Der Weg der Maga - Arndt Waßmann - ebook

Der Weg der Maga ebook

Arndt Waßmann

0,0

Opis

Eine Magierin. Eine Suche. Eine Stadt, die ihr Leben verändert. Kaum hat Serana Meridan ihre Ausbildung an der Akademie beendet, stellt das Leben sie bereits vor neue Prüfungen, härter und gnadenloser als jedes Examen. Freunde und Feinde treten in ihr Leben, um es für immer zu verändern. Und über allem schwebt stets der Schatten eines drohenden Krieges, der bald näher kommt, als sie es je befürchtet hätte. So beschreitet Serana einen Weg, von dem es kein Zurück mehr gibt – den Weg der Maga.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 500

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Der Weg der Maga

Arndt Waßmann

© 2015 Verlag Torsten Low Rössle-Ring 22 86405 Meitingen/Erlingen

Besuchen Sie uns im Internet:www.verlag-torsten-low.de

Alle Rechte vorbehalten.

Cover: Timo Kümmel

Lektorat und Korrektorat: M. Low, F. Low

eBook-Produktion: Cumedio Publishing Services – www.cumedio.de

ISBN (Buch):978-3-940036-30-8

Der Weg der Maga

von

Arndt Waßmann

Inhalt

Erstes Buch

Zweites Buch

Drittes Buch

Über den Autor

Lesetipps

Erstes Buch

Was, wenn sie versagte? Würde man sie sterben lassen?

Serana Meridan blickte zu ihren Prüfern: drei Magier, die sie alle kannte. Die Magister Lindehalm, Rondarius und Van Dijk – Magietheorie, Stabfechten und Dämonologie.

Magister van Dijk sah von seinen Unterlagen auf. »Adepta Meridan, dies ist Eure letzte Prüfung. Beschwört einen zweigehörnten Dämon aus Malribachs Reich.« Er streckte ihr ein kleines Pergament hin. »Zur Unterstützung erhaltet Ihr seinen wahren Namen. Wählt die geeigneten Paraphernalien und beginnt!«

Seranas Herz raste. Zweigehörnt? Sie hatte noch nie eine derart mächtige Wesenheit herbeigerufen. Der Dämon würde sie töten, ausweiden und ihre Seele in die ewige Verdammnis ziehen, wenn sie auch nur einen einzigen Fehler beging.

Sie zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, als sie auf den schweren Eichentisch zutrat, auf dem Dutzende von Substanzen, Edelsteinen und Knochen bereitstanden.

›Nur keine Panik. Es ist bloß ein kleiner, zweigehörnter Dämon.‹

Malribachs Reich – Tod, Krieg und Vernichtung. Entsprechend würde sie sämtliche Schutzrunen mit Blut zeichnen. Eine Phiole reichte. Sie langte nach einer der Glasflaschen und konnte gerade noch verhindern, dass zwei andere dabei umkippten.

Nun Fokussierungskristalle, um das Wesen an seinen Beschwörungsort zu fesseln. Doch welche? Wenn sie zu den drei Diamanten griff, die verführerisch in einer Schale gleißten, würde sie zwar den Dämon binden – jedoch hinterher durchfallen, weil sie es sich zu einfach gemacht hatte. Rubine eigneten sich bezüglich der Resonanz sicherlich am besten.

Da fiel ihr Blick auf mehrere unscheinbare, grau glänzende Steine. Van Dijk hatte es nur einmal kurz erwähnt, aber die waren perfekt für ihre Aufgabe: Hämatite, Blutsteine. Sie entwickelten eine natürliche Sympathie zu den Schutzrunen und stärkten diese sogar.

Fehlte noch ein Symbol. Die Adepta warf einen Blick auf den wahren Namen, den sie bisher bewusst ignoriert hatte, um zunächst die Paraphernalien für sein Reich auszuwählen. Skrylbeth. Dutzende Dämonenarten hatte sie auswendig gelernt, Hunderte. Aber von diesem hatte sie noch nie gehört. Sollte sie tatsächlich einen Gehörnten rufen, über den sie absolut nichts wusste? Dies lag irgendwo zwischen herausfordernd und hirnverbrannt.

