Nimm das Leben nicht so ernst. Schmunzelgeschichten für Groß und Klein - Susanne Bechstein - ebook

Nimm das Leben nicht so ernst. Schmunzelgeschichten für Groß und Klein ebook

Susanne Bechstein

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Opis

Nach der erfolgreichen Veröffentlichung ihrer Autobiografie »Zeitwaise – Schicksal einer Frau« und ihres Gedichtbandes »Gedichte für jedermann« präsentiert die Autorin diesmal Kurzgeschichten über Tiere und alltägliche Dinge für große und kleine Leser. Das Besondere bei den Tiergeschichten ist, dass der Leser die Gespräche zwischen den hier vorkommenden Tieren miterleben bzw. belauschen kann und somit besser in ihr Leben hineinversetzt wird. Denn nicht nur Menschen haben eine Seele, sondern auch die Tiere. Sie sind stets unsere treuen Begleiter in unserem menschlichen Leben, die uns erfreuen, aufmuntern und Wärme geben. Bei den Alltagsgeschichten wird sich so mancher Leser bestimmt wieder finden und denken: so war oder ist es mir auch ergangen. Alltägliche Kleinigkeiten weiten sich zu einem Problem aus und werden pointenreich gelöst. Bei diesen Kurzerzählungen ist das Schmunzeln der Leser garantiert.

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Susanne Bechstein

Nimm das Leben nicht so ernst

Schmunzelgeschichten für Groß und Klein

Engelsdorfer Verlag2011

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright (2011) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

www.engelsdorfer-verlag.de

eISBN: 978-3-86901-549-1

Inhaltsverzeichnis

Meine Schuhe und ich

Alt werden, ist nicht lustig Aber es ist schwer, über sich selbst zu lachen

Die Trödel-Anna

Das Tierparadies im Garten

Der Gartenteich

Der Maikäfer

Hansi, der kleine Wellensittich

Felix, der Floh

Katzen machen süchtig Und ich dachte nur Katzenzungen aus Schokolade

Der Skarabäus

Meine Schuhe und ich

Ich liebe Schuhe über alles, und ich dachte; dass meine Schuhe auch meine Füße lieben. Aber irgendwie haben sie fast immer eine Gemeinheit mit mir vor. Meine erste Gemeinheit, die mir widerfuhr, liegt heute vierzig Jahre zurück.

Ich war jung verheiratet und freute mich, dass ich endlich das Geld zusammengespart hatte, um mir neue Schuhe zu kaufen. Im Kaufhaus angekommen, schlenderte ich von einem Schuhregal zum anderen. Es gab auch Wühltische, da konnte man Schuhe zum halben Preis erstehen. Ich stellte meine Tasche irgendwo ab und probierte verschiedene Schuhe an.

Als ich endlich das richtige Paar Schuhe fand, musste ich feststellen, dass meine Tasche Füße bekommen hatte. Meine Tasche lag nicht mehr an dem Platz, wo ich sie abgestellt hatte. Ich fing zu weinen an. Mir fehlte der Mut, mich an die Verkäuferin zu wenden. Ich schämte mich, dass es mir passierte.

In meiner Tasche befanden sich sämtliche Papiere, meine Schlüssel und das Geld. Ich besaß nur noch meine Sonnenbrille, die in meinem Haar steckte. Ich verließ das Kaufhaus und lief die zwei Stationen zu Fuß nach Hause.

Was wird mein Mann dazu wohl sagen? Ich bekam große Angst.

Zu Hause stellte ich mich vor die Tür und wartete. Als er kam, fing ich wieder an zu zittern und zu weinen. „Warum stehst Du bei dieser Kälte vor der Tür?“ Ich erzählte ihm meine Geschichte. Gott sei Dank, er bewahrte die Ruhe. Mein Mann merkte an: „Wir müssen sofort ein neues Schloss einbauen lassen.“ An diese Notwendigkeit hatte ich noch gar nicht gedacht. Der Einbau des Türschlosses kostete uns viel Geld, und das, wo wir immer sehr sparsam leben mussten. Somit bezahlten wir für mein Paar Schuhe, die ich nun nicht besaß, ein Vielfaches. Ade, neue Schuhe.

