Jerry Cotton Sammelband 1 - Krimi-Serie - Jerry Cotton - ebook

Jerry Cotton Sammelband 1 - Krimi-Serie ebook

Jerry Cotton

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Opis

Sammelband 1: Fünf actiongeladene Fälle und über 300 Seiten Spannung zum Sparpreis! G-Man Jerry Cotton hat dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärt! Von New York aus jagt der sympathische FBI-Agent Gangster und das organisierte Verbrechen, und schreckt dabei vor nichts zurück! Damit ist er überaus erfolgreich: Mit über 3000 gelösten Fällen und einer Gesamtauflage von über 850 Millionen Exemplaren zählt er unbestritten zu den erfolgreichsten und bekanntesten internationalen Krimihelden überhaupt! Und er hat noch längst nicht vor, in Rente zu gehen! In diesem Sammelband sind 5 Krimis um den "besten Mann beim FBI" enthalten: 2780: Diamanten für die Ewigkeit 2781: Wir unter Mordverdacht 2782: Der Stich der Wespe 2783: Der Rattenprinz 2784: Kinderhandel Jerry Cotton ist Kult - und das nicht nur wegen seines roten Jaguars E-Type. Jetzt herunterladen und garantiert nicht langweilen!

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EPUB

Liczba stron: 650




Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotive von © shutterstock: Flik47 | mr. Timmi ISBN 978-3-7325-7010-2

Jerry Cotton

Jerry Cotton Sammelband 1 - Krimi-Serie

Inhalt

Jerry CottonJerry Cotton - Folge 2780Gemeinsam mit unserem Kollegen Sam Bartow waren wir gestohlenen Diamanten auf der Spur. Bald stießen wir auf einen geheimnisvollen Namen: "der Rabbi". Er schien alle Fäden in dem lukrativen Geschäft mit gestohlenen Diamanten in der Hand zu haben. Wie skrupellos er wirklich war zeigte sich, als er Sam in eine Falle lockte und in die Luft sprengte. Von diesem Augenblick an hatten wir vom FBI und der "Rabbi" keine ruhige Minute mehr...Jetzt lesen
Jerry Cotton - Folge 2781Liebe Leserinnen und Leser, es erwartet Sie ein besonderer Roman. Der Erfinder von Jerry Cotton, Delfried Kaufmann, hat sich im hohen Alter noch einmal die Mühe gemacht, seinen G-man auf Gangsterjagd zu schicken. Sein neuer Roman atmet die Luft der 60er Jahre und entführt uns in eine nostalgische Welt - die Welt in der Jerry Cotton und Phil Decker sich ihre ersten Lorbeeren verdient haben.Jetzt lesen
Jerry Cotton - Folge 2782Eine Reihe von Morden erschütterte New York. Alle waren auf dieselbe Art mit einem Spezialmesser begangen worden. Das Tatmuster war uns nicht unbekannt, es gehörte zu einem Täter, der "die Wespe" genannt wurde, aber seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten war. Seine früheren Opfer stammten aus den Kreisen des Organisierten Verbrechens, die jetzigen aus der Wall Street. Hatten wir es wirklich mit der "Wespe" zu tun, oder nur mit einem Nachahmungstäter? Phil und ich machten uns daran, eine heiße Spur aufzunehmen, an der wir uns nur zu leicht verbrennen konnten...Jetzt lesen
Jerry Cotton - Folge 2783Lee Wong, die graue Eminenz im internationalen Geschäft mit gefälschten Markenprodukten, wurde auf offener Straße und vor den Augen der ihn observierenden FBI Agents erschossen. Eine Schlappe, die wir nicht auf uns sitzen lassen durften. Doch alle Spuren verliefen im Sand, bis wir auf einen Obdachlosen stießen, den man "Rattenprinz" nannte. Er schien unser wichtigster Zeuge zu sein, doch der "Rattenprinz" war wie ein Nebelschleier im Wind und nicht zu fassen...Jetzt lesen
Jerry Cotton - Folge 2784Aus der Entbindungsstation eines New Yorker Krankenhauses wurde ein Baby entführt. Als Phil und ich die Ermittlungen aufnahmen stießen wir auf eine Frau, die schon im Krankenhaus auffällig geworden war, sich dann aber als harmlose Psychopatin erwies. Wir waren in einer Sackgasse. Dann wurde eine Angestellte einer Kinder Adoptionsorganisation ermordet und endlich hatten wir eine heiße Spur...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Diamanten für die Ewigkeit

Vorschau

Diamanten für die Ewigkeit

Der Gutachter stieß entzückte Laute aus.

»Es besteht kein Zweifel, dieser Stein gehörte Preston. Er muss aus dem Raub stammen.«

Seine Besucher tauschten einen wissenden Blick aus, bevor der schlanke Mann den Diamanten flink aus den Fingern des Gutachters klaubte.

»Kannst du den Mund halten, alter Mann?«

Der Gutachter schob seine Brille zurück auf die Nase und schaute den schlanken Mann verächtlich an.

»Natürlich, was für eine Frage.«

Der Mann ließ ein kurzes Lächeln aufblitzen, während er mit einem zustimmenden Nicken die Waffe abfeuerte

Ich schaute betrübt auf das nasse Hosenbein und verfluchte einmal mehr die Taxifahrer im Big Apple. Es hatte mich erwischt, als ich für Phil und mich einen Kaffee für die Rückfahrt ins Field Office geholt hatte. Ein gelbes Taxi jagte um die Ecke und tauchte mit einem Vorderreifen in einer gewaltigen Pfütze ein, sodass sich ein riesiger Schwall Regenwasser über meine Hosenbeine sowie Schuhe ergoss.

»Es trocknet sicherlich schneller, wenn du es einfach in Ruhe lässt.«

Phil schüttelte angesichts meiner Haltung gegenüber nassen Hosenbeinen und ebenso feuchten Socken mit dem Kopf. Er hatte ja auch trockene Kleidung und Schuhe an.

»Macht er dir immer noch Kummer, Phil?«

Ich war so sehr in der Betrachtung meines Malheurs gefangen gewesen, dass ich den eintretenden Kollegen überhaupt nicht bemerkt hatte. Erst als Agent Samuel Bartow sich amüsiert an meinen Partner wandte, sah ich auf und schaute in zwei lächelnde Augen.

»Sam? He, was hat dich denn in die alte Heimat verschlagen?«

Angesichts der freudigen Überraschung vergaß ich nasse Hosenbeine und feuchte Socken. Grinsend schüttelten Sam und ich uns die Hand, genau wie er es zuvor mit Phil gemacht hatte. Samuel Bartow war einer unserer besten Ermittler gewesen und hatte seine steile Karriere in der Hauptstadt nahtlos fortgesetzt. Es gab einige spektakuläre Festnahmen, die auf Sams Konto gingen. Bei mehreren Fällen hatten wir mit dem temperamentvollen Rotschopf erfolgreich zusammengearbeitet und daraus entwickelte sich eine anhaltende Freundschaft.

»Ich bin wegen der Preston-Hartley-Sache hier.«

Verwundert schaute ich zu Phil, doch mein Partner zuckte auch nur unwissend mit den breiten Schultern.

»Ihr erfahrt es gleich in der Besprechung beim Assistant Director High.«

Sam Bartow ging mit uns ins Büro des Chefs, der bereits am Konferenztisch saß und einige Bilder am Wandmonitor studierte.

»Hallo Jerry, Phil. Sam hat Ihnen sicherlich schon erzählt, dass es um den Diamantenraub bei Preston Hartley vor vier Jahren geht.«

Wir zogen uns jeder einen Stuhl hin und sahen hinauf zum Wandmonitor. Schnell erkannte ich die Aufzeichnungen zu dem angesprochenen Raub, bei dem damals zwei Menschen ihr Leben verloren hatten und Sam die Räuber hatte stellen können.

»Es sind einige Diamanten aus dem Raub hier in New York aufgetaucht«, setzte Mr High zu einem Bericht an.

In den folgenden Minuten erfuhren wir, dass es einen Mord an einem bekannten Gutachter für Diamanten gegeben hatte. Zunächst waren die Detectives des NYPD von einem misslungenen Raubüberfall ausgegangen, doch dann entdeckten die Kriminaltechniker zwei Diamanten. Da sie unter einer Gummimatte auf einem der Arbeitstische lagen, mussten die Killer sie übersehen haben. Bei der Überprüfung dieser Diamanten stellten sie dann fest, dass es Steine aus dem Raubüberfall bei Preston Hartley waren.

»Daraufhin wurden wir informiert und ich habe mit Sam telefoniert. Das Hauptquartier war einverstanden, ihn als Sonderermittler nach New York zu entsenden. Sie werden Sam bei seinen Ermittlungen unterstützen und herausfinden, wie diese Diamanten in den Besitz von Stan Haire gelangt sind.«

Niemand am Tisch hegte den geringsten Zweifel, dass der Mord an Haire mit diesen verschwundenen Steinen zu tun haben musste.

»Gibt es Hinweise auf den oder die Täter?«

Leider hatte Haire unmittelbar vor dem Überfall die Überwachungskamera deaktiviert.

»Sind die Techniker absolut sicher, dass Haire es persönlich gemacht hat?«

Die Kollegen vom NYPD hatten diese Frage abschließend klären können und demnach hatte Stan Haire die Kamera persönlich ausgeschaltet.

»Vielleicht erfolgte es nicht ganz freiwillig«, spekulierte Phil.

Doch Mr High und Sam schüttelten synchron den Kopf.

»Nein, der Blickwinkel der Kamera zeigt uns, dass Haire zum Zeitpunkt der Deaktivierung allein in seiner Werkstatt war.«

Sam deutete hinauf zum Wandmonitor, wo er uns die letzten Sekunden vor der Abschaltung vorspielen konnte. Die Kamera verfügte über ein Weitwinkelobjektiv, sodass wir Stan Haire und dessen gesamte Werkstatt sehen konnten.

