Port Vila Blues - Garry Disher - ebook

Port Vila Blues ebook

Garry Disher

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Opis

Wyatt erbeutet bei einem Einbruch in dem Haus einer Politikerin $ 50.000 und ein gesuchtes Schmuckstück und hat bald nicht nur die Polizei, sondern auch dubiose Typen am Hals. Doch in diesem Spiel bestimmt Wyatt die Regeln, und Angriff ist die beste Verteidigung. Fernab der Heimat, auf einem Anwesen an den Klippen des tropischen Südseehafens Port Vila, macht er den Drahtzieher ausfindig.

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Port Vila Blues

Ein Wyatt-Roman

Garry Disher

Inhaltsverzeichnis

Kapitel EINS

Kapitel ZWEI

Kapitel DREI

Kapitel VIER

Kapitel FÜNF

Kapitel SECHS

Kapitel SIEBEN

Kapitel ACHT

Kapitel NEUN

Kapitel ZEHN

Kapitel ELF

Kapitel ZWÖLF

Kapitel DREIZEHN

Kapitel VIERZEHN

Kapitel FÜNFZEHN

Kapitel SECHZEHN

Kapitel SIEBZEHN

Kapitel ACHTZEHN

Kapitel NEUNZEHN

Kapitel ZWANZIG

Kapitel EINUNDZWANZIG

Kapitel ZWEIUNDZWANZIG

Kapitel DREIUNDZWANZIG

Kapitel VIERUNDZWANZIG

Kapitel FÜNFUNDZWANZIG

Kapitel SECHSUNDZWANZIG

Kapitel SIEBENUNDZWANZIG

Kapitel ACHTUNDZWANZIG

Kapitel NEUNUNDZWANZIG

Kapitel DREIßIG

Kapitel EINUNDDREIßIG

Kapitel ZWEIUNDDREIßIG

Kapitel DREIUNDDREIßIG

Kapitel VIERUNDDREIßIG

Kapitel FÜNFUNDDREIßIG

Kapitel SECHSUNDDREIßIG

Kapitel SIEBENUNDDREIßIG

Kapitel ACHTUNDDREIßIG

Kapitel NEUNUNDDREIßIG

Kapitel VIERZIG

Kapitel EINUNDVIERZIG

Kapitel ZWEIUNDVIERZIG

Kapitel DREIUNDVIERZIG

Impressum

Zum Autor

Zu den Übersetzern

Pulpmaster Backlist

EINS

Carlyle Street, Double Bay, sieben Uhr an einem klaren, kühlen Dienstagmorgen. Hinter den verschlossenen Türen der von der Straße weit zurückgesetzten Häuser erwachte das Leben, Leute kochten Kaffee oder standen schlaftrunken unter der Dusche. In Wyatts Vorstellung roch es nach Kaffee und gluckerte Wasser in Abflussrohren.

Anders in der Carlyle Street 29. Nach Jardines Informationen würde das Haus in den nächsten Tagen verwaist sein. Es war der Wohnsitz von Cassandra Wintergreen, ihres Zeichens Mitglied des Parlaments und Labor-Abgeordnete für den Wahlkreis Brighton und momentan auf einer Informationsreise in Dili.Salonmarxistin, zählte früher zu den Nationalisten in der ALP, hatte Jardine noch auf den Zettel gekritzelt. Das sagte Wyatt gar nichts. Er ging nie zur Wahl. Und wenn er überhaupt mal Zeitung las, dann in Hinblick auf einen möglichen Coup und nicht irgendwelcher politischer Querelen wegen. Ihn interessierte die Wintergreen nur insofern, als sie 50.000 Dollar in ihrem Schlafzimmersafe gebunkert hatte: Laut Jardine Schmiergeld von einem dankbaren Bauunternehmer, der sie gebeten hatte, sich in eine Auseinandersetzung einzuschalten, bei der es um die Konzeption des Zugangs zu einer Ladenpassage ging, die er in ihrem Wahlkreis errichten wollte.

Wyatt setzte seine Beobachtung fort. Wenn er ein Objekt ausspionierte, achtete er auf alles, mochte es auch noch so banal sein, wohl wissend, dass etwas, was heute unbedeutend war, morgen bereits entscheidend sein konnte. Auskundschaften mit System: zuerst ein allgemeiner Überblick, dann die genaueren Details. Auskundschaften der Wege und möglicher Hindernisse — eine Abfalltonne oder eine Spalte im Pflaster —, die eine Flucht vereiteln könnten.

Die lange Straßenfront des Grundstückes verfügte über zwei Tore, Wegweiser zu einer Auffahrt, die in einer Biegung hinauf zum Hauseingang verlief und von dort wieder hinunter auf die Straße führte. Büsche und kleine Bäume trennten die Vorderfront des Hauses vom Fußweg und schirmten das Haus von den Nachbargrundstücken ab. Das alles roch nach Geld und Selbstbewusstsein.

Selbstbewusstsein. Wyatt war in engen Seitenstraßen groß geworden. Seine Mutter hatte nie über seinen Vater gesprochen und Wyatt besaß keine Erinnerungen an diesen Mann. Sein starkes Selbstbewusstsein hatte sich Wyatt in jenen engen Straßen erarbeitet. Später hatte er Bücher gelesen, beobachtet, zugehört und selbstständig gehandelt und so seine Überzeugungen und sein Selbstbewusstsein kultiviert.

Jardines Grundrisse von Nr. 29 zeigten einen Flur, rechts und links davon zwei große Vorderzimmer und eine Reihe weiterer Zimmer im rückwärtigen Teil des Hauses und in der ersten Etage. Jardine hatte Wyatts Aufmerksamkeit auf drei mögliche Probleme gelenkt. Erstens wurde das Haus einmal am Tag, gewöhnlich um Mitternacht, von einem Sicherheitsdienst kontrolliert; zweitens war die Alarmanlage mit dem örtlichen Polizeirevier verbunden; drittens hatte Jardine die Codes der Alarmanlage nicht beschaffen können, dafür aber die Kombination für den Safe der Wintergreen, ihr Geburtsdatum: 27.03.48. Jardines Jobs basierten auf Informationen, geliefert von Sachbearbeitern aus den Schadensabteilungen der Versicherungsgesellschaften und von Handwerkern, die Alarmanlagen installierten, oder auf Observationsberichten und Protokollen abgehörter Gespräche, zugespielt von korrupten Privatdetektiven. Oder auf der einen oder anderen Bemerkung aus dem Munde eines Maklers, Chauffeurs, Taxifahrers, Bankangestellten, Croupiers oder großmäuligen Klubmitglieds.

Wyatt observierte weitere fünf Minuten. Es war die Variable in jeder Situation, die ihn stimulierte. Er wusste, ohne die ihm zur Gewohnheit gewordene permanente Wachsamkeit büßte er seinen Vorteil ein und das konnte die tödliche Kugel oder eine Klinge oder zumindest Handschellen bedeuten, die sich um seine Handgelenke schlossen.

