Bestie - Carlo Lucarelli - ebook

Bestie ebook

Carlo Lucarelli

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Opis

In Bologna treibt ein Serienkiller sein Unwesen. Er tötet Kriminelle, kleine Fische, die am Rande der organisierten Kriminalität agieren: illegale Mieten, Abfallhandel, Bauspekulation. Er fällt sie an wie ein Kampfhund, tötet sie auf bestialische Weise. Gleichzeitig geht ein Blog online, in dem ein anonymer User die gesellschaftlich tolerierten Formen der Kriminalität anprangert. Kommissarin Grazia Negro macht sich an die Arbeit, mit unorthodoxen Methoden und weiblicher Intuition. Zäh und unbeirrbar forscht sie nach den Gründen für die mörderische Wut des Kampfhundes. Und sie findet ihn auch - allerdings an einem ganz anderen Ort als vermutet. Die Protagonistin, Grazia Negro, ist eine der wenigen weiblichen Inspektoren im italienischen Krimi.

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BESTIE

CARLOLUCARELLI

BESTIE

THRILLER

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Die Originalausgabe ist 2013 im Verlag Giulio Einaudi editore, Turin, unter dem TitelIl sogno di volare erschienen.© Giulio Einaudi editore, Torino 2013Published by arrangement with Roberto Santachiara Agenzia Letteraria

© der deutschprachigen Ausgabe

FOLIO Verlag Wien • Bozen 2014

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagfoto: © Gettyimages / Tim Flach

Grafische Gestaltung: Dall’O & Freunde

Druckvorbereitung: Typoplus, Frangart

Printed in Europe

ISBN 978-3-85256-647-4

www.folioverlag.com

Für Yodit, Giuliana und Angelica,Personen aus dem wirklichen Leben,das schöner ist als jeder Roman.

Da giovane avevo un sogno,

volare come un uccello,

ma adesso che schiaccio l’aria

col mio peso non mi pare bello.

Io volo come un mattone,

come un sasso, una chiave inglese,

volare senza le ali

è un problema, mi sembra palese,

volare senza le ali

è un problema, mi sembra palese.

In meiner Jugend hatte ich einen Traum,

ich wollte fliegen wie ein Vogel,

aber jetzt, da ich die Luft

zerquetsche mit meinem Gewicht, gefällt es mir nicht.

Ich fliege wie ein Ziegel,

wie ein Stein, wie ein Schraubenschlüssel,

fliegen ohne Flügel

ist schwierig, das ist wohl klar,

fliegen ohne Flügel

ist schwierig, das ist wohl klar.

Andrea Buffa, Il sogno di volare

Es war nur ein vages Gefühl.

Kein Geräusch, denn die Musik aus dem iPod verstopfte ihm die Ohren wie weiches, flüssiges Wachs, und es war auch kein Schatten und keine Bewegung. Die Laterne war kaputt und unter den Arkaden war es fast dunkel, aber er war derart in Gedanken versunken, mehr mit seiner Innen- als mit seiner Außenwelt beschäftigt, dass er nicht mal was bemerkt hätte, wenn es taghell gewesen wäre und die Sonne geschienen hätte.

Es war nur ein Gefühl.

Wie wenn man plötzlich aufwacht, weil man spürt, dass einen jemand ansieht, und Enzo riss sich tatsächlich von der Musik und seinen Gedanken los, nahm die Kopfhörer ab und drehte sich um.

Aber da war nichts.

Er dachte: nichts. Nicht niemand, sondern nichts, denn sein Gefühl sagte ihm, dass unter der dunklen Arkade, wo er das Rad abstellte, etwas gewesen war, nicht jemand, sondern etwas.

Etwas.

Aber da war nichts.