»Das spricht doch dafür, dass Haire auf Besucher gewartet hat, deren Gesichter nicht aufgezeichnet werden durften. Hattest du Stan Haire damals unter den Verdächtigen, Sam?«

Phils Rückschlüsse waren logisch und forderten daher keinen Protest heraus. Bei seiner Frage zuckte Sam mit den Schultern.

»Verdächtiger wäre zu viel gesagt, Phil. Natürlich haben wir damals alle Gutacher und Händler ins Visier genommen, eben auch Haire. Es gab aber keine Hinweise, weshalb wir uns mit ihm hätten ausgiebiger beschäftigen müssen.«

Man konnte Sam ansehen, wie sehr dieser nur teilweise gelöste Fall an ihm nagte.

»Dann sollten wir uns im Kreis der Diamanthändler umsehen.«

Genau das hatte Sam vor, und da es keine weiteren Fragen zu klären gab, hob Mr High die Besprechung auf. Zurück in unserem Büro besprachen wir mit Sam die nächsten Schritte im Detail.

***

Als wir zu dritt in die Werkstatt von Preston Hartley traten, beendete der weißhaarige Händler soeben ein Gespräch mit einem Mann in dunkler Kleidung. Gefolgt von einem weiteren Mann verließ er die Werkstatt, nicht ohne uns sorgfältig zu betrachten. Das Auftreten der beiden Männer erinnerte mich unwillkürlich an Cops.

»Special Agent Cotton vom FBI. Das sind meine Kollegen, Special Agent Decker und Special Agent Bartow. Es geht um den Raub vor vier Jahren, Sir.«

Ich wollte soeben ansetzen, um Hartley den aktuellen Bezug zu erläutern, als ein hartes Lächeln in seine blassblauen Augen trat.

»Ich habe schon gehört, dass zwei der verschwundenen Diamanten aufgetaucht sind. Ausgerechnet hier in meiner Stadt. Unfassbar!«

Mir war nicht ganz klar, was Hartley mehr aufregte: die Tatsache, dass erst heute ein Teil der Beute gefunden worden war, oder dass sie in New York angeboten wurde.

»Ah, ja? Woher wissen Sie es, Sir?«

Bartow trat dichter an Hartley heran, der Sam abweisend musterte.

»Es wurde mir aus verschiedenen Quellen zugetragen, Agent Bartow. Wenn solche Diamanten wieder auftauchen, erfahren wir Händler es oft sogar vor der Polizei«, antwortete Hartley.

»Zu Ihren Quellen gehören sicherlich auch die beiden Männer, die gerade eben gegangen sind. Richtig, Mister Hartley?«

Ein kühles Nicken war alles, was ich als Antwort erhielt.

»Was sind das für Männer, Sir?«

So einfach wollte ich mich denn doch nicht abspeisen lassen, und bei dem Aufleuchten in Hartleys Augen wusste ich, dass ich gut daran tat nachzuhaken.

»Das sind zwei Ermittler vom Syndikat, Agent Cotton.«

Syndikat? Ein prüfender Blick zu Phil zeigte mir, wie wenig auch er mit dieser Antwort anzufangen wusste. Es war Sam, der uns aufklären konnte.

»Die Händler bezeichnen die Central Selling Organisation üblicherweise als Syndikat. Kein Wunder, angesichts der engen Verflechtung mit der De Beers Consolidated Mines Limited.«

Ich wolle später nachfragen, um die laufende Befragung nicht zu stören. Da Sam der Ermittler mit der umfassenden Erfahrung in dem Fall war, überließ ich ihm die Führung des Gesprächs.

»Demnach jagt die CSO die Räuber also auch. Ihnen ist aber schon bewusst, dass diese Herren keine offiziellen Ermittlungen anstellen dürfen? Wir vom FBI sind hier zuständig und wir erwarten, dass Sie mit uns kooperieren.«

Preston Hartley nahm die Mahnung unseres Kollegen ungerührt auf, nickte nicht einmal zustimmend.

»Haben die Männer der CSO Ihnen Fotografien der gefundenen Diamanten vorgelegt?«

Bei meiner Frage ruckte der Kopf von Hartley verwundert zu mir herum.

»Nein, Agent Cotton. Gibt es denn solche Aufnahmen?«

Zum Glück hatten wir daran gedacht, einige Kopien der von den Technikern erstellten Aufnahmen mitzunehmen. Ich zog sie aus der Innentasche meiner Jacke, von der weiterhin Regentropfen abperlten und zu Boden fielen. Langsam bildete sich ein kleiner See auf dem Boden, wo Sam, Phil und ich standen. Der Spätsommer war nahtlos in den Herbst übergegangen und bescherte uns zurzeit Dauerregen.

»Sehen Sie sich diese Aufnahmen in Ruhe an, Sir. Können Sie mit Sicherheit erkennen, dass es Diamanten aus dem Raub von vor vier Jahren sind?«

Preston Hartley griff nach einer Brille, die auf einem der Arbeitstische lag. Als er sie auf seine Nase schob, bemerkte ich eine spezielle Vorrichtung im rechten Glas. Es sah wie ein kleines Mikroskop aus, jedenfalls erinnerte mich die kurze Röhre mit dem gewölbten Glas daran.

»Bei diesem Diamanten besteht kein Zweifel, dass er aus dem Raubüberfall stammt. Sehen Sie diese drei kleinen Einschlüsse, die wie ein V angeordnet sind?«

Hartley deutete auf eine Stelle der Fotografie, wo ich allerdings mit bloßem Auge nichts erkennen konnte.

»Daran können Sie es erkennen? Könnte ein anderer Diamant nicht ähnliche Einschlüsse aufweisen?«

Preston Hartley schüttelte entschieden den Kopf.

»No, Agent Cotton. Diese Form der Einschlüsse ist absolut eindeutig für mich. Da dieser Diamant aus dem Raub stammt, dürften die beiden anderen es ebenfalls sein.«

Mir lag die Frage auf der Zunge, wie der Diamanthändler sich so sicher sein konnte, doch Sam griff erneut in die Befragung ein.

»Wer hält so wertvolle Stücke dermaßen lange zurück, Mister Hartley?«

Verblüfft schaute ich zu Phil, der angesichts der seltsamen Frage unseren Kollegen verwundert anschaute.

»Nur einer aus dem Fach, Agent Bartow. Derjenige kennt die Risiken sehr genau und hat speziell diese Diamanten zurückgehalten, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.«

Sam diskutierte noch einige Minuten mit dem Händler, wobei es sich um die Möglichkeiten des Absatzes der geraubten Steine drehte. Neugierig lauschte ich den Überlegungen, die mich in eine völlig fremde Welt einführten. Angesichts der großen Menge an Diamanten wäre mir im Traum nicht eingefallen, wie sorgfältig deren Handel überwacht wurde. Die Central Selling Organisation erschien mir immer mehr als ein interessanter Gesprächspartner.

»Wir statten Larry Dewey einen Besuch ab. Er leitet die Niederlassung der CSO hier in New York.«

Sams Entscheidung fand meine völlige Zustimmung und so fuhren wir hinüber nach Midtown.

***

Die Büroräume der CSO befanden sich in einem eleganten Bürohochhaus am Sutton Place mit Ausblick auf den Hudson. Es gab lediglich ein Großraumbüro mit einem isolierten Glaskasten, in dem Larry Dewey uns empfing. Der drahtige Dewey hatte seine Jacke über die Rückenlehne eines Stuhles gehängt und zeichnete einige Dokumente ab, die ihm eine eifrige Frau mit kaffeebrauner Haut und einer sportlichen Kurzhaarfrisur vorlegte. Als Larry die letzte Unterschrift geleistet hatte, zog sich die Mitarbeiterin zurück, nicht ohne mir ein rätselhaftes Lächeln zu schenken.

»Special Agent Cotton vom FBI, Mister Dewey. Das ist mein Partner, Special Agent Decker, und Special Agent Bartow kennen Sie ja schon.«

Mir war das knappe Zunicken von Dewey nicht entgangen, als wir sein Büro betreten hatten. Sam hatte es ebenso knapp erwidert, doch damit war für mich klar, dass die beiden Männer einander kannten.

»Stimmt, Agent Cotton. Sie sind also der leitende Ermittler in dem Fall. Das wundert mich, Sam. Ich dachte immer, dass dein Status als Sonderermittler dich zum leitenden Agent machen würde.«

Verärgert musterte ich Sam, der mit einem kühlen Lächeln abwinkte.

»Jerry und ich kennen uns schon lange, Larry. Er und ich brauchen solche Machtspielchen nicht.«

Langsam nervte mich das merkwürdige Vorgehen unseres Kollegen, der ständig eigene Wege der Ermittlung einschlug.

»Wir haben zwei Ihrer Mitarbeiter bei Preston Hartley getroffen, Mister Dewey. Worin besteht Ihr Interesse an den aufgetauchten Diamanten?«

Larry sah mich verwundert an, dann wandte er seinen Blick wieder auf Sam.

»Wie läuft es denn jetzt, Sam? Hättest du deine Kollegen nicht einweihen sollen, welche Funktion die CSO hat?«

»Das ist überhaupt nicht erforderlich, Mister Dewey. Sobald Sie oder Mitarbeiter von Ihnen sich in laufende Ermittlungen des FBI einmischen, treten wir Ihnen auf die Zehen! Verstehen Sie jetzt, wie es läuft?«

Mir reichten diese Spielchen, also wurde ich deutlicher und sah nicht nur Dewey überrascht zusammenzucken.

»He, immer mit der Ruhe, Agent Cotton. Meine Leute möchten lediglich sicherstellen, dass keine Diamanten unberechtigt im Handel kursieren. Mehr nicht.«

Seine Beteuerung beruhigte mich nicht.

