Tarnmanöver - Sylvia Grünberger - ebook

Tarnmanöver ebook

Sylvia Grünberger

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Opis

Bei einem in Canettis Brillenerzeugung entwickelten Kunststoff wird bei Tests mit verschiedenen Zusätzen zufällig ein Tarnkappeneffekt entdeckt. Der skrupellose Geschäftsmann Christoph Verbacher erfährt von der Entdeckung und versucht mit allen Mitteln, an die Formel für die Zusammensetzung des Kunststoffes zu gelangen. Nachdem die Leiche des Entwicklers aus der Salzach geborgen wird, werden Stefan Canetti und seine Frau Julia betäubt und in einer Villa in Wien festgehalten. Hilfe erhält Julia von ihrer Jugendfreundin Claudia und der Lufttaxi-Crew.

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Sylvia Grünberger

Tarnmanöver

Kriminalroman

Zum Buch

Unsichtbar Die Firma Canetti ist eigentlich auf die Herstellung von Brillen spezialisiert. Als deren Labor an einem neuartigen Kunststoff experimentiert, machen sie eine überraschende Entdeckung: das neue Material verfügt über einen Tarnkappeneffekt. Selbst metallische Gegenstände ließen sich bequem durch die Gepäckscanner an Flughäfen schmuggeln. Der skrupellose Geschäftsmann Christoph Verbacher verspricht sich vom Verkauf des Kunststoffs an windige Organisationen den großen Profit und unternimmt alles, als er von dem Kunststoff erfährt, um an die Zusammensetzung zu kommen. Kurze Zeit später wird der Entwickler der neuen Substanz tot in der Salzach gefunden. Verbacher entführt kurzerhand den Firmenpatriarchen Stefan Canetti sowie dessen Frau, die Schauspielerin Julia. Mit Hilfe von Betäubungsmitteln hält er sie als angebliche Gäste in seiner Villa fest. Doch Canetti kennt die Formel für den Kunststoff nicht. Julia gelingt indessen die Flucht und muss versuchen, mithilfe ihrer Freundin Claudia, einer Berufspilotin, ihren Mann zu befreien und Verbacher zu stellen. Doch die Zeit drängt …

Bei der Wienerin Sylvia Grünberger entstand die Begeisterung fürs Fliegen durch ihre ersten Fallschirmsprünge auf einem Flugplatz am nordöstlichen Stadtrand von Wien. Daraus entwickelte sich eine lang anhaltende Verbundenheit mit der Luftfahrt. Als Sprunglehrerin hat sie einige Jahre selbst Fallschirmspringer ausgebildet. Sie war Mitglied der Österreichischen Damen-Nationalmannschaft, hat an nationalen und internationalen Wettbewerben und zweimal an einer Weltmeisterschaft im Fallschirmspringen teilgenommen. Später kam dann ihre Ausbildung als Privatpilotin dazu. Und das Fliegen gewann noch mehr an Bedeutung. Ihre Erfahrungen und die jahrelange starke Bindung zur Fliegerei lassen sich in den Kriminalromanen der Lufttaxi-Serie nicht übersehen. www.sylvia-gruenberger.at

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Flugmanöver (2016)

Lufttaxi gewünscht?, E-Book only (2016)

Wynonas Jobs, E-Book only (2016)

Kerberos’ Gier, E-Book only (2016)

Impressum

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © alexx_60 / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5484-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Salzburg

Die schwarz glitzernde Wasseroberfläche glich einem habgierigen Schlund. Er wusste, sobald er der Dunkelheit zu nahe kam, würde sie ihn verschlingen und nie wieder loslassen. In seinem Innersten schrillten Alarmglocken. Sein Verstand nahm sie nur gedämpft, wie durch eine Schneedecke, wahr. Eine unendliche Müdigkeit hielt ihn gefangen. Verzweifelt versuchte er gegen das Gefühl – sich wie in Zeitlupe zu bewegen – anzukämpfen. Er durfte nicht einfach aufgeben, musste sich wehren. Doch er war so müde. Nicht mutlos. Einfach nur müde.

Vielleicht sollte er sich fallen lassen? In das kalte Wasser eintauchen. Würden die Nebelschwaden in seinem Gehirn dadurch verscheucht? Half ein Adrenalinstoß, seinen Körper aufzuwecken und anzuregen? Schaffte er es, sich aus dem reißenden Strom ans Ufer zu retten? Er war nicht sonderlich sportlich und nur ein mittelmäßiger Schwimmer. Würde ihm die Angst Flügeln verleihen, wie es angeblich hieß? Oder überfiel ihn eine Panikattacke, die ihn hilflos den Fluten auslieferte, die ihn letztlich brutal nach unten in die Tiefe zerrten? Geordnetes Denken fiel ihm schwer. Alles wirkte verschwommen. Helle Lichtblitze vermischten sich fast nahtlos mit düsteren Schatten.

»Die chemische Zusammensetzung stimmt bei den Mustern nicht überein«, flüsterte eine Stimme in sein linkes Ohr. »Worin liegt der Unterschied? Welchen Zusatz haben Sie verwendet, damit es funktioniert? Reden Sie endlich, und wir beenden den Albtraum.«

Er spürte, wie sich der Griff hinter seinem Rücken verstärkte und seinen rechten Arm in Richtung Schulterblatt schob. Gleichzeitig wurde er dabei noch fester an das Geländer der Brücke gedrückt.

Es ist der Blonde, durchzuckte es Florian. Groß, sportliche Figur, kurzes hellblondes Haar, sicherlich sehr kräftig. Ein Typ, der es gewohnt war, Befehle auszuführen. Der andere Mann, der gesprochen hatte, war älter, gesetzter, fülliger. Was er sagte, klang autoritär, doch in seinem Tonfall lag eine geschliffene Geschmeidigkeit, mit der er die Schärfe seiner Ansinnen zu Worthülsen degradierte. Der Blonde bemühte sich, ihn nachzuahmen, nur fehlten ihm sowohl die Gewandtheit als auch die offenbar langjährige Übung des Wortführers.

Als Florian spätabends die Firma verlassen hatte, wollte er in dem kleinen Restaurant in unmittelbarer Nähe noch rasch eine Kleinigkeit essen. Wenn er so lange arbeitete, vermied er es tunlichst, seine Frau zu stören. Vermutlich schlief Monika um diese Zeit bereits.

Die beiden Männer hatte er zuvor nicht bemerkt. Erst nachdem sie sich unaufgefordert zu ihm an den Tisch setzten und ihn zielbewusst mit seinem Namen ansprachen, registrierte er, dass tatsächlich er gemeint sein müsste und keine Verwechslung vorlag.

