Gössenjagd - Gunter Haug - ebook

Gössenjagd ebook

Gunter Haug

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Opis

Radurlaub mit Todesfolge! Mehr und mehr entwickelt sich der Österreichurlaub von Kommissar Horst »Hotte« Meyer und seinen Begleitern zum Horrortrip. Aus ist es mit den gemütlichen Weinproben in idyllischen Heurigen der Wachau und des Niederösterreichischen Weinviertels! Ist es wirklich ein Herzinfarkt, an dem der kerngesunde Weinhauer verstorben ist? Und weshalb klingelt der Fahrer des Leichenwagens an der Tür des quicklebendigen Künstlers, um den vermeintlichen Toten abzuholen? Wer hat ihm den Auftrag dazu erteilt? Welches mörderische Spiel wird hier in Wirklichkeit gespielt? Ein Spiel? Nein, ein tödlicher Strudel, in dem Kommissar Meyer urplötzlich selbst zu versinken droht.

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Titel

Gunter Haug

Gössenjagd

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2004 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2004

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Gesetzt aus der 9,7/14 Punkt GV Garamond

ISBN 978-3-8392-3138-8

Vorbemerkung

Gösse: umgangssprachlicher Ausdruck in Niederösterreich für Gelse. Hochdeutsch: Stechmücke.

Die Abbildung auf dem Umschlag zeigt eine vor 50 Millionen Jahren in flüssigem Harz – dem späteren Bernstein – erstarrte Stechmücke.

Abdruck des Fotos mit freundlicher Genehmigung von Otto Potsch, Wolkersdorf bei Wien, aus seinem ebenfalls im Gmeiner-Verlag erschienenen Bildband „Der Bernsteinmagier«.

Zitat

»Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken!«

(Zitat von Theodor Heuss, dem man nicht genug beipflichten kann!)

1

Sie würden ihn töten! Wenn nicht gleich jetzt, hier an Ort und Stelle, dann nur wenig später. Und: mit im wahrsten Sinn des Wortes tödlicher Sicherheit würden sie auch gar nicht lange fackeln.

„Zu Hilfe!« Es war mehr ein ersticktes Gurgeln, als ein laut gellender Schrei, das sich in diesem fürchterlichen Moment seiner Kehle entrang. Aber der Hilferuf würde nichts mehr bewirken, denn es war längst zu spät – viel zu spät!

Offenbar völlig geräuschlos hatten sich die Häscher im nebligen Zwielicht der zögernden Morgendämmerung an ihr ahnungsloses Opfer heran geschlichen. Ohne dass der in einen unruhigen, oberflächlichen Schlaf versunkene Mann die drohende Gefahr auch nur im Geringsten bemerkt hätte – genauso wenig wie sein sonst doch so wachsamer Gefährte, den die Angreifer bereits überwältigt haben mussten.

Und die Pferde? Was war mit den Pferden? Nicht einmal die Tiere hatten einen warnenden Laut von sich geben können, so überraschend und blitzschnell war der perfekt vorbereitete Überfall vonstatten gegangen. Umso lauter zerriss das angstvolle Gewieher der Pferde nun die Totenstille, die bis vor wenigen Sekunden noch an den mit einer dünnen weißen Schneedecke überzogenen feuchten Wiesen des Donauufers die zögernd zurückweichende Nacht beherrscht hatte.

Um wen aber handelte es sich bei den Mordgesellen? Wer waren die Leute, die sie so unvermutet aufgespürt und überfallen hatten? Wer konnte schon ahnen, wo sie sich befanden? Zufall? Nie und nimmer!

Kein Zweifel, bei den Tätern konnte es sich nur um die Schergen des Herzogs Leopold von Österreich handeln! Um die Gefolgsleute des Babenbergers also, den er vor Monaten tödlich beleidigt hatte. Beim gescheiterten Kreuzzug nach Jerusalem war das geschehen und der Herzog hatte Richard Löwenherz daraufhin ewige Rache geschworen.

Ausgerechnet jetzt, nach so vielen überstandenen Gefahren auf seinem Heimweg, nach Schiffbruch, dem Tod seiner Gefährten und zahlreichen versuchten Raubüberfällen, war er also ganz offensichtlich in die Hände seines Todfeindes geraten. Nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren für Leib und Leben. Und zu allem Überfluss auch noch mitten in dessen Herrschaftsgebiet! Sie würden ihn töten! Was sonst? Den Erzfeind, der das Ansehen des mächtigen Herzogs mit Füßen getreten hatte. Der sich in seiner stolzen Arroganz weit über den Babenberger erhoben hatte!

All dies schoss dem Überfallenen in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, während er, geschult durch jahrelange Übung, geistesgegenwärtig versuchte, neben sich zu greifen, um das dort unter der Decke versteckte Schwert rasch in seine Hand zu bekommen. Doch es war vergebens. So sehr er sich mit dem Mut der Verzweiflung auch wehrte: es waren zu viele. Und überdies gingen die Gegner überlegt und entschlossen zur Sache! Mit brachialer Gewalt stürzten sie sich auf ihr chancenloses Opfer. Wenige Augenblicke später war es vorbei. Der König war gefangen. Richard Löwenherz, König von England, stolzer Anführer des einst riesigen Kreuzfahrerheeres, in der Gewalt des Herzogs Leopold. In der Gewalt seines Todfeindes!