»Ihre Leute haben überhaupt nichts sicherzustellen, Mister Dewey. Sollten wir noch einmal bei den Ermittlungen auf Angehörige der CSO stoßen, gibt es mächtig Ärger. Haben Sie mich jetzt verstanden, Sir?«

Einige Sekunden lang breitete sich Schweigen im Büro von Dewey aus, bevor er mit steinerner Miene langsam nickte.

»Ja, schon verstanden. Alle weiteren Fragen richten Sie dann bitte an unsere Rechtsabteilung, Agent Cotton.«

Den Rauswurf nahm ich gelassen an und verließ grußlos den Glaskasten. Phil und Sam folgten mir, wobei Sam einige Worte zum Abschied murmelte. Kaum saßen wir im Wagen, hob Sam zu reden an.

»Stop, Sam! Bevor du dich in irgendetwas verrennst, hörst du mir zu.«

Ich machte dem Sonderermittler klar, dass er keine Ermittlungen nach eigenen Regeln durchführen würde, solange ich der leitende Agent war. Phil schwieg, aber sein Blick machte mich stutzig.

»Siehst du es ebenso, Phil?«

Mir war daran gelegen, dass mein Partner mit mir an einem Strang zog.

»Bedingt, Jerry. Sam ist als Sonderermittler im Grunde der leitende Agent, wie du sehr wohl weißt. Wir sollen ihn unterstützen, und das hast du bei der Befragung von Dewey nicht getan. Jerry hat aber völlig recht, dass du uns besser einweihen musst, wenn du unsere Unterstützung möchtest, Sam.«

Sam und ich musterten uns verärgert, bis er schließlich zustimmend nickte.

»Allright, Phil. Ja, ich sollte euch besser einweisen. Der Punkt geht an dich. Wir gehen irgendwo einen Happen essen und stimmen dabei unser weiteres Vorgehen besser ab.«

***

Nur teilweise zufrieden stimmte ich dem Vorschlag zu und fand mich eine halbe Stunde später in einem guten Restaurant wieder. Sam erzählte uns mehr über die komplizierten Zusammenhänge im Diamanthandel und so verstand ich den Einfluss der CSO am Ende besser.

»Dann war meine Auseinandersetzung mit Dewey wenig hilfreich. Sorry, Sam.«

Durch ihre enge Verknüpfung zum Firmenkonsortium von De Beers verfügte die Central Selling Organisation über sehr viele hervorragende Beziehungen. Auch wenn es uns allen nicht gefiel, mussten wir quasi eine Art Zusammenarbeit mit Larry Dewey und seinen Männern anstreben.

»Larry war selbst viele Jahre beim FBI, Jerry. Seine Mitarbeiter sind in der Regel alles erfahrene Ermittler, wobei sie oft über bessere Möglichkeiten verfügen als alle Behörden.«

Die Spielregeln im Diamantmarkt hatten sich zwar durch den Zugang der asiatischen Händler ein wenig gelockert, doch bislang war De Beers immer noch der einflussreichste Konzern am Markt.

»Wie kommt es dann, dass auch die Ermittler der CSO offenbar keine Kenntnisse über den Verbleib der Diamanten hatten?«

Sam grinste hart bei meiner Frage.

»Weil jeder Räuber diese Dinge selbstverständlich ebenso gut kennt, außer es ist ein Stümper. Diamantendiebe sind meistens sehr intelligent und verfügen über ein spezielles Netzwerk, sodass die gestohlenen Steine bereits vor dem Raub einen Abnehmer haben.«

Scheinbar gab es sogar Raubzüge auf Bestellung, was mich einigermaßen überraschte.

»Dann wundere ich mich aber doch, wenn ein solcher Raubzug bei diesem Kenntnisstand von uns nicht aufgeklärt werden kann. Es gibt nach deiner Aussage eine begrenzte Anzahl von Experten dafür, und trotzdem bleiben einige Überfälle unaufgeklärt?«

Sam zuckte mit den Schultern und wischte mit der Serviette seinen Mundwinkel aus.

»Hier kommt das Netzwerk zum Tragen, Jerry. Es sorgt unter anderem auch dafür, dass der Räuber ein wasserdichtes Alibi vorweisen kann.«

Phil und ich tauschten einen Blick voller Unglauben aus.

»Du willst also sagen, obwohl die Behörden den vermutlichen Räuber kennen, können sie ihm nichts nachweisen?«

Sam nickte und zuckte erneut mit den Schultern.

»Der Prozentsatz ist allerdings verschwindend gering, und dafür sorgen meistens die Ermittler der CSO, die uns die entscheidenden Hinweise liefern.«

Nach dem Essen war mir bewusst, wie unklug mein Verhalten im Büro von Larry Dewey gewesen war. Es war nur ein kleiner Trost, dass Sam nicht ganz unschuldig an dem Zwischenfall gewesen war. Hätte er uns früher über die Zusammenhänge aufgeklärt, wäre uns dieses Intermezzo erspart geblieben.

***

Meine Nachtruhe wurde von einem dringenden Anruf Sam Bartows unterbrochen. Es sollten weitere Diamanten aus dem früheren Raub aufgetaucht sein und er wollte bei einem Hehler einen Zugriff vornehmen. Meine Müdigkeit wurde nicht nur durch diese Aussicht vertrieben, sondern auch durch den kalten Wind, der Regenschleier vor sich her trieb.

»Sam hat also endlich einen eigenen Dienstwagen«, konstatierte mein Partner.

Am Tag zuvor musste ich meinen geliebten Jaguar stehen lassen, um ihn gegen einen Buick Escalade einzutauschen. Sam Bartow konnte unmöglich auf dem Notsitz mitfahren, weshalb ich es schweren Herzens hingenommen hatte. Da ich meinen Partner in den frühen Morgenstunden jedoch wieder mit der roten Raubkatze einsammelte, schloss er auf einen Dienstwagen, über den Sam verfügen konnte.

»Ja, wir treffen ihn in Little Italy. Einem Hehler in der Hester Street sind angeblich weitere Diamanten aus dem Raub angeboten worden. Sam möchte dem Anbieter eine Falle stellen.«

Mein Partner nickte anerkennend und klickte sich am Computer in der Mittelkonsole ins System ein. Während ich den Jaguar mit eingeschalteten Signallampen sowie Sirene über den Broadway in Richtung Süden jagte, überprüfte Phil einige Angaben.

»Seltsam. Ich kann nirgends im System einen Hinweis auf diesen Deal entdecken. Sam treibt doch keine Spielchen, oder?«

Verwundert schaute ich kurz zu Phil hinüber, da mir seine Bemerkung ungewöhnlich erschien.

»Sam? Wie kommst du darauf?«

Mein Partner fand das Vorgehen des Sonderermittlers teilweise merkwürdig, weil Sam uns offenbar längst nicht alle Details der Ermittlungen im Vorfeld mitteilte.

»Du meinst die Geschichte mit Dewey und der CSO? Das war ja auch mein Fehler, Phil. Vermutlich hat Sam den Tipp über eine seiner besonderen Quellen erhalten und deswegen findest du nichts im System.«

Er brummte etwas Unverständliches, ging dann aber nicht weiter auf das Thema ein. Zehn Minuten später rollte der Jaguar ohne Signallampen oder Sirene hinter einem schwarzen Cadillac DTS aus. Wir stiegen zu Sam in den Wagen und starrten hinüber zu einem schmalen Ladengeschäft.

»Mark Gill ist ein alter Bekannter von mir und hat mich auf dem Mobiltelefon angerufen.«

Sam erklärte uns, wie er noch vor seinem Eintreffen in der Stadt ein ganzes Netzwerk von Informanten aus alten Tagen beim Field Office New York aktiviert hatte. Bei seinen Ausführungen warf Phil mir einen vielsagenden Seitenblick zu.

»Das hättest du uns vorher sagen sollen, Sam. Vermutlich haben wir die gleichen Informanten zum Teil ebenfalls verständigt. Doppelte Arbeit erleichtert unsere Ermittlungen nicht unbedingt«, beschwerte ich mich.

Sam stieß ein unwilliges Schnauben aus, doch dann versprach er Besserung.

»Bisher ist niemand aufgetaucht, auf den Marks Beschreibung passen könnte.«

Angeblich sollte der Verkäufer auf ein Treffen vor dem normalen Geschäftsbeginn bestanden haben, weshalb wir nun zu dritt um vier Uhr morgens im Wagen in der Hester Street hockten.

»Wie gut kennst du diesen Mark? Vertraust du ihm?«

Sam stieß ein hartes Lachen bei meiner Frage aus.

»Vertrauen? Einem Hehler? No, Jerry. Aber bisher waren seine Tipps alle ihr Geld wert.«

Bei der seltsamen Formulierung stutzte ich.

»Geld? Bezahlst du Mark für seine Tipps, Sam?«

Nicht, dass andere Agents es nicht ebenfalls tun würden, dennoch empfand ich es als riskant. Zu oft hatte Gier dazu geführt, dass Informanten unsinnige Hinweise geliefert und damit die Ermittlungen in eine falsche Richtung gelenkt hatten.

»Ja, aber nicht immer.«

Es blieb keine Zeit für weitere Diskussionen, da ein Wagen von der Hester Street in die kleine Gasse neben dem Geschäft von Mark Gill abbog. Da dessen Fahrer schon vor dem Abbiegen alle Scheinwerfer gelöscht hatte, machte er uns neugierig. Zu meiner Verblüffung hob Sam ein hochmodernes Nachtsichtglas an die Augen und betrachtete den Fahrer.

»Die Beschreibung passt, Jerry. Es muss der Verkäufer der Diamanten sein.«

Da wir unser Vorgehen längst abgestimmt hatten, reichte ein knappes Nicken und wir stießen leise die Türen auf. Während Sam und ich uns unmittelbar um den Verkäufer kümmern wollten, sicherte Phil auf der Straße den Haupteingang des Geschäfts von Gill. Im Laufen befestigte ich meine Dienstmarke am Revers und zog die Pistole. In meinem Magen spürte ich einen zunehmenden Druck, der nichts Gutes verhieß.

