STILL ALIVE - Sie weiß, wo sie dich findet - Claire Douglas - ebook

STILL ALIVE - Sie weiß, wo sie dich findet ebook

Claire Douglas

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Opis

Ihr Geheimnis kann sie alles kosten...

Als Libby einen Flyer für einen Haustausch im Briefkasten findet, kann sie ihr Glück kaum fassen. Denn ihr Mann und sie brauchen dringend eine Auszeit. In Cornwall angekommen, sind sie überwältigt von der hochmodernen Villa, die dort einsam über der Steilküste thront. Doch dann steht nach einem Strandspaziergang die Tür der Villa offen, obwohl sich Libby sicher ist, sie geschlossen zu haben. Immer häufiger hat sie hat das Gefühl, dass jemand sie beobachtet. Und Libby weiß, das kann nur eines bedeuten: Ihre Vergangenheit ist dabei, sie einzuholen. Und das könnte sie alles kosten …

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Claire Douglas

Still Alive

Sie weiß, wo sie dich findet

Aus dem Englischen von Ivana Marinovic

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Last Seen Alive« bei Michael Joseph, London.

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PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen

von Penguin Books Limited und werden

hier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2017 by Claire Douglas

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Penguin Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: bürosüd

Covermotiv: Arcangel/Mark Fearon; Getty Images/Martin Barraud; bürosüd

Redaktion: Sabine Thiele

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-21332-9V004

www.penguin-verlag.de

Für Claudia und Isaac

Prolog

Er hat so schöne Augen, blau wie der Ozean – sie waren schon immer das Beste an ihm. Nun sind sie leblos und glasig wie die einer Porzellanpuppe, starren mit leerem Blick in der Dämmerung zum Himmel empor. Die steinerne Figur entgleitet meiner offenen Hand, rollt auf seinen toten Körper zu und prallt schwer gegen seinen Oberschenkel.

Furcht packt mich, sodass ich für einige Sekunden wie angewurzelt dastehe und die Wunde in seinem Schädel anstarre – das Blut, das in einem Bogen aus seiner Schläfe gespritzt ist und den Rasen rot färbt. Dann knie ich mich neben ihn in das feuchte Gras, wobei ich darauf achte, ihn nicht zu berühren. Ich darf keine Spuren hinterlassen.

Ich blicke verstohlen auf. Das Gebäude ist über fünfzig Meter entfernt, die Fenster dunkel, manche mit zurückgezogenen Vorhängen, andere mit hochgerollten Jalousien. Hat mich jemand beobachtet? Ich denke schon wie eine Verbrecherin. Hat mich jemand gesehen, hier am anderen Ende des Gartens, zwischen dem Unkraut und dem wuchernden Gras?

Hat man mich gesehen, als ich meinen Mann tötete?

TEIL EINS Cornwall

1

Jamie dreht den Lautstärkeregler am Radio voll auf, sodass wir die Stone Roses über den Fahrtwind hinweg hören können, der uns um die Ohren pfeift. Er sieht aus wie einer dieser Wackeldackel, während er im Takt der Musik mit dem Kopf nickt.

»Gott, ich liebe dieses Lied!«

»Sag bloß«, ziehe ich ihn auf und schneide eine Grimasse, als er anfängt, lauthals mitzusingen.

Es entgeht ihm nicht. »Was denn? Immerhin war ich mit achtzehn schon Sänger in einer Band.« Dann drückt er liebevoll meinen Oberschenkel, um mir zu zeigen, dass er nicht beleidigt ist. »Du hättest unser Groupie sein können.«

Ich bin versucht, ihn daran zu erinnern, dass er damals mit Hannah zusammen war – sie wäre sein Groupie gewesen –, aber ich will ihm seine Laune nicht verderben. Er wirkt so glücklich wie schon lange nicht mehr. Ich drehe mich zu ihm, um ihn zu mustern, seinen fein geschnittenen Kiefer zu bewundern, der in einer geschwungenen Linie in seinen langen Hals übergeht, die feinen blonden Härchen, die über den Knöpfen seines Polohemds hervorlugen, und spüre sofort das Verlangen in mir aufflackern. Ich lege meine Hand auf seine, die noch immer sanft auf meinem Oberschenkel ruht, und wir verschränken unsere Finger ineinander. Er erhascht meinen Blick und lächelt, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die leere, endlose Fahrspur vor uns richtet.

»Ich kann es kaum erwarten, das Haus zu sehen«, sage ich. »Wie es wohl ist? Ich hoffe nur, dass es kein Reinfall wird.«

Jamie hebt eine Augenbraue. »Ein Reinfall? Das wage ich zu bezweifeln. Hat Philip Heywood es nicht als« – er spricht mit seiner Telefonstimme – »›stattliche Residenz am Meer mit herrlichem Panoramablick über die Bucht‹ beschrieben, oder so ähnlich …«

Ich lache. »Nicht ganz.«

Er zieht seine Hand zurück und legt sie wieder aufs Lenkrad, um eine Kurve zu nehmen. »Die Roseland-Halbinsel soll atemberaubend sein.«

»Bei dem Namen muss sie das auch sein.«

»Anscheinend kommt er von rhos, dem keltischen Wort für Heidekraut.«

»Warum weißt du so etwas?«

Er hebt eine Augenbraue. »Na, weil ich ein Geek bin.«

»Allerdings, das bist du«, erwidere ich grinsend. Ich ziehe meinen Mantelkragen weiter hoch, um meinen nackten Hals zu bedecken. Es ist schon Jahre her, dass ich langes Haar hatte, aber gelegentlich vermisse ich die Wärme im Nacken, vor allem in den kälteren Monaten. Die hellen Sonnenstrahlen werden von der Motorhaube zurückgeworfen, doch trotz des klaren blauen Himmels hängt eine gewisse Kühle in der Luft und erinnert uns an die allgegenwärtige Gefahr eines Aprilschauers. Ich bringe es nicht übers Herz, Jamie zu bitten, das Verdeck des Wagens zu schließen. Er braucht diese Auszeit genauso sehr wie ich – die ersten neun Monate unserer Ehe waren alles andere als leicht.

Ich werfe im Spiegel einen Blick auf unseren Golden Retriever Ziggy, der mit geschlossenen Augen und heraushängender Zunge auf dem Rücksitz faulenzt. Es war ein spontaner Entschluss, den Hund mitzunehmen – Katie, Jamies jüngere Schwester, hatte eigentlich versprochen, auf ihn aufzupassen, uns aber wie üblich in letzter Minute hängen lassen.

Mir wird etwas übel, als Jamie die nächste scharfe Kurve nimmt, und so versuche ich, mich darauf zu konzentrieren, tief einzuatmen und den Brechreiz zu unterdrücken, während meine Nase verzweifelt nach jener frischen Seeluft sucht, die man uns versprochen hat; doch stattdessen trifft sie nur auf den penetranten Geruch der gelb blühenden Rapsfelder um uns herum.

Mein linker Arm juckt unter dem sperrigen Gips und fühlt sich unangenehm schwer an, aber wenigstens konnte ich mich so ums Fahren drücken. Nicht dass Jamie mich noch dazu ermuntern würde, mich hinters Steuer zu setzen – jedenfalls nicht mehr, seit ich uns beide zu Beginn unserer Beziehung beinahe umgebracht hätte, als ich auf eine viel befahrene Bundesstraße bog und dabei nur knapp einen entgegenkommenden Lastwagen verfehlte.

Endlich zeichnet sich ein immer größer werdender Fleck in der Ferne ab, der die Eintönigkeit der Landstraße durchbricht – eine einsame kleine Tankstelle, die inmitten der wilden Wälder dasteht wie ein verlorenes Kind.

»Das muss es sein!«, rufe ich und zeige aufgeregt in die Richtung, während ich versuche, mich an die Anweisungen zu erinnern, die Philip Heywood mir vor zwei Tagen am Telefon durchgegeben hat.

Jamie hält vor den Zapfsäulen und stellt den Motor ab, woraufhin die Welt für einen Moment zu verstummen scheint. Nach der konstanten Geräuschkulisse aus lauter Musik und rüttelndem Fahrtwind ist die Stille willkommen. Ich empfand Lärm schon immer als stressig und nervenzehrend, doch Jamie liebt laute Musik und dreht sie immer so weit auf, wie er es sich gerade erlauben kann.

Jetzt beugt er sich nach hinten und befestigt die Leine an Ziggys Halsband. »Gehst du schon mal rein und holst den Schlüssel, Libs? Ich tanke gleich noch, wenn wir schon mal hier sind. Und dann drehe ich mit Ziggy eine kleine Runde, damit er sein Geschäft erledigen kann.« Er zeigt auf ein zugewuchertes Rasenstück neben dem Tankstellenladen. Ich habe nichts dagegen, da ich froh bin, aussteigen zu können und ein bisschen festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Der Junge hinter dem Tresen ist kaum den Teenagerjahren entwachsen. Als ich nach dem Schlüssel für das Hideaway, unsere Unterkunft, frage, glotzt er mich nur ratlos aus seinem aknevernarbten Gesicht an. »Ich weiß nichts von einem Schlüssel«, erwidert er, wobei er sich an einem Pickel am Hals kratzt. »Ich hole mal die Chefin. Name?«

»Entschuldigung?«

Er schnaubt und gibt sich nicht einmal die Mühe, seine Genervtheit zu verbergen. »Wie Sie heißen?«

»Oh … Libby.«

»Nachname?«

»Elliot … Ich meine, Hall. Mrs. Hall.« Ich bin es von der Arbeit so gewohnt, meinen Mädchennamen zu benutzen, dass ich manchmal vergesse, dass ich nun zu einer anderen Familie gehöre.