Gerade blitzte der erste Strahl der aufgehenden Sonne von der blank polierten Schneide des in den Himmel gereckten messerscharfen Richtschwertes zurück, als der dunkel gekleidete Hüne zu einem gewaltigen Hieb ausholte, um den Gefangenen auf der Stelle mit einem einzigen Schwertstreich zu enthaupten.

Verblüffung und Schrecken spiegelten sich in den Augen des Delinquenten, als dieser begriff, dass sie nicht gekommen waren, um Gefangene zu machen! Sondern dass sie ihn hier, an Ort und Stelle, richten würden. Dass er das Ende dieses Tages nicht mehr erleben würde. Im Angesicht des Todes erstarrte die Miene des Königs zu einer eisigen Maske. Die Miene des Königs?

Diese Gesichtszüge! Ja … diese Gesichtszüge …

Was aber war mit diesen Gesichtszügen?

Es war … diese Ähnlichkeit! Diese verblüffende Ähnlichkeit! Aber …

Was um alles in der Welt wurde hier gespielt?!

Es war nicht möglich! Ganz einfach nicht möglich! Konnte nicht möglich sein!

Jedoch … das furchtverzerrte Gesicht des Opfers!

Unmöglich!

Nein! Es konnte, durfte einfach nicht möglich sein! Auf gar keinen Fall!

2

In verzweifelter Panik krampften sich die Hände des Mannes um seinen Hemdkragen, während er keuchend nach Luft schnappte. Ein ersticktes Gurgeln entrang sich seiner Kehle, während dumpfe Ohnmacht das Bewusstsein gnadenlos aus seinem Gehirn verdrängte. Luft! Er brauchte dringend Luft! Mehr Luft! Konzentrieren. Sich auf das Wesentliche, auf das einzig Wesentliche konzentrieren. Die Augen schließen! Konzentrieren! Jetzt! Mit einer schier übermenschlichen Kraftanstrengung gelang es ihm, den Hemdkragen zu zerreißen, der sich mit einem hässlich zischenden Geräusch in zwei Hälften teilte und nun in Fetzen von seinen Schultern baumelte. Doch auch diese gewaltige Willensleistung verschaffte dem Erstickenden nicht die erhoffte Befreiung aus der tödlichen Umklammerung, die seine Luftröhre zuschnürte und das Blut in seinen Adern zum Kochen brachte. Es war die letzte kontrollierte Bewegung seines Lebens. Sekundenbruchteile später schwanden ihm endgültig die Sinne.

Mit einem dumpfen Geräusch prallte der massige leblose Körper des Mannes auf den gestampften Lehmboden, danach herrschte Stille. Selbst das Echo, das sich zögernd durch die zahlreichen Kellergänge fortgepflanzt hatte, schien erstickt. Wie in einem Wattebausch erstickt. Nur noch Stille. Völlige Stille. Totenstille.

Der fahle gelbliche Schein einer verschmutzten Glühbirne, die an einem grauen Kabel von der Decke baumelte, beleuchtete matt und schemenhaft die unwirkliche Szenerie. Den Toten im Keller, das halbvolle Weinglas auf dem roh gezimmerten dunklen Holztisch, daneben die geöffnete Flasche, der Korkenzieher in dem noch der Korken steckte, der die Weinflasche verschlossen hatte. Die Spinnweben auf dem Gewölbe, deren Schatten sich im Licht der Glühbirne an den sandbraunen Lehmwänden des Kellers zu bizarren Mustern fügten, unterstrichen den geradezu apokalyptischen Eindruck, der sich einem zufälligen Beobachter dieser Szenerie aufdrängen musste. Wenn da jemand gewesen wäre. Doch da war niemand. Keine Menschenseele.

Und es schien geradeso, als würde niemals mehr der Fuß eines lebendigen Menschen dieses dunkle feuchte Grab betreten. Die kilometerlangen unterirdischen Röhren, die sich irgendwo in der Dunkelheit verloren. Irgendwo – nirgendwo. Ein Gedanke, den hier in der Verlorenheit des nachtgrauen Verlieses jedoch niemand zu denken in der Lage war, denn kein Mensch war anwesend.

Nur der allmählich erstarrende Körper des Toten lag regungslos auf dem Lehmboden. Der Tote, dessen Seele sich längst in den düsteren Windungen der unendlichen Kellergänge verloren hatte …

3

„Das ist versuchter Totschlag! Daran besteht für mich nicht der geringste Zweifel! Absolut nicht!«

„Aber wieso denn bloß?«

»Weil du mich anscheinend absichtlich ins Verderben führen willst!« Begleitet von einem vorwurfsvollen Kopfschütteln lehnte sich Horst Meyer auf seinem Sofa zurück und verschränkte mit einer entschiedenen Geste die Arme vor dem Oberkörper – ein sicheres Anzeichen für die Tatsache, dass er sich von seiner eben geäußerten Meinung durch nichts und niemanden mehr würde abbringen lassen, nicht in tausend Jahren! So weit war Claudia Meyer nach zahlreichen ähnlich verlaufenen Disputen und mehr als einem Dutzend Ehejahren über die durchaus standardisierten Verhaltensweisen ihres Angetrauten inzwischen im Bilde.»Aber ich meine es doch nur gut mit dir«, legte die solchermaßen Getadelte ihre Stirn in enttäuschte Falten.»Man kann es auch solange gut mit jemandem meinen, bis derjenige dann endgültig erledigt ist! Nein, das muss dir der Neid lassen: dein Apfelstrudel, also wirklich! Der ist absolute Weltklasse. Wie soll da ein Mensch mit durchschnittlichem Geschmacksempfinden aufhören können, solange auch nur noch ein halber Bissen auf dem Teller liegt!«

