Götterdämmerung in El Paso - Rick DeMarinis - ebook

Götterdämmerung in El Paso ebook

Rick DeMarinis

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Opis

El-Paso-Homeboy J.P. Morgan will nichts mit den Eheproblemen seines exzentrischen Schriftsteller-Kumpels Luther Penrose, eines Ex-Desert-Storm-Kameraden, zu tun haben. Carla Penrose sei mit einem Mexikaner durchgebrannt, heißt es, und J.P. solle sie suchen und zur Rede stellen. Als Luther in seiner Verzweiflung Profis anheuern will, lässt sich J.P. doch noch breitschlagen, den Turteltäubchen nach Vegas zu folgen. Als ihm plötzlich Kopfgeldjäger, Texas Ranger und Nazi-Schläger auf die Füße treten, dämmert es J.P allmählich, dass es hier um mehr geht als um eine bilaterale Kopulation ... Rick DeMarinis legt nach KAPUTT IN EL PASO einen weiteren schwarzen Gesellschaftsroman vor, der Hardcore mit Metaphysik versöhnt und sich abermals der US-Grenzregion im Süden widmet, wo ein Hochsicherheitszaun gleichermaßen amerikanische Hilflosigkeit und Front markiert.

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Man konnte einen Luther Penrose nicht eben mal so »verschlingen«. Warum sollte man auch? Luthers Romane begannen allesamt mit einem Wetterbericht für ein Disneyland der düsteren Art. Mein persönlicher Spitzenreiter: Der vergrauten Unterwäsche von Göttern gleich verhüllten imposante Wolken die karneolfarbenen Hüften der sonst so zauberhaften Berge Calexicos. Alles mit Bedacht gewählt und man musste Wort für Wort lesen, um richtig was davon zu haben. Das aktuelle Werk hatte seine ganz eigene Nuance in Sachen atmosphärischer Schattenseiten des Magic-Kingdom-Vergnügungsparks: Ein wisperndes Gespinst silbrig schimmernden Nebels verschleierte den Schwarzwald und erstickte die neugeborene Sonne in ihrer aufwärtsschwebenden Sternenwiege. Luther zeigte mir stets das Manuskript, an dem er gerade arbeitete. Er wollte meine Meinung hören, aus welchem Grunde auch immer.

Unsere Freundschaft hatte sich so ergeben, befördert durch Zeit und Raum und durch ein launenhaftes Schicksal. Wir hatten gemeinsam die Schule absolviert, alle zwölf Klassen, und nach ein paar verplemperten Jahren, die geprägt gewesen waren von der Frage, was anfangen mit dem Rest des Lebens, waren wir in die Armee eingetreten, wie zwei Typen auf der Flucht, was wir irgendwie auch gewesen waren — auf der Flucht vor einer langweiligen, stinknormalen Zukunft, die am Horizont dräute.

Seinerzeit auf der Highschool war Luther gescheiter gewesen, als ihm hätte lieb sein können. Im Unterricht wusste er stets die Antwort und meldete sich in großspuriger Manier viel zu häufig, was ihm die falsche Aufmerksamkeit sicherte. In der Grundschule ein Star, bewundert von Lehrern und Schülern gleichermaßen, brachte er sich auf der Highschool mit seiner Frühreife in Gefahr. Das Spielfeld roch jetzt nach Testosteron. Luther war zwar groß, aber weder stark noch athletisch — also leichte Beute für Rowdys, die Schlauberger mitsamt ihrem Hang zu vorschnellen Antworten auf ihrer Liste hatten.

Ich wurde — weil es sich wieder so ergab — Luthers Beschützer und als solcher in ein Dutzend Prügeleien verwickelt.

Wenn ich gewann, triumphierte er. Wenn ich verlor, wurde er paranoid und orientierungslos, als wäre die letzte Bastion zwischen ihm und dem Untergang gefallen.

Nach Lage der Dinge hatten wir also eine gemeinsame Geschichte und das war schon was. Mir war ziemlich früh klar geworden, dass er sich gedanklich in anderen Bahnen bewegte. Die Armee habe ihn verändert, behauptete er. Natürlich hatte sie das. Sie hatte mich verändert. Sie hatte alle verändert, die dabei gewesen waren.

Ich hatte fünfzig Seiten des Manuskripts von Der Entfesselte Parsifal gelesen, jede einzelne strotzend vor Gleichnissen und Metaphern, die in etwa so bekömmlich waren wie verschnörkeltes Schmiedeeisen. Luther war ein Schriftsteller, der dick auftrug, und wie die meisten dieser Schriftsteller war er davon überzeugt, dass sein Werk visionär sei. (»Talent«, hatte er einmal gesagt, »besteht in der Gabe, den Nebel aus Ereignissen und Entwicklungen zu durchdringen, um die verborgenen Wahrheiten zu entdecken, die eben diese Ereignisse und Entwicklungen in Gang setzen. Als Vehikel für diese Suche bedarf es einer erhabenen Prosa von gewisser Würde.«) Luther litt nie unter einem Mangel an Selbstgefälligkeit.

Ich gab ihm die fünfzig mit Eselsohren verunzierten Seiten zurück. »Nicht sonderlich sexy für einen Liebesroman, Luther«, sagte ich, wohl wissend, wie immun er gegen jede Kritik war.

»Es ist kein Liebesroman, J.P. Es ist ein historischer Bildungsroman, basierend auf wenig bekannten Fakten im Zusammenhang mit den familiären, spirituellen und politischen Erfahrungen des Protagonisten Wagner.«

»Honus Wagner? The Flying Dutchman? Shortstop der Pittsburgh Pirates und Mitglied der Hall of Fame?«

»Nein, Klugscheißer. Richard Wagner vom Ring der Nibelungen.«

»Klingt ungeheuer romantisch«, sagte ich.

Luther — einsfünfundachtzig groß, Gewicht: hundertfünfzig Kilo — quälte sich aus seinem Lehnsessel. Gretchen, seine fünfzehn Kilo schwere Manx-Katze, sprang mit theatralischem Gejaule von seinem Schoß.

»Du gibst der Katze zu viel zu fressen«, bemerkte ich.

»Jetzt bist du also Tierarzt und Literaturkritiker in einem?«

»Ich weise nur auf Offensichtliches hin«, erwiderte ich.

»Das ist typisch für dich, J.P. Du meinst, alles sei offensichtlich. Dein Realitätsbegriff ist ziemlich eingeschränkt. Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als deine Schulweisheit sich träumt, mein Freund.«

»Walt Disney?«, fragte ich.

»Shakespeare, du Depp. Du solltest irgendwann einmal versuchen, die Klassiker zu lesen, um dein Denkvermögen zu steigern. Die Belohnung dafür ist über alle Maßen zufriedenstellend.«

»Ich lese deine Sachen, Luther.«

»Nicht sehr aufmerksam, wie mir scheint. Hol dir ein Bier.«

In seinem Kühlschrank stand viel Bier und wenig anderes. Ich schnappte mir einen Sechserpack und ging damit zurück ins Wohnzimmer, wo ich Zeuge wurde, wie Luther mit der Behutsamkeit eines Neurochirurgen beim Entfernen eines Hirntumors eine Schallplatte aus ihrer Hülle nahm, Götterdämmerung, aufgenommen 1958 in der Metropolitan Opera. Er legte die Platte auf seinen geliebten 1963er Marantz und richtete den ausbalancierten Tonarm so aus, dass der Diamant das gerillte Vinyl mit dem Druck einer Eiderdaune berührte.

