Tödlicher Spätsommer - Ursula Dettlaff - ebook

Tödlicher Spätsommer ebook

Ursula Dettlaff

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34,99 zł

Opis

Helene legt Wert auf einen geregelten Alltag. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin. In dem kleinen Laden arbeitet sie nun schon seit über 30 Jahren. Freundschaften sind ihr nicht mehr so wichtig. Schon als Kind hatte sie keine guten Erfahrungen damit gemacht. Jutta, ihre Zwillingsschwester, war stets offener und fröhlicher. Aus dem elterlichen Haus sind beide nie ausgezogen, bewohnen jedoch getrennte, abgeschlossene Appartements, Als Jutta plötzlich stirbt, bricht für Helene die Welt zusammen. - Die Polizei schließt nach einem Jahr die Akten und geht von einem tragischen Unglücksfall aus. Doch damit will sich Helene nicht abfinden.

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 334




Ursula Dettlaff

 

Tödlicher Spätsommer

 

 

Kriminalroman

 MÖNNIG-VERLAG ISERLOHN

 © Mönnig-Verlag, Iserlohn, 3. Auflage 2013

 

Alle Rechte an Bild und Text, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen Wiedergabe und der Vervielfältigung bleiben dem Verlag vorbehalten.

 

Buchgestaltung, Textbearbeitung und Produktion: Mönnig-Verlag, IserlohnCover: Klaud Design - Marie-Katharina Wölk© pure-life-pictures - Fotolia.com, © sjhuls - Fotolia.com, © burak çakmak - Fotolia.com

Gedruckte Ausführung unter www.moennig.de

 

Print: ISBN 978-3-933519-63-4E-Book: ISBN 978-3-933519-64-1 EPUBE-Book: ISBN 978-3-933519-65-8 MOBI

Teil I

Die Sicherheit des alltäglichen Lebens

„Haben Sie das Richtige gefunden“, erkundigte sich Helene freundlich. Drei Minuten vor Ladenschluss hatte die Kundin das Geschäft betreten und an der Kasse nach einem Reiseführer über Westjütland gefragt. Mit wenigen Schritten ging Helene hinüber zum entsprechenden Regal und reichte der Frau verschiedene Ausgaben. „Griechenland ist uns im Sommer zu heiß. Auf der Insel Patmos mieten wir regelmäßig im Frühjahr einen Bungalow. Im Herbst ist das Licht in der Toskana einfach unvorstellbar schön. Da fanden wir auch schon ein ganz süßes Urlaubsdomizil. Und weil die Wetterprognose für den gesamten Juni so gut ist, buchte ich für die kommenden beiden Wochen ganz spontan ein Ferienhaus in Dänemark. Machen Sie auch bald Urlaub? Ach, nein, Sie nehmen sicher jetzt gerade Schulbuchbestellungen entgegen, was?“

Annette schaltete bereits mehrere Lampen aus.

Die Kundin schien das nicht zu bemerken. „Dieser hier ist ganz aktuell. In welche Region von Westjütland geht denn Ihre Reise?“, versuchte Helene den Verkauf zu beschleunigen. „Ach“, entgegnete die Frau, „so genau weiß ich das gar nicht. Ich kann ja zuhause mal nachsehen und dann wiederkommen.“

Das Kaufinteresse der Frau schien blitzschnell verschwunden zu sein.

Annette hatte mittlerweile die Ladentür verschlossen und wartete. „Die sind im Moment sehr gefragt“, wandte Helene ein. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass morgen Abend noch einer da ist.“

Macht nix, gibt ja Internet. Helene las die Antwort in den Augen ihrer Gesprächspartnerin voraus. „Nutzen Sie das World Wide Web eigentlich auch privat?“, wollte die jetzt wissen. „Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen.“

Helene outete sich als geizig, was ihr wegen ihres Aussehens – streng frisierte Steckfrisur, sportlicher dunkelblauer Rock, weiße Bluse, Schuhe, die zeitloser Chic auszeichnete, spontan jeder abnahm.

