SCHWERE ZIELE (Extreme) - Chris Ryan - ebook

SCHWERE ZIELE (Extreme) ebook

Chris Ryan

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Opis

Als SAS-Soldat war es Joe Gardners Aufgabe, die gefährlichsten Gegner des Empires in mitunter entlegenen und trostlosen Winkeln der Welt auszuschalten. Verlieren war dabei nie eine Option gewesen. Nun aber steht er vor seiner bislang härtesten Herausforderung: Bei einem Undercover-Einsatz in Afghanistan verliert Gardner eine Hand und muss sich aus dem aktiven Dienst zurückziehen. Er taucht unter. Doch egal wie unsichtbar er sich auch macht – das Schicksal scheint ihm keinen Ruhestand zu gönnen. Ein Anruf von seinem alten Kameraden und Kriegshelden John Bald führt ihn nach Rio de Janeiro. John steckt in Schwierigkeiten, mitten im brodelnden Hexenkessel der Favelas. Eine der brutalen Banden will seinen Kopf, und ohne Gardners Hilfe ist er so gut wie tot. Doch was als einfache Rettungsmission beginnt, wird schnell zu einem gnadenlosen Kampf ums Überleben, der von den Slums Brasiliens bis in die eisigen Steppen Sibiriens reicht. Verfolgt von den besten Agenten des MI6 und skrupellosen ehemaligen Kameraden muss Gardner auf all seine Fähigkeiten und Instinkte zurückgreifen, um seinen bisher schwierigsten Gegner zur Strecke zu bringen – bevor es zu spät ist. Chris Ryan, der Erfinder der erfolgreichen TV-Serie "Strike Back", befördert Sie mit seiner Extreme-Reihe direkt ins explosive Geschehen. Und wer die TV-Serie kennt, weiß, was ihn erwartet. "Extreme" ist atemlose Actionkost, die wirklich hält, was sie verspricht. Wer seit Jahren vergeblich auf einen echten kompromisslosen Actionkracher wartet und zudem mit Spielen wie "Call of Duty" oder "Medal of Honor" etwas anfangen kann, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.

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EXTREME: SCHWERE ZIELE

Chris Ryan

übersetzt von Peter Mehler

This Translation is published by arrangement with Chris Ryan Title: EXTREME: HART TARGETS. All rights reserved. Copyright © Chris Ryan 2010

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: EXTREME: HART TARGETS Copyright Gesamtausgabe © 2016 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Peter Mehler

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2016) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-203-2

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

EXTREME: SCHWERE ZIELE
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Leseempfehlungen
Über den Autor
Glossar/Begriffserklärung
LUZIFER Verlag

Kapitel 1

Mardan, Pakistan, 03:00 Uhr

Der Wagen war ein Toyota Land Cruiser, und die Waffe in Joe Gardners Schoß eine AK-47. Draußen tauchte der Vollmond die Straße und die sie umgebende Wüste in ein fahles Licht und ließ alles wie einen Haufen Asche aussehen.

Hier, fünfundvierzig Kilometer nördlich von Peshawar, mitten im Hoheitsgebiet der Taliban, sollte das vierköpfige Team in dem Cruiser eine Spezialoperation durchführen.

Gardner schaltete den Motor ab und hievte sich aus dem Fahrersitz. Er war der letzte Operator, der aus dem Cruiser stieg. Der staubtrockene Boden knirschte leise unter seinen Gore-Tex Timberlands. Achtundvierzig Grad heiße Luft schlug ihm entgegen, brannte auf seinem Gesicht und nahm ihm den Atem. Gardners Finger schlossen sich fester um den Griff der AK-47. Seine linke Hand war mit Moskitobissen übersät, doch er unterdrückte das unentwegte Verlangen, an ihnen zu kratzen.

Sie hatten den Cruiser am Rand einer verwitterten Straße abgestellt, die durch den Südwesten der pakistanischen Stadt führte. Im Westen dominierten die Khyber Berge den Horizont und ragten wie zerklüftete schwarzen Zähne in den asphaltfarbenen Himmel.

John Bald stellte sich neben Gardner und sagte: »Vierzig Meter. Das letzte Haus auf der rechten Seite.«

Er deutete die Straße hinab nach Süden. Gardner spähte über die massigen Schultern seines besten Kumpels und fixierte das Haus, auf das Bald zeigte. Es war ein unbeleuchtetes zweistöckiges Gebäude, das auf der rechten Seite von dürren Bäumen, graubraunem Gras und Akazienbüschen flankiert wurde. Links davon befand sich eine Reihe von Elektronik- und Mobiltelefon-Läden. Die Geschäfte waren geschlossen, aber ihre Anzeigetafeln warfen ein schwaches Licht auf die Straße.

»Bist du sicher, dass es das ist?«, flüsterte Dave Hands mit heiserer Stimme und nickte zu dem ECM-Peilsender, den Bald in der Hand hielt.

»Hundertprozentig.«

Balds kantige Gesichtszüge reflektieren das rotblinkende Licht des Peilsenders. Gardner und er waren Kameraden seit dem Tag, an dem beide die Auswahlprüfungen bestanden hatten. Als man Gardner nach der brutalen simulierten Folterübung in den Raum mit den anderen Kandidaten führte, hatte Bald ihm nur zugezwinkert und gesagt: »Kinderkacke.« Der Mann war schottischer als eine Kiste Irn-Bru und lächelte unentwegt, halb belustig, halb hinterlistig. Nun schaute Gardner konzentriert auf den Peilsender in Balds Hand. Er war etwa so groß wie ein iPhone, aber in der riesigen, schwieligen Hand seines Kumpels sah es aus, als wäre es beim Waschen eingelaufen.

Dave Hands blickte wenig überzeugt zu dem Gebäude hinüber.

»Sieht für mich verdammt leer aus.«

»Tariq Afridi ist der Anführer der pakistanischen Taliban«, antwortete Bald und steckte das Gerät in die Tasche seiner Salwar-Hose. »Er ist ein hohes Tier, Davey Boy, und wir wissen exakt, wo er sich aufhält. Nämlich genau da drin.«

Alle Blades trugen regionale Kleidung, aber unter dem regionaltypischen Kameez trug jeder der Männer eine Einsatzweste der Spezialeinheiten vom Typ Viper mit vier Taschen für Reservemagazine und drei weiteren Taschen für Ausrüstungsgegenstände: Kompass, Karte, Feuerzeug, Goldmünzen, Wasserreinigungstabletten, Taschenmesser, Fallschirmleine.

Sie waren jetzt fünfzig Meter von dem Haus auf der anderen Seite der Straße entfernt, die nach Ragesh führte und nicht mehr war als ein ausgefahrener Streifen Asphalt, der zu neunzig Prozent aus Schlaglöchern und Dreck bestand. Bald führte die Gruppe an, danach Hands, und Gardner als dritter. Der vierte Mann im Team war ein Yankee. Anthony Shaw war ein Navy SEAL mit einem Blick so kalt wie eisgekühltes Bier und bleistiftdünnen Lippen, die er nur öffnete, um Bibelverse zu zitieren. Die anderen Jungs im Regiment waren nicht sonderlich religiös und verarschten Shaw von dem Moment an, als er mit dem Bibelquatsch angefangen hatte. So fing er sich den Spitznamen Prediger ein. Aber fairerweise musste man sagen, dass es der Yank nicht krummnahm. Man hatte ihn dem Team zugeteilt, weil die Operation ein gemeinsamer Einsatz der USA und des Vereinigten Königreichs war, aber insgeheim hatten Gardner und Bald sich gefragt, ob er sich bei der Mission nicht vielleicht als Schwachstelle herausstellen könnte. Es gab Gerüchte, Shaw hätte die Aufnahme ins Team für die bin-Laden-Sause verpasst, weil die SEAL-Commander den über zwei Meter großen, 300 Pfund schweren Afroamerikaner für einen Hitzkopf hielten. Lag wohl an seinem Blutdruck.

»Jesus«, hatte Bald zu Gardner gesagt, als die beiden allein waren und sich auf die Operation vorbereiteten. »Stell dir vor, wie schießwütig der Junge sein muss, wenn ihn selbst die verdammten Yanks für zu kampflustig halten.«

Die Männer bewegten sich schnell, passierten ein Rapsfeld, das in voller Blüte stand und sich bis zur hügeligen nordwestlichen Seite des Mardan erstreckte. Sie hielten einen unregelmäßigen Abstand zum Vordermann – vier bewegliche Ziele mit uniformen Abständen zueinander hätte das menschliche Auge sofort bemerkt.

Zwanzig Meter bis zu dem Gebäude. Das Vier-Mann-Team sammelte sich im Schutz einer Gruppe Kiefern. Die Kiefernnadeln bewegten sich müde im Hauch einer schwachen Brise, welche die Hitze zumindest ein wenig erträglicher machte. Zudem boten die Kiefern eine gute Deckung. Aus dieser Position waren sie für Afridis Männer unsichtbar.

Ihre Bewaffnung bestand aus verschiedenen Modellen der AK-47, wie sie von der albanischen Antiterroreinheit benutzt wurden. Die ASH-78 Tip-3 verfügte über drei Einstellungen: Einzelschuss, Drei-Schuss-Salven und Dauerfeuer. An Hands Waffe war noch ein Granatwerfer an der Unterseite des Laufs angebracht. Gardners Gewehr hatte einen etwa fünfzehn Zentimeter langen Riss, der quer durch den hölzernen Kolben ging, und das Magazin war mit Klebeband umwickelt, um zu verhindern, dass die Patronen herausfielen.

Gardner gab Hands und Shaw ein Handzeichen.

