Die Visionen des Schnabeltiers - Thomas Melerowicz - ebook

Die Visionen des Schnabeltiers ebook

Thomas Melerowicz

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Opis

Begegnen Sie dem Zigarettenstummelmann, Ratten in der U-Bahn und seien Sie bei seltsamen Begräbnissen Trauergast. Lauschen Sie einem meisterlichen Schrei und der dunklen Fuge, wenn der Tod ganz nahe ist. Erleben Sie zu Halloween eine heiße Umarmung. Und wenn Sie dann immer noch nicht schlafen können, schauen Sie einfach dem Spinnengott tief in die Augen. Das ist doch besser, als Alpträume zu haben, oder?

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Thomas Melerowicz

Die Visionen des Schnabeltiers

Horrorgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Visionen des Schnabeltiers

Der Zigarettenstummelmann

Ratten

Nachtmusik

Baphomet

Der Schrei

Die Vergangenheit ist ungefährlich

So muss man Halloween feiern

Das Lied vom Tod

Erde zu Erde

Augen

Anansi

Impressum neobooks

Die Visionen des Schnabeltiers

Peter Vogel betrat die Bahnhofshalle, drängte sich an dem Menschenpulk am Eingang vorbei und schüttelte seinen Regenschirm aus. Mistwetter, dachte er gerade, als er sie erblickte. Kaum einen Meter von ihm entfernt hüpfte sie über den Boden, ein kleines schwarzes Ding mit gelbem Schnabel und kam immer näher – eine dicke Amsel, und die Art, wie sie sich am Boden fortbewegte, nicht gehend, wie jeder andere Vogel, sondern in kurzen Hopsern, hatte fast etwas Lustiges an sich. Hops – warte mal. Hops – ich bin gleich da. Hops – hab keine Angst. Er hatte aber doch Angst. Wie sollte er auch keine Angst haben, sah ihn doch die Amsel mit ihren Knopfaugen an. Ein kalter Finger streichelte über sein Gehirn und er fühlte eine Gänsehaut.

Du bist nicht real, sagte Peters innere Stimme. Er schlug dennoch mit dem Schirm nach dem Tier. Die Amsel breitete ihre Flügel aus, flatterte ein Stück beiseite und hüpfte wie ein schwarzer Gummiball zwischen den Beinen der Passanten auf und ab.

Nicht schon wieder. Was bedeutet es diesmal, dachte er, während er raschen Schrittes die U-Bahnsteige ansteuerte. Egal, in einer halben Stunde war er zu Hause und hatte das Ganze vergessen.

„Mensch, Peter, altes Schnabeltier. Ist ja toll, dich mal zu treffen.“

Wie aus dem Boden gewachsen stand Fred vor ihm und sein rundes Gesicht mit den Glubschaugen strahlte.

Es war viel zu spät, so zu tun, als hätte er ihn nicht gesehen, also sagte Peter: „Menschenskind, Freddy. Du bist’s ja wirklich. Ich fass es nicht.“

„Komm. Erzähl mal, was machst du so. Gehen wir doch da rein.“

Er folgte Fred ins Bahnhofscafe und verfluchte den Zufall. Die nächste U-Bahn konnte er in den Wind schießen lassen. Ausgerechnet Freddy ... Klein, dick, rundes Pfannkuchengesicht, so kannte er ihn. Sie hatten beide nach dem Kunststudium in der gleichen Werbeagentur angefangen. Früher hatte Freddy speckige Haare gehabt, deren Strähnen nur spärlich seine Stirn drapierten. Jetzt hatte er ganz auf sie verzichtet, was ihm gar nicht mal schlecht stand. Außerdem hatte Freddy seine früheren Klamotten gegen einen teuer aussehenden Mantel, Anzug und Krawatte eingetauscht. Wirklich nicht übel.

Im Cafe sah Peter unauffällig auf die Uhr, aber Fred bemerkte es.

„Bist wohl in Eile?“

„Na, ein bisschen Zeit habe ich schon“, sagte er.

Das genügte.

Eine Wortflut brach über ihn herein.

Genau, wie früher, dachte Peter, während er mit halbem Ohr hinhörte, wie Fred davon berichtete, welche Automarke er im Moment bevorzugte und warum. Freddy, die Quasselstrippe und Nervensäge. Freddy, der sich mit einem Selbstbewusstsein, so groß wie der Mont Everest, für einen begnadeten Künstler hielt aber nach Meinung Peters mit seinen Bildern das Niveau röhrender Hirsche nie wesentlich überbieten würde. Er war inzwischen dabei, die Vorzüge seines Häuschens zu schildern, ein echtes Schnäppchen, die Reparaturen, die er hatte ausführen lassen, ein unerschöpfliches Thema. Brabbel. Brabbel, bla, bla, bla. Peter sah wieder auf die Uhr und überschlug, wann er zu Hause sein würde.

„ ... bin einer der Finalisten.“

Das erwartungsvolle Schweigen nach diesen Worten ließ Peter in das Jetzt zurückkehren. Wovon redete Freddy?

„Gratuliere“, sagte er auf gut Glück. Es war offenbar das Richtige, denn Freddys Gesicht strahlte.

