Endzeitzauber. - Théo Buff-de Melo - ebook

Endzeitzauber. ebook

Théo Buff-de Melo

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Opis

Endzeitzauber. Der erste Teil der Krimi-Trilogie Mord in Sankt Gallen spielt in der Altstadt, im Klosterbezirk und in der Mühlenschlucht - einem naturbelassenen, mystischen Ort, wild und unberührt. In dieser durchaus romatischen Umgebung geschehen kurz hinter einander zwei Morde - Sankt Gallen graut's und das zur Weihnachtszeit. Schneegestöber. Eisiger Wind. Eiszeitzauber im Eiszeitland. Jahre zuvor war hier schon einmal eine junge Frau verschwunden, in der Schlucht, unterhalb der Felsenbrücke - und nie mehr aufgetaucht. Kommissar Bert Häfeli und sein Assistent Max Kraienbühl arbeiten nach eigenem Gusto, im Sankt Galler Amtshaus, mitten in der Altstadt. Die Geschichten sind historisch und satirisch gewürzt, mit starkem Bezug zur Gegenwart; auch das von Sankt Gallerinnen und Sankt Gallern gelegentlich wahrgenommene Gefühl der peripheren oder gar bedeutungslosen Lage ihrer Stadt schimmert da und dort durch - diffuse Ängste und Minderwertigkeitsgefühle. Doch wer und wo sind die Mörder? Sankt Gallen - eine Mördergrube, so etwas geht natürlich gar nicht. Und so wird der Polizeivorstand zusehends nervös. Mord in Sankt Gallen und andere Geschichten. Aufwühlend. Erotisch. Lästern. Lieben. Lachen.

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Inhalt

Prolog: Wahre Liebe.

Verschwunden.

Hexen im Tiefflug.

Voyeure am Galgen.

Schwarze Gestalten.

Weihnachtskater.

Fragen. Geheimnisse. Leerläufe.

Getrennte Wege.

Bünzli. Vegetarier. Langweiler.

Hundeleben.

Des Messers Lösung.

Finaler Sch(l)uss.

Epilog: Au revoir im Galgentobel.

Mitspielerinnen und Mitspinner. Menschen.

Kriminalistisches Auge?

Max Kraienbühl, Adjutant und Kommissar-Stellvertreter, auch Chraie genannt, legt grossen Wert auf die richtige Schreibweise seines Namens.

An einer Stelle im Buch ist sein Name bewusst falsch geschrieben.

Finden Sie mit kriminalistischem Auge die entsprechende Stelle und gewinnen den 2. Band der Trilogie Mord in Sankt Gallen: «Galgenvögel»

Senden Sie ein Mail mit der entsprechenden Seitenzahl an [email protected] Die ersten fünf Einsendungen erhalten die «Galgenvögel» geschenkt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Für Rafael.

Sankt Gallen graut‘s. Und das zur Weihnachtszeit.

Weihnachtskrimi und Roman. Mit Mordscharakter und Geschichten. Aus Sankt Gallen. Personen und Handlungen dieser Geschichte(n) sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Grossen Dank allen, die mitgeholfen haben, dieses Buch zu veröffentlichen, allen verständnisvollen Gegenleserinnen und Gegenspinnern, Mitfieberern und Mitträumerinnen, Endzeitzauberinnen und Endloskrämern.

Dank einiger Sankt Gallensis- und Dialekt-Anmerkungen auch für Nicht-Sankt Gallerinnen und Sankt Galler durchaus verständlich und nachvollziehbar. Auch die Übersicht über die zahlreichen Akteure ist dank des Personenregisters am Schluss jederzeit gewährleistet.

Sankt Gallen.

Die Unscheinbare. Brave. Unaufgeregte

Prolog: Wahre Liebe.

Häfeli und seine Freunde, waschechte Sankt Galler, leben hier, wohnen hier, in der Stadt im Grünen Ring, wie Sankt Gallen genannt wird – oder vermehrt auch im «Speckgürtel», der Region. Überregionale und ausländische Wurzeln sind häufig – Sankt Gallen ist eine Multi–Kulti–Stadt. Unspektakulär und friedlich. Meist. Wenn nicht die Morde in der Mühlenenschlucht wären. Die Polizei tappt im Dunkeln.