Am liebsten hätte er sich wieder seinen traurigen Gedanken überlassen und sich von der Musik berieseln lassen, die so traurig wie seine Gedanken war, und die er gehört hatte, während er durch das menschenleere Bologna nach Hause geradelt war, aber ausgerechnet der Anblick des Fahrrads oder besser gesagt der Kette, die er in der Hand hielt, oder eigentlich des offenen Schlosses ließ ihn alles vergessen, das Gefühl, die Gedanken, die Traurigkeit und die Musik.

Unter der Arkade, an der Säule, an der er immer sein Rad festmachte, klebte nämlich ein Plakat, ein in Großbuchstaben beschriftetes Plakat, ein Computerausdruck, und darauf stand, es sei absolut verboten, Fahrräder und Mopeds hier abzustellen. Und tatsächlich war der Laubengang leer, nichts lehnte an Wänden und Säulen, und allen, die sich nicht an die Anordnung hielten, wurden die Reifen aufgestochen.

Nur ihm nicht.

Er stellte sein Rad nach wie vor dort ab, kettete es am Pfosten des Halteverbotsschilds oder direkt an der Säule an, niemand hatte je was zu ihm gesagt.

Er wusste, warum. Und das machte ihn wütend, so was von wütend, dass er mit den Zähnen knirschte, auch jetzt knirschte er mit den Zähnen, und er ließ das Schloss offen, ließ die Kette über der Lenkstange hängen, dachte, Verdammt, mir stehlen sie nicht mal das Rad, öffnete das Tor und ließ es zufallen, und das um diese Uhrzeit, obwohl die dumme Kuh aus dem ersten Stockwerk ebenfalls ein Plakat geschrieben und im Flur aufgehängt hatte, bitte die Tür nicht zufallen lassen, verdammt, verdammt, verdammt nochmal.

Aber Enzo neigte eher zu Traurigkeit als zu Wut. Also setzte er sich wieder die Kopfhörer des iPod auf, und da er die Wiedergabe auf endlos eingestellt hatte, hörte er wieder den Song, in dem es um eine Elster ging, vurria ca fosse ciaola, sie möchte zu dir fliegen, und den ganzen Kram, den man sich anhört, wenn man verliebt ist und nicht erhört wird, sonst wäre es nämlich eher Sehnsucht gewesen und nicht Traurigkeit.

Diese Zicke.

Und da er in diesem Augenblick sehr, sehr traurig war, stellte er den iPod lauter und hörte nicht, dass das Tor, das er zufallen hatte lassen – verdammt, verdammt, verdammt – nicht ins Schloss gefallen, sondern ganz leise geschlossen worden war.

Diese Zicke.

Die Musik füllte seinen Kopf mit einem dichten, warmen Nebel, wie Marihuana. Er sang die Worte ganz leise mit, vulasse a ’sta fenesta, er hatte sie ihr vorgespielt, der Zicke, er hatte sie ihr übersetzt, und während sie mit typisch nördlicher Herablassung lächelte, die ihn vor Angst und Begehren vergehen ließ, hätte er ihr gern erklärt, dass die Musik nicht einfach Volksmusik war, sondern von der Nuova compagnia di canto popolare stammte, aber wozu eigentlich, offensichtlich verstand sie die Musik nicht – Ethno hatte sie sie genannt, Ethno, nicht Volksmusik – sie gefiel ihr nicht und vor allem er, Enzino, gefiel ihr nicht. Sie könnten ja Freunde sein, aber das war ihm nicht genug. Welcher Junge hätte sich damit zufriedengegeben, der Freund des Mädchens zu sein, das er liebte und das ihn nicht erhörte? Gab es so einen Jungen? Also verpiss dich, verpiss dich, verpiss dich, du dumme Zicke, aber bei diesem Gedanken empfand er keine Wut, sondern eine sanfte Traurigkeit, sodass die Worte fast wie ein Kompliment klangen, und in diesem Augenblick spürte er es wieder.

Das Gefühl.