Es gab immer Unvorhergesehenes, was Planung und Routine sabotieren konnte, einen Verkehrsstau, die leere Batterie, den leeren Safe. Aber auf derartige Zwischenfälle konnte man nie völlig vorbereitet sein, also hoffte man, dass sie sich nie ereigneten. Ereigneten sie sich dennoch, versuchte man, sie so zu nehmen, wie sie kamen, und hoffte, dass sie einen nicht zu Fall brachten. Unbeteiligte Zuschauer waren oftmals das Schlimmste, was passieren konnte. Egal ob Mann, Frau oder Kind, sie waren immer unberechenbar. Gerieten sie in Panik? Stellten sie sich in die Schusslinie? Versuchten sie, den Helden zu spielen? Wyatt hasste es, wenn jemand verletzt oder getötet wurde — nicht weil es ihm nahe ging, sondern weil es die Leute aufregte, insbesondere die bei der Polizei.

Überzeugt davon, dass das Haus leer war, ging Wyatt hinüber zu Nummer 29, jeder seiner Schritte begleitet von einem energischen Knacken seiner Lederschuhe. In seinem dunklen, zweireihigen Mantel, mit Hemd und Krawatte, eine schwarze Aktentasche schwingend, hätte er der erste Geschäftsmann sein können, der an diesem Morgen auf den Beinen war. Bald schon würden Autos rückwärts aus Auffahrten herausfahren, Auspuffgase in der Luft hängen, aber momentan war Wyatt die einzige Gestalt draußen auf den langen Straßen der Wohlhabenden von Double Bay.

Er blieb an der Auffahrt stehen. Direkt neben ihm, im Rinnstein, lag eine zusammengerollte Zeitung. Wyatt hatte sie dort unbemerkt in den frühen Morgenstunden fallen lassen, doch jetzt könnten Beobachter hinter benachbarten Fenstern sehen, wie er sich bückte, die Zeitung aufhob, dastand und unschlüssig die Auffahrt hinaufblickte, als beschäftige ihn die Frage, ob er die Zeitung mitnehmen oder wieder hinlegen solle, wo sie beschädigt oder gestohlen werden könnte. Man sähe, wie er sich entschied. Man sähe ihn die Auffahrt hochgehen, einen freundlichen Fußgänger, der mit der Zeitung gegen sein Knie klopfte.

Die vorderen Fenster waren weder von der Straße noch von den umliegenden Häusern einsehbar. Wyatt schwang die Aktentasche und schlug das Wohnzimmerfenster ein. Sofort fing das Blaulicht über der Eingangstür an zu blinken und Wyatt wusste, dass im örtlichen Polizeirevier die Alarmglocken schrillten. Ihm blieben einige Minuten, kein Grund, etwas zu überstürzen.

Die Zeitung war eng zusammengerollt und in Plastikfolie eingeschweißt. Sie hatte die Härte und Festigkeit eines kleinen Stocks. Wyatt ließ sie unterhalb des Fensters fallen, ging ohne Eile die Auffahrt hinunter und hinaus auf den Bürgersteig.

Eine Straße weiter entledigte er sich des Mantels und der Krawatte; darunter kam eine marineblaue Wendejacke zum Vorschein, in deren Tasche sich eine Mütze befand. Er setzte sie auf und machte sofort den Eindruck, als gehöre er zu dem kleinen Mazda, der nahe der Ecke geparkt war. Rapido Couriers stand an den Seiten des Mazda, in dunklen Schrägbuchstaben. Den Wagen hatte er die Nacht zuvor aus einem Service-Depot gestohlen. Heutzutage war das Fahrzeug eines Kurierdienstes so selbstverständlich wie früher der Lieferwagen des Milchmannes, also rechnete Wyatt nicht mit Fragen, er rechnete auch nicht damit, dass man in Double Bay nach dem Wagen suchen werde. Er stieg ein und lehnte sich zurück, um zu warten, ein Straßenverzeichnis auf dem Lenkrad — ein alter Trick, der immer funktionierte.

Er stellte den Empfänger auf dem Beifahrersitz gerade noch rechtzeitig auf die Frequenz des Polizeifunks ein, um mitzubekommen, wie der Ruf hinausging. Er hörte, wie der Wachhabende die Adresse langsam buchstabierte und Hinweise auf die Straße gab.

»Hat ein Nachbar angerufen?«, wollte eine Stimme wissen.

»Negativ. Die Alarmanlage in dem Gebäude ist mit dem Revier verbunden.«

»Ein herabfallendes Blatt«, mutmaßte der Cop im Streifenwagen. »Tau. Ein Kurzschluss. Wollen wir wetten?«

Eine andere Stimme mischte sich ein: »Nun fahrt schon hin, ihr beiden.«

Es schien, als habe der Cop im Streifenwagen Haltung angenommen, denn Wyatt hörte den Mann sagen: »Sofort, Sarge«, und kurz darauf sah er im Rückspiegel den Streifenwagen mit aufblitzendem Blaulicht die Carlyle Street entlangfahren.

Der Zahnschmerz schlich sich nicht in Wyatts Bewusstsein, sondern fiel mit schneidender Brutalität über ihn her. Nerven zuckten und Wyatt spürte, wie sein linkes Augenlid flatterte. Den Kopf zu bewegen war unerträglich. Es war die bisher schwerste Attacke, die ihn ohne Vorwarnung traf, zu einem Zeitpunkt, wo der Job seine volle Aufmerksamkeit verlangte. Er tippte gegen die Zähne im linken Oberkiefer und suchte nach dem Übeltäter, als könne ihm sein Aufspüren Erleichterung verschaffen. Tatsächlich, da war er.

Er drückte zwei Paracetamol aus dem Folienstreifen und spülte sie mit einer Flasche Apfelsaft hinunter. Dann nahm er ein Fläschchen Nelkenöl aus der Tasche, gab einen Tropfen auf seinen Finger und rieb ihn in seinen Gaumen und vorsichtig über den Zahn. Er hatte das jetzt fünf Tage lang getan. Er wusste nicht, ob die Schmerztabletten oder das Nelkenöl von Nutzen waren. Zumindest verschlimmerten sie die Sache nicht, das musste man beidem zugute halten.

Wyatt blendete den Schmerz aus und konzentrierte sich auf den Polizeifunk. Es war gut, allein zu arbeiten, der Reiz von Planung und Ausführung — und, wenn er ehrlich war, der Reiz der zu erwartenden und der tatsächlichen Gefahr. Er dachte einen Moment lang über diese Jobs nach, die Jardine für ihn auftat. Vor drei Monaten zum Beispiel hatte ein Millionär sie beide angeheuert, um das Silber zurückzubekommen, das er im Rahmen seiner Scheidung an seine Frau hatte abtreten müssen. In einem anderen Fall hatte eine Finanzierungsgesellschaft dafür bezahlt, dass ein bankrotter Bauunternehmer, der mit zwei Millionen Dollar in der Kreide stand, um zwei nicht deklarierte Nolans und einen Renoir erleichtert wurde.