Er geht gemächlich nach hinten, wobei er die langen schlaksigen Arme schwingt wie ein Affe, dann verschwindet er hinter einer grauen Tür. Der Laden ist winzig, die Regale bis oben hin vollgestellt mit Thunfisch-, Bohnen- und Tomatenkonserven. Ich bin die einzige Kundin. Ich nehme eine Packung Pfefferminzpastillen von dem Ständer vor mir und überfliege die Süßigkeitenauswahl nach etwas für Jamie – am besten etwas mit Kokos, seine Lieblingsgeschmacksrichtung. Dann sehe ich Jamie durchs Fenster zu, wie er den widerspenstigen Ziggy zurück ins Auto bugsiert. Unser Mini Cooper ist der einzige Wagen vor der Tankstelle.

Der Junge taucht nicht wieder auf, und mich überkommt das flaue Gefühl, dass die ganze Sache ein ausgeklügelter Schwindel war und es weder einen Schlüssel noch ein Haus am Meer gibt. Doch da eilt eine vollbusige Dame mit blondierter Mähne durch die Tür, von deren wurstigen Fingern ein verheißungsvoller Schlüssel baumelt.

»Elizabeth Hall?«, fragt sie mit dem typischen Akzent Cornwalls.

Ich nicke. Sie überreicht mir den Schlüssel und lächelt breit. »Sie haben aber ein Glück, im Hideaway unterzukommen. Herrliche Aussicht. Nicht dass ich jemals dort übernachtet hätte – ich wusste gar nicht, dass es vermietet wird.«

Dankbar nehme ich den Schlüssel. »Ich weiß nicht, ob die Besitzer das normalerweise tun. Wir machen einen Haustausch.«

Sie reißt erstaunt die Augen auf. »Einen Haustausch? Was für eine fantastische Idee! Das heißt also, die sind bei Ihnen im Haus, während Sie bei denen sind?«

Ich schiebe meine Kreditkarte ins Lesegerät. »Ja. Obwohl wir nur eine kleine Wohnung in Bath haben.«

»Ich habe gehört, Bath soll ganz reizend sein. Selbst war ich allerdings noch nie dort.« Sie reißt die Quittung ab und reicht sie mir, während ich meine Karte wieder aus dem Gerät ziehe. »Ein Haustausch also. Wirklich eine ganz fantastische Idee.« Ihr Blick huscht über meinen Gips. »Dann erholen Sie sich wohl gerade von einem Unfall, ja?«

Am liebsten würde ich entgegnen, sie solle sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern – und vor ein paar Jahren hätte ich das wohl auch noch getan –, aber diese Zeiten liegen hinter mir. Bei meiner Arbeit kann ich es mir nicht leisten, die Beherrschung zu verlieren. Also schlucke ich meinen Ärger hinunter. Ich kann ihr die Wahrheit nicht sagen – ansonsten würde ich bestimmt den ganzen Tag hier festhängen und ihre Fragen beantworten.

»Ich bin ausgerutscht und habe mir den Arm gebrochen«, erkläre ich. Das ist immerhin nur zur Hälfte gelogen. »Auf dem Schulhof. Ich bin Grundschullehrerin.«

Die Frau verzieht das Gesicht. »Oh, das ist ja übel. Hat einer dieser kleinen Quälgeister Sie etwa geschubst?«

Ich schüttle den Kopf, zwinge mich zu einem Lachen und erkläre, über ein Springseil gestolpert zu sein, das auf dem Schulhof herumlag, während ich mich gleichzeitig Richtung Ausgang bewege, um diesem Gespräch zu entkommen. »Vielen Dank noch mal«, verabschiede ich mich, mit dem Schlüssel winkend, und husche durch die Tür, bevor sie noch eine Frage stellen kann.

Ich sehe durch die Windschutzscheibe, wie Jamie ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad trommelt. Wir haben uns in letzter Zeit ziemlich oft gestritten, meistens wegen Geld, und ich will das fragile Gleichgewicht, das sich seit der Fehlgeburt wieder zwischen uns eingestellt hat, nicht durcheinanderbringen. Ich lasse mich auf den Beifahrersitz gleiten. »Tut mir leid. Die Frau wollte einfach nicht aufhören, mir Löcher in den Bauch zu fragen.«

Seine Miene verfinstert sich. »Was für Fragen?«

»Oh, wegen des Gipses und wie es passiert ist.«

»Du hast es ihr doch nicht etwa erzählt?«, fragt er ungewöhnlich harsch.

»Nein, natürlich nicht.« Ich ziehe mir den Sicherheitsgurt über die Schulter.

»Gut. Wir wollten das Ganze doch endlich hinter uns lassen. Hat sie dir den Schlüssel gegeben?«

Ich halte ihn wie zum Beweis hoch. Er ist an einem Anhänger befestigt – einem kleinen Kristallherz, das in der Sonne glitzert.

Jamie entspannt sich sichtlich. »Gott sei Dank! Ich dachte schon, das alles wäre ein Fehler gewesen. Du weißt doch, wie es so schön heißt: Zu gut, um wahr zu sein …«

Ich beuge mich zu ihm und küsse ihn auf die zarte Stelle unterhalb des Ohrläppchens, wobei ich seine weichen Bartstoppeln an meinen Lippen spüre. Ich bin froh, dass er so aufgeregt wegen dieser Sache ist. Dass er allmählich seinen alten Schwung zurückgewinnt. Das habe ich von Anfang an an ihm geliebt – seine Lebensfreude, seine Begeisterungsfähigkeit. Eigentlich ist er einer dieser Menschen, für die das Glas immerzu halb voll ist; aber erst die Kündigung und dann die Selbstständigkeit sowie die daraus resultierenden Geldsorgen hatten nun einmal ihren Tribut gefordert. Während der letzten Monate habe ich mit ansehen müssen, wie sein Optimismus zusehends schwand, wie der Glanz einer alten angelaufenen Münze.

Als wir uns die nächste schmale Landstraße hinabschlängeln, die zu beiden Seiten von dichten, mit weißen Blüten gesprenkelten Hecken gesäumt wird, schreit Jamie auf: »Das muss es sein!« Seine Begeisterung bringt den leichten südwestenglischen Akzent zum Vorschein. Er deutet über die T-Kreuzung vor uns. Ich folge seinem Finger mit dem Blick und … Er irrt sich doch bestimmt, oder? Das Haus ist riesig, größer noch als das seiner Mutter.

»Das kann nicht sein«, erwidere ich, als Jamie in die Einfahrt biegt. Der Kies knirscht unter den Reifen, als uns die näselnde Stimme des Navigationsgerätes darüber informiert, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Das Auto kommt zum Stehen, und Jamie macht den Motor aus. Wir sitzen in ehrfürchtiger Stille da und lassen das frei stehende, rechteckige Gebäude auf uns wirken, das auf einer Seite von einem runden Erkerturm geziert wird; es ist aus traditionellem rauchgrauem Stein und Glas erbaut. Eine Kletterpflanze rankt sich bis zur halben Höhe an den Mauern empor, sodass es so aussieht, als hätte das Haus einen Bart. Bäume und Büsche in unterschiedlichen Grünschattierungen rahmen es ein, als würden sie es in ihre Arme schließen. Hinter dem Anwesen erstreckt sich ein funkelndes blaues Band am Horizont, das Meer. Die einzigen Geräusche sind das fröhliche Zwitschern der Vögel und das entfernte Rauschen der See. Ich kann das Salz in der lauen Brise riechen, durchzogen von einer leichten Spur Pferdedung.

»Es ist ziemlich abgeschieden«, bemerke ich etwas überwältigt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen – ein kleines zweistöckiges Reihenhaus in einer recht überschaubaren Sozialsiedlung in North Yorkshire –, aber den Großteil der vergangenen neun Jahre habe ich in der Stadt verbracht. Ich bin es gewohnt, Nachbarn zu haben. Von Menschen umgeben zu sein, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, und ich fühle mich weniger ängstlich.

»Es ist unglaublich!«, sagt Jamie strahlend. »Ich kann gar nicht fassen, dass wir hier wohnen werden. Gute Entscheidung, Libs!« Er atmet tief durch die Nase ein. »Ah, riech mal … diese Luft. So frisch und sauber. Keine Verschmutzung, keine Abgase.«

Ja, dafür Kuhscheiße, will ich erwidern, aber ich beiße mir auf die Zunge. Ich kann förmlich dabei zusehen, wie die Spannung der letzten Monate von ihm abfällt und er sich in den Mann zurückverwandelt, den ich geheiratet habe.

Als ein Eichhörnchen einen nahe stehenden Baumstamm hinaufrennt, bellt Ziggy auf dem Rücksitz los – ein tiefes »Wuffwuff«, das die Stille zerreißt – und zerrt ungeduldig an seinem Gurt. Jamie lacht und beugt sich nach hinten, um Ziggy loszumachen und die Leine an seinem Halsband zu befestigen. »Los geht’s, mein Junge! Ich weiß, du kannst es kaum erwarten, die ganze Umgebung auszukundschaften.«

Jamie steigt aus dem Wagen und eilt um die Motorhaube, um mir die Tür zu öffnen. »Wirklich sehr galant«, kichere ich, zucke jedoch vor Schmerz zusammen, als ich aufstehe.