Luther war kein Anhänger moderner Technologie. Er schrieb seine Romane auf einer kompakten Underwood Standard von 1926, einer schwarz glänzenden Schreibmaschine, die einer zwölf Meter langen Slup als Anker hätte dienen können, und in seiner Musiksammlung gab es nur Vinylscheiben.

»Danke, ich bleibe bei der analogen Tonwiedergabe«, hatte er einmal zu mir gesagt. »Die digitale Aufzeichnung entstellt das Gefüge der diatonischen Tonleiter. Den meisten Menschen fällt es nicht auf, aber mein Gehör ist hypersensibel. Ich erkenne diese minimalen intradigitalen Auslassungen. Das ist eine meiner Anlagen.«

Er besaß noch andere Anlagen. So reagierte er ebenso hypersensibel auf alle Spielereien der Mikrochip-Technologie. Auf Mobiltelefone, Palm Pilots, iPods und iPhones, Digitalkameras und Navigationssysteme (»Was zum Teufel ist so schlecht am McNally Road Atlas?«) antwortete er mit dem Zorn eines verschrobenen Maschinenstürmers. Diese Geräte seien der Beweis, dass die Welt von satanischen Kräften übernommen worden sei, deren Lakaien, verhärmte Nerds, sich eines Technosprechs bedienten, den niemand verstehe.

»Unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung will man uns miteinander verdrahten«, behauptete er, »uns sozusagen an die Leine legen und per Knopfdruck beherrschen. Irgendwann kannst du dich nicht mehr entleeren, ohne dass das Ergebnis durch Homeland Security umgehend auf Rückstände von Baba Ghannuoj und anderen Lieblingsspeisen Osamas untersucht wird. Die Japaner haben bereits mit Mikrochips versehene Funktoiletten, die in der Lage sind, anomale Darmtätigkeiten an eine zentrale medizinische Behörde weiterzuleiten, die per Gesetz ermächtigt ist, deine Diät und deine Medikation zu ändern. Rückstände illegaler Substanzen in der Kloschüssel? Du hörst Interpol an deine Tür klopfen, noch bevor du die Hosen hoch hast.«

Luthers kreatives paranoides Denken tendierte dazu, außer Kontrolle zu geraten. Er rauchte Unmengen von pantopongetränktem Gras, um seinen schöpferischen Verstand zu beruhigen und auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Er hielt sich für einen Pionier des medizinischen Gebrauchs von Marihuana.

Die dramatischen Soprane kreischten und die kräftigen Männerstimmen bellten. Das Haus erzitterte unter der Wucht analog wiedergegebener High-Fidelity-Donnerschläge.

Ich musste daran denken, was einst Mark Twain über Wagner gesagt haben soll: »Wagners Musik ist besser, als sie klingt.«

Luther, der sich inzwischen wieder in seinem Sessel fläzte, hatte unsere Unterhaltung auf Eis gelegt. Mit verklärtem, auf die mit Mythen behaftete Vergangenheit gerichtetem Blick summte er die Melodie vor sich hin. Zugleich ließ er seine dicken Finger im Takt Wagner’scher Opulenz auf der mit Leder bezogenen Sessellehne tanzen.

Irgendwann holte er eine Kiste Zigarren und eine Dose mit Utensilien unter dem Sessel hervor. Es waren teure Zigarren, Arturo Fuente Hemingways. Er ließ seine Nase an einer entlanggleiten, schnupperte und beschnitt die Zigarre mit einem Zigarrenschneider; anschließend bohrte er mit einem Federmesser eine Höhlung hinein. In die nunmehr geschändete Zigarre wurde Sinsemilla gestopft, jungfräuliche Blüten mit hohem THC-Gehalt, auf der Hochebene von Chihuahua gezüchtet und tagtäglich per LKW in die Stadt verfrachtet. Die Cops nannten es das »Milchmann-Prinzip«. Symbolische Razzien, die zuweilen an der Grenzstation durchgeführt wurden, hielten alle bei Laune. Luther bezeichnete diesen dunklen Zeppelin als seinen »Superjoint«.

Er paffte kräftig und eindrucksvoll und behielt den Rauch im Mund, bevor er ihn langsam wieder entließ. Auf seinem Gesicht zeigte sich ein Grinsen der Befriedigung. Ein paar Kringel seines gelockten blonden Haares klebten an seiner Stirn: Er sah aus wie ein hedonistischer Römer, der sich nach einem Besuch der latrina erfrischt fühlte.

»Hui, scheiße, ist das gut«, sagte er.

»Verdammt gut«, fügte er hinzu und schnappte ein wenig nach Luft.

Er bot mir keinen Zug an, was mir sehr gelegen kam. Als ich vor zehn Jahren das letzte Mal la mota geraucht hatte, war ich mit dem Auto in einem tiefen Bewässerungsgraben gelandet und wäre beinahe ertrunken.

Luther paffte den aufgepeppten Stumpen mit der Gleichgültigkeit des reichen Mannes gegenüber Verschwendung. Diese Form von Gleichgültigkeit brachte er vielen Dingen entgegen.

Die Musik bewegte sich furios auf ihren Höhepunkt aus Blitz und Donnerschlag zu. Vor meinem geistigen Auge sah ich das irre Bild einer Gruppe Nashörner, die es in einem Teehaus miteinander trieben. Thors Hammer fiel — oder Wotans? —, die Wände des Teehauses stürzten ein und die Nashörner polterten in die nichts ahnende Umgebung.

Luther begleitete das Heulen der Soprane mit seiner rauen Stimme, die lediglich über einen unsicheren Ton verfügte. Das war kein Singen, das war inspiriertes Bellen.

Das ging eine Zeit lang so weiter. Ich nahm mir eine Zeitschrift. »Haben Grenzen eine Bedeutung?«, lautete der Titel eines Artikels. Der Autor war sich dessen nicht sicher. Untertitel: »Eine willkürlich gezogene Linie im Sand.« Ein Foto von dunkelhäutigen Männern mit Strohhüten ergänzte den Beitrag. Die Männer waren in Handschellen und wurden von USCIS-Agenten (ehedem INS, egal, auf jeden Fall Agenten von la migra) in einen Bus verfrachtet. Das Foto war wenig schmeichelhaft für die USCIS-Leute: Sie sahen aus wie dickbäuchige SA-Männer, die sich vor den kleinen dunkelhäutigen Männern aufbauten, die in Gewahrsam genommen werden sollten.

Luther hatte mich früher am Tag angerufen: »Mein Leben ist ein heilloses Durcheinander, J.P. Hilf mir, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, okay, Kumpel?«

»Man könnte dein Leben durchaus als privilegiert bezeichnen«, hatte ich daraufhin erwidert.

»Gerade jetzt brauchte ich dein Mitgefühl, J.P.«, sagte er. »Sarkasmus hilft mir nicht weiter. Bitte, komm her.«

Als ich das dritte Bier intus hatte, war Luthers Stimmung im Keller. Die Musik hatte ihre Wirkung auf ihn eingebüßt. Seine von Sinsemilla gesponserte Reise in die Wagner’sche Welt der Mythen war zu Ende. Unter unverständlichem Gemurmel zerdrückte er den Stummel in einem Aschenbecher. Alfredo Fuente Hemingways kosteten etwa zweihundert Dollar die Kiste, doch Luther behandelte sie wie mexikanische Zigaretten.

