Dunkle Seele Liebe - Fe Mars - ebook

Dunkle Seele Liebe ebook

Fe Mars

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Opis

Selina und Justin. Und eine dunkle Liebe bis in den Untergrund Roms. Dabei wollte Selina unter der Heiterkeit des südlichen Himmels den Alpträumen ihrer Kindheit in Schloss Razburg entkommen. In den Katakomben der Stadt merkt sie, dass der Alptraum erst begonnen hat. Bei ihrem Restaurierungs-Praktikum in der Knochenkrypta findet sie sich in die Fänge der „Dunklen“ gelockt, düstere Vertreter der schuldbeladenen „Sucher“. Aber was, wenn der Junge, in den sie sich verliebt hat, einer von ihnen ist? Was, wenn es zwischen den dunklen Abgründen Roms und der gleißenden Sonne Afrikas keinen Platz mehr gibt, an dem sie sich sicher fühlen kann? Was, wenn ihre einzige Chance mitten in den Alptraum führt?

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Fe Mars

Dunkle Seele Liebe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Codex Viator Animae - Das Buch der Seelenpilger

Prolog

1

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Nachwort

Impressum neobooks

Codex Viator Animae - Das Buch der Seelenpilger

Aus dem Dunkel der Zeit, als der Bruder den Bruder erschlug, kommt die Familie der Viator Animae, der Seelenpilger, auch Sucher genannt, die in der großen Schuld verlustig gingen ihrer Menschlichkeit und somit ihrer Seele.

In legatum de debito. Das Erbe der Schuld begleitet sie, liegt schlafend, bis der aus der Familie Viator Animae die Sündenschuld des Todes an einem anderen Menschen auf sich lädt. So wird er der Sucher.

Extra animam, sine animum, sine morte. Fortan soll er durch die Zeit ziehen, bar seiner Seele, bar seiner Gefühle, bar der Gnade des Todes, bar der Liebe und bar der Menschlichkeit, wie es zu Urzeiten begonnen.

Et viam lucis. Schlägt er trotzdem den lichten Weg ein, so kann seine Schuld getilgt werden, wenn er ein gleiches Leben für das gelöschte Leben gibt.

Ad potentiam iter. Schlägt er den Weg der Macht ein und kreiert sich Animae, Seelen, die ihm hörig sind und seinem Singen verfallen, dann wird er zum Dunklen und nichts kann ihn mehr retten.

So ist der Weg der Sucher.

Prolog

Ein Tropfen beginnt sich von dem feuchten Fleck an der Kellerdecke zu lösen. Langsam schiebt er sich vorwärts, verharrt zitternd im flackernden Licht meines Kerzenstumpfs. Die Wand, an der ich lehne, dringt rau durch das T-Shirt in meine Haut und die Kälte des Steinbodens ist mir schon längst giftig wie eine Lähmung in die Glieder gekrochen. Wie lange kauere ich schon hier? Ich weiß es nicht. Erst bin ich noch auf und ab gegangen. Immer wieder. Auf und ab. Ich habe geschrien und an die Wände gehämmert, bis mir das Blut von den Handkanten und Fingerknöcheln gelaufen ist. Mein Klopfen erzeugte noch nicht einmal einen Widerhall. Die Keller und Verliese des Schlosses sind massiv gebaut. Das Schloss – mein Zuhause, das wohl bald mein Grab sein wird. Meine Totengräber … Nein, daran möchte ich noch nicht einmal denken!

Und Justin? Was spielt er für eine Rolle bei dem Ganzen? Fast ist es mir egal. Ich will es gar nicht wissen, will mir nicht auch das noch kaputtmachen lassen, nicht auch das noch verlieren, die Erinnerung an die Liebe. Ich will nur, dass er sicher ist. Sicher. Das Wort klingt fremd hier unten. Ich merke, wie mir ein hysterisches Kichern in den Hals steigt.

„Justin“, flüstere ich. „Justin …“ Als wäre sein Name ein Anker, der mich davor bewahrt, in die Panik abzudriften. „Justin.“ Unablässig. Ein Mantra, ein Gebet.

Auch als mein Kerzenstumpf mit einem letzten Aufflackern erlischt, murmle ich noch seinen Namen, die Augen starr und ohne zu blinzeln auf den Tropfen an der Decke gerichtet. Ich sehe ihn, obwohl die Dunkelheit alles um mich verschluckt hat. Sehe, wie er sich beharrlich vorschiebt, wächst, sehe die zähe Bewegung, mit der er sich von der Decke löst und fällt. Er fällt und fällt durch die Zeit, einen diffusen Nebel, der alles in seinen Schwindel machenden Sog zieht.

Und auf einmal bin ich mitten in meinem Albtraum, der mich verfolgt, seit ich ein Kind war. Ich spüre, wie mir der Schweiß ausbricht, als die Wände sich um mich schließen, mit langen Fingern nach mir greifen, gierig und böse, mich fangen wollen, packen, ersticken. Mit Tentakeln dringt mir der feuchte Modergeruch meines Kerkers in jede Körperzelle und ich rieche meine eigene Angst, schwer und metallisch wie Blut. Und dann beginne ich zu schreien.

Irgendwann später habe ich keine Stimme mehr und keine Kraft. Ich starre blicklos in die Dunkelheit und versuche mich zu erinnern. Wie alles war - wie lange ist es her? - und wie es begann … damals … in Rom …

1

Rom. Ich war in Rom. Mittendrin. Stand vor der Stazione Termini, dem Bahnhof, und klammerte mich an meine Reisetasche. Meinen Rucksack hatte ich fest unter den Arm geklemmt. „Pass bloß auf, alles Diebe“, hatte meine Großmutter Charlotte mir mit auf die Reise gegeben. „Wenn nicht Schlimmeres!“ Natürlich war das Unsinn, aber mein Gepäck hielt ich trotzdem fest. Sicher ist sicher.

Ich fühlte mich wie betäubt, konnte gar nicht mehr denken, starrte auf das Gewühl an Autobussen und Menschen. Alle möglichen Sprachen, Gelächter, Motorengebrumme, Hupen, Sirenen, Schimpfen hüllten mich in eine Klangwolke. Ich sah die ersten antiken Mauerreste und die erste Pinie, die sich mit unvergleichlicher Eleganz in einen Himmel streckte, wie er perfekter gar nicht sein konnte. Blau wie Glas, ein paar fedrige Wölkchen aufgetupft, dehnte er sich über mir, die Sonne warf nachlässig ihre Strahlen über den Platz. Mein Herz begann zu klopfen, als würde es plötzlich einen verrückten Tanz tanzen. Frei. Ich war frei! Ich hatte es wirklich geschafft. Ich stand und lächelte übers ganze Gesicht - denn irgendetwas muss man ja tun, wenn man so glücklich ist. Und genau das war ich gerade: absolut glücklich.

Zehn Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet. Meine erste Tagebucheintragung unter ‚STRENG GEHEIM! LESEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!’, war: ‚Ich geh nach Rom! Wenn ich mal groß bin. Dann finde ich Papa. Ganz gleich, was Großmutter sagt! Und dann …’

… beschützt er mich vor dem Keller und vor meinen Träumen und vor allem, was mir Angst macht, wäre der Satz weitergegangen. Aber ich hatte damals nicht einmal gewagt, das zu schreiben.

Ich war allerdings jetzt nicht nach Rom gekommen, um meinen Vater zu finden. Das war nicht mehr möglich. Dabei hatte ich meine ganze Kindheit davon geträumt: Wieder eine richtige Familie zu haben. Ich war auch nicht nach Rom gegangen, um mich von meiner Großmutter zu befreien oder um der gedrückten Stimmung im Schloss zu entkommen. Dazu liebte ich meine Mutter zu sehr. Sie hätte das tun sollen! Sie war immer traurig, sogar wenn sie lachte. Ich war nach Rom gekommen, um Restauratorin zu werden. Alte Bilder und Möbel wiederherstellen, das wollte ich.