Sankt Gallen kommt nicht vom Fleck. Da hilft auch Morden nichts, nicht einmal in Gedanken. Viele krämern in irgendeiner Schatulle nach Gründen für ihre Misere. Und finden sie nicht bei sich selbst. Schauen gebannt auf die Schlange, die sich längst verkrochen hat. Kleinkrämer?

Sankt Gallen und seine Geschichte – Geschichten, sybillinische und politische Vieldeutigkeiten und Verflechtungen, Schicksale und Örtlichkeiten, Imagination und Realität verheddern sich; Mann, Frau glaubt, sich da und dort wiederzuerkennen, doch dann kommt es wieder anders als vermutet.

Irrtum: Es ist nicht so, wie wir es sehen.

Oder doch?

Ein Sankt Galler Weihnachtskrimi, mit vielen Zwischentönen und -geschichten, in der Altstadt, im Klosterbezirk und in der schaurig schönen, wilden Mühlenenschlucht. Und natürlich im Amtshaus, dem Hauptquartier der Stadtpolizei, mitten in der Altstadt.

Wenn Sie kurzeitig die Übersicht verlieren, verzweifeln Sie nicht. Wenn Sie Sankt Gallen noch nicht kennen, wird es höchste Zeit, diese Stadt zu besuchen, die Mühlenenschlucht, den Klosterbezirk mit der barocken Kathedrale, ihre Beizen, lauschigen Plätze und die Erker – und natürlich die Tatorte. Sich in Sankt Gallen zu verlieben.

Ach ja, die Mühlenenschlucht – Schlucht der Mühlen – wird offiziell ohne «h» geschrieben, der Mühleggweiher ebenfalls. Eine h-Phobie in Sankt Gallen? Ein Spleen der Semantiker, den niemand so richtig versteht. Wissenschaftler? Buchstabenkrämer. Ein Running Gag, wie die letzte Rechtschreibereform. Die Letzte? Item.

Sankt Gallen wirkt gelegentlich etwas kühl, unnahbar – hier heisst es ursanktgallerisch: «brötig1». Langweilig? Keinesfalls. Unerfreulich? Eher nicht. Etwas rustikal manchmal, durchaus.

Sankt Gallen als Parodie? Die Mühe, sich heranzutasten, lohnt sich.

Meistens.

Doch wo sind die Mörder und Bremser, Verhinderer und Propheten in eigener Sache? Der Nebel, anfänglich noch zäh, lüftet sich nach und nach. Von Kapitel zu Kapitel. Das ist so, in Sankt Gallen.

Sankt Gallen – Endbahnhof im Fernverkehr, Gare Terminus du Train für die Ostschweiz – wird doch noch zum Metropolitanraum? Irgendwann, spätestens 2050, und zu einem SBB-Voll-knoten. Vorbei mit «Sankt Gallen als Endstation», endlich wieder weg von Peripheriedenken und Bedeutungslosigkeit.

Jammern bringt nix!

Und wenn sich Sankt Gallen (endlich) anderweitig ausrichten, orientieren würde, nach Süddeutschland und Vorarlberg? Der Bodensee im Zentrum. KonstanzLindauBregenzFeldkirchMontafon.

Säntis trifft Arlberg.

Zürich war vorgestern.

What the fuck is Bern?

Glossen jagen sich – und erlösen, mit Lachen. Ja! Nein, es ist nicht alles wahr, so kann es nicht (gewesen) sein. Schmunzeln und Entdecken, die Hoffnung niemals2 aufgegeben: Sankt Gallen kann mehr, Sankt Gallen will mehr und vor allem: Sankt Gallen hat mehr zu bieten als schaurig schöne, gruselige Geschichten und Tat-Orte. In der Mühlenenschlucht – einem der Sankt Galler Kraftorte. Mit oder ohne «h».

Zum Beispiel.

Das ist wahre Liebe.

1 Dialekt: spröd.

Verschwunden.