Er stand ächzend von seinem Sessel auf. »Lass uns hier verschwinden, J.P.«, sagte er, hob den Tonarm und entfernte den Diamanten aus dem Vinyl-Walhall. Er steckte die Platte zurück in die Hülle. »Ich muss mit dir über eine ernste Angelegenheit sprechen.«

»Geht es um den Roman über Honus Wagner? Um den Helden mit einem Schlagdurchschnitt von .327? Der sogar in der Deadball-Ära über hundert Homeruns schlug?«

»Richard Wagner, gottverdammt! Und nein, es geht nicht um den Roman. Ich habe dich gebeten, herzukommen, weil mein Leben im Arsch ist.«

Wir fuhren zu Sergio’s, in Luthers restauriertem 1941er Packard Clipper, einem Juwel in Eierschalengelb mit makellosen Chromteilen und breiten Weißwandreifen. Niemals würde Luther einen Wagen fahren, der nach 1970 gefertigt worden war. Er besaß noch einen 1951er Hudson Hornet, einen 1946er Studebaker Champion und das erste echte Muscle-Car, einen 1964er GTO, entwickelt von John DeLorean. Alle liefen perfekt, auch ohne Hilfe von Mikrochips. Luther kaufte die Autos von Restauratoren, die Preise nahmen, für die man einen neuen Mercedes hätte bekommen können.

Sergio’s war eine Taqueria an der Montana Avenue, direkt hinter dem Fiesta, einem Autokino für Triple-X-Pornos. Luther mochte Sergio’s wegen seines Retro-Stils — kein Fernseher, kein nerviges Neonlicht und alle Speisen wurden in reinem Schmalz gebraten. Sergio hatte noch nie etwas von Trans-Fetten oder Cholesterin gehört. Abgesehen von ein paar abgeschlafften Transvestiten war der Laden leer.

»Ich werde sie verlassen«, sagte Luther. »Sie lässt mir keine andere Wahl.«

»Wer lässt dir keine andere Wahl?«

»Herrgott noch mal, Mann! Wer wohl? Wen verlässt man, wenn man sagt, man verlässt jemanden?«

»Carla? Du willst die einzige Frau auf diesem Planeten verlassen, die es mit dir aushält?«

»Das genau waren meine Worte, oder?«

»Das wäre ein Riesenfehler, alter Junge.«

Carla, Dozentin für Lateinamerikanische Studien beim hiesigen Ableger der Universität von Texas, war schlichtweg beeindruckend — klug, voller Idealismus, eine leidenschaftliche Aktivistin, die sich ehrenamtlich für die Belange mexikanischer Illegaler einsetzte, die, nachdem sie den Rio Grande überquert hatten, geschnappt worden waren. Sie stand kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion und hatte Aussicht auf eine Festanstellung an ihrem Institut. Dennoch war sie ein Mensch mit Bodenhaftung. Sie hatte Spaß an den Vergnügen der einfachen Leute und sprach deren Sprache. Carla war eine Aristokratin mit Schwielen an den Händen.

Gemessen am gängigen Schönheitsideal, war sie nicht schön, nicht einmal hübsch. Vielleicht lag es an ihrem Gesichtsausdruck: immer ernst, immer konzentriert, immer im Dienst der Sache. Ihr Blick war nicht auffordernd, sondern herausfordernd. Sie konnte moralische Postulate formulieren, ohne ein Wort zu sagen.

Sie blieb im Gedächtnis haften. Und sie war, seltsamerweise, begehrenswert. Eigentlich würde man sie kein zweites Mal anschauen. Tat man es dennoch, ertappte man sich am nächsten Tag dabei, wie man an sie dachte, wenn man sich und seiner aufgestauten Libido Erleichterung verschaffte. Ich denke, dass sie diese Wirkung auf eine Menge Männer hatte, die meinten, ihre Leidenschaft in politischen Dingen sei etwas, was sich mir nichts, dir nichts aufs Bett übertragen lasse. Sie hatte einen Heiligenschein verdient dafür, dass sie Luther so lange ertragen hatte. Wie sie überhaupt mit ihm zusammengekommen war, zählt zu den wundersamen Geheimnissen des Lebens.

»Sie vögelt mit irgendeinem Schwein, dem unsere Beziehung vollkommen egal ist«, sagte Luther. Sein feistes, faltenloses Gesicht verdüsterte sich angesichts der Ungerechtigkeiten, die zu seinem Los geworden waren. Er sah aus wie ein bockiges Kind.

Vor sechzehn Jahren hatte man ihn aus der Armee geworfen, weil er einen Lieutenant Colonel beleidigt hatte, mitten in der saudischen Wüste. »Sieg Heil, mein Herr!«, hatte er zu dem Offizier gesagt und den Arm zu einem forschen Hitler-Gruß gehoben. Dabei hatte er zu dicht vor dem Offizier gestanden und ihm mit seinem zackigen »Sieg Heil« die Mütze vom Kopf geholt. Der Lieutenant Colonel hatte ihm befohlen, sich zwecks Milzbrand-Impfung im Sanizelt zu melden, was Luther verweigerte. Dieser Kokolores brachte ihm vor dem Militärgericht eine Verurteilung nach Artikel 15 ein plus Aufenthalt im Militärgefängnis. Als er die notwendige Impfung weiterhin verweigerte, bekam Luther noch mehr aufgebrummt und wurde anschließend wegen schlechter Führung entlassen, was man jedoch zu einem »Section 8« herabstufte. »Section 8« war gerechtfertigt: Luthers Psyche war mehr als nur ein wenig instabil. Sie schickten ihn als behandlungsbedürftigen Zombie zurück in die Heimat. Nachdem er, die »Section-8«-Papiere in der Hand, das Walter-Reed-Militärhospital verlassen durfte, schloss er sich jeder Antikriegsgruppe an, die er finden konnte. Seine Art, es der Armee heimzuzahlen.

Er lebte auf dem Anwesen seines verstorbenen Vaters, in einem alten Haus mit zwölf Zimmern und Wasserspeiern in den Säulen des Portikus. Durch Vernachlässigung war das Haus dem Verfall anheimgegeben und der Garten der Natur überlassen worden. Für die Kinder aus der Nachbarschaft war es ein Spukhaus, in dem ein Geist wohnte. So ganz falsch lagen sie damit nicht. Tagtäglich rannten sie auf ihrem Schulweg an Luthers Haus vorbei, voller Grusel vor den eingebildeten Gespenstern.

Bisweilen unternahm Luther den Versuch, das alte Anwesen auf Vordermann zu bringen. In Reithosen, mit Tropenhelm und Gummistiefeln, dazu eine Reitpeitsche, die er wichtigtuerisch auf seiner Handfläche tanzen ließ, gab Luther den padrón gegenüber armen Schluckern aus Mexiko, die in der Hoffnung auf ein wenig Lohn den Fluss überquert hatten — eine Rolle, in der sich Luther sehr gefiel, zu sehr. Er bewaffnete die Mexikaner mit Rasenmähern, Hacken und Rechen und jagte sie in das Dickicht aus Besenkorn und breitblättrigem Unkraut vor seinem Haus. Bei Sonnenuntergang drückte er jedem zehn Dollar in die Hand. War Carla da, sorgte sie dafür, dass die Männer zu essen bekamen und Luther ihnen das Doppelte zahlte.

»Carla ist treu wie Gold«, sagte ich. »Sie betrügt dich auf keinen Fall, Luther.«

»Du weißt nicht, wovon du sprichst. Du hast überhaupt keine Ahnung.«

Einleuchtend war es schon. Angesichts seiner momentanen Verfassung konnte ich mir nicht vorstellen, dass es eine Frau länger als ein Jahr mit ihm aushielte. Carla, die noch dazu zehn Jahre jünger war als Luther, hatte fast acht Jahre durchgehalten. Hätte sie jetzt eine Affäre, wäre das längst überfällig.