Das Radio knackte. Der Streifenwagen meldete sich: »Falscher Alarm.«

»Erklären Sie das bitte«, sagte der Wachhabende.

Die Stimme klang, als zitiere sie aus einem offiziellen Bericht. »Constable Wright und ich haben uns dem Gebäude genähert und festgestellt, dass ein Fenster, das zur Straße hinausgeht, eingeschlagen wurde. Nach genauerer Untersuchung haben wir auf dem Boden unterhalb des Fensters eine zusammengerollte Zeitung entdeckt. Constable Wright hat sich durch das zerbrochene Fenster Zutritt zum Gebäude verschafft. Das Gebäude ist möbliert, aber leer und unversehrt. Wir erwarten weitere Instruktionen.«

Der Sergeant meldete sich. »Reden Sie nicht lange drum herum, meinen Sie, dass der Zeitungsjunge etwas rigoros war?«

»Sieht so aus, Sarge.«

»Okay, geht wieder rein, schaltet den Alarm aus und dann ab zum Highway. Dort gibt’s einen Stau.«

»In Ordnung, Sarge.«

»Ich werde inzwischen die Sicherheitsfirma anrufen, damit sie jemanden schicken, der sich um das Fenster kümmert.«

»In Ordnung, Sarge.«

Wyatt wartete. Als er den Streifenwagen die Carlyle Street entlangfahren sah, fuhr er rückwärts in eine Seitengasse, stieg aus und überklebte den Rapido-Schriftzug mit einem HomeSecure-Aufkleber. Anschließend zog er einen Overall an, auf dem der Name HomeSecure mit Hilfe einer Schablone angebracht worden war, und fuhr um die Ecke zu Nr. 29, um mit überzeugend gespielter Eile in die Auffahrt einzubiegen. Er hielt vor der Eingangstür, stieg aus, entfernte mit der behandschuhten Hand die restlichen Glasscherben aus dem Fensterrahmen und kletterte über das Fensterbrett ins Haus.

Er ging direkt in das Schlafzimmer. Es war ein merkwürdig flach möblierter Raum: ein Futonbettgestell samt Futon in Knöchelhöhe, eine niedrige Kommode, in einer Ecke ein ebenso niedriger Rattanstuhl, ein Wandschrank, keine Bilder an den Wänden. Einzig die Vorhänge befanden sich über Taillenhöhe und sorgten dafür, dass das Morgenlicht gedämpft auf das Bett fiel. Es war zudem ein asexueller Raum, als gälte Wintergreens Leidenschaft ausschließlich dem Zustandekommen irgendwelcher Deals, aus denen nicht nur sie Profit schlagen konnte, sondern auch jene, die eines Tages ihrer Karriere förderlich sein könnten.

Der Safe verbarg sich unter einem schweren nepalesischen Läufer am Fußende des Bettes. Wyatt hob das Dielenbrett hoch, gab die Zahlenkombination ein und vernahm ein Summen, als das elektronische Schloss sich öffnete.

Er zog die Tür auf und blickte in einen Innenraum von der Größe eines kleinen Fernsehers. Dort befanden sich Stapel von Papieren und Akten, aber nicht die fünfzig Riesen, die Jardine ihm versprochen hatte. Wyatt räumte den Safe aus und klopfte mit den Knöcheln gegen die Seitenwände und den Boden. Er schnaubte. Es war ein doppelter Boden.

Wyatt stieß probeweise gegen die Ecken. Bei der Arretierung des Bodens handelte es sich um einen einfachen Federmechanismus. Wyatt drückte und klappte die Bodenplatte auf.

Die fünfzig Riesen waren tatsächlich da, gebündelt in Zwanzigern, Fünfzigern und Hundertern. Wyatt stopfte sie in die Reißverschlusstaschen im Innenfutter seines Overalls. Fünfundzwanzig für Jardine, fünfundzwanzig für sich.

Er hielt inne. Da lag noch etwas, eine kleine Tasche aus schwarzem Samt. Wyatt griff danach und holte sie heraus.

Der Gegenstand, der jetzt auf seine Handfläche fiel, funkelte sanft im Licht der Taschenlampe. Es war eine Art-déco-Brosche aus den dreißiger Jahren, ein Schmetterling mit acht Zentimeter Spannweite. In Gold gefasste Diamanten von ungefähr zwei Karat bildeten den Körper. Die Flügel waren ebenfalls aus Gold; Kanalfassungen formten geschwungene Reihen aus Diamanten mit Baguetteschliff, die sich mit Reihen runder Diamanten abwechselten. Der Schriftzug des feinen Prägestempels im Gold lautete: Tiffany & Co.

Wyatt steckte den Schmetterling zu den fünfzigtausend Dollar. Jardine kannte mit Sicherheit jemanden, der wusste, wie man damit verfuhr — entweder das Stück, so wie es war, in Übersee an den Mann bringen oder die Goldfassung einschmelzen und die Steine separat verkaufen. Ein hiesiger Käufer schied aus: Die größeren Steine könnten identifiziert und leicht zurückverfolgt werden — möglicherweise waren sie irgendwo registriert und konnten einer Röntgentopografie oder einer Fotografie zugeordnet werden.

Fünf Minuten nach Betreten des Hauses war er bereits wieder draußen und fuhr langsam die Auffahrt hinunter. Am Tor hielt er kurz an und lenkte den Mazda dann auf die Straße. Jetzt waren mehr Leute unterwegs: Kinder gingen zu den Bushaltestellen, Männer und Frauen fuhren in glänzenden ausländischen Karossen zur Arbeit. Alle sahen adrett und gesund aus, und das war auch schon alles, was Wyatt registrierte.

ZWEI

Als Ansetts erster Frühflug aus Sydney am Mittwochmorgen in Melbourne landete, spielte Wyatts Zahn verrückt. In dem Bewusstsein, dass man am ehesten beim Warten am Gepäckband geschnappt werden konnte, reiste Wyatt stets mit leichtem Gepäck. Er hatte eine Reisetasche bei sich, mit Kleidung zum Wechseln, die er um den Tiffany-Schmuck und die fünfzigtausend Dollar gewickelt hatte. Obwohl er einen falschen Pass benutzte, vermied er nach Möglichkeit, eine Spur von Dokumenten zu hinterlassen; folglich ließ er die Schalter für Mietwagen links liegen und nahm sich ein Taxi.

Dreißig Minuten bis zur Ausfahrt Brunswick Road, und selbst dort standen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Er sah auf die Uhr: Es war acht Uhr morgens. In Coburg mussten sie inzwischen wach sein.

Der Taxifahrer bog links in die Brunswick Road ein und fuhr weiter Richtung Osten.

