach dem Mittagessen kamen sie zurück zum Büro, um die Fertigstellung der Lohntüten zu überwachen. Aber in der Zwischenzeit befand sich das Geld in der Obhut eines einzigen Mannes, des Lohnbuchhalters der Brava-Construction.
Genau dann würde Wyatt zuschlagen. Er brauchte nur noch eine Waffe, einen Partner und einen schnellen Wagen.
Zwei
Alles war so, wie Leah es beschrieben hatte.
Auf der Flucht nach einem vermasselten Überfall in Melbourne war Wyatt vor sechs Wochen bei ihr aufgetaucht. Seine Deckung war aufgeflogen, man suchte ihn wegen Mordes, er musste den Staat verlassen. Alles, was er besaß, waren einige Adressen und ein paar Dollar.
Als er mitten in der Nacht in Adelaide Hills ankam, war Leahs Haus völlig dunkel. Vorsichtig schlich er um das Haus herum, Türen und Fenster fest im Blick. Die Vorhänge im Erdgeschoss waren zugezogen, aber eins der beiden oberen nachtschwarzen Gaubenfenster war geöffnet. Er klopfte und wartete. Obwohl kein Licht anging, spürte er, wie sie plötzlich hinter der Tür stand. »Leah«, rief er leise.
Ihre Stimme war tief und hart. »Ja?«
»Wyatt.«
Sie öffnete die Tür, sah wie abgehetzt und blass er wirkte, und trat beiseite, um ihn einzulassen. Sie sagte nichts, auch dann nicht, als er seine .38er herausholte und damit durchs Haus schlich. Er musste es tun, sein Instinkt befahl es ihm einfach, also wartete sie, bis er wieder unten war.
»Wie lange diesmal?« fragte sie.
»Nicht lange. Eine Woche, vielleicht zwei.«
»Wyatt, seit fünf Jahren haben wir uns kein einziges Mal gesehen!«
Er nickte. In dem Augenblick merkte er, dass es wohl scherzhaft gemeint war. Er lächelte sein kurzes Haifischlächeln, wobei er den Mund irgendwie komisch verzog.
»Bist du wieder mal am Ende?« fragte sie.
»Nicht ganz.«
Sie nickte. »Du bist auf der Flucht«, sagte sie. »Sieht nicht nach einem Job aus.«
Wyatt betrachtete sie kurz. Sie hatte geschlafen und trug ein knielanges schwarzes T-Shirt. Ihre schwarzen Haare waren so kurz geschnitten, dass sie wie Stacheln vom Kopf abstanden. Sie war klein und wirkte gedrungen, doch er erinnerte sich gern an ihren runden, braunen Bauch und daran, wie flink und elastisch ihre Bewegungen waren. Jetzt erst fühlte er sich ruhig und sicher. Er steckte die Waffe weg und umarmte sie. Sofort verflüchtigte sich ihr ironischer Gesichtsausdruck. Sie schloss die Augen, holte tief Luft und öffnete sie wieder. »Okay, also gut«, sagte sie beinahe ärgerlich.
Am nächsten Morgen, in ihrem völlig zerwühlten Bett, erzählte sie ihm von den Lohntüten in Belcowie.
»Ein gottverlassener kleiner Ort«, sagte sie, »in der Mitte von nirgendwo. Dort ist niemals etwas passiert, bis zu dem Tag, als die Regierung beschloss, eine Gas-Pipeline zu verlegen und die Einwohner eines Morgens plötzlich hundertfünfzig geile Bauarbeiter vor der Tür stehen hatten.«
»In diesem Moment trittst du auf den Plan«, bemerkte Wyatt.
»Genau. Fünfzehnhundert Dollar die Woche und außer Bier und Poker nichts, für das man sie ausgeben könnte. Ich hab Jorge ein gutes Angebot gemacht – ich bringe die Mädchen, er kriegt zehn Prozent und eine stets zufriedene Truppe.«
Wyatt stützte sich auf seinen Ellbogen und berührte sie sanft. Eine eher unbewusste Bewegung, aber Leah verfolgte seine Hand aufmerksam, wie sie an ihrem Körper hinabglitt. »Das Geld«, sagte er.
