Dreckige Rebellen - Heinz Squarra - ebook

Dreckige Rebellen ebook

Heinz Squarra

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Opis

Western von Heinz Squarra Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten. Der Texaner Flint Sherman will sich an den Yankeesoldaten rächen, die ihm alles genommen haben. Durch Zufall trifft Norman Corrin auf Sherman und seine Leute. Doch Corrin hat genug von dem Krieg und will nach Mexiko, um dort Arbeit zu finden.

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Heinz Squarra

Dreckige Rebellen

Cassiopeiapress Western

Vesta80331 München

Dreckige Rebellen

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 175 Taschenbuchseiten.

 

Der Texaner Flint Sherman will sich an den Yankeesoldaten rächen, die ihm alles genommen haben. Durch Zufall trifft Norman Corrin auf Sherman und seine Leute. Doch Corrin hat genug von dem Krieg und will nach Mexiko, um dort Arbeit zu finden.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

1866

Heiß brannte die Sonne auf das ausgedörrte, rissig gewordene Land, auf die blattlos gewordenen Scrubbüsche, die Kakteen und die schwarzen vulkanischen Felsen. Die hitzegeladene Luft flimmerte über der weiten TexasPrärie, so dass es schien, als wäre überall Wasser, und als würden die Büsche, die Kakteen, die Vulkanfelsen und die verwahrlosten Gebäude der Ranch schwimmen.

Norman Corrin hatte sein Pferd gezügelt und blickte zu den Gebäuden hinüber. Vom Haupthaus war die weiße Farbe geblättert, ein paar Fensterscheiben waren zertrümmert, und das Dach des zweistöckigen Gebäudes war durchlöchert. Im Hof und auf der breiten Freitreppe lagen die Trümmer des Windradturmes, der sicher schon vor längerer Zeit umgestürzt war. Die anderen Gebäude sahen ähnlich aus. Die Corrals waren zum größten Teil niedergerissen. Aber das Schlimmste war, dass Norman Corrin nirgendwo ein Rind oder ein Pferd sehen konnte.

Norman richtete sich im Sattel auf und schnalzte mit der Zunge. Sein braunes Pferd lief weiter, vorbei an zertrampelten Corrallatten und dem langen Bunkhaus mit den Scherbenresten in den kleinen Fenstern und ein paar Löchern in der Bretterwand. Norman Corrin war ein großer braungebrannter Mann mit hellblondem Haar, einem schmalen Gesicht und steingrauen Augen. Er war jetzt achtundzwanzig Jahre alt. Er trug einen abgeschabten braunen Lederanzug, ein verwaschenes Hemd, ein helles Halstuch und Texasstiefel, die alt und brüchig waren.

Norman Corrin hatte das Haus noch nicht ganz erreicht, als sich die hohe Tür kreischend öffnete und ein älterer Mann mit einem Gewehr in der Armbeuge auf die Veranda kam, deren Bretterboden knarrte. Der Mann blieb mit leicht gespreizten Beinen stehen und spannte den Hammer der Sharps, die auf Norman gerichtet war. Norman hatte sein Pferd gezügelt und blickte auf den Mann, dessen stoppelbärtiges Gesicht eine Maske der Ablehnung war.

»Was wollen Sie?«, fragte der Mann barsch und kalt. »Was haben Sie hier auf meinem Land zu suchen?«

»Entschuldigen Sie.« Norman lächelte und zuckte die Schultern. »Es ist doch bestimmt nicht verboten, über ihr Land zu reiten, oder?«

»Sagen Sie, was Sie wollen, und dann verschwinden Sie schleunigst!«, schimpfte der Mann und machte mit seiner mörderischen Flinte eine herrische Bewegung.

»Na ja, ich suche eigentlich Arbeit. Als Cowboy, verstehen Sie!« Norman schaute sich auf der toten Ranch tun. »Aber ich sehe schon, dass Sie doch keine haben.«

Der Mann ließ das Gewehr etwas sinken und kam ein paar Stufen der breiten Freitreppe herunter. Er stieß ein Brett des eingestürzten Windradturmes in den Hof und lehnte sich leicht gegen das knarrende Geländer.