***

Der Regen fiel lautlos und beeinträchtigte meine Sicht, da mir ständig Tropfen in die Augen liefen. Sam fuhr sich ebenfalls regelmäßig mit der flachen Hand übers Gesicht, dann gab er das Zeichen zum Halten. Ich verharrte am linken, hinteren Kotflügel des Wagens, mit dem der Verkäufer gekommen war.

Selbst auf der Karosserie verursachten die Regentropfen kaum Geräusche, daher vernahm ich das leise Klirren sehr gut. Es musste das Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels gewesen sein, warum Sam das Zeichen gegeben hatte.

Er kauerte neben einem ausrangierten Stahlschrank und starrte zur Seitentür des Geschäfts. Ich kniff die Lider zusammen und versuchte den Schemen des Verkäufers in der dunklen Gasse ausfindig zu machen. Wo war er nur abgeblieben?

»Bruno?«

Die leise Stimme ließ mich zur Tür schauen und dort bemerkte ich den schwachen Lichtschein sowie die Konturen eines dicklichen Mannes. Im nächsten Augenblick explodierte die Rückscheibe des Wagens vor mir und ich ließ mich blitzschnell nach hinten fallen. Weitere Schüsse peitschten durch die Nacht und ich suchte nach den Angreifern, die ihre Waffen mit Schalldämpfern versehen hatten. Ein Mündungsblitz am westlichen Zugang zur Gasse zeigte mir ein Ziel, sodass ich gezielt schießen konnte.

»FBI! Waffen fallen lassen und auf den Boden legen!«

Phils Stimme hallte durch den Regen, doch die Angreifer kamen seiner Anweisung nicht nach. Ganz offensichtlich scherte es sie nicht, dass wir Agents vom FBI waren. Ich riskierte einen Seitenblick zu Sam, der als dunkler Schatten neben dem Stahlschrank kauerte und auf ein Ziel am anderen Ende der Gasse schoss.

»Wie viele Gegner hast du ausmachen können?«, rief ich ihm zu.

Als Antwort streckte er zwei Finger in die Höhe und deutete zu beiden Enden der Gasse, womit er mir einen Anhaltspunkt lieferte. Da Phil sich von der Straße aus am Feuergefecht beteiligen konnte, bot sich ein Vorgehen zunächst gegen diese beiden Gegner an. Ich gab Sam entsprechende Zeichen, damit er sich mit den Angreifern am anderen Ende der Gasse auseinandersetzte. Dann wartete ich ab, bis Phil die Aufmerksamkeit für einen Moment auf sich zog, und sprintete los.

Auf dem Weg zur Einmündung der Gasse platzierte ich meine Taschenlampe auf dem Deckel eines Müllcontainers und schaltete sie schlagartig ein, um anschließend drei schnelle Schritte zur Gassenmitte zu machen. Mein Ablenkungsmanöver funktionierte wie gewünscht, als einer der Schützen sein Feuer auf den Strahl der Taschenlampe konzentrierte. Im gleichen Moment als ihr Licht erlosch, jagte ich drei Schüsse in Richtung des Mündungsblitzes und vernahm einen dumpfen Aufschrei. Treffer! Ich eilte zu der Position des Schützen und fand nur eine verwaiste Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer.

Weitere Schüsse peitschten über die Straße und ich konnte Phil erkennen, der auf die flüchtenden Gangster schoss. Ein Automotor brüllte laut auf und dann jagte eine Limousine mit aufgeblendeten Scheinwerfern an mir vorbei. Phil und ich jagten dem Fahrzeug einige Kugeln hinterher, doch der Wagen bog mit quietschenden Reifen an der nächsten Kreuzung nach rechts ab und verschwand in der Nacht.

Während Phil die Fahndung nach dem flüchtigen Fahrzeug auslöste, eilte ich zurück in die Gasse, aus der ganze Salven von Schüssen ertönten. Bevor ich den abgestellten Wagen des Verkäufers erreichen konnte, stieß ich auf Sam.

»Die Mistkerle haben sich den Verkäufer geschnappt und türmen«, rief er.

Sam hetzte an mir vorbei und setzte über die Straße, um mit seinem Dienstwagen die Verfolgung der Entführer aufzunehmen. Phil stand gleich darauf neben mir und sah dem ebenfalls an der Kreuzung abbiegenden Dienstwagen kopfschüttelnd nach.

***

»Was treibt Sam denn da?«

»Frag mich etwas Leichteres, Phil. Er verfolgt die Gangster im Alleingang.«

Da unser Kollege sehr erfahren war, bauten Phil und ich darauf, dass er seine Verfolgung mit den Cops koordinieren würde.

»Konntest du einen der Schützen erkennen, Phil?«

Er war genauso von dem blitzschnellen Feuerüberfall überrascht worden und hatte nur dunkel gekleidete Gestalten gesehen.

»An dem Fluchtfahrzeug war kein Nummernschild montiert, Jerry.«

Ich hob alarmiert die Augenbrauen bei dieser Feststellung.

»Schalldämpfer und nicht gekennzeichnete Fahrzeuge? Das klingt verdächtig nach Profis, Phil. Woher wussten sie, dass wir hier sein würden?«

Die Frage konnte mein Partner natürlich auch nicht beantworten, aber wir wollten den Inhaber des Geschäfts für Gebrauchtwaren dazu befragen. Vorsichtig zog ich die nur angelehnte Seitentür weiter auf und machte mich laut bemerkbar.

»Special Agent Cotton vom FBI! Zeigen Sie sich und treten Sie mit erhobenen Händen vor.«

Phil und ich hatten weiterhin unsere Waffen in den Händen, als ein dicklicher Mann mit vor Angst schlotternden Beinen in den erleuchteten Gang trat.

»Nicht schießen, Agents! Ich bin unbewaffnet!«

Auch die Stimme des Mannes war grell vor Angst. Während Phil ihn weiter mit der Pistole bedrohte, durchsuchte ich den Mann und konnte keine Waffe entdecken.

»Sie können die Arme jetzt runternehmen, Sir. Sind Sie der Inhaber des Geschäfts?«

»Ja, Agent Cotton. Mein Name ist Mark Gill.«

Phil hatte sich die Brieftasche des Mannes vorgenommen und nickte bestätigend.

»Wen haben Sie um diese ungewöhnlich frühe Uhrzeit erwartet, Mister Gill?«

Der Inhaber sah mit immer noch vor Angst geweiteten Augen zur Seitentür, von der ein Lichtbalken auf die Seitengasse hinausging.

»Ein Kunde, der sehr früh nach Denver fliegen sollte und mir vorher noch etwas zum Ankauf anbieten wollte. Es sollte eine Designeruhr sein, Agent Cotton. Deswegen war ich bereit, auf das Geschäft einzugehen.«

Er log, und das nicht einmal sehr gut. Trotzdem hakte ich vorerst nicht weiter nach.

»Verstehe, Sir. Hat der Kunde Ihnen einen Namen genannt?«

Der Blick von Mark Gill löste sich von der Tür und zuckte kurz zu mir hinüber.

»Ja, Agent Cotton. Er nannte sich Kimmel, James oder Jim.«

Phil lachte amüsiert auf, als Mark uns den Namen eines bekannten Talkmasters von ABC auftischen wollte. Er hatte sich offensichtlich schlecht präpariert, aber mir reichte es jetzt.

»Ah, ja? Haben Sie einen Hund oder eine Katze hier im Laden?«

Verblüfft schaute Gill mich an und schüttelte dann den Kopf.

»Dachte ich mir, Mister Gill. Und wer ist dann dieser Bruno, den Sie vorhin an der Seitentür gerufen haben?«

Mark Gill zuckte erschrocken zusammen und bekam keinen Ton mehr heraus. Da sich in diesem Augenblick Cops meldeten, übergaben wir ihnen die Sicherung des Tatorts und führten Gill zum Jaguar.

»Wir setzen unser Gespräch besser im Field Office fort, Mister Gill.«

Der dickliche Mann starrte ungläubig auf den schnittigen Sportwagen.

»Damit?«

»Ganz genau. Bitte, Sie haben die gesamte Rückbank für sich allein.«

Zuerst glaubte der Ladeninhaber noch an einen Scherz, doch als ich die Tür geöffnet hatte und ihn nachdrücklich in Richtung des Notsitzes schob, gab er unter verzweifeltem Stöhnen nach. Nur mit viel Mühe konnte er seinen Körper auf der schmalen Sitzbank unterbringen, was genau meinem Vorhaben entsprach.

Phil durchschaute mein Manöver und schob seinen Sitz ein weiteres Stück zurück, um den vorhandenen Platz für Gill zusätzlich einzuschränken. Die ungemütliche Fahrt ins Field Office würde an dem sowieso schon angeschlagenen Nervenkostüm des Mannes zerren und uns die anschließende Vernehmung erleichtern. Über Funk erkundigte Phil sich nach Sam, der zu meiner Verwunderung nur einmal mit den Cops in Kontakt getreten war.

***

Mark Gill wurde zunächst erkennungsdienstlich erfasst, sodass Phil und ich in Ruhe einen Kaffee trinken konnten. Sam hatte sich kurz gemeldet und verfolgte nach wie vor die Entführer des Verkäufers. Leider brach die Verbindung mitten im Gespräch ab, da Sam sich vermutlich in einem Funkloch befand. Uns blieb nichts weiter übrig, als auf eine erneute Meldung seinerseits zu warten und uns in der Zwischenzeit um andere Dinge zu kümmern.

Als ich meinen Computer gestartet und die neuesten Meldungen studiert hatte, blieb mein Blick an einer Meldung aus Amsterdam hängen. Ich hatte die europäischen Kollegen darüber informiert, dass einige Diamanten aus dem Raub in New York aufgetaucht waren. Da ein großer Teil des weltweiten Handels aber über Brüssel und Amsterdam abgewickelt wurde, schalteten wir von Anfang an die Kollegen dort in unsere Ermittlungen ein.