In gespielter Entrüstung stemmte Claudia die Arme in die Hüften. „Um mir dann anschließend wieder vorzujammern, du hättest furchtbares Sodbrennen!«

»Eben – sag ich ja!«

»Dann iss halt weniger!«

»Kann ich nicht!«

„Freilich kannst du – wenn du nur wolltest!« Claudia schüttelte ihren Kopf und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Weinflasche, die vor Horst auf dem Couchtisch stand. „Aber wenn das schon so ist, dass du dich strudeltechnisch wieder mal einfach nicht beherrschen kannst, dann trink halt wenigstens keinen Wein dazu!«

Der so Gemaßregelte zog verdrießlich die Mundwinkel nach unten. „Darüber könnte man reden. Den hier zumindest trinke ich auf gar keinen Fall mehr«, zeigte Horst vorwurfsvoll auf die Weinflasche und das halbgefüllte Glas daneben. „Das ist nämlich kein Wein, sondern versuchte Körperverletzung. Allerdings in einem minderschweren Fall, denn nach dem ersten Schluck hört man sowieso freiwillig mit dem Trinken auf. Ich zumindest! Nein«, der Kriminalkommissar hob mit einer verzweifelten Geste seine Hände in die Höhe. „Es ist wirklich unglaublich, was die einem mitt-lerweile so alles als angeblich gut trinkbaren Wein zumuten, ohne dabei rot zu werden …«

Er beugte sich vor, ergriff das Glas mit dem rötlich schimmernden Inhalt und hielt es vor Claudias Augen. „Da, schau. Allein schon die Farbe. Da weiß man eigentlich schon alles! Lemberger! Dass ich nicht lache!«Die Kinderärztin musterte die rote Flüssigkeit neugierig. „Lass mich mal riechen«, ergriff sie das Glas und hob es unter ihre Nase, um vorsichtig an dem Wein zu schnuppern. Wenige Augenblicke später stellte sie das Glas achselzuckend auf den Couchtisch zurück, ohne einen Schluck daraus genommen zu haben. „Na ja. Ehrlich gesagt, rieche ich gar nichts. Höchstens ein bisschen Alkohol und Schwefel. Und das nach diesem Jahrhundertsommer im letzten Jahr!«

„Wieder einen Weinjahrgang erfolgreich versaut!« pflichtete Horst der Analyse seiner Ehefrau mürrisch bei. „Von wegen Jahrhundertsommer! Die faseln da sogar gerade schon von einem Jahrtausendjahrgang und im selben Atemzug verkaufen sie dir dieses Zeugs da – als Qualitätswein wohlgemerkt!« Wieder nahm er das Weinglas und hielt es nun seinerseits prüfend unter die Nase. „Du hast Recht: mehr Schwefel als in einer Alchimistenküche!«, brummte Horst angewidert. „Das bestätigt eigentlich nur, was wir schon lange sagen. Wir brauchen in Deutschland dringend einen Weinskandal!«

„Aber den haben wir doch ohnehin schon – in jedem Herbst!« gab Claudia mit bittersüßem Lächeln zur Antwort. „Nur leider bisher ohne irgendwelche Konsequenzen!«

„Eben das ist es ja! Es ist ein Skandal, was diese angeblichen Weinmacher – allein schon der Begriff: Weinmacher! Was daran besser sein soll, als an einem normaler Winzer …«

„… es klingt halt moderner«, warf Claudia dazwischen. „Und was modern klingt, ist auch gut, meinen die. Leider glauben das ja auch die meisten Kunden!«

„… lassen sich von so ein bisschen Schischi beeindrucken! Nun gut, denen gehört es dann nicht anders. Aber dennoch: wenn man mir vormacht, dass ich zu einem höheren Preis als durchschnittlich einen guten Wein gekauft habe, dann möchte ich hinterher auch einen guten Wein im Glas haben. Punkt! Aber was diese Weinfritzen einem mittlerweile so alles zumuten und sich dann nicht einmal dafür schämen! Unglaublich!« Horst hob ein buntfarbiges Blättchen in die Höhe, das neben ihm auf dem Sofa gelegen hatte. „Da schau mal, was ich grade gelesen habe. Da werden die Kerle dann auch noch gefeiert für das, was sie unseren Geschmacksnerven angetan haben. Das ist der Bericht von dieser Weingala – die besten Weine von Württemberg sind da mit stolz geschwellter Brust präsentiert worden. Samt ihren Erzeugern. Und wie sie sich alle freuen: Lauter nette, freundlich strahlende Menschen. Eine Überdosis an Glück – fast nicht mehr auszuhalten. Unerträglich, findest du nicht auch?« stöhnte Horst, spreizte die Finger und ließ das buntbedruckte Blättchen samt dessen honigsüßem Inhalt achtlos auf den Fußboden schweben.