Ich kannte die damalige Tagebucheintragung deshalb so gut, weil ich noch immer in das gleiche Buch schrieb. Es war trotzdem halb leer. Ich machte nur sehr selten Eintragungen und dann auch nur kurz und undatiert. Wahrscheinlich, weil ich insgeheim immer befürchtete, dass meine Großmutter es finden könnte. Sie würde es ohne zu zögern lesen, das wusste ich sicher. Kein Verschluss könnte sie davon abhalten und schon gar keine moralischen Bedenken. Alles im Schloss war ihr Eigentum, das Tagebuch, ich und auch meine Mutter. Aber das war im Moment eine andere Geschichte. Auf jeden Fall steckte das Buch in meiner Reisetasche und ich stand in Rom, und das schien mir das Beste, was mir in einer langen Zeit passiert war.

Neben mir begrüßte sich eine Familie. Alle lachten und redeten durcheinander, küssten sich auf die Wangen und wirbelten Kinder durch die Luft. Mich holte keiner ab, aber das machte mir nichts. Nicht viel zumindest. Für die Unabhängigkeit, dachte ich, ist mir kein Preis zu hoch!

Ich nahm noch einen tiefen Atemzug von der berauschenden, warmen, staubigen und abgasschweren römischen Luft, dann ging ich zurück in die Bahnhofshalle und folgte den Pfeilen zur U-Bahn. Im Vorbeigehen kaufte ich mir ein Ticket. Ich hatte Mühe, die Verkäuferin zu verstehen. In der Schule hatte ich ganz gut Italienisch gelernt, aber hier klang das anders und die Frau sprach sehr schnell. Ich drängte mich mit vielen anderen die Rolltreppen hinunter zu den Zügen. In den Gängen stank es, aber das störte mich nicht, ich fand einfach alles toll! Alles!

Ich musste nur ein paar Stationen fahren. Meine Tante hatte mir ein Zimmer angeboten. Ich hatte Lia seit Ewigkeiten nicht getroffen. Das letzte Mal war bei uns zu Hause im Schloss gewesen – ich erinnerte mich, dass ich damals noch Zöpfe trug. Lia hatte gleich solch einen Krach mit Großmutter bekommen, dass sie umgehend wieder abgereist war.

Hier kam meine Haltestelle. Wieder tauchte ich hinauf in diesen perfekten Himmel und dieses strahlende Licht. Vor mir erstreckten sich ein riesiger Platz und ein monumentales Gebäude. San Giovanni, die Lateranbasilika. Weiter hinten sah ich einen roten Obelisken hervorblitzen. Ein Hund schnupperte neben mir an einem Abfallbehälter. Er sah noch etwas verschlafen aus und so, als würde er grinsen. Alles wirkte morgenfrisch, freundlich und ein wenig träge. Rechts strömte eine Touristengruppe in ein altes Gebäude. Laut meinem Reiseführer war dort die Heilige Treppe. Eine Mauer schloss daran an mit einer eisernen Pforte. Das musste es sein! Mein Herz klopfte mir mit einem Mal bis zum Hals.

Der Messingknopf der Klingel war unscheinbar in die Wand eingelassen. Ich drückte ihn zaghaft. Hinter der Tür blieb alles still. Vielleicht hatte meine Tante ja vergessen, dass ich kam. Ich biss mir auf die Unterlippe. Sollte ich noch einmal läuten? Zögernd hob ich die Hand, da näherten sich schnelle Schritte, dumpf, als würde jemand mit Turnschuhen über Steinplatten laufen. Das Tor schwang auf und eine Frau stand vor mir. Sie starrte mich mit einem Gesicht an, als hätte ich sie bei etwas Wichtigem gestört, als wäre sie in Gedanken ganz woanders und wüsste nicht genau, was sie mit mir anfangen sollte. In ihren wirren dunklen Locken blitzten Silberfäden. Ich konnte mich zwar nur vage erinnern und die Fotos, die wir von ihr hatten, waren inzwischen auch alt, trotzdem gab es keinen Zweifel.

„Tante Lia …“

Sie riss die Augen auf und dann explodierte ein Lachen in ihrem Gesicht. „Maria-Selina! Bist das wirklich du?“ Mit einem Schritt war sie bei mir und zog mich in ihre Arme. Sie war groß, gleich groß wie ich, und sie roch nach Farbe.

„Nur Selina“, warf ich rasch ein. „Kein Mensch sagt was anderes zu mir.“

Sie lachte wieder. „Zu mir sagt zum Glück auch kein Mensch … das Andere. Aurelia, puh!“ Sie schob mich ein wenig von sich und kniff prüfend die Augen zusammen. Ich zappelte, um mich aus ihrem Griff zu befreien. Es war mir unangenehm, so betrachtet zu werden. Tante Lia schüttelte den Kopf. „Nicht zu fassen! Als wäre die Zeit stehen geblieben.“ Sie ließ mich los.

„Ich sehe Mama ähnlich. Meinst du das?“

„Ähnlich sehen? Ja, das tust du. Du siehst aus wie Lisi früher. Nur deine Haare sind ein wenig dunkler, aber sonst …“

Sie schob mich durch das Tor in eine Loggia, die sich wie ein kleiner Himmel über uns wölbte. Hohe Außenmauern umschlossen einen wild wuchernden Garten, ein gepflasterter Weg führte zu einem Wohngebäude, das in verwaschenem Rot hinter Palmen und Büschen hervorblitzte. Mitten im Grün lag eine überdimensionale Hand und reckte zwei weiße Marmorfinger in die Luft, die anderen waren abgebrochen und in Fragmenten verstreut.

„Die hat zu einer der Apostelstatuen draußen auf der Basilika gehört.“ Tante Lias Blick war meinem gefolgt. „Jetzt liegt sie hier. Früher war hier übrigens mal ein Kinderhospital. Da, der Kuppelbau, das ist das Atelier. Dort arbeite ich.“ Sie lief leichtfüßig durch den Garten und eine breite Steintreppe hinauf. Ich folgte ihr. Eine gelbe Tigerkatze lag wie hingegossen auf den ausgetretenen Stufen und blinzelte uns aus trägen Augen an.

Die Wohnung lag im dritten und obersten Stockwerk. Die Räume dehnten sich hoch, Licht flutete hindurch und ließ Staubpartikel in den Sonnenstrahlen tanzen. Auf einer Dachterrasse quollen Palmen und Blüten aus Steintrögen.

„Das ist dein Zimmer.“ Ich erhaschte einen kurzen Blick auf ein Bett mit einer roten indischen Decke und einen leuchtend grün lackierten Stuhl an einem Schreibtisch. „Aber jetzt mach ich dir erst mal Frühstück! Du musst doch gerädert sein, die ganze Nacht im Zug …“

In der Küche zischelte Fett und der Duft von Rühreiern zog durch den Raum. Mein Magen grummelte vernehmlich. Tante Lia schenkte uns Kaffee ein und schob mir Pfanne und Teller hin. Sie hatte wieder ihren Malerinnenblick in den Augen. Linie für Linie studierte sie mein Gesicht.

Ich kannte Lias Werke nur aus den raren Bemerkungen meiner Mutter und den bissigen meiner Großmutter. An sich wurde bei uns zuhause nicht über meine Tante gesprochen. Für meine Großmutter war ihre jüngere Tochter der Schandfleck der Familie; dabei hatte Lias einziges Vergehen darin bestanden, sich aus den Klauen meiner Großmutter zu befreien, um ihr eigenes Leben zu leben. Unverzeihlich, denn, wie gesagt, alles im Schloss gehörte Charlotte.

Ich betrachtete meine Tante kaum weniger gründlich. Im Gegensatz zu meiner zerbrechlichen Mutter wirkte Tante Lia stabil. Sie stützte ihr Kinn in die Hand und lächelte. „Du hast meine Augen, Selina“, stellte sie fest. „Das gleiche Blau.“

„Ich hatte richtig Lampenfieber, dich wiederzutreffen“, sagte ich.

„Und?“

„Jetzt nicht mehr. – Ich wollte, Lisi würde so viel lachen wie du.“

„War deine Großmutter nicht böse, dass du gegangen bist und noch dazu bei mir wohnst?“

„Ich bin ja erst mal nur vorübergehend weg, um eine Ausbildung zu machen. Das sieht selbst Großmutter ein! Mit mir ist sie nicht ganz so streng“, fügte ich hinzu.

„Du bist nicht ihre Tochter.“ Tante Lia seufzte und ihr Blick verdüsterte sich.