Jamie runzelt die Stirn. »Alles okay, Libs?«

»Ich kann es nur kaum erwarten, diesen verfluchten Gips endlich loszuwerden, das ist alles. Das Ding macht alles so furchtbar kompliziert.«

»Nicht mehr lange, meine kleine Heldin.«

Ich stoße ihn mit dem gesunden Arm in die Seite. »Hör auf, dich über mich lustig zu machen.«

Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich mache mich nicht lustig, du bist eine Heldin«, raunt er. »Vergiss das nicht.« Dann wird er von Ziggy mitgerissen, und ich folge ihnen zaghaft, wobei ich innerlich jeden Moment damit rechne, dass der wütende Besitzer aus dem Haus stürmt, um uns von seinem Anwesen zu verjagen. Als Jamie mein Zögern bemerkt, winkt er mich zu der Eingangstür aus anthrazitfarbenem Aluminium, die so sauber und auf Hochglanz poliert ist wie der Rest des Hauses. Philip Heywood hat mir am Telefon gesagt, dass es erst kürzlich komplett renoviert worden ist.

Jamies Augen leuchten auf, als er von dem Stück Papier in seinen Händen aufblickt. »Es ist das richtige Haus. Schau …«, verkündet er, wie um sich selbst noch einmal zu vergewissern. Er tippt mit dem Finger auf das Papier und zeigt dann auf die Schieferplatte neben der Tür, in deren Oberfläche The Hideaway eingraviert ist. »Passender Name für die Hütte. Es gibt im Umkreis von einer halben Meile kein anderes Haus. Außerdem ist es gar nicht weit weg von Lizard Point. Ich wollte schon immer mal den Leuchtturm dort besichtigen.« Er klingt wie einer meiner sechsjährigen Schüler.

Einen Moment lang verspüre ich ein schlechtes Gewissen, dass wir unsere schäbige Dreizimmerwohnung in Bath, samt Hundehaaren und Tierfuttermief, gegen solch ein herrschaftliches Domizil eingetauscht haben. Unsere Wohnung befindet sich nicht einmal in einem georgianischen Gebäude, wie man es in Bath erwarten könnte, sondern stammt nur aus dem späten 19. Jahrhundert.

»Glaubst du, es war in Ordnung, Ziggy mitzubringen? Ich habe überhaupt nicht daran gedacht zu fragen.«

Jamie reißt die Augen auf. »Scheiße, Libs, warum hast du das nicht abgeklärt? Ich habe keine Ahnung.«

»Ich dachte doch nicht, dass es so ein großes, piekfeines Haus wäre. Philip meinte, es wären immer noch Bauarbeiten im Gang, also ging ich davon aus, es wäre etwas …« Ich halte inne, um die gepflegten Beete und Hecken zu mustern, die die Einfahrt säumen »… unfertiger.«

Meine Befürchtungen bestätigen sich, sobald wir über die Türschwelle treten. Es ist definitiv kein Haus, in das man seinen haarenden Hund mitbringen sollte. Alles ist so unglaublich weiß: die Sofas, die Teppiche, die Wände. Ich weiß jetzt schon, dass wir irgendwas schmutzig machen werden – wir mit unserer chaotischen Art und Ziggy mit seinen dreckigen Pfoten. Bis auf einen Haufen Bauschutt neben einem Baum am anderen Ende des Gartens gibt es kaum einen Hinweis darauf, dass kürzlich erst renoviert wurde.

Ich nehme Jamie die Leine aus der Hand, da ich Angst habe, Ziggy loszulassen. Während ich in die Küche gehe, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir uns hier unerlaubterweise aufhalten. Es ist ein riesiger offener Kochbereich mit weiß lackierten Schränken und marmornen Arbeitsflächen. Die faltbaren gläsernen Terrassentüren gehen auf einen weitläufigen Garten hinaus und eröffnen den Blick auf den ausgedehnten Strand darunter.

»Schau dir das an, Jay!«, rufe ich, als ich den Kopf in den überdimensionierten amerikanischen Kühlschrank stecke. Beim Anblick des Essens läuft mir das Wasser im Mund zusammen. »Hier drin gibt es genug Nahrungsmittel, um eine zehnköpfige Familie zu ernähren.«

Jamie gesellt sich zu mir, um ebenfalls einen Blick hineinzuwerfen. »Oh, sie haben Pâté, Räucherlachs, einen dicken Laib Stiltonkäse … und schau dir all die Craft-Biere an!« Er wendet sich mit einem Grinsen zu mir. »Das hier ist das Paradies!«

»Dafür ist unser Kühlschrank so gut wie leer«, sage ich und denke beschämt an den halben Liter Milch und den angetrockneten Schinken zurück, den ich liegen gelassen habe. Ich bin noch nicht einmal auf die Idee gekommen, den Kühlschrank für unsere Gäste aufzufüllen.

»Mach dir deswegen keine Sorgen, die haben wichtigere Probleme.« Er schlendert zur Kücheninsel und greift nach einem abgerissenen Notizzettel, der dort liegt. »Hier steht, wir dürfen uns nach Belieben beim Essen bedienen. Ist das nicht spendabel von ihnen?« Er wartet meine Antwort nicht ab, sondern wirft den Zettel zurück und spaziert weiter durch die Küche, wobei er über die modernen Gerätschaften streicht und an diversen Reglern und Knöpfen herumfingert. »Wow, diese Küche ist der Hammer!«, ruft er, als ein 20-Zoll-Flachbildschirm nahtlos aus der Arbeitsfläche der Kücheninsel auftaucht.

Ich lächle in mich hinein, wohl wissend, wie gerne Jamie das nötige Kleingeld hätte, um es für die neuesten technischen Spielereien ausgeben zu können.

»Du kannst später noch herumtüfteln«, sage ich und ziehe ihn von der Hightechkaffeemaschine weg, die vom Design her an ein Raumschiff erinnert. »Lass uns erst den Rest auskundschaften.« Ich lasse Ziggy von der Leine, und Jamie nimmt meine Hand. Wir rennen durch das Haus wie zwei übergeschnappte Teenager, während Ziggy uns mit einem fröhlichen Bellen hinterherjagt.

Im gesamten Haus ist massives Eichenparkett verlegt, und im weitläufigen Wohnzimmer schwingt sich eine beeindruckende frei schwebende Glastreppe zum ersten Stock empor. Die kalkweißen Wände werden von bunten abstrakten Gemälden geziert, und im Wohnzimmer hängt eine riesige Porträtaufnahme einer Frau, die Tara Heywood sein muss – den Kopf in den Nacken geworfen, die großen braunen Augen kokett verdreht. Oben angelangt stecke ich den Kopf durch die erstbeste Schlafzimmertür und sehe ein Klappsofa sowie ein verblichenes antikes Puppenhaus. An einer Wand steht ein mit Spielzeug vollgestelltes Regal – kein modernes Spielzeug, wie es meine Kids aus der Schule haben, sondern altmodische, geradezu gruselige Sachen. Ein paar Kasperlefiguren lehnen zusammengesackt an einer Porzellanpuppe mit fehlendem Bein, und ein hässlicher Clown steht gleich neben einem ausgestopften Wiesel. Das wird doch wohl nicht das Zimmer ihrer Tochter sein, oder? Als Kind hätte ich hier drin jedenfalls Albträume bekommen.

Die anderen zwei Schlafzimmer sind größer, außerdem gibt es auch ein traditionelles Arbeitszimmer, in dem ein massiver Schreibtisch mit lederbezogener Arbeitsfläche steht. Ich trete ein. Die Wände sind mit Bücherregalen gesäumt, auch wenn sie so gut wie leer sind bis auf ein paar abgewetzte Liebesromane, ein Oldtimer-Handbuch sowie eine mehrbändige Enzyklopädie. Ich zähle drei weitere ausgestopfte Tiere: ein Frettchen, einen Fuchs und ein traurig dreinblickendes Nagetier, das ein bisschen an eine Ratte erinnert, aber genauso gut ein Maulwurf sein könnte.

Ganz am Ende des Flurs, in dem runden Erkerturm, befindet sich das Schlafzimmer der Heywoods. Es ist mit Abstand der größte Raum, und er verfügt über ein eigenes Bad und einen separaten Ankleideraum. »Wow, das ist ja größer als unsere ganze Wohnung«, staune ich und blicke fasziniert zu den deckenhohen Fenstern, dem Himmelbett mit den fließenden weißen Musselinvorhängen und der frei stehenden Klauenfußbadewanne. Hier hängt eine weitere Porträtaufnahme von Tara, diesmal in Schwarz-Weiß und mit ernsterem Gesichtsausdruck. Ich trete ans Fenster und schaue auf den Strand unterhalb des Anwesens. Es ist keine Menschenseele zu sehen. Geradezu idyllisch.

»Ich hatte nicht erwartet, dass es derart modern und opulent ist«, sage ich, als Jamie sich neben mich stellt. »Ich dachte, es wäre eine urige, gemütliche Hütte oder so was in der Art.«

»Gefällt es dir etwa nicht?«, fragt Jamie verblüfft.