Serana blickte zu Magister van Dijk. Doch dieser hielt einfach nur die Finger über seinem langen Bart verschränkt und sah sie auffordernd an.

Nein, sie würde die Prüfung nicht abbrechen. Sie konnte es weder ihren Eltern noch sich selbst antun, hier durchzufallen.

Spontan griff sie zu einem Ziegenschädel. Zwei Hörner für einen Zweigehörnten. Similia similibus invocantur – Gleiches wird durch Gleiches gerufen.

Sie trat auf den beeindruckenden Beschwörungszirkel zu, der in den steinernen Boden des Raumes eingelassen war. Zumindest musste sie die Ritualgeometrie nicht aufbringen. Drei Zirkel in vollendeter Perfektion lagen vor ihr: ein großer Kreis, der zwei kleinere enthielt, die einander gegenüberlagen. Ein Schutzkreis für sie selbst, ein Bannkreis für den Dämon. Der größte Kreis schützte die Außenwelt – und er schützte ebenso vor dieser.

Serana platzierte den Schädel im Zentrum des Invokationspentagramms, das den Bannkreis füllte, fuhr den Zirkel mit Blut aus ihrer Phiole nach und formte ringsum ein Dreieck aus Hämatiten.

Mit dem Rest des Blutes brachte sie generische Schutzrunen entlang ihres eigenen Kreises an.

Langsame Atemzüge beruhigten ihr immer noch heftig schlagendes Herz, und sie begann, den äußeren Zirkel abzuschreiten.

»Vis magica, te invoco in eum circulum! Creo vim, creo murum, creo protectionem! Hethenas Kraft, ich rufe dich! Bring Schutz und Obhut über mich! Durch meinen Geist fließ´ deine Macht, die mächt‘gen Wall zum Schutz erschafft. Der Schutzwall, den mein Wille schuf, erstehe nun durch meinen Ruf!«

Serana konzentrierte sich auf den Fluss der Magie, der ihren Geist ebenso wie ihren Körper durchdrang. Ein herrliches Gefühl, vertraut und doch jedes Mal aufs Neue faszinierend. Sie formte die Ströme der arkanen Macht zu einer Mauer, die verhindern würde, dass irgendetwas aus dem Kreis nach außen drang – und äußere Störungen fernhielt. Ein simpler Steinwurf konnte jedes noch so mächtige Ritual zu einem Desaster werden lassen – und Magister Rondarius traute sie genau so etwas zu, aus rein pädagogischen Gründen natürlich.

Ein kurzer Analysezauber offenbarte ihr, dass der umgebende Schutzkreis die gewünschte bidirektionale Stabilität aufwies. Auch die beiden verbliebenen Zirkel waren rasch errichtet. Die wahre Herausforderung jedoch stand erst bevor.

Von ihrer eigenen Position aus fixierte sie die Stelle, an welcher der Dämon erscheinen würde – falls er denn erschien. War er einmal präsent, musste sie ihn noch unter Kontrolle bringen. All die Paraphernalien und der wahre Name halfen dabei – aber schlussendlich blieb es ein Duell des Geistes.

»Clamo daemonem! Veni ad me! Esto meus servus – Skrylbeth!«

Die Luft begann zu flimmern. Der arkane Tunnel zur Sphäre der Dämonen nahm Gestalt an. Die Adepta rief die Beschwörung erneut, ließ den wahren Namen laut und voll erschallen – und im Bannkreis ihr gegenüber manifestierte sich ein Wesen, wie sie es noch nie erblickt hatte. Es ähnelte einem gewaltigen Minotauren, erschaffen aus einer Ziege statt einem Stier. Doch anstelle eines gehörnten Kopfes loderten nur Flammen empor, die seinen gesamten Körper überstrichen. Drei Arme ragten aus diesem Körper, derer jeder in einem zähnefletschenden Maul endete, das von Geifer troff.

Der entscheidende Moment! Der Tunnel riss einen Dämon aus seiner Sphäre. Das machte ihn zwar wütend, aber schwächte ihn auch.