„Ja. Im Übrigen … sie, hm, sie weiß nicht, dass ich bei dir wohne“, gestand ich. „Lisi hat es ihr nicht gesagt und ich auch nicht.“

„Ah!“ Tante Lias Nicken sprach Bände, dann schüttelte sie den Kopf und seufzte. „Deine Mutter hätte damals auch weggehen sollen. Wenn schon nicht mit mir, dann wenigstens mit deinem Vater.“

„Aber sie musste Großmutter doch pflegen“, verteidigte ich meine Mutter, obwohl ich eigentlich das Gleiche dachte: Lisi hätte irgendwann weggehen sollen. „Die war doch so krank damals.“

„Pff!“ Tante Lia machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die ist immer krank geworden, wenn es ihr in den Kram gepasst hat. Aber lassen wir das jetzt. Ich bin froh, dass du den Absprung geschafft hast, Selina.“ Sie betrachtete mich einen Moment ruhig. „Es tut mir leid, dass ich euch die Todesnachricht schicken musste.“

Ich zuckte nur die Schultern. Ich hatte keine Lust, jetzt über meinen Vater zu sprechen. „Danke, dass ich bei dir wohnen darf, Tante Lia“, sagte ich stattdessen.

Sie lächelte. „Sag doch einfach Lia. Tante klingt so … so … tantig.“

Ich musste lachen. „Okay, Lia.“

„So!“ Sie erhob sich. „Ich verzieh mich ins Atelier. Wenn du willst, kannst du dann nachkommen. Ich hab dir deine Schlüssel auf den Schreibtisch gelegt. Und sonst …“ Sie brach ab und sah mich etwas ratlos an.

„Danke. Ich komm schon zurecht, keine Sorge.“

„Wunderbar.“ Lia nickte und sah auf einmal sehr erleichtert aus. Wahrscheinlich hatte sie insgeheim Angst gehabt, dass sie mich babysitten musste. Nein, diese Sorge konnte ich ihr nehmen. Ich war ziemlich selbstständig und daran gewöhnt, allein zurechtzukommen.

Auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer stand ein Blumentopf mit Basilikum. Das Bild an der Wand musste Lia gemalt haben. Es war in kräftigen Blau- und Türkistönen gehalten. Das Meer und der Himmel. Ein roter Fleck wie ein Segelboot, das klein und zerbrechlich in den ungeheuren Elementen schwebte. Das Bild gefiel mir.

Ich kniete mich aufs Bett, um aus dem Fenster sehen zu können. Die Balustrade San Giovannis mit den Apostelstatuen schimmerte durch die Bäume. Im Garten bellte ein Hund. Ein Pfiff ertönte.

Ich muss sofort eingeschlafen sein.

Bis ich wieder munter war und mich auf den Weg zu Lia gemacht hatte, fielen die Sonnenstrahlen schon schräg durch die staubigen Fenster des Ateliers. In der hohen hölzernen Kuppel des Raumes huschten wie Schatten Fledermäuse hin und her. Ein paar Bilder lehnten auf Staffeleien, dazwischen reckten sich totempfahlähnliche Holzobjekte. Ein Mann nickte mir kurz zu. Er war groß und ungeschlacht wie der rohe Steinblock, an dem er arbeitete. Lias Bilder waren unschwer zu erkennen: Bunt, direkt und trotzdem rätselhaft leuchteten sie neben einer ganzen Reihe Leinwände, die so schwarz und abgeschabt wirkten wie alte Brandmauern. An einigen Stellen waren die Leinwände zerschnitten und rote Farbe quoll heraus. Es sah aus, als würde Blut aus den Mauern laufen.

Lia lächelte mir zu. Sie hatte einen Pinsel in der Hand und deutete auf die dunklen Bilder. „Flavias Werk. Sie ist nur heute nicht da. Und, gefallen sie dir?“

„Sie sind … verstörend.“ Ich zog unwillkürlich die Schultern hoch. „Deine Bilder gefallen mir besser.“

Meine Tante lachte. „Aber Flavia ist sehr nett, du wirst schon sehen. Das da drüben ist übrigens Ubaldo. Erster Stock.“

„Stört es, wenn ich einfach ein bisschen hier bin?“

„Nein, mach nur.“ Lia hatte sich schon wieder ihrem Bild zugewandt.

Ich schlenderte zwischen den Kunstwerken herum, ließ meine Hand über die behauenen Steine wandern, betrachtete mir die Totempfähle genauer und setzte mich dann auf die Treppe, die zu einer rundum verglasten Balustrade hinaufführte. Ich fand es schön, einfach nur in der Ecke zu lehnen und das alles auf mich wirken zu lassen. Ich fühlte mich so an meinem Platz, so richtig, als wäre ich schon lange hier zu Hause.

Die Fenster wurden dunkle Rechtecke und Lia knipste einen altmodischen Lichtschalter an. Nackte Glühbirnen leuchteten auf. Kurz darauf kratzte es an der Tür, ein Hund kam hereingelaufen. Er begrüßte Lia, die ihm geistesabwesend den Kopf tätschelte, strich an Ubaldo vorbei, der ihn nicht beachtete, dann stand er gelb und struppig vor mir. Mit vorgereckter Nase schnupperte er an meinen Knien. „Na, Schöner?“ Ich streckte ihm eine Hand hin und er wedelte. Ich liebte Hunde und hätte immer gern selbst einen gehabt, aber im Schloss ging das nicht. Großmutter!

Jetzt lief er zurück zur Tür und blickte sich auffordernd zu mir um.

Kaum dass ich ihm die Tür einen Spalt geöffnet hatte, drängte er sich hindurch. Zugleich ertönte ein heller Pfiff, wie ich schon einmal gehört hatte, aus dem Garten. Ich trat ins Freie, aus dem Schein der Hausbeleuchtung unter die Bäume, die sich schemenhaft vor dem Nachthimmel abzeichneten. Die Marmorhand ragte als heller Fleck in die Dunkelheit, die Platten des Weges zogen eine verschwommene Spur zur Eingangspforte. Wieder ertönte ein Pfiff. Ich hörte leises Hecheln, dumpfe Schritte aus dem Garten, dann wuchs beim Tor ein Schatten aus dem Schwarz. Ich konnte nur die Umrisse einer Gestalt unterscheiden, mehr nicht, breite Schultern, der Haltung nach ein Mann. Was tat er? Drehte er sich zu mir um? Ich konnte es nicht erkennen, aber trotzdem hätte ich schwören können, dass er mich anstarrte. Und nicht nur das. Dass er mich belauerte, mich taxierte. Mein Herz klopfte plötzlich so, dass es mir in den Ohren dröhnte. Wer war das? Ich hatte ein Gefühl von Altvertrautem. Als müsste ich ihn kennen. Und er mich. Altvertraut wie meine Albträume. Der gleiche Ansturm hilfloser Panik. Ich konnte den Schweiß unter meinen Armen spüren und ein seltsames Gefühl des Fallens in meiner Magengrube. Mein Kreislauf sackte weg. Ich tastete nach der Wand neben mir.

Ich konnte nur für einen Moment die Augen geschlossen haben, aber als ich sie wieder öffnete, war der Schatten verschwunden. Das Tor knarzte leise im Schloss.

2

Blut tropft aus den Schnitten in den Mauern, Blut, das immer dichter strömt, während die Mauern wachsen, näher rücken, mich ersticken.

Keuchend wachte ich auf. Fremde Nachtgeräusche drangen herein, das Zirpen von Zikaden, fernes Reifenquietschen, der dringliche Klang einer Sirene, der abrupt verstummte. Eine Katze maunzte. Nur ein Traum, dachte ich, nur ein Traum! Nur die dunklen Bilder im Atelier, die mich verfolgen. Und zumindest nicht der Traum.

Bebend stieß ich das gekippte Fenster zu, sperrte die Geräusche aus, sperrte alles aus, was mir Angst machen konnte. Dann rutschte ich in die hinterste Ecke meines Bettes, lehnte mich gegen die Wand und lauschte in die Dunkelheit.