Meine Unachtsamkeit mit der Tasche war mir eine Lehre und passierte mir später nie wieder. Doch die Gemeinheiten sollten weiter gehen.

Und ohne diese Tücken hätte man bestimmt auch nichts zu lachen.

Heutzutage sind Schuhe in sämtlichen Farben im Angebot. Ich suchte farblich ein bestimmtes Paar Schuhe, das zu meiner Tasche in Rot passte. Als Laie konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es eine breite Palette von Rottönen gibt. Ich ging in der Annahme, dass es einfach sei, die passenden roten Schuhe zu kaufen. Ich betrat das erste Schuhgeschäft.

Die Verkäuferin war sehr zuvorkommend und gab sich große Mühe, mit mir die passenden Schuhe im gewünschten Rotton zu finden. Ständig verglichen wir die Farbtöne von Schuhe und Tasche, doch ohne Erfolg. Da half auch kein Zureden von ihr. Ich suchte den nächsten Schuhladen auf. Ich ging in der Annahme, dass meine Füße mit der Größe achtunddreißig eine normale Form besitzen, flacher Spann und schmalen Fuß. Schließlich fand ich mein farbliches Paar Schuhe zu meiner Tasche. Bei der Anprobe stellte ich fest, dass meine Füße wohl doch nicht normal geformt sind. Vorne konnte ich meine Hand über den Spann hineinstecken. Ich wurde sauer mit mir und lief nach Hause. In der Wohnung angekommen, versteckte ich meine rote Tasche. Ich wollte sie vorerst nicht mehr in meinem Blickfeld haben. Mein Mann kehrte heim und fragte: „Na, hattest Du Erfolg?“

„Leider nicht“ antwortete ich. „Das verstehe ich nicht bei so einer großen Farbauswahl. Du mit Deiner Größe siebenunddreißig und hohem Spann. Du bekommst doch immer Schuhe zwei Nummern größer in der Schuhabteilung für Kinder“, sprach ich.

Ich kann leider nur Marken-Schuhe tragen. Ich besitze viele Paar Schuhe in den verschiedensten Farbtönen. Meine Schuhe, die ich vor zehn Jahren kaufte, sehen heute noch wie neu aus. Ich achte sehr darauf, dass die Absätze keine Kratzer besitzen. Schmale Schuhe mit hohem Absatz verschönern den Anblick meiner Beine. Mein Gang wirkt in hohen Schuhen besser als in flachen, und ich knicke auch nicht um. Mit flachen Schuhen laufe ich wie eine Ente. Wenn ich mich nicht gut fühle, gehe ich zur Ablenkung Schuhe einkaufen. Das hebt mein Wohlgefühl.

Diesmal suche ich grüne Schuhe, passend zu meiner Tasche und zum Rock. An diesem Tag stattete ich vielen Schuhgeschäften einen Besuch ab. Doch nichts mit grünen Schuhen in Berlin. Ich erstand diese erst während meines Besuches bei meiner Mutter in Düsseldorf. Vorsichtshalber hatte ich mir meinen Gürtel vom Rock für die Reise dorthin eingepackt, um gegebenenfalls den Farbton abgleichen zu können. Haben sie schon einmal während einer U-Bahnfahrt die anderen Fahrgäste beobachtet? Das sollten sie unbedingt tun und werden erstaunt sein: Schuhe werden nicht mehr geputzt und die Absätze sind schief gelaufen. Egal, ob bei Männlein oder Weiblein. Vor allem die Absätze bei den Frauen: das Leder ist hoch geschoben, so dass man das Innenleben bewundern kann. Aber einige Etagen höher kann nicht genug Farbe sichtbar sein. Auch die Männer sind von dem gleichen Kaliber. Schicker Anzug und ungeputzte Schuhe. Schuhe sagen viel über einen Menschen aus. Es gibt nicht umsonst ein bestimmtes Sprichwort. Meine Schuhe sind immer perfekt und sehr ausgefallen. Ich spüre genau die Blicke, die meine eleganten Beine beobachten. Meine Schuhpaare sind sehr teuer, so manches kostete mich vierhundert Mark.