Leicht amüsiert war er davon ausgegangen, seine ihm unbekannten Gesprächspartner beabsichtigten womöglich, ihn abzuwerben. Doch das Angebot lief in eine andere Richtung. Sie versuchten, ihn mit einer erstaunlich hohen Summe zu bestechen. Er reagierte vorerst verwirrt. Begriff nicht sofort, was sie tatsächlich von ihm wollten. Wie konnten diese Fremden von den erstaunlichen Eigenschaften des Kunststoffs, den er entwickelt hatte, erfahren haben? Im Patentantrag, den sein Chef einreichen wollte, stand nichts darüber.

Abgesehen davon, dass es die beiden Männer offenbar für unnötig hielten, sich vorzustellen, wirkten sie äußerst suspekt auf ihn. Mit ihnen wollte er absolut nichts zu tun haben. Als er das Lokal verärgert und spontan verlassen hatte, schaffte er es gerade noch bis zum Parkplatz. Bevor er in seinen Wagen steigen konnte, holten sie ihn ein. Von ihrer vorherigen Verbindlichkeit gab es keinerlei Anzeichen mehr. Wie eine undurchdringliche Mauer standen sie hinter ihm, drängten ihn gegen die Karosserie seines Audis. Es gelang ihm nicht, die Fahrertür zu öffnen.

Fassungslos registrierte Florian, wie er von den beiden Männern überwältigt wurde. Der Angriff erfolgte blitzartig. Der Blonde hielt ihn fest, ergriff seine dichten Haare am Hinterkopf und riss seinen Kopf grob nach rückwärts. Der andere Mann schüttete ihm Schnaps aus einer Flasche direkt in den noch verblüfft geöffneten Mund. Als er zu husten begann, rann die Flüssigkeit über sein Kinn in den Hemdkragen. Sie verfrachteten ihn in ihren Wagen, mit dem Hinweis, betrunken könnten sie ihn nicht Auto fahren lassen.

Gleichzeitig kämpfte Florian gegen ein anschwellendes Schwindelgefühl. Dazwischen drängte sich wellenförmig eine dichte Schwärze in sein Gehirn. Was passierte mit ihm? Eine Kreislaufattacke? Die Auswirkungen der langen, angespannten Arbeit in den letzten Tagen? Verstärkt durch den unerwarteten Angriff der beiden Fremden?

Die schwarze Welle siegte, überschwemmte ihn kurzzeitig, bevor sie wieder langsam verebbte.

Das Nächste, woran er sich erinnerte, war, dass er ans Geländer gelehnt auf einer Brücke über der Salzach stand. Trotz der Dunkelheit erkannte er an den Jugendstilelementen sofort den Mozartsteg. Er war in der Region aufgewachsen und deshalb mit diesem Salzachübergang bestens vertraut. Seine Begleiter blickten sich nervös um und drängten ihn dichter an die Brüstung. Die Männer waren keine Einheimischen, und Florian fragte sich verwundert, woher sie wussten, dass diese Fußgängerbrücke nachts kaum benutzt wurde. Raffinierte Planung? Umfangreiche Vorbereitung? Zufall? Der Mozartsteg zählte bei Touristen zu den Sehenswürdigkeiten der Salzburger Innenstadt. Vielleicht wählten ihn seine beiden Peiniger aber lediglich deshalb, weil er für ihr Vorhaben günstig lag oder sie einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe fanden?

Diese Männer würden ihn nicht plötzlich gehen lassen. Selbst dann nicht, wenn er ihnen die Wahrheit über die Formel sagte. Das Ende ihrer brutalen Einschüchterungsversuche bedeutete vermutlich gleichzeitig sein Ende. Für einen erfolgreichen Fluchtversuch fehlte ihm die nötige Kraft. Es gab nur eine einzige winzige Chance: Sich von den beiden Männern loszureißen, um in die Fluten zu springen.

Vor Florians Augen flimmerte das dunkelgraue Wasser wie aus einzelnen Farbpunkten zusammengesetzt. Waren es Spiegelungen von Lichtern am Ufer? Lag der Strom doch wesentlich tiefer unter ihm? Floss er plötzlich schneller? Im Zeitraffertempo? Zischte die Salzach unter der Brückenkonstruktion nun tatsächlich mit erhöhter Geschwindigkeit durch? Die Strömung ließ sich nicht anhalten. Ob ihn die Salzach loslassen würde? Lebendig? Zog sich die wellenartige Schwärze in seinem Kopf durch die Kälte des Wassers zurück? Oder hüllte sie ihn dann zur Gänze ein? Er wusste es nicht. Doch um es herauszufinden, musste er bald handeln. Womöglich bot sich später keine Gelegenheit mehr, die Entscheidung selbst zu treffen. Solange noch in seinem Verstand vereinzelte Zusammenhänge deutlich aufblitzten, hatte er vielleicht eine Chance.

»Sie sollten unser Angebot annehmen. Denken Sie an Ihre Frau. Ihre Ablehnung wird ihr nicht gefallen«, flüsterte der ältere der beiden Männer eindringlich.

Wieso sprach der Mann von Monika? Was hatte sie damit zu tun? Im Augenblick fiel es Florian schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. »Was soll das? Lassen Sie gefälligst meine Frau aus dem Spiel. Sie wird nichts über Ihr Angebot erfahren«, murmelte er undeutlich.

»Das lässt sich rasch ändern!«, ätzte der Blonde.

Etwas in Florians Gehirn sendete pausenlos eine Warnung. Monoton und automatisch. Es gelang ihm nicht, zu begreifen, worum es ging. Er konnte sich kaum wach halten. Seine Glieder fühlten sich bleischwer an.

»Welcher Zusatz fehlt in der Basis-Formel?«

Beide Männer griffen nach seinen Oberarmen, hielten ihn fest und schüttelten ihn. Sein Kopf pendelte unkontrolliert hin und her. »Betäubungsmittel« durchzuckte es ihn. Sie mussten ihm ein Betäubungsmittel ins Bier, das er zum Essen getrunken hatte, gemischt haben. Vermutlich nach seiner Weigerung, ihnen die Formel, um die es ging, zu verhökern. Der Schnaps, den sie ihm eingeflößt hatten, enthielt anscheinend eine weitere, stärkere Dosis davon.

