Stiller und der Gartenzwerg - Peter Freudenberger - ebook

Stiller und der Gartenzwerg ebook

Peter Freudenberger

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Opis

Der Vorsitzende der Kleingartenanlage Radieschenparadies liegt tot vor seiner Laube - erschlagen mit einem Gartenzwerg. Ort und Waffe lassen für den Journalisten Paul Stiller keinen Zweifel zu: Der Mörder ist einer der Gärtner. Doch was tun, wenn ein halbes Dutzend Parzellenpächter ein Motiv hat? Um mehr über Wesen und Wirken der Gärtner zu erfahren, gräbt sich Stiller wie ein Maulwurf in die Laubenkolonie ein. Mit fatalen Folgen, denn hinter den idyllischen Fassaden öffnen sich Abgründe, die ihn am Ende zu verschlingen drohen.

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Peter Freudenberger, Jahrgang 1960, ist fest in der Main-Spessart-Region verwurzelt. Er arbeitet seit dem Abitur für Zeitungen in Würzburg, Miltenberg und seiner Heimatstadt Aschaffenburg. Sein Credo: Ein Journalist darf die Menschen seines Verbreitungsgebietes durchaus etwas lieben. Der humor- und liebevolle Blick auf die Region spiegelt sich (bei aller Spannung) in den Figuren seiner Kriminalromane. Im Emons Verlag erschienen »Stiller und die Tote im Bus« und »Stiller und die Finsternis«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.de/zettberlin Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-079-7 Main Krimi Originalausgabe

Prolog

Ihr Gesicht hat schöne Züge. Sonst ist wenig Gefälliges an ihr. Selbst zu dieser frühen Stunde, beim ersten Dämmern des Morgens, sind die Entstellungen ihres Körpers nicht zu übersehen. Das verfilzte, zu früh ergraute Haar, aus dem ganze Büschel ausgerissen sind. Die braunen Wundmale auf der Brust, das Blau der Blutergüsse auf den aufgedunsenen Schenkeln. Die gebrochenen Finger.

Die grüne Gärtnerjacke, das einzige Kleidungsstück, das sie ihr außer einem roten Halstuch und einem schmutzigen Baumwollslip gelassen haben, um ihre Blöße zu bedenken, ist oben weit aufgerissen. Die Taille dagegen ist so fest geschnürt, dass der breite Ledergürtel durch den Stoff hindurch tief in den Leib schneidet. Eine der vielen Misshandlungen, die sie erlitten hat.

Sie haben sie an ein Kreuz aus zwei Stangen gebunden. Holzstangen, die zerbrechlich wirken, kaum stark genug, ihr Gewicht zu tragen. Doch sie hat keine Kraft, das Holz zu brechen. Sie ist die Gebrochene. Ihre Beine hängen schlaff herab, können sie nicht stützen. Ihr Rücken ist unnatürlich gekrümmt, sie ist nicht fähig, sich zu bewegen oder Schmerz zu empfinden.

In ihrem Gesicht ist keine Farbe. Ein fahler Fleck in der Dämmerung. Das matte Weiß betont die schönen Züge. Über den dunklen Augen sind die Lider mit den schwarzen Wimpern halb geschlossen. Unter der feinen Nase schwingt sich ein voller, sinnlicher Mund, der sie, ebenso wie die mandelförmigen Augen, als Asiatin zu erkennen gibt. Trotz ihres Leids scheint sie sanft zu lächeln, demütig auf die Rückkehr ihrer Peiniger zu warten. Doch wie ihrem Gesicht die Farbe, so fehlt ihr selbst jedes Bewusstsein.

Zaghaft hellt sich der Horizont im Osten auf, die Sterne verblassen. Mit dem Morgen erhebt sich ein leichter Lufthauch, lässt das junge Laub der Obstbäume leise rascheln. Ein Windrad beginnt, sich quietschend zu drehen, eine Amsel schreckt auf und schimpft. Vereinzelte Autos rauschen über die nahe Großostheimer Straße, die das Gelände vom Mainufer trennt. Immer mehr Vögel erwachen und trillern Lieder in die kühle Luft. Die Beete in den Gärten ringsum verströmen einen erdigen Geruch, frisch gemähter Rasen duftet feucht. Sie riecht es nicht. Sie hört nicht den anschwellenden Vogelgesang, spürt nicht den Wind, friert nicht, scheint nichts zu sehen.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes. Eine Gestalt, einem Schatten gleich, tritt in ihr Gesichtsfeld, kommt auf dem Weg, der sich zwischen den Gärten entlangzieht, langsam auf sie zu.

Über die Zäune hinweg zeigt sich der Oberkörper, aber im Grau der Dämmerung lässt sich nicht ausmachen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Zudem hat sich der Schatten eine Kapuze über den Kopf gezogen. Der Kies knirscht nicht, die Gestalt bleibt auf der Grasnarbe am Rande des Wegs, vorsichtig bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. Mehrmals hält sie inne, lauscht oder späht in die Gärten hinter den Zäunen.