»So, Arbeit als Cowboy?«

»Ja.«

»Ich hätte schon Arbeit.« Der Mann ließ das Gewehr nun ganz sinken. »Vor allem für Männer, die selbst Waffen, Lassos und Pferde besitzen.«

Norman blickte auf seinen Sattel, auf die Winchester 66, die aus dem Scabbard ragte, und auf das Lasso am Sattelhorn.

»Meine Rinder streunen irgendwo herum«, fuhr der Rancher fort. »Man muss sie nur einfangen und dorthin treiben, wo es Geld dafür gibt. Unionsgeld, verstehen Sie? Überall im Osten hungern die Menschen. Heute werden fantastische Preise für Rinder gezahlt. Natürlich könnte ich meine Cowboys auch erst bezahlen, wenn die Rinder verkauft sind.«

Norman lächelte den Mann an.

»Haben wir uns verstanden, Cowboy?«

»Ja, ja, natürlich.« Norman nickte. »Und an welchen Lohn dachten Sie dabei?«

»An den üblichen. Dreißig Dollar pro Monat.«

Norman nickte wieder.

»Sie suchen also Männer, die alles selbst besitzen, was zum Einfangen verwilderter Rinder nötig ist, die vorläufig auf ihren Lohn verzichten, Rinder fangen und nach Nordosten treiben und irgendwann einmal bezahlt werden. Das heißt, die an dem Tage bezahlt werden, an dem Sie, Mister, durch die Arbeit dieser Männer reich geworden sind.«

»Es sind meine Rinder, die ich einfangen will!«, zischte der Rancher erbost.

»Kann schon sein. Aber ohne Männer mit entsprechender Ausrüstung wird daraus nichts. Wie wäre es denn mit einer Beteiligung?«

Der Mann hob das Gewehr wieder an.

»Jetzt wird es Zeit, dass du verschwindest, unverschämter Halunke!«

Norman sah, dass sich die fadenscheinige Jacke des Mannes bei der jähen Bewegung verschob und der abgewetzte Kolben eines schweren Revolvers sichtbar wurde. Er drängte das Pferd rückwärts und wendete es in dem verwüsteten Hof.

In diesem Moment entlud sich das Gewehr mit einem peitschenden Knall. Die Kugel fuhr neben dem Pferd in den Boden und warf feinen Sand in die Luft. Das Pferd wieherte erschrocken und schnellte mit einem Satz vorwärts. Norman verlor fast den Halt im Sattel. Er griff nach dem Sattelhorn und zog die Zügel an. Wieder wieherte das Pferd und stieg in die Höhe.

Der stoppelbärtige Rancher ließ das Gewehr fallen, lachte bellend und zerrte den schweren Revolver mit dem achtkantigen Lauf aus dem Holster. Er feuerte und seine Kugeln trafen hinter dem Pferd den Boden. Erneut stob das Tier vorwärts, aber Norman lenkte es hart nach links.

»Verschwinde, du Idiot!«, schrie der Rancher und feuerte die Trommel des Revolvers leer. Er stand in einer riesigen Wolke grauen Pulverrauchs und lachte noch, als Norman schon zurückkam, das erschrockene Pferd parierte, den Revolver aus dem tiefgeschnallten Holster zog und feuerte.

Eine Stichflamme jagte dem Rancher entgegen, und die Kugel riss ihm die Jacke an der Schulter auf. Er sprang zurück. Da kam schon der nächste Feuerstrahl. Der Rancher hörte nur einen ohrenbetäubenden Knall. Die Kugel traf seinen Hut und nahm ihn mit. Sie schleuderte ihn durch die Luft und zwischen die Trümmer auf der Treppe.

Norman war mit einem Satz aus dem Sattel und bei dem Mann, der ihm seine leergeschossene Waffe entgegenwarf. Norman duckte sich. Der noch rauchende Revolver flog über ihn hinweg. Er sprang den stoppelbärtigen Mann an und setzte ihm die Faust mit solcher Wucht ins Gesicht, dass der Rancher strauchelte, auf ein Brett trat und zu Boden stürzte. Er kam mit einem Wutschrei wieder auf die Beine und wollte Norman anspringen, aber dessen Faust traf ihn gegen die Stirn und warf ihn abermals zu Boden.