„Ich kaufe lieber im Laden, statt zusätzlich Versandkosten zu zahlen“, bekannte die Verkäuferin, schaute auf ihre Armbanduhr und wollte eben die lästige Kundin hinauskomplimentieren, als diese seufzte „Na, dann geben Sie schon her. Was macht das noch mal?“ Helene druckte den Kassenbon, nahm das Geld und verabschiedete sich.

„Mensch, ich dachte, die will gar nix kaufen“, ereiferte sich Annette, ihre junge Kollegin, kurz darauf. „Bloß gut, dass diese schreckliche Angeberin raus ist.“

Heiner kam aus seinem Büro. „Musste das sein, dass du wieder so ewig herumpalaverst?“, grantelte er und öffnete die Kasse. Die Abrechnung erledigte er in der Regel persönlich.

Ihm war natürlich klar, dass die kompetente Beratung das einzige war, das kleine Läden der Konkurrenz des Internethandels entgegen zu setzen hatten. Aber seine Verkäuferin präsentierte sich heute nicht gerade in bester Stimmung.

„Wenn ich da meinen Vater von den 70er Jahren reden höre. Damals kauften die Leute Bücher wie verrückt. Keine Ahnung, ob sie die alle gelesen haben“, erzählte er.

An diese Zeit konnte Helene sich gut erinnern. Als „Lehrmädchen“ schickte man sie damals täglich zum Einkauf für alle Mitarbeiter. Heiner besuchte damals das Mannesmann-Gymnasium.

Helene machte noch ein wenig Ordnung. Erst im Laden, dann im Aufenthaltsraum, aus alter Gewohnheit. Sie kannte die Leier zur Genüge.

„Lenchen, Süße, kannst Du meine Tasse in die Spülmaschine stellen. Timo und ich wollen gleich ins Kino. Da läuft der neue Film mit Jonny Depp. Lässt du mich eben raus.“, Annettes Bitte war eher eine Feststellung. Helene tat, worum sie gebeten wurde. Spaß zu haben ist etwas für junge Leute.

Die Tüte mit dem Puddingteilchen und der Nussecke faltete sie zu und legte sie in ihren Schrank. Das Gebäck schmeckte sicher morgen noch genauso gut. Ceylontee und Filter reichten ebenso bis zur kommenden Woche, wie der Zucker. „Bis morgen“, verabschiedete sie sich und ging heim.

Eine gute halbe Stunde später zappte sie sich durch das Abendprogramm. Auf dem Tisch hatte sie sich ein Glas Rotwein, Joghurt, Nudeln aus der Mikrowelle und Besteck bereitgelegt. Bevor sie sich müde auf die Couch fallen ließ, vergewisserte sie sich, dass ihre Wolldecke in Reichweite lag.

Ein Film nach einem Roman von Rosamunde Pilcher. Schöne Landschaft, vorhersehbare Handlung. Leichte Kost. Ideal zum Entspannen. Chillen, wie ihr Patenkind Julia sagen würde.

Vom Klingeln des Telefons erwachte Helene. Seufzend erhob sie sich. „Hier ist Ihre T-Netbox. Sie haben zwei neue Sprachnachrichten. Zur sofortigen Abfrage drücken Sie die eins.“

Petra wollte wissen, ob Helene mal wieder Lust zum Shopping hätte. Am besten Donnerstag. Um 10 vor dem Haupteingang von Karstadt. Wie immer. Helene war verärgert.

Den freien Tag musste sie schließlich zum Einkaufen und Putzen nutzen.

Am liebsten hätte sie Petra auf der Stelle zurückgerufen. Heiner konnte es ohnehin nicht leiden, wenn sie während der Arbeit telefonierte. Andererseits wäre es vielleicht ganz gut, der ewig gleichen Tretmühle für ein paar Stunden zu entrinnen.

Nachricht zwei stammte von Kommissar Schumann. „Ja, Schumann hier, hallo Frau Schneider. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir die Ermittlungen einstellen. Tut mir leid. Kommen Sie doch Donnerstag um 9 bei mir vorbei. Die Akte wird geschlossen. Wir konnten kein Motiv für die Tat finden.“

Helene war mit einem Schlag hellwach. Das war die Nachricht, die sie schon so lange befürchtet hatte.