»Ihr kommt von der Rückseite. Wir greifen von der Vorderseite aus an. Wenn wir losschlagen, kommt ihr über den Hintereingang herein und legt jeden um, der dumm genug ist, im Weg zu stehen.«

»Was, wenn es keinen Hintereingang gibt?«, fragte Hands.

»Dann nimm ein Fenster, du Blödmann. John und ich sichern das Erdgeschoss. Du und Everton, ihr übernehmt das erste Stockwerk.«

Sie verließen die Deckung hinter den Kiefern, Gardner ging voraus. Niemand sprach, um Afridi und seine Leute nicht zu warnen. Vermassel das bloß nicht, rief unentwegt eine Stimme in Gardners Kopf. Zu viel stand bei dieser Mission auf dem Spiel, denn der Mann in dem Gebäude war Tariq Afridi, Anführer der Tehrik-i-Taliban.

Die pakistanischen Taliban waren die bösen Brüder der afghanischen Ausgabe. Sie waren für eine ganze Reihe von grenzübergreifenden Angriffen auf vereinigte Truppenverbände entlang der Durand-Linie verantwortlich – oder AfPak, wie die Schreibtischtäter beim MoD die undefinierte Grauzone zwischen Afghanistan und Pakistan nannten, die sich zu einem sicheren Hafen für die Taliban gemausert hatte. Gardner wusste, dass Afridis Sicherheitsteam in diesem Moment damit beschäftigt war, ein Fernsehteam in einen spärlich dekorierten Raum mit Lehmboden zu führen. Nach monatelangen Verhandlungen hatte Afridi einem Interview mit einem taliban-nahen regionalen Nachrichtensender zugestimmt.

Afridi und seine Leute wussten jedoch nicht, dass der Kameramann ein Agent des MI6 war. Im Richtmikrofon seines Sony DSR-300 Camcorders versteckte sich ein ECM-Transmitter, und dieser führte Gardners Team direkt zum großen Hauptgewinn.

Zwölf Meter trennten die Blades von ihrem Ziel. Gardner spähte über die Schulter zu Hands und Shaw. Mit einer Handbewegung wies er sie an, nach rechts auszuschwärmen und sich dem Haus von der Seite zu nähern. Zwar wussten sie von dem Fernsehteam, aber im Grunde gingen seine Leute höchst unvorbereitet in diesen Einsatz. Niemand konnte genau sagen, wie viele Wachen Afridi um sich geschart hatte, daher galt die Devise, sich dem Ziel mit besonderer Vorsicht zu nähern.

Hands und Shaw lösten sich aus der Formation, vorbei an einem verrammelten Tabakladen. Gleichzeitig näherten sich Gardner und Bald auf dem kürzesten Weg der Haustür. Gardner beschleunigte sein Tempo und zog an Bald vorbei. Aus zwölf Metern wurden zehn.

Dann sahen sie, wie die Eingangstür aufflog. Gardner brachte sich unter dem kunstvoll verzierten Vordach eines Ladens neben dem Gebäude in Deckung, Bald folgte ihm nur Sekundenbruchteile später. Gemeinsam kauerten sie im zickzackförmigen Schatten und beobachteten einen Wachposten, der aus dem Haus trat und die Tür hinter sich schloss.

Neun Meter zwischen ihm und Gardner. Der Wachmann war untersetzt, wirkte schwammig, trug keine Schuhe. Er schwang sich sein RPK-Maschinengewehr auf die Schulter und hielt sich die hohlen Hände vors Gesicht. Die Spitze seiner Zigarette flammte auf. Er hatte sich der entgegengesetzten Richtung zugewandt und ahnte nichts von Gardners und Balds Anwesenheit.

Langsam und vorsichtig zog Gardner sein Fairbairn-Sykes-Kampfmesser aus dem Gürtel unter seinem Kameez hervor. Er spürte Balds lauwarmen Atem in kurzen Abständen an seiner Schulter. Mit dem Messer in der rechten Hand verließ er die Deckung unter dem Vordach und schlich sich an den Wachmann heran.

Sechs Meter. Der Wachmann kratzte sich am Ellenbogen. Rauch drang aus seiner Nase. Gardner war nur noch vier Meter von ihm entfernt … drei … das Blut rauschte in seinen Ohren, er atmete schwer. Der Mann hatte Gardner noch immer nicht bemerkt und starrte auf seine krummen Zehen hinab.

Zwei Meter …

Gardner hielt den Atem an. Die Luft in seiner Lunge fühlte sich wie ein Eisklumpen an.

Noch einer …

Gardner richtete sich auf, Knie und Rücken noch gebeugt, und mit einer leichten Bewegung von Daumen und Zeigefinger drehte er das Messer in seiner Hand, sodass die Spitze nun nicht mehr auf ihn, sondern seinen Gegner zeigte.

Die Klinge reflektierte das Mondlicht. Das Wort »ENGLAND« war in dem Parier eingeprägt.

Tu es.

Mit einer fließenden Bewegung hob Gardner das Messer und trieb es dem Wachmann ins Genick.

Der Angriff war tödlich. Die Klinge drang unterhalb des Schädels ein und arbeitete sich bis zur Großhirnrinde vor. Gardner spürte, wie die Messerspitze an etwas Hartes, aber doch Nachgiebiges stieß, wie Spachtelmasse. Er presste dem Wachposten seine linke Hand auf den Mund und vollführte mit dem Messer eine leichte Drehung. Der Körper des Mannes zuckte. Wie Rohöl sickerte dickes Blut aus der Wunde. Gardner ließ den toten Körper zu Boden sinken, rollte ihn auf den Bauch und zog dann das Messer aus dessen Kopf. Kleine Stücke Gehirnmasse blieben daran haften. Gardner wischte das Messer auf dem Erdboden ab.

Bald hatte zu ihm aufgeschlossen und postierte sich rechts der Tür. Gardner steckte das Messer wieder ein und glitt auf die gegenüberliegende Seite. Die Tür war aus Holz und mit einem Querbalken gesichert. Für Gardner sah die Konstruktion wenig stabil aus. Bald nickte ihm zu, offensichtlich dachte er dasselbe. Gardner hob drei Finger.

Drei Sekunden …

Bald brachte sich in Stellung, die Beine etwa auf Schulterbreite, für eine feste Schussposition. Dann trat Gardner vor die Tür, verlagerte sein Körpergewicht auf das linke Bein. Er zog das rechte Bein an und ließ es in Brusthöhe gegen die Tür schnellen.

Als die Gummisohle nur noch Zentimeter von der Tür entfernt war, zerriss eine Explosion die Stille.

Kapitel 2

03:17 Uhr

Die Wucht der Explosion riss die Tür aus ihren Angeln und traf Gardner wie ein Güterzug. Er flog durch die Luft und schlug vier Meter vom Eingang entfernt auf dem Rücken auf. Hitze prallte ihm entgegen. Holzsplitter bohrten sich in seine Hände und sein Gesicht. Seine Ohren klingelten.

Eine Sprengfalle, dachte er, während er am Boden lag. Aber dann rappelte er sich wieder auf und spähte durch den Nebel. Bald stürmte bereits durch die Tür, Gardner folgte ihm taumelnd. Ka-Rack. Das kurze Rattern von Einzelschüssen pfiff durch die heiße Luft. Jemand schrie.

Gardner manövrierte durch den dichten Rauch. Seine Augen tränten. Trotzdem konnte er Teppiche an den Wänden, einen Haufen Patronengurte und RPGs in der einen und einen schlichten Tandoor-Ofen in der anderen Ecke erkennen.

Auf dem Lehmboden befanden sich Blutspuren, vermengt mit Granatsplittern.

Der Rauch lichtete sich etwas. Gardner sah eine Hand. Dann zog sich der Rauch noch etwas zurück. Die Hand gehörte einem arabisch aussehenden Mann, der mit dem Kopf im Dreck lag. Gardner packte ein Büschel der schwarzen Haare, hob den Kopf, und sah in das Gesicht des MI6-Agenten. Oder vielmehr in das, was davon übrig war. Wo sich seine Augen befinden sollten, klafften große schwarze Löcher, so als hätte sie jemand herausgeschält. Trotzdem war er immer noch am Leben. Sein Brustkorb hob und senkte sich spastisch, und sein sabbernder Mund schnappte nach Luft. Er versuchte, etwas zu sagen. Gardner kniete sich neben ihn und registrierte das leise pochende Geräusch in dessen Brust.

»Wer hat das getan?«, fragte Gardner.

»Afridi«, presste der Mann hervor. »Er hat alle …« Er brachte den Satz nicht zu Ende, würgte und hustete dicken schwarzen Schleim heraus. Gardner ließ ihn sich ins Jenseits röcheln. Wieder ertönten Schüsse.

»Fuck!«

Die Stimme gehörte Hands. Gardner hielt auf einen bogenförmigen Durchgang zu, der aus dem hinteren Teil des Raumes führte und in einem dunklen Flur mündete, der so eng war, dass seine Schultern an den Wänden scheuerten. Am Ende des Flurs befand sich eine schlichte Holztreppe. Er eilte den Korridor entlang. Zwei weitere Ka-Racks hallten durch die Luft. Die Schüsse wurden lauter. Sie kommen von oben, dachte Gardner. Er rannte auf die Treppe zu. Doch dann bemerkte er zu seiner Linken eine schmale Öffnung, mehr Nische als separater Raum. Auf dem Boden glitzerten schneeflockengroße Punkte. Diamanten. Und dazwischen Bald. Sein Kumpel kniete mit einem Bein neben den Diamanten und kehrte mit dem Rücken zu Gardner gewandt die funkelnden Steine mit seiner freien Hand zusammen.