1952.

Anfangs Februar. Schnee lag über der Stadt wie schon lange nicht mehr, die Türme der Kathedrale wie in Watte gepackt und es schneite weiter: Stetig, wild und dick. Kaum mehr Fussspuren waren im Schnee ersichtlich, in der Mühlenenschlucht, steil aufwärts, schon gar nicht. Wer verliess bei diesem Wetter die warme Stube? Wenn es so weiter schneite, war bald kein Durchkommen mehr möglich, für niemanden. Auch nicht für die städtischen Schneeräumequipen, die sich doch allerhand gewohnt waren.

Anna Lebruellement hatte ihren Freund, Wirtschaftsstudent an der Handelshochschule2 (HSG) in St.Georgen besucht – fast 800 Meter über Meer – der mit einer mittelschweren Grippe im Bett lag. Um sicher nach Hause zu kommen, hatte er Anna gebeten, ein Taxi zu nehmen; sie hatte ihn ausgelacht: «Die Schneeflocken tun mir nichts, und die Steinach auch nicht.»

«In der Mühlenenschlucht treiben sich in letzter Zeit komische Gestalten herum, die Passanten in den Bach stossen, pass auf. Ich bitte dich.»

Sie verabschiedeten sich aufgrund der Grippe kusslos. Obwohl: So ansteckend war die Krankheit nun auch nicht mehr. Die beiden hatten sich gern, daran bestand kein Zweifel. Anna war nicht ängstlich, im Notfall wusste sie sich zu wehren. Trotz ihrer schlanken Figur war sie kräftig. Mehr noch: Stark. In jeder Hinsicht. Auch in Beziehungen.

Furchtlos bog sie in den Schluchtweg ein, in zehn Minuten etwa würde sie in ihrem Bett in ihrer kleinen Wohnung an der Wallstrasse liegen, keine drei Minuten von der Kathedrale entfernt, nahe bei ihrem Arbeitsplatz, der Bischöflichen Kanzlei. Sie war müde und freute sich auf das warme Bett. Für die nächsten drei Tage hatte sie freigenommen, ohne einen Grund anzugeben.

Anna Lebruellement kam nie in ihrer Wohnung an.

Während der Nacht hatte es weiter geschneit, ihre Spuren waren verwischt, nichts war von ihr übrig geblieben, bis auf die blaue Handtasche, die einige Tage später in der Felswanne unter der Felsenbrücke gefunden wurde, allerdings ohne Papiere. Die Mutter bestätigte, dass dies die Handtasche ihrer Tochter sei. Die Polizei stellte fest, dass ihr Bett unbenutzt geblieben war. Ob sie die Wohnung nochmals betreten hatte blieb offen – wohl eher nicht. Die Polizei war ratlos, ihre Familie ebenfalls, verzweifelt, vor allem ihr Freund.

Eltern und Freund wurden befragt. Letzterer gab an, Anna habe keine gute Beziehung zu ihrem Vater gehabt und sei daher auch relativ früh, mit 18 Jahren, zu Hause ausgezogen, sobald sie die Lehre als kaufmännische Angestellte im Sankt Galler Zeughaus abgeschlossen hatte. Genaueres wusste er nicht, Anna sei bei diesem Thema immer sehr schweigsam geworden. Das Verhältnis zu ihrer Mutter, ursprünglich Argentinierin, sei liebevoll gewesen. Erkundigungen wurden auch in der Bischöflichen Kanzlei eingeholt. Auch dort hatte man keine Erklärungen.

Anna wurde international gesucht – erfolglos. Annas Spuren verflüchtigten sich, sie tauchte nie mehr auf, auch ihre Leiche nicht. Vom Schnee endgültig verschluckt? War sie in jener Nacht in die dunkle Steinach gestürzt und lag irgendwo begraben im Bodensee, tief unten – Unfall oder Mord? Wollte sie verschwinden, wohin und weshalb? Hatte sie den Schluchtweg überhaupt benutzt oder noch jemanden getroffen?