»Ich würde die Sydney Road gern umfahren«, sagte er, »wenn Ihnen das recht ist.« Wyatt nickte. Die Sydney Road führte direkt nach Coburg, doch er wusste, dass sie jetzt, zur Hauptverkehrszeit, durch die Straßenbahnen und Schwertransporte völlig dicht war. Ein paar Querstraßen vor der Sydney Road bog der Fahrer links ab und schlängelte sich nach Coburg hinein — eine Gegend mit überhitzten kleinen Straßen und Wheatherboard-Häusern —, um Wyatt schließlich an der Einmündung zu einer asphaltierten Sackgasse abzusetzen. Die Sackgasse hatte die Länge von zehn Häusern. Wyatt stieg aus, bezahlte, vergewisserte sich, dass niemand ihm gefolgt war, und ging dann zu dem weißen Weatherboard-Haus, in dem Jardines langsames Sterben womöglich bereits begonnen hatte.

Jardines Schwester öffnete die Tür. Sie sah verhärmt aus und dünn, in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung verzog sich ihr Mundwinkel nach unten, als ihr klar wurde, dass es Wyatt war, der da vor ihr stand. Ein Gesichtsausdruck, den Wyatt nur zu gut kannte, also sprach er ihren Namen mit Vorsicht aus, sanft, beinahe flüsternd: »Nettie.«

Verbitterung schlug um in Verzweiflung und Nettie sagte: »Warum lässt du uns nicht in Ruhe? Wir kommen zurecht. Du weckst nur schlechte Erinnerungen.«

»Hat er das gesagt?«

Sie blickte trotzig zur Seite. »Es tut ihm nicht gut, dich zu sehen.«

»Lass ihn das entscheiden, Nettie.«

Jardines Schwester biss sich auf die Unterlippe, zuckte die Achseln und schlug Wyatt die Fliegengittertür vor der Nase zu, um anschließend über den düsteren Flur in einem hinteren Zimmer zu verschwinden. Das Haus war renovierungsbedürftig und roch drinnen nach Feuchtigkeit und eingepferchten Menschen. Es war nur gemietet. Tapeten, Teppiche, die elektrischen Anlagen und Kunststoffoberflächen stammten allesamt aus den trostlosen späten fünfziger Jahren, und Wyatt hoffte auf den Tag, an dem er Jardine und seine Schwester hier herausholen und angemessener unterbringen konnte.

Nettie tauchte aus dem Dunkel auf und strich sich einige Strähnen kraftlosen Haars hinter die Ohren. Mit ihren ausgeprägten Wangenknochen, den großen dunklen Augen und dem leidgeprüften Blick hätte sie ebenso gut eine Überlebende der Dürrekatastrophe von Oklahoma sein können. Als sie die Fliegengittertür öffnete, damit Wyatt eintreten konnte, sagte sie: »Du sollst wissen, dass er dich nicht verantwortlich macht, aber wir anderen tun es.«

Wyatt blieb stehen und starrte sie an. Seine Stimme war kalt, sachlich und distanziert, nicht die Spur einer Gemütsregung schwang mit, als er erwiderte: »Nettie, er kannte die Risiken.«

Jardine entstammte einer Familie halbseidener Gebrauchtwarenhändler, die auch schon mal etwas verkauften, ›was vom Lastwagen gefallen war‹. Sie waren stets vorsichtig und hielten sich Ärger vom Leib. Die Schussverletzung am Kopf, die sich Jardine vor sechs Monaten bei einem Job mit Wyatt zugezogen hatte, war ein unvorhersehbares Ereignis, etwas, was jedem hätte passieren können, doch in Jardines Familie war dergleichen zum ersten Male vorgekommen und außer Jardine gaben alle Wyatt die Schuld.

»Er kannte die Risiken«, sagte Wyatt noch einmal.

Niemals hätte Wyatt zugegeben, dass eine gewisse Verantwortung auf ihm lastete — nicht in Bezug auf das Risiko, dem er Jardine ausgesetzt hatte, sondern dafür, was seitdem geschehen war. Das erste Zusammentreffen mit Jardine nach dem Job hatte Wyatt einen regelrechten Schock versetzt, die Veränderung im Wesen des Mannes, mit dem er ein gutes Dutzend Dinger erfolgreich durchgezogen hatte und den er mochte und dem er vertraute — soweit Wyatt überhaupt jemanden mochte und ihm vertraute. Sechs Monate zuvor war Jardine aus dem Ruhestand zurückgekehrt, gesund und munter, stets gut gelaunt, um Wyatt bei dem Überfall auf das Mesic-Lager zu unterstützen. Aber nach dem Mesic-Job waren sie in einen Hinterhalt geraten und Jardine hatte sich einen Kopfschuss eingefangen, einen Streifschuss über dem einen Ohr. Wyatt hatte Jardine seinen Anteil ausbezahlt, ihn zu einem Arzt gebracht, der keine Fragen gestellt hatte, und war anschließend in Tasmanien untergetaucht, einem Ort, wo die Leute, die ihn nicht finden sollten, ihn auch niemals fänden.

Er war davon ausgegangen, dass Jardine sich wieder gemütlich zur Ruhe gesetzt hatte, doch der Jardine, den er ein paar Wochen später in Sydney getroffen hatte, war zum Teil einseitig gelähmt, einige Kilos leichter und um einige IQ-Punkte langsamer und begriffsstutziger. Jardine neigte dazu, Dinge zu vergessen. Mit der Miete war er zwei Monate im Rückstand. Seine beiden Räume im Dorset-Hotel in Newtown waren zugemüllt mit Pizza-Kartons und Kaffeebechern aus Styropor und es war offensichtlich, dass er seit Tagen dieselbe Kleidung trug.

Wyatt hatte seinen alten Partner in eine 24-Stunden-Klinik verfrachtet und dort eine Geschichte aufgetischt, um die Wunde zu rechtfertigen, die immer noch als brutaler Schnitt in Jardines Kopfhaut klaffte. »Schlaganfall«, lautete die Diagnose des Arztes. Vermutlich hervorgerufen durch die Verletzung. Jardine brauchte professionelle Pflege. Ob es jemanden gebe, der sich die nächsten Monate um ihn kümmern könne. Einen Freund? Familie? Oder eine Krankenschwester, die ihn rund um die Uhr betreue, sofern das finanzierbar sei.

Wyatt setzte sich mit der Familie in Melbourne in Verbindung. Zwei Tage lang ließ er sich von ihnen beschimpfen. Schließlich willigte Nettie ein, Jardine zu sich zu nehmen. Wyatt hatte gewusst, dass irgendjemand das tun werde. Er wollte nur, dass sie sich auch entsprechend äußerten. »Die Rechnungen zahle ich«, sagte er ihnen.