Durch die raue Bewegung seines Körpers tröpfelten wieder ein paar deutliche Gedanken durch sein Gehirn, bevor sie zischend verdampften, als ob sie auf eine heiße Herdplatte getroffen wären. Es fiel ihm schwer, den dichten Nebel in seinem Gehirn zu durchdringen. Er konzentrierte sich darauf, ein Loch hineinzubrennen. Stellte sich vor, wie ein Gedanke gleich einem gebündelten Laserstrahl die zähe Masse durchdrang. Aber die hellen Momente waren zu kurz, reichten nicht, um in eine gezielte Aktion umgesetzt zu werden.

Die linke Hand des Blonden wedelte dicht vor Florians Gesicht. Seine Finger umklammerten dabei etwas Durchsichtiges, das wie Glas mit bläulichem Schimmer aussah. Florian erkannte den tropfenförmigen Anhänger sofort. Ein kalter Schauer raste über seinen Rücken wie eisige Peitschenhiebe. Es war zu dunkel, um die Gravur zu lesen. Doch er wusste, was darauf stand. Sein Name und der von Monika. Das zum öffnen wie ein Medaillon geformte Schmuckstück hatte er selbst aus dem neuen Kunststoff angefertigt.

Triumphierend streckte der Mann Florian seine ausgebreitete Handfläche, auf der sich der tropfenförmige Anhänger befand, entgegen. Durch den Schock floss verstärkt Adrenalin durch Florians Körper. Die Nebelschwaden in seinem Kopf zogen sich zurück und machten klaren Gedanken Platz. Wie kam dieser Fremde zum Schmuck seiner Frau? Hatte er womöglich Monika in seiner Gewalt?

Florian stürzte sich auf den Mann. Das Wissen, der Schwächere zu sein, war ihm egal. Es ging jetzt nicht mehr um Abwehr, sondern um einen Angriff. Er schlug dem Blonden, so fest er konnte, auf den Arm. Der tropfenförmige Anhänger rutschte aus dessen Hand und landete auf dem Boden, neben den Verstrebungen des Brückengeländers.

Es handelte sich um kein wertvolles Schmuckstück. Als Florian den Anhänger für Monika anfertigte, dachte er, es wäre ein hübsches Andenken. Das eigentliche Geschenk waren allerdings die Armkettchen für die Zwillinge in seinem Inneren gewesen. Sie fehlten. Das tropfenförmige Medaillon war leer.

Der Blonde bückte sich rasch danach. Florian nützte die Gelegenheit und warf sich auf ihn. Es brachte ihm allerdings kaum Vorteile. Da er mit keiner Art von Kampfsport vertraut war, schüttelte ihn der Blonde einfach ab, wie ein lästiges Insekt. Verärgert stieß Florian den am seitlichen Rand der Brücke liegenden Anhänger ins Wasser. Er dachte nur noch daran, dass dieser Mann Monika bedrohte. Womöglich war seine hochschwangere Frau diesem brutalen Menschen hilflos ausgeliefert gewesen. Die Wut verlieh Florian eine Kraft, die er selbst nicht erwartet hatte. Gereizt trat er mit dem Fuß gegen das Knie seines Widersachers.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht stieß der Blonde einen animalisch klingenden Laut aus. Florian registrierte, einen Treffer gelandet zu haben. Doch gleichzeitig hatte er den Zorn des Kerls entfacht. Dessen geballte Faust holte gerade zum Schlag auf sein Gesicht aus.

»Nein! Keine Spuren hinterlassen!«, stoppte die gebieterische Stimme des anderen Mannes das Vorhaben.

Der Blonde hielt tatsächlich mitten in der Bewegung inne. Dabei schnaubte er verächtlich. Wahrscheinlich war er brutaler, gefährlicher war jedenfalls der andere, der die Anweisungen gab. Der Blonde schien bloß ein Handlanger zu sein, der ausführte, wozu er beauftragt wurde. Emotionslos. Gedankenlos. Kalt. Vielleicht war er nicht sonderlich clever? Gehorchte nur Befehlen. Roboterhaft. Er öffnete die zu Fäusten geballten Hände, legte sie auf Florians Brust und drückte ihn gegen das Brückengeländer.

Danach zerrte er Florians Kopf grob nach hinten, presste ihm wieder die Schnapsflasche auf die Lippen. Sich dagegen zu sträuben, nützte wenig. Der schmale Grat zwischen Atmen und Ersticken ließ kaum weitere Möglichkeiten offen. Er musste rasch handeln. Bevor eine weitere schwarze Welle wieder sein Denken überflutete. Der Schweinehund hatte Monika sicherlich eine Heidenangst eingejagt, als er ihr den Anhänger wegnahm.

Mit durchgestreckten Armen stemmte sich Florian vom Brückengeländer hoch. Seine Finger umklammerten den Handlauf, während er mit den Fersen auf eine der waagrechten Metallverstrebungen stieg. Als ob er mit dem Rücken voran auf eine Leiter kletterte, erreichten seine Füße die nächste horizontale Strebe. Er überragte den Blonden nun um fast einen Kopf. In einer Reflexbewegung spuckte er ihm den Rest der Flüssigkeit, die sich in seinem Mund gesammelt hatte, ins Gesicht und schlug gleichzeitig mit der Fußspitze gegen seinen Unterkörper. Vermutlich wären Florian selbst durch lange Übung keine gezielteren Treffer gelungen. Der ausgespuckte Schnaps landete im linken Auge des Blonden und die Fußspitze traf seine Kronjuwelen. Der Mann krümmte sich und knurrte wie ein gereiztes Raubtier. Sein Gesicht lag im Schatten, und der verzerrte Ausdruck war in der Dunkelheit nur verschwommen zu erkennen. Trotzdem war die geballte Wut nicht zu übersehen.

Florian hakte die Ferse seines rechten Fußes in der nächsten höheren Verstrebung ein. Er fühlte sich wie ein Riese. Der Blonde versuchte, nach seinen Schultern zu greifen. Was wollte er? Ihn zurück auf den Boden der Brücke zerren? Florian grinste verächtlich. Der Blonde holte zum Schlag aus. Diesmal nicht mit der Faust, sondern mit beiden Handflächen.

1

Wien, Innenstadt

Da die Rolltreppen der U-Bahn-Station zur Zeit außer Betrieb waren, drängten sich auf- und abwärtshastende Menschen über die Stufen beim Ausgang »Stephansplatz«.