Norman ging zurück, bückte sich nach dem Colt, den er hatte fallenlassen, schob die Waffe ins Holster und ging zu seinem Pferd. Als er sich in den Sattel schwang, setzte sich der stoppelbärtige auf und wischte einen Blutspritzer von seinem Kinn.

»Unterlassen Sie solche Späße mit Reitern, die nach Arbeit fragen!«, sagte Norman scharf. »Auf uns ist so viel geschossen worden, dass wir nicht lange fackeln.«

Fluchend stand der Mann auf und schlug sich den Sand von der Hose und der schäbigen, lädierten Jacke.

»Verlassen Sie auf der Stelle mein Land, Sie verdammter Halunke!«

Norman ritt auf den Mann zu, beugte sich aus dem Sattel und sagte: »Und Sie nehmen auf der Stelle den Halunken zurück!«

Der Mann fluchte, machte einen Satz vorwärts und schlug zu. Norman wehrte die Faust mit dem Unterarm ab, und der Rancher traf den Hals des Pferdes. Norman schmetterte ihm die Handkante gegen den Hals, und der Mann brach neben dem Pferd zusammen.

2

Jäh zügelte Norman Corrin sein Pferd, als der Klang von fernen Schüssen über das weite Prärieland hallte. Vor ihm im Süden war das Dickicht der Büsche dichter geworden. Es überzog weite Teile der Prärie. Dichter als vorher standen auch die schwarzen Felsentürme vulkanischen Ursprungs, und aus dem Dunst der Ferne hoben sich die grauen und rötlichen Hänge der Santiago Mountains ab.

Norman zog die Winchester 66 aus dem Scabbard und repetierte sie mit einer schlenkernden Handbewegung. Er ritt weiter und suchte wachsam das unübersichtliche Gelände ab, das ihn umgab. Oft streifte das trockene Geäst der blattlosen Büsche seine Texasstiefel und die abgeschabte Lederhose und verursachte raschelnde Geräusche. Er hielt immer wieder an und lauschte, aber es fielen keine Schüsse mehr.

Nach einer Viertelstunde wurde das Gelände etwas übersichtlicher. Aber noch immer standen überall Gruppen von Büschen und vereinzelte Kakteen und Felsen, und nirgendwo regte sich etwas Verdächtiges. Norman Corrin ritt um die Buschgruppen und Kakteen herum und an den Felsen vorbei. Der Boden senkte sich etwas, und dort, wo das Gelände am tiefsten war, führte eine unbefestigte Wagenpiste von Nordosten kommend nach Südwesten hinunter. Norman folgte den Radspuren und Hufeindrücken, die er im Sand sah und die noch ziemlich frisch wirkten. Zwei Pferde waren nebeneinander gegangen und hatten einen Wagen gezogen. Einen nicht sehr schweren Wagen, wie es schien.

Nach abermals zehn Minuten sah Norman plötzlich die weiße Plane eines Wagens hinter den Büschen. Er hielt wieder an und packte das Gewehr fester. Der Wagen stand hinter den Büschen. Norman stieg aus dem Sattel, nahm den Zügel kurz und führte das Pferd weiter. Als er um die Büsche blicken konnte, las er auf der Plane die schwarze Aufschrift: »US Army«. Neben dem Wagen lag ein Unionssoldat mit dem Gesicht nach unten im glühenden Sand. Pferde waren vor dem Wagen nicht mehr zu sehen. Neben dem Soldaten glitzerte etwas im gleißenden Sonnenlicht. Norman führte sein Pferd weiter, und er kannte im nächsten Augenblick, dass das Glitzern von einer Patronenhülse kam, die abgefeuert worden war. Er stieß die reglose Gestalt an, ließ den Zügel los, bückte sich und wälzte die Gestalt auf den Rücken. Der Soldat war tot. Norman drückte ihm die Augen zu, richtete sich auf und ging zu dem Wagen. Er blickte über die hintere Bordwand und sah ein paar auseinandergerissene Decken, eine aufgebrochene leere Kiste und ein Gewehr, von dem der Kolben abgeschlagen war.