Der Alltag gab ihr Halt, diesen sinnlosen Tod ein wenig zu vergessen. „Du wirst darüber hinwegkommen“, versuchte Petra sie immer zu trösten, wenn Helene dieses Thema ansprach. „Die Zeit heilt alle Wunden“.

Wie oft musste sie sich diese Floskel schon anhören. Zugleich konnte sie Petra nicht böse sein. Was hätte sie sagen sollen?

Nach der langen Zeit ohne irgendeinen Fortschritt fehlten der Freundin einfach die Worte. Helene schaltete den Fernseher aus, legte die Decke zusammen und räumte den Tisch ab.

Sie hasste es, am Morgen, direkt nach dem Aufstehen, auf Unordnung blicken zu müssen.

Sie konnte lange nicht einschlafen, wälzte sich von einer Seite auf die andere. Später trank sie ein Glas warme Honigmilch.

Doch es half nichts. Zu stark war die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Sommers. Entsprechend müde blickte ihr am Morgen ihr Spiegelbild entgegen.

„Mensch Helene, mit deiner finsteren Miene vergraulst du mir noch die Kunden“, begrüßte Heiner am nächsten Morgen seine Angestellte.

„Die Polizei hat angerufen. Die Ermittlungen werden eingestellt“, sagte sie leise. „Ja, da kann man nichts machen. Na, wenigstens hast du jetzt wieder Zeit, dich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.“

Den Chef fragt man nicht, wie verkaufsfördernd seine Stimmung ist. Und sowieso saß Heiner rasch wieder in seinem Büro und wandte sich unter anderem Computerspielen zu.

Während Helene die Warensendung mit der Bestellliste abglich, klingelte zum ersten Mal die kleine Glocke an der Ladentür.

Ein Freund von Heiner kam herein und für die nächsten beiden Stunden ereiferten sich die Männer über Fehlpässe, verpasste Torchancen und falsche Schiedsrichterentscheidungen, die alles in allem unweigerlich zur schmählichen Niederlage der Borussia geführt hatten.

„Na, und bei dir alles wie immer?“, fragte der Besucher, als Helene eben eine leere Bücherkiste ins Lager zurückstellte.

„Ach, du kennst doch Helene. Die beschäftigt sich immer bloß mit demselben Thema“, nahm ihr Chef die Antwort vorweg. Helene selbst hielt es für besser zu schweigen.

Die erste Kiste enthielt Kinderbücher. Liebevoll gestaltete Bilderbücher, Fußballbücher für das erste Lesealter, Pferde und Tiergeschichten. Teenieromane und natürlich genügend Angebote für Eltern, die ihren Sprösslingen schon im Kindergartenalter Schreiben und Rechnen beibringen wollten.

Um 15 Uhr kam der Dekorateur. Helene legte schon einmal eine bunte hölzerne Raupe und verschieden hohe Regale bereit. Drüben an der Kasse hatte Annette Mühe, die Kunden relativ schnell zu bedienen.

„Macht 19,80 €. Hätten Sie vielleicht 30 Cent? Dann gebe ich Ihnen 50 zurück“, erkundigte sie sich gerade, als Helene die nächste Kiste in den Laden holte.

Strandlektüre, Thriller, Sience-Fiction und Biografien. Einen Teil der Bücher räumte Helene in die Regale. Einzelne Exemplare legte sie auf die Theke.

„Kennen Sie das?“ fragte ein Kunde, als Helene gerade den Strandliegestuhl aus dem Keller nach oben trug.

„Frag´ nicht nach ihr“ von Carlene Thompson. „Ja“, gab sie zurück. „Ich lese gern Romane dieser Autorin.

„Anders als in manchen TV-Krimis denke ich dabei nicht die ganze Zeit ,Na, war doch klar‘. Schließlich ist er oder sie mir die ganze Zeit so merkwürdig vorgekommen. Vielmehr wandeln sich die Dinge schleichend. Das Ende ist dann irgendwie logisch.“

Dem Kunden schien die Inhaltsangabe zu gefallen. Er nahm das Buch, ging ohne eigenes Blättern zur Kasse, zahlte und Helene sah, dass er gegenüber an der Bushaltestelle stehen blieb und in Richtung Düsseldorfer Straße schaute.