Sie ließ sich nach hinten fallen. »Ich war kaum zwei Wochen da, um den Mädchen beim Einrichten zu helfen, die wichtigsten Regeln festzulegen und ’n paar Dinge zu klären. Zwei Mal hab ich gesehen, wie die Löhne kamen.«
»Einzelheiten«, sagte Wyatt.
»Donnerstag ist Zahltag. Der Van kommt kurz vor Mittag. Die Bewachung lässt zu wünschen übrig.«
Wyatt nickte. Er fing bereits an, dem Job in Gedanken Konturen zu geben. »Polizei?«
»Das nächste Polizeirevier ist eine Stunde entfernt. Als ich da war, habe ich keinen einzigen Bullen gesehen.«
»Was ist mit dem Lager? Wer ist da, wenn das Geld ankommt?«
»Kaum jemand. Die Bautrupps hören am Donnerstag gegen halb drei mit der Arbeit auf und kommen zurück, um ihren Lohn entgegenzunehmen, aber bis dahin herrscht Ruhe.«
»Wie viele Wachleute?«
»Ich habe nur zwei gesehen, jedes Mal dieselben. Sie bleiben, bis die Lohntüten verteilt sind und hauen gegen drei wieder ab.«
»Die Stadt?« fragte Wyatt. »Zeugen?«
»Das Lager liegt am Stadtrand auf dem Gelände einer ehemaligen Pferdekoppel. So weit ich mich erinnere, ist da noch ein Bowling-Club und gegenüber sieht man ein paar Hinterhöfe, das ist alles. Ein ziemlich toter Ort.«
Wyatt lenkte seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf sie. Sie lachte und räkelte sich. »Das gefällt dir, hm?«
»Ich werde es überprüfen.«
»Ich kann Jorge bitten, dir dort einen Job zu geben.«
Sein Gesicht hatte müde und abgespannt gewirkt, aber nun bemerkte sie, wie es sich straffte. »Nein! Keine Querverbindungen.«
»Bleib locker«, sagte sie, dehnte sich und schloss die Augen.
Ein paar Tage später fuhr sie ihn zu einer Bushaltestelle im Zentrum von Adelaide. Der Bus nach Broken Hill kam bis auf etwa zwanzig Kilometer an Belcowie heran und den wollte er nehmen. An einer Kreuzung in der Wüste, bei einem unscheinbaren Malleebusch, stieg er aus und ging zu Fuß weiter. Nach einer Stunde Marsch wurde er von einem Postauto mitgenommen, das ihn am Stadtrand von Belcowie absetzte. Es war früher Nachmittag. Wyatt kannte sich mit Motoren aus, er war kräftig und konnte einen Lastwagen fahren. Um vier Uhr hatte ihn Jorge Figueras für das Pipeline-Projekt und $1.500 die Woche eingestellt.
Drei
Während er sich nun die Hände trocknete und den Lagerhund dabei beobachtete, wie er sein Bein hob und den Van anpisste, entschied Wyatt, wie es ablaufen würde. Sobald das Geld ausgeladen und das Zahlbüro fast unbeaufsichtigt war, würde er zuschlagen. Nur wenige Minuten später würde er sich mit zwei bewaffneten Männern und einhundertfünfzig Lohntüten herumschlagen müssen. Ihm blieben nun sieben Tage, um ein gutes Team zusammenzustellen und ein paar gestohlene Autos zwischen Belcowie und Adelaide in Stellung zu bringen, mit denen er fliehen konnte.
»Hey, Gringo, Essen fassen!«
Es war der Vorarbeiter aus der Reparaturwerkstatt. Er hieß Carlos und wartete mit einer Gruppe anderer Chilenen auf Wyatt.
Aber Wyatt musste scharf nachdenken. Er starrte durch die Chilenen hindurch. Die zuckten die Achseln, drehten sich um und gingen über den staubigen Hof in Richtung Kantine.