»Was soll der Mist, John?«

Bald zuckte zusammen. Dann sprang er hastig auf.

»Ich wollte nur …«

Gardner schnitt ihm das Wort ab. »Wo sind unsere Männer, verdammt noch mal?«

»Sieh dir das Zeug an, das Afridi hier bunkert«, sagte Bald, kickte Staub vom Lehmboden über die Diamanten und tat so, als hätte er Gardners Frage nicht gehört. »Ich komme mir vor wie bei De Beers.«

»Vergiss die Steine. Wir nehmen die Treppe.«

Gardner lief voraus und sicherte die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Nach sechs großen Schritten erreichte er den Treppenabsatz, Bald war nur wenige Meter hinter ihm. Schweiß rann Gardner aus dem Nacken und lief in Sturzbächen seinen Rücken hinab.

»Hands? Shaw?«, rief er. Keine Antwort. Die Luft war angefüllt mit dem schwefeligen Geruch abgefeuerter Waffen, den Thriller-Autoren gern mit Kordit verwechselten. Er konnte den brandigen, chlorartigen Geschmack auf der Zunge spüren.

Gardner schwenkte schnell nach rechts. Sein Zeigefinger drückte leicht gegen den Abzug, bereit, jedes Arschloch, das in Sicht kam, sofort ins Jenseits zu befördern.

Der Treppenflur war so groß wie ein Raum. An der gegenüberliegenden Wand lehnten ein paar AK-47, RPGs und eine Kiste mit Granaten. Linkerhand war eine Tür. Im Türrahmen lag ein Körper. Im Hinterkopf der Leiche klaffte ein großes rundes Loch. Ein Loch von der Größe, dass bequem eine Orange hineingepasst hätte. Ein zweiter Körper lag zusammengesackt neben den Waffen. Sein brauner Kameez war von Einschusslöchern durchsiebt, die Wand dahinter mit sechs weiteren übersät. Leere Patronenhülsen lagen zwischen seinen nackten Füßen.

Dave Hands stand rechts der X-Rays und ließ gerade ein neues Magazin mit dreißig Schuss in sein Sturmgewehr einrasten. Shaw stand neben ihm, seine massige Statur dominierte das Fenster, das den Blick hinaus auf die Straße nach Ragesh freigab.

»Keine Spur von Afridi?«

»Gar nichts.« Hand schüttelte bedauernd den Kopf.

Bald schnalzte mit der Zunge. »Er muss gewusst haben, dass wir kommen.«

Gardner schwieg.

Shaw wendete den Blick vom Fenster ab und sah Gardner an.

»Wir bekommen Gesellschaft.«

Kapitel 3

03:27 Uhr

»Wie viele X-Rays?«, fragte Gardner.

»Zwölf«, antwortete Shaw.

Gardner blinzelte, um den brennenden Schweiß aus den Augen zu bekommen, und nahm die Situation auf der Straße selbst in Augenschein. Die X-Rays hatten sich so schnell verteilt, wie Shaw sie erspäht hatte. Gardner konnte nur drei Umrisse ausmachen, die zwischen den Schatten der Häuser und einer Reihe von Daihatsus und Nissans umher huschten, die in einer Entfernung von sechzig Metern an der Ostseite der Straße parkten. Sie benutzten die Fahrzeuge als Deckung, kauerten sich hinter die Wagenräder, was Gardner zeigte, dass sie es nicht mit Anfängern zu tun hatten. Man musste ein erfahrener, gut ausgebildeter Kämpfer sein, um zu wissen, dass die Vorder- und Hinterräder nicht von Kugel durchschlagen werden konnten. Suchte man an irgendeiner anderen Stelle der Karosserie Schutz, war die Gefahr groß, dass eine Kugel glatt durch das Metall hindurch ging und einen durchbohrte.

»Was siehst du?«, fragte Bald.

Gardner beobachtete, wie einer der Schemen aus der Deckung hinter einem der Autos hervorlugte, und dann parallel zu ihrem Gebäude die Straße entlang sprintete. Er hielt auf eine Seitenstraße zu, dreißig Meter östlich von ihnen. Da er vor dem Einsatz Satellitenaufnahmen und Vergrößerungen vom Mardan bei Google Maps studiert hatte, wusste Gardner, dass die kleine Straße zur Rückseite des Hauses führte, in dem sie sich befanden. Und wenn die Taliban es in ihren Rücken schafften, wären die Blades gezwungen, an zwei Fronten zu kämpfen. Dann wären sie am Arsch.

»Sie flankieren uns«, sagte Gardner. Er holte tief Luft, schloss die Augen und überlegte, welche Möglichkeiten ihnen noch blieben. Der metallene Griff der AK-47 fühlte sich heiß und klebrig an. Zwölf X-Rays. Vielleicht mehr. Gegen vier Operators.

Jeder von ihnen trug vier Magazine bei sich. Das machte zusammen einhundertundzwanzig Schuss pro Mann, und der einzige Weg hier raus war der Land Cruiser. Wären sie in Afghanistan, hätte Gardner den Angriff mit einem Fingerschnippen beendet. Er hätte sich ans Funkgerät geklemmt, Luftunterstützung angefordert und dann auf die F16 gewartet, damit diese das Gelände dem Erdboden gleich machten. Aber das hier war Pakistan. Das hier war eine Geheimoperation. Und deshalb würde es keinen Luftschlag geben, denn soweit es die Sesselfurzer in Whitehall betraf, hatten Gardner und seine Leute Pakistan nie betreten.

Also, wie sieht dein Plan aus, Joe?, dachte er bei sich.

Gardner drehte sich zu Bald. Die Augen des Schotten waren auf die sich nähernden Taliban gerichtet.

»Gib mir Feuerschutz. Nagele die Mistkerle da unten fest. Ich kann nicht zulassen, dass sie uns einkreisen.«

Sofort deckte Shaw die Angreifer mit einer Welle aus Dreifachsalven ein. Der Lärm war ebenso hypnotisierend wie ohrenbetäubend. Das sollte die Jungs eine Weile beschäftigen. Nach der dritten Salve setzte sich Gardner in Richtung der Treppe in Bewegung, Bald und Hands folgten ihm.

Zurück in den Eingangsbereich. Die Luft war angefüllt von dem grässlichen Gestank verbrannten Fleisches und heißer Patronenhülsen. Der Türrahmen war verkohlt. Trümmer lagen auf dem Lehmboden verstreut, Mörtel und vereinzelte Patronenhülsen. Das erstarrte Gesicht des MI6-Mannes trug die typischen Züge frisch Verstorbener – nicht etwa verängstigt oder gequält, sondern leicht erstaunt, wie jemand, der vor seinem Haus steht und feststellen muss, dass er die Wohnungsschlüssel verlegt hat. Gardner wich dem zerstörten Camcorder aus und ließ sich vor dem Fenster zur Vorderseite auf eines seiner Knie fallen, um eine sichere Schussposition zu haben. Der Fenstersims befand sich nun etwa auf Brusthöhe. Von hier aus hatte er freie Sicht auf die Straße nach Ragesh. Auf zehn Uhr befanden sich die Fahrzeuge, welche die Taliban als Deckung benutzten.

Zusammen mit Hands bezog Bald neben der Tür Stellung. Mit dem Daumen stellte er den Feuermodus seiner AK-47 auf Halbautomatik. Hands legte die Hand um den Griff des GP-25 Granatwerfers. Die russische Ausgabe des UGL wurde über metallene Führungsschienen an der Unterseite des Laufs angebracht. Aus dem gleichen Grund, weshalb sie regionaltypische Kleidung angelegt hatten, trugen sie auch russische Waffen bei sich – dies war eine verdeckte Operation. Es galt, einen Krieg zu gewinnen, und die bösen Buben befanden sich dummerweise auf der falschen Seite des Khyber Passes.

Aber der SAS unterstand natürlich Whitehall und musste im Zweifelsfalle ihre Spuren verwischen, wenn die Kacke am Dampfen war. Deshalb trugen sie nichts bei sich, was sie als Mitglieder des SAS identifizieren konnte, auch keine Waffen oder Ausrüstung des Regiments.

Das GP-25 hatte eine riffelige Oberfläche, mit einem Abzugsmechanismus am Ende und einem quadratischen Visier an der linken Seite des Aufsatzes. Hands griff in eine ebenfalls aus russischen Militärbeständen stammende Munitionstasche an seinem Gürtel, zog eine Granate vom Typ VOG-25 hervor und schob sie in den Granatwerfer. Ein klickendes Geräusch verriet, dass die Granate eingerastet war. Eine VOG-25 verfügte über eine Reichweite von etwa einhundertfünfzig Metern und war in einem Radius von fünf Metern absolut tödlich. Hands trug die ›P‹-Version bei sich. In deren Spitze befand sich eine besondere Ladung. Sie ließ die Granate wieder vom Boden abspringen, sodass sie auf mittlerer Höhe der Ziele explodierte und durch die Eingeweide der Gegner schnitt wie eine aufgeladene neunschwänzige Katze.

Die Angreifer bewegten sich nun die Straße hinab und verschwanden in der Seitengasse. An der Stelle war die Straße unbeleuchtet und Gardner zählte sechs verschwommene, undeutliche Schatten. Nur an den Läufen ihrer Gewehre waren sie auszumachen. Der X-Ray, der ihnen am nächsten war, trug ein RPG.

Gardner spähte über Kimme und Korn einer AK-47 und presste sich den Kolben der Waffe fest gegen die Schulter. Die Waffe lag gut in der Hand. Der Kerl mit dem RPG rannte auf die Seitengasse zu. Ihn trennten noch fünfzehn Meter von der sicheren Deckung, dann wäre er verschwunden. Seine Leute waren nicht weit entfernt.