Kurze Zeit schöpften Freunde und Verwandte Hoffnung, als das Gerücht auftauchte, Anna sei zu ihrer Grossmutter, die sie sehr mochte, nach Buenos Aires abgehauen – obwohl sie dort nie eintraf. Der baskische Kapitän des Stückgutfrachters Eduardo Largo, der am 12. Februar 1952 von Cádiz nach Buenos Aires ausgelaufen war, glaubte sich an eine junge Frau zu erinnern, die Anna sehr ähnlich gesehen habe.

Von der argentinischen Polizei in Buenos Aires damit konfrontiert, wollte er es dann aber nicht mehr so genau gesehen haben. Er habe die junge Frau zwar noch einigermassen vor Augen …, viele Passagiere waren ja nicht auf dem alten Kahn gewesen, aber sie habe spanische Papiere gehabt, und war zudem nicht alleine gereist. Er habe in seinem Schiff auf hoher See immer wieder Schwarzfahrer, Refugiados, entdeckt, die vor General Francos3 Schergen aus dem verarmten Spanien nach Juan Perons Argentinien, in die ehemalige Kolonie, flüchten wollten. Daher werde sein Schiff vor dem Auslaufen jeweils von der spanischen Polizei akribisch kontrolliert, die aber keine Unregelmässigkeiten festgestellt habe. Diesmal nicht.

Letztes Mal hatten sie ihm mit Gefängnis gedroht. Das wollte er unbedingt vermeiden, dann halt doch noch lieber auf sein geliebtes Meer verzichten und sich ins Baskenland zurückziehen. Sein Land. Seine Steilküste zum Atlantik. Seine Heimat! General Franco und seine Militärs waren dort etwas weniger präsent. Immerhin. Weniger ist mehr als nichts! Eigentlich gab es keine Lösungen, Perspektiven, Alternativen, ausser der Eduardo Largo. Sein Schiff! Sein Spanien – vor allem sein Baskenland. Freiheit.

Die Militärdiktatur, welche die Zweite Republik 1936 mit viel Blut gebodigt und das Baskenland mit harten Bandagen angepackt hatte, wann würde sie zu Ende sein, endlich? Auch Schweizer wollten mithelfen, diese «sozialistische Republik» zu retten und kämpften für die Republikaner, nahmen Gefängnisstrafen in der Schweiz in Kauf. Und wurden verurteilt. Gesetz ist Gesetz! Auch wenn sich sonst niemand darum kümmert.

Generalissimo Francisco Franco, «El Caudillo», funktionierte weiter. Prächtig. Bis 1975. Mit internationalem Segen.

Die Polizei in Sankt Gallen legte den Fall Anna Lebruellement bald zu den Akten, die Spuren hatten sich verloren, na ja, und so wichtig war die Sache nun auch wieder nicht. Ärgerlich zwar, ohne Resultat zu klassieren. Aber was konnte man da schon tun?

Sich langweilen.

Irgendwann wurde Anna Lebruellement von ihrem Vater für tot erklärt. Ein Begräbnis konnte nie, eine Gedenkfeier sollte nie stattfinden.

Annas Mutter liess sich von ihrem Mann scheiden und kehrte nach Argentinien zurück.

Basta.

War’s das?

2 Heute Universität Sankt Gallen. Ohne Kommentar.

3 1936 bis 1975, durch Putsch gegen die Regierung der demokratisch gewählten 2. Republik nach Ende des Spanischen Bürgerkrieges an die Macht gekommen.

Hexen im Tiefflug.

2017.

Ende Oktober. Es war ein düsteres Haus, das da so nahe am Bach stand und sich an den Abhang schmiegte. In St.Georgen – «Dörfli» genannt – einem der «besseren» Stadtteile Sankt Gallens, nahe des Erholungsparadieses Drei Weihern – oder Dreilinden, beim Freudenberg4.