Ich versuchte mich zu erinnern, wie glücklich ich noch am Morgen gewesen war. Das Gefühl, angekommen zu sein, hier, in Rom. So weit weg vom Schloss, von meiner Kindheit, der Angst und der Einsamkeit, den Schatten. Ich hatte gedacht, das alles hinter mir gelassen zu haben. Endlich.

Es war wohl ein Irrtum gewesen. Es war alles noch da. Ich hatte es mitgebracht, ohne es zu merken. Mein unseliges Gepäck. Ich hatte nur ein neues Kapitel begonnen.

*

Er: Blicklos starrte er auf das Pergament. Seine Finger fuhren die Buchstaben nach, als wären sie eine Art von Blindenschrift. Informationen, dachte er. Ich brauche viel mehr Informationen. Es muss doch noch einen anderen Weg geben. Irgendwie.

Er hatte das Pergament heute erst entdeckt. Bei einem Trödler im Trastevere, halb vermodert und staubig in einer Truhe. Aber die alte Schrift war schwer zu lesen. Es wurde schon bald Morgen und er war immer noch kaum weiter mit dem Text.

Er war zu jung, um die Alte Sprache wirklich gut zu beherrschen, und einen von den Alten wollte er nicht fragen. Sie hätten wissen wollen, warum er sich mit den verstaubten Geschichten befasste. Keinen von den Jungen interessierten sie mehr. Das Leben war viel zu schnell geworden für so etwas - selbst wenn es, sofern man denn Pech hatte, ewig dauerte. Verflucht! Und jetzt auch noch das Mädchen! Wie verletzlich sie ausgesehen hatte. Er hatte sofort gemerkt, wie seine sämtlichen Instinkte darauf angesprungen waren. Es hatte ihn alle Mühe gekostet, sich zu beherrschen, sie einfach stehen zu lassen und zu gehen. Sie hatte in seine Richtung geschaut, ohne ihn zu sehen, es war zu dunkel gewesen. Für ihn war das Sehen bei Dunkelheit kein Problem. Er war ein Nachtwesen.

Ihr Gesicht war so bleich gewesen wie der Mond. Sie hatte die Brauen gerunzelt, ein wenig unsicher, und dann hatte sie die Angst getroffen. Er hatte das Vibrieren ihrer Nervenfasern spüren können. Die Schwingungen der Furcht – er kannte sie nur zu gut. Er mochte es, diese Vibrationen auszulösen, dieses Zittern. Er mochte es, weil er stärker war, weil er sich beherrschen konnte, weggehen konnte. Weil es ihm Macht gab. Nicht über die Kreatur, die in der Nacht stand, gefügig wie ein Lamm, das auf seinen Metzger wartete - nein, weil es ihm Macht gab über sich selbst. Er konnte das Spiel kontrollieren. Er musste es nicht mitspielen wie die anderen, Sklaven ihrer Triebe. Er konnte die Regeln bestimmen. Bis jetzt. Doch seit er das Mädchen gesehen hatte, war er sich nicht mehr so sicher. So schwer war es ihm noch nie gefallen. Der Hund hatte ihn schließlich weggezerrt.

Diese schreckliche Verletzlichkeit. Es müsste verboten werden, so verletzlich zu sein! Mit einem Fluch fegte er das Pergament vom Tisch.

*

Die Fragen summten und kreisten in meinem Kopf wie ein Schwarm Bienen: Wer war das gewesen am Tor? Wem gehörte dieser Hund? Und warum hatten bei mir alle Alarmglocken geschrillt? War ich verrückt oder reagierten alle Frauen so auf Schatten in der Nacht?

Das Grübeln hatte mich die halbe Nach wachgehalten und ich fühlte mich wie zerschlagen, als der Wecker läutete. Bei Tageslicht kam mir meine Reaktion auf die Gestalt im Garten hysterisch vor. Da hatte einfach jemand aus dem Haus noch eine Runde mit dem Hund gedreht. Sonst nichts. Später musste ich Lia nach seinem Besitzer fragen, jetzt schlief sie noch und gestern hatte ich sie nicht mehr getroffen, weil ich wie panisch in mein Zimmer gerannt war. Seufzend machte ich mir einen Kaffee.

Heute sollte ich mich in meiner neuen Schule melden. ‚Archio - Scuola di Restauro’, eine Restaurierungsschule. Möbel, Bilder, Fresken als Schwerpunkte. Es war ein privates College und kostete Geld, aber da verpflichtend ein Praktikum nebenherlief, bei dem ich etwas verdienen würde, und da ich bei Lia umsonst wohnen konnte, war es machbar. Das Kostgeld würde meine Mutter aufbringen und das Fahrtgeld hatte mir ganz überraschend meine Großmutter ausgelegt. Geld war leider in unserer Familie ein beständiges Thema, vor allem, weil selten welches da war. Alles ging für die Instandhaltung unseres Familienstammsitzes drauf, Schloss Razburg. Ich war immer ziemlich gehänselt worden wegen des adeligen Getues meiner Großmutter. Sie hatte das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Das machte es für mich nicht einfacher, Freunde zu finden. Jemanden mit nach Hause zu bringen war eine Qual, es sei denn, wir schafften es unbemerkt ins Schloss und verkrochen uns still und leise irgendwohin.

Aber öfter noch verkroch ich mich alleine. Mein Lieblingsplatz war das chinesische Zimmer mit der verschossenen blassgrünen Seidentapete. Im Wäscheschrank hatte ich mir ein Lager eingerichtet. Wenn ich jemanden kommen hörte, klappte ich einfach die Tür zu ...

Vielleicht war das der Grund, warum ich Restauratorin werden wollte: Aus Dankbarkeit dem Schrank gegenüber, der mich so oft beschützt hatte. Mir kam es selbst schrecklich vor, wenn ich daran dachte, als besten Kindheitsfreund einen alten Schrank zu haben, aber so war es nun einmal.

*

Das Sekretariat in dem alten Palazzo war nicht schwer zu finden, eine Schlange Schüler stand bereits davor. Ich stellte mich dazu. Angesichts des Temperaments der Italienerinnen, die um mich herum redeten, lachten und gestikulierten, kam ich mir unbeholfen und sprachlos vor. Die Sekretärin drückte mir einen Packen Zettel in die Hand. Der reguläre Unterricht begann erst in ein paar Tagen, diese Woche war noch frei, damit sich alle in die Praktikumsstellen einarbeiten und ihre Unterkünfte organisieren konnten.

„Hey! Du bist auch Erstsemester, ja?“ Das Mädchen, das hinter mir in der Schlange gestanden hatte, tippte mir auf die Schulter. „Woher kommst du?“

„Deutschland. Und du?“

„Rom. Ich heiße Celia.“ Sie schob mit dem Zeigefinger ihre Brille hinauf und lächelte. „Gehst du mit gegenüber ins Café?“

Das ist ein guter Beginn, dachte ich.

Wir ergatterten das letzte unbesetzte Tischchen und breiteten unsere Studienunterlagen aus. Grundlagen der Konservierungs- und Restaurierungstechniken, Kunstgeschichte, Werkstoffkunde nach historischen Quellen, Werkstoffgeschichte, Chemie und Physik der Arbeitsstoffe, Klima, Licht und Umwelteinflüsse, Denkmalpflege – das klang alles furchtbar technisch, trotzdem freute ich mich darauf.

„Ich möchte auch mal ins Ausland, so wie du.“ Celia blickte verträumt ins Weite. „Das ist … mutig.“

„Ich bin eigentlich gar nicht mutig. Eher das Gegenteil.“

„Das meinst du nur! Erzähl, wo genau kommst du her, wie lebst du dort?“

„Tja, ich wohne in Süddeutschland in einem Schloss, das dringend eine Rundum-Sanierung bräuchte. Meine Mutter ist eine gefangene Prinzessin und meine Großmutter der Drachen, der sie bewacht. Und in den Verliesen treffen sich verwunschene Horrorwesen, denen man am besten aus dem Weg geht, wenn man seine Seele behalten will. Alles ganz normal also. Und du?“

Celia lachte so, dass sie sich unter der Brille die Tränen aus den Augen wischen musste. Ich lachte mit. Natürlich war es Unsinn gewesen, aber es tat trotzdem gut, mein bedrückendes Zuhause von der lustigen Seite zu betrachten.