Claudia überlegte, ob ihre Entscheidung, ausgerechnet in der Wiener Innenstadt shoppen zu gehen, sinnvoll war. Es gab günstigere Einkaufsstraßen. Natürlich lockten viele Boutiquen in der Kärntnerstraße mit exquisiten Dingen. Allerdings dämpften deren Preis-Schilder diese Verlockung. Reizvoll, aber unerschwinglich. Schade. Gedankenversunken, mit auf die Stufen gerichtetem Blick, bemerkte sie Julia erst, als sie zusammenstießen. Julia war nach unten gerannt und praktisch in Claudia hinein.

»Claudia?«, stieß sie atemlos hervor. Es klang nach erleichtertem Stöhnen, als ob sie ein Geschenk erhalten hätte, obwohl sie eine bösartige Drohung erwartete.

»Julia? … Ju-li-a!«, stotterte Claudia verwundert und vergaß einen Moment lang, den vor Erstaunen offen stehenden Mund zu schließen. Was nicht ausschließlich daran lag, dass sie die zufällige Begegnung überraschte, sondern Julias Aussehen. Aus einer nur geringfügig größeren Entfernung hätte sie die junge Frau vermutlich gar nicht erkannt.

Julia klammerte sich hektisch an Claudias Arm und warf dabei gehetzte Blicke nach allen Seiten. »Ich muss … kann ich … mit dir reden?«, stammelte sie. »Bist du in Eile?«

»Nicht wirklich. Ich will eigentlich nur ein bisschen rumbummeln und shoppen, … Klamotten kaufen.«

Julia ließ Claudias Arm los und kramte einen Stadtplan aus ihrer nostalgisch anmutenden, schwarzen Lederhandtasche. Sie standen immer noch mitten auf den Stufen des U-Bahn-Aufgangs und dadurch den meisten Leuten mehr oder weniger im Weg. Umständlich entfaltete Julia ihren Wien-Plan zur vollen Größe. Sie hielt ihn hoch, als ob sie beabsichtigte, einen Teil ihrer Gesichter zu verdecken. »Ich werde verfolgt«, flüsterte sie, »verhalte dich so, als ob ich eine Fremde wäre, der du den Weg erklärst.«

Als sie Claudias skeptischen Blick auffing, deutete sie ihn sofort richtig und legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm. In Claudias Augen glich dieses theatralische Verhalten einer Show. Die beiden kannten einander bereits lange genug, um impulsive Reaktionen richtig einzuschätzen.

»Bitte«, hauchte Julia eindringlich. »Ich möchte dir etwas erzählen. Aber nicht hier. Unbeobachtet! Und es dauert vielleicht ein bisschen länger.«

»Na schön, suchen wir uns ein nettes Lokal, um dort in aller Ruhe Kaffee zu trinken.«

»Nein! Nein, das ist zu gefährlich. Ich brauche Hilfe, aber ich will dich in diese Sache keinesfalls hineinziehen.«

»Dann sag, wie ich dir helfen kann. Soll ich dich bei deinen Eltern besuchen?«

»Sie wissen nicht, dass ich in Wien bin. Und es ist besser, wenn sie es auch nicht erfahren! … Könnten wir uns irgendwo treffen, an einem Ort, an dem wir unauffällig und ungestört sind?« Sie blickte die Stufen nach oben. Vor ihnen lag der Stephansplatz. Julias Blick fiel auf den Dom. »Vielleicht in der Kirche?«

Claudia verdrehte die Augen. Also jetzt ging die bühnenreife Darbietung doch etwas zu weit. Für ein ausführliches Gespräch war der Stephansdom wohl kaum geeignet. Weder zwischen den schnatternden Touristen, die das Bauwerk bewunderten, noch zwischen betenden Gläubigen, die Stille suchten. Und Claudia war keineswegs bereit, sich über mehr als hundert Stufen in den Turm hinaufzuquälen, oder in die düsteren Katakomben hinunterzusteigen.

»Bitte!«, flehte Julia eindringlich. »Ich muss einfach mit jemandem reden, dem ich vertrauen kann. … Sonst schnappe ich noch über. … Aber hier kann ich nicht länger stehen bleiben.« Sie faltete den Stadtplan wieder zusammen. Dabei nickte sie mit freundlichem Lächeln, als ob sie sich für eine Wegbeschreibung bedanken wollte.

»Na schön, flüchten wir einfach in eine Boutique«, Claudia grinste, »in Klamotten rumstöbern entspannt dich sicherlich.« Ihre Augen wanderten über Julias mausgraues Kostüm; schmaler, wadenlanger Rock, taillierte Jacke, hochgeschlossene weiße Bluse. Ihr blondes Haar war zu einem straffen Knoten am Hinterkopf gekämmt. Obendrein trug sie eine altmodisch geschwungene, mit reichlich Strass verzierte Brille, die den biederen, leicht eulenhaften Eindruck verstärkte.

Ausgerechnet Julia im erzkonservativen Outfit einer antiquierten Erzieherin zu sehen, fand Claudia schlicht unfassbar. War sie unterwegs zu einem Casting, um eine Rolle, die in den 50er-Jahren spielte, zu ergattern? Vielleicht war sie ja deshalb so nervös. Oder übte sie bereits und missbrauchte jeden in ihrer Nähe als Publikum?

Julia bemerkte Claudias abfälligen Blick überhaupt nicht, sondern stimmte dem Vorschlag bereitwillig zu: »Super Idee. Wo wolltest du dich denn zum Shoppen umsehen?«

»Ehrlich gestanden habe ich an Mango oder Zara gedacht. Liegt in meiner Preisklasse. Die teureren Läden sprengen mein Budget.«

»Zara ist gut!« Die Andeutung eines Lächelns huschte über Julias Gesicht. »Es gibt einen Lift von der U1-Station, der in der Nähe des Geschäfts an der Ecke vom Stephansplatz zum Graben rauskommt. Ich gehe jetzt mal hinunter und studiere die U-Bahn-Pläne, als ob ich eine Fremde wäre, die sich nicht auskennt …«

»Warum schaust du dir nicht die Virgilkapelle an? In der oberen Etage ist eine riesige Scheibe, die den Besuchern einen Blick auf die Ausgrabung gestattet. Auf eine an Wien interessierte Touristin wie dich, wirken die Fragmente einer Kapelle aus den Jahren zwischen 1230 und 40 sicher beeindruckend.« Es entging Julia offenbar, wie ätzend die Bemerkung gemeint war.

»Ja«, flüsterte sie, »ja, du hast recht, das ist am Unverfänglichsten.« Sie schwenkte auffällig ihren Arm und wies demonstrativ mit dem Zeigefinger zur Station hinunter. »Wir treffen uns dann, … sagen wir in einer Viertelstunde, … bei Zara, … vor den Umkleidekabinen im ersten Stock. Dort sind wir ungestört. … Bummle bitte noch ein wenig herum und geh nicht direkt hin. Bitte!« Ohne ein weiteres Wort rannte sie die Treppe hinunter.