Am Nachbargarten bleibt der Schatten erneut stehen. Seine Hände greifen prüfend nach dem oberen Holm des niedrigen Türchens, dann packt er zu und schwingt sich hinüber. Dem Schwung nach ist es ein Mann. Kurz verdeckt ihn eine Hecke, dann erscheint er wieder in der Mitte einer kleinen Wiese. Er bückt sich, hebt hier und da etwas auf, wiegt es, legt es zurück. Er ist nicht ihretwegen gekommen. Er sucht etwas am Boden. Im feuchten Gras, das die niedrigen Johannisbeersträucher entlang des Zaunes verdecken.

Ein Hahn kräht. Der Schatten richtet sich jäh auf, sieht sich um. Sekundenlang starrt er zu ihr herüber, bewegt sich nicht. Sie bleibt ebenfalls reglos, erwidert seinen Blick, ein stummes Flehen. Es hat etwas Gespenstisches, wie sie sich so gegenüberstehen. Auf der einen Seite der Schatten, gesichtslose Schwärze unter der Kapuze wie in alten Darstellungen des Todes. Auf der anderen die Geschundene, Gebundene, die wie tot scheint, der leichenblasse Fleck ihres Gesichts.

Noch immer steht er auf der Wiese des Nachbargartens, wartet lauschend, während in Richtung Frankfurt ein frühes Flugzeug über die Stadt grollt. Über ihm bläht sich die Fahne am Ende des Mastes, der aus der Wiese spitz in den grauen Himmel sticht. Schließlich bückt er sich nochmals, packt einen Gegenstand, wiegt ihn wie die vorigen. Doch diesen verbirgt er unter der Jacke. Kurz lässt er ihn dabei über den Sträuchern sehen, es ist eine Art Kegel. Der Schatten wendet sich um und läuft davon – schneller, als er gekommen ist. Diesmal stützt er sich nur mit einer Hand ab, als er über das Türchen flankt. Eilig schreitet er am Rande des Wegs von ihr weg – wieder hinterlässt sein Tritt kein Knirschen – und verschwindet im Dunkel.

Sie kann ihm nicht nachrufen. Es ist vorbei. Ihr entstellter Körper verrät keine Enttäuschung, keine Trauer, keinen Schmerz. Spiegelt sich nicht sogar Erleichterung in den schönen Zügen ihres Gesichts? Der Schatten – er hat keine Erlösung gebracht. Was immer er vorhat, es ist nichts Gutes. Niemand darf sich um diese Uhrzeit hier aufhalten. Nur lichtscheue Wesen missachten das Verbot. Oder der Tod. Sie ist dem Tod begegnet, doch er hat sie verschont. Es ist jemand anderes, nach dem er sucht.

Eine Elster setzt sich auf ihre Schulter, plustert sich auf und schlägt dann ruckartig den Schnabel in die weiße Brust unter dem roten Halstuch. Geschickt pickt sie einen Käfer aus dem Stroh unter dem zerschlissenen Leinen und schwingt sich davon. Ihr Keckern klingt wie hämisches Gelächter. Ein neuer Riss klafft in der Stoffhaut, ein paar braune Halme hängen heraus. Ihre Peiniger sind zurück, die Maske, die man ihr neuerdings umgebunden hat, hilft nichts. Bald würden es auch ihre Besitzer wissen: Die alte Vogelscheuche ist nutzlos geworden.

1

Das Scheusal!

Gerti Blum wandte den Blick von der Vogelscheuche ab, tat so, als ob sie die Gärten auf der anderen Seite des Wegs betrachtete. Sie verabscheute dieses hässliche Monstrum. Verboten gehörte das.

Grundsätzlich war es schon einmal nicht richtig, die Vögel von ihren Futterplätzen zu vertreiben. Erst recht nicht, um die Saat vor ihnen zu schützen oder die eigene Ernte zu mehren. Eitler Wahn, den Jesu Lehren als sinnloses Streben entlarven. Nachzulesen bei Matthäus 6,26. Auswendig wusste sie den Satz: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch.«

Sie erschrak. Sie hatte die Worte laut gesprochen, fast gerufen. Wenn jemand sie gehört hatte, würde es gleich wieder die Runde machen, dass sie mit dem Alter immer wunderlicher wurde. Sie hielt einen Augenblick inne. Nichts. Kein Gelächter. Keine Schritte, die eilig herbeiliefen. Nur das rauschhafte Gezwitscher ihrer gefiederten Freunde, die mit dem Verkehrslärm auf der Großostheimer konkurrieren mussten. Der erreichte gerade seinen morgendlichen Höhepunkt. Es war kurz vor sieben, und wie immer schien sie um diese Uhrzeit allein im »Radieschenparadies« zu sein. Sie setzte ihren Weg fort.

Weil der Mensch das Ebenbild des himmlischen Vaters ist, gehört es zu seinen Christenpflichten, die Vögel zu nähren. Jedenfalls ihnen das Futter nicht zu verwehren. Aber einige Kleingärtner bewiesen unbegrenzten Einfallsreichtum, um sie abzuschrecken. Sie flochten Aluminiumbänder in Hecken, Stauden und an kurze Stäbe. Neuerdings nahmen sie sogar CD-Rohlinge. Sie pfählten Raubvogelimitationen aus Ton in die Beete. Vor einem Jahr hatte ein Pächter eine tote Amsel im Kirschbaum aufgehängt; aber der war seinen Garten gleich losgeworden.