»Worüber willst du dann reden?«, fragte ich. »Offensichtlich hast du dich bereits entschieden.«

»Das ist nicht so einfach. Eine Scheidung ist für mich keine Kleinigkeit. Wie du weißt, wurde ich katholisch erzogen. Bevor ich aktiv werde, gibt es noch eine Menge zu bedenken. Das kannst du doch verstehen, oder?«

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst schon?! Mach aus meinen Problemen keine Bagatelle, J.P. Ich habe den Kopf voll. Ich würde es begrüßen, wenn du das verstehst — sofern das überhaupt möglich ist.«

Luther nahm sich selbst sehr ernst. Er betrachtete das als legitim, seit er endlich einen Roman veröffentlicht hatte und somit ein seriöser Autor war. Das Foto auf der Rückseite des Einbandes zeigte einen zutiefst nachdenklichen Luther. Das Kinn in die Hand gestützt, die umwölkte Stirn distinguiert in Falten gelegt und die Augen auf etwas hinter der Kamera gerichtet: Hier war ein Mann mit einer gefährlichen Vision, die tauglich war, das Wertesystem zu untergraben, wonach die Menschen lebten. Wenn man ihn nicht kannte, hätte man meinen können, den jungen Kerouac zu sehen, der mit Hemingway-Stahl gehärtet worden war. Und diese Pose nahm er jetzt ein, als er meinen Charakter analysierte.

Sein Roman, eine sechshundert Seiten starke Familiensaga mit dem Titel Ich bin Pedro Morales, umfasste das gesamte zwanzigste Jahrhundert und unternahm zudem Ausflüge ins neunzehnte und einundzwanzigste Jahrhundert. Er begann mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und endete mit den Drogenkriegen der Gegenwart. Herausgekommen war er als Taschenbuch bei einem kleinen Verlag in Nebraska, der kurz nach der Veröffentlichung pleitegegangen war. Luther trug stets ein zerlesenes Exemplar mit sich herum und las laut daraus vor, wann immer eine Unterhaltung ins Stocken geriet. Da ich genau das befürchtete, sprach ich weiter.

»Ich meine, natürlich verstehe ich das, vollkommen sogar. Ich bezweifle nur, dass Carla mit jemandem vögelt. Das passt nicht zu ihr.«

»Ich möchte, dass du sie überwachst, J.P. Finde heraus, wer dieser Hurensohn ist. Mach Fotos. Ich brauche handfeste Beweise, wenn ich zu meinem Anwalt gehe.«

»Das ist nicht mein Ding. Und ganz nebenbei, was Treue betrifft, bist du wahrlich kein Waisenknabe.«

Vor einigen Jahren hatte er eine Geliebte in Las Cruces, eine Kellnerin, die Kette rauchte, drei Kinder hatte, aber keinen Ehemann. Luther zeigte sich spendabel und gab ihr Geld, wann immer sie ihn darum bat, was ziemlich oft vorkam. Sie wurde süchtig danach. Als er ihr den Laufpass gab, bekam sie Entzugserscheinungen und flippte aus. Sie verlangte, dass er sich scheiden lasse und sie heirate, andernfalls — so ihre Drohung — werde sie ihn wegen Liebesentzugs verklagen. Als der Effekt ausblieb, brachte sie ihren Bruder Marky »Crippler« Monzón ins Spiel, einen ehemaligen Profiwrestler. »Marky weiß, wie man jemand in null Komma nichts zu einem sabbernden Etwas zusammenfaltet«, tönte sie. »Wenn Marky mit dir fertig ist, sitzt du in deiner alten Scheiße, atmest durch ein Loch im Hals und siehst zu, wie auf deinem toten Schwanz der Eichelkäse blüht.« Um sie loszuwerden, gab ihr Luther fünfzehntausend Dollar und einen Oldtimer, einen Cadillac Coupe de Ville.

»Bei Männern ist das was anderes«, sagte Luther. »Kein amouröses Intermezzo hatte für mich je eine Bedeutung. Aber wenn eine Frau fremdgeht, bedeutet das etwas. Meine Güte, ist dir das völlig neu? Oder fällst du auf diesen New-Age-Blödsinn rein, wonach Frauen die gleichen sexuellen Freiheiten haben wie Männer?«

»In den Gelben Seiten wirst du fündig, wenn du nach einem schmierigen Schnüffler suchst, der für dich die Drecksarbeit macht, Luther«, hielt ich ihm entgegen. »Dafür brauchst du mich nicht.«

Er nippte an seinem Bier und seine blassblauen Augen fixierten mich über den Rand des Glases hinweg. »Ich möchte, dass du das machst, weil du mein Freund bist«, sagte er. »Ich möchte nicht, dass ein Fremder Carla observiert. Ich liebe sie immer noch, verdammt noch mal. Ich will nicht, dass irgendein voyeuristisches Arschloch sie dabei fotografiert, wie sie diesem Mistkerl in einer billigen Absteige einen bläst. Ich will, dass du das machst.«

»Mein Job sind Versicherungsangelegenheiten, keine familiären Geschichten. Und überhaupt … ich bin viel zu beschäftigt, um deine Frau quer durch die Stadt zu verfolgen.«

In Wirklichkeit hatte ich überhaupt nichts zu tun. Sundown Fidelity hatte mich ausgemustert, zugunsten einer Firma von der Westküste, deren Ermittler allesamt Juraexamen hatten und Anzüge von Hart Schaffner Marx trugen. Während meiner sechs Jahre als fest angestellter Ermittler hatte ich Sundown durch das Aufdecken vorgetäuschter Versicherungsfälle Erstattungen in Höhe von zirka dreißig Millionen Dollar erspart, doch irgendwie fiel das nicht ins Gewicht. Sie gingen den Schlagworten der Westküsten-Bude auf den Leim: mehr Ressourcen, mehr Flexibilität, globale Datenbanken, diverse Ermittler etc. pp. Und ihnen gefielen die Anzüge. Ich lieferte keine Schlagworte, sondern Ergebnisse und meine besten Klamotten beschränkten sich auf eine gebügelte Levi’s, Stiefel aus Straußenleder und mexikanische Hochzeitshemden — locker sitzende Guayaberas, die ich stets im Dutzend in Juárez kaufe.

»Du willst, dass ich drum bettle?«, fragte Luther. »In Ordnung, bettle ich eben, J.P. Ich flehe dich auf Knien an. Bitte. Ich drehe noch durch. Ich muss es wissen.«

»Ich melde mich bei dir.«

»Sag nicht so was. Ich höre nie wieder etwas von Leuten, die das sagen.«

»Ich muss drüber nachdenken, Luther.«

»Denk mal über Folgendes nach: Ich habe so viel Geld, dass es mir aus dem Arsch quillt! Ich musste mich von meinen El-Paso-Pipeline-Aktien trennen, weil ich zu viel Steuern gezahlt habe. Ich kann es gar nicht so schnell ausgeben, wie es sich vermehrt, Herrgott noch mal! Was hältst du davon, wenn ich dir fünfhundert plus Spesen pro Tag zahle?«

Für hiesige Verhältnisse war Luther reich. Sein Geld steckte in Aktien, Bonds, Treuhandfonds, Immobilien und Rentenpapieren, alles ererbt von Big Bill Penrose, seinem Vater. Luther musste nicht arbeiten, selbst wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Er verbrachte seine Zeit mit Kiffen, Wagner und seiner alten Underwood, auf der er seine Romane tippte. Big Bill Penrose, der dreißig Jahre Bezirksrichter gewesen war, hatte ein Vermögen angehäuft. Es war allgemein bekannt, dass er sich Gefälligkeiten hatte bezahlen lassen und nie eine mordida, ein Schmiergeld, abgelehnt hatte. Der Richter hatte stets die Hand ausgestreckt, und zwar nicht nur zur Begrüßung.