Gardner zog den Abzug durch.

Ein Ruck ging durch die Waffe und ein Lichtblitz erhellte die stinkende Dunkelheit um sie herum. Die Kugel peitschte durch die Luft und schlug in den Hals des X-Rays. Der zuckte, taumelte zurück. Die Wucht des Treffers ließ ihn einige Meter zurückwanken. Blut spritzte aus seinem Hals. Die 7.62-Kugel hatte die Halsschlagader getroffen. Dann ging der Mann zu Boden.

Einer seiner Komplizen auf der linken Seite versuchte, eine Granate zu werfen. Bald pumpte drei Kugeln in seinen Oberkörper. Die Granate rollte ihm aus der Hand.

»Runter!«, schrie Gardner.

Mit einem lauten Knall ging die Granate hoch. Steine und versengte Erde flogen durch das Fenster und den Türrahmen. Eine Sekunde später linste Gardner wieder über den Sims zum Fenster hinaus.

Einen Meter neben der Stelle, wo die Granate explodiert war, stand ein weiterer X-Ray. Die Explosion hatte seinen Bauch aufgerissen, seine Gedärme hingen wie Schläuche heraus. Mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck versuchte der X-Ray, seine Innereien wieder in die klaffende Wunde zurückzustopfen. Aus dem Augenwinkel sah Gardner, wie Bald einmal abdrückte. Die AK-47 bellte los und eine Kugel schlug in die Stirn des X-Ray.

Drei weitere Soldaten kamen die Straße herunter. Hands feuerte das UGL auf sie ab. Die Granate machte ein befriedigendes Whump und landete vor den Füßen des X-Rays in der Mitte der Dreiergruppe. Sein Blick folgte der Granate, die vom Boden wieder in die Luft sprang. Vor der Brust des X-Rays schien sie eine Ewigkeit in der Luft zu schweben. Dann explodierte sie. Alle drei Taliban verschwanden hinter einer Rauchwolke. Als sich der Rauch wieder verzogen hatte, wurde Gardner bewusst, dass er auf einen Haufen aus abgetrennten Gliedmaßen, Blut und Stoff sah. Der X-Ray ganz rechts war mit dem Blut und den Eingeweiden seiner Kameraden besudelt und schrie angesichts seines durchtrennten Oberkörpers. Seine Beine lagen auf Höhe seiner Schultern neben ihm. Seine Innereien quollen in den Sand.

»Das macht sechs«, rief Bald über das unermüdliche Unterstützungsfeuer hinweg, mit dem Shaw das halbe Dutzend von Kämpfern in Schach hielt, die noch hinter den Fahrzeugen kauerten. Der Anblick ihrer ausgeschalteten Kameraden ließ sie besonders auf der Hut sein, ihre Deckung nicht zu verlassen. Aber Gardner wusste, dass es nur einen oder zwei von ihnen auf der Rückseite brauchte, damit die Blades so richtig in der Klemme saßen. Eine Bewegung hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken, und er warf einen Blick über seine Schulter hinüber zu Bald. Er traute seinen Augen kaum. Bald hatte sich Afridis persönlichem Wachmann zugewandt und durchsuchte dessen Taschen.

Zwei Hände zogen Bald unsanft zurück, der daraufhin das Gleichgewicht verlor und auf den Boden fiel. Shaw durchbohrte Bald mit stechendem Blick. Auf seinem kahl geschorenen Kopf zeichnete sich pulsierend eine Vene so dick wie ein Gartenschlauch ab. »Was soll der Scheiß?«

»Nimm deine Hände weg!«, brüllte Bald und trat wütend gegen die verstreut am Boden liegenden Patronenhülsen und leeren Magazine. »Ich könnte dich dasselbe fragen. Du solltest eigentlich da oben sein.«

Shaw warf Bald einen eisigen Blick zu. Der Schotte starrte mindestens ebenso kalt zurück.

»Du sollst nicht stehlen«, sagte Shaw. »Exodus 20:15.«

»Kümmere dich um deinen eigenen Scheißdreck.«

Shaw stierte Bald noch einen Moment an. Dann drehte er den Kopf zu Gardner und sagte: »Ich hab keine Munition mehr.«

»Hier.« Gardner war ihm eines seiner zwei Reservemagazine zu. »Nimm. Aber mach das Beste draus, Kumpel.«

Shaw stürmte die Treppe hinauf.

»Religiöser Spinner«, murmelte Bald und wischte sich das Blut vom Mund, nachdem der Yank außer Sichtweite war.

»Was jetzt?«, rief Hands vom Fenster aus. »Da sind immer noch sechs von den Wichsern übrig, um die wir uns kümmern müssen. Und ich gehe davon aus, dass die bereits bei ihren Taliban-Freunden Alarm geschlagen haben. Wir können sie nicht mehr lange in Schach halten, Joe.«

Gardner sah, wie Bald sich etwas in seine Tasche stopfte und dann wieder an seinen Posten am Fenster zurückkehrte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, aber jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

»Haltet hier die Stellung«, wies Gardner Hands an. »Wenn ich das Zeichen gebe, treten wir den Rückzug an. John, du kommst mit mir.«

Er lief den Korridor zurück und nahm die Treppe nach oben. Bald folgte ihm auf gleicher Höhe. Zusammen erreichten sie den nächsten Treppenabsatz. Shaw hatte sich am Fenster in Position gebracht. Er ließ sich nicht anmerken, dass er die beiden Männer bemerkt hatte. Stattdessen hielt er die Augen starr am Lauf seiner AK-47 entlang gerichtet und war komplett darin vertieft, mögliche Ziele ausfindig zu machen. Gardner und Bald leisteten ihm am Fenster Gesellschaft. Von seiner Position aus konnte Shaw die unter ihnen liegende Straße und die verbliebenen sechs Taliban überblicken, die sich ihrerseits seiner Schussposition bewusst waren und die Köpfe unten hielten, um kein allzu leichtes Ziel zu bieten. Gardner sah einen Fuß hinter einem Wagenrad hervorlugen, und durch die Windschutzscheibe eines alten ramponierten Corsa war der Kopf eines anderen Kämpfers zu erkennen. Shaw nahm den Kopf des zweiten Mannes ins Visier.

Na, viel Glück, dachte sich Gardner. Die AK-47 hatte im Halbautomatik-Modus angeblich eine Schussweite von 300 Metern, aber Gardner hielt diese Einschätzung für etwas zu großzügig, denn die AK-47 war nicht unbedingt für ihre Zielgenauigkeit bekannt. Der Schwerpunkt ihres Designs lag auf Dauerfeuer und Nahdistanz. Keine Waffe, die ein Scharfschütze wählen würde. Er bezweifelte, dass Shaw ein schwieriges Ziel aus über fünfzig Metern und bei derart schlechter Sicht treffen würde.

Dann gab Shaw einen einzelnen Schuss ab. Der Kopf der nur schemenhaft zu erkennenden Person platzte wie ein Kürbis, und Gardner musste seine Meinung revidieren.

»Willst du mich verarschen?«, fragte er.

»Hab die Scharfschützenausbildung als Bester abgeschlossen«, antwortete Shaw. »Ich hätte derjenige sein sollen, der Osama eine Kugel verpasst.«

Gardner sah, dass sich die anderen fünf Taliban noch weiter hinter den Fahrzeugen zusammenkauerten.

Shaw suchte sein nächstes Ziel. Ein Talibankämpfer war aus der Deckung gesprungen und sprintete mit eingezogenem Kopf im Zickzack auf die Seitenstraße zu. Shaw traf ihn auf Anhieb am Hals. Blut schoss aus seiner Kehle. Bald grinste – dieses typische spitzbübische Grinsen, das Gardner nur allzu gut kannte.

Der Kerl kann schießen, dachte Gardner. »Trotzdem sind noch vier übrig. Wir brechen die Mission ab. Es ist ausgeschlossen, dass wir Afridi jetzt noch finden.«

Dann bemerkte er, dass Bald durch den Türdurchgang starrte. Gardner folgte seinem Blick. Auf der anderen Seite des Raums befand sich ein Fenster, durch dass man die Straße auf der Rückseite, Häuser aus Lochziegeln und mit Wellblechdächern und Höfe mit Hunden und angepflockten Ziegen überblicken konnte. Ein Gewirr aus Stromkabeln und Telefonleitungen hing in Schlingen zwischen hölzernen Masten, allesamt schiefer als der Turm von Pisa. Und auf dem nächstliegenden Dach war ein undeutlicher Schemen zu erkennen, der sich rasch entfernte.

Es platzte aus Bald heraus, bevor Gardner auch nur den Mund aufmachen konnte.

»Afridi.«

Kapitel 4

03:38 Uhr

»Geh zur Rückseite raus«, wies Gardner Shaw an, während Bald aus dem Fenster feuerte. »Rendezvous an der Moschee südwestlich von hier. Gib das an Hands weiter. Und jetzt los, verdammt!«

Gardner folgte Bald durch das Fenster, das zu einem gekachelten Balkon etwa neun Meter über einem strohbedeckten Hinterhof hinaus ging. Bald vor ihm schwang sich über die Balkonbrüstung.

Afridi, der einen Vorsprung von zwanzig Metern hatte, schwang seine AK-47 und kletterte über ein großes Flachdach mit einem halben Dutzend Satellitenschüsseln. Er rannte weiter, ohne sich nach seinen Verfolgern umzusehen. Gardner meinte, einen Diamanten aus seiner Tasche fallen zu sehen. Dann schimmerte etwas auf dem Dach wie ein vom Himmel gefallener Stern.