„Meine Mutter hat einen Modeladen. Drüben, auf der anderen Seite vom Tiber, im Trastevere. Da leben wir auch. Frauenhaushalt … Na, du kennst das ja, wie es aussieht!“ Celia verzog das Gesicht und grinste.

Es war so einfach, mit Celia zu sprechen. Mir kam es vor, als wären wir schon seit langer Zeit Freundinnen.

„Mein Freund macht Schmuck. Luca. Er verkauft die Sachen auf der Porta Portese, dem Flohmarkt. Er …“ Celia verstummte plötzlich und starrte über meine Schulter. „Sag mal, hast du einen eifersüchtigen Freund oder so was?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. „Ah, na ja, dreh dich jetzt nicht um, aber da steht so ein Kerl und bohrt dir seine Blicke in den Rücken. Schon die ganze Zeit. Mit einem ziemlich wilden Gesichtsausdruck, wenn du mich fragst!“

Ich fuhr herum, doch die Leute am Tisch hinter mir hatten sich gerade erhoben, und bis ich es schaffte, an ihnen vorbeizusehen, war niemand mehr da.

Der Duft von Tomaten zog sich bis in den Hausgang. Lia stand am Herd und rührte in einem Topf. Die warmen Gerüche der Küche, die Radiomusik, diese ganze Normalität kam mir seltsam irreal vor. Auf dem Heimweg hatte ich mich immer wieder umgedreht, um zu sehen, ob mir jemand folgte. Ich hatte Blicke in meinem Rücken gespürt und um jeden Hauseingang, der im Schatten lag, hatte ich einen Bogen geschlagen. Und das am helllichten Tag.

Ich hatte es gleich beim Nachhausekommen ansprechen wollen. Der Schatten im Garten. Und Razburg, unser Familiensitz. Lia war im Schloss aufgewachsen, genau wie ich. War sie je in den Kellern gewesen? Wusste sie irgendetwas, was mir Antworten auf meine Ängste und Albträume hätte bieten können? Oder hatte sie es geschafft, alle Erinnerungen hinter sich zu lassen? War das überhaupt möglich? Ich bezweifelte es – und hoffte es zugleich.

„Lia, da ist …“, begann ich zögernd.

„Ich koche immer Sugo vor. Ist doch praktisch, oder?“, rief sie fast im gleichen Moment. Dann warf sie mir über die Schulter einen Blick zu. „Was wolltest du gerade sagen? Hab ich dich unterbrochen?“

„Nein, schon gut. Ich wollte nur … Ach, eigentlich nichts Besonderes.“ Ich wagte es nicht zu fragen. Ich hatte schon zu oft auf Antworten gehofft.

Du bist einfach hypersensibel, Schatz! Da ist gar nichts! Was glaubst du denn? Dass es spukt? Und dann hatte meine Mutter gelacht. Ich hatte ihre Stimme noch genau im Ohr und auch, wie künstlich ihr Lachen geklungen hatte. Ich war mir sicher, dass sie log. Vielleicht belog sie sich aber auch selbst.

Lia begann mit dem Kochlöffel den Takt zu einem Lied an den Topfrand zu klopfen und ein wenig schräg zu singen.

„Sag mal, wem gehört der Hund im Garten?“

„Rizzi? Der gehört Justin. Unterste Wohnung zusammen mit Valentina. Fotografen alle beide, er ist ihr Assistent. Netter Junge, etwas ernst. Er müsste ungefähr in deinem Alter sein. So!“ Sie legte den Löffel beiseite. „Bedien dich ruhig, wenn du Hunger hast! Mach dir einfach ein paar Nudeln dazu. Und komm doch später wieder nach unten. Vielleicht ist Flavia da. So lernst du rasch die ganze Belegschaft kennen!“

Ich verbrachte den Nachmittag in meinem Zimmer und studierte die paar Skripten, die ich schon bekommen hatte. Nur nicht wieder hinausgehen und diese Blicke spüren. Und dieses Beobachtetwerden. Missmutig blätterte ich durch meine Unterlagen.

Es war schwül in der Wohnung. Ich schleppte mich unter die Dusche. Das Wasser wechselte ständig zwischen heiß und kalt, aber danach war ich ein wenig munterer.

Einer hat mich angestarrt. Na und? Vielleicht hat er mich ja mit jemandem verwechselt. Und dann? Habe ich mich verfolgt gefühlt. Wirklich gesehen, dass jemand hinter mir herkommt …? Nein, hab ich nicht. Also.

Ich straffte die Schultern, als könnte der reine Wille zum Glück es herbeizwingen. Ich lass sie mir nicht kaputtmachen, dachte ich, meine neue Freiheit, meine Unabhängigkeit! Mit feuchten Zehen schlüpfte ich in meine Flip-Flops und lief hinunter ins Atelier.

Ich atmete durch, als ich zwischen Lia und Ubaldo saß, wieder auf der Treppe, die anscheinend mein üblicher Platz wurde. Die beiden arbeiteten still. Zum ersten Mal an dem Tag fühlte ich mich sicher. Ich vertiefte mich in mein Italienischlehrbuch.

Die Dämmerung begann sich bereits über den Raum zu legen und aus den Ecken zu kriechen, als draußen der vertraute Pfiff ertönte. Dann flog die Tür auf und Rizzi stürmte herein, doch diesmal kam er nicht allein.

„Ah, Justin!“ Lia winkte. „Schön, dass du kommst. Dann kannst du gleich Selina kennenlernen.“

Justin folgte seinem Hund deutlich langsamer. Die dunklen Haare hingen ihm wirr und nachlässig in sein düsteres Gesicht. Sein Blick aus seltsam hellen Augen traf mich direkt, dann zuckte er zur Seite. Ich spürte ihn nachglühen wie einen Schmerz.

Und das war er. Der Moment, der mein Leben in ein Vorher und ein Nachher teilte. Und nichts dazwischen.

„Selina?“ Ich hörte die Stimme meiner Tante wie durch Watte.

Justin, dachte ich. Justin. Ihm gehört der Hund.

Der Puls klopfte wie ein kleines gefangenes Tier in meinem Hals. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, mich in Zeitlupe zu bewegen. Ich legte mein Buch auf die Treppe, stand auf, ließ den Halt des Geländers los und schaffte es ohne zu stolpern durch den Raum.

„Freut mich“, murmelte ich, streckte Justin die Hand hin und spürte kurz den Druck seiner kühlen Finger. Sein Blick traf mich erneut, flüchtig diesmal. Er antwortete so leise, dass ich ihn kaum verstand. Es klang wie: „Ja. Okay.“ Dann hatte er auch schon Rizzi, der sich wedelnd und hechelnd an mein Bein drückte, am Halsband gepackt. Die Tür fiel zu und sie waren fort.

Ich stolperte zurück zur Treppe, kauerte mich auf die Stufe. Zum Glück achtete niemand auf mich. Der Schatten am Tor, das war er gewesen. Justin. Wie ein Flashback ergriffen mich der Schreck und die Unsicherheit des letzten Abends.

Justin. Seine Augen schimmerten wie Kiesel, die unter Wasser lagen. Oder unter Eis. So kalt hatten sie mich angeblickt. Als wäre ich das Letzte auf der Welt, was er sehen wollte. Und ich? Alle Alarmglocken in meinem Kopf waren zugleich losgegangen, als dieser Blick mich getroffen hatte: Renn! Lauf weg! Egal wohin, nur fort!

Und dann?

Der Gesang einer Sirene hatte sich eine schmale Spur durch meine Gedanken gebahnt, süß, klebrig und unwiderstehlich. Ich hatte plötzlich ein Flattern in mir gespürt, wollte reflexhaft nur dem betörenden Ruf folgen. Und der Ruf kam von Justin.

Ich schlang Schutz suchend die Arme um mich, versuchte mich zu konzentrieren. Was lief hier ab? Ich verstand es nicht. Wurde ich jetzt verrückt, psychotisch? War ich getrieben von Wahnvorstellungen? War es vielleicht nie etwas Anderes gewesen?