Mit der Zeit sammelten sich sehr viele Schuhe an, von denen ich mich nicht trennen kann. Da unser Stauraum in der Wohnung begrenzt ist, bewahre ich die Sommer- und Winterschuhe in getrennten Kartons im Keller auf. Je nach Jahreszeit hole ich die Paare jährlich nach oben. Dann plötzlich begann eine neue Schuhmode: richtige „Totschläger“, da war der Absatz schwerer als der ganze Schuh. Nicht mit mir. Wer kauft solche „Monster“ zum Tragen? Stattdessen benötige ich lila Schuhe – eine neue Odyssee beginnt. Meine Vorstellungen musste ich etwas korrigieren. Schuhe mit hohen Absätzen gab es nicht, dafür gut aussehende Schuhe mit Keilabsatz. Ich war glücklich und gönnte mir noch einen angenehmen Nachmittag im Café.

Die nächste Gemeinheit nahm ihren Lauf bei Freunden, bei denen ich beim Besuch meine Schuhe ausziehen musste. Das war zwar sehr angenehm, doch nach einigen Stunden Sitzen bekam ich meine Schuhe nicht mehr so lässig an.

Auf dem Nachhauseweg bemerkte ich schon die erste Blase. Die Zähne zusammenbeißen und bis zur nächsten U-Bahnstation lächeln, dachte ich. Bloß nichts anmerken lassen, wie es in einem aussieht, geht keinen etwas an. Mein Mann würde jetzt den richtigen Spruch für mich haben: Pariser Schuhe und Pommersche Beine. Männer sind doch einfach mitfühlend, wenn es um Frauen geht!

Zu Hause angekommen, flogen meine Schuhe im hohen Bogen durch die Wohnung. Ich entdeckte eine fette Blase am Hacken.

Der Tag war für mich gelaufen. Das anschließende Fußbad tat richtig wohl.

Ich bin schon zehn Jahre in Fitness-Studio aktiv. Meine Freundin Katrin stand hinter dem Tresen und Thomas fragte mich: „Susanne ist das Absicht oder Zufall, dass bei Dir alles zusammenpasst?“ Ich brauchte nicht zu antworten, das übernahm Katrin für mich. „Bei Susanne ist alles Absicht.“ Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, so wird man beobachtet. Meine Freundin Annett bemerkt öfter: „dass Du mit so hohen Dingern laufen kannst!“ Ja, beim Laufen schwebe ich fast, damit die Absätze nicht beschädigt werden. Aber von meinen Qualen verrate ich ihr nichts, immer nur lächeln.

Ich war wieder mal in Eile und hatte mir für meinen Schuheinkauf zweihundert Mark auf den Tisch gelegt. Beim Verlassen der Wohnung nahm ich die Mülltüte gleich mit hinunter. Zum Glück bemerkte ich noch rechtzeitig, dass ich mein Geld vergessen hatte. Ich rannte wieder nach oben, schnappte das Geld mit der Hand, mit der ich bereits die Mülltüte festhielt. Unten wieder angekommen, lief ich zum offenen Müllcontainer. Ich öffnete meine Hand und ließ den Müll fallen. Meine Gedanken waren bei den neuen Schuhen, auf die ich mich schon freute.

Nach erfolgreicher Schuhwahl wollte ich an der Kasse bezahlen, fand jedoch meine zweihundert Mark nicht. Entsetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich konnte es nicht fassen, was passiert war. Was denken Sie? Ja, Sie liegen richtig. Mülltüte und das Geld lagen zusammen im Müllcontainer. Ich raste nach Hause. Zu spät, die Müllabfuhr hatte bereits die Container geleert. War das nicht eine Gemeinheit! Diese behielt ich bis heute für mich, denn Schadenfreude ist bekanntlich die größte Freude.