Eben wollte sie ihren Willen mit dem seinen messen, als zornige Schreie erklangen, deren Ursprung die Mäuler des Dämons waren. Sie sah, wie er mit seinen hufartigen Füßen den Schädel zermalmte, den sie gewählt hatte, und sich dann mit aller Kraft gegen das magische Feld warf, das ihn am Ausbruch hinderte. Ringsum begannen die Hämatite zu glühen, und selbst der Kreis im Boden schien aus purer Lava zu bestehen.

Nein! Sie würde jetzt nicht in Panik geraten. Mehr als einmal hatten sie bei Magister van Dijk gefährliche Situationen behandelt.

Sie versuchte, den Geist des Dämons zu erfassen, ohne sich ihm dabei selbst zu öffnen. Hass, Wut und Bosheit schlugen beim ersten Kontakt über ihr zusammen, ließen sie taumeln.

»Mein Geist sei deine Grenze! Mein Wille sei deine Herrschaft! Mein Wort sei dein Befehl!«, brüllte sie in das Schreien des Dämons. Mit aller Kraft ihres Geistes fesselte sie seine Wut, wandte seinen Zorn gegen ihn selbst – und brachte ihn endlich unter Kontrolle.

Serana keuchte, aber sie hatte es geschafft! Sie festigte die Verbindung, zog ihre Umklammerung seines Willens enger – und erblickte Magister Rondarius, der außerhalb des Schutzkreises entlang schritt, eine Armbrust spannte und auf sie anlegte.

Sie spürte, wie der Dämon an ihren geistigen Fesseln riss, als sie in ihrer Konzentration nachließ.

Da war ein Schutzkreis! Es bestand keine Gefahr für sie, zumindest nicht durch eine Armbrust! Sie musste nur daran glauben!

Rondarius drückte ab, und der Bolzen zerbrach an der arkanen Mauer.

Sie atmete durch. Blieb nur noch eines zu erledigen: »Skrylbeth, verbeuge dich! Tue nicht mehr, als was ich dir aufgetragen habe.«

Seltsamerweise war das die größte Angst vor ihrer Prüfung gewesen: dass sie den zweiten Satz vergaß und damit dem Dämon die Macht verlieh, im Anschluss an ihren Befehl zu tun, was immer er wollte.

Die grauenerregende Gestalt aus fremden Sphären verneigte sich – und verschwand nach Erledigung des Auftrags im Nichts.

Serana atmete erleichtert auf. Es war vorbei! Und sie lebte noch!

Einen nach dem anderen senkte sie die Schutzkreise und wandte sich dann der Prüfungskommission zu. Sie hatte bestanden! Oder etwa nicht?

»Adepta Meridan, wartet bitte vor der Tür, während wir uns beraten.«

Magister Lindehalm streckte sich. »War das die Letzte für heute?«

Van Dijk blätterte kurz in seinem Verzeichnis. »Noch die Helmbrecht-Brüder.«

»Gut, gut. Prüfungen sind immer so ermüdend.«

»Das hat Serana vermutlich eben nicht so gesehen«, lachte Rondarius mit tiefer Stimme. »Eure Meinung?«

Magister van Dijk sah auf seine Notizen. »Nun, Schutzkreise beherrscht sie recht gut«, wandte er sich zu dem muskulösen Nebenmann, der neben Stabkampf auch Körperertüchtigung lehrte. »Wie der Dämon und Ihr selbst eben unter Beweis gestellt habt. Bezüglich der Paraphernalienauswahl: Die Hämatite hat sie bewusst gewählt. Hochachtung. Allerdings mussten sie ihr auch gleich den Hals retten. Einen Ziegenschädel bei einem Skrylbeth-Dämon!« Er schüttelte den Kopf.

»Wie oft habt Ihr denn die Skrylbeth durchgenommen? Bei meiner eigenen Prüfung war Serana recht gut vorbereitet«, meinte Magister Lindehalm.