*

Er: Er hätte nicht hingehen sollen. Verdammt! Und da war noch etwas. Er konnte es spüren. Irgendetwas war da draußen. Es beunruhigte ihn. Genau wie ihre Anwesenheit im Haus. Fast verrückt machte es ihn. Beides. Ein Glück, dass er morgen weg war. Hoffentlich lang genug. Obwohl er … lieber bleiben würde. Eigentlich. Er verstand es nicht! Nicht im Geringsten.

3

‚Restauro G. Montaloro’ stand in goldenen Buchstaben auf der staubigen Auslagenscheibe. G für Giuseppe. Der Restaurierungsbetrieb würde meine Praktikumsstelle sein. Ich stieß die Tür auf und ein Glockenspiel bimmelte scheppernd. Der Laden war düster und vollgestellt mit alten Möbeln, Stühle hingen an Haken von der Decke, in einer Ecke lehnten ein paar alte Spiegel, daneben das Gerippe eines Schranks. Es roch nach Holz und Leim. Irgendwo im Hintergrund wurde gehämmert.

„Hallo?“ Meine Stimme verhallte, ohne dass etwas geschah. Ich bückte mich zu einer bemalten Truhe hinunter und stieß beim Aufrichten gegen eine Stuhlpyramide. Sie schwankte, geriet aber zum Glück nicht aus der Balance.

„Na, na!“ Der Mann, der aus dem Hinterraum der Werkstatt auftauchte, wirkte genau so verstaubt wie alles hier. Er wischte sich die Hände an einem Stofffetzen ab. „Maria-Selina, nicht wahr?“

„Nur Selina, Signor Montaloro.“ Mit einem Mal überkam mich Scheu. „Ich bin zu spät. Entschuldigung. Ich hab es nicht gleich gefunden.“

„Ah.“ Er zuckte die Achseln. „Ich weiß doch noch nicht einmal, wie spät es ist. Du kommst, wenn du kommst, und du gehst, wenn die Arbeit fertig ist, anders geht das nicht. Die Möbel sind schließlich keine … keine, was weiß ich!“ Sein Händedruck war kräftig. „Und spar dir den Signor. Sag Pino zu mir wie alle.“

Er winkte mich in den Hinterraum, reichte mir einen langen Schurz, wie er selbst einen trug und erklärte mir brummelnd, was zu tun war. Mit Hingabe begann ich zu schaben und alten Lack aus den Rillen eines Schranks zu kratzen. Wir arbeiteten still, auf einem staubigen Regal dudelte leise ein Radio. Pinos ganze Energie zum Reden schien mit unserer Begrüßung aufgebraucht, aber das passte mir gut. Ich arbeitete auch gerne still und konzentriert und hing dabei meinen eigenen Gedanken nach. Seit gestern kreisten sie um Justin. Unaufhörlich. Doch ich war noch keinen Schritt weitergekommen.

Valentina fotografiert bei der Modewoche in Mailand, hatte Lia mir am Abend erklärt. Sie fahren morgen in aller Frühe.

Ich hätte fast aufgestöhnt vor Erleichterung: Justin würde fort sein. Ich wusste weder, warum ich so froh darüber war, noch, warum ich eigentlich solche Angst vor ihm hatte. Denn die hatte ich – seit dem seltsamen Erlebnis im Garten.

Alles nur Einbildung, hatte ich mir die halbe Nacht vorgesagt, aber das konnte nichts ändern an dem beklemmenden Gefühl der Furcht.

Und noch ein anderer Verdacht war mir gekommen: In der Bar mit Celia, der Mann, der mich angestarrt hatte … wenn das nun auch … Justin gewesen wäre? Aber warum? Nein, das war alles Unsinn. Was mich allerdings am meisten verwirrte, war etwas ganz anderes: Ich vermisste ihn. Der Erleichterung, ihn los zu sein, war sofort ein flaues Gefühl des Verlustes gefolgt, und das kam mir fast noch absurder vor als die Angst.

Bis zum späten Nachmittag waren die meisten der Schrankrillen sauber, meine Hände dafür reinstes Sandpapier. Ich bearbeitete sie am Waschbecken im Hinterraum mit Schmierseife und Fettcreme. Meine Großmutter fiel mir ein und ich musste lächeln. Sie hatte sich unter meinem Praktikum sicher vorgestellt, dass ich in einem Museum mit Wattebäuschen über Bilder rubbelte. Wenn möglich im schicken Kleidchen.

Ich trat aus der kühlen Werkstatt auf die Gasse hinaus, in der sich die Hitze des Tages staute. Zwischen den Dächern leuchtete blau der Himmel. Die Marktstände auf dem Campo nebenan waren abgebaut, aber in den Seitengassen herrschte reges Treiben.

Jetzt gehöre ich dazu, dachte ich, zu denen, die hier leben und arbeiten und die die Stadt ausmachen. Ein Lächeln stieg mir in die Kehle und ich glaube, erst in dem Moment kam ich wirklich an.

Ein Mann rempelte gegen meine Schulter und riss mich unsanft aus meinen Gedanken. Er hielt mich einen Moment fest, als hätte er Angst, ich könnte hinfallen. „Scusi!“, murmelte ich automatisch, während ich von ihm weg strebte. Sein Griff an meinen Armen war mir unangenehm. Sein Geruch stieg mir in die Nase. Modrig und … das war doch … Ich drehte den Kopf zur Seite.

Er stieß ein kurzes Lachen aus, dann war er schon weiter, während mein Herz plötzlich klopfte. Was war so merkwürdig an dem Mann gewesen? Automatisch tastete ich nach meiner Geldbörse. Nein, nicht gestohlen. Ein Glück. Ich klemmte mir den Rucksack fester unter den Arm und schlenderte weiter.

Der Tisch war gedeckt, das Nudelwasser dampfte - Lia erwartete mich bereits. „Dein erster Arbeitstag in Rom“, rief sie fröhlich. „Das muss doch gefeiert werden! Und außerdem …“ Sie wedelte mir mit einer bedruckten und gefalteten Karte vor der Nase herum. „Was meinst du, was das ist? Erkennst du es?“

„Klar!“ Ich hielt ihr Handgelenk fest. „Das Bild steht im Atelier. Ist das etwa …?“

„Ganz genau, das ist es!“ Sie schlug die Karte auf und las feierlich: „Die ‚Galleria Ennio d’Asti’ erlaubt sich, Sie und Ihre Freunde zur Eröffnung der Ausstellung ‚Lia Korn - Eindrücke’, Arbeiten in Acryl und Öl herzlich einzuladen. Einführende Worte … und so weiter und so weiter. Juhu!“ Mit einem Juchzer fiel sie mir um den Hals. „Nächste Woche schon. Bei Ennio. Er ist nicht nur ein Freund, sondern auch einer der angesagten Galeristen der Stadt. Ich wollte bis jetzt nichts sagen, weil ich es selbst kaum glauben kann. Ich musste das erst gedruckt sehen. Abergläubisch, ich weiß, aber … puh! Also, müssen wir heute feiern oder nicht?“ Sie zog schwungvoll eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank, ließ den Korken knallen, dass der Sekt aufschäumend über ihre Hand und den Tisch sprudelte, und schenkte uns beiden einen kräftigen Schluck in unsere Wassergläser.

Dann stießen wir an, aßen auf der Terrasse unsere Spaghetti und saßen schließlich inmitten der nächtlichen Geräusche und dem Sternengefunkel. Wir kicherten, tranken den Rest der Flasche aus und ich dachte, dass dies der perfekteste Abend war, den ich je erlebt hatte.

Der Keller, Schatten umschleichen mich, recken ihre Finger nach mir, ich will fliehen, aber meine Füße bewegen sich, als würden sie in zähem Gummi feststecken, die Angst im Hals erstickt meine Stimme, ich versuche zu schreien, aber kein Ton kommt heraus. Die Wände schließen mich ein, langsam und unerbittlich. Und jemand wartet, wartet im Dunkeln … auf mich.

Mein Herzschlag raste und ich schnappte wimmernd nach Luft. Mein T-Shirt klebte mir schweißnass am Körper. Im ersten Moment war ich völlig desorientiert. Wo war ich? Träumte ich noch? War es vorbei? Oh Gott, bitte … Ich hatte das unscharfe Bewusstsein, etwas Schlimmerem als dem Tod entronnen zu sein.