St.Georgen-Strasse 47. Vorne brauste die Steinach vorbei, gurgelnd, Gischt spritzend, laut, manchmal gefährlich, und die schweren Dieselbusse, eingezwängt zwischen Straße und Häuserfassaden. Das graue Haus lehnte sich an die Felsen, mit dem Rücken zur Wand, als ob es dort Schutz suchte. Steil und eng, feucht und modrig, einsam und traurig. Ein tristes Loch und dunkel. Das Haus strahlte keine Freude aus. Das Haus mit den leeren Fenstern, augenlos – oder bildete man sich das nur ein? schien noch bewohnt zu sein. Obwohl. Auf der Gartenseite am Bach lag Gerümpel herum, alte Gartenstühle, eine rostige Kinderschaukel, seit Jahren unbenutzt. Abfall. Kein schöner Ort. Ein vergammeltes Haus, alt und grau und schimmlig. Ein Ort übler Gedanken? Wer da wohl lebte, oder war es eher ein Vegetieren? Schlecht war die Lage an sich nicht.

Sankt Gallen hat bekanntlich keinen See und keine Aare, sie hat zwar einige lauschige Weiher, aber dennoch nur die Steinach und die Sitter, dort unten im Tobel, wo das OpenAir einmal pro Jahr Tausende hinlockt. Die Steinach fliesst unauffällig und meist unterirdisch durch die Stadt, leider grossflächig eingedolt, „versohlt“. Unscheinbar, bei Hochwasser aber nicht ungefährlich, vor allem in der Mühlenenschlucht – direkt über dem Klosterbezirk, wo sie sich laut brausend herunterstürzt und in kalten Wintern prachtvolle Eiszapfen kreiert. Jedes Mal andere, mal grösser, mal wilder, mal länger. Eiszapfen im Eiszeitland.

Die Steinach hat ihre Quelle an der Grenze zwischen den beiden Kantonen Sankt Gallen und Appenzell Ausserrhoden, oberhalb des Wenigerweihers5. Ein Produkt echter appenzellisch-sankt gallischer Freundschaft? Das war nicht immer so. Bereits 1403 bekamen die Sankt Galler – die äbtischen Krieger – von den Appenzellern auf Vögelinsegg nahe der späteren Kantonsgrenze kräftig eins auf den Deckel, und verloren die Schlacht. Ein Befreiungsschlag der Bauern gegen die Städter. Ein Befreiungskrieg.

Gemäss Sage war Gallus, ein Wandermönch aus Irland oder dem Elsass, so genau weiss man das nun auch wieder nicht, von Arbon am Bodensee der Steinach entlang hochgewandert, bis er in einem waldigen Hochtal an einem Wasserfall «strandete», blockiert durch den Wasserfall und überdies noch von einem Bären behelligt, verfolgt. Ein Flüchtling?

Hier errichtete Gallus im Jahre 612 eine Klause, von hier aus entwickelte sich später die Stadt Sankt Gallen. Heute steht hier die Talstation der Mühleggbahn, an der eine gediegene Tafel an den Stadtgründer erinnert – die Bahn führt nach St.Georgen, weitgehend in einem knapp 300 Meter langen Tunnel «versorget» – die weltberühmte Kathedrale mit Stiftsbibliothek und ehemalige Klosterschule «Flade» ist nur ein Steinwurf entfernt.

Idealisten versuchten immer wieder, in der Schlucht und anderswo Bären – das städtische Wappentier – anzusiedeln, den Tieren Asyl bieten; sie sollten hier Friede und Heimat finden und der Stadt Glück und Touristen bringen. Geld. In der Schlucht sei es zu ungemütlich, garstig und feucht, kaum Sonne, ungesund für die Bären, die bald an Rheumatismus erkranken würden. Oder durch die Besucherströme entstünde zu viel Unruhe, durch die Bären unerfreuliche Gerüche. So. Jedenfalls scheiterten alle Bemühungen, Sankt Gallen den Bären schmackhaft zu machen, nicht nur in der Mühlenenschlucht, auch im Wildpark Peter und Paul und anderswo. Der Stadtrat zauderte, wie so häufig, wollte dann doch nicht, fürchtete den Mehrverkehr, vor allem bei den Autos, die Ausdünstungen der Bären – und nicht zuletzt die Kosten, und verzichtete so auf ein lebendiges Markenzeichen. Ein Label für Gemütlichkeit und Grosszügigkeit.