Kopfschüttelnd blickte ihr Claudia nach. Zweifellos besaß Julia ein beachtliches schauspielerisches Talent. Doch etwas an ihrer Haltung ließ darauf schließen, dass sie diesmal jedes Wort ernst meinte. Nachdenklich sah sich Claudia um. Es gelang ihr nicht, jemanden ausfindig zu machen, der auch nur im Entferntesten so wirkte, als ob er sie beobachtet hätte. Andererseits war Julia nicht der Typ, der grundlos an Verfolgungswahn litt.

2

Wien, Innenstadt

Claudia schlenderte die Kärntnerstraße entlang Richtung Oper. Vor einigen Schaufenstern blieb sie stehen, um ausgestellte Schuhe und Taschen genauer zu betrachten. In einer Boutique schaute sie sich kurz im Inneren um. Sie hoffte, damit Julias Wunsch ausreichend entsprochen zu haben. Trotzdem zögerte sie, zum Stephansplatz zurückzukehren. War Julias Verfolgungswahn ansteckend? Wurde sie selbst jetzt ebenfalls paranoid? Misstrauisch musterte sie die Umgebung. Niemand schien sie zu beobachten. Andererseits gab es genügend Thriller, die anschaulich vermittelten, wie Profis bei Observierungen unentdeckt blieben. Vielleicht war Julia auf der Flucht vor einem lästigen Stalker? Nun, der würde seine Aufmerksamkeit wohl kaum auf Claudia ausdehnen.

Womöglich hatte Julia ihr derzeitiges Aussehen nur deshalb verändert, um von diesem Stalker nicht erkannt zu werden? Mit dem straffen Haarknoten, dem mausgrauen konservativen Kostüm und der altmodischen, geschwungenen Brille, sah sie erschütternd grauenhaft aus. Das war nicht die Julia, die Claudia kannte. Was konnte sonst eine derartige Veränderung hervorgerufen haben? War sie in die Fänge einer dubiosen Sekte geraten? Probte sie bloß für eine Filmrolle, um später die Figur möglichst authentisch darstellen zu können? Oder hielt echte Angst sie gefangen? Julia? Niemals! Es musste ein Spiel sein. Undurchschaubar, aufwendig, fragwürdig.

Eine Gruppe Hip-Hop-Tänzer zeigte an der Ecke Kärntnerstraße/Stephansplatz gerade ihr akrobatisches Können. Claudia mischte sich kurz unter die Zuschauer. Danach warf sie einen Euro in die Schale neben einer silberfarbenen menschlichen Statue, die nur wenige Meter vor den Auslagenscheiben von Zara stand. Noch während sich die silberne Figur zum Dank verbeugte und ihr eine Kusshand zuwarf, verschwand Claudia rasch in dem beachtlich großräumigen Modegeschäft.

Julia erwartete sie, mit einem Berg grell-farbiger Kleidungsstücke in den Armen, bei den Umkleidekabinen im ersten Stock. Als sie Claudia auftauchen sah, verdrängte Erleichterung ihren angespannten Gesichtsausdruck. Mit der Andeutung eines Lächelns, das ein wenig gekünstelt wirkte, prüfte sie abschätzend einige der zur Anprobe bereit gehaltenen Modelle. Einen zitronengelben Zweiteiler und etwas Glänzendes in kräftigem Grün hängte sie zur Seite und reichte Claudia ein türkisfarbenes, wahnsinnig schickes Kleid: »Probier das mal!«

»Also ich suche eigentlich was Konservatives, für eine Familienfeier. Rudis Großvater feiert seinen 90. Dieses Ding hier ist dafür ein wenig zu auffällig.«

»Soll es ja auch sein. Das ist gewissermaßen der Zweck des Ganzen«, Julia schmunzelte, »man darf uns möglichst nicht wiedererkennen.«

Claudia warf einen Blick auf das Preisschild der türkisfarbenen Verlockung und verdrehte die Augen.

»Keine Angst, ich zahle.« Julia zwinkerte verschwörerisch. »Du kannst dir natürlich kaufen, was du willst, nur das hier solltest du tragen, wenn wir hier rausspazieren. Vorausgesetzt, es passt dir.«

»Meinetwegen.« Claudia verzog schmollend die Lippen. Julias Angebot, für sie zu bezahlen, war ihr peinlich. Sah sie immer noch die »Kleine« in ihr? Andererseits hätte sich Claudia ein Kleid wie dieses ganz sicher nicht gekauft. Obwohl sich kurz darauf herausstellte, dass es ihr wie angegossen passte und sie toll darin aussah.

Julia verschwand mit etwas Pinkfarbenem in der Umkleidekabine. Als sie wieder herauskam, hatte sie die unmögliche Brille abgenommen, trug ihr Haar offen und begann mit der Suche nach passenden Schuhen für beide. Ihre auf Hochglanz polierten anachronistischen Pumps passten genauso wenig zu den schrillen Kleidern wie Claudias Nike-Laufschuhe.

Während sich Julia mit ihrem Make-up beschäftigte, erspähte Claudia einen tintenblauen Blazer. Kombiniert mit dem türkisfarbenen Kleid würde sie bei der Familienfeier weniger auffällig, aber doch recht modisch wirken. Und sie ersparte sich das Weitersuchen. Es war nicht so, dass ihr Klamottenkaufen keinen Spaß bereitete, aber letztlich trug sie ohnehin entweder ihre Pilotenuniform oder Jeans. Jedenfalls meistens.

»Worum geht es eigentlich?«, fragte sie leicht genervt, als Julia ihr einen farblich zum Kleid abgestimmten Schal ins Haar band.

»Das lässt sich nicht in zwei Worten zusammenfassen. Ich erzähle es dir später ausführlich.«

Claudia seufzte und starrte missmutig auf ihr Spiegelbild. Allmählich weiteten sich die Grenzen in absurde Übertreibung aus. Ging es um zweckmäßige Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes oder den Auftritt bei einer Modenschau?