Jetzt spürte er allerdings ganz deutlich, dass da was war, und da riss sich Enzo die Kopfhörer vom Kopf, er nahm sie nicht ab, sondern riss sie vom Kopf und schnellte herum, hielt den Schlüssel, den er gerade ins Schloss stecken hatte wollen, wie eine Waffe vor sich, und er hatte eine Gänsehaut bis zu den Haarwurzeln, obwohl er noch gar nichts gesehen hatte.

Und als er ihn sah, streckte er die Hände nach unten aus, als würde er einen Hund abwehren, denn er kam von unten, er dachte oh Gott, oh Gott, oh Gott, und riss den Mund auf, um so laut zu schreien, dass ihm die Stimmbänder gerissen wären, doch er konnte nur die Augen verdrehen, aufgrund einer stummen, absoluten Angst, die allein schon ausgereicht hätte, ihn umzubringen.

Teil I

Ich erinnere mich nicht mehr

Non ricordo più come andò, come fu

la storia riporta che

non trovai Belzebú, Odino o Manitú …

qualcuno che aiutasse me!

Ich erinnere mich nicht mehr, wie es geschah,

die Geschichte besagt, dass

ich nicht Belzebub, Odin und Manitù fand …

ich niemanden fand, der mir half!

Bandabardò, Non ricordo più

Der Cursor funktioniert wie ein Radiergummi.

Er löscht den blauen Bindestrich und lässt einen weißen Strich übrig, der immer länger wird, langsam, entschlossen und stumm, ich kann mit den Kommandos nämlich noch nicht so gut umgehen und der Cursor bewegt sich stumm, während darunter, in Klammer, die Sekunden angezeigt werden.

Den schwarzen Hintergrund habe ich auf Vorschlag des Providers gewählt, die anderen Vorschläge erschienen mir unpassend, zu eindeutig – eine blaue Feder, rote Tinte, grüne Steine, Blumen –, unpassend und zu bedeutungsvoll. Am liebsten wäre mir eine weiße Seite gewesen, einfach eine weiße Seite, aber es gab keine, also kam nur Schwarz in Frage, eine schwarze Seite mit grauen Vierecken am Rand.

Oben in der Mitte, in Tahoma, Größe 20, mit weichen, langen Schleifen, steht der Titel: Logbuch, grau auf schwarz, darunter, in weißen, flachgedrückten Buchstaben, Größe 12, der Untertitel: gibt es jemanden da draußen der mir helfen kann? Ohne Beistriche, alles in Kleinbuchstaben.

Es war einfach gewesen, den Untertitel einzufügen, genauso einfach, wie das Foto einzufügen. Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, ich richtete den Pfeil der Maus auf das Icon des Fotoapparats (Dateipfad anlegen, umblättern, Bilder einfügen, Ausrichtung und Größe wählen, hinzufügen, nein, zuerst das Kästchen ankreuzen, zum Beweis, dass man die Geschäftsbedingungen akzeptiert) und schon war es da, mitten auf der Seite.

Auf dem Foto ist ein Mann zu sehen, er sitzt auf einem Stuhl, einem Holzstuhl.

Er sitzt in einem Innenhof, auf Lehmboden, und neigt sich auf die rechte Seite – es sieht aus, als würde er auf zwei Stuhlbeinen balancieren und gleich umfallen –, einen Arm hat er abgewinkelt, als hielte er einen Schirm, und er beißt die Nägel der anderen Hand.

Es ist ein sehr altes Foto, eine an den Rändern vergilbte Buchseite, dunkle Fäden im Gewebe des Papiers, wie Falten, und auch das Bild mit dem dünnen schwarzen Strich rundherum (Abb. 10) ist porös und ausgeblichen wie eine Daguerreotypie. Und in der untersten Zeile der Bildunterschrift steht auch tatsächlich , auf Französisch, und der Mann auf dem Sessel ist auch kein Mann, sondern ein Junge, denn er ist erst , dreizehn Jahre alt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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