„Du hast ja Recht«, pflichtete Claudia Meyer ihrem Ehemann bei. „Aber andererseits ist es doch jeden Sonntag dasselbe: egal, ob die von einer Weingala oder vom Landestreffen der Kaninchenzüchter berichten. Sie zeigen dir doch jedes Mal diese entrückt lächelnden Zeitgenossen, die einen bei der Verrichtung der abstrusesten Tätigkeiten glückselig anblinzeln.«

„Stimmt! Aber eigentlich sollte man ja meinen, dass Kaninchenzüchter und Wengerter nicht unbedingt miteinander verwechselt werden können …«

„Da siehst du, wie weit es mit der Weinwirtschaft eben gekommen ist«, kicherte Claudia. „Und erst recht mit unserer Presselandschaft! Hauptsache Friede-Freude-Eierkuchen und alles ist paletti! Sag mal, ist unser Freund eigentlich auch wieder abgedruckt worden?« Sie bückte sich und griff nach der auf dem Boden liegenden einen Jubelpostille, um deren schnell konsumierbaren Inhalt einer flüchtigen Durchsicht zu unterziehen. Nur Sekundenbruchteile später signalisierte sie mit einem zufriedenen Ausruf, dass sie gefunden hatte, was gar nicht lange zu suchen gewesen war. „Na Bingo! Da ist er ja, unser Zeitungsliebling!« deutete Claudia auf das Foto, das einen mit penibler Sorgfalt gekleideten Anzugträger präsentierte, der mit professionell geschultem Zahncreme-Werbungs-Lächeln zwischen den mit äußerster Perfektion nur leicht geöffneten Lippen, exakt zwei Zentimeter am Objekt des Fotografen vorbei selig ins Leere strahlte. „Ist er nicht niedlich, unser Grüßgottaugust? Und wie er es schafft, immer das exakt gleiche Grinsen aufzusetzen! Phänomenal! Der ist doch sicher nicht nur einmal drin, oder?«

»Worauf du dich verlassen kannst«, bestätigte Horst die Vermutung seiner Ehefrau. „Also viermal habe ich den sicherlich gesehen, wenn ich mich recht erinnere. Was ja eher unterdurchschnittlich für ihn ist.«

»Er wird doch nicht etwa allmählich schwächeln, unser Liebling aller Schwiegermütter«, stichelte Claudia voll begeisterter Häme weiter, während sie gleichzeitig nach weiteren Abbildungen des lokalen Abgeordneten in dem farbigen Blättchen fahndete, den die Meyers seit langem schon innig ins Herz geschlossen hatte. Den Prototyp der neuen Politikergeneration, der es schon längst nicht mehr um Inhalte und politische Grundsatzdebatten zu tun war, sondern in allererster Linie um perfektes Styling, Maßanzüge und die eigene Karriere – die sich aber am allerbesten nicht bei heftigen politischen Auseinandersetzungen pflegen ließ, sondern während der Anwesenheit bei allen möglichen und manchmal auch unmöglichen Anlässen, zu denen man geladen worden war. Schon in der Schulzeit hatten diese für sich beschlossen, eine Karriere als Berufspolitiker anzustreben, was sich als relativ problemloses Unterfangen herausstellte. Immerwährend freundliches Lächeln, korrekteste Kleidung und ein überzeugendes Auftreten ohne jegliche eindeutige Festlegung auf einen klaren Standpunkt (getreu dem Motto: „Hauptsache keinen Standpunkt vertreten – dies aber überzeugend!«) genügten dabei vollkommen und – schwupp – ehe man sich’s versah, saß das immerfort freundlich grinsende Knäblein schon im Parlament. Ohne zuvor jemals einer richtigen Arbeit nachgegangen zu sein. Weshalb aber auch. Sachkenntnis war in der Politik meist eh von Nachteil – auch diese Lektion hatte der Eleve rechtzeitig verinnerlicht. Nicht schaden konnte natürlich – sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf – schließlich und endlich noch die richtige Heirat. Getreu der guten schwäbischen Lebensweisheit „Liebe vergeht – Hektar besteht!«. Mit anderen Worten war somit die engagierte Suche nach einem Mauerblümchen angesagt, das sich eigentlich längst damit abgefunden hatte, für den Rest seiner tristen Tage irgendwo in der Provinz zu versauern. In Frage dafür kam nach den Regeln dieses Schlachtplans entweder der Ehebund mit der Tochter eines vermögenden Fabrikanten, was jenseits aller lästigen Parteispendenaffären überdies dem eigenen Wahlkampfetat in geradezu idealer Art und Weise zugute kam, oder man bemühte sich um das Mägdelein eines schon prominenten älteren Parteifreundes, der daraufhin natürlich seinerseits alles daransetzte, dem netten Schwiegersohn die entsprechenden Türen auf dem politischen Parkett sperrangelweit zu öffnen. Dass sich diese Taktik bei der letzten Wahl zu allem Überfluss auch noch als über die Maßen erfolgreich erwiesen hatte, was am phänomenalen Wiederwahlergebnis des geschniegelten Neutrums abzulesen gewesen war, hatte Horst seinerzeit in eine tiefe Sinnkrise gestürzt und in ihm (nicht zum ersten Mal) ernste Zweifel an der politischen Wahrnehmungsfähigkeit seiner Mitbürger geschürt.