»Ich will kein Geld von dir, Luther. Nicht für diese Arbeit, selbst wenn ich bereit wäre, sie zu tun. Aber egal, denn wie ich bereits gesagt habe, meine Zeit ist knapp.«

Seine Lippen — die Lippen eines Cherubs — verzogen sich zu einem Lächeln, das in seiner Servilität noch mehr an die Nerven ging als sein Stirnrunzeln. »Du hast mehr Zeit als alles andere. Zufällig weiß ich das. Zufällig weiß ich auch, dass ich ein ganz schöner Mistkerl sein kann. Einen Freund wie dich habe ich gar nicht verdient.«

Oder eine Frau wie Carla, dachte ich.

Schlagartig setzte er eine bekümmerte Miene auf und quetschte zwei Krokodilstränen aus seinen berechnenden Augen.

»Ich denke drüber nach, Luther«, sagte ich.

»Das ist das Mindeste, was du tun kannst. Du schuldest mir was, Kumpel.«

2

Schulden? Ich hatte ihn wochenlang nicht gesehen. Was hatte ich ihm denn zu verdanken?

Wenn überhaupt, hatte er mir etwas zu verdanken: ein Leben voller Gefälligkeiten. Ich brauchte Geld. Meine Rücklagen lösten sich allmählich in Wohlgefallen auf. Aber ich hatte mir nie etwas von Luther geliehen. Vielleicht betrachtete er unsere Freundschaft als etwas, was seinem Charakter nach auf moralischen Schuldscheinen basierte.

Loyalität. Vermutlich meinte er das. Man schuldet seinen Freunden Loyalität. Das ist die Definition von Freundschaft.

Ehefrauen hingegen verlangen mehr als Loyalität. Kat, meine Frau, hatte entschieden, dass eine Partnerschaft mit einem Mann ohne Ehrgeiz für sie nicht infrage komme.

»Ich sehe keine Zukunft mit dir«, sagte sie, »weil du für dich keine Zukunft siehst.« Sie sagte es ohne Feindseligkeit und ohne mich zu verurteilen. Sie liebte mich, konnte aber ihr Leben nicht mit mir vergeuden. Es war eine einfache Bestandsaufnahme unserer zwei Jahre unter ein und demselben Dach. »Verflucht noch mal, in dir brennt kein Feuer, J.P.«, sagte sie. »Du willst nichts. Dein Leben verläuft in der Gegenwartsform. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Kein Ziel. Keinen Grund für Veränderung.«

Das hatte gesessen, doch sie lag richtig. Ich war ohne Ehrgeiz und wenig erpicht aufs Hamsterrad. Ich hatte erlebt, was es mit meinem Vater gemacht hatte, der mit vierundvierzig einer verschlissenen Segelklappe wegen gestorben war. Ein erfolgreicher Mann, wenn man so wollte — ein Mann mit drei Autos der neuesten Bauart, einer Hütte im Süden New Mexicos, einem Haus im Hacienda-Stil in El Pasos Upper Valley und den gebeugten Schultern eines Menschen, der zweiundzwanzig Jahre lang gegen die Wucht eines finanziellen Tsunamis angekämpft hatte. Zweiundzwanzig Jahre hindurch Leuten Versicherungen aufschwatzen, die sie sich nicht leisten konnten. Stets spät nach Hause kommen, ein paar Bissen vom Abendessen mit einem Glas Bourbon hinunterspülen, weil man zu müde ist und zu gereizt, um in Ruhe essen und richtig entspannen zu können. Ein Anblick, den ich immer vor Augen habe: ein teilnahmsloses, graues Gesicht, verhärmt und vor der Zeit gealtert. Er starb am Küchentisch eines arbeitslosen Schmelzers namens Gabriel Ruiz, mitten im Versuch, Ruiz und seiner Frau eine Lebensversicherung mit zusätzlicher Unfall-Klausel schmackhaft zu machen, eine Police, die sie sich buchstäblich vom Munde hätten absparen müssen. Er sackte tot zusammen, fiel mit dem Gesicht nach vorn in den aufgeschlagenen Aktenordner, zu einem Zeitpunkt, als Mr. und Mrs. Ruiz begannen, sich für die Sache zu erwärmen.

Meine Eltern, Jim und Velma Morgan, waren anständige, hart arbeitende West-Texaner, die sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschten. Sie nannten meine ältere Schwester »Aida« — nicht weil sie Opernfreunde waren, sondern weil sie wie viele Abkömmlinge der Arbeiterklasse einen starken Hang zum Exotischen hatten. Ein Mädchen mit dem Namen Aida, so meinten sie, könne dem gewöhnlichen Leben einer Hausfrau und dem damit verbundenen Stumpfsinn entkommen.

Ich wurde als J.P. in die Gesellschaft eingeführt. Nicht als John Pierpoint, so wie im Falle des Bankers und Eisenbahntycoons, nein, lediglich mit den wurzellosen Initialen J.P. Mein Vater glaubte, allein diese berühmten Initialen besäßen schon Kraft, seien zwei Magnete, die den Wohlstand anzögen. Er war enttäuscht, als ich nach der Armee aufs College ging und Englisch und Geschichte als Hauptfächer belegte anstelle von Betriebswirtschaftslehre. (»Was willst du mit einem Abschluss in Englisch? Lesen? Was will jemand mit Geschichte, wenn er keine Zukunft hat? Für Frauen mag das angehen« — eine Anspielung auf Velma, die dreißig Jahre Englisch an einer Highschool unterrichtet hatte — »aber nicht für Männer, die vorwärtskommen müssen.«)

Mit neunzehn heiratete Aida einen Feuerwehrmann aus San Antonio, der sie immer dann verprügelte, wenn die Schuldgefühle wegen seiner außerehelichen Affären in alkoholgetränkte Selbstgerechtigkeit umschlugen. Aida hat sechs Kinder und sieht mit vierzig aus wie fünfzig. Inzwischen hat der Feuerwehrmann sie wegen einer neunzehnjährigen Kosmetikerin verlassen. Er hat mit einem Teenager noch mal von vorn angefangen, vermutlich in der Hoffnung, dass der zweite Anlauf mehr Erfolg bringt.

Nach einem Gastspiel als Cop in El Paso wurde J.P., der Mann ohne Namen, Versicherungsdetektiv. Er war oft mit der Miete im Rückstand genauso wie mit seinen Kreditkartenzahlungen. Aber er war zufrieden mit dem Status quo. Das war das Einzige, worauf er sich verlassen konnte.

An der Trennung hatte ich richtig lange zu knabbern, aber ich hatte Kat nie übelgenommen, dass sie das Weite gesucht hatte. Jetzt, wo sie mit jemandem verheiratet ist, der eine Zukunft hat, schickt sie mir Geburtstagskarten, Weihnachtsgrüße und ruft hin und wieder an, um sich zu vergewissern, ob ich weiterhin sicher Kurs halte auf Nirgendwo.