Der Wagen des Dekorateurs parkte vor dem Laden. Der Mann trug einen sperrigen, ziemlich großen Karton ins Geschäft und stellte ihn neben dem Liegestuhl ab.

„Haben Sie jetzt etwas Zeit für die neue Deko?“ erkundigte er sich freundlich, während er Helene die Hand gab.

Eigentlich wollte sie sich gerade eine Tasse Tee aufbrühen. „Trinken Sie vorher einen Tee mit mir?“, gab sie zurück. „Lieber was kaltes, Cola oder Wasser“, kam die Antwort. Die Beiden kannten sich seit vielen Jahren und tauschten gern kreative Ideen aus.

Viele Gestaltungsvorschläge hatte sie in der Vergangenheit mit Jutta besprochen. Die griff ihrerseits gern den einen oder anderen Tipp auf.

Über die Jahre wechselten der Dekorateur und Helene auch gelegentlich ein privates Wort. „Olala, Helene. Den hast du ja mal wieder ganz schön angebaggert. „Der ist nicht zum Teetrinken, sondern zum Arbeiten bestellt“, mokierte sich Heiner später.

„Du zahlst ihm eine monatliche Pauschale. So steht`s im Vertrag“, stellte Helene klar. „Ach, echt, weiß ich nichts von. Vielleicht sollten wir sie kürzen.“

Keine gute Idee, fand Helene. Immerhin handelte es sich bei einigen Dekorationsstücken lediglich um Leihgaben. Dieser Deal sparte nicht nur Geld, sondern auch spätere Lagerfläche.

Das neu gestaltete Schaufenster erwies sich, kaum dass der letzte Handgriff erledigt war, als sprichwörtlicher Hingucker. Viele Passanten blieben stehen und nicht wenige betraten nach einem kurzen Blick auf die Titel den Laden, um die „Neuentdeckung“ zu erwerben.

Helene gefiel die scheinbar ungewollte Anordnung der Bücher ebenfalls. Mal als Stapel auf dem Boden, mal ein Einzelexemplar im Regal. Einige Regale ließen den Blick in den Laden zu. Andere lehnten an der zartgrünen Rückwand.

Unvermittelt merkte Helene plötzlich, dass sie den ganzen Tag noch nicht an Jutta gedacht hatte. Tränen schossen ihr in die Augen. Müdigkeit und das Alter, dachte sie. Mit 50, so hörte sie immer wieder, spielen langsam aber sicher die Hormone verrückt. Da wird Frau leicht zur Heulsuse.

Heute war sie mit dem Auto zur Arbeit gekommen. Zwei- vielleicht dreimal pro Woche machte sie das so. Statt vom Laden aus direkt nach Hause zu fahren, entschied sie sich für einen Abstecher zum Schwimmbad. Die Tasche mit den nötigen Utensilien lag immer im Auto. Einfach nur ein paar Bahnen ziehen. Manchmal half das, die Gedanken zu ordnen.

Oft allerdings wollte sie sich am liebsten nur verkriechen, dasitzen, nichts tun und mit niemandem reden.

Der Wecker klingelte um halb sieben wie immer. Gerade am freien Tag hielt Helene an klaren Strukturen fest. Dazu gehörte das Einschalten der Waschmaschine vor dem Frühstück, damit die Sachen aufgehängt werden konnten, bevor sie das Haus verließ.

Vorher noch die Einkaufsliste zusammenstellen. Instinktiv legte sie einen kleinen Notizblock und ihren Füller in die Handtasche. Man konnte nie wissen.

Für Lachs und die kleine Portion Walnusseis war es wohl am besten, die Tiefkühlbox mitzunehmen. Einen kleinen Frischkäsekuchen mit Erdbeerfüllung zu bevorraten, konnte ebenfalls nicht schaden.