„Na ja, viermal reicht doch auch wohl, oder? Ich finde sowieso, dass es allmählich höchste Zeit für einen Regierungswechsel wird!«

„Aber weshalb das denn? Dann wäre der samt seiner Partei ja womöglich auch noch am Ruder?!« Claudia verstand nicht, worauf die Argumentation ihres Mannes abzielte.

„Na ja. Aber dann wird der Grinser wahrscheinlich wenigstens Staatssekretär und er verschwindet irgendwo in einem Berliner Ministerium. Und hat nicht mehr so viel Zeit, ständig bei uns hier herum zu hängen und sich andauernd fotografieren zu lassen. Das mit dem Staatssekretär kriegt der dann sicherlich hin: Wie gesagt, das Grinsen hat er ja schon drauf – und wir hätten ihn los …«

„Gar keine schlechte Idee, schließlich ist es ja allmählich eh völlig Wurscht, wer gerade die Regierung stellt. Das kannst du ja fast nicht mehr vergleichen! Leider!« setzte Horst noch mit allen Anzeichen depressivster Zerknirschung noch hinzu, um gleich danach auf eine Fotografie zu deuten, die einen rotgesichtigen Zeitgenossen abbildete, der neben dem strahlenden Grüßgottaugust posierte und dem Fotografen mit stolzgeschwellter Brust eine perfekt gestylte Weinflasche entgegenstreckte, derem Inhalt er ganz offensichtlich zuvor schon kräftig zugesprochen hatte.

„Da schau mal. Bei diesem hier sind sie ja zurzeit ganz aus dem Häuschen! Der Acolon!« deutete Horst auf das Etikett der Weinflasche, auf dem man mit einiger Mühe tatsächlich die Bezeichnung einer neu gezüchteten württembergischen Rotweinsorte entziffern konnte.

„Lass mal sehen«, unterzog nun auch Claudia das Bild einer intensiven Prüfung. „Tatsächlich. Acolon! Also, ich weiß beim besten Willen nicht, wie man bloß einen derartigen Trubel um so einen Wein machen kann. Dieser Acolon, dieses Irrlicht der Weingeschichte!«

»Bingo! Das trifft es zu hundert Prozent«, nickte Horst seiner Ehefrau anerkennend zu. „Aber das können sie ja leider nicht zugeben. Sie haben damals, als sie mit der Züchtung begonnen haben, die Entwicklung verpennt und jetzt müssen sie halt so tun, als sei das eine super Weinsorte. Diesen Acolon überschütten sie jetzt halt mit Preisen, bis sich keiner der ahnungslosen Weintrinker mehr zu sagen traut, dass er ihm gar nicht schmeckt.«

„Wegen solch einer Fehlentwicklung! Du liebe Güte! Und keiner merkt, dass diese ganzen Neuzüchtungen außerhalb von Württemberg überhaupt nicht gefragt sind! Für ihren Trollinger schämen sie sich – und das hier jubeln sie hoch! Das muss denen doch irgendwann auffallen – oder sind bei denen vor lauter gegenseitiger Schulterklopferei gar keine Geschmacksnerven mehr vorhanden? Das ist doch unglaublich!«

„Na ja – merken tuns die schon«, gab Horst zu bedenken. „Nur zugeben wollen sie es eben nicht. Das wäre ja auch ein bisschen peinlich. Und je mehr sie jubeln, desto peinlicher wird’s dann hinterher. Sie haben sich sozusagen zum kollektiven Jubel verdammt …Faust und Co!” Er deutete mit dem Zeigefinger auf ein weiteres buntfarbiges Bild in dem Blättchen, aus dem ihm ebenfalls dutzende von glückseligen Menschen weintrunken entgegen strahlten. „Da – schau dir nur mal die Gestalten hier an …«

„Was sind das für Leute?« Wieder widmete sich Claudia einen Moment lang intensiv dem Foto, das die Glücksorgie zeigte. „Ach so, die Kellermeister! Die freuen sich über ihre Preise, die sie bekommen haben.« Sie stutzte. „Aber sag mal. Das kann doch nicht sein, Horst! Guck dir mal die Bildunterschrift an. Da hat einer tatsächlich 40 Goldmedaillen bekommen – und noch 30 silberne. Das ist doch sicher ein Druckfehler, oder?«

Horst Meyer lachte trocken auf. „Druckfehler? Von wegen!« Er nickte zu der vor Ihnen auf dem Couchtisch deponierten Weinflasche hinüber. „Das ist so. Da – auch bei diesem Gesöff dort: Silbermedaille. Das gibt’s dutzendweise!«

»Aber dann ist das doch gar nichts Besonderes mehr!«

»Sag ich ja. Das kannst du glatt vergessen! Auf jeden Fall ist so eine Medaille für mich künftig ein Warnhinweis. Wenn ich so etwas auf einem deutschen Weinetikett lese, dann lasse ich die Finger davon!«

„Aber da hast du doch neulich noch ein paar Flaschen geschenkt bekommen! Das waren doch alles Weine mit Goldmedaille drauf – und du hast dich noch drüber gefreut damals.«

„Damals«, wiederholte der Kriminalkommissar verdrießlich. „Aber der Mensch ist ja lernfähig. Mittlerweile weiß ich, dass dieses Weingeschenk beinahe als versuchte Körperverletzung durchgehen könnte.«