Norman ging auf der anderen Seite um den Wagen herum. Vor der Deichsel war der Boden von Hufspuren aufgewühlt. Er folgte den Eindrücken ein Stück, bis er erkannte, dass es fünf Pferde waren. Die Spuren führten weiter nach Süden, wo das Gelände wieder unübersichtlicher wurde und die grauen und rötlichen Berghänge in der Ferne etwas deutlicher zu erkennen waren.

Norman Corrin ging zu dem Toten zurück. Der Soldat war von drei Kugeln getroffen worden und sicher von einem Augenblick zum anderen gestorben. Corrin ging zu seinem Pferd, stieg in den Sattel und ritt um den Wagen herum. Er folgte den Hufspuren ins Dickicht und hörte wieder das laute Rascheln der trockenen Äste.

Zwanzig Minuten lang ritt er durch das Dickicht, dann wurde das Gelände wieder offener. Die fernen Hänge der Santiago Mountains waren etwas näher gerückt, jedoch noch mindestens fünfzehn Meilen entfernt. Die Prärie wurde hügelig. Norman erreichte eine Erhöhung, sah ein meilenlanges Tal vor sich und dahinter wieder eine Bodenwelle. Die Spuren der fünf Pferde führten an Grasnarben vorbei, um ein paar Felsen herum, durch das lange flache Tal und zur nächsten Bodenwelle. Norman folgte der Spur, und als er nach einer halben Stunde auf der nächsten Bodenwelle anhielt, sah er wieder ein langes Tal vor sich. Er sah Felsen, Büsche und Kakteen wie überall. Mitten im Tal standen zwei wurmstichige Hütten aus Brettern. Fünf Pferde standen im Schatten einer Hütte. Er ritt die sanfte Bodenwelle hinunter und den Hütten entgegen. Bevor er sie erreichte, kamen zwei Männer aus der Hütte, an der die Pferde standen. Der eine Mann hatte ein Gewehr in der Hand. Er war etwa fünfunddreißig, ein großer schmaler Mann in der schäbig gewordenen Uniform der Konföderierten, die ihren Krieg gegen den Norden vor mehr als einem vollen Jahr verloren hatten. Von der Jacke waren die Rangabzeichen gerissen worden, aber an den Streifen, die die Hose zierten, war noch zu erkennen, dass es die Uniform eines Offiziers war.

Der andere Mann war älter, grauhaarig, krumm und ausgemergelt. Er hatte ein von Falten und Runzeln übersätes Gesicht. Norman warf ihm nur einen einzigen Blick zu, dann sah er den anderen Mann wieder an. Irgendwo musste er das Gesicht schon gesehen haben, aber er vermochte sich nicht zu erinnern, wann und wo es gewesen war.

Er hielt vor den Männern und blickte zu den Pferden hinüber. Drei der Tiere waren gesattelt. Die anderen beiden trugen dicke Packen, die von Decken verhüllt wurden.

Aus der Hütte kamen zwei weitere Männer, die Norman aus zusammengekniffenen Augen musterten. Es waren jüngere Männer von zäher Gestalt, abgerissen gekleidet, stoppelbärtig, mit glitzernden wachsamen Augen und tiefgeschnallten Revolvern.

»Was wollen Sie?«, fragte der alte Mann barsch. »Wer sind Sie, und was wollen Sie hier?«

»Ich habe Durst und Hunger«, gab Norman zurück und stieg aus dem Sattel. »Und mein Pferd auch.«

»Und woher kommst du?«, fragte der Mann mit dem Gewehr.

»Von dort, wo ihr den Wagen der Armee überfallen habt.« Norman blickte den Mann wieder an. Er kannte ihn bestimmt, das wusste er.