»Weißt du, ich glaube, dass ein Verfolger ein schrilles Outfit kaum registriert, wenn er nach jemandem sucht, der unauffällig in der Masse untertauchen möchte.« Julia lächelte verlegen. »Du hast die Vorbereitungen praktisch so gut wie überstanden. Wahrscheinlich hältst du mich für übertrieben vorsichtig. Vielleicht bin ich es. Mag sein, dass ich an Halluzinationen leide. Aber das genau ist es ja, was ich rausfinden möchte.«

Als sie das Geschäft verließen, glichen sie zwei Freundinnen nach einer umfangreichen Shoppingtour. Umgeben von etlichen Tragetaschen, in denen das mausgraue Kostüm, Claudias Jeans, Schuhe, Handtaschen und sonstiges Zubehör verstaut waren, schlenderten sie Arm in Arm zur Fußgängerzone am Graben. Julias Blicke suchten wachsam die Umgebung ab, bevor sie ihre Schritte zielstrebig beschleunigte. Geschminkt, mit offenen blonden Locken war die zuvor gouvernantenhaft wirkende Touristin ganz sicher nicht wiederzuerkennen. Claudia revidierte die Vermutung, ein aufdringlicher Stalker wäre hinter ihr her. Den würde eine Julia in Pink sicherlich anlocken, während sie in Mausgrau unbemerkt entkommen könnte.

Ohne die aufgestellten Tische vor den verschiedenen Lokalen zu beachten, eilte Julia an den Häuserfronten am Graben entlang bis zum nächsten Block. Vor dem Café-Restaurant namens »Chattanooga« blieb sie stehen. Sie ignorierte die Tische unter den riesigen, weißen Sonnenschirmen vor dem Lokal, nickte zuversichtlich und öffnete die Glastür zum Inneren.

Das »Chattanooga« gab es seit Jahrzehnten, und im Laufe der Zeit war es mehrmals umgebaut worden. Claudia blickte sich überrascht um. Ihre Eltern hatten erzählt, dass sich in deren Jugend im Untergeschoss ein Tanzlokal befunden hatte, mit einem drehbaren Boden, auf dem die Gästetische standen. In Wien galt es damals als sensationelles In-Lokal. Inzwischen war das ehemalige Tanzlokal in der unteren Ebene zu einem rustikalen Bierkeller umgebaut worden.

Im Erdgeschoss zog sich das Lokal nun von der Glastüren-Front weg schlauchartig und fensterlos nach hinten. Die Innenausstattung glich einer schmalen Gasse, die von Beleuchtungskörpern in Form nostalgischer Straßenlaternen eingesäumt war. Doch nicht das Flair dieser, mit der Vergangenheit spielenden Einrichtung beeinflusste Julias Entscheidung. Jeder, der das Lokal betrat, musste entlang der Gassen-Illusion an den einzelnen, in Nischen stehenden, Tischen vorbeigehen. Einem heimlichen Beobachter würde es nicht gelingen, unbemerkt zu bleiben. Erst sobald man unmittelbar davorstand, konnte man die in den Nischen sitzenden Gäste sehen.

Schon beim Eingang betrachtete Julia mit gierig glänzenden Augen die in einer Vitrine ausgestellten Mehlspeisen und bestellte im Vorbeigehen bei einer Kellnerin ein Stück Malakow-Torte und einen doppelten Mokka. Danach steuerte sie auf eine der letzten Nischen zu und ließ sich nach dem Blick auf das Raucherbereich-Symbol mit einem Erleichterungsseufzer auf die Sitzbank fallen. Das unbeschwerte Lächeln, unmittelbar nach dem Verlassen des Modegeschäfts, war aus ihrem Gesicht verschwunden, sie wirkte jetzt ernst und besorgt. Natürlich war sie zuvor bestrebt gewesen, den beabsichtigten Anschein zu erwecken. Andererseits vollzog sich der Umschwung dermaßen rasch, dass ebenso ein bemerkenswertes schauspielerisches Talent den Ausschlag geben konnte.

Claudias Skepsis meldete sich unverzüglich. Sie fragte sich sofort wieder, ob Julia einfach nur eine Show abziehen wollte. Oder ob tatsächlich derartige Angst und ein plausibler Grund dahintersteckten, die dieses Theater nötig machten.

»Entschuldige, Claudia, ich bin mir schon im Klaren darüber, dass das alles auf dich äußerst merkwürdig wirkt. Vielleicht bin ich ja verrückt – oder ich werde es demnächst.« Julia schenkte der Kellnerin ein gekünstelt wirkendes Lächeln, als diese die bestellte Torte und zwei Schalen Kaffee auf den Tisch stellte. Danach wandte sie sich wieder an Claudia: »Mit dem Gedanken, dass ich die ganze Geschichte jemandem in chronologischer Reihenfolge erzählen sollte, spiele ich bereits eine Weile. Nur wusste ich einfach nicht, mit wem ich darüber reden könnte. Dich so unvermutet zu treffen, erscheint mir wie ein Wink des Schicksals. – Hilf mir, die Dinge objektiv zu sehen. Nachdem du in die ganze Sache nicht involviert bist, kannst du die Vorfälle mit der Distanz einer Außenstehenden betrachten. … Ich blicke einfach nicht mehr durch … in den letzten Tagen ist so viel Verwirrendes passiert …« Nachdenklich rührte sie in ihrem Mokka und schob gedankenverloren ein beachtliches Stück ihrer Malakow-Torte in den Mund. »Ich erzähle es dir jetzt von Anfang an, und du sagst mir, ganz ehrlich bitte, was du davon hältst. Einverstanden?«

Claudia nickte. Was hätte sie auch sonst tun können? Julias Glaubwürdigkeit lautstark anzweifeln? Nachdem sie sich bereit erklärt hatte, ihr zuzuhören, wäre das unfair gewesen. So unfair, wie einem kleinen Mädchen am achten Geburtstag zu verweigern, die Rolle der Fee Tinkerbell zu spielen? Vor allen zur Geburtstagsparty eingeladenen Freundinnen! Was damals passiert war, ließ sich vielleicht als frustrierend, aber ganz sicher nicht als traumatisches Erlebnis bezeichnen. Und 20 Jahre danach immer noch nachtragend zu sein, war erbärmlich. Eigentlich passte das gar nicht zu Claudias sonstigen Charakterzügen.