Nettie war nie verheiratet gewesen. Sie hatte bei Kodak gearbeitet, den Job aber vor einem Jahr verloren und machte sich keine großen Hoffnungen, einen neuen zu finden. Sie war auf das Haus in Coburg gestoßen — ein Dreckloch mit genug Platz für zwei Erwachsene und einer Miete, die Wyatt nicht an den Bettelstab brachte — und dort mit Jardine eingezogen. Was sie auch brauchten — in medizinischer und in häuslicher Hinsicht —, Wyatt bezahlte alles.

Er wusste, es war nur übergangsweise, und er sehnte den Zeitpunkt herbei, wo der große Coup gelang, um Jardine und Nettie für den Rest ihres Lebens versorgen zu können. Um diese Bürde endlich abwerfen und hinter sich lassen zu können.

»Ich verspreche, ich werde ihn nicht aufregen«, sagte er jetzt zu Nettie.

Nettie hatte ihren Standpunkt dargelegt. Sie ließ Wyatt im Flur stehen und öffnete die Tür zu einem der vorderen Zimmer. Mit einer Kopfbewegung sagte sie: »Er ist hinten.«

Wyatt nahm sie sanft beim Arm und gab ihr ein Päckchen. »Damit ihr über die Runden kommt«, sagte er. »Fünfundzwanzigtausend.«

Nettie sah das Geld nicht an, zählte es nicht nach. Es verschwand mit ihr im Zimmer, und Wyatts letzter Kontakt mit ihr an diesem Morgen war das Gefühl ihres dünnen Arms in seinen Fingern und ein Laut, der ein gemurmeltes »Danke« gewesen sein könnte, das zwischen ihnen in der Luft hing.

Er ging in den hinteren Teil des Hauses, einem Anbau aus Eternit mit niedriger, unebener Decke und staubverkrusteten Jalousien vor den Fenstern. Das einzig Angenehme waren die morgendlichen Sonnenstrahlen, die durch einen Feigenbaum im Hof hineinfielen. Die Luft war warm, leicht dunstig wegen der Staubpartikel, die im Gegenlicht der Sonne aufwirbelten, und es roch schwach nach Krankheit, Entbehrung und aufgegebenen Träumen.

Jardine umklammerte mit einer Hand den alten Standaschenbecher aus Bakelit neben seinem klobigen Sessel. Seine Lippen mühten sich. »Kumpel«, brachte er schließlich hervor und lächelte schief mit einer Gesichtshälfte. »Wo kommst du denn her?«

»Aus Double Bay. Der Job, du erinnerst dich?«

Wyatt sprach in schroffem Ton. Er hasste es, Jardine so hinfällig zu sehen. Jardine schien jetzt die meiste Zeit wie von einem Nebel umgeben, den er, Wyatt, zerschneiden wollte. »Diese korrupte Abgeordnete, Wintergreen.«

Jardine sah ihn irritiert an, versuchte, den Speichel, der auf seinen Lippen schimmerte, wegzuwischen. Die Handfläche nach oben, ruhte seine linke Hand auf einer zerschlissenen braunen Decke auf seinem Schoß. Seine linke Gesichtshälfte war gelähmt. Ein befremdlicher, verstörender Ausdruck zeigte sich auf seinem Gesicht und Wyatt dämmerte, dass sein alter Freund die Stirn runzelte, weil er versuchte, sich an die Informationsgespräche und an den Job selbst zu erinnern. Dann hellte sich Jardines Gesicht auf, ein liebenswürdiges Lächeln machte sich breit und mit fester Stimme sagte er: »Jetzt weiß ich, was du meinst. Gab’s Probleme?«

Wyatt schüttelte den Kopf. »Deinen Anteil habe ich Nettie gegeben.« Auch Jardine schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, Kumpel. Ich und Net— «

Ein scharfer Ton kam in Wyatts Stimme. »Vergiss es.«

Jardine richtete sich im Sessel auf. Seine rechte Hand fischte ein Taschentuch aus der Tasche seiner Strickjacke und trotzig wischte er sich damit das Kinn ab. »Okay, okay, mach’s dir bequem.«

Wyatt öffnete seine Reisetasche. »Ich hab ein Schmuckstück gefunden, das unter dem Geld versteckt war. Ziemlich wertvoll, ein Schmetterling von Tiffany.«

»Hübsch.«

»Wir brauchen jemanden, der es für uns absetzt.«

Jardine erhob sich schwerfällig aus dem Sessel und schleppte sich in die angrenzende Küche. Kurz darauf hörte Wyatt Jardines Stimme, ein leises Murmeln am Telefon.

Er starrte hinüber zu dem kleinen Computer, der stumm auf einem Klapptisch thronte. Jardine benutzte ihn, um Handicaps, Rennbahn-Bedingungen, Abstammungen und andere für Pferderennen wichtige Faktoren miteinander in Beziehung zu setzen. Er behauptete, durch sein System in fünf Jahren 475.000 Dollar gewonnen und 450.000 Dollar verloren zu haben. Allerdings hatten die Leute keine Ahnung, dass sich Jardine die letzten Jahre auch damit beschäftigt hatte, Pläne für Einbrüche und bewaffnete Raubüberfälle an Profis wie Wyatt zu verkaufen. Wyatt wusste nicht, wie viele Jobs Jardine noch in der Hinterhand hatte, doch er wusste, dass sie alle in New South Wales angesiedelt waren und zunehmend lauwarm wurden, je länger Jardine mit seiner Schwester in Melbourne blieb.

Jardine kam zurück. »Eine Mieze namens Liz Redding, Treffpunkt elf Uhr in einem Motel in der St. Georges Road.«

Wyatt musterte Jardine. In den vergangenen paar Minuten war dessen Gesicht beweglicher geworden, als käme Ordnung in seine Gedanken, sobald er etwas hatte, was seinen Verstand herausforderte. Wyatt nahm sogar einen vertrauten Gesichtsausdruck wahr, eine Mischung aus Wachsamkeit und Vertieftsein, während Jardine die unterschiedlichen Facetten des Problems überdachte.

»Gut.«

DREI

Sie fuhren im Taxi zum Treffen mit Jardines Hehlerin. Wyatt kurbelte das Seitenfenster herunter und lehnte sich in den Wind. Die Sitze schienen jedes Feierabend-Missgeschick, jedes Elend, das sich in diesem Wagen abgespielt hatte, an den beengten Raum hinter dem Fahrer abzugeben. Jardine, inzwischen wieder weggetreten, hatte sich in eine Ecke zurückgelehnt und schien zu schlafen. Das verärgerte Wyatt. Zuerst dieser scheußliche, stechende Schmerz im Oberkiefer und jetzt das, sein Freund total neben der Spur, wo er, Wyatt, doch darauf angewiesen war, dass Jardine für das Treffen mit dieser Frau, die den Schmuck für sie verhökern sollte, voll auf der Höhe war.

»Wie ist sie denn so?«, fragte Wyatt, bevor das Taxi hielt.