»Überhaupt nicht. So ein Examen soll ja auch eine Herausforderung darstellen. Aber Malribach straft in seiner Domäne mit Vorliebe, indem er Köpfe abreißt. Da wählt man doch keinen Schädel als Paraphernalie!«

»Seid Ihr nicht ein wenig streng?«, meldete sich Rondarius zu Wort. »Serana ist zwar etwas ungeschickt und verträumt, aber sie wegen so etwas durchfallen lassen?«

Van Dijk sah ihn überrascht an. »Ich glaube, das war ein Missverständnis. Selbstverständlich hat sie bestanden. Die Beschwörung war absolut korrekt durchgeführt – und sie hat es trotz der Wut des Skrylbeth und Eures … Lehrbeschusses geschafft, ihn zu beherrschen. Eine wirklich gute Leistung. Nur eben nicht so perfekt wie bei Tirana von Hardenhain letzte Woche.«

»Ihr meint ihre Freundin, die damals zum Spaß den Eisdämon invoziert hat?«

Van Dijk nickte.

»Tja, hoffen wir, dass sie nicht in die politischen Streitigkeiten ihres Landes hineingezogen wird. Das könnte böse ausgehen, für wen auch immer.«

»Dabei dachte ich stets, Geridorn sei der Frieden selbst«, meinte Lindehalm, »im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Galorien. Ich habe Gerüchte gehört, dass es dort bald wieder Krieg mit Pardia gibt.«

»Wieder?«, lachte Rondarius. »Galorien und Pardia liefern sich doch schon seit Jahrhunderten diese lächerlichen Scharmützel, die sie Krieg nennen – und deren Magierausbildung ist ein ebensolcher Witz. Ein paar von unseren Absolventen könnten dort bereits die Grenzen verschieben.«

»Möchtet Ihr das Adepta Meridan vorschlagen?«, fragte van Dijk. »Soweit ich weiß, hegt sie noch keine konkreten Zukunftspläne.«

Alle drei lachten.

Kantstein – ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, aber bestimmt nicht ihre Zukunft.

Serana trat auf den großen Marktplatz vor der Akademie, die so lange ihr Zuhause gewesen war. Sie schloss die Augen und genoss mit einem befreiten Lächeln die wärmenden Strahlen der Kerbalsscheibe. Es war geschafft. Endlich!

›… und erheben dich als Maga in die Bruderschaft der Wissenden. Erweise dich dieses Titels als würdig, denn wiewohl du am Ende deiner Ausbildung stehst, stehst du doch erst am Beginn deines Weges‹, hatte es gestern endlich geheißen.

Stimmen feilschender Händler drangen an ihr Ohr, Krämer, die lauthals ihre Waren anpriesen, der verführerische Duft frisch gebratener Fleischspieße.

Endlich Zeit, all dies in sich aufzunehmen, endlich Zeit, etwas anderes zu tun, als bei flackerndem Kerzenschein bis spät in die Nacht zu lernen. Sämtliche Prüfungen waren bestanden – und sie eine Magierin!

»Vorsicht!«

Überrascht blickte sie auf und stolperte zur Seite, um einem Karren voller Karotten auszuweichen.

»Zauberer!«, murmelte der bärtige Mann hinter dem Karren und setzte kopfschüttelnd seinen Weg fort.

Hm, mit ihren Gedanken nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit abzuschweifen, musste sie wohl noch üben. Allerdings: Wie oft schon hatten die Magister der Arkanen Akademie zu Kantstein sie darauf hingewiesen?

›Egal‹, dachte sie beschwingt, während ihre Nase sie unwiderstehlich zu einem der Garbräter zog. Zumindest in den letzten Wochen hatte sie sich alle Mühe gegeben.

»Ah, meine Lieblingsstudiosa!«, begrüßte sie freundlich ein untersetzter Mann, der langsam ein Spanferkel drehte. »Wo seid Ihr denn in den letzten Wochen gewesen?«

»Abschlussprüfungen. Keine Zeit für Eure leckeren Schweine«, antwortete sie dem Koch, bei dem sie sicher noch viel häufiger zu Gast gewesen wäre, wenn sie nicht hätte sparen – und zumindest ein klein wenig auf ihre Figur achten müssen.

»Abschluss? Heißt das, Ihr seid jetzt eine mächtige Magierin, vor der ich zittern muss?«

»Aber selbstverständlich. Los, zittert!«

Serana stimmte in das herzliche Lachen des Mannes ein. Zwar durfte sie jetzt offiziell den Titel Maga führen, aber von mächtig konnte keine Rede sein, immerhin war sie gerade erst achtzehn Jahre alt.