»Es gibt interessante Neuigkeiten aus Amsterdam, Phil.«

Mein Partner saß ebenfalls vor seinem Computer und hob fragend den Kopf.

»Es scheint einen international tätigen Diamantendieb zu geben, der seit geraumer Zeit im Geschäft ist. Die Kollegen in Amsterdam sind erst vor wenigen Tagen auf ihn aufmerksam geworden. Er wird in den einschlägigen Kreisen als der Rabbi bezeichnet.«

Phil holte sich die Meldung ebenfalls auf den Monitor und überflog die Daten.

»Merkwürdiger Spitzname für einen Mann, der nicht einmal dem jüdischen Glauben angehören soll.«

Die Fahnder in den Niederlanden hatten bereits ein umfangreiches Dossier über diesen ominösen Meisterdieb angelegt. Darin konnte man nachlesen, dass der Spitzname sich auf die ungewöhnlich guten Kontakte zu jüdischen Händlern bezog und nichts mit der Glaubenszugehörigkeit des Diebes zu tun hatte.

»Noch merkwürdiger finde ich die Tatsache, dass dieser Dieb so lange unbemerkt sein Unwesen treiben konnte.«

Mit den heutigen Netzwerken, die alle Polizeibehörden weltweit unterhielten, war es sehr schwer geworden, unentdeckt zu bleiben. Dieser Dieb musste über erstaunliche Fähigkeiten und Möglichkeiten verfügen, wenn es ihm so lange geglückt war.

»Jerry?«

Bei Phils Ausruf wurde ich umgehend hellwach. Seine Stimme klang außergewöhnlich aufgeregt, weshalb ich aufsprang und um den Tisch herum an seinen Stuhl trat.

»Ich habe die Liste der bekannten Decknamen des Rabbi ins System eingestellt, und es gibt einen Treffer.«

Mein Partner deutete mit einem Kugelschreiber auf eine Meldung der Flughafenpolizei des J.F.K. Airport.

»Ein Passagier mit dem Namen Andreas Nolan ist von Brüssel nach New York geflogen. Der Rabbi ist hier.«

Verblüfft starrte ich auf die Anzeige und verfolgte gebannt, wie Phil eine neue Anfrage ins System eingab. Die Rückmeldung ließ nicht lange auf sich warten und versetzte uns in hektische Aktivität.

***

Phil und ich kamen nicht dazu, die Vernehmung von Mark Gill selbst zu übernehmen. Uns erreichte eine Meldung der Cops, nach der Agent Sam Bartow dem Räuber der Diamanten unmittelbar auf den Fersen sei und dringend Verstärkung benötigte.

»Übernehmen Sie die Unterstützung, ich organisiere die Vernehmung durch einen unserer Spezialisten«, wies Mr High uns an.

So kam es, dass mein Partner und ich schon zwanzig Minuten nach unserem Eintreffen im Field Office wieder im Jaguar über den Broadway jagten. Die Scheibenwischer bekämpften den immer stärker werdenden Regen auf der Frontscheibe, während Sirene und Blaulicht uns die Spur freiräumten. Bis zum Einsetzen der morgendlichen Rushhour blieb uns noch zirka eine Stunde, daher kamen wir sehr gut voran.

»Sam hat sich aus der Nähe eines Hotels in der Gold Street gemeldet.«

Phil gab alle neuen Erkenntnisse unmittelbar an mich weiter, sodass ich mich rechtzeitig auf die veränderte Lage einstellen konnte. Was unser schnelles Vorgehen zusätzlich beeinflusst hatte, war eine erstaunliche Übereinstimmung. Auch der Rabbi hatte unter seinem Decknamen Andreas Nolan in dem Hotel eingecheckt. Zehn Minuten später ließen wir die Brooklyn Bridge City Hall links liegen und ich steuerte den Jaguar nunmehr ohne Sirene oder Blaulicht in Richtung der Gold Street.

»Es müsste da vorne sein, Jerry.«

Phil deutete auf einen Drahtzaun, der einen Parkplatz umfasste. Dort sollte Sam auf uns warten und auch ein Team des NYPD wollte zur Verstärkung anrücken.

»Da steht Sams Wagen.«

Ich hatte den Cadillac ausgemacht und stellte den roten Flitzer in der Nähe auf eine freie Parkfläche. Als Phil und ich ausstiegen, hatten wir unsere Waffen bereits schussbereit in den Händen.

»Wo ist Sam?«

Phil vollführte eine Drehung um die eigene Achse, ohne einen Hinweis zu finden. Mir erging es genauso, und als die beiden Streifenwagen kurz danach ebenfalls auf den Parkplatz rollten, fehlte immer noch jede Spur unseres Kollegen aus Washington.

»Agent Bartow?«, fragte ein Officer mit zwei Streifen am Ärmel.

»Nein, ich bin Special Agent Cotton, und das ist Special Agent Decker. Wir müssen zum Hotel gehen und herausfinden, ob unserer Kollege sich bereits darin aufhält.«

Mit wenigen Worten skizzierte ich die Ausgangslage und teilte die vier Cops ein. Zwei von ihnen würden den Hinterausgang sowie den Küchentrakt absichern, während Phil und ich mit ihren Kollegen durch den Haupteingang ins Hotel gehen wollten. Wenige Augenblicke später erreichten wir unser Ziel und eine ältere Empfangsdame starrte erschrocken auf unsere Dienstmarken.

»Ist schon einer meiner Kollegen hier?«

Eifrig nickend deutete die Frau auf den Lift.

»Ja, Agent Cotton. Ihr Kollege ist in die dritte Etage gefahren, da er zu einem Gast wollte.«

Sie nannte uns die Zimmernummer und reichte Phil die Anmeldung über den Tresen.

»Wir fahren mit dem Fahrstuhl, Phil. Du und der Kollege nehmt das Treppenhaus. Schnell!«

Mein Instinkt riet mir zur Eile und ich verfluchte die Eigenmächtigkeit von Sam. Als sich kurze Zeit später die Lifttüren vor uns öffneten, richteten der Officer und ich sofort die Mündungen auf den verlassen vor uns liegenden Gang. Ich gab ihm ein Zeichen, dass er einen Blick in den links abzweigenden Gang werfen sollte. Solange der Officer der Anweisung nachkam, sicherte ich den anderen Gang.

»Negativ, Agent Cotton. Da hält sich niemand auf.«

Verwundert sah ich den leeren Gang hinunter und musste einsehen, dass Sam offensichtlich bereits ins Zimmer des Verdächtigen gegangen sein musste. Gegen jede Regel, und das machte mich sehr wütend. Sam brachte uns in eine unmögliche Lage, da wir seine Situation überhaupt nicht einschätzen konnten und daher blind vorgehen mussten.

»Wir rücken zum Zimmer vor, sobald unsere Kollegen an der Tür zum Treppenhaus auftauchen«, wies ich den Officer an.

Zum Glück hatten Phil und der zweite Cop sich beeilt, denn eine Minute später hatte ich Sichtkontakt zu meinem Partner. Ich signalisierte ihm gerade, dass wir Sam im Zimmer des Verdächtigen vermuteten, als eine schwere Explosion das Gebäude erschütterte. Der Officer wurde gegen mich geschleudert und wir gingen gemeinsam zu Boden. Weitere Explosionen folgten, und dann quoll dicker, klebriger Rauch über den Gang. Wir husteten um die Wette und Feuersirenen schrillten los, was kurz darauf die Sprinkleranlage auslöste.

***

Phil und ich schafften es hinaus auf die Straße, die mittlerweile weiträumig von den Cops abgesperrt worden war. Rettungssanitäter untersuchten unsere leichten Verletzungen, die glücklicherweise harmlos ausgefallen waren. Phil und ich hatten eine leichte Rauchvergiftung und einige Prellungen, ansonsten waren wir wohlauf.

»Was ist da passiert, Jerry?«

Phils Blick wanderte hinauf an der Fassade des Hotels, die teilweise von dichtem Rauch verdeckt wurde. Feuerwehrmänner bekämpften das ausgebrochene Feuer von Drehleitern aus, während ihre Kollegen im Gebäude zunächst die Verletzten bargen. Der Officer, der mit Phil über die Treppe vorgegangen war, hatte weniger Glück gehabt. Ihn hatte ein durch die Explosion aus der Wand gerissenes Putzstück erwischt, was zu einer schweren Gehirnerschütterung sowie einigen gebrochenen Rippen geführt hatte.

»Möglicherweise war das Zimmer mit einer Sprengfalle gesichert, und als Sam eindringen wollte, hat er die Explosion ausgelöst.«

Mein Partner warf mir einen skeptischen Seitenblick zu.

»Klingt ziemlich überzogen in meinen Ohren, Jerry. Warum sollten die Entführer oder meinetwegen auch der Rabbi ihr Hotelzimmer mit einer Sprengfalle versehen?«

»Vielleicht, weil sich im Zimmer eine größere Menge gestohlener Diamanten befanden.«

Phil und ich fuhren gleichermaßen überrascht herum, als eine dritte Stimme sich in unser Gespräch einmischte. Meine anfängliche Hoffnung, dass es Sam sein könnte, wurde beim Anblick von Larry Dewey jäh zerstört.

»Wie kommen Sie denn hierher?«

Ich funkelte den Ermittler der CSO verärgert an, weil er sich irgendwie durch die Absperrung gemogelt hatte.

»Bei dem Chaos gibt es keine vollständige Absperrung, Agent Cotton. Sie haben also auch von diesem verdammten Räuber gehört?«

Dewey nickte in Richtung des Hotels.

»Sie meinen den Rabbi? Ja, aber leider nicht von Ihnen.«

Larry machte ein verdrießliches Gesicht.