Die beiden, die zuletzt aus dem Haus gekommen waren, legten die Hände auf die Kolben der Revolver. Der Farmer fluchte leise. Nur der Mann mit dem Gewehr grinste.

»Los, Flint, leg ihn um!«, schimpfte einer der Kerle. »Das ist sicher ein Spitzel der verdammten Yankees!«

»Unsinn. Ein Spitzel der Yankees ist vorsichtiger. Ich denke, wir gehen erst mal ins Haus. Er sieht wirklich halb verhungert aus.«

3

Norman saß an einem aus Brettern zusammengenagelten Tisch, aß das letzte Stück Brot und lehnte sich zurück. Der Farmer und die beiden abgerissenen Kerle lehnten ihm gegenüber an der Wand. Der Mann in der Uniform ohne Rangabzeichen saß rechts von ihm auf einem Stuhl. Er grinste ihn an und sagte: »Tabak?«

Norman nickte.

Der Mann griff in die Tasche und warf einen Tabakbeutel aus Leder auf die unebene Tischplatte. Norman nahm den Beutel, öffnete ihn, zog Papier und Tabak heraus und rollte sich eine Zigarette.

»Die Yankees sind in allen Städten von Texas«, sagte der Mann. »Sie nennen unser Land jetzt den fünften Militärbezirk.«

»Ja, ich weiß. Ich habe es gehört.«

»Nicht gesehen?«

»Nein, gesehen nicht.« Norman klemmte sich die Zigarette in den Mundwinkel. Er suchte in seinen Taschen nach einem Schwefelholz, aber sofort warf der Mann ihm eins zu. Norman rieb es am Tisch an und hielt die Flamme an die Zigarette.

»Wagst du dich nicht in die Städte?« Der Mann grinste breiter.

Norman sah ihn an, blies das Schwefelholz aus und ließ es auf den Boden fallen, der von Unrat bedeckt war.

»Hast du keinen Entlassungsschein, oder bist du kein Soldat gewesen?«, fragte der Mann neben ihm.

»Nein, ich habe keinen Entlassungsschein«, gab Norman zu. »Ich und ein paar andere, wir sind aus einem Gefangenenlager im Norden getürmt. Aber was hat das zu bedeuten? Hätte ich einen Job als Cowboy gefunden, dann würde niemand nach einem Entlassungsschein fragen.«

Der Mann neben ihm nickte.

»Dann vielleicht nicht. Aber du kannst keinen Job finden. Die Rancher sind völlig verarmt und können die zurückkommenden Männer weder ausrüsten, noch bezahlen. Viele können noch nicht einmal Lebensmittel für ihre Männer beschaffen. Und das liegt an den Yankees und den Handlangern, die sie in den Städten gefunden haben. Die wollen uns Texaner vernichten.«

Norman zog an seiner Zigarette und blies den Rauch über den Tisch, hinüber zu den drei anderen, die an der Wand lehnten und ihn anstarrten, misstrauisch und lauernd und ungläubig.

Der andere Mann stand auf und lachte leise.

»Wisst ihr, wer er ist?«

»Was?«, fragte der eine. »Kennst du ihn, Flint?«

»Ich habe ihn schon erkannt, als er ankam. Er heißt Norman Corrin und war eine Weile in meiner Einheit. Damals war er Sergeant. Hast du es noch weiter gebracht, Corrin?«

»Nein.« Norman zog wieder an der Zigarette und blies den Rauch zur niedrigen Decke. Sie sah so schwarz aus wie die Wände, und ein Loch war mit Blech zugenagelt. Dann schaute er den Mann wieder an, der sich umwandte und grinste.

»Ich bin Flint Sherman, Corrin. Ich war ein paar Wochen Captain bei dem Kommando in Atlanta.«

Norman nickte. »Ja, kann sein. Aber ich war da nicht lange.«

»Ich auch nicht.«

»Und wieso hat er keinen Entlassungsschein?«, brummte einer der beiden anderen Kerle an der Wand.