Achtzehn. War es wirklich schon zehn Jahre her, dass sie als kleines, verängstigtes Mädchen an die Akademie gekommen war? Mit kurzgeschorenen Haaren, derentwegen sie alle ausgelacht hatten? An der Hand eines Mannes, den sie kaum kannte und den sie danach nie wiedersah?

»Hier, oh mächtige Zauberin, Euer Fleisch.«

Sie liebte diesen Stand. Nirgendwo schmeckten die Spieße so würzig wie hier. Sie würde ihn vermissen. Sehr.

»Und wisst Ihr schon, was Ihr jetzt tun werdet?«

»Kendar. Der Kaiserpalast«, antwortete sie leicht schmatzend. Allmählich wurde es wirklich Zeit, auf ihr Benehmen zu achten. Immerhin war sie jetzt eine Maga. Langsam ließ sie das köstliche Fleisch auf der Zunge zergehen, bevor sie weitersprach. »Ich wollte schon immer die Hauptstadt sehen, die Türme des Palastes, die bis in den Himmel ragen, die gewaltige Hethena-Bibliothek – und natürlich den Theaterplatz. Es heißt, dass sie dort jede Woche ein neues Stück aufführen.

»Ihr klingt ja ganz begeistert. Ich wünsche Euch jedenfalls eine gute Reise. Vergesst mich nicht – und meine Spieße!«

»Bestimmt nicht!«

»Hier.« Er reichte ihr ein großes Stück Fleisch. »Damit Ihr nicht schon am Anfang des Weges hungert.«

Sie griff nach ihrem Geldbeutel. Konnte sie sich das leisten? Der Weg nach Kendar war weit und …

»Nichts da! Ist mein Abschiedsgeschenk.«

»Danke! Und falls Ihr einmal eine Magierin braucht…« Serana unterbrach sich. Der Satz war unsinnig. Sie wusste ja noch nicht einmal, ob sie überhaupt je wieder nach Kantstein zurückkehren würde.

»Dann zittere ich einfach so lange, bis Ihr kommt«, antwortete ihr Gegenüber lachend. »Und im allerschlimmsten Notfall«, er deutete auf ihre Akademie, »gibt es da ja noch einen – oder zwei.«

Sie folgte seinem Blick. War es wirklich noch ihre Akademie? Heute Morgen war sie ein letztes Mal durch deren weite Hallen, lange Gänge und düstere Gemäuer gegangen. Düster waren sie eigentlich immer nur Fremden vorgekommen. Ihr dagegen hatten sie ein wohliges Gefühl der Vertrautheit und des Schutzes vermittelt. Schon als sie als kleines Mädchen ihre ersten, noch schüchtern-furchtsamen Schritte durch diese Schule gelenkt hatte, die ihr im Laufe der Jahre zu noch so viel mehr geworden war, war ein Gefühl der Geborgenheit in ihr erwacht, welches während all der Zeit dort erhalten blieb.

Gestern hatte sie nun endgültig Abschied von der ihr so vertrauten Umgebung genommen. Und nun?

Lange Jahre des Studiums lagen hinter ihr, lange Jahre der Freude, aber auch des Schweißes. Unzählige Erinnerungen an durchwachte Nächte über Büchern, dozierende Magister und Prüfungen mischten sich mit denen an ausgelassenes Lachen, treue Freunde und herrliche Abenteuer.

Abenteuer, ja, dieser Gedanke holte sie aus ihrer Versunkenheit wieder auf den sonnigen Marktplatz zurück. War es das, was ihr bevorstand? Was würde, sollte, musste ihr das Leben jetzt bringen?

Zunächst hatte sie natürlich mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Grünweiler, ihr Heimatdorf zu gehen, ihre Eltern auf dem kleinen Bauernhof zu besuchen, Zeit mit ihren drei Geschwistern zu verbringen: nach ihrem kleinen Bruder zu sehen und ebenso ihren Schwestern, die beide im letzten Jahr den Maranisbund geschlossen hatten und im Nachbarort lebten. Aber … Nein, darüber hatte sie wahrlich lange genug nachgedacht. Kendar rief!

Serana säuberte sich ihre Finger gründlich mit einem Tuch. Wo sie jetzt hinging, waren fettige Hände äußerst unpassend.