»Können wir uns in meinen Wagen setzen? Dann erzähle ich Ihnen alles über diesen Mistkerl.«

Da wir im Moment sowieso nur der Arbeit der Feuerwehrleute zusehen konnten, gingen wir auf Deweys Vorschlag ein. Er führte uns zu einem Mercedes ML 230, was mich zu einer sarkastischen Bemerkung veranlasste.

»Die Jagd auf Diamantenräuber scheint ein sehr einträgliches Geschäft zu sein, wenn man sich solche Fahrzeuge leisten kann.«

Larry lachte laut auf.

»Man wird ganz anständig bezahlt, Agent Cotton. Früher gab es aber auch keine teuren Oldtimer, die beim FBI als Dienstwagen gefahren wurden«, gab er die Spitze zurück.

Im Wageninneren überraschte der Ermittler der CSO uns mit heißem Kaffee aus einer Thermoskanne.

»Danke, Larry. Also, was wissen Sie über diesen Dieb, den man den Rabbi nennt?«

Dewey erzählte mehrere Minuten lang, ohne von uns unterbrochen zu werden. Es war offensichtlich, dass die CSO über hervorragende Quellen verfügte. Insgesamt verfügte Larry über mehr Kenntnisse als unsere Kollegen in Amsterdam.

»Demnach bestiehlt dieser Mann schon seit Jahren die Händler oder auch De Beers, ohne dass Ihre Organisation ihm jemals auf die Schliche gekommen ist. Wieso hat niemand die Polizeibehörden eingeschaltet?«, wunderte ich mich.

Dewey zeigte ein hartes Lächeln, bei dem sich zwei tiefe Falten links und rechts neben der schmalen Nase eingruben.

»Das ist nicht im Sinne der Bestohlenen, Agent Cotton. Dafür wurde die CSO geschaffen und erfahrene Ermittler wie ich angeworben. Besonders Inhaber von Diamantminen schätzen keine Einmischung durch Behörden, da man damit keine guten Erfahrungen gemacht hat.«

Auf meine verwunderte Nachfrage erklärte Larry es uns näher. In der Vergangenheit hatten Minenbesitzer bei Diebstählen die örtliche Polizei eingeschaltet, doch das Ergebnis war niederschmetternd ausgefallen. Entweder konnten die Diebe nicht dingfest gemacht werden, weil die Ermittler sich als unfähig erwiesen, oder die Polizisten unterschlugen die Diamanten, nachdem sie die Diebe gefunden und ermordet hatten.

»Solche Dinge mögen ja in Afrika passieren, Mister Dewey, aber sicherlich nicht in London, Amsterdam oder New York«, mischte Phil sich ein.

Larry lachte erneut laut auf und gab uns dann mehrere Beispiele von Ermittlungen, bei denen genau diese unschönen Dinge passiert waren.

»Zuletzt hat sich ein Chief Inspector der Metropolitan Police von London mit Diamanten im Wert von zirka fünf Millionen Dollar abgesetzt.«

Angesichts solcher Vorkommnisse brachte ich Verständnis für die Minenbesitzer auf, wenn sie kein Vertrauen mehr in die Polizeibehörden hatten.

»Und was hält Ermittler der CSO davon ab, genau das Gleiche zu tun?«

Ich war gespannt auf die Antwort, da ich auch für Larry und seine Kollegen die Versuchung bei solchen Werten für enorm hoch hielt.

»Als Ermittler der CSO erhalte ich nicht nur ein ausgesprochen fürstliches Gehalt, sondern eine Reihe von Zusatzleistungen.«

Larry war geschieden und seine beiden Kinder besuchten beide exklusive Internate, die er sich nur mit der Unterstützung der CSO leisten konnte. Es gab ein kluges System bei der Auswahl der Ermittler der CSO, die immer von der Organisation angesprochen wurden und nie durch eine Bewerbung dazu kamen, sowie kaum schlagbare Vergünstigungen.

»Das klingt ziemlich verführerisch, Larry.«

Er lächelte nur und drückte mir und Phil jeweils eine Visitenkarte in die Hand.

»Falls Sie sich einen Wechsel vorstellen könnten, dürfen Sie sich gerne jederzeit melden. Männer wie Sie könnten wir gut gebrauchen.«

»Tja, daraus wird leider nichts. Wir arbeiten sehr gerne beim FBI und planen keinen Wechsel in die Privatwirtschaft.«

Phil nickte zu meinen ablehnenden Worten und streckte Larry die Visitenkarte wieder hin.

»Behalten Sie die Karte ruhig. Ich bin sicher, dass wir später nochmals darüber sprechen können.«

***

Eine Stunde später betraten wir zusammen mit den Technikern des Kriminallabors die vollständig verwüstete Etage des Hotels, wo die Explosion ihre Spuren hinterlassen hatte. Wände und Böden waren von einer Mischung aus Ruß und Wasser überzogen, die einen beißenden Gestank erzeugte. Phil und ich wollten unbedingt erfahren, ob Sam zum Zeitpunkt der Explosion in der Nähe oder sogar im Zimmer gewesen war. Die Techniker gingen weiter vor, während wir an der Tür zum Treppenhaus warten mussten. Ungeduldig warteten wir auf die Rückkehr des Leiters der Spurensicherung, und als er mit düsterer Miene zu uns trat, ahnte ich Böses.

»Es müssen sich mehrere Menschen zum Zeitpunkt der Explosion im Zimmer aufgehalten haben. Das hier haben wir gefunden.«

Das Etui mit der Dienstmarke war stark beschädigt, doch die Dienstnummer noch erkennbar.

»Das ist der Ausweis von Agent Bartow.«

Der Leiter der Spurensicherung notierte meine Angaben auf dem Beutel, in dem er das Etui sicher verstaut hatte.

»Wir benötigen schnellstmöglich einen Zwischenbericht. Geht das?«

Ich sah den Techniker an, der nach kurzem Zögern zustimmend nickte. Wir mussten einfach wissen, ob tatsächlich ein Agent des FBI getötet worden war. Nachdem unsere Anwesenheit vor Ort keinen Nutzen mehr hatte, verließen Phil und ich das Hotel. Bei einem Sergeant des NYPD erkundigte ich mich nach den Angestellten des Hotels.

Er führte uns zu einem Diner, in dem Angestellte und Mieter des Hotels von Detectives vernommen wurden. Ein im Dienst ergrauter Lieutenant leitete die Befragung und schaute wenig überrascht auf unsere Marken.

»Dachte mir schon, dass sich das FBI hier blicken lassen würde. Bisher gibt es allerdings keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund, Agents.«

Ich klärte den Lieutenant über unser wirkliches Anliegen auf, was seine Haltung umgehend veränderte.

»Dann möchten Sie vermutlich die Befragung übernehmen, Agent Cotton?«

»Nur zum Teil, Lieutenant. Uns wäre sehr daran gelegen, wenn Sie die Ermittlungen weiter vorantreiben, bis Kollegen eintreffen und übernehmen können.«

Ich wollte auf keinen Fall Zeit verlieren und bat daher um die Hilfe des NYPD. Der Lieutenant erwies sich als erfreulich kooperativ, und so konnten wir bald darauf mit der Frau reden, die für die Buchungen der Zimmer zuständig war. Phil und ich wollten alle Namen der Hotelgäste erfahren, die auf der verwüsteten Etage ihre Zimmer gehabt hatten.

»Waren Sie die ganze Nacht am Empfang?«

Emily Witt nickte mehrfach, sie stand natürlich wie die meisten Beteiligten unter Schock. Ein Arzt hatte ihr eine Beruhigungsspritze gegeben, sodass wir sie vernehmen konnten.

»Hat sich Agent Bartow bei Ihnen gemeldet und nach dem Bewohner des Zimmers erkundigt?«

Phil hatte eine Fotografie unseres Kollegen auf sein Mobiltelefon geladen und zeigte es Mrs Witt. Sie runzelte nachdenklich die Stirn und dann bestätigte sie nochmals Sams Anwesenheit.

»Ja, Agent Bartow hat sich ausgewiesen und nach dem Bewohner des Zimmers erkundigt. Er kannte aber nicht den Namen von Mister Nolan.«

Das hätte mich auch gewundert, obwohl der Dieb mit dem Spitznamen Rabbi eigentlich zu seinem Spezialgebiet zählte. Da jedoch die Kollegen in Amsterdam selbst erst seit sehr kurzer Zeit die Decknamen des Diebes kannten, konnte Sam kaum über dieses Wissen verfügen.

»Was hat er anschließend getan?«

Die Empfangsmitarbeiterin hatte nur noch gesehen, wie unser Kollege sein Mobiltelefon aus der Tasche geholt hatte und in den Lift gestiegen war, danach hatte sie sich um andere Dinge kümmern müssen.

»Das muss der Zeitpunkt gewesen sein, als Sam um die dringende Unterstützung gebeten hat«, meinte Phil.

»Warum ist Sam nur alleine zum Zimmer gegangen? Er kennt doch die Spielregeln und gehörte meines Wissens nicht zu den Kollegen, die zu Alleingängen neigen.«

Verwundert über dieses merkwürdige Verhalten suchte ich nach einer Erklärung.

»Agent Cotton?«

Ich konnte kaum glauben, dass Larry Dewey schon wieder in unserer Nähe auftauchte.

»Es gibt keine Zusammenarbeit, Dewey! Die CSO muss uns alle Erkenntnisse zur Verfügung stellen, und notfalls setze ich das mit richterlicher Anordnung durch«, fuhr ich ihn an.

Zunächst wollte ich uns Larry vom Hals schaffen, bevor ich einige eindringliche Worte mit den Cops an der Absperrung wechseln wollte. Dewey war ein Zivilist, der keine Berechtigung hatte, hinter die Absperrung zu gelangen.

»Es geht um Sam, Agent Cotton. Sie sollten besser mit rüber ins Hotel kommen und sich ansehen, was die Techniker gefunden haben.«

Es war sowohl in Larrys Stimme als auch in seinen grauen Augen etwas, das mich stutzen ließ.