Ich liebe sie noch immer oder vielmehr die Erinnerung an sie. Aber Erinnerungen sind unzuverlässig — es sind Zerrspiegel, in die wir blicken, um zu rechtfertigen, was aus uns geworden ist. Wie dem auch sei, keine Beziehung zu einer anderen Frau konnte bisher mit den Erinnerungen an Kat mithalten.

Ich hatte gerade eine zweimonatige Affäre mit einer Mary-Kay-Vertreterin namens Fayth LoBello beendet. Sie war mit Phil verheiratet, einem passiv-aggressiv gestörten Bauingenieur, der zwar einen Verdacht gehegt, sich aber nie beklagt hatte. Dieses stille Vor-sich-hin-Leiden war seine Strategie in Sachen Vergeltung.

Fayth holte mich immer in ihrem pinkfarbenen El Dorado ab, um für einen kurzweiligen Nachmittag in ihre umzäunte Wohnanlage im Mesilla Valley zu fahren. Vorsichtig waren wir nie. Eines Tages kam Phil früher von einer Baustelle nach Hause, die, nachdem man die halbe Belegschaft festgenommen und anschließend zurück nach Juárez geschickt hatte, geschlossen worden war. Phil erwischte uns beim vergnüglichen Treiben im Swimmingpool. Nachdem wir uns angezogen hatten, fanden wir ihn in der Küche. Er hatte den Lauf einer .44er im Mund. Sein vorwurfsvoller Blick, der meinem über die schwere Waffe hinweg begegnete, spiegelte Wehmut und Selbsthass wider. »Hey, Phil«, sagte ich, bemüht, unbefangen und freundlich zu erscheinen. Er blinzelte mir zu. Ich zuckte mit den Schultern. Wir verstanden einander.

Fayth fuhr mich nach Hause. Den an blauem Stahl nuckelnden Phil ließen wir in der Küche zurück. Er hatte den Abzug nicht gedrückt, dennoch fühlte ich mich mies. Sie versicherte mir, dass dramatische Drohgebärden typisch seien für ihren Mann, er sie aber nie in die Tat umsetzen werde. Doch ich glaubte Phil, nicht Fayth. Den Abzug zu betätigen, dazu bedurfte es lediglich eines Impulses. Nach genügend Anläufen wäre Phil willens und in der Lage, sein Hirn in der Küche zu verteilen.

Auf dem Weg zu meinem Apartment lieferte Fayth noch eine Packung Anti-Aging-Creme bei einer Kundin aus dem Upper Valley ab. Wir wechselten kein Wort miteinander. Es gab nichts zu sagen. Wir hatten unseren Spaß gehabt, doch jetzt war der Spaß vorbei. Wir sammelten unsere Murmeln ein und würden nach anderen Spielkameraden Ausschau halten. Ich hatte gegen die wichtigste Regel für männliche Singles verstoßen: Finger weg von verheirateten Frauen — egal, wie einsam oder scharf man selber ist, egal, wie nötig sie es zu haben und wie unkompliziert sie zu sein scheinen.

Mein Apartment lag in Sunset Heights, dem historischen Viertel von El Paso, und von meinen nach Süden gehenden Fenstern aus hatte man einen Blick über die staubige Prärie westlich von Juárez.

Hunderte von Kilometern Wüste, und zwar in allen Himmelsrichtungen, trennen El Paso vom DurchschnittsAmerika. Diese Trennung ist nicht nur eine Frage der Entfernung. Seit ihren Anfängen am Ende des sechzehnten Jahrhunderts lebt die Stadt ihren eigenen Takt. Sie ist ein Stück Amerika, das an seinem weniger scharfen Tempo festhält. Man stelle sich die Stadt als amerikanische Zivilisation im Rückwärtsgang vor. Dabei macht sie einen durchaus modernen Eindruck — Autobahnen, die üblichen Bauten aus Glas und Stahl, die üblichen Einkaufszentren, die üblichen Aktentaschenträger in Tausenddollaranzügen und mit dem gewissen Fluidum, der Mischung aus Vitalität und Zielstrebigkeit —, doch tief im Innern ihres poetischen Herzens hält sie das geheime Verlangen wach, diesen Motor der Geschäftigkeit zu drosseln. Es ist eine arme Stadt mit einer Arbeitslosenquote von konstant zehn Prozent, dem Doppelten des landesweiten Durchschnitts, doch Menschen ohne Ambitionen fühlen sich hier wohl. Mein Vater schwamm gegen den Strom und das brachte ihn um.

Kat stammt aus Chicago und konnte den Zeitgeist El Pasos nicht verstehen. Es geht nicht darum, ihn zu verstehen, es geht darum, ihn zu erfahren. Ich konnte es ihr nur so erklären: »Es ist meine Stadt, so sind wir nun mal. Ich kann nicht anders sein.«

»Diese Stadt ist verrückt«, sagte Kat einmal. »An der Oberfläche ist alles heiter und gelassen, doch der Schein trügt. Es ist nichts weiter als ein geordnetes Chaos.«

Das musste ich erst einmal sacken lassen.

»Eine Feststellung, die auf den größten Teil der Welt zutrifft, oder?«, erwiderte ich schließlich.

Woher du kommst und was dir dort widerfahren ist, macht dich aus. Die Stadt, die Wüste, der Fluss und die gelbbraunen Franklin Mountains, die die Stadt in zwei Hälften teilen — das alles prägt dich von der Wiege bis zum Grab. Du führst dein Leben nach den vom Wind herübergetragenen Klängen der Guitarróns und Vihuelas der Mariachi-Bands. Wenn ich behauptete, die Stadt zu lieben, entspräche das nicht den Tatsachen. Ich bin die Stadt: geordnetes Chaos. Das bin ich.

Nicht dass hier keine Menschen lebten, die auf legale oder andere Weise zu Geld kommen wollen. Es gibt hier jede Menge Kriminalität. Abgesehen von den gelegentlichen Schusswechseln zwischen Mitgliedern einzelner Gangs ist das Wenigste von Gewalt geprägt. Da kann schon mal eine verirrte Kugel in einem Garten landen oder von einem Auto abprallen. Auf dem Parkplatz eines Olive-Garden-Restaurants im Osten der Stadt regnete es einmal Kugeln vom Himmel, nur wenige Meter von Kat und mir entfernt — eine wahre Salve, abgegeben in einem ganz in der Nähe gelegenen Viertel. Nebeneffekt einer Auseinandersetzung zwischen Gangs. Doch die Profis unter den Ganoven sind in der Regel entspannt und ziemlich überzeugt, nicht zu den bösen Jungs zu gehören.

Bei meinem letzten Fall, einem Auffahrunfall mit den üblichen Schleudertraumen, gab der Fahrer zu, dass es sich um eine Inszenierung gehandelt habe, nachdem ich ihm einige offenkundige Ungereimtheiten in seiner Geschichte hatte nachweisen können. So hatte er keine schlüssige Erklärung parat, weder für das Vorhandensein diverser Halskrausen in einem Wagen voller Geschädigter noch für die Tatsache, dass die Cops zehn Minuten vor dem Unfallgeschehen alarmiert worden waren. »Diese hellseherisch begabten Menschen fahren mit Halskrausen?«, fragte ich ihn. Dennoch glaubte er an eine reale Chance, dass Sundown Fidelity den »Opfern« eine Entschädigung zahlen würde.