Wyatt sah auf seine Uhr. Fünfzehn Minuten später verließ er den Schuppen und machte die Runde am Büro vorbei bis zum vorderen Tor. Er konzentrierte sich, prägte sich die zeitlichen Dimensionen und die Topographie der Stadt und des Baulagers ein. Die Wohnwagen von Leahs Mädchen lagen ein paar hundert Meter von den Schlafräumen der Männer entfernt, zur Stadt hin abgeschirmt durch hohe Gummibäume. Der Grenzzaun verlief parallel zum östlichen Stadtrand, und die Stadt selbst dehnte sich von Nord nach Süd etwa drei Kilometer weit aus. Danach war weit und breit nichts außer ausgetrocknetem Farmland und ein paar Hügeln in der Ferne.
Eine plötzliche Bewegung auf einem staubigen Grundstück gegenüber ließ ihn aufmerken. Vor einem Monat noch hatte das Grundstück leer gestanden, und wenn das Baulager weiterzog, würde es wieder leer stehen. Aber im Augenblick war es die Filiale eines schäbigen Autohändlers, Trigg Motors mit Sitz in Goyder, der ständig ums Überleben kämpfte. Ein halbes Dutzend gebrauchter Holden setzte Staub an unter den von der Sonne ausgebleichten Plastikfähnchen, die über den Hof gespannt waren. Die Plane eines Anhängers bauschte sich im Wind auf. Heute war Trigg persönlich anwesend, ein kleines Frettchen in der Kluft eines Viehzüchters, bei dem Versuch, ein Verkaufsschild an der Windschutzscheibe eines 1973er Kingswood anzubringen. Am Zahltag, wenn die Südamerikaner Geld in den Taschen hatten, war Trigg immer persönlich anwesend. Offenbar gefiel es ihm, mit ihnen zu feilschen. Wyatt wandte sich wieder ab. Trigg würde den Überfall nächste Woche sicher mitbekommen, aber er war keine Bedrohung.
Als nächstes wollte sich Wyatt ein genaueres Bild von den Wachleuten machen. Der Fahrer des Van kam gerade aus der Kantine. Wyatt blickte auf einen großen, feisten Mann mit weichen Konturen und tiefen Sorgenfalten, die sich auf seiner niedrigen Stirn zusammenzogen. Das Namensschild auf seiner Uniform vermerkte: ›Venables‹. Wyatt drehte sich um und sah ihm hinterher. Venables grunzte während des Gehens vor sich hin. Er wirkte angespannt und hatte X-Beine, sein breiter Hintern füllte seine Hose voll aus.
Wyatts Interesse an Venables beschränkte sich lediglich auf dessen Fähigkeit, möglicherweise einen Raubüberfall zu vereiteln. Doch dann tat dieser Mann etwas Unerwartetes: Er ging nicht ins Zahlbüro, sondern zum Eingangstor hinaus, über den Kiesweg rüber zu Triggs Autohof. Dort beriet er sich kurz mit Trigg, dann verließen beide Männer das Grundstück, gingen die Straße entlang und um die Ecke in den Pub.
Wyatt hörte hinter sich Gepolter. Carlos kam aus der Kantine. Er tippte mit dem Finger auf seine Armbanduhr und rief Wyatt grinsend zu: »Fünfzehn Minuten, okay, Gringo?«
Wyatt grinste zurück. »Si Senor«, sagte er und ging in die Kantine, um einen Blick auf den anderen Wachmann zu werfen.
Um drei Uhr passierte alles auf einmal.
Obwohl die Trupps der Pipeline-Verleger und Grabenzieher bereits zurück waren, die Duschen schon heißliefen und die ersten Männer sich vor dem Zahlbüro formierten, war Wyatt noch in der Werkstatt und bastelte an einem Schaltkasten. Immer misstrauisch und auf der Hut, war er der Erste, der die nahende Aufregung bemerkte. Es begann mit den Autos und Transportern ohne jede Aufschrift. Zehn an der Zahl, alle weiß. Etwa die Hälfte fuhr ins Baulager, die anderen bezogen draußen vor dem Tor Stellung.