Der Traum. Ich nannte ihn absichtlich nie ‚meinen’ Albtraum, damit er sich nicht für immer in mir festmachte und ein endgültiger Teil von mir würde. Dabei fürchte ich, er war es schon längst.

Er hatte mit den Kellern unseres Familienansitzes zu tun. Das Schloss war über der alten Razburg errichtet worden, deren Vorratskeller und Verliese zum Teil noch erhalten waren. Natürlich war es mir immer strengstens verboten gewesen, dort zu spielen. Noch nicht einmal in die Nähe der modrigen Räume hatte ich gedurft. Aber was gibt es für einen größeren Anreiz als ein Verbot?

Ich war vielleicht fünf Jahre alt gewesen, als ich mich zum ersten Mal in die Tiefen des Schlosses gewagt hatte. Allein. Ich erinnerte mich deutlich daran, die alten Stufen hinunterzuschleichen, das Herz vor Aufregung im Hals, so, dass ich kaum noch atmen konnte, eine Kerze in der Hand und meinen Teddy unter den Arm geklemmt. Es war feucht und kalt und sehr dunkel gewesen. Ich erinnerte mich auch an den Schrecken, als irgendetwas mir plötzlich den Rückweg abgeschnitten hatte, und an die Schatten. Vor allem an die Schatten. Ich wusste nicht, was noch passiert war damals, ich hatte nur wie eine Blitzlichtaufnahme das Bild meiner Großmutter vor Augen. Auf einmal hatte sie vor mir gestanden. Das war mir in Erinnerung, mehr nicht.

Mit zitternden Fingern tastete ich nach dem Lichtschalter. Im Schein der Lampe beruhigte ich mich ein wenig. Später schaffte ich es, sie wieder auszuknipsen, ohne in Panik zu geraten. Mit brennenden Augen lag ich wach und starrte in die Dunkelheit.

Irgendetwas musste heute passiert sein, das den Traum ausgelöst hatte. Irgendetwas die Erinnerung an den Keller heraufbeschworen haben. Aber was? Ich spulte den Tag noch einmal ab: Werkstatt, dann nach Hause und Abendessen mit Lia. Der fröhliche Abend auf der Terrasse. Sonst nichts. Und doch — etwas war da. Schien mir verzweifelte Zeichen vom Rande meines Bewusstseins zu geben, aber je mehr ich versuchte, die Zeichen zu entziffern, desto mehr entzogen sie sich.

4

Schnell duschen und den ganzen Arbeitsstaub abspülen! Pino und ich hatten dem Schrank heute die letzte Schicht Politur gegeben und seine ganze alte Schönheit wiederhergestellt. Ich war wirklich stolz: Mein erstes Werkstück.

Nur hatte ich jetzt ziemliche Eile, zu Lias Ausstellungseröffnung zu kommen. Pünktlich würde ich es sowieso nicht schaffen, allerdings würde es auch nicht Punkt sechs Uhr losgehen, hatte Lia gemeint.

Ich schlüpfte in meine alte schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt - Schwarz war für Vernissagen immer gut. Jeansjacke drüber und fertig. Meine Haare flatterten feucht hinter mir her, als ich zur U-Bahn rannte und dabei auf dem Handy Celia anrief.

Lia war in den letzten Tagen ein Nervenbündel gewesen. Ihre Bilder schienen ihr mit einem Mal nicht mehr zu gefallen. Die vergangenen Abende hatte sie in der Galerie damit verbracht, ihre Sachen zu hängen, und ich beneidete ihren Galeristen, Ennio, nicht, der sich auf eine Ausstellung mit ihr eingelassen hatte. Andererseits fieberte ich mit ihr.

In der Schule hatten wir uns heute mit Werkstoffkunde gelangweilt, das war ziemlich trockener Lernstoff, solange man nicht selbst herumexperimentieren konnte. Trotzdem war ich glücklich: Schon eine Woche keine Albträume mehr, keine Panikattacken, nicht mehr das Gefühl, verfolgt zu werden, sondern einfach ganz normal leben.

Hier war schon meine Station, Piazza di Spagna. Celia wartete vor dem Eingang. Sie sah fantastisch aus in dem bunten Flatterzeug aus dem Laden ihrer Mutter.

Das Stimmengewirr aus der Galerie drang bis in die Gasse hinaus. Den offiziellen Teil mit Reden und Begrüßungen schienen wir verpasst zu haben, alle balancierten bereits Gläser und Teller mit Häppchen in den Händen. Lias Bilder leuchteten bunt von den Wänden.

„Selina!“ Lias Gesicht strahlte glücklich aus einer Traube Menschen hervor, die sie umlagerte und die sie mir so schnell vorstellte, dass ich mir kaum einen Namen merkte. Ich fühlte mich ein wenig unbeholfen inmitten dieser ultraschicken, intellektuellen Stadtmeute. Außerdem hatte ich Probleme, ihrem rasanten italienischen Schlagabtausch und ihren Witzen zu folgen. Eine Spur zu schnell trank ich ein Glas Prosecco und blickte mich unauffällig nach Celia um, die in der Menge verschwunden war. Ennio schien mein Unbehagen zu bemerken. Er löste sich von Lias Seite und nahm mich leicht am Ellenbogen. „Du musst Hunger haben“, meinte er lächelnd. „Du hast doch bestimmt bis eben noch gearbeitet, oder?“ Ich zuckte die Schultern. „Komm, schauen wir nach, ob wider Erwarten am Buffet noch etwas übrig ist!“ Seine Augen hinter der Brille blitzten belustigt. „Obwohl ich fürchte, dass wir zu spät sind. Die Meute braucht selten länger als fünf Minuten, um alles abzugrasen. – Erzähl mir von deiner Werkstatt. An was arbeitest du gerade?“ Er angelte mir eines der letzten Brötchen vom Buffet.

„Pino hat einen fantastischen Auftrag.“ Ich biss in das Käsebaguette und musste erstmal kauen. „Er soll die Holztäfelungen in einer Kapuzinergruft restaurieren. Und ich darf mitarbeiten!“

„Die in der Via Veneto? Ist ja toll! Das musst du mir noch mal genauer erzählen, Jetzt muss ich aber …“ Er deutete entschuldigend zum Eingang und eilte davon.

Ich schob mir den Rest des Brötchens in den Mund und ließ meinen Blick durch den hinteren Raum der Galerie schweifen. Hier war es nicht ganz so gedrängt voll wie vorne.

An eine Säule gelehnt, die eine Hand lässig in der Hosentasche seiner abgewetzten Jeans vergraben, in der anderen eine Kamera, die langen Finger um das Objektiv gelegt, stand Justin. Die Haare hingen ihm dunkel in sein abweisendes Gesicht. Ich würgte den Bissen hinunter, so schnell ich konnte. Unwillkürlich war mir das Blut in die Wangen geschossen.

„Selina, da bist du ja!“ Lia legte mir von hinten einen Arm um die Taille. „Schau, da ist auch Justin. Er macht heute Abend die Fotos. Solche Sternstunden wollen dokumentiert sein.“ Sie lachte. „Komm!“ Sie zog mich mit sich und merkte in ihrer Begeisterung gar nicht, wie widerstrebend ich ihr folgte. „Justin, du musst unbedingt ein Foto von uns machen! Wärst du so nett?“ In der Ecke erhob sich schwanzwedelnd Rizzi. Er hatte dort zusammengerollt neben einer Kameratasche gelegen. Ich bückte mich zu ihm hinunter, froh um die Ablenkung.

„Hier steckt ihr!“ Jetzt gesellte sich auch noch Celia zu uns. „Signora Korn, Ihre Sachen gefallen mir wirklich sehr gut“, meinte sie vergnügt.

„Danke, Celia. Aber bitte sag Lia zu mir. Können wir uns nicht duzen? Ich fühle mich sonst so alt. Los, du musst auch aufs Foto!“ Lia zog meine Freundin in ihren anderen Arm.

Justin hob die Kamera. Sein Blick streifte uns nachlässig. „Lächeln“, murmelte er und das Blitzlicht leuchtete ein paar Mal schnell hintereinander auf.

„Ich hab mich gefragt, ob die Mauern auf dem einen Bild von dir vielleicht euer Familienschloss sein sollen“, wandte Celia sich an meine Tante.