Leben in Sankt Gallen.

Oder nicht?

Krämerdenken.

Mit entsprechenden Folgen, bis heute.

Stagnieren. Serbeln. Schrumpfen.

Schrumpeln.

Wie ein alter Apfel.

Die Hochblüte der sankt gallischen Stickereiindustrie mit städtebaulicher Generosität, Weitsicht, mit Selbstvertrauen und einem Bevölkerungswachstum sondergleichen, nahm spätestens nach dem ersten Weltkrieg ein jähes Ende. Ganz konnte sich die Stadt davon nicht wirklich erholen.

Das Fehlen eines Sees oder eines Flusses und die damit möglicherweise verbundene angeknackste Weitsicht und Offenheit führt in Hochtälern offenbar anhaltend und nachhaltig zu Krämergeist, Mutlosigkeit, Verbissenheit, zu Traurigkeit und Selbstmitleid.

Im Hochtal der Steinach.

Wo die Temperaturen kühler sind als in den meisten anderen Städten der Schweiz. Und wo man den Regenschirm nicht fahrlässig und ungestraft zu Hause lässt.

In Sankt Gallen kann es schön eisig werden, im noch höher gelegenen St.Georgen sowieso, wo sich die Hänge bis über 900 Meter hinaufziehen. Hängemann und -frau, wer sich nicht schön warm anzieht. Bei diesen Bedingungen.

Im Osten Sankt Gallens, im Galgentobel, entflieht die Steinach ihrem Korsett und fliesst ausserhalb der Stadtgrenzen meist idyllisch frei dem Bodensee entgegen, wo sie ihn – wie originell – in der Ortschaft Steinach auch erreicht. Im 19. und bis ins 20. Jahrhundert trieb sie mit ihrem Wasser vielerorts in Gewerbebetrieben Maschinen, später Turbinen an: Mühlen, Sägereien, Knochenstampfe und Teigwarenfabrik, Bleichereien und Appreturen usw. Die Städter beanspruchten die Steinach für sich, lange Zeit war sie ihr Abfalleimer.

Üble Sache.

Freitagabend.

Kommissar Häfeli, Bert Häfeli, stand in der B-Post in St.Georgen an der Bar, ein Bier in der Hand. Ein Spuntilokal? für Grüne und Linke. Und andere. Man konnte sie auch mieten. Die B-Post. Wie der Name sagt, war in diesem Gebäude vor Jahren die St.Geörgler Post untergebracht. Heute ist sie aus dem Quartier verschwunden. Wie von Geisterhand.

«Schauen Sie mal, was dort oben eigentlich vor sich geht, Häfeli, ich habe da so meine Informationen, und Bedenken, erwarte Ihren Bericht nächste Woche», wünschte Polizeivorstand Edmund Freiluft-Dieterle, sein Chef, ziemlich imperativ. Ein gspässiger6 Name. Wie man so Stadtrat werden konnte? Ein Exekutivamt. Früher heiss begehrt, heute ziemlich schwierig zu besetzen – verschachern, am ehesten noch an Parteilose, nachdem mindestens die bürgerlichen Parteien eine Schlappe nach der anderen einfuhren. Wie es schien, wendeten sich Sankt Gallerinnen und Sankt Galler zunehmend – virtuell und buchstäblich – von der städtischen Classe politique ab, flüchteten ins Internet, nach Konstanz oder in die Agglomerationsgemeinden.

Den Abend veblöterle7 – musste das sein, schon wieder? Als ob er nichts Besseres zu tun hätte. Über Häfelis Stirn legten sich Falten. Vor einigen Tagen hatte er noch in der Halle 5 mit seinen Kollegen das Ende der diesjährigen OLMA8 begossen. Gegessen und getrunken. Nicht zu knapp. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr war es wieder streng gewesen und spät geworden. Obwohl er diese vollen Hallen mit den vielen Vollen nicht eigentlich mochte. Immerhin, Kraienbühl, sein engster Mitarbeiter, war auch mit von der Partie gewesen.