Bald kletterte auf das Dach des Hauses, dass direkt an ihren Balkon grenzte. Obwohl die Dachkante zwei Meter über ihnen lag, ließ er es wie ein Kinderspiel aussehen. Seine kräftigen Unterarme waren gespannt, die Sehen traten hervor wie Drähte aus Stahl. Mit seinen klobigen Händen umklammerte er das Wellblech an der Kante und zog sein Gewicht unter Zuhilfenahme von Rücken- und Schultermuskeln nach oben. Das Dach, auf das er sich hievte, war Teil eines Geflechts aus Blech- und Ziegeldächern, das die Stadt bedeckte.

Bald war beinahe oben, doch dann verlor er plötzlich den Halt. Seine rechte Hand rutschte ab und seine Beine baumelten wie lose Seile in der Luft. Er nahm alle seine Kräfte zusammen, um mit der Rechten wieder den Dachvorsprung zu packen, verfehlte ihn aber. Er versuchte es wieder. Dieses Mal bekamen seine Fingerspitzen das Blechdach zu fassen und klammerten sich fest. Ächzend zog er sich nach oben. Nachdem er seine Timberlands über die Kante geschwungen hatte, rollte er sich auf den Rücken und streckte Gardner die Hand entgegen.

Gardner wollte Balds Hand mit der Linken greifen, doch dann fiel ihm wieder ein, wie sehr dort die Mückenstiche juckten. Stattdessen streckte er die rechte Hand aus, stemmte den Fuß gegen die Balkonbrüstung und zog sich mit Unterstützung der Waden und dann der Rückenmuskeln nach oben. Blut schoss in seine Rückenmuskulatur und ließ sie anschwellen. Jeder einzelne Muskel schien zum Bersten gespannt.

Dann war er oben. Bald sprang auf und stürmte über das Dach, Gardner jagte ihm nach. Ihre Stiefel donnerten über das Wellblech. Afridi war bereits zwei Häuser weiter, mindestens fünfundzwanzig Meter. Seine Umrisse zeichneten sich auf einem baufälligen Gebäude aus unverputzten Lochziegeln und glaslosen Fenstern ab. Bald verlangsamte sein Tempo und setzte seine AK-47 an die Schulter.

Er zielte auf Afridi.

Leg ihn um, und die Mission ist erledigt, dachte Gardner.

Der Lauf des Gewehrs schnellte nach oben, als Bald einen Schuss abfeuerte. In einiger Entfernung stoben Funken vom Metall des Daches ab. Daneben. Der Talibanführer blieb auf der Stelle stehen und blickte zu Bald zurück. Dann hob er seine AK und deckte sie mit einer wilden Salve von Schüssen ein. Für einen kurzen Moment erhellte das Mündungsfeuer sein Gesicht. Seine Haut sah aus wie gegerbtes Leder.

Bald und Gardner richteten sich gerade rechtzeitig wieder auf, um zu sehen, wie Afridi von dem Dach und außer Sicht sprang.

»Der Mistkerl hat sich einfach fallenlassen«, sagte Bald. »Da hat wohl jemand vergessen, ihm zu verklickern, dass wir immer gewinnen, Joe.«

Mit diesen Worten rannte Bald an das Ende des Wellblechs und sprang, scheinbar ohne nachzusehen, vom Dach herunter. Gardner spähte über den Rand – keine Spur von Afridi. Der Höhenunterschied war größer, als er gedacht hatte. Mussten schätzungsweise zwölf Meter sein. Bald rappelte sich gerade auf. Gardner kniff die Augenlider zusammen und ließ sich vom Dach gleiten. Er landete hart, fing sich mit Händen und Füßen ab und rollte zur Seite. Staub wirbelte auf und ihm in die Augen.

»Vorwärts.« Bald deutete auf eine Reihe frischer Fußspuren, die sich im Sand abzeichneten. Sie befanden sich in einer kleinen Seitenstraße, die sich durch ein Dutzend Hinterhöfe hindurchschlängelte. Der Untergrund war eben, bis auf ein paar gelegentliche Grasbüschel, hin und wieder eine Pfütze und Kronkorken. Die Fußspuren führten in südlicher Richtung davon, heraus aus der Seitenstraße und in ein Gewirr aus Straßen und Gassen. Gardner rannte neben Bald her. Sie passierten lieblos verputzte Wände und Rinnsteine, in denen ungeklärtes Abwasser schwamm. Schnell hatten sie das Ende der Straße erreicht.

»Ich sehe ihn«, sagte Bald ungeduldig. Seine Stimme klang wie gefrorener Kies.

Afridi verschwand auf drei Uhr im Schatten einer Gasse. Er legte ein beeindruckendes Tempo vor, und wurde eher noch schneller als langsamer. Mehr als vierzig Meter trennten sie nun von ihm.

»Eins muss man den Talibs lassen«, sagte Bald grinsend. »Die rennen wie die Teufel.«

Sie verfolgten Afridi die Gasse entlang. Sechsunddreißig Stunden im Land, kein Schlaf, ein hartes Programm, und Gardners Augenlider fühlten sich an wie aus Blei. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in die rechte Seite und arbeitete sich bis in die Armbeuge vor. Er war sich sicher, dass auch Balds Kraftreserven zur Neige gingen, aber zumindest ließ er es sich nicht anmerken. Sie wussten, dass sie in dieser Mission alles geben mussten, wenn sie Afridi ausschalten und damit den Tehrik-i-Taliban den Kopf abschlagen wollten.

Herumliegender Müll verfaulte zu ihren Füßen, und Gardner kämpfte gegen den Brechreiz an. Afridi war bereits in die nächste Gasse abgebogen. Er bahnte sich seinen Weg durch die von Müll übersäte Passage. Doch dann versperrte ihm der Abfall den Weg, zwang ihn, langsamer zu werden und einen Weg drumherum zu finden. Endlich holten sie auf.

Helles Mondlicht fiel in die Gasse und ließ den Untergrund in einem rötlich-blauen Licht erstrahlen.

Gardner hielt an, um über das Visier seiner AK-47 zu spähen und das Fadenkreuz auf Afridis Hinterkopf zu richten. Ein Kopfschuss, und die pakistanischen Taliban würden einen empfindlichen Rückschlag erleiden.

Langsam atmete er aus.

Drückte ab.

Die Kugel schlug in der Wand hinter Afridi ein.

Daneben.

Vergiss es, sagte Gardner zu sich selbst. Die Chancen bei diesem Schuss standen eins zu hundert. Weiter, nicht stehenbleiben. Mehrmals sog er die Luft tief in die Lunge und versuchte, nicht auf die unzähligen Wehwehchen zu achten, die vor seinem Schmerzzentrum bereits eine ansehnliche Schlange bildeten.

Sie waren in einem Karree angekommen, und in fünfundzwanzig Metern Entfernung auf der anderen Seite befand sich die Moschee. Ihr Minarett ragte in den Himmel, darüber hing der Mond und tauchte die Moschee in ein weißes Licht.

Afridi war nirgends zu sehen.

»Wo zum Teufel steckt er?«, knurrte Bald und wurde langsamer.

Vom Vorplatz der Moschee lösten sich ein paar Schatten. Sie kamen näher und näher, bis Gardner schließlich die Gesichtszüge von Dave Hands erkannte. Die gebrochene Nase, Ohren, die aussahen, als hätte sich ein Hund darüber hergemacht, unreine Haut. Unverkennbar. Neben ihm Shaw, dem der Schweiß in Strömen von seinem riesigen Körper rann. So nah beieinander sahen die beiden Männer aus wie die größte und die kleinste Puppe einer Matroschka.

»Afridi?«

Hands zuckte mit den Achseln. »Dachte, ihr hättet euch um ihn gekümmert.«

Das pfeifende Geräusch von Gewehrfeuer aus der Ferne unterbrach sie.

»Großartig«, sagte Bald und hielt sich die Ohren zu. »Hört sich so an, als wären weitere Talibs auf dem Weg hierher.« Er nickte Gardner zu. »Wir haben nicht viel Zeit. Joe, du und Dave, ihr holt den Cruiser.«

Gardner nickte zustimmend. Sie mussten Afridi festnageln, aber sie brauchten auch einen Plan, wie sie sich aus Mardan zurückziehen würden, bevor die nächste Welle von Taliban eintraf.

»Prediger, wir beide gehen auf Talib-Jagd«, sagte Bald und legte Shaw eine Hand auf die Schulter. »Joe, unser Rendezvous-Punkt ist die Maktoub-Straße. Wir treffen uns dort, sobald wir Afridi unsere Glückwünsche übermittelt haben.«

Bald und Shaw machten sich zusammen auf den Weg, der sie von der Moschee wegführte. Gardner und Hands marschierten in die entgegengesetzte Richtung. Die Moschee lag direkt an der Maktoub-Straße, die nordwestlich zur Straße nach Ragesh verlief, auf der sie ursprünglich mit dem Land Cruiser gekommen waren. Sie ließen die Moschee rechts liegen und umrundeten den Vorplatz.

Dann bogen sie links ab, passierten eine Reihe von niedrigen, flachen Häusern an einer Straße, die so staubtrocken war wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Die drückend schwüle Hitze umgab ihre Gesichter wie heiße feuchte Handtücher.

»Vielleicht konnte der Kameramann seine Klappe nicht halten?«

In die schon stickige Luft mischte sich der Geruch nach verbranntem menschlichen Fleisch.