»Ja, okay«, räumte er ein, »anfangs war es ein abgekartetes Spiel. Doch plötzlich dreht der Fahrer im zweiten Wagen völlig durch, verstehen Sie? Dieser Wahnsinnige schießt einfach übers Ziel hinaus. Er hatte noch ’ne heiße Verabredung, deshalb sollte es schnell gehen. Also ruft er zuerst die Cops an und tritt dann mächtig aufs Gas. Die Leute im ersten Wagen waren richtig durch den Wind. Also war es ein Unfall. Niemand hatte geplant, dass es sich so abspielen sollte. Und wenn es keinen Plan gibt und Leute tatsächlich verletzt werden, handelt es sich doch im wahrsten Sinne des Wortes um einen Unfall, nicht wahr? Oder sehen Sie das anders?«

Manche sagen, es liege am Wasser. Der Hueco Bolson ist reich an Lithiumsalzen. Der Bolson, ein unberührter Grundwasserleiter für reines, nicht wieder auffüllbares Grundwasser aus der Eiszeit, liegt tief unter der Wüste und ist die Quelle für das Trinkwasser El Pasos. Es ist kostbares Wasser, Zehntausende von Jahren alt, und ich hasse es, wenn Leute es für ihre Rasenflächen verschwenden. Ich hatte mir einen Namen mit dem Zerstören von Rasensprengern gemacht.

Dank dieses an Lithium reichen Bolsons sind wir eine durch die Natur ruhiggestellte Bevölkerung. Extremes Verhalten, zumindest das offen aggressive, ist selten und wird für gewöhnlich von Leuten an den Tag gelegt, die auf der Durchreise sind zu den heller funkelnden Lichtern von Dallas im Osten oder Phoenix im Westen. Auf andere Formen des Wahnsinns hat unser Wasser keinen Einfluss. Auf die von Luther zum Beispiel.

Eines Vormittags, eine Woche nach meinem Besuch bei Luther, dachte ich über all das nach, als mein Telefon klingelte. Ich wartete darauf, dass der Anrufbeantworter ansprang.

»Machen Sie schon, J.P.«, sagte eine Frau. »Nehmen Sie den verdammten Hörer ab, wir müssen reden.«

Die Stimme kam mir bekannt vor, doch es fehlte mir das Gesicht dazu. Ich wusste nur, dass es jemand war, mit dem ich nicht reden wollte. Ich hob den Hörer nicht ab, sondern fuhr in die Innenstadt, ins Hollywood-Café, das sich an der South El Paso Street im Erdgeschoss des alten St.-Charles-Hotels befindet und wo man eine Gordita und ein Bier für weniger als drei Dollar bekommt.

Meine coole, altmodische Stadt.

3

Das Hollywood war so spärlich beleuchtet, dass man nicht mal die Kakerlaken sah, die einem um die Füße krochen. Dass sie da waren, bemerkte man jedoch am gelegentlichen Knacken, wenn man die Füße bewegte. Richtig dreckig ist das Hollywood nicht, es ist nur alt. Jedes alte Gemäuer in El Paso ist fest in Kakerlakenhand. Und die Kakerlaken von El Paso haben die Größe von Feldmäusen.

Solange die Köche sie fernhalten von den Gorditas, Empanadas und der Menudo, komme ich klar mit Kakerlaken. Wenn man ein Problem mit übergroßen Kakerlaken hat, sollte man sich eine andere Stadt suchen.

Ich war bei meinem zweiten Corona, als der Vibrationsalarm meines Mobiltelefons meinen Oberschenkel zu massieren begann. Ich zog es aus der Tasche und klappte es auf.

»Ich bin beim Essen«, sagte ich.

»Sie Glücklicher!«, sagte eine Frau. »Einige meiner Schutzbefohlenen bekommen ihren Brei über einen Plastikschlauch verabreicht.«

Es war die Frau, die mich zu Hause angerufen hatte. Jetzt erkannte ich die Stimme und wusste auch, wem sie gehörte: Pilar Mellado, einer Mitarbeiterin der Adult Protective Services, einer staatlichen Organisation mit Gestapo-Vollmachten.

»Was gibt’s, Pilar?«, fragte ich.

»Ich glaube, das wissen Sie.«

»Sie haben nach Velma gesehen«, sagte ich.

»Habe ich, J.P. Und die Wahrheit ist: Sie können es nicht länger vor sich her schieben. Sie müssen sie in ein Heim geben. Ich empfehle das El Descanso. Die sind kompetent und günstig.«

»Eine Bedienstete des Staates sollte keine Pflegeheime empfehlen, Pilar. Sie könnten in den Verdacht der Korrumpierbarkeit geraten. Und der Anschein von Fehlverhalten kann genauso rufschädigend sein wie das Fehlverhalten selbst.«

»Sie gehören zu den Zeitgenossen, die sich große Mühe geben, ihre Ignoranz unter Beweis zu stellen. Das steht Ihnen nicht.«

»Sie wird in kein Heim gehen.«

»Sie spricht wieder mit der Jungfrau.«

»Welche Jungfrau soll das sein?«

»Die, die sich immer wieder mal blicken lässt. In der Speisekammer. In der Dusche. Wo auch immer. Halt, warten Sie, es gibt eine neue, im Garten. Das Antlitz Unserer Lieben Frau, genauer gesagt, seine Konturen, zeigte sich in der Anordnung von Elfenkreisen auf dem Rasen. Ihrer Mutter ist es gelungen, dass sich einige dafür besonders empfängliche Nachbarn in etwas hineinsteigern. Sie wurden dabei beobachtet, wie sie laut betend vor den Giftpilzen knieten. Das alte Mädchen verliert den Verstand, J.P. Aber das ist Ihnen ja nicht neu, oder?«

»Hört sich eher so an, als würden die Nachbarn ihn verlieren.«

»Die sind uninteressant. Die gehören altersmäßig nicht zu unserer Klientel.«

El Paso ist bekannt für seine Marienerscheinungen. Die Jungfrau zeigt sich auf Tortillas und Holzbalken, in der Patina von abgenutztem Leder und in Wasserflecken an Wänden. Einmal erschien sie sogar auf dem Rücken eines Bankkassierers, mit der Unterstützung seiner Muttermale: Man verbinde die einzelnen Male und siehe da, die heilige Mutter Gottes. Wenn die Erscheinung lang genug anhält, strömen die Gläubigen aus der gesamten Stadt und der Region herbei, um sie um Vergebung, Heilung, Erlösung oder Geld zu bitten. Manche Besitzer eines Objektes, dem das Mysterium anhaftet, kassieren an der Tür Eintrittsgeld von den Pilgern. Ein gegrilltes Käsesandwich, auf dem unsere Mutter Gottes erschien, konnte bei eBay für achtundzwanzigtausend Dollar versteigert werden. Die Jungfrau ist fürwahr ein erstklassiger Vermögenswert.

»Ich spreche morgen mit Velma«, sagte ich.

»Morgen ist heute schon gestern. Schieben Sie’s nicht auf die lange Bank, J.P. Es ist nur zu Velmas Bestem. Es ist auch zu Ihrem Besten. Wenn Sie nicht in die Gänge kommen, machen wir es. Sie sind dann aus dem Rennen.«

Die übliche Drohung. »Aus dem Rennen sein« bedeutete, man würde Velma aus ihrem Haus im Upper Valley holen, entgegen meinem Willen, entgegen Velmas. Man würde Haus und Grundstück mit einem Vorhängeschloss versehen und es möglicherweise sogar versteigern, um die Kosten für das Pflegeheim abzudecken. Velmas gesamte Ersparnisse würden von einem staatlichen Treuhänder verwaltet. Der Treuhänder würde dann Betreuung und Vormundschaft übernehmen. Ich wäre außen vor, »aus dem Rennen«, ohne jegliche Mitsprache oder Einfluss.