Übermorgen war Allerheiligen, ein Hochfest der Katholischen Kirche, arbeitsfrei, nach einer Abstimmung, bei der sich, oho, der 1. Mai und der 1. November, eben Allerheiligen, gegenüberstanden. Die Heiligen hatten gewonnen, noch einmal. Wie jedes Jahr ging Häfeli mit seiner Frau auf den Friedhof, aber erst dann, wenn der lokale und einzige noch übrig gebliebene Männerchor mit Singen aufgehört hatte. Gott sei Dank. Die Nacht hereinbrach und alle Pathetik verscheuchte. Wolkenfetzten und Nebelwolken am Himmel. Wenn er sich mit den Toten alleine fühlen konnte, in Ruhe, und Demut.

Sie besuchten die Gräber von Sabrinas Eltern und seines Vaters, die Mutter war schon längst wieder «fort» – das Grab nach zwanzig Jahren aufgehoben worden. Auch so ein spezieller Moment. Sich zu erinnern. An beide. An Freunde, die ebenfalls auf diesem Grabfeld ihre Ruhe gefunden hatten. Kerzen anzünden, ihr fröhliches Licht im Herzen. Und in den Augen. Den Nebel störte das nicht. Im Gegenteil.

Zurück zum Dörfli St.Georgen. Häfeli hatte häufig dort zu tun, geschäftlich und privat. Eine Freundin wohnte hier, und eine Tante, die er allerdings nicht allzu häufig besuchte. Die Tante. Immer am ersten August. Um die Schweizer Fahne zu hissen. Darauf legte die Tante grössten Wert.

Heute sollte er wieder mal «checken», was für Leute in dieser B-Post verkehrten, nur so nebenbei und unauffällig. Aber doch gründlich. Gerüchte hatten Freiluft-Dieterle auf den Plan gerufen mit der Idee, Kommissar Häfeli loszuschicken, um nach dem Rechten zu sehen. Wunderbar!

Und dann rasch nach Hause. Nach Hause? Seit Roberto, sein Sohn, in der Lehre war und meist spät und müde nach Hause kam, war es nicht mehr dasselbe. Blieb noch Patrizia, zwei Jahre jünger als Roberto. Zugegeben, er hätte nun mehr Zeit für Sabrina gehabt, seine Frau. Oder für eine Freundin.

Unauffällig war er nicht gewesen, an diesem kleinen Blues Konzert. Ein Trio – mit ihm wäre es ein Quartett gewesen. Allerdings: Häfeli passte nicht recht ins Publikum. Kiffer und Schwätzer, letztere lärmten in der Pause wild drauf los, schnorrten, was das Zeugs hielt, quantitativ betrachtet; qualitativ na ja, doof und unnütz, hohl und wichtigtuerisch, über finanzielle Erfolge, geschäftlich in Zürich, mega geil, in der Bank, im Beauty-Shop, im Rathaus. Im Fitness-Studio und beim Wellnessen. Und in der Sauna. Bei Frauen.

Gibt es überhaupt «echte» Erfolge. Und wo? Und für wen eigentlich? Alles Theater! Häfeli ging nicht ungern ins Theater Sankt Gallen, obwohl, wenn er ehrlich war, vor allem seiner Frau zu liebe. Sabrina. Ein Abonnement. So war das Ganze wenigstens günstiger. Und er schlief nicht schon vor der Tagesschau ein, meistens jedoch im zweiten Akt. Wichtig war, nicht zu schnarchen. Wie stark er geschnarcht hatte, konnte er der Stimmungslage seiner Frau in der Pause entnehmen:

«Bertold, Du warst wieder total peinlich!

Unmöglich!»

Wenn Sabrina besonders hässig war, nannte sie ihren Mann beim vollen Namen. Bertold. Bert wurde dann immer etwas kleiner, dafür war der Name etwas grösser.