»Habt vielen Dank für all die leckeren Spieße in den letzten Jahren. Gehabt Euch wohl!«, verabschiedete sie sich.

»Glück auf den Weg. Mögen die Götter Euch beschützen!«

Serana stützte sich auf ihren mannshohen Zauberstab, während sie weiter über den Markt schlenderte und ein letztes Mal all die Eindrücke des belebten Ortes auf sich wirken ließ. Würde es in Kendar noch quirliger zugehen? Wie auch immer, der Stab jedenfalls würde von nun an stets an ihrer Seite weilen. Ungeheurer Stolz hatte sie erfüllt – und tat es noch immer – als ihr diese Insignie ihrer neuen Würde zuteilwurde, zusammen mit dem Akademiesiegel auf ihrer linken Handfläche.

Das Siegel schmerzte noch etwas, obwohl man den Adepten der unteren Klassen stets beibrachte, dass der Prozess, mit dem es unauslöschlich in die Haut gebracht wurde, kaum zu spüren sei. ›Vielleicht sollte man den uralten Siegelstock ‘mal wieder neu justieren?‹, dachte Serana, als sie an den dicht gedrängten Ständen der Marktfrauen entlangging. Was den Stab betraf, so war dieser tief mit ihr verbunden und würde erst vergehen, wenn sie starb. Schon vor Wochen war sie durch den Hain vor der Stadt gestreift, um geeignetes Holz zu finden: gerade und ebenmäßig, etwa so groß wie sie, am besten von einer Ulme. Der Stab eines Magiers war etwas derart Persönliches, dass selbst jene Adepten ihres Jahrgangs, die genügend Silber besaßen, sich alles anfertigen zu lassen, das Holz selbst geschnitten hatten.

Ihr Lehrmeister für Stockkampf, Magister Rondarius, hatte sie beim Ritual der Stabweihe unterstützt, sie mit seiner tiefen, ausnahmsweise einmal nicht strengen Stimme sicher hindurchgeleitet. Doch es war ihre Magie, die durch die Waffe floss und Unzerstörbarkeit verlieh, ihre Magie, die einen Gefährten erschaffen hatte, der ihr vom Scheitel bis zur Sohle reichte und stets an ihrer Seite blieb.

Siegel und Stab waren die Insignien, die alle Magier trugen – als Zeichen der Verbundenheit mit Hethena, der Göttin der Magie. Zwar fühlte sie sich noch nicht ganz so vollwertig, wie diese Symbole es suggerierten, zwar glitten ihre Gedanken immer wieder zurück zur Akademie und würden dies wohl auch noch lange Zeit tun, aber sie wusste und fühlte, dass mit dem Abholen ihrer wenigen Habseligkeiten, die sie jetzt in einem ledernen Rucksack bei sich trug, ein neues Leben begann – oder vielleicht schon begonnen hatte. Wie genau dieses aussah, stand noch in den Sternen. Einige Kommilitonen hatten sich bei örtlichen Handelshäusern verdingt, zur »interpersonalen Kommunikationssupervision«, wie diese sich damit brüsteten. Serana kannte diejenigen, hatte sie in allen Vorlesungen über Hellseherei fleißig mitschreiben sehen– um dann doch nur Mittelmaß zu sein. Nun ja, sollten sie ruhig versuchen, sich mit dem Bespitzeln der Gedanken anderer ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Serana wusste, dass es für sie nicht das Richtige gewesen wäre. Was jedoch das Richtige war, stand ihr zwar noch nicht genau vor Augen, aber voller Neugier und Hoffnung ging sie nun Schritt um Schritt auf dem Weg, es zu finden. Blieb nur zu hoffen, dass es auch ein wenig Silber eintrug, denn gleich würde ihr Geldbeutel deutlich leichter werden.

Festen Schrittes begab sie sich auf den letzten Weg, der heute in Kantstein noch ausstand: die Schneiderei. Die meisten Mädchen aus ihrem Jahrgang (und wohl auch einige Jungen) kannten den Schneider Tirson recht gut, da sie viel Zeit in seinem Geschäft verbrachten, um sich die neuesten Entwürfe aus der Hauptstadt erklären zu lassen, oder sich in Kleidern zu bewundern, die sie weder tragen noch sich leisten konnten. Serana hatte stets nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken können, wenn die übrigen Mädchen sich über die »Frauen von Welt« unterhielten, überzeugt, sie gehörten dazu, obwohl Seranas Meinung nach keine das eine und nur die wenigsten das andere waren.