Wyatt wusste zwar nicht, was sie suchten, was er aber sehr genau wusste, war, dass sich seine Fingerabdrücke und seine Beschreibung hinterher in irgendeiner Akte befinden würden. Keine Zeit also, hier länger rumzustehen und zu warten, bis er es genauer wusste. Sein Revolver und der größte Teil seines Geldes waren bei Leah, um die paar Dinge im Schließfach neben seiner Koje brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Er trat leise einen Schritt zurück, um nicht gesehen zu werden, und sah, wie etwa dreißig Männer aus den Fahrzeugen stürmten. Neben den Uniformierten gab es auch Bullen in Zivilkleidung, aber sein Interesse konzentrierte sich auf die Abzeichen an den Uniformen. Diese Bullen waren nicht von der Landespolizei. Das war Bundespolizei.
Eine Gruppe Chilenen vor dem Zahlbüro probte plötzlich einen sinnlosen Fluchtversuch. Es kam zu einem Handgemenge, an dem bald alle Polizisten beteiligt waren.
Illegale, dachte Wyatt. Dieser beschissene Jorge hat Kerle ohne Aufenthaltsgenehmigung eingestellt.
Er kroch in den Schatten. Auf Triggs Gelände gegenüber standen mehrere Kingswoods. Wyatt konnte Kingswoods mit verbundenen Augen kurzschließen.
Vier
»Ich schaff das, Ray, das weißt du«, betonte Tub Venables.
Raymond Trigg verdrehte die Augen. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und der Rauch trieb ihm in die Augen. »Ich weiß, Tub. Die Frage ist nur: Wann?«
Der Autohändler und der Fahrer des Geldtransporters standen im Pub des Belcowie Hotels, einem düsteren Raum, der nach abgestandenem Bier roch, und die laminierten Oberflächen der Tische und das gesprungene, braune Linoleum auf dem unebenen Boden waren der einzige Glanz in dieser Hütte. Es war halb drei und sie waren schon seit ein Uhr hier. Trigg nuckelte kleine Gläser Southwark Light, während Venables krugweise Fassbier saugte. Bald würden die Chilenen mit ihren Lohntüten rüberkommen, aber inzwischen musste Trigg Tub Venables daran hindern, vollends zusammenzubrechen. »Du solltest mehr Verantwortung zeigen, mein Junge«, sagte er. »Fünftausend Dollar – das ist ’ne Menge Geld.«
»Zinsen«, stöhnte Venables. Er schwitzte immer, wenn er Angst hatte. Außerdem stützte er sich auf den Tresen und seine Ellbogen waren nass. »Ich habe den Kredit zurückgezahlt, aber du berechnest mir Zins um Zins. So schaff ich das nie.«
»So ist das nun mal, Tub. Fünftausend Dollar Kredit kosten dich fünfhundert die Woche an Zinsen. Die fünftausend müssen in einer Summe zurückgezahlt werden, du kannst also nicht fünfhundert Dollar Zinsen die Woche und hundert oder so von der Kreditsumme zurückzahlen. Das habe ich dir von Anfang an gesagt. Du hättest eben nicht so viel leihen dürfen.«
Venables’ fettes Gesicht faltete sich zusammen und zeigte einen Anflug von Gerissenheit. »Ich könnte einfach nicht mehr zahlen.«
»Ach komm schon, Tub. Du weißt genau, was passiert, wenn du das tust.«
Venables blickte düster in sein Bierglas. Er konnte Trigg nicht ausstehen. Trigg war ein zu kurz geratener, dürrer Kerl, der diese Tatsachen des Lebens mit seinen Hosenschützern aus Seehundfell, einem Akubra-Hut und den Cowboystiefeln mit Gummizug vergessen machen wollte. Als ob er über Hunderte von Schafen herrschte, anstatt bloß Besitzer einiger popliger Gebrauchtwagen zu sein. Aber er wusste, er durfte diesen Mann nicht unterschätzen, denn Trigg war auch als Kredithai und Spendenbetrüger im Einsatz. Die Konjunkturflaute hatte ihn geizig und äußerst reizbar gemacht. Fühlte er sich angegriffen, würde er sofort Happy Whelan vorbeischicken, seinen Mechaniker, ein ganz und gar hirnloser, hünenhafter Schlägertyp, der einem das Genick schneller brach, als man schauen konnte.