Helene war, als habe soeben jemand geklingelt. Sie brauchte nur die Tür zu öffnen und Jutta stünde vor ihr. Na bestens, dachte sie, während sie laut in ihr Taschentuch schnäuzte. Genau die richtige Stimmung für ein Gespräch mit Schumann.

Klare Fakten

Wie oft hatte sie in den vergangenen Monaten das Präsidium betreten. Am Anfang spürte sie lediglich eine große innere Leere und vor allem weiche Knie.

Verwundert nahm sie zur Kenntnis, dass das Leben um sie herum weiterging, als sei nichts geschehen. Die Straßenbahn rollte die Düsseldorfer Straße entlang. Autos surrten über das Kopfsteinpflaster.

Am unerträglichsten erschien Helenes herzliches Lachen.

Der Leere folgte die Wut auf die ermittelnden Beamten beider Länder. Von großem Interesse, den Fall aufzuklären, konnte keine Rede sein. Alles sah nach einem ganz normalen Unfall aus, wie er im Jahr tausendfach vorkommt. Bedauerlicherweise mit tödlichem Ausgang, zugegeben. „Das ist für die Hinterbliebenen schlimm“, meinte Schumann zur Begrüßung.

Er war von seinem Schreibtischstuhl aufgestanden, um der Frau entgegen zu gehen und ihr die Hand zu reichen. Im Laufe der Zeit hatte der Oberkommissar seine Meinung über die „eiserne Jungfrau“ wie Helene im ganzen Präsidium genannt wurde, geändert.

Zwar ging ihm noch immer ihre Beharrlichkeit gründlich auf die Nerven. Noch dazu diese Unterstellung, man sei untätig gewesen. Was dachte sich diese Tussi dabei? Wie sollte ein so kleiner Stab von Mitarbeitern so viele Fälle aufklären?

Vor allem der Vorwurf, nicht jeder erdenklichen Spur mit der nötigen Sorgfalt nachgegangen zu sein, wurmte ihn ziemlich.

Ein Ferienhaus ist nun mal nicht so gegen Einbruch gesichert, wie ein Bankgebäude. Muss es aber auch nicht. Vermutlich gab es ganz logische Erklärungen für die wenigen verbliebenen Ungereimtheiten, obwohl, die Spurensicherung an der Türklinke, der Spüle und dem Kühlschrank beispielsweise überhaupt keine Fingerabdrücke sicherstellen konnte, war bestimmt mit der kurzen Zeit erklärbar, die die Tote in dem Haus verbracht hatte. Sie muss einen Reinlichkeitstick gehabt haben.

Schumann warf noch einmal einen Blick auf die Tatortfotos. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand ein Glas, in dem sich ein Rest Saft befand, daneben ein Teller mit Brotkrümeln. Alles verschimmelt, was mit der Zeit, in der die Sachen unbenutzt dastanden, erklärbar war.

Im Kühlschrank fanden die dänischen Kollegen die angebrochene Saftflasche, Käse, verschiedene Aufstriche und Brot.

Man hatte die Lebensmittel auf Spuren von giftigen oder auf andere Weise verdächtige Substanzen untersucht. – Ergebnislos. – Am Geschirr konnte die DNA der Verstorbenen nachgewiesen werden.

 

Immer und immer wieder hatte Schumann mit der Eisernen Jungfrau, die sich schon zum Schrecken des Präsidiums entwickelt hatte, den Fall durchgekaut.

Anfangs kam sie fast täglich, um sich über die Ermittlungsergebnisse zu informieren. Möglich, dass er dabei zu viel Verständnis zeigte.

Irgendwann musste er ihr unmissverständlich klarmachen, dass sie mit ihren Kontrollvisiten die Arbeit der Polizei behindere. Was sie nicht davon abhielt, wöchentlich reinzuschneien. Aber die dänischen Kollegen sahen keinen Grund für eine länderübergreifende Zusammenarbeit.

Wozu auch? Die Fakten waren klar: Eine deutsche Touristin lag tot am Fuße einer Treppe in ihrem Ferienhaus. Sie war erst kurz zuvor eingetroffen.