»Eben!«, setzte der Farmer hinzu. »Das würde mich auch interessieren!«

»Hat er doch schon gesagt. Sie sind getürmt. Hatten sie dich zu einer längeren Strafe verurteilt?«

»Vielleicht.« Norman zog wieder an seiner Zigarette. »Aber das geht euch sicher nichts an.«

Flint Sherman grinste breiter.

»Das ist ein Irrtum, Corrin. Uns geht alles etwas an, was mit den zurückkehrenden Jungs und den Yankees zu tun hat.«

»Wir müssen die Yankees aus dem Land jagen, wenn wir leben wollen!«, zischte der Farmer gehässig.

»Ihr seid ja verrückt.« Norman zog an der Zigarette, ließ sie auf den Boden fallen und stellte den Stiefel darauf. »Gegen die habt ihr keine Chance.«

»Wer sagt denn das?« Sherman setzte sich an den Tisch zurück und stützte die Ellenbogen auf die rohe Platte. »Alle Texaner haben darunter zu leiden, ausgenommen die paar Spitzel und Handlanger der Yankees. Also sind alle gegen die Yankees.«

»Aber sie werden nichts gegen sie tun. Dazu fehlt es ihnen an Mut und sicher auch an Verrücktheit. Wir haben den Krieg verloren, und eines Tages wird niemand mehr davon reden, und es wird niemand mehr verfolgt werden.«

»Aha.« Sherman nickte. »Und was willst du bis dahin tun?«

»Ich habe vom Red River bis hierher jedes alleinstehende Haus nach einem Job abgeklappert. Vergebens. Nun gehe ich allein nach Mexiko. Ich werde in ein paar Jahren zurückkommen, wenn sich die Lage normalisiert hat.«

»Er spinnt«, brummte der Farmer. »Er bildet sich ein, es würde sich etwas von selbst ändern.«

»Es muss sich ändern«, sagte Norman.

»Wenn du einer Militärstreife in die Arme läufst, nehmen sie dich fest. Dann bist du bald wieder dort, wo ihr ausgebrochen seid.« Sherman lehnte sich zurück und steckte den Tabakbeutel ein.

»Ich bin bis jetzt jeder Militärstreife aus dem Weg gegangen. Und jetzt ist es nicht mehr weit bis Mexiko.« Norman stand auf, warf einen Dollar auf den Tisch und sah den Farmer an. »Es ist Unionsgeld. Dafür können Sie in der nächsten Stadt etwas kaufen.«

Der Farmer kam näher, nahm den Dollar und steckte ihn ein.

»Er hat Unionsgeld, und seine Uniform ist er auch losgeworden. Wie mag er das nur angestellt haben, Flint?«

»Irgendwie«, entgegnete Sherman. »Das interessiert mich nicht. Aber es interessiert mich, ob ein Mann von uns das Land verlässt oder bleibt, um unseren Kampf zu unterstützen.« Er stand auf. »In den Bergen leben Männer, die gegen die Yankees kämpfen, wo immer sie sie treffen!«

»Nennt ihr das Kampf, wenn drei Männer in den Büschen lauern und den Fahrer eines Bagagewagens einfach vom Bock schießen, wenn er auftaucht, Sherman? Das ist ein merkwürdiger Kampf. Dazu sagt man überall Mord!«

Die beiden Männer an der Wand griffen nach den Kolben ihrer Revolver. Norman lächelte sie verächtlich an.

»Ja, das könnt ihr. Das weiß ich schon. Ich habe den Mann gefunden, der von drei Kugeln getroffen wurde. Drei Kugeln, von denen jede tödlich war. Also habt ihr gleichzeitig geschossen.«

Der Farmer fluchte leise.