»Nein … nein, das ist es nicht. Es ist unglaublich. Ich meine, wirklich unglaublich. Das ist so ein Haus, das man sonst nur in Filmen sieht. Es muss Millionen wert sein. Ich finde nur … es scheint mir einfach kein fairer Tausch.«

Jamie zuckt die Achseln und legt einen Arm um mich. »Vergiss nicht, dass sie es so wollten. Die ganze Sache war ihre Idee.«

»Ich weiß …«

Er seufzt. »Hör mal, Libs, das Haus ist ein echter Glückstreffer.«

Ich wende mich zu ihm, mustere die dunklen Ringe unter seinen Augen, seinen blassen Teint und schiebe mein Unbehagen beiseite. Die frische Meeresluft hier in Cornwall wird ihm guttun. Und mir ebenso. Ich berühre unsicher meinen Bauch, was Jamie nicht entgeht.

»Wir brauchen diesen Urlaub«, sagt er. »Du brauchst ihn. Nach der Sache, die an der Schule passiert ist, und der Fehlgeburt …«

Tränen schießen mir in die Augen, und ich blinzle sie schnell weg. Ich kann jetzt nicht daran denken. Ich bin hierhergekommen, um zu vergessen. Um zu genesen. »Du hast recht«, erwidere ich mit belegter Stimme. »Es ist ein wunderschöner Ort. Wir haben wirklich großes Glück.«

»Wir werden einfach darauf achtgeben, dass es schön sauber und ordentlich bleibt.« Er zieht eine Grimasse, und ich kann die Belustigung aus seiner Stimme heraushören. Unser Hang zur Unordnung ist schon zum Dauerwitz zwischen uns geworden, und wir machen uns einen Riesenspaß daraus, uns gegenseitig zu beschuldigen, der schlimmere Chaot zu sein.

Ich mustere Jamie, der sich immer noch kleidet wie ein Student, mit seinen ausgebleichten, löchrigen Jeans. »Wir hätten unsere Schuhe ausziehen sollen«, bemerke ich mit einem demonstrativen Blick auf seine schmuddeligen Chucks. »Außerdem werden wir Ziggys Pfoten sauber halten müssen. Wir hätten doch diese Hundesocken kaufen sollen, die wir in der Tierhandlung gesehen haben.« Ich kichere, als ich mir Ziggy in flauschigen Söckchen vorstelle. Das würde er uns niemals verzeihen.

Jamie stößt ein lautes, herzhaftes Lachen aus, das im ganzen Haus widerhallt und das ich in den letzten Monaten nicht oft gehört habe. Mein Herz hüpft vor Freude. »Weißt du, was wir tun sollten?«, fragt er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen und nimmt meine Hand.

»Nein, was denn?«

Er nickt mit dem Kopf in Richtung Bett. »Wir werden es einweihen müssen.«

Ich hebe eine Augenbraue. »Ach, wirklich? Jetzt sofort?«

»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Er hebt mich mühelos hoch – er ist über einen Kopf größer als ich – und trägt mich zum Himmelbett. Wir lassen uns mit verschlungenen Gliedern auf die weichen Baumwolllaken fallen, und Jamie beginnt, meinen Hals zu küssen, so wie ich es am liebsten mag. Ich schlinge meine Beine um ihn, presse meinen Körper gegen seinen und fühle mich dabei so glücklich und zufrieden wie seit Monaten nicht mehr.

Wir verbringen eine Ewigkeit im Bett und nehmen uns die Zeit, unsere Körper zu erforschen, genauso wie wir es am Anfang unserer Beziehung taten – bevor wir heirateten, bevor die Dinge kompliziert wurden. Vor den Einmischungen seiner Familie und Hannahs unauffälliger, doch nervtötender Präsenz in unserem Leben. Danach schmiege ich mich an Jamies Schulter. Es fühlt sich unnatürlich an, auf meiner rechten Seite zu liegen, aber ich darf den Gips nicht belasten. Er fühlt sich so furchtbar schwer und sperrig an. Nur noch zwei Wochen, beruhige ich mich.

Eine Weile schaue ich zufrieden auf die untergehende Sonne, die draußen lange Schatten auf den Rasen wirft. Dann erhebe ich mich schwungvoll aus dem Bett und wickle mich vorsichtshalber in ein Laken, da die Fenster über keine Vorhänge verfügen.

»Wohin gehst du?«, murmelt Jamie und zieht die Daunendecke um seine Achselhöhlen zusammen.

»Na, in Taras Kleiderschrank herumschnüffeln, natürlich«, verkünde ich und hebe verschmitzt die Augenbraue.

»Libs! Das kannst du doch nicht machen!«

»Ach komm schon. Als ob du nicht neugierig wärst! Willst du nicht auch mehr über Philip und Tara Heywood erfahren?«

»Eigentlich nicht«, erwidert er mit einem trägen Lächeln auf den Lippen.

»Nun, ich schon.« Ich gehe in meiner provisorischen Toga zum Ankleidezimmer. Ziggy folgt mir und streckt sich auf dem flauschigen Teppich aus. Der Raum hat ungefähr die Größe unseres Schlafzimmers zu Hause. An einer Wand ist ein deckenhoher Spiegel befestigt, direkt daneben steht ein gepolsterter Stuhl. Das Ambiente erinnert an einen Anproberaum in einer noblen Boutique; dabei ist das noch nicht einmal der Hauptwohnsitz der Heywoods, sondern nur das Ferienhaus. Was in mir die Frage aufwirft, wie wohl ihr richtiges Haus aussieht. Ich gehe die Klamotten durch: lange Abendroben, leichte Sommerkleider, wallende Röcke und Tops aus seidenzarten Stoffen. Ich ziehe ein langes smaragdgrünes Kleid von einem der Bügel und halte es vor mich, um mich darin zu bewundern. Es ist viel zu lang, und der überschüssige Stoff legt sich wie eine Pfütze um meine Füße – ich sehe aus wie ein kleines Mädchen, das die Kleider seiner Mutter anprobiert. Dank meiner kurzen Haare eigentlich sogar wie ein kleiner Junge. Ich hänge das Kleid an seinen Platz zurück und öffne eine Schublade mit Unterwäsche. Darin befindet sich eine Sammlung von sexy Tangas und hochwertigen Spitzencorsagen. Ich erkenne sogar ein Teil wieder, das ich mal auf der Agent-Provocateur-Website gesehen habe. Alles ist stilvoll und weit außerhalb meines finanziellen Budgets. Hier gibt es nichts Abgeschmacktes oder Billiges zu entdecken.

Dann wende ich mich den Schuhen zu. Sie befinden sich in schmalen Metallregalen, die man aus der Wand herausziehen kann, und umfassen alle erdenklichen Farben und Modelle. Allesamt Designermarken, darunter einige, von denen ich noch nie gehört habe. Ich muss an meine zerschlissenen Ballerinas denken, die ich bei Top Shop gekauft habe, während ich ein Paar todschicker roter High Heels in den Händen halte – Größe vierzig, drei Nummern zu groß für mich. Bedauernd stelle ich sie wieder zurück.

»Ich kann mir noch nicht einmal ihre Schuhe ausleihen«, jammere ich, als ich in das Himmelbett zurückklettere. »Sie ist eine Riesin. Oder ein Supermodel.«

»Oder ein Alien«, schlägt Jamie vor.

»Ein sehr attraktives Alien«, erwidere ich lachend. »Schon schräg, was für ein Leben die oberen Zehntausend führen, was?«

Er zieht mich in seine Arme. »Tja, diese Woche sind wir die oberen Zehntausend, Libs«, flüstert er in mein Haar. »Also lass es uns genießen.«

2

Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, in den Urlaub zu fahren, wenn da nicht dieses Flugblatt gewesen wäre, das man vor ein paar Tagen bei uns einwarf.

WOHNUNG ZUM TAUSCH GESUCHT, EILIG!

Meine Frau Tara und ich sind verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft für ein bis zwei Wochen. Die Lage Ihrer Wohnung wäre ideal, da wir etwas in Krankenhausnähe benötigen, um so schnell wie möglich bei unserer geliebten Tochter sein zu können, die sich demnächst einer lebensrettenden Herzoperation unterzieht. Wir bieten Ihnen für die Dauer unseres Aufenthalts unser wunderschönes, kürzlich erst renoviertes Haus in Cornwall mit Seeblick an. Falls Sie glauben, uns helfen zu können, melden Sie sich bitte bei Philip Heywood.

Seine Handynummer war am unteren Rand der Seite notiert.

Ich verwarf es zunächst, da ich es eilig hatte, zur Arbeit zu kommen. Nach dem Brand und der anschließenden Fehlgeburt war ich zwei Wochen lang krankgeschrieben gewesen. Meine Chefin, Schulrektorin Felicity Ryder, hatte darauf bestanden, dass ich mir eine bezahlte Auszeit bis nach den Ferien nahm, doch ich hatte am letzten Tag noch einmal in der Schule vorbeischauen wollen, um meine Klasse zu besuchen und allen schöne Osterfeiertage zu wünschen. Die Kinder waren mir ans Herz gewachsen. Ich fühlte mich verantwortlich für ihre Ausbildung und fürchtete, dass die Vertretungslehrerin, die auf die Schnelle eingesprungen war, die Bedürfnisse meiner Schützlinge nicht so verstehen könnte wie ich. Außerdem vermisste ich die Schule selbst: die Wände meines Klassenzimmers, die mit den farbenfrohen Kunstwerken der Kinder dekoriert waren, das Gemeinschaftsgefühl im Lehrerzimmer, die Freudenschreie auf dem Pausenhof und die Gespräche mit Cara, meiner Lieblingskollegin, ja, selbst den Geruch von Desinfektionsmittel im Korridor. Also stopfte ich das Flugblatt auf dem Weg nach draußen in meine Handtasche und verschwendete die nächsten Stunden keinen Gedanken mehr daran.