Dafür hatte Josef Strunke gesorgt, der Vorsitzende der Kleingartenanlage. Auch bei den Alustreifen und den CDs stand er immer gleich auf der Matte. Nur die Vogelscheuche, die durfte bleiben.

Verrat am guten Geschmack. Verrat an der Natur. Und Blasphemie! Gerti Blum ließ sich da nichts vormachen. Sie war Oberstudienrätin. Lehrerin für Biologie und Religion. Die ideale Fächerkombination. Sie kannte die Schöpfung – und verstand sie. Sie wusste um Gottes Plan ebenso wie um die Evolution. Das war kein Widerspruch. Hinter jeglicher Fügung waltete die Hand des himmlischen Vaters.

Sie stand kurz vor der Pension, und noch immer fiel es ihr schwer zu glauben, dass der Mensch vom Affen abstammte. Erst der neue Schulleiter hatte es ihr etwas leichter gemacht. Ein Evangelischer. Und ein Sozi. Mit dem konnte ja etwas nicht stimmen, sonst hätte er es in Bayern nie so weit gebracht. Gut, leichte Zweifel an ihrem Schöpfungsideal keimten schon in ihr auf, als Strunke die Kleingartenanlage übernommen hatte. Auch dieser Mann ließ sich kaum mit dem Ebenbild des himmlischen Vaters vereinbaren, die Wurzeln seines Stammbaums lagen eher im Bereich des Affen, wobei in seinem Fall die Evolution zu einem frühen Stadium unterbrochen worden sein musste.

Strunke schien nur dazu geboren, seine Mitmenschen zu piesacken. Wehe, so einer erreicht eine Position, in der er Macht ausüben kann – ob als Schulleiter oder Anlagenvorsitzender. Strunke jedenfalls war rigoros. Die Paragrafen des Deutschen Kleingartengesetzes und der städtischen Kleingartenverordnung genügten ihm nicht. Stets erfand er neue Regeln dazu, von denen außer ihm selbst niemand etwas wusste. Bis er auftauchte und Scherereien machte. Mal wuchsen die Stauden zu hoch, dann wieder zu niedrig. Mal waren die Beete zu breit, die Wege zu schmal, die Griffe am Gartentürchen zu kurz oder die Gardinen hinter dem Laubenfenster zu lang. Hier gab es zu viele Blumen von nur einer Farbe, dort quietschte verbotswidrig eine Schubkarre, obwohl kein Gesetz der Welt, auch nicht der Kleingartenwelt, die Blütenfarben vorschrieb oder quietschende Schubkarren verbot. Quietschende Schaukeln schon, jedenfalls in der Mittagsruhe zwischen zwölf und drei.

Elf Laubenkolonien gab es im Stadtgebiet. Aber keine war so streng, unerbittlich und diktatorisch geführt wie diese. Hinter vorgehaltener Hand bezeichneten manche Pächter das Radieschenparadies als »Colonia Dignidad« von Aschaffenburg. Niemand war sicher vor Strunke, dem uneingeschränkten Herrscher. Nur die Vogelscheuche, die vielleicht nicht gegen Kleingartenparagrafen, aber gegen Gottes Gesetz verstieß.

Sicher lag es daran, dass sich Strunke selbst als Herrgott verstand. Vor ein paar Tagen hatte er sogar seine eigenen zehn Gebote an die schwarzen Bretter in der Kolonie angeschlagen. »Die zehn Gebote (und Verbote) des Kleingärtners«. Blasphemie! Eine Zumutung für jeden naturliebenden und gottesfürchtigen Gartenfreund. Wenn sich Strunke wenigstens selbst danach richten würde. Da stand es nämlich schwarz auf weiß, Gebot Nummer neun: »Du sollst die Bienen und Vögel achten!« Bienen – und Vögel. Die Vogelscheuche verstieß also gegen Strunkes Gebote, ohne dass er etwas dagegen unternahm, obwohl sie ihn schon zweimal darum gebeten hatte.

Natürlich hatte sie auch die Eigentümer des betreffenden Kleingartens angesprochen. Die Froeses. Sie hatten ihr freundlich zugehört, gelächelt und genickt. Und hinterher? Sie banden der Vogelscheuche eine japanische Geisha-Maske um. Damit sei sie ein Element des asiatischen Gartens, den das Paar entwickeln wollte.

Seit ein paar Jahren sprossen die Konzeptgärten wie Unkraut aus dem Boden. Der mediterrane Garten, in dem das meiste in Kübeln wucherte. Der romantische Garten mit seinem Überfluss an Rosen, bevorzugt blaue. Der formale Garten, bei dem es wohl vor allem auf kunstvoll geschnittene Hecken ankam. Der moderne Garten, in dem sich sogar die Pflanzen der Geometrie von Kreis, Dreieck und Quadrat unterwerfen mussten. Der naturnahe Garten – die Standardausrede für alle, die zu faul waren, ihre Parzelle zu pflegen.