„Du meinst Schloss Razburg?“ Lia hob erstaunt die Augenbrauen. „Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Eigentlich sind es einfach Mauern, aber du hast recht. Wahrscheinlich sind sie von Razburg inspiriert. Aufgestiegen aus meinem Unterbewusstsein.“ Sie lachte.

„Ist das da, wo ihr herkommt?“ Justins Stimme war tief und für einen Moment hatte ich die seltsame Empfindung, er bemühte sich, sie möglichst banal klingen lassen. „Schloss Razburg?“

„Ja. Selina hat es gerade erst geschafft, unserem hauseigenen Drachen namens Charlotte zu entwischen. Das ist meine Mutter.“ Lia zwinkerte mir zu. Justins Blick traf mich direkt. Es lag eine Intensität darin, dass ich mich beherrschen musste, nicht zurückzuweichen. Im nächsten Moment hatte er sich schon abgewandt. Er murmelte eine kurze Entschuldigung und drückte sich an uns vorbei. Seinem Gesichtsausdruck nach schien er uns bereits vergessen zu haben.

Den Rest des Abends nahm ich nur noch diffus wahr, während ich mit Lia, Ennio, Flavia, die im Gegensatz zu ihren Brandmauer-Bildern aus denen das Blut quoll, sehr fröhlich aussah und ihr rotes Haar zu einem seidenschalumwickelten Turban aufgetürmt hatte, ihrem unscheinbaren Mann Fabrizio, dem schweigsamen Bildhauer Ubaldo, Celia natürlich und noch ein paar anderen in einer Trattoria saß und Lias Erfolg feierte. In der Erdgeschosswohnung war kein Licht zu erkennen, als wir endlich nach Hause kamen.

Ich konnte noch lange keinen Schlaf finden, lag mit brennenden Augen, starrte in die Dunkelheit und lauschte auf die Geräusche der Nacht. Justin. Nicht, dass ich keine Angst mehr gehabt hätte, aber … in meinem Herz hatte sich eine Sehnsucht breitgemacht, so groß, dass ich hätte weinen können.

*

Er: Razburg. Ausgerechnet. Irgendwo musste er sogar noch ein Foto von dem Schloss haben. Es war schon eine Zeit her. Er erinnerte sich an ein Kind mit Zöpfen. War sie das gewesen? Selina? Musste wohl. Wie alt sie wohl war? Und Lia kam auch aus dem Schloss. Er hatte es nicht gewusst. Lia war davongekommen, wie es aussah. Selinas Mutter war anscheinend noch dort. Und dieser Drachen natürlich, die Großmutter.

Selina. Hatten sie sie gehen lassen? Er konnte es sich kaum vorstellen. Seltsam!

Sie war … hübsch. Sehr sogar. Sie hatte so etwas … Durchscheinendes. Auch wenn er es, so gut es ging, vermied, sie anzusehen. Um sie nicht in die Gefahrenzone zu bringen, hatte er erst gedacht. Dachte er immer noch, aber … Als er heute ihr Gesicht durchs Objektiv betrachtet hatte …

Lia hatte sie hinter sich hergeschleift, obwohl sie sich gewunden hatte wie ein Fisch. Er hatte deutlich spüren können, wie all ihre Fluchtreflexe in Gang gekommen waren. Als sie gemerkt hatte, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als mitzuspielen, wenn sie nicht unhöflich sein wollte, war etwas Seltsames geschehen: Sie war einfach stehen geblieben, ganz ruhig, hatte sich zu ihm gedreht, ihn frontal angesehen; sie schien sich unmerklich zu straffen, hatte das Kinn leicht gehoben und direkt in die Kamera geblickt, plötzlich völlig gelassen. Und der Ausdruck in ihren Augen … Er konnte es nicht genau beschreiben, aber etwas in ihnen hatte … kampfbereit gewirkt. Mit einem Mal hatte er, Justin, sich als Opfer gefühlt. Nur einen Moment lang, aber das hatte ihm gereicht. Als ginge die Anziehung, das Singen von ihr aus. Aber das konnte nicht sein. Sie war doch nicht eine von ihnen, das hätte er sofort gewusst. Was war es also?

Ganz egal, auf jeden Fall würde er ihr nach Kräften aus dem Weg gehen. Vielleicht hatte er ja Glück und sie verschwand wieder, so plötzlich, wie sie hier aufgetaucht war.

*

Justin. Ich schrieb es ganz zart mit Bleistift unter das Datum des Vortages in mein Tagebuch. Ich starrte den Namen lange an, dann radierte ich beides wieder aus.

Ich war so weit fort vom Schloss und fühlte mich trotzdem noch kontrolliert. Von meiner Großmutter. Vom Schloss. Als würde mir ein Teil davon immer über die Schulter lugen, um zu sehen, was ich tat. Wenn meine Großmutter den Namen hätte lesen können … Du liebe Güte! – Warum eigentlich? Egal. Mir wurde allein bei dem Gedanken mulmig. Deswegen hatte ich ihn ausradiert. Eine kleine Schmierspur blieb zurück. Ich wusste, was sie bedeutete und das war genug.

Später ging ich in den Garten. Im Erdgeschoss war auch jetzt keine Spur von Leben zu erkennen. Ich hatte mir ein Buch mitgenommen und in die Marmorhand geschmiegt, versuchte ich zu lesen. Aber wahrscheinlich wäre mir nicht einmal aufgefallen, wenn ich das Buch kopfüber gehalten hätte. Ich sah auf jeder Seite Justins Gesicht vor mir, seine hellen Augen, die kontrollierte Spannung in seinen Mundwinkeln. Zwischendurch wurde mir plötzlich so heiß, als hätte ich mich selbst bei etwas Verbotenem ertappt und ich blätterte schnell die Seite um, nur um die nächste genauso blind anzustarren.

Auf der Vernissage hatte ich die Fotografin, bei der Justin wohnte und arbeitete, Valentina, zum ersten Mal gesehen. Sie war eine beeindruckende Frau, sehr groß, mit kurzen grauen Haaren, die ihr wie ein Helm um den Kopf lagen. Sie hatte mich kurz angesehen, aus Augen, die nur eine Spur dunkler waren als ihr Haar, kühl und durchdringend, dass ich mir vorkam wie ein Käfer auf dem Seziertisch. Trotzdem hatte sie es geschafft, dabei auf eine distanzierte Art freundlich zu wirken. Erst als sie sich umgedreht hatte, war mir aufgefallen, dass ich unwillkürlich die Luft angehalten hatte.

Ich klappte das Buch zu und beschloss, eine Runde über den Platz vor der Basilika zu drehen. Zwischen den Verkaufskarren mit den Marmor imitierenden Heiligenbüsten und Papstköpfen stand wie eine verwitterte alte Krähe eine Bettlerin. Ihre Zehen ragten aus den Löchern ihrer Filzpantoffel. Schwarze Krallen. Sie stand fast jeden Tag hier, mit ihrem Holzschüsselchen in der Hand. Ich legte ihr eine Münze hinein und sie lachte mich zahnlos an.

„Bis später“, greinte sie mit ihrer heiseren Stimme. „Bis später!“ Ich nickte nur. Vielleicht dachte sie, ich würde ihr nachher noch etwas geben, aber so viel hatte ich leider selbst nicht. Ich setzte mich auf eine der Steinbänke, von der aus ich unsere Eingangspforte im Auge hatte. Wartete. Auf Justin. Ich wollte ihn wiedersehen. Wollte dem, was hier ablief, auf den Grund gehen. Ich hatte mit einem Mal nicht mehr die geringste Lust, mir Angst einjagen zu lassen.

Er war nicht gekommen und ich hatte nicht den Mut gehabt einfach bei ihm zu läuten. Es war kühl geworden und ich ging langsam durch den Garten hinauf in die Wohnung. Der vertraute Geruch der Räume empfing mich wie in eine Umarmung.

„Selina, schau mal die Fotos! Justin hat sie vorher gebracht.“ Lia stand strahlend am Küchentisch, über den bunte Abzüge verstreut lagen.

„Sieh mal, was Ennio hier für ein Gesicht schneidet. Und wie nett das von dir ist. Du bist wirklich fotogen.“ Sie blickte auf. „Wo kommst du denn her? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“