Nach den Bluesern trat die Sankt Galler Poetry-Slam-Künstlerin Sam Fox, mit bürgerlichem Namen Johanna Fuchs, auf. «So, nun reicht’s aber!» Häfeli bestellte ein letztes Bier. Schützengarten. Die älteste Brauerei der Schweiz! Von Locher in Appenzell, der sich mit seinen Alpaufzügen und Kuhherden originell im ganzen Land vermarktete, quantitativ längst überholt. Quöllfrisch! Schade für Sankt Gallen, dachte Häfeli. Vielleicht müssten wir noch mehr Sankt Galler Bier trinken? Oder endlich die Marketing-Strategien ändern.

Haben wir denn eine Strategie, fragte sich der Kommissar. Zum Beispiel für die Jugend. Musik und Kultur. Und die Arbeitsplätze? Viele junge Talente wandern nach Westen ab, nach Zürich, statistisch erhärtet. Weshalb wohl? Häfeli hatte durchaus eigene Ideen und Erklärungen. Verschiedene.

Weshalb fanden in der Ostschweizer Metropole zum Beispiel kaum mehr Konzerte von halbwegs bedeutenden Musikgruppen statt, die allesamt nach Herisau, Gossau, Frauenfeld und Dornbirn auswichen? Wenn überhaupt. Zürich ist die heimliche Hauptstadt, die Stadt des Geschäftes und der Geschäfte. Mit viel Kultur und was sonst noch dazu kommt.

Herisau hat sein Casino, Frauenfeld das Eisenwerk, und Sankt Gallen? Die OLMA-Hallen. Theater Sankt Gallen. Das OpenAir. Die Grabenhalle9 und das Palace – etwas klein, aber durchaus knackig. Bands und Musiker machen mangels geeigneter Konzerthallen aber meist einen Riesenbogen um Sankt Gallen: Züri Wests I schänke dir mis Herz, Patent Ochsners W.Nuss vo Bümpliz (Nuss oder Venus, und wer ist nun eigentlich und endlich diese Venus – oder doch nur eine Nuss?), Service PuBLIGGs MundART, der Absinth der Kummerbuben, auch ihr Schattenhang. Nicht zu verachten.

Und alle anderen.

Schade.

Sankt Gallen ein Schattenhang? Am Freudenberg.

Krämer, Zauderer, Pharisäer im Schatten.

Von wem eigentlich?

«Blödsinn! Wünsche frohes Balzen.»

Der Kommissar verliess das Lokal zurrte seine Windjacke fester, es war eine stürmische, kühle Nacht, den ganzen Tag hatte es geregnet. Stark! Sankt Gallerinnen und Sankt Galler kannten das, Auswärtige weniger, und gingen dann rasch nach Hause. Oder irgendwohin. Direkt nach Zürich. Oder ins Ausland?

Kraftvoll schritt er auf dem Heimweg am grauen Haus mit den leblosen Fenstern vorbei, ohne es zu beachten, und bog in den Schluchtweg ein, es hatte zu schneien begonnen. «Achtung reduzierter Winterdienst, Betreten auf eigene Gefahr», warnte ein Schild. Der schmale, abschüssige Weg, etwas unheimlich, auch tagsüber, aber spannend und unbelebt, in der Nacht noch ruhiger, düster und unübersichtlich, mit Gebüsch umsäumt. Die Musik der Steinach – fein oder virtuos. Angeblich ein Kraftort, diese Schlucht, wo sich Zauberer und Feen trafen. Scharlatane und Schwätzer mit ihrer Anhängerschaft, auf dem Weg zum Zaubern auf den Freudenberg?

Chabis, schon wieder. So viel Chabis!

Tatsächlich wird die wilde Schlucht von vielen, auch seltenen Vögeln und anderen Tieren besucht, bewohnt, beglückt – sie strahlt Urtümlichkeit und Bodenständigkeit aus. Natur pur, in urbanem Raum! Natur trifft Stadt, nicht nur im Tobel von Steinach, und Sitter, Wattbach und Goldach. Füchse und Hasen. Eichhörnchen und Igel. Dachse und Steinböcke. Marder und Fische? Eisvögel und andere Vögel. Eindrücklich. Das musste auch Häfeli zugeben. Wozu brauchte es da Aare oder Rhein? Etwas mehr Selbstbewusstsein genügte. Vielleicht.

Sankt Gallen ist schön!