Gerti Blum verstand genug von Biologie und Gärtnerei, um anzuerkennen: Der Garten der Froeses entsprach dem asiatischen Konzept. Zwei Eiben, ein Ahorn, über Jahrzehnte in Form geschnitten. Kies aus der Natur, dazwischen Inseln von Buchs-Azaleen und einige Enkianthus campanulatus – japanische Prachtglocken. Im Nutzgarten sprossen Mizuna und Blattsenf, die bereits im Frühjahr gediehen. Ebenso Perilla mit ihren rostroten Shisoblättern und Shungika. Etwas später folgten Cilantro und Thaibasilikum, dann Chinakohl und Pak-Choi. In besonders warmen und sonnigen Jahren gesellte sich sogar noch Zitronengras dazu.

Dabei verzichtete das Ehepaar Froese auf den kitschigen Klimbim, der sich in den zwei, drei anderen asiatischen Gärten fand – und in manchen Parzellen, die völlig ohne Konzept gestaltet waren: dicke Buddha-Skulpturen; vierarmige Göttinnen, die auf einem Bein tanzten; chinesische Drachen aus Ytong.

Dafür hing hier die scheußliche Vogelscheuche, die den harmonischen Gesamteindruck zerstörte. Die Geisha-Maske verbesserte nichts, sie entlarvte vielmehr das Elend und die Hässlichkeit der Puppe.

Gerti Blum nahm sich vor, Strunke noch einmal darauf anzusprechen. Auch wenn es ihr schwerfiel. Lange hatte sie kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Seit er Ende des Jahres an ihr herumgemäkelt hatte. Er trug immer ein Vokabelheft bei sich, wie es auch die Schüler benutzen. Nur dass Strunke darin die vermeintlichen Sünden seiner Gartengemeinde eintrug. Nach einem unfreundlichen Gruß hatte er das Heftchen aus der Gesäßtasche gezogen und losgelegt: Sie habe es im zurückliegenden Jahr an Gemeinsinn fehlen lassen. Sich an den Putzaktionen im Frühjahr überhaupt nicht und im Herbst nur – Moment – siebenundachtzig Minuten lang beteiligt. Das musste man sich mal vorstellen. Er hatte die Zeit notiert, wahrscheinlich von allen. Er hatte auch genau festgehalten, wie oft sie hinter der Theke im Vereinsheim Dienst getan hatte: nie.

Hatte der eine Ahnung, was Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen bedeuteten? Gerti Blum war eine gottesfürchtige Frau, sie achtete die Schöpfung und wünschte niemandem etwas Böses, schon gar nicht den Tod. Aber bei Strunke – da kam sie fast in Versuchung.

Trotzdem würde sie mit ihm über die Vogelscheuche reden, und zwar gleich beim nächsten Treffen. Sie fasste den Vorsatz in dem Augenblick, in dem sie das Vereinsheim passiert hatte und auf Strunkes Garten zusteuerte. Vielleicht hatte sie gleich Gelegenheit, ihren Entschluss umzusetzen: Strunke schien da zu sein. Die Tür zu seiner Laube stand offen.

Neugierig näherte sie sich dem Zaun. Strunke war Rentner. Rentner gehörten um diese Uhrzeit ins Bett und nicht in den Garten; jedenfalls hatte sie sich das für ihren Ruhestand vorgenommen. Wollte er sie am Ende wieder überwachen? Sie war zu früher Stunde gewöhnlich die Einzige in der Anlage.

Sie blieb an einem Busch stehen, einer abgeblühten Forsythie, die Strunkes Zaun und ihren Kopf überragte, und lugte durch die Zweige zur Laube. Nichts war zu sehen oder zu hören. Nicht das geringste Geräusch, nur die Vögel und die Straße. Sie räusperte sich. Keine Reaktion. Irgendwo musste er doch stecken.

Sie wartete. Vielleicht hatte er am Vorabend vergessen, die Laubentür abzuschließen, und der Morgenwind hatte sie aufgedrückt. Vielleicht hatten Einbrecher das Gartenhäuschen aufgebrochen, das kam ab und an vor. Aber die zogen hinterher die Tür zu, damit es nicht gleich auffiel.

Sollte sie nachsehen? Sie wollte nichts übereilen. Am Ende trieb er sich doch in der Anlage herum, war vielleicht auf dem Klo im Vereinsheim. Nicht auszudenken, wie er sich aufführen würde, wenn er sie in seinem Garten, ja in seiner Laube ertappte.

»Herr Strunke?«, rief sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme leicht zitterte. Nach einer Weile wiederholte sie etwas lauter und fester: »Herr Strunke!«

Immer noch nichts. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schob die obersten Zweige der Forsythie beiseite. Eine Elster segelte über den Garten, etwas ungeschickt landete sie auf der Terrasse vor der Laube. Da entdeckte Gerti Blum etwas Menschliches: Füße.