»Hab sie nie kennen gelernt.«

Wyatts Stil war geprägt von frostiger Gelassenheit, doch diesmal erlag er seiner Ungeduld und dem pochenden Zahn. »Woher weißt du überhaupt, ob sie was taugt, Kumpel?«

»Hab mich umgehört. Mack Delaney hat sie ausgebildet.«

»Mack ist tot.«

»Klar, aber er war einer der Besten.«

Das musste auch Wyatt zugeben. Früher hatte er Delaney eingespannt, um Diebesgut zu verschachern. Delaney hatte sich darauf spezialisiert, Silber, Gemälde, Uhren sowie Münz- und Briefmarkensammlungen gegen eine Lösegeldzahlung an die Besitzer oder an Versicherungsgesellschaften zurückzugeben. Nebenher hatte er auch hin und wieder die Herkunft eines Bildes gefälscht, um es anschließend über Auktionen in Übersee zu verkaufen. Wie er Wyatt erklärt hatte, ging es Kunstdieben in Australien gut. Die Versicherungsprämien waren unbezahlbar, was bedeutete, dass Galerien und private Kunstsammler oftmals nicht versichert waren und auf billige Sicherheitssysteme vertrauten, um ihre Gemälde zu schützen. Sie verzichteten in der Regel auch darauf, aussagefähige Fotos von den einzelnen Stücken ihrer Sammlung zu machen und besaßen bestenfalls handschriftliche Beschreibungen. Zwar ging Trace, ein internationales Magazin, gegen Kunstdiebstahl vor, indem es eine Online-Datenbank unterhielt, aber die Subskriptionskosten waren hoch, zudem gab es Probleme mit der Online-Kompatibilität, was dazu führte, dass nur wenige australische Galerien, Kunsthändler, Auktionatoren und private Sammler sich dem anschlossen. Viele der in Australien gestohlenen Gemälde wurden für private Käufer nach Übersee verschifft. Mack hatte erzählt, dass es in Japan möglich sei, das legale Besitzrecht an einem gestohlenen Kunstwerk bereits nach zwei Jahren zu erwerben und in der Schweiz nach fünf Jahren. Dann gab es noch die Käufer, die keinerlei ästhetisches Interesse hatten. Sie benutzten die Gemälde, um Drogendeals zu finanzieren. Wyatts Überzeugung nach lief heutzutage sowieso alles darauf hinaus.

Er spähte hinüber zum Motel, als das Taxi daran vorbeifuhr. In Wyatts Spiel gab es immer ein Motel. Er versteckte sich in Motels, plante Coups in Motels und teilte die Beute in Motels. Motels waren am besten geeignet. Man hatte Ruhe vor den anderen Gästen, sie kamen und gingen, genau wie man selbst. Käme die Wahrheit ans Tageslicht, käme vermutlich heraus, dass die Hälfte von ihnen mit Verbotenem oder Illegalem zu tun hatte. Unglücklicherweise waren Motels leicht auszumachen und potentielle Fallen. Sie schienen alle aus derselben Form gestanzt: nahezu völlige Übereinstimmung, was Raumaufteilung, Anstrich, Teppichboden, Einrichtung, Bettzeug und selbst die Kunstdrucke über den wuchtigen Betten betraf.

Wyatt und Jardine verließen das Taxi einen Block hinter dem Motel und gingen den Weg zurück. Das Motel hieß TravelWay und lag direkt an der St. Georges Road. Eine Seite der Fahrbahn war mit Plastikband und Warnkegeln abgesperrt, hier war der Asphalt bucklig, aufgeplatzt, und in der Mitte, unter den Schienen der Straßenbahn, hatten sich mit Schlamm und Morast gefüllte Löcher gebildet. Im Licht des späten Morgens war die Straße eine Einöde, leblos und still.

Wyatt betrachtete alles mit missmutigem Blick: Das war keine Gegend der schnellen Fluchtwege. Das Motel selbst war ein einfacher Bau, eingeschossig, verlief es parallel zur Straße, mit Zimmern, die auf die St. Georges Road hinausgingen, und einer identischen Anzahl von Zimmern an der Rückfront, die an die Hinterhöfe des Vorortes grenzte. Die meisten Wagen auf dem Parkplatz des Motels waren Falcons und Commodores, Autos von Geschäftsreisenden, weiße Kombis mit Musterkoffern und Displays aus Pappe, die hinter den Vordersitzen gestapelt waren. Im Vorbeigehen checkte Wyatt den Innenraum eines jeden Wagens, der auf der Straße und auf dem Parkplatz stand — ein Automatismus —, dann behielt er für einige Minuten die Tür von Zimmer 14 im Auge, während Jardine auf einem Block blauen Sandsteins in der Sonne saß.

Überzeugt davon, dass sie in keine Falle tappten, klopfte Wyatt an die Tür von Zimmer 14 und trat zur Seite. Ebenfalls ein Automatismus; man hatte schon durch Türspione auf ihn geschossen; Männer hatten ihn aus Türen heraus angegriffen oder durch die Tür in Räume gezerrt, Türen, die ausgesehen hatten wie die rote Tür zu Zimmer 14.

Jardine, der das Klopfen gehört hatte, blinzelte und gesellte sich humpelnd zu Wyatt. Eine weibliche Stimme, angenehm und erstaunt, die Stimme eines leicht irritierten regulären Gastes fragte:

»Wer ist da?«

»Frank Jardine«, sagte Jardine.

Die Tür ging auf. Nichts geschah. Als Jardine weder von Händen gepackt noch von Männern angeschrien wurde, er solle sich auf den Boden legen, zeigte sich Wyatt ebenfalls.

Die Frau fasste sie blitzschnell ins Visier, musterte ihre Gesichter, registrierte, wo sich Jardines und Wyatts Hände befanden, und schließlich glitt ihr Blick prüfend über den Vorplatz des Motels und die aufgerissene Straße hinter den beiden. Bevor das nicht erledigt war, sprach sie kein Wort, drückte nur Vorsicht aus, doch dann lächelte sie und mit einem Mal machte sich Wärme in dem schäbigen Eingangsbereich breit. »Kommt rein«, sagte sie, trat beiseite und zeigte mit der einen Hand in das Zimmer, während sie mit der anderen die Tür vollständig aufstieß.

Als sie sich an der Frau vorbeizwängten, bemerkte Wyatt, dass sie auf seine Reisetasche sah. Sich seiner Augen bewusst, die auf ihr ruhten, hob die Frau den Blick und grinste. Er konnte nicht umhin und musste ein wenig lächeln. Sie war auf eine fröhliche Art vital, was ihm gefiel, und vermittelte den Eindruck, etwas von ihrem Job zu verstehen, ohne dabei zugeknöpft zu wirken. Sie trug Sandalen und ein locker-lässiges Baumwollhemd über gemusterten Leggins. Ein schwacher Duft von Seife und Shampoo umwehte ihren Kopf. Ihr Haar, fein, dunkel und glatt, war in der Mitte gescheitelt und umrahmte ihr Gesicht. Ihre Gesichtszüge waren nicht ganz regelmäßig: Ein Auge schien etwas unbeweglicher und ein Wangenknochen saß einen Tick tiefer als der andere, wodurch sie so etwas wie humorvolle Skepsis gepaart mit schneller Auffassungsgabe ausstrahlte.