»Du trinkst zu viel«, bemerkte Trigg. »Pass bloß auf. Das, die Pferde und teure Weiber, Tub, du wirst noch Schiffbruch erleiden, bevor du fünfzig bist. Dann seh ich meine Kohle nie wieder.« Er stieß den fetten Mann an. »Um Himmels Willen, Tub, das sollte ’n Witz sein.«
Venables sah ihn an. »Ich brauche nur ’n bisschen mehr Zeit. Ich hab keinen Bock, dass der dämliche Happy an meine Tür klopft.«
Ray Triggs blutleere Lippen verzerrten sich zu einem Lächeln. »Du klingst wie ’ne Schallplatte mit Sprung, Alter.« Er sah auf seine Uhr. »Solltest du nicht zurück zur Arbeit? Dein Kumpel wird sonst sauer. Ich meine – könnte doch jemand die Lohngelder klauen.«
»Nie und nimmer«, sagte Venables und hob seinen Arsch vom Barhocker.
Er wartete und beobachtete, wie Trigg ebenfalls herunterkletterte. Er fühlte einen gefährlichen Impuls, den kleinen Mann an den Achseln zu fassen und ihn mit beiden Beinen auf die Erde zu stellen. Er hasste Triggs eingefallenes Gesicht, die sauberen, kleinen Hasenzähne, seine extra hohen Absätze.
Trigg schien seine Gedanken zu lesen. Plötzlich nahm sein Gesicht einen maliziösen Ausdruck an. »Die Transporter wurden gestern für in zwei Wochen gebucht, stimmt’s?«
Venables nickte. Triggs Autowerkstatt in Goyder hatte den Wartungsvertrag für die Steelgard-Transporter.
»Dann will ich tausend, und keinen Penny weniger«, sagte Trigg.
Er drehte sich um, lief zur Tür, nickte noch schnell dem Wirt und dem einzigen anderen Kunden zu, einem Farmer aus der Gegend, der eben ein schnelles Bier zischte.
»Gegenüber im Baulager ist irgendwas los«, sagte der Wirt.
Trigg blieb stehen. Der Wirt putzte seine Gläser, während er aus dem Fenster auf das Lager blickte, das hinter der weinumrankten Veranda lag.
Der Farmer drehte den Kopf, um das Geschehen in Augenschein zu nehmen. Ebenso Trigg und Venables. Verwundert starrten sie auf die weißen Autos und Transporter. Polizisten und wutentbrannte Bauarbeiter bildeten ein festes Knäuel.
»Sieht aus wie ’ne Razzia«, sagte Trigg.
Während sie dem Ganzen draußen folgten, löste sich eine große Gestalt aus dem Schatten eines Schuppens, kletterte behende über den Zaun und ließ sich auf die andere Seite fallen. Noch bevor er die Erde berührt hatte, war er schon losgerannt. Seine Bewegungen hatten etwas Entschlossenes und äußerst Geschmeidiges.
Venables und Trigg stießen die altmodische Schwingtür des Pubs auf. Die Straße war menschenleer. Vom Baulager drangen noch Rufe und Kampfgeräusche herüber, aber der Mann von eben war bereits verschwunden.
Dann hörten sie das Starten eines Wagens, der unmittelbar darauf mit leichten Schleuderbewegungen in die Straße einbog. Die Kotflügel berührten den Kies, und er beschleunigte mit laut aufheulendem Motor. Es war ein großer, angestaubter Ford, und einen Moment lang war ihnen, als könnten sie die intensive Anspannung und die Entschlossenheit des Mannes hinter dem Steuer körperlich spüren.
Trigg platzte vor Wut und stampfte mit seinen kleinen Füßen auf. »Dreckskerl! Er hat den LTD geklaut.« Er reckte die Fäustchen in die Luft und drohte der sich entfernenden Staubwolke hinterher. »Du bist Asche, Kumpel.«
Fünf
Im LTD steckte der Schlüssel. Deshalb hatte Wyatt ihn gewählt, anstatt kostbare Zeit damit zu vergeuden, eine der Rostlauben vom Gebrauchtwagengelände kurzzuschließen. Er fuhr von Belcowie nach Norden in mörderischem Tempo und spürte, wie der Ford bockte und schlingerte, wenn er in Schlaglöcher fuhr. Einmal verlor er die Kontrolle, die Reifen drehten auf dem Kies durch und er schleuderte gegen den Pfosten einer Hochspannungsleitung. Danach drosselte er die Geschwindigkeit. Ein Kotflügel war verbogen, schabte gegen den Vorderreifen, und Wyatt war gezwungen, Richtung Terowie einzubiegen, einer kleinen Stadt an der Straße nach Broken Hill. Hier hatte schon General MacArthur 1942 kurz angehalten – mehr wusste Wyatt über diesen Ort auch nicht.