Es waren die Füße eines Mannes. Aber sie konnte sich auch täuschen, schließlich war sie darauf eingestellt, auf Strunke zu treffen. In jedem Fall waren es die Füße einer liegenden Person. Außer den Füßen sah sie nur noch ein Stück einer Jogginghose. Blau. Der Rest des Körpers war von Johannisbeersträuchern verdeckt. Gerti Blum verließ ihren Beobachtungsposten, lief am Zaun entlang bis zur Gartentür. Von dort aus war der Körper in seiner ganzen Länge zu sehen.

Es war Strunke, kein Zweifel. Aber warum lag er auf der Terrasse? Hielt er ein Nickerchen? Das wollte sie doch nicht hoffen. Verstieß Strunke etwa gegen sein eigenes Gebot Nummer zwei: »Du sollst nicht faul herumliegen den ganzen Tag!« Er hatte das Wort »nicht« unterstrichen und handschriftlich ergänzt: »Maßvolle Erholungsnutzung«.

»Herr Strunke!«, rief sie ein drittes Mal, merkte jedoch im gleichen Atemzug, dass es sinnlos war. Strunke schien auf eine unnatürliche Weise reglos. Das Gesicht war ihr zugewandt, die Augen standen offen, kein Lid zuckte. Sie verstand genug von Biologie. Der Mann war tot.

Gerti Blum schlug die Hand vor den Mund. Sie spürte ihr Blut rauschen. Jetzt nur ruhig bleiben, mahnte sie sich. Sie wollte nicht auch noch von einem Infarkt dahingerafft werden, wie sie es bei Strunke vermutete. Sie musste nachsehen. Vielleicht war es noch nicht zu spät, konnte sie noch helfen.

Die Gartentür war verschlossen. Warum in aller Welt hatte er abgeschlossen, wenn er doch da war? Sie verdrängte die Frage, kletterte über den niedrigen Zaun und hastete zur Laube. Als sie sich Strunke näherte, entdeckte sie auf dem Plattenbelag der Terrasse den dunklen Fleck um seinen Kopf. Abrupt blieb sie stehen. Das war doch nicht etwa Blut? Wieder schlug sie die Hand vor den Mund. Doch, es sah aus wie …

***

»Geschnetzeltes!«, rief der wabbelige Blattmacher der Politik und sah stolz in die Runde.

Paul Stiller betrachtete aus halb geschlossenen Augen die Leibesfülle und die dicken Backen des Kollegen, der ihm gegenübersaß. Er liebäugelte schon seit Jahren mit einem Wechsel ins Ressort Essen & Trinken. Vielleicht war er deshalb heute mit Eifer dabei. Er hatte Geschmack an der Sache gefunden, Appetit bekommen. Auf seinen Lippen glänzte Speichel.

»Sehr gut.« Dr. Frauke Heiner-Döberlin schrieb mit ihrem Edding »Geschnetzeltes« auf eine Wolke aus weißem Pappkarton und zog eine Nadel aus dem Schneiderkissen, das sie sich ums Handgelenk gebunden hatte. Die Diplom-Psychologin war als Creative-Innovative-Thinking-Trainerin, kurz: CITT, überregional gefragt. Das Redaktionscoaching war nicht ihr erster Einsatz, das zeigte der geübte Schwung, mit dem sie die Wolke an die Stellwand pinnte, die hinter ihr aufgebaut war. Über den blassblauen Stoff zog sich bereits eine Reihe bunter Wolken. Die meisten hatte der Blattmacher hinterlassen: »Schnitzel« stand darauf, »Kalbsbraten«, »Tilsiter« und »Presssack«.

Dr. Frauke Heiner-Döberlin wandte sich wieder dem Sitzkreis zu.

Für Stiller war es an diesem Montagmorgen die Hauptüberraschung gewesen, dass alle Tische des Konferenzzimmers an die Wand geschoben und die Stühle im Kreis angeordnet worden waren. Am Freitag hatten die Tische noch das übliche Oval in der Mitte des Raumes gebildet und darüber hinaus eine tragende Rolle gespielt. Die Redaktionsmitglieder sollten lernen, neue Perspektiven zu finden, und mussten für alle Redebeiträge auf die Tische steigen. Es handele sich um eine Unterart der Kopfstandmethode, hatte die CITT erläutert. Stiller war ihr dankbar gewesen, dass sie es nicht mit der Hauptvariante versucht hatte. Als Mittvierziger würde er keinen Kopfstand mehr wagen – und wenn sich Dr. Frauke Heiner-Döberlin selbst auf den Kopf stellte.

Ihm war schon der Wunsch von Chefredakteur Rex Bausback bedenklich weit gegangen, alle Diskussionsteilnehmer sollten vor dem Betreten der Tische die Schuhe ausziehen. Bausback hatte seinen Wunsch jedoch spontan zurückgezogen, nachdem die Wollsocken des bulligen Landchefs feuchte Flecken auf der Tischplatte und eine Duftnote von reifem Tilsiter in der Luft hinterlassen hatten. Mit zusammengekniffenen Nasenflügeln erklärte er, die Frage der Schuhe sei nicht kreativitätsrelevant.