»Sie verwüsten unser Land und wollen uns vernichten«, sagte Sherman sachlich. »Und manchmal verschleppen sie auch Mädchen.«

»Solche Befehle bekommen sie bestimmt nicht.«

»Aber sie machen es«, sagte der Farmer. »Die schlimmsten Halunken sind die Handlanger. Killoe zum Beispiel. Der war früher ein Händler in Altuda. Kurz nach Ausbruch des Krieges ging er fort. Ende letzten Jahres kam er als Major der Yankees zurück. Der ist jetzt Kommandant in diesem Bezirk. Jede Woche kommt er mit seiner Bande von Soldaten und Revolvermännern hierher und durchsucht alles.«

»Wonach denn?«

»Nach allem. Waffen, Geld, Lebensmittel. Irgendwas. Wenn ich verrückt genug wäre, ein Feld mit Mais zu bestellen, dann würde er zur Ernte kommen und alles kassieren.«

»Was denn für Revolvermänner?«, fragte Norman.

»Das ist es ja«, erklärte Sherman. »Killoe hat außer den Soldaten auch noch eine Art Leibwache. Revolvermänner. Die machen dann das, wozu sich Soldaten nicht hergeben oder was gegen die Gesetze ist. Aber in Wahrheit ist das alles legal. Die Yankees wollen uns ausrotten. Deshalb lassen sie solche Männer wie Killoe machen, was sie wollen. Aber das ist alles nicht so wichtig. Für mich geht es nur darum, ob einer von uns unseren Kampf unterstützt oder das Land verlässt.«

»Wer das Land verlässt, ist ein Verräter!«, zischte der Farmer.

Die beiden anderen Männer nickten heftig und zogen die Revolver etwas aus den Holstern.

»Shermans Vater hatte eine große Ranch«, fuhr der Farmer keifend fort. »Er war sozusagen ein reicher Mann. Dann liefen seine Rinder fort, weil niemand mehr da war, der auf sie aufgepasst hätte. Aber er hatte noch Wertgegenstände. Bilder, Schmuck und Gold! Ich weiß es, er hat es mir ein paarmal erzählt. Killoe war noch gar nicht lange hier, als wir den alten Sherman fanden. Er lag tot auf der Treppe vor seinem Haus. Natürlich war von den Bildern keins mehr da. Auch von dem Schmuck und dem Gold fanden wir nichts. Aber eines Tages kam ein Händler, der in der Stadt einen Revolvermann von Killoe wiedererkannte. Der hatte in Waco ein Bild verkauft. An einen Yankee-Offizier! Na, was sagst du dazu, Corrin?«

Norman sah Flint Sherman an.

»Was hast du denn dazu gesagt?«

»Ich habe nach dem Kerl gesucht, fand ihn aber nicht mehr. Er ist weg.«

»Also hast du keinen Beweis, dass es Killoe war, der deinen Vater umgebracht hat.«

»Ich brauche dazu keinen Beweis«, erwiderte Flint Sherman schroff und abweisend. »Er war es, und ich werde ihn dafür vernichten.«

»Wir werden sie alle vernichten!«, rief der Farmer mit seiner keifenden Stimme. »Allen Yankees den Tod!«

Einer der beiden anderen verließ die Hütte.

»Er heißt Joe«, erklärte Sherman, als der Mann durch die Tür ging. Dann nickte er zu dem anderen hinüber, der seinen Colt ins Holster schob. »Und er Cole.«

»Und wir leben in den Santiago Mountains«, sagte Cole. »Wo wir ziemlich sicher sind.«

»Und wohin sie dich mitnehmen!« Der Farmer lachte krähend.

»Ich gehe nach Mexiko«, erwiderte Norman entschieden. »Ich habe die Nase voll von eurem verdammten Krieg.«

»In Mexiko ist auch Krieg«, erklärte Cole.

»Daran muss man nicht unbedingt teilnehmen. Ich werde da drüben Arbeit finden.«

Cole ging zu einem der kleinen Fenster, öffnete es und spuckte hinaus.

»Wer das Land verlässt, ist ein Verräter«, sagte der Farmer. »Weißt du, dass Flint seine Schwester mit knapper Not vor den Yankees gerettet hat? Killoe hatte sie schon in der Stadt. Da kam Flint mit seinen Reitern. Wie ein Sturm sind sie durch Altuda. Und als sich der Staub verzog, war das Mädchen weg. Da haben die Leute vielleicht gelacht, kann ich dir sagen! Da ist nämlich keiner für die Yankees.«

»Wenn sie erfahren, dass ihr Mörder seid, sind sie früher oder später gegen euch. Sie werden dann wissen, dass sich die Lage so nie normalisieren kann.«

»Flint!«, stieß Cole hervor, der hinausblickte. Sherman war mit einem Satz bei ihm.