Binnen fünf Minuten hatte er einen neuen Wagen gestohlen. Diesmal fuhr er nach Süden und blieb auf der Hauptstraße. Je näher Adelaide rückte, desto zivilisierter wurde die Landschaft. Die Städte lagen dichter beisammen, die Farmen wirkten weniger verwittert. Doch Wyatt befürchtete, in eine Straßenkontrolle zu geraten. Bei Tarlee bog er ab nach Nuriootpa und kurvte durch die kleinen Ortschaften, Weingüter und verschlafenen Touristenstraßen des Barossa Valley. Dann – er wollte sie glauben machen, sein Ziel sei Melbourne – fuhr er Richtung Südosten zur Murray Bridge. Dort ließ er den Wagen stehen und nahm den Zug nach Adelaide. In Adelaide Hills stieg er aus.
Die letzten zehn Kilometer zu Leahs Haus ging er zu Fuß. Er nahm kleine Seitenwege, die von Brombeerbüschen gesäumt waren. Langsam hörte sein Herz auf zu pochen. Die Hügel erinnerten ihn an die kleine Farm an der Küste Victorias, die er vor ein paar Wochen hatte verlassen müssen. Die gleichen Obstplantagen und dickwolligen, weißen Schafe, die gleichen geometrischen Muster aus Straßen, Pferdekoppeln, Hecken und Ortschaften. Nur das Meer fehlte. Er holte tief Luft, spürte wieder Leben.
Die Spannung wich aus seinem Körper, und er machte sich Gedanken über die Risse, die die Steelgard-Operation nun leider durchzogen hatten. Wyatt war nicht so töricht, unnötig Risiken einzugehen. Ein Überfall auf den Belcowie-Lohntransport war nun gefährlicher als vorher, aber er hielt das Risiko für kalkulierbar. Er fühlte sich leicht frustriert, aber mit Frustrationen hielt er sich in der Regel nicht lange auf.
Wyatt war vierzig. Anständige Männer in seinem Alter zählten bereits die Jahre bis zur Rente. Die Hartgesottenen unter ihnen waren entweder tot oder hinter Gittern. Wyatt war anders. Nie hatte ihn auch nur der blasseste Zweifel gestreift; Unsicherheit oder persönliche Grenzen waren ihm fremd. Er operierte auf der Grundlage eiskalter Überlegung. Bei einem Job konnte er alles auf das Wesentliche reduzieren, seine Arbeit verriet eine präzise, harte Handschrift.
Das Wesentliche war hier offenkundig – die Steelgard-Geschichte war riskant, besonders nach seiner Flucht aus Belcowie. Die Wachleute schienen naiv und phlegmatisch, die Lieferung lief immer nach demselben Muster ab und die Sicherungsvorkehrungen waren miserabel. Dennoch musste das Wie und Wo geändert werden. In Belcowie, insbesondere im Brava-Baulager, würde in den nächsten Wochen eine angespannte Atmosphäre herrschen.
Er hörte, wie hinter ihm ein Wagen in den ersten Gang hinuntergeschaltet wurde, um sich den Berg hochzuarbeiten. Er trat von der Straße weg zwischen ein paar Bäume. Das Fahrzeug kam heran, ein grüner Land Rover mit Hunden und aufgerolltem Maschendrahtzaun auf der Ladefläche.
Als er außer Sicht war, ging Wyatt weiter. Zehn Minuten später erreichte er Leahs Heimatstädtchen. Heindorf hieß es und verwies ohne Umschweife auf den deutschen Einfluss, dem die Steinhäuschen, die liebevoll bemalten Müllbehälter aus Holz und die seltsamen Bäume seit mindestens einem Jahrhundert ausgesetzt waren.