Ich trug wieder neue Schuhe. Da ich gern ohne Strümpfe ging, war ich auch schnell anfällig für die so genannten Gemeinheiten. Der Zehnagel vom großen Zeh war etwas länger gewachsen. Dann bekam ich gleich einen Dämpfer und konnte meine Lieblingsschuhe einige Tage nicht anziehen. Doch es kam noch schöner.

Ich ging in den Keller und sah zwei mal fünf Schuhkartons zusammengebunden. Entweder mein Gehirn hatte sich ausgeschaltet oder mein Denkvermögen hatte gelitten. Ich brauchte diese wohl nicht mehr. Ich entsorgte die Karton in den Papiercontainer und schaffte so wieder mehr Platz im Keller.

Der Winter ging vorbei, und ich wollte meine anderen Paar Schuhe für die anstehende Jahreszeit aus dem Keller holen. Vergeblich suchte ich diese. Ich fand zunächst keine Erklärung dafür, denn vor dem Winteranfang hatte ich alle in den Keller getragen. Wie vom Blitz getroffen, durchfuhr es mich: die weggeworfenen Kartons mit den Schuhen sollten nicht aussortiert, sondern nach oben getragen werden. Was für ein großer Verlust! Abgesehen von dem Geld, das die Schuhpaare kosteten, benötigte ich nun neue Schuhe. Der Gipfel war, dass sich bei den entsorgten Schuhpaaren auch welche von meinem Mann darunter befanden. So fragte er mich: „Sage mal, Susanne, ich suche Schuhe von mir. Kannst Du mir sagen, wo die geblieben sind?“

„Keine Ahnung“, leugnete ich und fuhr fort „Du hast die Schuhe bestimmt in den Müll getan. So schön sahen die auch nicht mehr aus.“ Wenn er wüsste, was ich wusste – au Backe. Doch meine Taten waren noch steigerungsfähiger.

Dazu gehört Mut oder man ist so verzweifelt, dass man solche Sachen macht. Ich hatte sehr schöne Schuhe an, war lange unterwegs und konnte kaum noch laufen. Zum ersten Mal hasste ich meine angezogenen Schuhe mit den hohen Absätzen. Meine Füße waren von Blasen übersäht, ich kämpfte mit Wundschmerzen. Mir liefen schon die Tränen. Da erblickte ich ein Kaufhaus und beschloss, keinen Schritt weiter zu gehen.

Egal wie, ein Paar neue Schuhe mussten her. Aber ich besaß kein Geld mehr. In der Schuhabteilung angekommen, ließ ich mich auf einem Stuhl nieder und zog meine Schuhe aus. Was für eine Wohltat! Ich brauchte flache Schuhe und probierte einige an. Endlich fand ich auch welche, die mir gefielen. Ich zog diese an und stellte meine getragenen Schuhe in das Schuhregal zu den anderen. Von den Fußqualen befreit und in Gedanken versunken, gingen meine Füße mit mir automatisch den Weg nach draußen. Ich fühlte mich gleich besser. Das geschah vor über zwanzig Jahre, den Knopf im Schuh gab es noch nicht. Wie leichtsinnig man sich doch im jugendlichen Alter verhielt und nicht an die Folgen dachte, wenn man erwischt wurde.

Aber die Strafe sollte nicht lange auf mich warten. Ich kam aus dem Garten und musste am Kaiserdamm in die U-Bahn steigen. Die Steinstufen des U-Bahneinganges waren sehr abgetreten, so dass Vorsicht beim Heruntergehen angesagt war, statt „Hans guck in die Luft.“ Ich schaute nicht genau hin, trat zu weit vor und verlor plötzlich die Balance. Im Fallen schaffte ich es noch, mich am Geländer festzuhalten. Ich hatte zerschlagene Knie, und meine Schuhabsätze abgebrochen. Peinlichkeit überfiel mich. Ich verkroch mich in die hintere Ecke des U-Bahnwagens.

Ich war froh, dass ich mir nicht schwere Verletzungen zugezogen hatte.