Niemand kannte sie in der Feriensiedlung, keiner vermisste sie also.

Die Reinigungskraft, die das Haus vor dem Eintreffen der nächsten Gäste säubern wollte, fand schließlich die Tote. Schumanns Mitleid galt der Putzfrau. Sie stand tagelang unter Schock.

Für die Mordtheorie der Schwester gab es keinerlei Beweise. Es war an der Zeit, die Akten zu schließen und im Keller zu archivieren.

„Nur für Sie habe ich sogar schwarzen Tee gekauft“, erklärte der Mann freundlich und mitfühlend, schaltete den Wasserkocher ein und hängte einen Teebeutel in eine Tasse.

Helene warf einen Blick auf das Päckchen. „Jetzt ist es wohl schon ein wenig zu spät dazu“, sagte sie gedehnt.

Als Schumann sie fragend anblickte, erklärte sie: „Der Discounter wirbt doch mit dem Slogan: Bei Nichtgefallen Geld zurück! Immerhin würde das für die Brötchentaste der Parkuhr reichen.“

Charmant, freundlich und humorvoll wie immer, die Schneider, dachte Schumann, während er das kochende Wasser in die Tasse goss und sie der Frau über den Schreibtisch reichte.

„Mit Höflichkeit können Sie nicht umgehen, oder?“, fragte er.

Nachdenklich blätterte er ein letztes Mal die dicke Akte durch.

Das fehlende Handy war so etwas wie der Strohhalm, an den sich die Frau klammerte. Verständlich in ihrer Situation.

Angeblich trug die Tote es immer bei sich. Im Haus und im Fahrzeug der Verstorbenen wurde keines gefunden. Benutzt wurde es zuletzt am Todestag, wie ein Anruf beim Provider ergab.

Die Verbindung dauerte genau eine Minute dreißig. Der Anruf ging an ein Prepaid-Handy.

Über den breiten Schreibtisch konnte Helene das allerdings nicht lesen. Umso deutlicher hatten sich die Bilder ihrer toten Schwester mit den weit geöffneten Augen in ihr Gedächtnis gebrannt.

Dass heute ein endgültiger Schlussstrich gezogen werden sollte, versetzte Helene buchstäblich einen Fausthieb in die Magengrube.

„Darf ich mal sehen. Ich würde mir gern etwas abschreiben“, bat sie.

Diese störrische Alte war nicht ganz bei Verstand. Die konnte einen ja so was von aufregen. „Das geht nicht“, erwiderte Schumann barsch. „Das sollten Sie eigentlich wissen. Schauen Sie lieber nach Ihrem Tee und nehmen den Beutel raus. Der wird sonst zu bitter.“

Schumann brauchte auf der Stelle eine Zigarette, obwohl er seit mindestens einer Woche stolzer Nichtraucher war.

„Sie werden doch wohl hoffentlich nicht gegen das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden verstoßen, Herr Kommissar. Wie hoch ist die entsprechende Ordnungsstrafe?“, gab Helene zu bedenken, als sie sah, wie er eine Zigarettenschachtel aus der Schublade ziehen wollte, die er nun mit lautem Rums wieder zuwarf.

Vorsichtig schielte er auf seine Armbanduhr. Gleich war er die lästige Besucherin los. Wissend, was ihn erwartete, hatte er mit einem Kollegen verabredet, dass der ihn anrufen würde.

Helene trank den Tee langsam und in kleinen Schlückchen.

Die Frau sieht eigentlich gar nicht so übel aus, sie müsste einfach mehr aus sich machen, dachte Schumann.

„Sie haben große Ähnlichkeit mit Jutta“, durchbrach er das Schweigen schließlich. „Kunststück, wir sind Zwillingsschwestern“, giftete Helene.

Wo blieb bloß der verabredete Anruf, verflucht? „Ich will doch lediglich wissen, wo es passiert ist“, bettelte Helene und zog gleichzeitig ihr Schreibzeug aus der Tasche.