Er hatte ihre Straße erreicht und bückte sich, als wollte er sich die Schuhe binden. Nichts, was nicht sein sollte, wie es war. Die Autos waren dieselben, die schon vor ein paar Wochen hier gestanden hatten. Niemand weit und breit. Er richtete sich wieder auf und ging weiter. Leahs Haus lag auf halber Strecke. Alles schien in Ordnung. Die Straße machte eine Kurve und endete an einem Kiefernwäldchen. Er kletterte über den Maschendrahtzaun, lief unter den Bäumen durch und kam zum Hintereingang von Leahs Haus. Er hielt Ausschau nach irgendwelchen Lebenszeichen auf den Nachbargrundstücken. Aber es waren keine Fenster direkt einsehbar, nur Zäune und die Obstbäume der Hintergärten. Es war früh am Abend. Hier und da brannte bereits Licht.
Leah hockte, bewaffnet mit einer Handschaufel, am Rand eines Erdbeerbeets, als er über ihren Zaun sprang. Er landete geschickt und duckte sich, reglos wie eine erschreckte Katze in der Dämmerung. Sein Kommen schien sie nicht zu überraschen. Sie rammte lediglich die Schaufel in die schwarze Erde und erhob sich.
»Ich hab’s in den Sechsuhrnachrichten gehört«, sagte sie und rieb sich die Hände an den Jeans sauber.
»Einwanderungsbehörde?«
Sie nickte. »Acht von Jorges Chilenen wurden festgenommen.«
»Irgendetwas über mich?«
»Nur, dass ein Mann in einem gestohlenen Wagen entkommen ist«, sagte Leah.
Dann mit bitterem Unterton. »Ich musste meine Mädchen abziehen. Die Bundespolizei ist ziemlich rabiat geworden.« Sie schüttelte den Kopf. »Das war eine Goldgrube, Mann.«
Hier war eine Depression im Anrollen. Wyatt kannte sie gut genug, um die Zeichen richtig zu lesen. Manchmal ließ sie sich einfach fatalistisch in die Dunkelheit ihrer Seele fallen, wenn sie Misserfolge einstecken musste, die dann auch ihr Make-up nicht abdecken konnte. Sie hielt ihre Vergangenheit für ein Joch. Seit Jahren war sie im Geschäft, nun ließ sie selbst Mädchen für sich arbeiten, die einst genauso werden würden wie sie. Sie meinte, sie könne noch glücklich werden, wenn sie aus diesem Muster ausbrechen würde. Sie brauche einen glücklichen Zufall, sagte sie manchmal. Glück und Geld.
»Ich habe nachgedacht«, sagte Wyatt.
»Ja, das kannst du gut, Wyatt.«
Er rückte damit raus: »Ich will doch einen Anschlag auf die Lohngelder versuchen. Dazu brauche ich deine Hilfe.«
Er wusste, dass sie Aktionen liebte, besonders wenn sie depressiv war. Er sah sie an. Normalerweise empfand er sie als absolut ernste Schönheit, die kaum lächelte oder andere Zeichen von Lebendigkeit aussandte, nun aber breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. Sie zog die Nase kraus. Das veränderte ihre ganze Erscheinung.
Sechs
Triggs Tag fing schlecht an und wurde immer schlimmer. Zuerst stolperte er über einen Artikel in der Cosmopolitan. Er saß im Salon »Schneiden & Trocknen«, um sich die Dauerwelle auffrischen zu lassen, weil er hoffte, so ein paar Zentimeter an Größe zu gewinnen. Kerzengerade saß er unter der Trockenhaube und blätterte, als er den Artikel ›Sind kleine Männer wirklich sexy?‹ entdeckte und der sofort seine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Raelene befreite ihn von der Haube, bevor er zum Ende kam, aber immerhin hatte er bereits zur Kenntnis genommen, dass der Hollywood-Schauspieler Alan Ladd offenbar so klein gewesen war, dass er alle Liebesszenen von einem kleinen, für die Kamera unsichtbaren Podest aus zu bewerkstelligen hatte.