Sofort hatte Stiller das Wort »kreativitätsrelevant« auf seinem Stenoblock notiert, was ihm das Vorhandensein der Tische noch problemlos ermöglich hatte. Am heutigen Morgen dagegen lag der Stenoblock unter seinem Stuhl, und es würde unangenehm auffallen, wenn er ihn aufhob, um erinnerungsrelevante Bemerkungen seines Chefredakteurs aufzuschreiben.

Trotz des Stuhlkreises, der ihn an seine Kindergartenzeit erinnerte, fand Stiller das Reizworttraining höchst interessant. Jeder sollte Begriffe in die Runde rufen, die ihm spontan in den Sinn kamen. Stiller rätselte noch über das Ziel dieses Work-outs (ein Wort, das die CITT anstelle der veralteten »Übung« benutzte), er entdeckte jedoch viel Aufschlussreiches in den Wolken, die sich an der Stellwand ballten.

»Migränetabletten«, rief die Kulturredakteurin.

»Sehr gut!« Die CITT griff nach dem Stapel roter Wolken, die offensichtlich medizinischen Reizwörtern vorbehalten waren.

Sie hat chronische Kopfschmerzen, dachte Stiller und ließ seinen Blick zur Stellwand schweifen, auf der schon eine rote Wolke schwebte. »Aspirin« stand darauf. Schlimme chronische Kopfschmerzen. Wahrscheinlich der Grund, warum die Kulturredakteurin an den meisten Tagen zickig wirkte. Stiller nahm sich vor, künftig etwas nachsichtiger mit ihr zu sein.

Heiner-Döberlin hatte das Wort »Migräne-Tabletten« trennen müssen, damit es auf die Wolke passte. Das inspirierte den Fotografen Peter Kleinschnitz zu einem Beitrag.

»Dampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze«, rief er feixend.

Bausback schnaufte erbost, doch die CITT beruhigte ihn mit einem sanften »Sehr gut!«, bevor sie auf einer blauen Wolke zu schreiben begann.

»Bullshit!«, platzte Kerstin Polke heraus. Ein gereizter Ton lag in ihrer ohnedies rauen Stimme. Zwei giftgrüne Wolken hatte die Online-Redakteurin bereits beigesteuert, zwei wenig trostreiche Botschaften: »Kalaschnikow« und »Blutrausch«.

Das Redaktionscoaching war Bausbacks Idee gewesen. Die Zeitungen steckten weltweit in der Krise, das Aschaffenburger Blatt war keine Ausnahme. Die Verlage verkleinerten die Belegschaften. Nachwuchs gab es nur, wenn eines der Fossile in Ruhestand ging – und selbst dann musste mit der Geschäftsleitung um jede Neubesetzung gerungen werden.

»Wir brauchen im Arbeitsalltag junge und spritzige Ideen«, hatte Bausback in einer Rundmail an die Redaktion verkündet. »Sicher haben Sie es schon oft gehört: Kreativität kann trainiert werden. Wir werden unsere Redaktion daher in ein Fitnessstudio für kreatives Work-out verwandeln.«

In der Folge hatte er Dr. Frauke Heiner-Döberlin engagiert, eine Expertin für chaotisch-intuitive Innovationsmethoden. Drei Wochen lang sollte sie die Redaktion in fünfzehnminütigen Workshops vor den Morgenkonferenzen mit den unterschiedlichen Techniken und Quellen der Kreativität vertraut machen: die Reizwortanalyse zur Provokation unkonventioneller Ideen, den Perspektivwechsel am Beispiel der Walt-Disney-Strategie oder die Denkhütevariante von De Bono, Brainwriting, Konzeptextraktion, Visuelle Synektik, Value Curve, Mindmapping, Morphologische Matrix, Semantische Intuition, Tai Chi, Alpha-Tiefschlaf: Am Ende sollte für jeden die passende Methode dabei sein.

»Schweinshaxe!«, rief der Blattmacher der Politik.

»Oh Gott«, seufzte Stiller.

»Sehr gut!« Heiner-Döberlin angelte sich eine gelbe Wolke und schrieb »Gott« darauf.

Die Teilnahme am Training war freiwillig, damit war das größte Problem bereits beschrieben. Die meisten Redaktionsmitglieder hielten sich dem kreativen Work-out fern. Aus zwei Gründen, wie sie ihren Entschuldigungen anfügten: Erstens weil ihnen angesichts der engen Besetzung die Zeit fehlte, zweitens weil sie den bestmöglichen Weg für Kreativität und Innovation bereits gefunden hätten. Es sei genau der, den sie schon immer beschritten.