„Danke. Und gar nicht neidisch, altes Schnabeltier? Ich meine, davon träumt doch jeder. Der „blue Orange“-Kunstpreis. Die höchstdotierte deutsche Auszeichnung für bildende Kunst. Dieses Jahr mit 77000.“

„Moment mal. Du bist ...“

„Ja, man. Ich hab’s geschafft.“

Peter starrte sein Gegenüber an. „Wofür ...“, flüsterte er.

„Eine Videoinstallation. Auf der Documenta. Moment, ich zeig‘s dir. Ist zwar nur ein Foto, aber es reicht für einen ersten Eindruck.“

Er öffnete seinen Aktenkoffer, holte einen Hochglanzprospekt hervor und schob ihn zu Peter hinüber.

„Da, auf Seite dreiundzwanzig.“

Peter blätterte zu der betreffenden Seite und erblickte eine idyllische Szene. Auf saftig grünem Moos waren sieben Gartenzwerge zu sehen, die knallrote Zipfelmützen trugen. An jede Zipfelmütze war eine gelbe Osterglocke gesteckt und vier der kleinen Gesellen schleppten eine Art Schuhkarton.

Peter sah auf das Bild und dann zu Freddy.

„In Wirklichkeit bewegen sie sich natürlich, und im Hintergrund ertönt Glockengeläut – die Animation hat mich ein Vermögen gekostet“, hörte Peter ihn sagen, doch der Satz drang wie durch einen dicken Nebel zu ihm. Auf Freddys Glatze hatte eine Amsel Platz genommen, ruckte mit dem Kopf und sah Peter herausfordernd an. Ihr schwarzes Gefieder schimmerte metallisch in der schwachen Beleuchtung des Cafes. Peter musste an das letzte Mal denken. Das war vor drei Jahren gewesen. Da hing während der Geburtstagsfeier plötzlich von der Decke seines Wohnzimmers ein Strick herab. Am nächsten Tag hatte er erfahren, dass sich Onkel Erwin erhängt hatte.

„Na? Na? Was sagst du?“ Freddy grinste.

„Wie hast du es genannt?“, murmelte Peter. Er beobachtete die Amsel. Der Vogel begann mit seinem Schnabel auf Freddys Stirn einzuhacken.

„Wenn du errätst, was in dem Karton ist, weißt du es.“ Ein dünnes rotes Rinnsal hatte sich auf Freds Stirn gebildet.

Schneewittchen, wollte Peter sagen, doch sein Mund formte ganz von selbst die Antwort: „Das ... Begräbnis ... der Amsel ...“

Das Grinsen in Freddys Gesicht fror ein. „Wie hast du das gemacht? Bist du Hellseher oder was? Ach so, ich verstehe, du hast das Ding schon mal in der Zeitung gesehen, stimmts? Ist ja auch egal. Und, gefällts dir?“

„Das ist nicht der Punkt“, sagte Peter langsam. „Den Amseln gefällt es nicht.“

Die Amsel hatte inzwischen einen großen Streifen von Freddys Kopfhaut aufgepickt, der rasch im Schnabel des Tieres verschwand.

Freddy schwieg einen Moment. Dann lachte er unsicher. „Was ... ähm ... den Amseln. Der war gut. Immer noch der alte Witzbold. Gut, das keine in der Jury sind, hähä.“

Peter sagte nichts. Er saß einfach nur da und sah Freddy an. Nach einer Weile des Schweigens sagte dieser: „Tja, also ich muss jetzt los, wenn ich meinen Zug noch schaffen will. Vielleicht kommst du ja mal nach Kassel. Würde mich freuen, wenn ich dich in der Ausstellung treffe.“ Er stand auf. „Machs gut, altes Schnabeltier. Den Prospekt kannst du behalten.“

„Ja, machs gut, Freddy.“

Noch lange, nachdem Freddy gegangen war, starrte Peter auf das Bild in dem Prospekt. Die Gesichter der Gartenzwerge waren lustig mit ihren Pausbäckchen und den weit aufgerissenen Augen. Er hörte das gelbe Grabesgeläut der Osterglocken und wusste, für wen es bestimmt war.

Der Zigarettenstummelmann

Josef Habermann sah sie schon von weitem. Sie stand am Rand des Zubringers zur Autobahn und starrte in seine Richtung, ein schmächtiges Persönchen, in einen weiten dunklen Mantel gehüllt.Er fuhr vorbei, überlegte es sich dann anders und hielt. Im Rückspiegel beobachtete er, wie sie rasch ihre Tasche aufnahm und in seine Richtung hastete. Er öffnete die Beifahrertür.„Stellen Sie ihre Tasche einfach nach hinten“, sagte er. Das Mädchen tat es. Verstohlen musterte er sie. Schwarz geschminkte Lippen in einem blassen Gesicht. Etwas gewöhnungsbedürftig. Ebenso das Glitzerding in ihrem Nasenflügel und das Halsband, das mit seinen Nieten und Stacheln eher zu einem Kampfhund gepasst hätte.Na, sie würde ihn schon nicht beißen.Dann saß sie neben ihm und er fädelte sich in den Autobahnverkehr ein.

„Habermann, Josef Habermann“, stellte er sich vor.„Sag einfach Maria zu mir“, vervollständigte das Mädchen die Vorstellungszeremonie. Sie duzte ihn. Wahrscheinlich war das bei der heutigen Jugend einfach üblich.

„Ich fahre aber nicht nach Bethlehem.“Das Mädchen guckte irritiert, aber nur für einen Moment, und erwiderte: „Das hättest du mir auch früher sagen können.“