Später, als Trigg durch die Hauptstraße von Goyder schlenderte, hörte er, wie zwei Leute spöttische Bemerkungen über den LTD machten, der gestern in Belcowie gestohlen worden war; überdies spiegelte eine Schaufensterscheibe sein Ebenbild mit luftiger Dauerwelle wider, die von seinem Kopf abstand, als hätte er soeben in eine Steckdose gegriffen. Seine an den Seiten dehnbaren, mit kubanischen Absätzen versehenen Stiefel schienen sich auf einmal ebenfalls bis zur Größe von Fußbällen auszudehnen. Ihm kam es plötzlich so vor, als machte sich ganz Goyder über ihn lustig. Dieses Gefühl belastete ihn so, dass er kurzerhand in die Drogerie marschierte, um eine Tube Pomade zu kaufen. Später dann im Geschäft, bei Trigg Motors, pappte er damit sein Haar zurück an den Schädel und empfing vom Schreibtisch aus Kunden in Audienz.
Er hatte die Bürgermeisterin gebeten, zum Lunch vorbeizuschauen. Als sie kam, musste er sich zwangsläufig erheben, denn es stand einiges auf dem Spiel. Sie erschien um zehn vor drei, zwanzig Minuten verspätet, und er führte sie zunächst durch den Showroom, vorbei an den Service-Stellen und zu den Parkplätzen von Trigg Motors. Er redete sie mit ›Meine Verehrteste‹ an.
Dann geleitete er sie zurück ins Büro. »Kaffee?« fragte er. »Tee? Vielleicht etwas Stärkeres. Ich habe Sherry, Gin und Tonic, Cola-Rum?«
Der spitze Mund der Bürgermeisterin verzog sich. Sie schien zu schnauben. »Ich fürchte, ich muss gehen, die Kammer wartet auf mich«, presste sie hervor.
Trigg war klar, dass er verloren hatte. Aber noch war Unternehmergeist in ihm, und so klatschte er in die Hände und sagte: »Ich werde mich kurz fassen. Seit zehn Jahren bin ich in dieser Stadt. Trigg Motors ist eine ziemlich große Firma, ich beschäftige eine Menge Leute, nicht zu vergessen die damit verbundenen positiven Effekte auf die hiesige wirtschaftliche Lage. Die Stadt hat mir viel ermöglicht, ich möchte ihr gern etwas zurückgeben.«
»Mr. Trigg –«
»Die Nominierung für den Gemeinderat nächsten Monat – ich möchte mich als Kandidat der Liberalen zur Verfügung stellen«, unterbrach Trigg. »Als Gemeinderat könnte ich viel für diese Stadt tun.«
Die Bürgermeisterin wich zurück in Richtung Tür. Sie war ein kleines, ordentlich geschnürtes Päckchen aus hochformellem Frühlingskostüm, steifer Frisur und Handtasche, und Trigg konnte sich des Verlangens kaum erwehren, sie hinauszuschubsen. »Ach, das tut mir Leid«, sagte die Bürgermeisterin, »für den Rat hat die Partei bereits jemand anderen vorgesehen.«
»Das ging aber schnell«, entfuhr es Trigg spontan.
»Mr. Trigg, es gibt Verfahren, an die wir uns halten müssen. Langjährige Verdienste für die Partei und so weiter.«
Trigg lag auf der Zunge zu sagen: Und altes Geld. Und Speichellecker. Er hielt sich zurück und bemühte sich um einen ruhigen Ton. »Vielleicht könnte ich noch eine Unterredung mit dem Ortsverband der Partei anregen?«
Die Bürgermeisterin wich nun nicht mehr aus, sie schien zu einer Entscheidung gelangt. Das Kinn in die Höhe gereckt und in kerzengerader Pose, sagte sie: »Sie sollten wissen, dass wir es uns nicht leisten können, etwas zu tun, was Anlass zu Spekulationen gibt.«
Triggs Gesichtszüge veränderten sich. »Spucken Sie es aus«, knurrte er.
Die Bürgermeisterin wurde rot. »Gerüchte … Es tut mir wirklich Leid, Mr. Trigg.«