Ich war zutiefst bestürzt, als ich die Folgen des Feuers sah. Die Aula war zwar renoviert und ein neuer Boden verlegt worden, aber der Brandgeruch hing immer noch in der Luft, als würde er durch die frische Farbe und das neue Parkett hindurchsickern. Der Zutritt zum Speisesaal, dem mutmaßlichen Brandherd, war immer noch verboten. Als ich meine Nase gegen die Glastür presste, konnte ich das schwarze Loch im Boden sehen, wo sich die Herde und Backöfen befunden hatten. Es war ein deprimierender Anblick. Den Kindern war gesagt worden, dass sie etwas zu essen mitbringen sollten, bis die Küche wieder in Betrieb genommen werden konnte, und so saßen sie nun, über Hummus, Biogemüse und Fruchtsaftpäckchen gebeugt, in ihren Klassenzimmern und aßen dort zu Mittag.

Erst als die Eltern nach Unterrichtsschluss erschienen, um ihre Kinder abzuholen – und sich dabei sowohl nach Celeste erkundigten als auch mir zu meinem Mut gratulierten –, kam mir die Idee. Mrs. Hunting, Theos Mutter, berührte mitfühlend meinen Gips und meinte, ich hätte mir einen Urlaub verdient. »Sie haben so eine schwere Zeit hinter sich, Miss Elliot«, sagte sie mit diesem Tonfall, den Leute verwenden, wenn ein nahestehendes Familienmitglied verstorben ist. »Die Sache hätte wirklich schlimm enden können. Celeste hätte in dem Feuer umkommen können, wenn Sie nicht gewesen wären. Man mag es sich gar nicht ausmalen.« Ich wusste, dass sie dabei auch an ihr eigenes Kind dachte. Ich berührte unwillkürlich meinen Bauch und musste an das Kind denken, das ich verloren hatte.

Der Vorfall schaffte es zu meinem großen Entsetzen in sämtliche Zeitungen. In der Mail druckten sie sogar ein Bild von mir ab, auf dem ich, umgeben von Kindern, Gitarre spielte, wobei mir mein Pony in die Augen fiel. Es musste an meinem ersten Arbeitstag gemacht worden sein und war das einzige Foto, das die Schule von mir hatte.

Eine einfache Geschichte über den Brand in einer Grundschule hätte es nicht über die Regionalpresse hinausgeschafft – wenn da nicht die Tatsache gewesen wäre, dass ich nicht nur meine Klasse, sondern eben auch Celeste Detonge, die Enkelin eines berühmten Theaterschauspielers, vor dem Feuer in Sicherheit gebracht hatte. Wir waren an jenem Tag der einzige Jahrgang im Gebäude gewesen; die Erst- und Zweitklässler befanden sich auf einem Schulausflug. Cara bekam Panik, als der Rauch in die Aula drang, wo wir gerade ein Lied für die Schülerversammlung einübten, und ich hatte Mühe, Ruhe zu bewahren, auch wenn das Kreischen des Feueralarms mit einem Schlag die Erinnerungen an eine andere Zeit, ein anderes Feuer in mir aufwühlte. Doch ich bezwang meine eigene Furcht und konzentrierte mich stattdessen darauf, Cara und die Kinder aus dem brennenden Gebäude zu schaffen. Celeste war auf dem Weg gestolpert und hingefallen, und ich eilte in die Aula zurück, wo der Rauch mir den Atem und die Sicht raubte, sodass ich ebenfalls stolperte. Ich stürzte unglücklich auf meinen Arm, ignorierte jedoch den Schmerz, während ich das verängstigte Mädchen hochhob und in Sicherheit brachte. Ich selbst glaube nicht, dass ich sonderlich mutig bin. Ich habe getan, was jeder unter diesen Umständen getan hätte. Ich bin Lehrerin – ein Beruf, den ich liebe und für den ich lebe. Die Kinder haben für mich oberste Priorität.

Die Blutung setzte ein, als mein Arm geröntgt wurde. Ich war nur wenige Tage vor Ablauf der magischen ersten drei Monate entfernt gewesen.

»Fahren Sie denn über Ostern irgendwo Nettes hin?«, fragte Mrs. Hunting. »Sie haben sich einen Urlaub verdient, nach allem, was Sie durchmachen mussten.« Beim mitfühlenden Klang ihrer Worte wurde mir erstmals bewusst, wie wundervoll es doch wäre, eine Weile wegzufahren. Eine richtige Auszeit einzulegen. Seit Jamie sich selbstständig gemacht hatte, waren wir immer knapp bei Kasse. Wir waren seit unseren Flitterwochen nicht mehr weggefahren; und selbst das war nur ein fünftägiger Trip auf die Isle of Wight gewesen. Nach allem, was damals in Thailand passiert war, hatte ich viel zu große Angst, ins Ausland zu verreisen oder in ein Flugzeug zu steigen, da ich fest davon überzeugt war, dass es abstürzen würde. Und so verbrachten wir unsere seltenen verlängerten Wochenenden oder Kurzurlaube eben in England. Auf dem Nachhauseweg von der Schule kamen mir immer wieder diese verlockenden Worte über ein wunderschönes Haus in Cornwall mit Seeblick in den Sinn. Ich stellte mir ein kleines, süßes Cottage vor, vielleicht in einem malerischen Fischerdörfchen wie Port Isaac aus Doc Martin. Die frische Meeresluft würde Jamie guttun. Er arbeitete von zu Hause aus, also könnte er seinen Laptop mitnehmen. Als ich zu Hause ankam, hatte ich mich selbst davon überzeugt, dass dies die Antwort auf all unsere Gebete sei.

Ich hörte Jamie im Gästezimmer, das er zum Büro umfunktioniert hatte, telefonieren. Also setzte ich Teewasser auf, tollte ein wenig mit Ziggy herum und begann dann, das Abendessen vorzubereiten. Mit einem Gipsarm zu kochen, gestaltete sich etwas schwierig, aber Florrie, Jamies ältere Schwester, hatte uns netterweise einen ganzen Vorrat an Cottage Pies und Nudelsoßen vorgekocht, die ich eingefroren hatte. Ich zog eine Auflaufform mit einer köstlichen Pie aus Kartoffelbrei und Hackfleisch aus dem Gefrierfach und heizte den Backofen vor. Während die Pie vor sich hin schmorte, machte ich es mir am Küchentisch vor meinem Laptop bequem, um diesen Philip Heywood zu googeln.

Da ich nur eine Hand zum Tippen hatte, dauerte es länger als gewöhnlich – es war frustrierend, dass ich für alles doppelt so lang brauchte –, doch dann erschien eine Liste an Philip Heywoods auf dem Bildschirm: ein Musiker aus den USA, ein Biologe aus Australien und ein Schönheitschirurg an einer Londoner Privatklinik. Ich klickte auf den Link der Klinik, und sofort erschien das Foto eines seriös aussehenden Mannes Anfang vierzig mit kurzem dunklen Haar und einem Oberlippenbart. War dies der Philip Heywood, den ich suchte? Nach ein paar weiteren Recherchen fand ich seine Facebook-Seite, auch wenn die Einstellungen zu eingeschränkt waren, um mehr als zwei Profilbilder sehen zu können. Eins zeigte ihn an einem menschenleeren Strand, den Arm um eine jüngere, sehr attraktive Brünette gelegt. War das seine Ehefrau? Befanden sie sich da etwa in Cornwall?

Jamie telefonierte noch immer, also suchte ich weiter nach »Philip Heywood« und »Cornwall«. Das Foto einer lokalen Benefizveranstaltung in Truro erschien: Philip im schwarzen Anzug und Krawatte, den Arm wieder um dieselbe Frau gelegt. Sie trug ein schulterfreies smaragdgrünes Abendkleid, und ihre dunklen Locken umschwebten wie eine seidige Wolke ihren Kopf und ihre Schultern. Die Bildunterschrift lautete: Passionierte Unterstützer der Stiftung – Chirurg Philip Heywood und seine Gattin Tara. Ich betrachtete das Bild eingehend – Taras breites Lächeln, ihre weißen Zähne, ihre makellose Haut. Die beiden wirkten wie ein erfolgreiches, hoch angesehenes Ehepaar. Als ihre Tochter krank wurde, müssen sie doch bestimmt ein Hotel in Erwägung gezogen haben; aber womöglich haben sie keins gefunden, das nahe genug am Krankenhaus lag. Wir würden ihnen doch sicherlich ein, zwei Wochen lang unser Heim anvertrauen können, wenn wir im Gegenzug in ihrem Haus wohnen durften, oder nicht?

Dann gab ich »Philip Heywood« und »Tochter« ein, woraufhin ein Foto von Philip und Tara mit einem etwa dreizehnjährigen Mädchen auf dem Bildschirm erschien; sie hatte ein hübsches Lächeln, sandfarbenes Haar und die charakteristischen Züge des Down-Syndroms. Ich überflog den Artikel – ein kurzer Text über Philips wohltätiges Engagement. Enttäuscht musste ich feststellen, dass er keine weiteren persönlichen Informationen preisgab, weder Einblick in seine Ehe noch Hinweise darauf, was für ein Vater er war. Ich erfuhr nur, dass Philip Heywood ein sehr erfolgreicher Facharzt war, der seine Zeit großzügig diversen Stiftungen und Wohltätigkeitsorganisationen zur Verfügung stellte. Noch bevor ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, hatte ich meinen Entschluss gefasst.