»Der Chauffeur der Verbacher – das sind die Leute in deren Villa ich derzeit untergebracht bin – hat mich in die Innenstadt gefahren, weil ich auf eine Sightseeing-Tour bestanden habe. Sie halten mich nämlich für eine Engländerin, die zum ersten Mal in Wien ist. Fred, der Chauffeur, sollte mich begleiten. Oder kontrollieren. Jedenfalls auf mich aufpassen, schätze ich. Beim Standplatz der Fiaker neben dem Stephansdom bin ich ihm entwischt.« Julia lachte verschlagen. »Dort gab es für ihn keine Möglichkeit, den Wagen stehen zu lassen und auszusteigen. Ich hab behauptet, mir die Kutschen mit den Pferden näher ansehen zu wollen. Und dabei bin ich ziemlich schnell aus dem Auto rausgesprungen, im Touristenstrom untergetaucht und danach in kleinen Gassen und Durchgängen verschwunden. Aber er gibt sicher nicht auf, nach mir suchen.« Sie seufzte. »Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Was richtig ist …«

Im Augenblick schien für sie allerdings der Griff nach der Speisekarte das Richtige zu sein. Ihre Zungenspitze schob sich zwischen die Lippen, während sie die Angebote studierte.

»Entschuldige, aber ich bin so schrecklich hungrig«, murmelte sie betreten und schob die Karte zu Claudia. »Was möchtest du?«

Die Wahrheit wissen, dachte Claudia. Die Erklärung, der Chauffeur von irgendwem wäre hinter ihr her, konnte man als Argument noch halbwegs durchgehen lassen. Doch um das Gesamtbild auch nur schemenhaft zu erkennen, fehlten etliche Puzzle-Teile.

3

Erinnerungen

Man konnte nicht behaupten, Julia und Claudia wären jemals enge Freundinnen gewesen. Doch als Nachbarskinder waren sie in der Siedlung praktisch gemeinsam aufgewachsen und deshalb bestens miteinander vertraut. Obwohl es Zeiten gab, in denen sich der Altersunterschied vorübergehend einschneidend auswirkte. Julia war fünf Jahre älter, und als sie 13 war, lagen zwischen den beiden Mädchen gewissermaßen Welten. Trotzdem kam Julia weiterhin zum Spielen zu den Kindern im Nachbarhaus. Wobei »spielen« für sie bedeutete, Claudia und ihrem Bruder Markus etwas vorzuspielen, vorzutanzen oder vorzusingen. Für Julia war es wichtig, auf einer Bühne zu stehen, selbst wenn diese nur aus einem mit Kartons abgegrenzten Bereich auf der Terrasse oder einem großen Gartentisch bestand.

Als Claudia klein war, mochte sie Julia am liebsten in der Rolle des gestiefelten Katers, mit Papas Gummistiefel und Mamas Strohhut. Tatsächlich spielte Julia von allen bekannten Märchen sämtliche Rollen – Schneewittchen, die böse Stiefmutter, jeden Einzelnen der sieben Zwerge, den Prinzen und den Zauberspiegel selbstverständlich auch. Anderen Kindern verweigerte sie selbst die winzigste Rolle. Die waren in ihren Augen bloß als staunendes Publikum geeignet. Sobald es allerdings mehrere Zuschauer gab, durften Claudia und ihr jüngerer Bruder als Beleuchter fungieren oder den Kassettenrekorder mit der Hintergrundmusik bedienen.

Im Allgemeinen fand Claudia die Darbietungen von Julia beeindruckend und witzig. Kurz, sie sah ihr gerne zu – bis auf das eine Mal, bei der Sache mit Peter Pan. Wie immer übernahm Julia sämtliche Rollen, spielte Peter Pan, den Hund, Wendy und ihre Brüder, die verlorenen Jungs, Captain Hook und natürlich auch das Krokodil, das ihn verfolgte.

An ihrem achten Geburtstag wollte Claudia – vor ihren zur Feier eingeladen Freundinnen – in dem Stück unbedingt die Fee Tinkerbell spielen. Das stand ihr einfach zu! Schließlich nannte sie ihr Vater seine »kleine Fee«, und sie war überzeugt, irgendwann mal selbst richtig fliegen zu können. Entweder mit falschen Flügeln wie Ikarus oder eben mit einem Flugzeug. Doch Julia, die jede Gelegenheit, vor Publikum aufzutreten, nutzte, verweigerte es dem Geburtstagskind, in die Rolle der Tinkerbell zu schlüpfen. Claudia war stinksauer. Ab diesem Zeitpunkt mochte sie Julia nicht mehr sonderlich. Julia schien das nicht weiter zu stören, wahrscheinlich bemerkte sie es nicht mal. Für sie blieb Claudia die »Kleine«, und sie fühlte sich ihr gegenüber ohnehin bereits ziemlich erwachsen.

Julia war immer eine Prinzessin gewesen; mit langen, hellblonden Haaren, nie mit Pickel oder einer Zahnspange belastet. Soweit Claudia sich erinnerte, spielte sie bei jeder Weihnachtsaufführung einen Engel. Sie erhielt Gesangsunterricht und Ballettstunden. Und wie nicht anders zu erwarten, besuchte sie später eine Schauspielschule. Fairerweise musste Claudia zugeben, dass sie tatsächlich Talent zu haben schien. Immerhin wurde sie am Max Reinhardt Seminar aufgenommen, wobei damals von fast 400 Bewerbern nur zehn ausgewählt wurden und sie eine davon war.

Echtes Interesse für Claudia erwachte bei Julia erst wieder, als diese mit 20 den Privatpilotenschein erworben hatte. Julia absolvierte damals eine Fallschirmspringerausbildung, vermutlich weil es sich in ihrer Vita gut machte.

Erpicht darauf, sich gratis Flugstunden zu verschaffen, trieb sich Claudia möglichst oft in der Nähe der Springer herum, um als Absetzpilot eingesetzt zu werden. Die kostengünstigste Methode, Flugerfahrung für ihre geplante Berufspiloten-Laufbahn zu sammeln. Damals lernten beide Claudias jetzigen Kollegen Thomas Dorner kennen, der nun ebenfalls, als Berufspilot bei dem kleinen, am Flughafen Wien stationierten Bedarfsflugunternehmen namens »Lufttaxi« fest angestellt war.

Julia und Thomas blieben einige Zeit zusammen. Ein attraktives Paar. Allerdings hielt es nicht allzu lange, obwohl sie anscheinend recht verliebt waren. Julia bekam ein Engagement an einem Theater in Salzburg. Letztlich waren für beide wahrscheinlich nicht die Entfernungen unüberwindlich, sondern die verschiedenartig gelagerten Interessen. Möglicherweise gab es auch in Thomas’ näherem Umfeld zu viele Mädchen, die erpicht darauf waren, ihn über die Trennung hinwegzutrösten. Außerdem flog er kurz darauf nach Florida und verbrachte dort mehrere Monate, hauptsächlich in einer Flugschule am Opa-Locka-Airport in der Nähe von Miami.