»Er arbeitete für den MI6«, sagte Gardner. »Die Jungs werden sorgfältig ausgewählt. Trotzdem hat Afridi ihn abgeknallt.«

An der Kreuzung zwischen Maktoub und Ragesh wand sich Gardner wieder nach links. Vierzig Meter die Straße entlang stand das Gebäude, oder was davon übrig war. Die unmittelbare Umgebung hatte man flächendeckend bombardiert, mit den Leichen von zwölf toten Taliban als stumme Zeugen. Sie lagen in verdrehten Positionen am Boden, hier und da standen fleckige Arme und Beine in unnatürlichen Winkeln von den Körpern ab. Der Erdboden war mit einer dunkelbraunen Schicht überzogen. Gardner überprüfte die Straße nach Anzeichen auf noch lebende X-Rays. Aber nichts bewegte sich.

Als er auf den Land Cruiser zuging, sah er einen X-Ray, der auf die Straße zu robbte. Schwarzes, mit Blasen überzogenes Fleisch bedeckte sein Gesicht. Seine Haut sah aus wie die Lunge eines Kettenrauchers. Er war zu 90 Prozent tot, und so wie es aussah, brauchten die restlichen zehn Prozent auch nicht mehr lange. Gardner wendete den Blick ab und beschleunigte seinen Schritt.

Sie näherten sich dem Land Cruiser. Gardner riss die Tür auf und warf seine AK-47 auf das Armaturenbrett. Hands ließ sich auf den hinteren Beifahrersitz fallen. Mit einem beruhigenden Rumms schlug er die Wagentür zu.

Dann hörte Gardner etwas Metallenes klappern. Er sah zu seinen Füßen hinunter. Sein letztes Magazin war ihm irgendwie aus der Tasche seiner Armeeweste gerutscht. Er beugte sich hinunter, um es aufzuheben, und stützte sich mit der linken Hand auf seinem Sitz auf. Dann richtete er sich wieder auf, steckte das Magazin zurück in die Tasche und achtete darauf, dass sie dieses Mal auch korrekt verschlossen war.

Doch dann war da noch ein anderes Geräusch. Ein Zischen.

Ein plötzlicher, fürchterlicher Schmerz flammte in Gardners linker Hand auf. Sein Blick fiel nach unten und auf die Schlange, die zusammengerollt auf dem vorderen Beifahrersitz lag. Das Miststück hatte ihre Zähne in seinen Handrücken geschlagen. Den Schlitzaugen und langen Fangzähnen nach zu urteilen handelte es sich um eine Viper.

Gardner war vor Schreck wie gelähmt. Dann sah auch Hands die Schlange. Er beugte sich nach vorn und schlug mit dem Schaft seiner AK-47 nach ihr. Die einen halben Meter lange Viper schlug mit ihrem Schwanz um sich, löste ihren Kiefer aus Gardners Hand und richtete ihren Zorn nun auf Hands, der den Angriff mit wiederholten Stößen seines Gewehrkolbens beantwortete. Als die Schlange zur Fahrertür glitt, stieß Gardner die Tür auf. Die Viper zischte noch einmal und glitt dann aus dem Cruiser und hinaus in die Dunkelheit.

Gardner atmete aus. Bissspuren hatten sich auf seiner Hand gebildet, rot und entzündet, wie Nadelstiche. Ein Kribbeln bahnte sich seinen Weg vom kleinen Finger zum Daumen. Gardner versuchte das Gefühl zu ignorieren, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und startete den Wagen.

»Hast du die Diamanten da drin gesehen?«, fragte Hands über das Motorengeräusch hinweg.

»Die Bald in seinen Griffeln hatte? Ja, die hab ich gesehen.«

»Müssen 'ne ganze Menge wert gewesen sein.«

»Und?«

»Nur so.«

Sie näherten sich dem Abzweig, der zur Moschee führte, und Gardner gab Vollgas. Mit halbem Ohr hörte er, wie Hands ihm erklärte, dass das Haus, in dem Bald die Diamanten aufgelesen hatte, nur etwa zwei Fahrminuten entfernt war, doch seine Aufmerksamkeit galt eher dem Objekt im Rückspiegel. Es näherte sich. Trotz der schlechten Sicht konnte Gardner die Umrisse als einen Toyota Hilux Pick-up identifizieren. Die Entfernung betrug etwa 150 Meter, und der Wagen holte nicht auf, obwohl Gardner den Cruiser bei achtzig Kilometern in der Stunde hielt.

Drei Männer klammerten sich auf der Ladefläche fest, und noch etwas anderes befand sich zwischen ihnen. Metallisch, und wie die Turbine eines Flugzeugs geformt. Gardner konnte es in der Dunkelheit nicht erkennen.

»Verstärkung«, sagte er. Eine der Personen auf der Ladefläche schoss mit ihrem Sturmgewehr in die Luft.

»Hoffentlich fährst du besser als meine Ex-Frau«, sagte Hands.

»Bevor oder nachdem sie versucht hat, dich zu überfahren?«, fragte Gardner, riss das Lenkrad ganz nach rechts und bog auf die Maktoub-Straße ein. Der Wagen schlingerte um die Kurve. Reifen quietschten wie halb überfahrene Katzen. Für einen Moment dachte Gardner, sie würden in einen Gemischtwarenladen krachen, doch im nächsten Augenblick bekam er den Cruiser wieder in die Spur. Die Räder hörten auf zu kreischen.

»Da ist John«, sagte Hands.

Gardner sah ihn auch. Zwanzig Meter voraus.

»Wo ist Shaw?«

Bald sprintete auf demselben Weg am Vorplatz der Moschee vorbei, den auch Gardner und Hands eingeschlagen hatten. Er blieb in der Mitte der Straße stehen und ruderte mit den Armen. Den Hilux hinter ihnen schien er nicht bemerkt zu haben.

Gardner musste das Tempo drosseln, als er sich Bald näherte, und der plötzliche Tempoverlust ließ den Hilux bis auf achtzig Meter herankommen. Jetzt konnten Gardner und Hands einen genaueren Blick auf das metallische, turbinenartige Objekt auf der Ladefläche werfen.

»Fuck, das ist 'ne beschissene Minigun«, sagte Hands.

Die GAU-17/A Minigun war auf einem eigens dafür konzipierten Gestell montiert. Der Kerl, eben der in die Luft geballert hatte, hatte seine Waffe abgelegt und die beiden Griffe am hinteren Ende der Kanone gepackt. Die Läufe begannen aufzuheulen und sich zu drehen – Aufwärmphase für die totale Verwüstung, 7.62-51mm Kaliber, 3000 Schuss pro Minute.

Halte so viel Abstand wie möglich zu dem Hilux, dachte Gardner bei sich. Wenn dich die Minigun ins Visier bekommt, hast du schnell mehr Löcher als ein Schweizer Käse.

Bald vor ihnen hatte den Hilux gerade erst bemerkt. Die Scheinwerfer des Cruisers tanzten um ihn herum.

Zehn Meter, dann nur noch sieben. Gardner beugte sich zur Beifahrerseite hinüber und stieß die Tür auf. Bald glänzte vor Blut. Es war überall, auf seinem Gesicht, seinen Armen, seinem Hals. Feucht und ölig, wie Lack. Aus der Entfernung hätte man es auch für Kriegsbemalung halten können, aber Gardner hatte genug von dem roten Zeug gesehen, um es mit etwas anderem zu verwechseln.

Gardner bremste auf Fünfunddreißig ab. Bald sprintete die restlichen Meter auf die Beifahrertür zu und packte den Türrahmen, hielt sich an der Innenseite des Autodachs fest, schwang zuerst das linke Bein in den Wagen und dann das rechte. Der Cruiser rumpelte durch ein Schlagloch. Durch den Ruck schlug die Beifahrertür zu und beförderte Bald gänzlich ins Auto.

»Fahr!«, brüllte er.

»Wo ist Shaw?«

»Keine Zeit, Joe.«

»Wo ist deine Waffe?«

»Bring uns einfach hier raus!«

Gardner ließ den Motor aufheulen. Der Cruiser dröhnte. Sie preschten die Straße entlang. Die Nadel auf dem Tacho kletterte über die 50 km/h-Marke. Der Hilux blieb an ihnen dran, und Gardner wusste, dass die Minigun jeden Augenblick losgehen konnte.

»Verdammte Scheiße«, murmelte Gardner.

Da Gardner fuhr und Bald blutverschmiert und angeschlagen war, übernahm Dave Hands die Kontrolle. Er kurbelte sein Beifahrerfenster herunter und drehte sich so, dass sein Rücken gegen den Vordersitz drückte und er seine Füße gegen den Rücksitz stemmte. Dann steckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus und zielte mit seiner AK auf den Hilux. Er ließ eine Dreiersalve losrattern. Die Kugeln schlugen im Staub um den Hilux herum ein. Der Cruiser schaukelte und ruckelte. Hands hatte Mühe, die Verfolger im Schussfeld zu behalten.

»Beeil dich, verdammt!«, rief Gardner.

Hands feuerte eine weitere Salve ab. Der erste Schuss ging daneben, aber die beiden anderen trafen den linken Vorderreifen. Wie bei einer Orange schälte es den Gummi von dem Reifen. Der Hilux brach aus, die Reifen quietschten. Der Fahrer ruderte mit dem Lenkrad hin und her und sah aus, als würde er mit den Hinterbeinen eines Hundes kämpfen. Gardner warf einen Blick in den Rückspiegel. Pech gehabt, dachte er. Dann schoss der Hilux von der Straße und krachte frontal in einen Laden für Mobiltelefone. Der Aufprall mit hundertzehn Stundenkilometern quetschte die Front des Hilux wie eine Blechdose zusammen. Zwei Männer wurden durch die Windschutzscheibe geschleudert und prallten gegen die Mauerwand. Rauch quoll aus der Motorhaube, dann gab der Motor den Geist auf.