Wyatt betrat das Zimmer mit einer gewissen Zurückhaltung. Sah man ab von der Standardeinrichtung, war es leer. Jardine überprüfte das angrenzende Badezimmer, kam wieder heraus und nickte. Also hat er doch noch was drauf, dachte Wyatt, stellte seine Reisetasche auf das Bett und öffnete sie.

»Er verschwendet keine Zeit«, bemerkte die Frau.

Jardine fing den Ball auf. »Er ist ein wenig zwanghaft«, ergänzte er. Beide konzentrierten sich jetzt auf Wyatt.

»Kann er sprechen? Trinkt er Tee oder Kaffee?«

»Man sagt es ihm zumindest nach«, erwiderte Jardine.

Wyatt war nicht geübt in dergleichen, aber er unternahm einen Versuch. »Ich möchte nichts trinken. Zahnschmerzen. Aber lasst euch dadurch nicht abhalten.« Unwillkürlich wanderte seine Hand hinauf zu seiner Wange.

Das mitleidige Lächeln in Liz Reddings Gesicht, ihre mitfühlende Art waren echt. »Ein Abszess? Eine alte Füllung?« Sie kam näher, um Wyatt ins Gesicht zu sehen. »Sieht etwas geschwollen aus auf dieser Seite«, stellte sie fest. »Das sollten Sie nachsehen lassen oder Ihr Niveau kommt zu Schaden.«

Damit konnte sie alles Mögliche gemeint haben. Er verspürte das absurde Verlangen, sie zu umarmen. »Mir geht’s gut.«

»Aber sicher doch. Ein harter Bursche.«

»Also, könnten wir jetzt zur Sache kommen?«

»Ganz wie Sie wollen.«

Wyatt trat vom Bett zurück und lehnte sich mit dem Hintern an die Kante des Fernsehtisches, über dem ein Bild hing, das Dschunken im Hafen von Hongkong zum Motiv hatte. Jardine drehte den einzigen Stuhl im Zimmer herum und setzte sich darauf. Beide Männer verfolgten, wie Liz Redding das Seidenpapier so lange auseinander faltete, bis das Tiffany-Schmuckstück in ihrer Handfläche lag.

»Hübsch«, sagte sie schließlich.

Sie nahm eine Lupe aus ihrer Tasche, hielt sie sich ans Auge und untersuchte die Brosche Stein für Stein, bewegte sie hin und wieder, damit sich das Licht brechen konnte. Zum Schluss nahm sie eine kleine Waage aus einer Schachtel in ihrer Aktentasche und wog den Schmuck. »Nun, es ist echt.«

»Wie viel?«, fragte Wyatt.

»Er kommt gern schnell zur Sache, nicht wahr?«, bemerkte sie. »Wie viel, hängt davon ab, ob es im Ganzen verkauft oder auseinander genommen wird«, fuhr sie fort, »also ob Gold und Steine unabhängig voneinander verkauft werden.«

»Das wäre ein Jammer«, meinte Jardine. Er nahm Liz Redding das Schmuckstück aus der Hand, hielt es über ihre rechte Brust und neigte den Kopf zur Seite, um die Wirkung zu begutachten. »Dort gehört es hin.«

Liz Redding grinste und schob seine Hand weg. »Ja, genau, einmal im Jahr zieh ich die Vorhänge zu, hol es aus seinem Versteck und bewundere mich im Spiegel.«

Jardine grinste zurück.

Wyatts Kiefer brannte. Die ganze Anspannung des Lebens, das er gewählt hatte, schien sich mit einem Mal zu entladen und er knurrte: »Hört auf mit dieser Scheiße. Ich will, dass wir das Wo und Wann festlegen, damit wir endlich hier verschwinden können.«

Vielleicht war es Wyatts Ärger, vielleicht wäre es sowieso passiert, jedenfalls ließ sein tückischer Körper Jardine erneut im Stich. Plötzlich schien er peinlich berührt, rutschte auf seinem Stuhl hin und her und wimmerte leise.

Wyatt runzelte die Stirn. »Was ist?«

Hilflos, mit verzerrtem Gesicht sagte Jardine: »Kumpel, ich hab mir in die Hose geschissen.«

Wyatt starrte ihn an. »Oh Frank«, stieß er hervor.

Er hievte Jardine hoch. Jardine war ein großer Mann, einst genauso schnell und kräftig wie Wyatt, bestand er jetzt nur noch aus Haut und Knochen. Die Sitzfläche des Stuhl war wässerig-braun verschmiert und Jardine stank nach seinen eigenen Exkrementen.

»Komm schon, Junge. Ich bring dich ins Bad.«

Jardine schlurfte mit ihm über den Boden. »Es tut mir Leid. Ich werde — «

»Halt den Mund«, sagte Wyatt. Eine Mischung aus Verwirrung und Ärger stieg in ihm hoch. Er wollte keinen Dank, er wollte seinem Freund nicht die Scheiße abwischen, er hatte keinen Platz für Gefühle, die ihn bisher nie überkommen hatten, dennoch wusste er, das alles hier war unvermeidlich und notwendig.

»Manchmal ist es so, dass ich — «, sagte Jardine.

»Halt um Gottes willen bloß den Mund.«

Dann stand Liz Redding auf der anderen Seite und half ihm, Jardine zu stützen. »Lassen Sie das. Es regt ihn nur auf.«

Einen Moment lang gab es eine Art Tauziehen um Jardine. »Ich bring ihn ins Bad«, sagte Wyatt überflüssigerweise.

»Nein, das tun Sie nicht. Ich mache das, Sie können mit so was nicht umgehen.«

»Ich rufe ein Taxi.«

»Vergessen Sie’s. Verschwinden Sie einfach, okay? Ich werd ihn sauber machen und nach Hause fahren.«

Wyatt ließ Jardine los. Jardines Schamgefühl schien zwischen allen dreien hin und her zu springen. Mittlerweile war es für Wyatt etwas Vertrautes, weder fremd noch abstoßend. Er sagte: »Pass auf dich auf, Frank.«

Dann wandte er sich Liz zu. »Danke«, brachte er nach einer Pause hervor.

Sie seufzte, nickte und lächelte traurig. »Gebt mir vierundzwanzig Stunden, damit ich meine Fühler ausstrecken kann. Hier, Amsterdam, vielleicht auch New York.«

»In Ordnung.«

Sie machte sich mit Jardine auf den Weg ins Badezimmer und fragte: »Passt es Ihnen morgen früh?«

»Southbank«, sagte Wyatt.