Wenn meine Kollegin zur Arbeit kam, sprach sie zu mir: „Es waren heute wieder tolle Schuhe unterwegs. Du hast mich mit Deinem Schuhtick schon angesteckt.“

Auf der Straße ging ein junger Mann vor mir, sehr gut gekleidet. Er lief mit neuen Schuhen, bei denen er vergaß, den Preis unter der Sohle zu entfernen. Ich musste grinsen.

„Hallo junger Mann“ sprach ich ihn an. „Ihre Schuhe gefallen mir. Aber Sie vergaßen, den Preis zu entfernen.“ Er bekam einen hochroten Kopf. An der nächsten Straßenecke hielt er an und entfernte schnell die Preisauszeichnung. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass das nicht so problemlos ging. Ein Rest blieb meistens am Schuh haften. Der junge Mann bedanke sich bei mir für den Hinweis.

Im Sommer tragen viele Damen offene Schuhe. Aber ihre Füße passen einfach nicht dazu. Die Zehnägel lange nicht geschnitten, dafür mit Glitzer verziert. Die Fußhacken bestehen nur noch aus Hornhaut. In solchen Fällen wäre es besser, geschlossene Schuhe zu tragen. Das reizt mich jedes Mal, eine Bemerkung zu machen. Es gibt auch viele Damen, die Kopftücher und hohe Schuhabsätze tragen. Sie müssen erst einmal richtig laufen lernen.

Doch, was nicht ist, kann ja noch werden.

In den letzten Jahren stellte ich fest, dass sich meine Schuhe verändert haben. Oder waren es meine Füße? Von einem Jahr zum anderen passen mir meine Schuhe nicht mehr. Entweder sind sie zu kurz oder zu schmal. Warum macht ihr das mit mir? Ich kann euch doch nicht alle entsorgen, meine Lieblingsschuhe. Meine Füße sind nicht gewachsen.

Ich trage immer noch die Größe achtunddreißig. Ich quälte mich in meine Schuhe hinein, heute suchte ich das rote Paar Schuhe zum Tragen aus. Die ersten einhundert Meter gingen noch, immer lächeln. Ich wollte es bis zum Kurfürstendamm schaffen. Aber im Bus zog ich den ersten Schuh aus. Am Wittenbergplatz wartete meine Freundin Annett auf mich. Wir hatten uns vorgenommen, einen schönen Tag zu erleben. Endlich angekommen, meinte meine Freundin: „Du hast heute einen komischen Gang.“

Ich antwortete: „Ich habe Blasen an den Füßen.“

„Mit solchen Stelzen ist das kein Wunder“ fügte sie hinzu. Wir besuchten ein Cafe und Annett reichte mir ein Pflaster. Ich fühlte mich sofort besser.

„Kaufe Dir endlich flache Schuhe, schließlich bist Du keine zwanzig mehr“ merkte sie an. Vielen Dank für das Kompliment, meine Süße, denke ich. „Ach“, sage ich, „am besten gleich mit Einlagen, wie Du.“ Das hatte gesessen. Niemals auch einen Ziehwagen zum Einkaufen. Da bekommt man immer einen Tritt in den Hacken. Dafür fühlte ich mich noch nicht alt genug. Frauen sind etwas Wunderbares.

Der Bummel auf dem Kurfürstendamm fiel in das Wasser. Ich schleppte mich zur U-Bahn, so dass ich schneller nach Hause kam. Daheim lief ich ohne Schuhe und nahm ein Fußbad.

Anschließend begann ich, meine Schuhpaare zu sortieren. Ich konnte es immer noch nicht fassen dass mir nur 4 Paar Schuhe blieben, in denen ich bequem laufen konnte. Die nicht mehr passten, landeten im blauen Müllsack. Ich brachte nicht den Mut auf, die guten Schuhe zu entsorgen.