Entgegen meiner Erwartung war es gar nicht so schwer, Jamie zu überreden. Ich hatte mir meine Argumente gut zurechtgelegt: Ich hatte sowieso zwei Wochen Ferien; es würde uns nichts kosten; er hatte sich eine kleine Auszeit verdient und konnte seinen Laptop mitnehmen, da ich mir sicher war, dass es dort Internet gab; ich war noch nie in Cornwall gewesen; die Heywoods wirkten wie seriöse Leute; ihre Tochter hatte das Down-Syndrom und war ganz offensichtlich schwerkrank, und wenn sie eine lebensrettende Operation benötigte, würden wir damit sogar etwas Gutes tun … Jamie saß mir gegenüber, die langen Finger um eine Kaffeetasse geschlungen, und sagte kein Wort. Als ich geendet hatte, erhob er sich, um seine Tasse ins Spülbecken zu stellen, zuckte mit den Schultern und sagte: »Okay. Wenn du alles organisierst, dann lass uns hinfahren.«

Ich wartete, bis wir mit dem Abendessen fertig waren und Jamie die Wohnung verlassen hatte, um mit Ziggy Gassi zu gehen, bevor ich die Handynummer wählte. Philip Heywood hatte eine warme, angenehme Stimme mit einem Yorkshire-Akzent, der meinem ähnelte. Er klang jünger, als ich erwartet hatte, während er sich danach erkundigte, aus welcher Gegend Nordenglands ich stammte. Ich beantwortete seine Frage nicht direkt, sondern erzählte ihm nur, dass ich über die Jahre sehr oft umgezogen sei. »Eine Woche in Ihrer Wohnung wäre die perfekte Lösung für uns«, sagte er, und ich konnte ihm seine Erleichterung anhören. Wir klärten noch ab, wo wir die Schlüssel hinterlegen würden – in seinem Fall an einer Tankstelle in der Nähe seines Hauses, in unserem bei unserer Nachbarin Evelyn, die über uns wohnte –, und versprachen anzurufen, falls es irgendwelche Probleme geben sollte. Am Samstag sollte es losgehen, nur zwei Tage später. Ich legte auf und jubelte innerlich vor Freude. Was konnte denn da schon schiefgehen?

3

Durch die große Fensterfront hindurch, die beinahe die gesamte Wand einnimmt, kann ich die unzähligen Sterne sehen, die den schwarzen Himmel übersäen. Es ist, als befände ich mich in meinem privaten Planetarium. Ich liege im Bett und versuche, Orion oder den Großen Bären zu finden, aber ich kann keine Sternbilder ausmachen. Es erinnert mich an diese Postkarten, die der letzte Schrei waren, als ich etwa acht war, und auf denen man ein verstecktes 3-D-Bild in den wirren Mustern finden musste. Ich bekam regelmäßig Kopfschmerzen bei dem Versuch, das verborgene Einhorn oder Frauengesicht in den endlosen Reihen von Dreiecken und Quadraten zu erkennen.

Ich kann immer noch nicht ganz fassen, dass wir tatsächlich hier sind, in diesem wunderschönen Haus, mit einem märchenhaften Strand am Fuß des Gartens. Einem Strand. Bei dem Gedanken an die vor uns liegende Woche durchströmt mich ein warmes Glücksgefühl: romantische Strandspaziergänge mit Jamie und Ziggy, faule Stunden in dem malerischen Garten mit Meerblick, gemeinsames Kochen in der Hightechküche, die aussieht, als wäre sie einem dieser Einrichtungsmagazine entsprungen, die ich mir so gerne kaufe. Jetzt, da absolute Stille herrscht, höre ich das Rauschen der Wellen, die sich an den Felsen unten brechen. Es ist ein wohliges, einschläferndes Geräusch. Seit dem Brand in der Schule habe ich mich nicht mehr so entspannt gefühlt.

Ich frage mich, wie es den Heywoods wohl in unserer Wohnung ergeht. Sind sie sehr enttäuscht? Das müssen sie sein, wenn sie es sonst gewohnt sind, so zu wohnen. Ich muss an Tara mit ihren eleganten Kleidern denken, die nun genötigt ist, in unserem langweiligen Schlafzimmer mit den gebrauchten Kiefernholzmöbeln von Sylvia zu hausen. Oder sind sie ohnehin derart von der Sorge um ihre Tochter in Beschlag genommen, dass es sie nicht weiter kümmert, wo sie in der Zeit wohnen, solange sie nur so nah wie möglich beim Krankenhaus und damit bei ihrem Kind sind?

Jamie streckt sich träge. »Wir sollten langsam aufstehen«, schlägt er halbherzig vor.

»Wie viel Uhr ist es denn?« Ich rücke ein Stück von ihm ab, um einen Blick auf meine Uhr zu werfen. »Scheiße, es ist fast acht. Was sollen wir zu Abend essen?« Ich muss an den Kühlschrank in der Küche denken, der vor Essen nur so überquillt. »Ich bin am Verhungern, und wir haben noch nicht mal alles ganz zu Ende erkundet.« Ich kann es kaum erwarten, weiter in ihrem Haus herumzustöbern. So etwas habe ich noch nie getan – ich habe noch nie etwas über Airbnb gebucht oder einen Haustausch gemacht. Selbst Jamie, der in einer baumgesäumten, gutbürgerlichen Anliegerstraße bei berufstätigen Akademikereltern aufwachsen durfte, scheint beeindruckt von dem, was wir bisher gesehen haben.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett; die Dielen unter meinen Füßen sind angenehm warm – die Heywoods müssen über eine Fußbodenheizung verfügen. Der Koffer liegt immer noch in der Ecke, wo ihn Jamie vorhin hat fallen lassen, und ich durchwühle ihn im Dunkeln nach meinem kuscheligen Morgenmantel, ohne den ich nirgends hingehe. Jamie versteht nicht, warum ich mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit darin einwickeln muss; er selbst besitzt nicht mal einen Morgenmantel. Ich ziehe ihn mir über die Schultern, schlängle meinen gesunden Arm durch den Ärmel und lasse den weichen grauen Veloursstoff über meine Schlinge fallen. Der Mantel war eines der ersten Geschenke von Jamie, als wir vor fast fünf Jahren zusammenkamen. Er hatte bei mir in meinem kleinen Studio übernachtet, und als er meinen fadenscheinigen Frotteemorgenmantel mit der halb abgerissenen Tasche sah, bekam er einen Lachanfall. Zwei Tage später, an einem herbstlich kalten Sonntagabend, überraschte er mich mit ebendiesem Mantel, in den ich mich gerade kuschle. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich mich endgültig in Jamie verliebte.

»Ziggy sollte auch gefüttert werden. Der Ärmste, wir haben den ganzen Nachmittag das Zimmer nicht verlassen.« Als Jamie nicht antwortet, drehe ich mich um und sehe seine nackte Silhouette, während er die Wand entlangtastet. »Was tust du da?«

»Ich suche den Lichtschalter. Ich kann überhaupt nichts sehen. Wie konnte es überhaupt so schnell dunkel werden?«

»Das ist das Problem, wenn man auf dem Land wohnt«, meine ich. Es gibt nun mal weder Straßenlaternen noch Autoscheinwerfer, die im Vorbeifahren durchs Fenster streifen. Nicht so wie in unserer belebten Geschäftsstraße in Bath, wo man nur einer unter vielen ist. Sicher. Anonym.

Ich kichere los.

»Was bitte ist so lustig daran?« Aber ich kann die Belustigung in seiner Stimme hören. »Verdammt, das ist echt unmöglich, Libs. Ich kann das Scheißding einfach nicht finden.«

Ich blinzle, um meine Augen an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen, doch die Dunkelheit liegt über uns wie eine Wolke aus Smog. Wir tasten beide vergeblich die Wand ab, als mein Arm plötzlich gegen etwas Hartes stößt, das mit einem dumpfen Knall auf den Boden fällt. Vermutlich ein Ziergegenstand, eine Figur oder dergleichen.

»Scheiße!« Ich weiche zurück und bemerke erst da die Regalbretter über meinem Kopf. Ich spähe zu dem Ding auf den Boden … Es sieht aus wie eine Art Vogel. Ich ziehe scharf die Luft ein. Jamie ist sofort neben mir.

»Was war das?«

»Sieht aus wie ein totes Tier.« Es liegt mit dem Gesicht nach unten, aber ich kann erkennen, dass es gefiedert ist und recht groß.

Er geht in die Hocke und dreht es um. »Eine Eule.« Er hebt sie vorsichtig hoch und geht ans Fenster, um sie gegen das schwache Mondlicht zu halten. Ich spähe an seiner Schulter vorbei und stelle verblüfft fest, dass es ein ausgestopftes Exemplar ist. Jamie blickt sie fasziniert an, doch mich gruselt es vor ihren starren toten Augen.

»Stell sie zurück, Jay«, zische ich, als könnten Philip oder Tara jeden Augenblick durch die Tür kommen.