»Sam? Reden Sie schon, Larry.«

***

Der Leiter der New Yorker Niederlassung der CSO erzählte auf dem Weg hinüber ins Hotel vom grausigen Fund der Kriminaltechnik. Minuten später standen wir vor dem Techniker, der den abgetrennten Finger in einer kleinen Plastiktüte hochhielt.

»Das ist der linke kleine Finger einer männlichen Hand. Ich habe einen Abgleich mit den Prints im System vorgenommen, Agent Cotton. Es besteht kein Zweifel.«

Die Techniker hatten den abgetrennten Finger von Sams linker Hand gefunden, außerdem eine sehr große Menge Blut an der Fundstelle.

»Ein Schnelltest bestätigt die Blutgruppe, und innerhalb der nächsten Stunden werden wir mit Sicherheit sagen können, ob es das Blut von Agent Bartow ist.«

Phil und ich tauschten einen fassungslosen Blick aus.

»Könnte unser Kollege trotz des abgetrennten Fingers und des hohen Blutverlustes noch am Leben sein?«

Phil formulierte die Frage extrem neutral, dennoch schwang Angst vor der Antwort mit.

»Sollte die Blutlache von Agent Bartow stammen, kann er diesen Verlust nicht überlebt haben. Falls er nicht durch die Explosion ums Leben gekommen ist, muss er durch den Schock infolge des hohen Blutverlustes gestorben sein.«

Die Aussage des Technikers klang brutal in ihrer Nüchternheit und Eindeutigkeit. Es blieb offensichtlich kaum Spielraum für ein Überleben unseres Kollegen.

»Den abschließenden Bericht bitte direkt an Mister High.«

Mehr blieb im Augenblick nicht zu sagen. Der Techniker legte sich darauf fest, dass wenigstens zwei weitere Personen im Hotelzimmer ums Leben gekommen sein mussten. Über deren Identität konnte bislang keine Aussage getroffen werden.

»Es sind vermutlich zwei meiner Ermittler, Agent Cotton. Ich stelle dem Labor die nötigen Daten zur Verfügung und schicke Ihnen die kompletten Personalunterlagen zu.«

Zum ersten Mal sah ich Larry Dewey nicht als Störenfried an, sondern als einen Menschen, der Mitarbeiter verloren hatte. Ich dankte ihm für die Unterstützung.

»Sollten wir zu entsprechenden Ergebnissen kommen, erfahren Sie es sofort. Versprochen, Larry.«

Phil sah mich überrascht an, legte jedoch keinen Protest ein.

»Was ist Ihre Einschätzung zu dem Dieb, den man als Rabbi bezeichnet?«

Bei meiner Frage traten wir aus dem Hoteleingang hinaus auf den Fußweg, der vom Löschwasser nass war. Ein Geruch nach Rauch stieg vom Wasser auf und irritierte meine Nase.

»Ein Gespenst, wenn Sie mich fragen. Es gibt ständig Gerüchte über einen Dieb, der erstklassige Diamanten bei bekannten Hehlern anbietet. Da sich in der Regel nicht zurückverfolgen lässt, wie der Dieb an die Diamanten gekommen ist, hat sich dieses Gerede von einem Meisterdieb entwickelt. Sie wissen, weshalb man ihn den Rabbi nennt?«

Ich gab das weiter, was uns die Kollegen in Amsterdam berichtet hatten.

»Stimmt, und genau da fängt mein Problem an, Agent Cotton. Die jüdischen Händler sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die selten Leute von außerhalb akzeptiert. Sie machen zwar Geschäfte mit einem Goi, aber besonders bei illegalen Transaktionen ist das kaum vorstellbar.«

Larry gab uns einen Überblick, wie üblicherweise die Geschäfte der Diamanthändler abliefen. Er bezog sich dabei nur auf die Händler mit jüdischem Glauben, was mich neugierig machte.

»Was wäre denn, wenn dieser Rabbi seine Transaktionen bevorzugt mit nichtjüdischen Händlern gemacht hat? Würde dieses Vorgehen nicht die wenigen Informationen zu seiner Person erklären?«

Larry nickte seufzend.

»Genau von dieser Theorie sind wir eine lange Zeit ausgegangen, Agent Cotton. Es gibt allerdings keine Hinweise, die es untermauern würden. Entweder existiert dieser Rabbi überhaupt nicht oder er ist viel vorsichtiger als bislang angenommen.«

Mein Instinkt verriet mir, dass Larry Dewey uns nur einen Teil seines Wissens anvertraute. Da mich vor allem interessierte, wieso er sich so verhielt, hakte ich vorläufig nicht nach. In meinen Kopf entwickelte sich eine ganz spezielle Theorie zu dieser mysteriösen Gestalt eines Meisterdiebs.

»Vielen Dank für die Informationen, Larry. Sollten sich neue Erkenntnisse ergeben, teilen Sie uns diese bitte mit.«

Das versprach mir der Leiter der CSO und stiefelte dann durch das Schlauchchaos der Feuerwehr zu seinem Wagen.

»Was geht dir durch den Kopf, Jerry?«

Mein Partner hatte offenbar gespürt, dass ich an einer besonderen Nuss knackte.

»Wenn wir einen Augenblick lang an die Existenz dieses Rabbi glauben, käme meines Erachtens eine Person besonders dafür in Betracht.«

Phil schaute mich fragend an, dann folgte er meinem Blick zum Heck von Deweys Fahrzeug.

***

Auf dem Weg zurück ins Field Office erreichte uns eine Funkmeldung, die zu einer Änderung unserer Pläne führte.

»Einer der Händler hat sich gemeldet, weil ihm der Rabbi einige Diamanten zum Kauf angeboten hat.«

Als Phil mir die bekannten Daten nannte, beschleunigte sich mein Pulsschlag enorm. Demnach wäre der ominöse Meisterdieb zum Zeitpunkt der Explosion bei dem Händler im Geschäft gewesen. Wenn das stimmte, hatten wir ein mächtiges Problem. Wen hatte Sam dann in dem Zimmer angetroffen?

»Mister Merthie?«

Der elegant gekleidete Mann erwartete uns vor dem unscheinbaren Geschäft in einer Ladenpassage. Ich hatte mich von meinen Vorurteilen lenken lassen und mit einem Mann in schwarzer Kleidung sowie dem obligatorischen Hut gerechnet. Jonathan Merthie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit diesem Klischee und hätte genauso gut ein Nachtclubbesitzer oder Wertpapierhändler sein können.

»Ja, das bin ich. Hoffentlich sind Sie nicht umsonst den weiten Weg gekommen, Agent Cotton.«

Merthie hatte unsere Dienstausweise sehr sorgfältig geprüft, bevor er uns in sein Geschäft geführt hatte.

»Erzählen Sie uns bitte, was passiert ist.«

Zunächst erklärte Merthie uns seine Funktion, die nicht nur im direkten Verkauf von Diamanten bestand. Er war gleichermaßen als Vermittler tätig, wobei seine Tätigkeit im Aufspüren besonderer Steine bestand.

»Viele wohlhabende Menschen haben sehr genaue Vorstellungen, welche Diamanten oder andere Edelsteine für ein Schmuckstück verwendet werden sollen.«

Jonathan Merthie zeigte uns die Fotografien eines Halsschmucks, der dem Familienwappen eines Adligen aus Schottland nachempfunden worden war.

»Dieser Mann muss von meinen aktuellen Suchaufträgen erfahren haben, Agent Cotton. Er hat mir exakt eine Auswahl von Diamanten angeboten, die dafür in Betracht kommen.«

Damit stand schon einmal fest, dass der Verkäufer über sehr gute Kenntnisse des Marktes verfügte.

»Was bringt Sie dazu, in dem Verkäufer diesen sogenannten Rabbi zu sehen?«

»Weil er spezielle Diamanten aus einem früheren Raub angeboten hat, Agent Cotton. Alle Steine gehörten einstmals dem sehr geschätzten Kollegen Preston Hartley.«

Phil stieß einen verblüfften Ruf aus und ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wie bitte? Ihnen wurden heute ebenfalls Diamanten aus dem Preston-Raub angeboten? Sind Sie sich absolut sicher?«

Jonathan Merthie musste mit diesen Zweifeln gerechnet haben, denn er legte uns einige Fotografien vor.

»Auf der linken Seite sehen Sie die Aufnahmen, die Ihre Kollegen nach dem Raub bei Hartley in Umlauf gebracht haben. Die Fotografien auf der rechten Seite habe ich erst vorhin angefertigt.«

Mein Blick fand den jeweiligen Timecode und es bestand kein Zweifel, dass Merthie recht hatte. Selbst einem Laien wie mir fiel die hohe Ähnlichkeit der abgebildeten Diamanten auf.

»Wie sind Sie mit dem Rabbi verblieben, Sir?«

»Er meldet sich wieder, und zwar innerhalb der nächsten zweiundzwanzig Stunden, Agent Decker. Der Rabbi hat mir exakt vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit eingeräumt.«

Ich deutete anschließend hinauf zu den drei Überwachungskameras, doch bei meiner Nachfrage schüttelte Merthie den Kopf.

»Der Rabbi hat das Geschäft nie betreten, Agent Cotton. Er blieb im Durchgang neben meinem Geschäft stehen und hatte die dortige Lampe vorher kaputt gemacht. Mehr als seine Konturen sowie eine heisere Stimme konnte ich nicht erkennen.«

Mir erschien diese Art von Transaktionen sehr seltsam zu sein, wenn Jonathan Merthie ausschließlich legale Geschäfte tätigte.

»Hatten Sie in der Vergangenheit schon einmal Schwierigkeiten mit dem Gesetz, Mister Merthie?«

Es war der berüchtigte Schuss ins Blaue, doch Merthies Reaktion reichte als Antwort im Grunde schon aus.