»Die erste Phase ist um«, sagte die CITT sanft. »Lassen Sie uns nun an die Analyse gehen.« Sie wandte sich zur Stellwand und betrachtete sie, den Zeigefinger denkerisch ans Kinn gelegt. »Wir beginnen mit dem umfassendsten Begriff: Gott.« Sie pflückte die gelbe Wolke vom blauen Stoffhimmel und hielt sie über sich, während sie sich auf die Vorderkante ihres Stuhles setzte. »Sie müssen das jetzt nur erläutern, wenn Sie es wirklich wollen.« Ihr Ton glich dem einer Mutter, die einem Kleinkind mit Keuchhusten Mut zuspricht. »Was haben Sie uns mit diesem Wort sagen wollen, Herr Stiller?«

***

Allmählich begann Stiller, sich von seinem Schock zu erholen. Er hatte nach der Reizwortanalyse eine schnelle Konferenz mit der Stadtredaktion gehalten, die er leitete. Die Themen und Aufgaben waren verteilt, die Arbeit lief.

Sonja Wagner, die gute Seele des Redaktionssekretariats, hatte eine Kanne Kaffee für alle gebrüht. Stiller hatte der Kulturredakteurin, die hinter ihm in die kleine Kaffeeküche geschlurft kam, großzügig den Vortritt überlassen, die Geste aber sofort wieder bereut, als er den kärglichen Rest betrachtete, den sie ihm übrig gelassen hatte. Egal, nichts konnte diesen Tag schlimmer machen, als er schon war. Ein aufbauender Gedanke.

In seinem Büro ließ er die Tür offen, schloss aber das Fenster – der Mai war ungewöhnlich kühl. Stiller hatte gehofft, nach den Eisheiligen würde es besser werden, aber Deutschland lag unter einem beharrlichen Tief. Und Aschaffenburg mittendrin. Er ließ sich auf seinen Sessel sinken und breitete auf dem Schreibtisch die Unterlagen für den Beitrag aus, den er schreiben wollte.

Ein leiser Gong signalisierte den Eingang einer E-Mail. Er öffnete die Nachricht, die von der Pressestelle der Polizei kam. Für den täglichen Bullenreport war es viel zu früh, der kam erst gegen Abend. Es musste etwas passiert sein.

Eben wollte er zu lesen beginnen, da fühlte er, dass ihn jemand beobachtete. Er blickte über die Schulter. Dr. Frauke Heiner-Döberlin lehnte lässig am Türrahmen, einen Pott Kaffee in der Hand.

»Störe ich?«, fragte sie.

»Ähm, also …«

Sie trat ein und zog die Tür hinter sich zu. »Ich würde gerne ein paar Takte mit Ihnen reden, Herr Stiller. Paul. Ich darf doch Paul zu Ihnen sagen? Sie dürfen mich auch Frauke nennen.«

Stiller nickte überrumpelt. Die Nähe der CITT machte ihn verlegen. Das hatte nichts mit ihrer etwas ungewöhnlichen Erscheinung zu tun. Dr. Frauke Heiner-Döberlin war groß und dünn, fast mager. Stillers Freund Kleinschnitz hatte ihr den Spitznamen Bohnenstange verpasst. Ihr schlanker Hals war auffällig lang, und wie um ihn zu betonen, stand ihr das kastanienbraune Haar in widerborstigen Locken vom Kopf ab. Sie trug ein enges Business-Kostüm mit einem kurzen Rock, der ihre ebenfalls auffällig langen Beine sehen ließ. Beine, die genauso spindeldürr waren wie ihre Arme.

Stillers Verlegenheit hatte einen anderen Grund. Wenn ihn die CITT mit ihrem diplomierten Psychologenblick fixierte, hatte er das Gefühl, als schaue sie tief in sein Innerstes. Als könne sie mit ihren leicht stechenden Augen sein Hirn sezieren, zumindest aber seine Gedanken lesen.

Hilfesuchend schaute er auf den Bildschirm. »Ich habe gerade eine wichtige Mail bekommen.«

»Es dauert nur ein paar Minuten.« Sie stakste auf ihren Storchenbeinen zum Schreibtisch, balancierte dabei vorsichtig die Tasse, setzte sich Stiller gegenüber auf den Stuhl und knöpfte mit der freien Hand die Kostümjacke auf.

Überrascht sah Stiller, dass sie ein enges T-Shirt mit Dinosaurier-Aufdruck trug.

Sie bemerkte seinen Blick. »Das ist ein T-Shirt meiner Tochter«, erklärte sie lächelnd. »Ich habe mir heute Morgen Kaffee über die Bluse geschüttet und auf die Schnelle nichts anderes gefunden. Ich komme kaum zum Bügeln. Sie glauben gar nicht, wie mich das Kind und der Beruf auf Trab halten.«

Doch, dachte Stiller, sagte aber nichts. Er ahnte: Sie würde sofort wissen, dass er das Bügeln seiner Frau Ruth überließ.

Sie lächelte noch immer. »Ich weiß, Sie haben auch Kinder und arbeiten viel. Aber Sie haben bestimmt eine Frau, die Ihnen das Bügeln abnimmt.«

Er hatte es geahnt. Stiller hüstelte. »Und Ihr Mann?«

»Gott bewahre! Ich habe keinen Mann mehr. Noch eine Person mehr im Haushalt, um die ich mich kümmern müsste, liebe Güte. Ich habe mich seiner beizeiten entledigt und nur den Doppelnamen behalten. Macht sich besser.« Sie kleidete dieses raue Geständnis in einen Ton aus Samt.