»Ach ja, es ist also vollkommen okay, wenn du Taras Kleiderschrank durchwühlst, ihre Schuhe anfasst und ihre Kleider anprobierst …«

»Ich habe das Kleid nicht anprobiert. Es war viel zu lang. Ich reiche ihr wahrscheinlich nicht mal bis zu den Achseln.« Ich pruste los, da ich die Situation plötzlich irrsinnig komisch finde. Ich freue mich, das breite Grinsen auf Jamies Gesicht zu sehen, als er sich streckt, um die Eule zurück aufs Regal zu stellen, wobei er zärtlich ihren Kopf tätschelt. Wenn es um Tiere geht, ist er der totale Softie, und anscheinend gilt das auch noch für ihre toten Artgenossen. »Meinst du nicht, du solltest dir etwas anziehen? Durch die Fenster kann man praktisch alles sehen.« Ich lasse den Blick über seinen geschmeidigen, langgliedrigen Körper schweifen, der aufgrund des mangelnden Lichts in ein mattes Grau getaucht ist; trotzdem kann ich die zarten blonden Härchen erkennen, die von seinem Bauchnabel abwärtswandern. Tief in mir regt sich wieder Begehren. Heute war erst das zweite Mal, dass wir nach der Fehlgeburt Sex hatten, doch plötzlich kann ich nicht genug von ihm bekommen.

Er winkelt seine Oberarme an wie bei einem Bodybuildingwettbewerb, und ich muss lachen. »Wir sind hier mitten im Nirgendwo. Wer soll mich schon sehen?«

Ich schnaube in gespielter Frustration. »Es muss eine andere Möglichkeit geben, das Licht anzumachen.«

»Na klar, ich hab’s!«, ruft er. »Es ist ein akustischer Lichtschalter. Das habe ich in Filmen schon gesehen.« Er klatscht in die Hände. Nichts geschieht. Er klatscht erneut – nun zweimal schnell hintereinander –, und plötzlich erstrahlen die Deckenleuchten über uns so grell, dass wir einen Moment geblendet sind.

»Gibt es auch eine etwas stimmungsvollere Einstellung?«, frage ich und versuche, die schwarzen Pünktchen wegzublinzeln, die vor meinen Augen herumschwirren.

»Woher soll ich das wissen?« Er klatscht zweimal, und wir stehen wieder im Dunklen. »Ach, scheiß drauf! Warum können sie auch keine Lichtschalter haben wie normale Leute?« Er greift nach seiner Jeans, die über dem Fußende des Bettes liegt, und schlüpft hinein; dann machen wir uns auf den Weg nach unten. Wir tasten uns durch die Finsternis, wobei Jamie zielstrebig vorangeht und mich die Stufen hinabführt.

Als wir das Ende der Glastreppe erreicht haben, klatscht Jamie abermals, und sofort gehen die Lichter an. »Es muss doch bestimmt so was wie eine Fernbedienung geben«, brummt er und steuert die Küche an. »Ich komme mir vor wie ein Vollidiot bei der ganzen Klatscherei.«

Ich folge ihm mit Ziggy auf den Fersen. Als ich um die Ecke biege, bleibe ich wie angewurzelt stehen; mein Herz klopft wie wild. Die Eingangstür ist sperrangelweit offen. Ich spüre den Luftzug um meine Knöchel streichen und bemerke das Stirnrunzeln auf Jamies Gesicht, als er losgeht, um sie zu schließen. Er sagt nichts. Das muss er auch nicht.

»Wir hatten die Tür zugemacht«, sage ich schließlich, wobei ich versuche, die Panik in meiner Stimme zu unterdrücken.

Er blickt unbekümmert, aber ich weiß, dass das nur gespielt ist. Seit dem Brand in der Schule behandelt er mich wie ein rohes Ei und versucht ständig, mich zu einem Gespräch mit seiner Mum oder einer anderen Therapeutin bezüglich einer möglichen posttraumatischen Belastungsstörung zu überreden. Aber ich weiß, dass ich nicht unter einer solchen Störung leide. Wie auch, wo ich schon zuvor viel Schlimmeres überlebt habe?

»Vielleicht habe ich sie nur nicht richtig geschlossen. Der Wind muss sie aufgedrückt haben.« Er weicht meinem Blick aus und geht in die Küche. Ich folge ihm schweigend, setze mich an die Kücheninsel und schaue ihm dabei zu, als er auf der Suche nach einer Fernbedienung eine Schublade nach der anderen öffnet und schließt, während die Gedanken in meinem Kopf nur so rasen. Wie lange stand die Tür so offen? Wir sind um sechzehn Uhr angekommen. War sie die ganze Zeit geöffnet? Es hätte weiß Gott wer von der Straße hereinspazieren können. Dann fällt mir ein, dass es hier gar keine Straße gibt. Das ist weder die Sozialsiedlung, in der ich in Yorkshire aufgewachsen bin, noch unsere Geschäftsstraße in Bath, wo praktisch ständig Verkehr herrscht, Leute vorbeispazieren oder Kinder von einer der zahlreichen Schulen in der Gegend heimlaufen. Selbst mitten in der Nacht fällt das blinkende Licht von Rettungs- oder Polizeiwagen durch den Vorhangstoff unseres Schlafzimmers.

»Jaaa!«, ruft Jamie triumphierend und reckt eine kleine Fernbedienung in die Luft. »Hier ist er, der kleine Mistkerl, nach dem ich gesucht habe.« Er drückt auf den Knöpfen herum und löst damit ein wahres Blitzlichtgewitter über unseren Köpfen aus, als wären wir in der Vereinsheimdisco, zu der mein Vater mich als Kind immer mitgenommen hat.

Die Tür stand stundenlang offen. Jemand könnte im Haus sein.

Bei dem Gedanken wird mir speiübel. Doch wenn ich ihn laut ausspreche, werde ich damit nur Jamie verärgern, das ist mir klar. Er wird nur sagen, dass ich mich irrational verhalte, und wieder von der Therapie anfangen, und die glückliche, unbeschwerte Stimmung, die seit unserer Ankunft hier zwischen uns herrscht, wird der Anspannung weichen. Also versuche ich, meine Befürchtung zu verdrängen, doch sie hat sich in meinem Kopf festgesetzt, wo sie immer größer wird, wenn es mir nicht gelingt, ihr sofort Einhalt zu gebieten. Eigentlich war ich immer gut darin, solch destruktive Gedankenspielchen aus meinem Kopf zu verbannen, doch seit dem Brand male ich mir die schrecklichsten Szenarien aus, und es fällt mir immer schwerer, positiv zu bleiben.

Ziggy winselt und starrt flehentlich aus seinen großen braunen Hundeaugen zu mir empor. »Ach herrje Ziggy, tut mir leid«, sage ich und springe von dem lederbezogenen Barhocker aus Chrom. »Jay, wo hast du Ziggys Futter hingeräumt?«

»Hmmm«, brummt er, ohne aufzusehen.

»Ziggys Futter? Wo ist es?«

»Oh, in dem Hängeschrank über der Spüle.«

Die Küchenfront verfügt über keine Griffe, also drücke ich mit der Handfläche gegen die kühle Glastür, woraufhin sie sich öffnet. Ich kippe eine Packung Hundefutter in Ziggys Napf und versuche, seiner feuchten Nase auszuweichen, als er sich gierig darauf stürzt.

»Ich hab’s«, verkündet Jamie. »Endlich habe ich das verflixte Ding durchschaut. Das heißt, wir werden nicht länger im Dunkeln sitzen müssen, mein Schatz.« Er grinst mich an, doch dann verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht. »Was ist los mit dir?«

»Nichts.«

»Libby, du siehst total verängstigt aus. Was hast du auf dem Herzen?«

»Es ist nur wegen der Tür …«

Er unterdrückt ein Seufzen. »Was ist mit der Tür?«

»Sie stand stundenlang offen, Jay. Ich weiß auch nicht, aber es macht mich ein bisschen nervös.«

Er sagt mir nicht, dass ich paranoid bin. Das muss er nicht – es steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wortlos verlässt er den Raum, während ich mit Ziggy allein in der Küche zurückbleibe, und ich frage mich schon, ob er beleidigt abgezogen ist, obwohl das eigentlich nicht seine Art ist. Für gewöhnlich ist Jamie sehr geduldig. Ich versuche, mir nicht vorzustellen, wie er von einem Einbrecher niedergestreckt wird. Nur Ziggys Schmatzen ist zu hören, der geräuschvoll sein Futter verschlingt. Dann kommt Jamie endlich zurück.

»Ich habe mich im ganzen Haus umgeschaut, nur um dich zu beruhigen. Nichts. Kein Eindringling weit und breit. Rein statistisch betrachtet, sind wir hier um einiges sicherer als in Bath. Obwohl …«, er grinst schelmisch, »… ich noch mehr ausgestopfte Tiere gefunden habe. Die Heywoods stehen wohl auf Taxidermie.«

Für mich ist das ein Widerspruch zu dem modernen Interieur, doch ich zucke nur mit den Schultern und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert ich darüber bin, dass kein Irrer irgendwo im Dunkeln lauert.