„Und was machen wir jetzt damit? Wegschütten also?«

„Nein, nein!« Horst beschrieb eine abwehrende Handbewegung. „Das nächste Weihnachten kommt bestimmt.«

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen schien Claudia nicht verstanden zu haben. „Was hat denn jetzt Weihnachten mit schlechtem Wein zu tun?«

Der verhinderte Weingenießer setzte ein listiges Grinsen auf. „Ganz einfach: wir brauchen Geschenke – für alle möglichen und unmöglichen Leute. Und so haben wir wenigstens schon was im Keller, was man doch hervorragend weiterverschenken kann. Ein hochwertiges Weinpräsent – Goldmedaille sogar! Der Briefträger wird sich freuen – und die Leute von der Müllabfuhr auch!«

„Aber das kannst du doch nicht machen!« protestierte Claudia. „Du selber sagst, man könne das Zeugs nicht trinken, und dann willst du es den Müllmännern andrehen!«

„Keine Sorge, die vertragen was!« wehrte Horst lächelnd ab. „Die trinken alles – Hauptsache Alkohol!«

Noch immer schien die Skepsis bei Claudia nicht völlig verflogen. „Du selber redest von versuchter Körperverletzung – und dann willst ausgerechnet du als Kriminalkommissar dasselbe tun – also ich weiß nicht …«

„Das wären Schlagzeilen! Aber Hallo! Kommissar verursacht Massenepidemie bei Müllmännern – mit preisgekröntem deutschem Wein!«

„Blödmann! Aber alles müssen wir nicht verschenken, finde ich. Man könnte den Wein sicher auch für den Wildschweinbraten nehmen«, sinnierte Claudia. „Zur Soße taugt er was – oder für Bratäpfel. Immerhin …«

„Wenn das mein Chef erfährt: Bratäpfel mit prämiertem Wein! Dann meint der gleich wieder, dass bei uns der Wohlstand ausgebrochen ist, nur weil meine Frau Ärztin ist. Aber man kommt da ja wirklich auf die abstrusesten Gedanken: das wäre doch der absolut ideale Wein für die lieben Schwiegermütter. Ein Spätburgunder, oder ein Trollinger, meinetwegen Trollinger – Lemberger. Literflasche Schraubverschluss natürlich. Und lieblich selbstredend. Das richtige zum Geburtstag der lieben Oma – der pure Erbenwein! Also, eigentlich dürften die so etwas ja nur gegen die Vorlage eines Waffenscheins abgeben. Was meinst du?« Horst strahlte ob seines weinphilosophischen Höhenflugs mit der Sonne um die Wette.

„Bist du vielleicht ein Kindskopf! Also wirklich! Auf so etwas kann ja wirklich nur mein lieber Göttergatte kommen. Ein Waffenschein für den Wein! Typisch Horst! Stellt mal wieder die Weinwelt auf den Kopf. Einfach so!«

„Mit demselben Recht, wie sie diese selbsternannten Weinexperten bezahlen, die solche Weine wie den da von gerade eben in den Himmel loben! Man muss ja ganz einfach zum Zyniker nehmen, wenn man erst voll naiver Begeisterung die Beschreibung von dem Wein liest und ihn dann hinterher in der Kehle brennen hat! „Nein«, Horst schüttelte sich mit allen Anzeichen des Verdrusses. „Mich würde nur mal interessieren, weshalb sich immer die Engländer einbilden, etwas zum Thema Wein verzapfen zu müssen. Und wieso eigentlich immer Engländer als so genannte Weinpäpste gelten – ausgerechnet Engländer, weil bei denen ja besonders gute Tropfen reifen! Genauso gut wie die englische Küche! Und dann kommen die mit ihren mit Fisch und Chips verstopften Geschmacksnerven von der Insel zu uns herüber und erzählen uns, wie ein guter Wein zu schmecken hat! Das nenne ich Heldenmut, also wirklich! Und wir hängen auch noch an deren Lippen, als wären sie Halbgötter! Dabei sind es doch nur Selbstdarsteller, die von sich auch noch behaupten, sie seien völlig neutral und unbestechlich! Was dem Fass endgültig den Boden ausschlägt.«

»Wieso? Glaubst du denn etwa, dass wirklich erst mal bares Geld auf den Tisch gelegt werden muss, damit die was Gutes über die entsprechenden Weine schreiben?«

»Geld ja – aber das Spielchen läuft subtiler. Stell dir mal folgendes Szenario vor: da kommt also eines schönen Tages der gestrenge Herr Weinpapst in irgendeinem Weingut vorbei und meint, es sei ja wohl allmählich an der Zeit gewesen, auch diese Weine endlich zu bewerten. Kannst du dir vorstellen, was da in dem Weingut abläuft? Da herrscht dann Alarmstufe rot! Die liegen dem Kerl zu Füßen, schon deshalb, weil eine gute Bewertung ja auch für sie schlicht und ergreifend bares Geld wert ist. Also wird der Winzer beispielsweise darauf hingewiesen, dass er für seine guten Kunden ja vielleicht den demnächst erscheinenden Weinführer gleich mitbestellen könnte, als kleines Präsent im Sinne der Kundenpflege. Wenn so ein Dutzend oder noch mehr von diesen sinnlos überteuerten Büchern bestellt worden ist, dann haben in der Tat beide etwas davon gehabt: der so genannte Kritiker und der Bewertete. Dazu noch ein paar kleine – und vor allem feine – Esseneinladungen … schon ist alles geritzt! Die behaupten zwar alle, sogar ohne rot zu werden, dass sie so etwas nicht tun würden, aber die Spatzen pfeifen es von den Kellerdächern. Und neulich war ich ja zufällig selber Zeuge, wie das einer unserer blaublütigen Edelwinzer behauptet hat, er habe noch nie einen Weinpapst zu irgendetwas eingeladen. Dabei habe ich ihn keine zwei Tage vorher noch in seinem eigenen Edellokal mit dem Engländer gesehen – wo der im Übrigen auch tagelang kostenlos übernachtet hat! Aber wie gesagt: der ist beim Lügen noch nicht einmal rot geworden!«