»Hab's immer noch drauf«, sagte Hands, machte es sich wieder auf dem Rücksitz bequem und gab seinem Gewehrkolben einen Kuss.

Die Blades überließen den Hilux seinem Schicksal, der hinter ihnen zusammen mit den Gebäuden und den unregelmäßigen Straßenzügen des Mardan in der Dunkelheit verschwand. Sechs Minuten später erreichten sie die kalte Stille offenen Geländes. Für eine ganze Weile sprach niemand von ihnen.

Schließlich fragte Gardner: »Was ist mit Shaw passiert?«

»Tot«, antwortete Bald tonlos und mit ausdruckslosem Gesicht. »Afridi hat ihn erwischt. Konnte nichts mehr für ihn tun.«

Gardner stieg auf die Bremse. Der Cruiser kam rutschend zum Stehen.

»Was soll das?« Bald glotzte Gardner ungläubig an, während der den Rückwärtsgang einlegte.

»Wir müssen zu ihm zurück«, sagte Gardner.

»Mit dem Großteil der Taliban am Arsch? Vergiss es.«

»John hat recht«, warf Hands ein und richtete sich auf.

Für eine gefühlte Ewigkeit stand der Cruiser quer auf der Straße, während Gardner das Für und Wider abwägte. Auf der einen Seite ließ das Regiment niemals jemanden zurück. So lautet ihr Kodex. Aber eine dunkle Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass Bald und Hands nicht unrecht hatten. Nach Mardan zurückzukehren war faktisch Selbstmord. Der Ort würde vor Taliban nur so wimmeln. Widerwillig ließ Gardner den Motor wieder an und gab Gas. Frustriert hieb er mit den Handflächen gegen das Steuer.

Bald kniff die Augen zusammen. Sie rasten gen Westen, ihrem finalen RV-Punkt entgegen. Einem Feld am Rande eines kleinen Dorfes namens Aparzi, vierunddreißig Kilometer westlich ihrer aktuellen Position. In zwei Stunden und acht Minuten, um exakt sechs Uhr, würde ein Chinook am vereinbarten Zielort eintreffen und die Blades zurück nach Camp Bastion bringen, einer britischen Militärbasis tief in der Helmand Provinz.

Gardner, der den Cruiser systematisch auf über einhundertdreißig Kilometer pro Stunde beschleunigte, gönnte sich die kleine Genugtuung, dass ihre Evakuierung der einzige Teil des Plans war, der nicht in einem totalen Fiasko enden würde.

Kapitel 5

04:12 Uhr

Gardner trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Tachonadel zuckte bei 140 km/h. Mardan war einer kahlen Landschaft mit kärglichen Hütten und vereinzelt auftauchenden schmucklosen Moscheen gewichen.

Niemand sprach.

Hands war mit dem Funksender beschäftigt. Die Kommunikationsausstattung der Einheit bestand aus einem abhörsicheren Iridium 9555 Satellitentelefon mit integrierter Antenne und einer GPS-Einheit, die es der Kommandozentrale ermöglichte, jeden ihrer Schritte zu überwachen. Das abhörsichere Funkgerät sendete auf einer verschlüsselten Frequenz und nutzte die sogenannte Bitbündelübertragung. Bei dieser Technik wurden Nachrichten zu kleinen Einzelübertragungen komprimiert, wodurch sie von feindlicher Funkaufklärung schwieriger zu entdecken war. Das Signal wurde verschlüsselt an die Befehlszentrale für Spezialoperationen in Bastion übermittelt.

Das Blut in Balds Gesicht war mittlerweile zu dünnen Schlieren getrocknet, so als hätte jemand lauter Fingerabdrücke auf seinem Kopf hinterlassen.

»Tut mir leid, Joe.«

Gardner sagte nichts.

»Afridi kam aus dem Nichts. Ging auf mich los. Hat mir die AK aus der Hand geschlagen. Dann ist er auf Shaw los. Plötzlich war da dieses verdammte riesige Messer – hat ihn regelrecht aufgespießt, mitten durchs Herz.«

Gardners Hände schlossen sich so fest um das Lenkrad, dass er dachte, es würde jeden Moment unter seinem Griff zerbrechen.

»Ich hab mich auf Afridi gestürzt, aber ich kam zu spät, um dem Yank noch zu helfen. Hab Afridi mit bloßen Händen umgelegt. Hättest seinen Blick sehen sollen, Joe.« Er räusperte sich. »Wir haben ihn erwischt. Deswegen sind wir hergekommen, und verdammt noch mal, wir haben es geschafft.«

Gardner schwieg noch immer, doch in seinem Kopf kreisten die Gedanken. Er diente schon seit Jahren beim Regiment, hatte in den miesesten Dreckslöchern der Welt gekämpft, doch in keiner der Operationen, an der er teilnahm, hatte er einen Mann verloren.

Bis heute.

»Aber ein Gutes hat es. Wenigstens müssen wir uns jetzt keine Bibelsprüche mehr von Shaw anhören.« Bald sah zu Gardner, dann zu Hands, und grinste gequält. Keiner der beiden erwiderte sein Lächeln. Das Grinsen verschwand aus Balds Gesicht, dann starrte er auf Gardners linke Hand.

»Was ist mit dir passiert, Joe?«

Gardner biss sich auf die Zunge. Er konnte sich nicht konzentrieren. Ihm brummte der Kopf. Irgendetwas drückte von innen gegen seinen Schädel.

»Sieht wie ein Schlangenbiss aus«, ergänzte Bald.

Der Druck hinter Gardners Augen nahm stetig zu.

»Eine Grubenviper hat ihn erwischt«, sagte Hands.

»Mir geht's gut«, fuhr Gardner dazwischen.

Aber tatsächlich ging es ihm alles andere als gut. Seine Lippen waren taub geworden, ihm war trotz der bereits einsetzenden Morgenhitze eiskalt, und er hatte Kopfschmerzen, als würde eine Ameisenkolonie seinen Schädel annektieren. Bei Gott, er fühlte sich beschissen, und sah mit Sicherheit auch so aus.

»Lass mal sehen, Joe.« Bald war für die Mission als Sanitäter eingeteilt und hatte sich um alle Verletzungen und Infektionen zu kümmern.

»Ich sagte doch, mir geht's gut.«

Bald zuckte mit den Schultern, fläzte sich in den Sitz und starrte hinaus auf die vorbeifliegende Landschaft.

»Fuck!«, unterbrach Hands die Stille und schaltete das Funkgerät ab. Er machte ein Gesicht, als hätte er Scheiße gefressen.

»Was ist los?«

»Also, die gute Nachricht ist, dass der Chinook auf dem Weg ist.«

»Und die schlechte?«

»Head Shed meldet, die Taliban haben Camp Bastion angegriffen. Sieht so aus, als müssten wir denen helfen, die Schweinepriester zurückzudrängen. Das wird wohl kein Spaziergang nach Hause.«

»Und ich hatte mich schon so auf mein Bier gefreut«, sagte Bald.

Gardners Unterarme versteiften sich. Ein Straßenschild verkündete, dass Aparzi noch vierundzwanzig Kilometer entfernt war. Seine düsteren Gedanken behielt er aber lieber für sich.

Kapitel 6

Aparzi, 05:51 Uhr

Die Morgendämmerung brach über die ausgetrocknete Mondlandschaft herein. Gardner stoppte den Land Cruiser dreihundert Meter unterhalb des Rendezvous-Punktes. Der RV selbst befand sich auf einer plattformartigen quadratischen Anhöhe, schätzungsweise hundert Meter über dem Wüstenboden, am Rand eines Berges, der die Form eines abgebrochenen Knöchels hatte. Mit vierzig Quadratmetern war die Fläche groß genug für einen Helikopter, gleichzeitig aber auch hoch und unzugänglich genug, um neugierige Passanten abzuhalten.

»Endstation«, sagte Gardner über das metallische Knacken des abkühlenden Motors hinweg. »Den Rest müssen wir zu Fuß zu gehen.«

»Wie lang?«, fragte Bald.

Gardner sah auf seine Uhr. Eine MX10 Nite Watch, NATO-zertifiziert. Hands und Bald trugen das gleiche Modell. Zu Beginn der Mission hatten sie ihre Uhren synchronisiert. Das speziell beschichtete rostfreie Stahlgehäuse von Gardners Uhr war mit Sandkörnern bedeckt.

»Ankunft des Choppers in neun Minuten.«

Hands, der an dem Satellitentelefon herumnestelte, sagte: »Ich hoffe, sie sind pünktlich. Head Shed sagt, dass uns mindestens fünfzig Taliban auf den Fersen sind.«

Gardner kratzte sich seine entzündete Hand.

»Wo? Ich kann nichts erkennen.«

»Auf der anderen Seite der Berge. Kommen direkt auf uns zu.«

Gardner blickte stirnrunzelnd zu der Gebirgskette.

»Wie lange dauert es, bis sie hier sind?«

»Head Shed schätzt, etwa zehn Minuten.«

Bald stieß die Beifahrertür auf. »Dann sollten wir uns besser auf die Socken machen.«

Die Männer stiegen aus. Hands verstaute das Funkgerät in einem Rucksack und warf ihn sich über die Schulter. Gardner machte einen letzten Kontrollgang um den Wagen herum zum Kofferraum, um nachzusehen, ob sie auch nichts zurückgelassen hatten, und ließ die Kofferraumklappe aufschnappen. Darin befand sich eine Notfallausrüstung, bestehend aus vier Knicklichtern und einer Leuchtpistole, um ein Notsignal absetzen zu können.