»Es gab eine dumme Geschichte, Agent Cotton. Das liegt nunmehr zwei Jahre zurück, und seit dieser Zeit arbeite ich eng mit den Behörden zusammen. Genau deswegen habe ich ja gleich beim FBI angerufen, als der Rabbi mir diese Diamanten angeboten hat.«

Das erklärte, wieso der Dieb sich an Merthie gewandt hatte. Ob es tatsächlich nur diese alte Sache gewesen oder Merthie nach wie vor auch krummen Geschäften nicht abgeneigt war, das würden wir noch herausfinden. Zunächst war er unser wichtigster Zeuge, und vor allem bot Merthie uns die einmalige Gelegenheit, dem Rabbi eine Falle zu stellen.

***

Der folgende Tag begann mit einer längeren Besprechung in Mr Highs Büro. Außer Phil und mich hatte der Chef auch noch June und Blair dazu gebeten.

»Angesichts der unklaren Situation in Bezug auf die CSO möchte ich diesen Ermittlungsstrang isoliert verfolgen. Das übernehmen daher ab sofort June und Blair.«

Phil und ich hatten unsere Bedenken geäußert. Der katastrophale Zugriff im Hotel konnte unserer Auffassung nach nicht nur ein unglückliches Zusammentreffen gewesen sein, sondern hatte auch mit der Einmischung der Ermittler der CSO zu tun. Larry Dewey hatte nach der Explosion ein Verhalten an den Tag gelegt, das unser Misstrauen geweckt hatte.

»Sie und Phil konzentrieren sich auf die Ergreifung des Mannes, der von den Diamanthändlern als Rabbi bezeichnet wird. Gibt es inzwischen Erkenntnisse zur wahren Identität des Mannes?«

Am Abend zuvor hatte ich eine Anfrage an alle Behörden weltweit herausgegeben, um mehr Informationen zu diesem Meisterdieb zu erhalten.

»Es gibt diverse Fälle, in denen der Rabbi der Dieb oder Verkäufer gewesen sein kann. Verwertbare Spuren hat er allerdings bislang noch nie hinterlassen, was mehrere Fragen aufwirft.«

Phil und ich hatten darüber auf der Fahrt ins Field Office gesprochen. Noch vor der Besprechung beim Chef befragten wir unsere eigenen Experten sowie die Kollegen des NYPD.

»Ganz offensichtlich gibt es einen Dieb, der viele Jahre nahezu unsichtbar seine Taten begehen konnte. Wie war das möglich? Eine andere Frage ergibt sich aus seinem neuen Verhalten hier in New York. Wieso zeigt der Rabbi sich auf einmal und riskiert den Verlust seiner hervorragenden Tarnung?«

Eine Weile diskutierte die Runde diese Fragen, wobei wir allerdings mehr Vermutungen statt Antworten fanden.

»Wir werden dem Verkäufer mit Unterstützung von Jonathan Merthie eine Falle stellen. Mit ein wenig Glück können wir dem Rabbi heute Abend die Antworten entlocken.«

Das Treffen war für sechs Uhr am Abend angesetzt. Dann würde die Dämmerung bereits angesichts der tief hängenden Regenwolken in Dunkelheit übergegangen sein und auf den Straßen herrschte die übliche Rushhour. Beide Umstände würde der Verkäufer bewusst einkalkuliert haben, um unbemerkt auftauchen und nach dem Deal wieder verschwinden zu können. Phil und ich würden zusammen mit sechs Cops in der Ladenpassage auf ihn warten. Alle Officer würden in Zivil erscheinen, sodass der Rabbi nicht durch eine ungewöhnlich große Präsenz von Uniformierten aufgeschreckt werden konnte. Die Zeit, bis wir unsere Positionen einnehmen wollten, würden wir für die Hintergrundrecherche nutzen.

»Blair und ich durchleuchten Larry Dewey und seine Leute bei der CSO. Möglicherweise finden wir ja Hinweise, die Jerrys Annahme in Bezug auf den Zugriff am Hotel belegen.«

Mr High hatte gegen unsere Pläne keine Einwände und so machten wir uns an die Arbeit. In den folgenden Stunden erreichte uns die schreckliche Bestätigung aus dem Kriminallabor. Das im Hotelzimmer entdeckte Blut stammte zweifelsfrei von Sam Bartow, und zusammen mit dem abgetrennten Finger zerstörte es auch die restliche Hoffnung, die ich noch gehabt hatte. Phil und ich spekulierten eine Weile, warum Sam nicht auf uns gewartet hatte.

»Wir hätten unter bestimmten Umständen ganz ähnlich gehandelt, Jerry. Vermutlich sah Sam keine andere Möglichkeit und hat sein Leben riskiert.«

Innerlich leistete ich einen Schwur. Sollten entweder die CSO oder tatsächlich der Rabbi für Sam Bartows Tod verantwortlich sein, würden sie es bitter bereuen.

***

June und Blair kämpften sich bis zum frühen Nachmittag durch die Datenbanken diverser Behörden, um alle verfügbaren Informationen zur Central Selling Organisation zu erhalten. Schnell erwies sich die CSO als gegenüber neugierigen Fragen hervorragend abgeschottete Organisation. Da sich die De Beers-Gruppe diese Organisation aufgebaut hatte, standen der CSO die vielfältigen Möglichkeiten des einflussreichen Firmenimperiums zur Verfügung.

»Sobald ich unter die Oberfläche der Struktur der CSO gehen will, blockiert man mich clever ab«, beschwerte Blair sich.

June hatte diese unschöne Erfahrung auch schon mehrfach erleben dürfen und spürte eine ansteigende Wut.

»Geht mir genauso, Blair. Es wird wohl Zeit, dass wir uns persönlich bei der CSO umsehen.«

Diese Aussicht brachte Blairs Augen zum Leuchten und seine Laune stieg schlagartig an. Zehn Minuten später steuerte er den roten Dodge Nitro über die regennassen Straßen Midtowns.

»Es hat den Anschein, als wenn New York sich für Thanksgiving dieses Jahr besonders gründlich reinigen müsste.«

June musste lachen, als Blair wieder einmal seine gehässigen Bemerkungen zum wechselhaften Herbstwetter im Big Apple machte.

»Ja, ja. In New Orleans kündigt der Regen sich an, und falls es den Einwohnern der schönsten Stadt der Welt nicht passt, verflüchtigen sich die Wolken wieder.«

Blair ging auf die spöttische Bemerkung über seine Heimatstadt nicht ein, sondern schaltete einfach den höheren Gang der Wischerblätter ein. Zum Glück verfügte das Bürohochhaus, in dem die Niederlassung der CSO ihre Räumlichkeiten hatte, über eine Tiefgarage. So gelangten die beiden Agents trockenen Fußes vor den Empfangstresen, hinter der ein aufmerksamer Mitarbeiter sie begrüßte.

»Mister Dewey ist leider außer Haus, Agent Clark. Möchten Sie mit Miss Lundigran sprechen? Sie ist die Vertreterin von Mister Dewey.«

Im Grunde fand June es sogar besser, dass sie nicht mit dem ehemaligen Kollegen sprechen mussten. Ihr lag viel daran, weniger gut geschulte Mitarbeiter vor sich zu haben. Eventuell konnte sie Deweys Vertreterin leichter aus der Reserve locken, um mehr über die Arbeitsweisen der CSO zu erfahren.

Jodi Lundigran kam persönlich zum Empfangstresen und nahm die beiden Agents mit in ihr Büro. Die Stellvertreterin von Dewey war eine hochgewachsene Frau von etwa Mitte dreißig, die ihre dunkelblonden Haare kurz trug. Die hellblauen Augen gaben ihrem Gesicht eine distanzierte, kühle Note.

»Womit kann die CSO Ihnen behilflich sein, Agent Clark?«

June umriss die Vorfälle und nannte eine erforderliche Überprüfung der Zuverlässigkeit der Mitarbeiter der CSO als Grund des Besuchs.

»Ja, von dem schrecklichen Zwischenfall im Hotel hat Larry mir berichtet. Soweit ich informiert bin, leitet ein Agent Cotton von Ihrer Behörde die Ermittlungen. Dann hat er Sie also geschickt?«

June sah keinen Anlass, mit Jodi Lundigran über die Verteilung der Aufgaben innerhalb des FBI zu sprechen.

»So ist es, Miss Lundigran. Miss ist doch korrekt, oder?«

Jodi bejahte.

»Was qualifiziert Sie für diese Aufgabe, Miss Lundigran?«, schaltete Blair sich ein.

»Sagen Sie bitte einfach Jodi, Agent Duvall. Miss Lundigran klingt so förmlich.«

Blair neigte zustimmend den Kopf und schaute dann weiter fragend die blonde Frau an.

»Bevor ich zur CSO kam, war ich Agent beim ATF. Sie finden sicherlich noch meine Akte im System, Agent Duvall. Ich bin erst vor zwei Jahren aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und habe das verführerische Angebot der CSO angenommen.«

June erinnerte sich an eine Bemerkung von Jerry, der über die versuchte Anwerbung durch Larry Dewey und die gängigen Voraussetzungen für Mitarbeiter der CSO erzählt hatte.

»Dann hat man Ihnen also ein unschlagbares Angebot gemacht, Jodi? Meines Wissens nach sucht die CSO bevorzugt Ermittler, die besonders erfolgreich in ihrer Dienststelle sind.«

Ein anerkennender Blick streifte June, bevor Jodi antwortete.

»Ganz richtig erkannt, Agent Clark. Meine Erfolge als Agent bei der ATF waren ausschlaggebend.«

Blair hatte sein Notizbuch aufgeschlagen und zückte einen Kugelschreiber.

»Nennen Sie uns bitte die Namen der Mitarbeiter, die als Ermittler im Hotel eingesetzt waren.«

Der freundliche Gesichtsausdruck erlosch, als Jodi den farbigen Agent kühl musterte.