„Ist ja auch ein Blaublütler …«, warf Claudia lächelnd ein.

Einen Moment lang schien der Kommissar irritiert. Dann hatte er die Anspielung seiner Ehefrau verstanden. „Donnerwetter! Das muss ich mir merken: ein Blaublütler kann gar nicht rot beim Lügen werden, logisch!« Horst zuckte resigniert mit den Schultern. „Na ja. Wie auch immer. Wir werden es nicht ändern können – auch das mit dem Wein nicht, leider. Und dabei: was könnten die hierzulande für Weine machen! Diese Steillagen am Neckar beispielsweise – aber nein, nur die Menge zählt. Und wenn sie jemals dennoch gutes Lesegut geerntet haben, dann kochen sie die Maische fast. Nur, weil man meint, die Natur überlisten zu können. Schließlich ist man ja im hoch industrialisierten Ländle zuhause: im Land der Dichter am Lenker. Und da scheinen sie mittlerweile zu glauben, dass jemand, der gute Autos baut, deshalb auch gute Weine machen kann. Aber dass so ein Wein halt kein Mercedes ist – auf die Erkenntnis müssen sie erst noch kommen. Leider!«

„Ihnen scheint es ja aber zu schmecken …«

„… falls man bei denen überhaupt noch von Geschmacksnerven reden kann …«

„Na ja, wie auch immer. Auf den Geschmack kommt es heutzutage ja sowieso immer weniger an. Hauptsache, die Verpackung ist in Ordnung. Da klebt man eben noch ein schönes nostalgisches Etikettchen vorne drauf – mit Steillagen, Marke gute alte Zeit und so, veranstaltet ein paar Weinproben mit wunderschönen weinseligen Gedichten und wie nett doch früher alles war: schon haben sie wieder Tränen in den Augen, die empfindsamen Menschen. Dieselben Typen, die unsere Steillagen flurbereinigt und auch sonst eigenhändig alles zubetoniert haben.«

Horst nickte nachdenklich. „Weißt du, was mich mittlerweile am allermeisten nervt? Das ist dieses Geschwätz von der Weltliga, in der sie mitspielen wollen. Aber anstatt zu handeln, halten sie nur schwülstige Reden – und reisen munter in der ganzen Weltgeschichte herum. Das ist meiner Meinung nach in Wirklichkeit nämlich auch der einzige nachvollziehbare Grund, weshalb sie ständig von internationalen Anforderungen faseln, von Konkurrenzfähigkeit auf dem Weinmarkt und so weiter. Denn nur so kann man dann diese ganze Herumreiserei rechtfertigen. Oder wie sollte der Weinbaupräsident denn auch sonst samt seiner Gefolgschaft, inklusive diesen natürlich völlig unbestechlichen Wein-Journalisten auf Kosten der Weinerzeuger überall auf dem Globus herum düsen können und seinen Wein gegen den Rest der Welt antreten lassen. Einen Wein, von dem sie eigentlich aber ganz genau wissen, dass man ihn wie gesagt am besten hier im Ländle trinken sollte – doch dann wäre es ja leider aus und vorbei mit den ganzen schönen Reisen. Aber komm, lassen wir es lieber. Bringt ja doch nichts …«

Horst griff gähnend wieder zu dem Anzeigenblättchen. „Ich lese schnell noch zu Ende, ja? Das ist ja wirklich der unbestreitbare Vorteil von dem Teil da, dass man es in Windeseile ausgelesen hat. Und dass man eigentlich vorher schon weiß, was drin steht. Dass wir hier in der Region natürlich absolute Spitze sind, auf wie vielen Veranstaltungen unser verdienstvoller Abgeordneter wieder seinen Ausgehanzug spazieren geführt hat, wie schön es doch in unserer herrlichen Landschaft ist – rings um das am stärksten befahrene Autobahnkreuz von ganz Europa …« Rasch überflog er die kunterbunten Seiten. „Also, jetzt würde zu meinem Glück eigentlich bloß noch das Käthchen fehlen …«

Claudia ließ ein amüsiertes Kichern vernehmen und tippte mit ihrem Zeigefinger auf die entsprechende Stelle. „Volltreffer, da ist es doch schon! Glückselig und zufrieden lächelnd, wie immer, natürlich mit einem Weinglas in der Hand und als absolutes Sahnehäubchen obendrauf – direkt neben unserem Politikerfreund postiert! Na also: spätestens jetzt ist die Welt doch wieder in Ordnung!«