»Staub«, sagte Cole.

Der andere Mann kam herein und rief: »Reiter!«

»Holt die Pferde ins Haus!«, kommandierte der Farmer. »In die Küche!« Cole und Joe rannten hinaus. Die Pferde wieherten.

»Das von Corrin auch!«, rief der Farmer keifend. »Hinten durch die Tür, Cole! Verdammt, beeilt euch!«

Norman ging zum zweiten Fenster, blickte hinaus und sah im Westen hinter dem flachen Hügel eine Staubwolke, die im Sonnenlicht funkelte. Die Staubwolke war schon sehr nahe. Die Reiter mussten sich direkt hinter dem Hügel befinden.

»Es wäre besser, wir verschwinden!«, rief Cole draußen. »Natürlich sind es Yankees!«

»Schafft die Pferde ins Haus, zur Hölle!«, brüllte der Farmer. »Die sehen euch, wenn ihr verschwindet, und dann bringen sie mich um. Ich kann sie sicher abwimmeln!«

»Bist du sicher?«, fragte Sherman, der nach einem in der Ecke lehnenden Henrygewehr griff und es repetierte.

»Ich bin nicht sicher, aber wenn ihr vor denen flieht, bleiben sie euch bis zu den Bergen an den Fersen. Und die beiden bepackten Pferde müsst ihr dann auch zurücklassen.«

Irgendwo hinten im Haus knarrte eine Tür, dann schnaubten die Pferde im Haus und ein Huf knallte gegen eine Bretterwand.

»Jedenfalls kommen sie nicht von dort, wo der Wagen steht«, fuhr der Farmer fort. »Also wissen sie davon noch nichts.«

Hufschlag hallte durch das Tal. Cole und Joe waren noch hinten im Haus, als die Reiter auf dem Hügel im Westen auftauchten und die Pferde zügelten. Der Staub wehte über die Reiterschar hinweg. Norman zählte dreizehn Männer. Sie trugen blaue verstaubte Uniformen. Waffen blinkten im grellen Licht mit den goldenen Knöpfen und Rangabzeichen um die Wette. Einer der Reiter hatte eine kleine Fahne von rotweißer Farbe an einer langen Lanze befestigt, deren Schaft in seinem Steigbügel klemmte. Norman sah zum anderen Fenster hinüber, an dem Sherman und der Farmer standen. Der Farmer hatte die Augen zusammengekniffen, als könnte er so besser sehen.

»Ist es Killoe, dieses Schwein?«, fragte er.

»Ja«, bestätigte Sherman und lachte leise. »Vielleicht können wir ihm jetzt alle seine Gemeinheiten heimzahlen. Du wirst nicht mit ihm reden, Kane!«

»Was?«

»Du wirst nicht mit ihm reden, sage ich!«

»Bist du verrückt, Flint? Die schießen uns die Bude über den Köpfen zusammen!«

»Die sind heilfroh, wenn sie davonkommen, sobald Killoe erst mal tot ist!« Sherman lachte zufrieden und hob das Gewehr etwas an.

»Das ist doch Wahnsinn!«, zischte der Farmer. »Ich kann mich hier keinen Tag mehr halten, wenn es eine Schießerei gegeben hat, bei der Yankees auf der Strecke geblieben sind.«

»Killoe kennst du doch, oder? Der besteht sowieso darauf, dein Haus zu durchsuchen.« Sherman trat etwas zur Seite und lehnte die Schulter gegen die Wand.

»Das passt mir gar nicht!«, schimpfte der Farmer. »Ihr könnt doch froh sein, dass ihr mich hier habt. Musstet ihr euch denn auch so lange bei mir aufhalten?«

»Nun fang nicht an zu jammern! Joe, Cole, kommt her! Es ist Killoe, unser Freund!«