In den letzten fünf oder sechs Jahren waren Claudia und Julia einander meist eher flüchtig begegnet. Vorwiegend in den Weihnachtsfeiertagen, wenn beide ihre Eltern besuchten, die immer noch am nordöstlichen Stadtrand von Wien, in der Siedlung in Aspern, wohnten. Bei diesen Gelegenheiten plauderten sie bei Weihnachtskeksen und Kaffee oder Punsch sogar ein wenig länger miteinander. Da ihre Mütter befreundet waren, erfuhr Claudia regelmäßig die Neuigkeiten über Julia. Seit einigen Jahren lebte sie in London, war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Soweit die Berichterstattung von Mutter zu Mutter und danach zu Claudia funktionierte, schien Julia die Bühne gegen die Familie getauscht zu haben – zumindest vorübergehend. In London hatte sie in einem Musical mitgewirkt, das ziemlich lange und erfolgreich gelaufen war.

4

Wien, Innenstadt

»Stefan war auf Geschäftsreise in Zürich. Er rief mich an, sagte, er würde noch einen Abstecher nach Salzburg machen und in etwa zwei Tagen nach London zurückkommen. Danach hat er sich nicht mehr gemeldet und sein Handy war abgeschaltet.« Julia stöberte in den Tragetaschen, zog ein weißes Briefkuvert heraus und entnahm ihm ein Blatt Papier. »Dann kam dieser Brief … mit der Hand geschrieben! Normalerweise schickt er SMS oder E-Mails. Aber es ist eindeutig Stefans Handschrift.«

Claudia kannte zwar Julias Mann, allerdings nicht sonderlich gut. Ihre Mutter hatte erzählt, dass Stefan und sein jüngerer Bruder Peter Brillen herstellten. Die beiden hatten das Familienunternehmen in Salzburg geerbt und führten es offensichtlich sehr erfolgreich. Jedenfalls war der Name »Canetti« im Zusammenhang mit Brillen bekannt. Beide Canetti-Brüder waren Privatpiloten und besaßen seit einigen Jahren ein einmotoriges Flugzeug der Type »Piper Arrow«. Wenn sie einander zufällig bei Julias Eltern in der Asperner Siedlung oder auf verschiedenen Flugplätzen über den Weg liefen und kurz miteinander plauderten, ging es meist um fliegerische Belange. Claudia konnte sich nicht entsinnen, mit Stefan Canetti je über etwas anderes gesprochen zu haben.

Julia entfaltete das Blatt, schob es über den Tisch und strich nervös mit den Fingern darüber. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Er schreibt englisch! – Stefan ist ein gebürtiger Salzburger! Wir sprechen klarerweise deutsch miteinander, … auch mit Daniel, … ausgenommen in Gesellschaft englischer Freunde natürlich. Ich versteh einfach nicht, warum …«, murmelte sie. »Aber du bist unvoreingenommen, Claudia. Lies es und sag mir ganz offen, was du denkst.«

Der Brief begann mit »Dear July!«Soweit Claudia sich erinnern konnte, hatte Julia bereits als kleines Mädchen beharrlich verkündet, ihr Name wäre Julia, und auf Verniedlichungen wie Julie empört reagiert. »Dein Romeo nennt dich also July?«, erkundigte sie sich deshalb mit erstaunt hochgezogenen Augenbrauen.

»Niemand hat mich je ›July‹ genannt!«, gestand Julia kopfschüttelnd. »Aber so verwirrend wie der Beginn ist der gesamte Inhalt des Briefes. Stefan schreibt, er wäre jetzt in Wien, eine wunderschöne Stadt, die mir sicher sehr gefallen würde. – Aber es klingt nicht ironisch, sondern als ob er es völlig ernst meinte. Er ist auch nicht der Typ, der solche Scherze macht. Und das ist noch nicht alles!

Er behauptet, es wäre wundervoll, wenn ich nach Wien käme. Obwohl mein gesundheitlicher Zustand das wahrscheinlich nicht zulässt. Aber ich sollte mich deshalb mit Dr. Geoffrey beraten. Falls er keine Bedenken hätte und mir ausreichend Medikamente für meine Herzbeschwerden mitgibt, könnte ich vielleicht doch nach Wien fliegen. Dennoch wolle er mich keinesfalls dazu drängen.«

»Du bist herzkrank?«, fragte Claudia verwundert.

»Natürlich nicht! – Dr. Geoffrey ist unser Rechtsanwalt!« Julia starrte Claudia an. »Das dicke Ende kommt noch. Stefan schreibt, er würde in der Villa von Geschäftsfreunden, einem interessanten Ehepaar, Luzia und Christoph Verbacher, wohnen, die sich sehr freuen würden, mich kennenzulernen. Ich sollte nicht allzu große Bedenken haben, die beiden würden ausgezeichnet Englisch sprechen. Und obwohl es August ist, wäre das Klima in Wien derzeit so mild wie damals an den drei Tagen im Mai, als wir in Venedig auf Hochzeitsreise waren. – Wir haben im Februar geheiratet, und zwar auf Hawaii! Claudia, bitte sag mir, dass ich mich mit meinen Vermutungen irre!«

»Dein Stefan ist geistig verwirrt. Amnesie? Drogen? Oder bloß zu viel Alkohol?«

»Und wenn nicht? Was er schreibt, wirkt auf mich wie eine Botschaft, die ich entschlüsseln soll. – Wie würdest du es interpretieren, wenn der Brief von deinem Rudi käme?«

»Ich muss mir nochmals die Formulierung dieses Satzes ansehen …« Claudia warf einen Blick auf das eigenartig abgefasste Schreiben. »Du warst mit ihm nie in Venedig?«

»Nicht im Mai! Gemeinsam waren wir nur einmal zu Silvester dort.«

»The three days in May … drei Tage im Mai … dreimal Mayday? Er ist Privatpilot. ›Mayday‹ – vorzugsweise dreimal – ist am Flugfunk das Codewort für einen Notruf!«

Julia nickte: »Genauso habe ich es auch verstanden. Gleichzeitig hab ich meine Interpretation als unsinnig angezweifelt und befürchtet, mich in pessimistischen Wahnvorstellungen zu verlieren.«

»Aber du bist jetzt hier. Hast du nicht mit ihm gesprochen? Was das alles soll?«

»In dem Brief war ein Flugticket. Aber Stefan hat mich in Wien nicht am Flughafen erwartet. Stattdessen nahmen mich diese Luzia Verbacher und Fred, ihr Chauffeur, in Empfang. Sie sprachen Englisch mit mir, als ob ich kein deutsches Wort verstünde, und haben mich direkt nach Döbling in ihre Villa gebracht.