Horst sandte einen gequälten Blick zur Wohnzimmerdecke. „Also was diese Heilbronner immer mit diesem altbackenen Käthchen haben …« Noch einmal musterte er kopfschüttelnd das Bild, auf dem ein verlegen lächelndes junges Mädchen in einem knöchellangen hellblauen Kleid aus den fünfziger Jahren zu erkennen war, dessen dunkles Haar von einer dunklen Kopfhaube verdeckt wurde. „Das fällt ja fast schon unter das Vermummungsverbot, oder?«

»Zumindest unter das Kopftuchverbot an Schulen. So dürfte die sicher nicht als Lehrerin auftreten.«

»Aber eben als Käthchen von Heilbronn. In der Tat: da sind sie richtige Fundamentalisten, die Heilbronner Marketingstrategen, wenn’s um dieses Käthchen geht. Der arme Kleist, wenn der wüsste, was sie aus seinem Schauspiel gemacht haben …«

„Wo doch der Michael Kohlhaas von vornherein das viel bessere Stück von Kleist gewesen ist! Aber du hast Recht, das ist ganz typisch für unsere Krämerseelen, dass man lieber so eine altjüngferliche Langweilerin bewirbt, anstatt eine gescheite Figur wie den Kohlhaas! Aber der war ja auch ein Revolutionär, insofern passt der natürlich auf gar keinen Fall ins biedere Weltbild unserer weinseligen Vermarktungsprofis.«

„Und das, obwohl das Käthchen genauso wenig tatsächlich jemals existiert hat wie der Kohlhaas! Es ist ja wirklich zum …«

„Wie schmeckt denn nun eigentlich unser eigener Wein in diesem Jahr?« unterbrach Claudia in diesem Augenblick ihren sich mehr und mehr in aufgebrachte literaturphilosophische Grundsatzdiskussionen hinein schraubenden Ehemann abrupt. Eine solche Diskussion war ja nicht neu im Hause Meyer – und deshalb nach Claudias Ansicht auch durchaus verzichtbar, zumindest stand ihr am heutigen Tag der Sinn absolut nicht danach. Viel eher war sie da schon neugierig darauf, wie sich wohl der letztjährige Weinjahrgang aus dem eigenen Miniaturweinberg der Meyers in den letzten Monaten entwickelt hatte. Immerhin 50 Liter hatten sie ins Fass füllen können, was für Meyersche Dimensionen nicht mehr und nicht weniger als eine respektable Rekordmarke darstellte. Und heute morgen hatte Horst eine kleine Probe aus dem Keller geholt und das Glas auf die Küchentheke gestellt, um den Wein langsam an die Umgebungstemperatur anzugleichen und dann erst einige Stunden später zur spannungsgeladenen Jungweinverkostung zu schreiten.

Horst nickte eifrig und ließ das Blättchen sinken. „Gute Idee, ich hole ihn mal. Er müsste jetzt lange genug gestanden haben, um die Umgebungstemperatur angenommen zu haben.«

er Hobbywinzer erhob sich lächelnd, um das Glas aus der Küche zu holen. Wenig später kam er zurück, das Glas feierlich emporgehoben und mit stolz empor gerecktem Kinn – eben so, wie man diese Geste aus den einschlägigen Weinführern von Edelwinzern eben kannte.

„Da schau mal, allein diese Farbe! Sensationell!«In der Tat präsentierte sich dem staunenden Betrachter in dem Glas eine dunkelrote Flüssigkeit, die in der blumigen Sprache der Weinwelt durchaus mit dem Farbton samtrot hätte beschrieben werden dürfen.

„Nicht schlecht«, nickte Claudia anerkennend. „Lass mich mal schnuppern, wie es mit dem Bukett bestellt ist!«

»Bitte sehr, die Dame. Nach Ihnen!« Mit einem siegesgewissen Lächeln streckte Horst das Glas seiner Ehefrau entgegen, die es neugierig ergriff und den Inhalt ein weiteres Mal prüfend musterte, um anschließend begeistert mit der Zunge zu schnalzen. „Wirklich beachtlich, diese Farbe. Das sieht ja in der Tat schon sehr viel versprechend aus. Umso mehr bin ich darauf gespannt, was nun gleich kommt.« Vorsichtig hielt sie das Glas unter ihre Nase und schloss gleichzeitig die Augen, um sich ganz auf die zarten Duftaromen des edlen Weines konzentrieren zu können. Sekunden vergingen. Sekunden, in denen Horst voll erwartungsvoller Spannung regungslos verharrte, während ein siegesgewisses Lächeln um seine Mundwinkel spielte.

„Na, was sagst du?«, drängelte er schließlich, nachdem die erwartete Lobeshymne auch weitere Sekunden später immer noch nicht aus Claudias Mund gesprudelt war.

Langsam öffnete diese wieder ihre Augen und bedachte Horst mit einem skeptischen Blick, während sie die Stirn in kritische Falten legte. „Hmm …«

„Was heißt hier hmm? Wie hmm?«

„Tja, also …« Ein weiteres Mal hielt Claudia das Weinglas unter ihre Nase und atmete langsam ein. Doch auch die neuerliche Prüfung zeitigte kein anderes Ergebnis. „Also, ehrlich Horst. Ich weiß nicht …« begann sie stockend, um dem hoffnungsfrohen Jungwinzer das katastrophale Resultat des Geruchstests möglichst schonend zu vermitteln.