Von wegen Bohnenstange, dachte Stiller. Sie hat etwas Spinnenartiges. Etwas von dieser Gattung, die nach dem Zeugungsakt das Männchen auffrisst. Sein Unwohlsein wuchs, er beschloss, das Gespräch zu beschleunigen.

»Frau Dr. Heiner-Döberlin …«

»Frauke!«

»Frauke. Sie wollten doch sicher nicht über die Rollenverteilung im Haushalt mit mir reden?«

»Sie haben recht.« Sie rutschte auf die Vorderkante des Stuhls. »Paul, es liegt mir sehr viel an einem Klima der Offenheit. Nur in einem solchen Klima ist es uns allen möglich, unsere Fähigkeiten frei zu entfalten und die inneren Ressourcen voll auszuschöpfen. Denken Sie sich unsere Zusammenarbeit als eine Pflanze, die Sonne genauso braucht wie Regen und daher unter dem offenen Himmel besser gedeiht als in einer geschlossenen Kammer.«

»Hm.« Stiller versuchte, aus den Augenwinkeln die Polizei-Mail zu lesen. Er erkannte das Wort Staatsanwaltschaft.

»Ich weiß, Sie reden nicht viel. Sie sind eher ein guter Zuhörer.« Ihre Stimme hatte wieder die Kleinkind-Beruhigungsmelodie.

Drei weitere Worte sprang ihm ins Auge: Vorabinformation und noch vertraulich.

»Dennoch habe ich das Gefühl, Ihr Schweigen heute Morgen hatte andere Gründe.«

Stand da wirklich auf Ihre Mithilfe angewiesen?

»Mag sein, dass es sich um ein unbewusstes Verhaltensmuster handelt. Immerhin haben Sie sich freiwillig zum kreativen Work-out angemeldet und bisher noch keine Sitzung ausgelassen. Ich will Ihnen daher keinesfalls eine bewusste Verweigerungshaltung unterstellen.«

Es ging offensichtlich um einen Zeugenaufruf. Das Wort Zeugen war fett gedruckt.

»Dennoch: Kann es sein, dass Sie sich meinen Methoden des Kreativitätstrainings verschließen, weil …« Sie legte eine Pause ein, und Stiller hatte das Gefühl, ihr Blick sei noch ein Tick stechender geworden. »… weil ich eine Frau bin?«

»Wie bitte?« Stillers Protest wäre um einiges schärfer ausgefallen, hätte ihn die Mail nicht abgelenkt. Er übersprang ein paar Zeilen und hakte am Wortpaar frühen Morgen wieder ein.

»Mag sein, dass ich mich täusche. Ich kann schließlich keine Gedanken lesen. Aber Sie verschließen sich.«

Stiller tat, als sei er empört, und wandte sich vollends seinem Bildschirm zu. Vorsitzender der Kleingartenanlage Nilkheimer Bahnhof, las er.

»Sie verschließen sich nicht nur. Sie haben eine Mauer um sich errichtet.«

Einwirkung stumpfer Gewalt.

»In Ihrem eigenen Interesse: Ich muss wissen, was diese Mauer durchbrechen kann!«

Abrupt wandte sich Stiller ihr zu. »Ein Mord!«

Sie fuhr erschrocken zurück, hätte sich um ein Haar ihren Kaffee über das Dinosaurier-T-Shirt geschüttet. »Aber Herr Stiller!«

»Paul.« Jetzt war er es, der lächelte. Er war in seinem Element. »Wir haben einen Mord. Es war schön, mit Ihnen zu plaudern, aber ich muss handeln.«

Er griff zum Telefon. Als er den Hörer abheben wollte, schoss ihre Hand vor wie ein Stachel, legte sich auf seine und drückte sie herab.

»Ist das keine übereilte Hast?«, fragte sie sanft. »Meinen Sie nicht, es könnte effektiver sein, für Ihr weiteres Vorgehen eine der bewährten Kreativitätstechniken zu wählen?«

Stiller nickte. »Ich habe mich bereits für die chaotisch-intuitive Methode entschieden«, sagte er und wählte Kleinschnitz an. »Ihr Spezialgebiet, oder? Sie können mich gerne unterstützen!«

Zum zweiten Mal an diesem Morgen war er großzügig – und während er dem Freizeichen lauschte, ahnte er bereits, dass er es auch diesmal bereuen würde.

2

Es beginnt zu tagen über der Kleingartenkolonie. Das Licht wischt das Grau von den Stauden und Büschen, den Blumenbeeten und den schmucken Lauben, es lässt die Farben leuchten. Vögel zwitschern. Die Blätter der Obstbäume rascheln im Wind, Fahnen flattern. Da öffnet sich eine Gartenhaustür. Vielleicht knarrt sie, das muss noch geprüft werden. Ein paar Amseln im Kirschbaum vor der Hütte flattern auf. Ihr schrilles Tschilpen warnt die Umwelt: Hier lebt ein Feind.

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