»Ich kümmer mich darum, Pilar«, sagte ich, bemüht, den Ärger in meiner Stimme zu unterdrücken. Pilar Mellado machte nur ihren Job.

Das hatte ich auch von mir behauptet, nachdem ich einen hirnrissigen Versicherungsbetrug aufgedeckt hatte, ausgeheckt von einem Trottel, der meinte, seine finanziellen Probleme auf die leichte Tour lösen zu können. Ich mache nur meinen Job, Sir.

Oder gegenüber dem Schwachkopf, der seinen zwölf Jahre alten Grand Prix »stahl«, ihn anschließend ein paar Meter weiter hinter dem Haus seines Cousins abstellte, mit einer Plane bedeckte und darauf hoffte, neunzehnhundert Dollar von der Diebstahlversicherung abgreifen zu können. Einen Tag, nachdem er den Diebstahl gemeldet hatte, machte ich das Auto ausfindig. Ist mein Job, Sir.

Dann der Kerl, der selbst für Ängste zu blöd war und sich in der Innenstadt einem Bus entgegenstellte. Als der Fahrer ausstieg, um sich des vermeintlichen Opfers anzunehmen, versteckte ein im Bus sitzender Komplize eine halbe Flasche Cuervo und einen angerauchten Joint unter dem Fahrersitz. Man hatte sich ausgemalt, Fahrer und Stadtverwaltung auf eine halbe Million zu verklagen, Minimum. Die Stadtverwaltung war seinerzeit bei Sundown Fidelity versichert, also schickte man mich, damit ich die Sache unter die Lupe nahm. Es war ein Volltreffer. Der Fahrer wurde von den Cops auf Drogen und Alkohol getestet, negativ, und ich trieb drei Leute auf, die bezeugen konnten, dass der Komplize Tequila und Joint versteckt hatte. Ich suchte den mehr als angeschlagenen Betrüger im Krankenhaus auf.

»Ich kriege nichts?«, fragte er durch den Schlitz in seinem Kopfverband.

»Nur eine Rechnung für den kaputten Scheinwerfer am Bus«, sagte ich, »und eine Gefängnisstrafe, anzutreten, wenn Sie wieder auf dem Damm sind.«

»Scheißkerl«, sagte er und der Kraftausdruck suchte sich pfeifend seinen Weg durch den Gips.

»So lautet meine Berufsbezeichnung, Sir.«

Der Gemütszustand der Selbsttäuschung ist bei Menschen eine Variable. Das gilt übrigens auch in meinem Fall.

Nachdem mein Vater gestorben war, wurde Velma wunderlich. Anfänglich sah es nach neuem Schwung aus. Sie sprühte vor Energie, putzte das Haus, bis es nahezu unbewohnt aussah. Sie kaufte neue Möbel und ließ die alten Sachen von der Heilsarmee abholen. Sie deklamierte schwer verständliche Gedichte im Garten. Als das Geld aus der Lebensversicherung meines Vaters allmählich zur Neige ging, nahm sie einen Job als Schülerlotsin im nächstgelegenen Schuldistrikt an, in genau dem Schuldistrikt, wo sie als angesehene Lehrerin ihr gesamtes Berufsleben verbracht hatte. Außerdem arbeitete sie schwarz in einer Bäckerei, war verantwortlich für die Herstellung von Brötchen, die sie dann um fünf Uhr morgens an die Lebensmittelläden und Cafés im Upper Valley auszuliefern hatte. Zu diesem Zwecke trainierte sie sich das Fahren mit einer der nahezu fabrikneuen Limousinen meines Vaters an. Eines Nachts erwischte der Schichtleiter sie dabei, wie sie Vanille direkt aus der Flasche trank. Voll auf Vanille, fuhr sie ihren Wagen in das Schaufenster eines 7-Eleven. Somit ging der Job als Schülerlotsin flöten, ebenso der in der Bäckerei.

Ein paar Jahre später begannen die Gespräche mit meinem Vater. Einmal bekam ich mit, wie sie mit ihm schimpfte: »Hättest du nur auf Doktor Arroyo gehört, Liebling«, sagte sie. »Er hat uns gewarnt. Hundertmal hat er dir gesagt, du sollst kürzertreten und mehr auf dich achten.« Sie saß an ihrem neuen Esstisch und sprach mit der Tapete an der Wand gegenüber. Nachdem sie ihm sozusagen die Leviten gelesen hatte, las sie meinem Vater nun Gedichte vor — Gedichte, die sie ihren Schülern an der Highschool vorgetragen hatte, um sie ihrem Schlummer zu entreißen.

»Mit wem redest du, Mom?«, fragte ich.

»Mit deinem Vater«, platzte es aus ihr heraus. Als ihr jedoch bewusst wurde, was sie soeben von sich gegeben hatte, verlegte sie sich aufs Kokettieren. »Ich meine, nein, nicht mit deinem Vater«, säuselte sie. »Ich habe nur gerade an ihn gedacht. Habe quasi laut gedacht.«

Einen Monat später ertappte ich sie erneut dabei. Diesmal fragte ich nicht nach. Viele alte Leute reden mit der Wand, sagte ich mir. Das hat nichts zu bedeuten.

Dann ging es mit den Jungfrauen los. Velma war eine begeisterte Leserin von Büchern, die sich mit dem Okkulten beschäftigten. Sie las Bücher, die sich für die Existenz von Engeln ins Zeug legten. Sie las Bücher über Phänomene, für die es keine wissenschaftliche Erklärung gibt. Sie las aber auch wissenschaftliche Bücher. Sie las ein nicht-mathematisches Buch über das Neueste in der theoretischen Physik, die jüngsten Erkenntnisse zum Thema Stringtheorie, und behauptete, es zu verstehen. Laut Velma erklärt die Stringtheorie, dass es in anderen Dimensionen nicht nur Wesen gebe, sondern dass diese uns auch besuchen könnten, vorausgesetzt, die Schwingungen der Strings stimmten. Die Jungfrau war eine dieser Besucherinnen. UFOs? — auch sie waren transdimensionale Reisende. Bigfoot? — ein Geschöpf aus Dimension Numero fünf. Hitler? Idi Amin? Saddam? Jeffrey Dahmer? — Ungeheuer aus einer Dimension, die gemeinhin als Hölle bekannt ist. »Die wirkliche Welt ist elfmal unterteilt«, sagte sie. »Jeder Teil ist verschieden und dennoch genauso real wie der, in dem wir leben. Es gibt elf Versionen von dir, J.P. In vier Dimensionen ist dein Vater noch am Leben, tot und begraben ist er in sieben und in einer davon wird nicht um ihn getrauert. Deswegen kann ich mit ihm reden. Und weißt du was? Nur weil man aus Dimension fünf, sechs oder elf kommt, ist man kein bisschen klüger, als man in Dimension eins oder drei ist. Es ist immer dasselbe alte Ich, mit allen Fehlern und Schwächen. Das Einzige, dem man nicht entkommen kann, ist das eigene Ich.«

»Erzähl das bloß niemandem von der Adult Protective Services, bitte, Mom«, sagte ich. »Die sind wahrscheinlich nicht ganz fit, was die Stringtheorie betrifft.«

Ihr müdes, altes Gesicht erstarrte. Sie war erst 74, sah aber aus wie 84. »Denen werd ich’s zeigen«, sagte sie. »Ich gebe mein Zuhause nicht auf.«