»Ich weiß, dass ich mich albern aufführe …«

Er legt den Arm um meine Schultern, zieht mich an sich und drückt mir einen Kuss aufs Haar. »Ich verstehe das schon. Das ist der Kampf-oder-Flucht-Instinkt, Libs. Nach dem Brand sind deine Sinne in voller Alarmbereitschaft. Aber jetzt ist es an der Zeit abzuschalten. Du musst damit aufhören, alles als potenzielle Gefahr zu betrachten. Das ist einer der Gründe, warum wir überhaupt weggefahren sind. Ich wünschte nur, du würdest mal einen Experten aufsuchen …«

Er klingt wie Sylvia. »Jamie. Wir sind nicht alle wie du. Oder deine Mum. Ich bin verdammt noch mal nicht mit meinem persönlichen Therapeuten groß geworden.«

Er weicht zurück und hebt beschwichtigend die Hände. »Ich weiß … ich weiß. Du bist nicht so erzogen worden. Das erzählst du mir ständig. Was mich im Übrigen daran erinnert, dass ich meiner Mum eine SMS schicken sollte, dass wir gut angekommen sind.« Er greift in seine Gesäßtasche, um sein Handy herauszuholen, und blickt aufs Display. Sein Lächeln verblasst. »Na toll. Kein Empfang.« Er geht zum Kühlschrank und öffnet ihn. »Egal. Was sollen wir uns Leckeres zum Abendessen kochen? Hier drin steckt ein ganzer Haufen Bioköstlichkeiten. Unsere Gastgeber verwöhnen uns.«

Ich lächle, höre aber nicht richtig zu, weil mir ein anderer Gedanke gekommen ist. Ich habe Jamie gegenüber nie etwas davon erwähnt, da er mich sonst höchstpersönlich zu einem Seelenklempner schleifen würde, aber es will mir einfach nicht aus dem Kopf.

Was, wenn das Feuer in der Schule kein Unfall war?

4

Als ich am frühen Sonntagmorgen aufwache, fällt gleißendes Sonnenlicht durch die Schlafzimmerfenster. Ich werde mich niemals daran gewöhnen, ohne Vorhänge zu schlafen. Meine Paranoia von gestern Abend ist im Angesicht des strahlenden Morgens mit seinem Vogelgezwitscher und dem sanften Rauschen des Meeres wie weggeblasen. Ich habe mich gestern die halbe Nacht hin und her gewälzt, da ich die völlige Dunkelheit und die bedrückende Stille nicht gewohnt bin. Als wir zu Bett gingen, war selbst das Mondlicht verschwunden – es war so dunkel, als hätte ich die Augen geschlossen. Dabei habe ich schon als Kind immer ein Nachtlicht brennen lassen. Ich konnte Ziggy am Ende des Bettes mehr spüren als sehen und lauschte angestrengt nach irgendeinem Geräusch, doch da war nichts außer dem Wind und dem fernen Brausen des Meeres. Kein Straßenlärm, keine Flugzeuge am Himmel, keine Stimmen aus der Nachbarschaft und auch keine entfernte Musik. Die Stille dehnte sich ins Unendliche. In Verbindung mit der Finsternis fühlte es sich beklemmend an, als wären wir die einzig verbliebenen Menschen im Universum. Ich war erleichtert, als der Morgen dämmerte.

Jamie schnarcht leise neben mir, und Ziggy schlummert auf der Bettdecke; meine Beine schlafen beinahe ein unter seinem schweren Körper. Ich schiebe ihn sanft mit den Füßen beiseite. »Ziggy«, flüstere ich, »du darfst doch gar nicht aufs Bett.« Zu Hause erlauben wir es ihm. Aber hier, auf Taras makellosen weißen Bettbezügen, fühlt es sich falsch an. Er ignoriert mich und verlagert seinen Körper gerade so weit, dass ich die Beine auf den Boden schwingen kann.

Über dem Bett hängt ein überdimensioniertes Hochzeitsfoto von Tara und Philip. Sie sehen so verliebt aus, so attraktiv – sie in einem ausladenden bodenlangen Brautkleid, er in einem eleganten, perfekt sitzenden Anzug mit elfenbeinfarbener Seidenkrawatte. Sie schaut voller Liebe zu ihm auf, und er lächelt sanft zu ihr hinunter. Sahen Jamie und ich bei unserer Heirat auch so aus? So voller Hingabe? Auf dem Bild wirken sie wesentlich jünger als in der Zeitung; keine Spuren von Grau in Philips dunkelbraunem Haar, und Taras Teint ist makellos, ihre braunen Augen wirken noch größer in ihrem zarten Gesicht. Ich nehme an, dass sie wenigstens fünfzehn Jahre älter sind als wir, was bedeutet, dass sie etwa Mitte vierzig sein müssen, aber sie können auf dem Bild nicht älter sein als wir jetzt. Ich möchte mehr über Tara erfahren – diese wunderschöne, privilegierte Frau, in deren Haus ich lebe.

Ich küsse Ziggy liebevoll auf den Kopf, dann wickle ich mich in meinen Morgenmantel und steuere das Badezimmer an, ohne Jamie aufzuwecken.

Ich gehe aufs Klo und betrachte neidisch die frei stehende Badewanne, die glänzenden Armaturen und die exklusiven Duftkerzen auf dem Regal darüber. Ich wollte schon immer eine solche Kerze haben, aber sie liegen weit oberhalb meiner finanziellen Möglichkeiten. Ich stelle mir vor, wie Tara schwelgend in einem Schaumbad liegt, ein Buch über Achtsamkeit lesend, während sich der exquisite Duft der Kerzen im Raum ausbreitet. Ich wasche meine Hände, nehme dann eine der Kerzen vom Regal und sauge tief den Duft nach Mandarine und Limette ein. Mein Herz klopft vor Aufregung. Würde irgendwer merken, wenn ich eine mitnähme? Da stehen mindestens sechs von der Sorte. Mehr als Tara benötigt. Sie wird sich doch bestimmt nicht mehr daran erinnern, wie viele sie gekauft hat? Außerdem kann es sie wohl kaum allzu sehr kümmern, wenn sie sie in ihrem Ferienhaus aufbewahrt? Ich blicke nervös zur Tür, als könnte jeden Moment Tara dort auftauchen. Ich kann von hier aus das Himmelbett sehen. Jamie schläft noch immer, einen Arm über seine Augen gelegt. Ich blicke auf die Kerze in meiner Hand. Es ist und bleibt Diebstahl, egal, wie ich es drehe und wende. Widerstrebend stelle ich die Kerze zurück.

Ich stöbere in dem Schrank unter dem Waschbecken herum, unsicher, wonach ich eigentlich suche. Wahrscheinlich bin ich einfach nur neugierig. Ich finde ein türkisblaues Fläschchen Parfüm von Tom Ford. Ich ziehe den Deckel ab und sprühe mir den Zitronenduft auf Hals und Handgelenke. So muss Tara also riechen. Teuer und exklusiv. Ich stelle den Flakon zurück, als mir ein großer Kulturbeutel ganz hinten in der Ecke ins Auge fällt. Ich will gerade danach greifen, als Jamie nach mir ruft.

»Libs, alles in Ordnung?«

Ich schließe hastig den Schrank und kehre ins Schlafzimmer zurück. Jamie hat sich auf einen Ellbogen gestützt, während Ziggy noch immer tief und fest schläft.

»Warum schaust du so schuldbewusst?« Er lächelt. »Du hast doch nicht etwa schon wieder Taras Kleider anprobiert, oder?«

Ich spüre, wie ich rot werde. »Meine Güte, Jay, ich war nur kurz pinkeln.«

Er streckt sich. »Mir tut alles weh. Das Bett ist zu weich.«

»Du klingst schon wie Goldlöckchen. Ich gehe runter und mache uns einen Tee«, sage ich und wende mich zur Tür – ein klitzekleines bisschen beleidigt, weil er mit seinem Scherz über Taras Klamotten näher an der Wahrheit dran war, als er ahnte.

Die Morgensonne strömt durch die französischen Fenster und verleiht dem Wohnzimmer ein reines, frisches Aussehen. Ich will nicht nach Hause, denke ich und gehe zum Kamin, um eine schlanke geriffelte Glasvase zu berühren, die den Sims ziert, ziehe jedoch rasch die Hand zurück, als ich versehentlich einen ausgestopften Papageientaucher streife, der neben einer weiteren Duftkerze steht. All die toten Tiere sind mir nicht geheuer – sie sehen so echt aus und gleichzeitig so offensichtlich leblos mit ihren starren, leeren Augen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tara sie besonders mag. Das muss Philips Tick sein. Das sanfte kalkige Weiß der Wände, die Teppiche, Überwürfe und Kissen sind definitiv Taras Einfluss geschuldet, da bin ich mir sicher. Der typisch weibliche Anstrich eben. Vielleicht glaubt Philip, er bräuchte die ausgestopften Tiere als eine Art Aushängeschild für seinen ländlichen Lifestyle und hasst sie in Wirklichkeit. Sie passen kein bisschen in dieses Haus.

Ich lasse mich auf das weiße leinenbezogene Ecksofa fallen, strecke mich darauf aus und lege den Kopf auf die weichen Daunenkissen. Ich begutachte die gemusterten Zierkissen und befühle die taubengraue Kaschmirdecke, die über der Lehne liegt, wobei ich mich frage, wo sie die wohl herhat und ob ich denselben Stil in meiner eigenen Wohnung nachahmen könnte. Wenn wir doch nur mehr Geld hätten, um unser Heim aufzuhübschen. Es könnte einen Neuanstrich gebrauchen, außerdem ist unser Sofa eines von Sylvias ausrangierten Stücken, viel zu groß und zu altmodisch für unsere Wohnung.