»Gut.«

Wyatt verließ das Motel. Er ging gern als Erster. Ging man als Erster, konnten die anderen nicht an der Ecke warten und einem folgen.

VIER

Die Bank war ein ›feeder‹. Als größte Filiale in der größten Stadt im oberen Teil des Yarra River Valleys in Victoria versorgte sie die kleineren Zweigstellen in den kleineren Städten. So weit, so gut, wäre da nicht die satte halbe Million im Tresor, das Doppelte der normalen Summe, und wenn sie den Laden heute Nacht nicht überfielen, verschwände morgen das ganze Geld in den Brieftaschen und Lohntüten der Einheimischen.

Im Tresor befand sich das Doppelte der normalen Summe, weil heute Mittwoch war und morgen Donnerstag, Zahltag und zugleich der erste Tag des Upper-Yarra-Festes. Dem Plan zufolge, den man für diesen Bruch ausgearbeitet hatte, würden die Weinkellereien den Federweißen in den kommenden vier Tagen für ’nen Appel und ’n Ei verscheuern, würde man auf jedem Dorfplatz im Valley eine Hand voll heruntergekommener Geisterbahnen und Schießstände aufstellen, und alles würde dazu führen, dass eine Menge Leute eine Menge Bares zum Ausgeben brauchten, und zwar genau ab morgen früh.

Niekirk warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Vor zehn Minuten hatte es irgendwo Mitternacht geschlagen, doch der Diskjockey, zuständig für die Schicht von acht Uhr bis Mitternacht, hielt sich noch im Gebäude von Radio 3UY auf, das direkt neben der Bank lag. Der Moderator der Sendung von Mitternacht bis acht Uhr war gerade eingetroffen, doch bis sein Kollege gestempelt und den Heimweg angetreten hatte, hieß es für Niekirk, Riggs und Mansell still dasitzen und warten.

Nicht, dass das Warten ein Problem gewesen wäre. Die drei Männer in dem Lieferwagen sahen aus wie Klone: schweigende, aufmerksame Männer um die dreißig, bekleidet mit schwarzen Overalls und Sturmhauben. Der Wagen gehörte der Telecom und war eine Stunde vorher in Eltham gestohlen worden. Sollte irgendjemand Fragen stellen, waren Niekirk, Riggs und Mansell eben auf der Suche nach einem defekten Telefonkabel. Ein ebenfalls gestohlener Range Rover mit getönten Scheiben stand in Warrandyte bereit. Der Range Rover war Riggs’ und Mansells Möglichkeit, aus dem Gebiet der Hügel zu verschwinden. Unter ihren Overalls trugen sie Abendanzüge, und falls man sie später anhielte, waren sie zwei Winzer, die den Beginn des Festes feierten.

Niekirk hatte seinen eigenen Fluchtweg. Er würde das Geld mitnehmen und wollte nicht, dass Riggs und Mansell wussten, wohin er es brachte. Und hatte er es erst einmal abgeliefert, verlor sich auch für ihn die Spur des Geldes. De Lisle, der Mann, der diese Jobs arrangierte, wollte, dass es so lief, und Niekirk war nicht in der Position, darüber zu diskutieren, nicht, wenn De Lisle ihn für lange Zeit in den Knast bringen konnte, und vor allem nicht, weil De Lisle die Finanzen kontrollierte. Mit dem Geld verschwinden? Das konnte er vergessen. De Lisle würde ihn im Handumdrehen finden.

Plötzlich ging ein Ruck durch Mansell. Er saß auf dem Fahrersitz, hatte Kopfhörer auf und einen Empfänger für Polizeifunk auf dem Schoß. Er stellte den Empfänger genau ein und lauschte angestrengt. »Ich bekomm was rein.«

Weder Riggs noch Niekirk hakte nach. Gäbe es beunruhigende Nachrichten, würde Mansell es ihnen gleich mitteilen. Dennoch schienen sie sichtlich erleichtert, als Mansell grinste. »’n Jugendlicher hat seinen Wagen in der Nähe von Yarra Junction an einen Baum gesetzt.«

Niekirk nickte. Das war gut; ein Autounfall würde die hiesigen Blauuniformierten für eine Weile beschäftigen. Er beobachtete Mansell. Es gefiel Mansell nicht, Fahrer und Mann am Radio zu sein. Aber wie Niekirk ihm ständig erklärte, wurde Riggs gebraucht, um den Safe zu öffnen, und er selbst, Niekirk, hatte das Kommando über den Job; blieb also nur Mansell, um aufzupassen.

Es war Niekirk, der jetzt sprach. »Da ist er.«

Ein Mann war aus dem Seiteneingang von Radio 3UY gekommen. Er trug Jeans und eine Jeansjacke und sein rasierter Schädel schimmerte im Mondlicht. Die drei Männer sahen, wie der Mann sich streckte, gähnte und fröstelnd die Schultern hochzog, dann in einen abgewrackten VW stieg, damit den Hügel hinunterklapperte und verschwand.

Niekirk warf Mansell einen Blick zu. »Alles klar?«

Mansell nickte.

»Na dann los.«

Riggs und Niekirk schlüpften hinaus in die Dunkelheit, huschten über die Straße und hinein in die kaum einen Meter breite Gasse, die die Bank vom Radiosender trennte. Die Hintertür der Bank war glatt und unerbittlich, eine dunkle Masse Stahl in der Wand. Es gab zwei Schlösser; Riggs kniete sich vor das untere, nahm einen Satz Dietriche aus der Brusttasche seines Overalls und machte sich an die Arbeit. Niekirk sah ihm zu und richtete dabei den feinen Strahl der Stabtaschenlampe auf das Schloss.

Einen Moment später war das untere Schloss offen und Riggs wandte sich dem oberen zu. Sein Atem ging schwer, hörbares Anzeichen von Anstrengung und Konzentration. Dann sprang auch das zweite Schloss auf und alle Luft schien aus Riggs zu entweichen, als die innere Anspannung nachließ.

Niekirk klappte eine Seite seines Overalls zurück und zum Vorschein kam ein kleiner Sender, der sich in einer Tasche oberhalb seines Brustbeins befand. Er betätigte den Einschaltknopf. »Wir gehen rein.«

Er vernahm Mansells Bestätigung, ein Knacken und Rauschen in der Leitung, und stieß die Stahltür auf. Nach seinen Informationen verfügte die Bank über minimale Sicherheitsvorkehrungen. Für mehr hatte nie eine Notwendigkeit bestanden — in diesen Kleinstädten, wo das Dasein gesittet verlief und jede Straße von S-Kurven unterbrochen wurde, gab es keine Banküberfälle. Doch Niekirk wäre schon lange nicht mehr am Leben, hätte er alles hingenommen und nichts überprüft, was man ihm erzählt hatte. Er blieb im Türrahmen stehen und ließ den Strahl der Taschenlampe über Wände, Boden und Decke wandern. Nichts.