»Mist«, murmelte Bald, trat näher an den Kofferraum heran und griff nach einem in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand, der neben der Notfallausrüstung lag.

»Hätte ich doch beinahe dieses Prachtstück vergessen.«

Gardner schüttelte den Kopf, als sein Partner den Gegenstand auspackte. Es handelte sich um eine Excalibur Ecocet 200 Jagdarmbrust, der Rahmen aus Kunstharz, in Wüstentarnfarbe bemalt. Die 20 Zoll-Pfeile flogen bis zu fünfzig Meter weit. Seit dem Tag, an dem Bald offiziell ein Blade war, hatte er darauf bestanden, die Armbrust mit zu den Einsätzen zu nehmen. Sie war so eine Art Glücksbringer für ihn. Er hatte die Excalibur so umfunktioniert, dass er damit Pfeile abfeuern konnte, deren Spitzen mit Acetonperoxid versehen waren – einem Initialsprengstoff, auch bekannt als APEX oder TATP, mit einer zeitverzögerten Reaktion von zwei Sekunden.

Bald griff nach der Kiste mit den Explosivpfeilen und tippte die Armbrust an.

»Ich hab vielleicht kein Gewehr, aber das Baby hier tut's auch«, sagte er.

Gardner sah, das Bald die Scheinwerfer in der Ferne nicht aus den Augen ließ. Er packte die mittelalterlich anmutende Armbrust mit der rechten Hand. Da war etwas in seinem Gesicht, das Gardner beunruhigte. Getrocknetes Blut klebte in Striemen an seinen Mundwinkeln wie das Make-up bei einem bösen Clown. Er sah Gardner in die Augen: »Erinnerst du dich noch an das Auswahlverfahren?«

Gardner erinnerte sich.

Phase Eins der Prüfung, die schroffe Landschaft der Brecon Beacons, Süd-Wales. Es goss in Strömen, als sich die durchgefrorenen und ausgehungerten Kandidaten der bislang härtesten Herausforderung ihres Lebens gegenübersahen – die Besteigung des unerbittlichen Pen-y-Fan, dem größten Berg des südlichen Wales, auf dem Weg zu ihrem nächsten Rendezvous-Punkt. Gardner hatte sich mit letzter Kraft bis zum Gipfel durchgekämpft. Als er oben angekommen war, hatte sich seine Lunge wie Sandpapier angefühlt, und seine Oberschenkel schienen nur noch aus Brei bestanden zu haben. In dieser ersten Phase hatte er Bald geschlagen, um ganze acht Minuten.

»Kinderkacke«, hatte Bald es am Ende des Auswahlverfahrens genannt.

Gardner fing an, den Berg hinaufzulaufen. Der Anstieg war hart. Der Untergrund bestand aus losem Geröll, und er hatte Mühe, sicheren Halt zu finden. So als würde man einen Salzberg besteigen. In dem Licht, dass die Streichhölzer auf seine Waden warfen, schätzte Gardner, dass die Steigung wenigstens fünfzehn Prozent betrug. Er lehnte sich nach vorn und tastete nach Felsvorsprüngen, um sich daran festzuhalten. Aber die Steine waren locker, zerbröckelten wie Kalk in seinen Händen, und die Sicht während der körnigen Morgendämmerung war schlecht. Bald war vor ihm, vierzig Meter weiter oben.

Gardner zog das Tempo an. Er war ausgelaugt und fragte sich, wie es Bald gehen mochte.

Und dann fielen ihm wieder die Gerüchte ein, die zu Hause die Runde gemacht hatten. Gerüchte, dass es unmöglich war, das Auswahlverfahren so leichtfüßig zu bestehen wie Bald es getan hatte. Dass er gemogelt hatte. Einer der durchgefallenen Kandidaten schwor Stein und Bein, er hätte gesehen, wie Bald ganz offensichtlich auf der Brecon Becon Route eine Abkürzung genommen habe. Head Shed hatte die Vorwürfe des Kandidaten abgewiesen. Jemand, der den Anforderungen nicht gerecht wurde, würde nur versuchen, miese Stimmung zu verbreiten, hieß es.

Gardner hatte gerade die Lücke zwischen sich und Bald auf zwanzig Meter verringert, als ein dumpfes Pfeifen durch die Luft zischte. Ffftt. Am oberen Rand der Bergkette, weit oberhalb der Evakuierungszone, war ein schwacher sternförmiger Blitz auszumachen. Erdreich stob direkt vor Gardner auf.

Sniper.

»In Deckung!«, schrie Bald. Die drei Operator ließen sich gleichzeitig zu Boden fallen. Gardner, den Oberkörper auf die Erde gepresst, schob vorsichtig seine AK vor sich.

Er kroch auf eine Gruppe von Steinbrocken auf zehn Uhr zu. Bald arbeitete sich ebenfalls zu der Deckung vor. Hands befand sich rechts von Gardner in einer flachen Mulde.

Ein zweites Ffftt. Der Schuss pfiff an Gardner vorbei. Nah genug, um die Hitze zu spüren, die von dem vorbeifliegenden Projektil ausging. Zwei Meter hinter ihm stob Erdreich auf. Der Scharfschütze schoss sich ein. Die Einschüsse kamen näher.

Gardner kroch so schnell er konnte auf die Felsen zu. Der Sniper hatte mit den ersten beiden Schüssen die Entfernung abschätzen können. Der dritte Schuss würde ins Schwarze treffen, und Gardner wusste das. Er war noch etwa sieben Meter von den Felsen entfernt. Schweiß rann ihm den Rücken hinab, heiß und klebrig.

Der dritte Schuss ertönte genau in dem Moment, als Gardner die Deckung erreichte. Die Kugel schlug dort ein, wo sich Gardner nur eine Sekunde vorher noch befunden hatte.

»Gerade noch rechtzeitig.« Bald grinste.

Der vierte Schuss folgte drei Sekunden später. Er schlug in die Steinbrocken ein und ließ einen Regen aus Granitsplittern auf Gardner und Bald niedergehen. Aber keiner der beiden geriet in Panik, stattdessen planten sie ihre nächsten Schritte. Gardner lauschte angestrengt nach dem Schussgeräusch. Dem dumpfen Ffftt nach zu urteilen hatte der Scharfschütze einen Schalldämpfer an sein Gewehr geschraubt. Das erklärte auch, warum kaum Mündungsfeuer zu sehen war.

»Der Kerl sitzt auf ein Uhr«, erklärte er.

»Hast du gehört, wie klar der Schuss war? Der Wichser ist keine zweihundert Meter weit weg.«

»Vielleicht hundertfünfzig?«

»Ja, vielleicht.«

Gardner suchte die Bergkette nach einem Punkt ab, an dem er seine Zelte aufgeschlagen hätte, um ein paar X-Rays auszuschalten.

»Da«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Der flache Felsvorsprung mit dem großen Felsbrocken.«

»Ich seh's«, antwortete Bald und spuckte auf den Boden. Der Schleim verschwand beinahe auf der Stelle in dem glühend heißen Wüstengrund. »Guter Winkel. Ausgezeichnete Deckung.«

»Die perfekte Schussposition.«

Sie starrten auf den Punkt und warteten.

Dann sahen sie ihn. Ein kohlrabenschwarzer Schatten löste sich aus der Deckung hinter dem großen Felsen und hielt mit schnellen Schritten auf einen anderen Felsbrocken weiter westlich zu, von dem aus er freies Schussfeld über die Steine hinweg haben würde, hinter denen Gardner und Bald kauerten.

»Wir müssen ihn ausschalten«, sagte Gardner. »Bevor die Wichser hinter den Bergen hier sind. Ich weiß nicht, wie's dir geht, aber mit nur einem Magazin gegen fünfzig von den Mistkerlen stehen unsere Chancen nicht allzu gut.«

»Spar deine Munition«, sagte Bald. »Um den Sniper kümmere ich mich.«

»Mit dem Ding da?« Gardner warf der Armbrust einen abschätzigen Blick zu.

»Sieh zu und lerne, Joe. Sieh einfach zu und lerne.«

Bald hatte immer wieder bewiesen, der Meisterschütze des Regiments zu sein. Die durchschnittliche Entfernung, die ein Armbrustbolzen mit etwa 100 km/h zurücklegen konnte, lag bei vierzig bis fünfzig Metern. Unter perfekten Rahmenbedingungen war ein erfahrener Operator in der Lage, ein Ziel in einhundert Metern Entfernung zu treffen. Bald hingegen zielte bei schlechter Sicht auf ein bewegliches Ziel über hundertfünfzig Meter weit entfernt.

Bald brachte sich in eine liegende Position und lehnte sich gegen die Steinbrocken. Er verlangsamte seine Atmung. Für eine gefühlte Ewigkeit der Stille nahm er den Sniper ins Visier. Dessen dunkle Silhouette war bereits fast hinter der nächsten Deckung verschwunden.

Dann hörte Gardner, wie der Bolzen mit dem Sprengkopf mit einem leisen Popp abgefeuert wurde. Er verfolgte die Flugbahn des Pfeils. Der Pfeil stieg hoch in die Luft, drehte sich dabei um die eigene Achse. Dann tauchte er steil hinab.

Der Bolzen durchschlug das rechte Bein des Schützen. Der schrie, ging in die Knie und umklammerte die Wunde. Er versuchte noch, den Pfeil herauszuziehen, als das TATP explodierte. Eine Rauchwolke hüllte den Mann ein. Dann implodierte sein Körper.