Also besuchte ich meine Freundin Leyla, eine Türkin. Ich fragte sie: „Du fährst doch dieses Jahr mit dem Auto in die Türkei. Kannst Du einen Sack voller Schuhe gebrauchen?“

„Ja gerne. Es gibt viele arme Leute bei uns, sie würden sich freuen“ antwortete sie. Ich dachte: Susanne, Augen zu und halte deine Klappe. Aber die Gedanken sind frei: vielleicht tragen sie meine Schuhe bei der Olivenernte. Mir wurde ganz schlecht. Man baut eine Beziehung über Jahre auf, auch wenn die Biester mich so manches Mal gequält hatten. Ich fügte hinzu: „Ich wünsche Dir eine schöne Reise.“ Wieder daheim angekommen, stand ich wie blöd in der Diele herum und fühlte mich niedergeschlagen. Für den kommenden Winter besaß ich genug Schuhwerk und ausreichend Platz für neue Schuhe. Aber plötzlich verspürte ich keine Lust, Schuhe zu kaufen. Ich trauerte meinen Schuhen nach, die ich meiner Freundin Leyla mitgab. Meine Schuhe werden eine Weltreise nach Istanbul oder nach Egdir, zur Olivenernte, antreten. Sollte ich den Rat von Annett befolgen und mir welche von Birkenstock kaufen? Birkenstock führt ansprechende Modelle.

Den Winter überstand ich gut. Meine Sportschuhe und Stiefel waren eine Wohltat für meine Füße. Im Frühling kaufte ich mir sehr bequeme und schicke, weiße Sandalen. Vorne zierten zwei Riemchen sie. Eigentlich hätte ich auch barfuß laufen können, so flach waren die Sandalen. Dann kam die größte Gemeinheit in meinem Leben.

Ich hatte es mal wieder eilig. Von weitem sah ich bereits den Bus und fing zu rennen an, damit ich ihn nicht verpasste. Schlagartig stockte mir der Atem, ich spürte zwischen meinen Zehen eine weiche Masse, die sich in den neuen Sandalen ausbreitete. Mir wurde übel, ich war in einen großen Haufen getreten. Es musste ein Raubtier gewesen sein. Sie würden meinen: sie haben heute bestimmt noch Glück. Aber ich nenne es klar: Scheiße ist das. Der Bus fuhr ohne mich, plötzlich hatte ich Zeit. Ich erblickte einen Brunnen mit Wasser und dachte, nichts wie hin.

Sandalen ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und Wassertreten gemacht, wie bei Kneip. Ich hatte genug Taschentücher bei mir, um meine Sandalen zu reinigen. Gänsehaut überzog vor lauter Ekel meinen Körper. Auf den Bänken saßen Leute, die den Frühling genossen. Ihre Reaktion auf mein Tun konnte ich in ihren Gesichtern beobachten. Mir war es zwar peinlich, aber was sollte ich machen. Eine alte Dame sagte erregt zu mir: „Was treiben Sie denn da? Der Brunnen ist doch nicht zum Baden.“

Ich antwortete ihr: „Das wäre furchtbar, wenn wir alle in einen Hundehaufen treten würden, mir ist es auch sehr unangenehm. Aber was sollte ich machen? Ich wollte nicht riskieren, dass der Bus anhält und mich als Stinkbombe auf die Straße setzt.“

Nachdem ich die Wohnung erreicht hatte, wechselte ich die Schuhe und lief zum Fahrstuhl zurück. Mit Schwung flogen meine Sandalen in die Mülltonne. Mir ging der Gestank nicht aus der Nase, so viel zu meinen neuen Sandalen.

Es gibt bei uns Leute, die die Mülltonnen durchwühlen. Könnte durchaus sein, dass ich meine Sandalen auf dem Trödelmarkt wieder finde. Ich hoffe dann nur, dass sie ihren Duft verloren haben. Ich hatte vorläufig die Nase gestrichen voll. Manchmal frage ich mich, warum immer nur ich? Das Kapitel Schuhe ist für mich zunächst abgeschlossen. Mein lieber Mann lachte sich über diesen Vorfall kaputt, was auch eine Gemeinheit ist.

Nicht genug damit, die nächste Gemeinheit lauerte schon auf mich.