Mit einer ruckartigen Bewegung klappte Schumann die Akte zu und stellte sie hinter sich in den Schrank. Helene war sprachlos vor Wut und Enttäuschung.

Einen Augenblick lang genoss Schumann die Mimik. Ein Spiel, das er noch toppen konnte, indem er sich seelenruhig in seinem Stuhl zurücklehnte, eine andere Schublade aufzog und einen Ferienkatalog hervorholte. „Ach, ich könnte gut ein paar Tage Urlaub gebrauchen“, meinte er und blickte aus dem Fenster. „Ein Strohdachhaus mit schöner Terrasse, direkt am Strand, das wäre genau das richtige. Pool und Sauna brauche ich nicht. Und auch sonst könnte ich auf Schnickschnack, wie Bars und Diskos in der Nähe getrost verzichten“, fügte er hinzu. „Was halten Sie zum Beispiel von diesem hier?“, erkundigte er sich und zeigte auf ein rotes Backsteinhaus. Erst als er vom Katalog aufblickte, merkte er, dass Helene das Büro längst verlassen hatte.

Sein Telefon klingelte. „Sie ist schon weg“, schnauzte er in den Hörer.

Draußen vor der Eingangstür des Präsidiums blieb sie einen Moment stehen und lehnte sich an die Bruchsteinmauer.

Sie schämte sich.

Schumann durfte ihr seine Ermittlungsergebnisse nicht preisgeben. Und sie war nun einmal nicht klug genug, um das Gespräch so führen zu können, dass sich der erfahrene Beamte ganz zufällig verplappern würde.

Schluss, Ende, Akte zu. Viel zu sehr nahmen die Ereignisse des vergangenen Sommers von ihren Gedanken Besitz.

Ihr blieb doch keine Wahl.

Sie spürte eine unvorstellbare Leere.

Sah vor sich nichts als ein tiefes Loch.

Ein Leben ohne Jutta war sinnlos. Die täglichen gemeinsamen Mahlzeiten waren ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Fernsehabende.

Sie wohnen in dem Haus, in dem sie geboren wurden.

Sollte sie jetzt ,wohnten‘ sagen?

Als Teenager hatte der Vater „seinen Mädchen“ die Dachgeschosswohnung ausgebaut. Nach dem Tod der Eltern war Helene in deren Wohnung gezogen. Jutta wandelte sich das Dachgeschoss vom Kinderzimmer in ein gemütliches Single-Appartement.

Jetzt gab es nur noch Helene. Sie fühlte sich unglaublich allein.

„Ist Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?“ Die Fragen eines Passanten holten Helene in die Gegenwart. „Nein, nein, danke, alles in Ordnung“, antwortete sie hastig und merkte, wie ihr Gesicht rot anlief.

Helene wartete einen Moment, bis der Mann nicht mehr zu sehen war. Ihr Gang, ihre Haltung, die Mimik, überall zeigte sich ihre Unsicherheit.

Veränderungen

Sie blickte auf den wolkenlosen Himmel und der strahlend helle Sommertag tat ihr gut.

Vom Kantpark waren fröhliche Kinderstimmen zu hören. Einen Moment lang wollte sie sich hier auf eine Bank vor der alten Lokomotive setzen und den Kindern einfach nur zusehen, wie sie darauf herumkletterten. Ein bunter Mix Sonnenhungriger bewegte sich an ihr vorbei. Radfahrer, die lieber ein paar Meter durch den Park, statt entlang der dicht befahrenen Straße fuhren.

Eine junge Frau mit einem schätzungsweise zweijährigen Kleinkind im Kinderwagen lief stadtauswärts. Wahrscheinlich befand sie sich mit ihrem Einkauf schon auf dem Heimweg. Ein Salatkopf und Pfirsiche im Einkaufsnetz deuteten jedenfalls darauf hin. Das Kind schleckte versonnen an einer Kugel Vanilleeis.

Einen kurzen Moment lang sog Helene diese Unbeschwertheit in sich auf.

„Pass auf, dass du nicht runterfällst“, rief eine Frau einem angehenden Lokführer zu. Der befand sich auf der zweiten Stufe vor dem Fahrerstand.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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