Wie auch immer – sie hatte sein Haus nur selten besucht. Doch heute lagen die Dinge anders. Sie wollte etwas abholen, auf das sie sich schon seit Monaten, wenn nicht länger, freute, und das ihr erst jetzt, nach ihrem Abschluss erlaubt war zu tragen: ihr Reisegewand. Eigentlich stellte dieses Kleidungsstück nichts wirklich Besonderes dar. Es war ein weitgeschnittener, dunkelgrauer Mantel mit langen, nach vorn weiter gearbeiteten Ärmeln, gefertigt aus stabilem und festem Stoff, der angenehme Wärme spendete und mit seiner Kapuze auch bei Regen recht gut schützte. Ein paar Symbole ihrer »Zunft« schmückten die Vorderseite: ein Heptagramm, die Zeichen der Elemente und manch anderes. Alles in allem also tatsächlich nichts Besonderes. Die meisten reisenden Magi trugen Besseres und selbst auf dem Marktplatz, von dem sie jetzt in die kleine Gasse mit der Schneiderei einbog, wäre sie damit kaum aufgefallen.

Der Grund dafür, den heutigen Tag schon seit vielen Mondwechseln zu ersehnen, lag in etwas ganz anderem: der Tradition der Gilde, der sie nun endlich als Maga und nicht mehr als Adepta angehörte. Die Bruderschaft der Wissenden war in ihrer Kleiderordnung ausgesprochen streng. Die jungen Adepten durften nur dieses, die älteren nur jenes tragen. Und da es ihnen während der Lehrzeit ohnehin untersagt war, ohne Begleitung durch Magistri die Stadttore zu passieren, war der Nutzen von Reisekleidung natürlich begrenzt. Für die Heimreise während der Sommermonate, zu denen die Akademie ihre Pforten schloss, hatte sie seit Jahren den gleichen, abgetragenen Umhang verwendet, der langsam zerfiel und auch nicht mehr wirklich passte. Daher war dieses neue Gewand nicht nur ein Symbol für die Freiheit, allein die Stadt zu verlassen, es war auch das erste Stück, was sich eine echte Maga der Tradition nach zulegen sollte. Sonst nahm sie es zwar mit den Regeln oft nicht so genau, doch das erste eigene Gewand, das war etwas anderes, Wichtiges. Das Geld dafür hatte sie sich in den letzten Monaten in der Akademie verdient. Unter Umständen, an die sie mit einer Mischung aus Lachen und Unwohlsein zurückdachte: Es war nicht eben angenehm, Zielperson für Angst- und Kontrollzauber jüngerer Jahrgänge zu sein, obwohl sie dadurch mehr Wissen über deren Abwehr gesammelt hatte, als es ihr in den Theoriestunden zu diesem Thema je möglich gewesen wäre. Und wenn ein Schüler der höheren Klassen kreischend durch die Gänge schoss, weil er sich selbst statt sie verzaubert hatte, dann entschädigte der Spaß daran allein schon für vieles.

Angenehme Kühle schlug ihr entgegen, als sie die knarrende Tür der Schneiderwerkstatt öffnete und Stab wie Rucksack in eine Ecke stellte. Natürlich war sie während der Anprobe und am Tag ihres Auftrags bereits hier gewesen, doch schien ihr dieses Geschäft noch immer fast wie eine andere Welt. Hohe Regale, gefüllt mit Leder und den verschiedensten Stoffen umgaben sie. In Pailletten und metallverzierten Borten brach sich das Sonnenlicht, und der Schneider herrschte wie ein gütiger König über ein Reich von gewebten Untertanen.

Tirson war ein schlanker, älterer und stets auf die Wünsche seiner Kunden bedachter Meister seines Fachs. Zwar gab es noch zwei andere Schneider in der Stadt, doch wer wirklich etwas auf sich und seine Kleidung hielt, war Kunde bei Tirson.

»Seid gegrüßt, junges Fräulein!«, unterbrach er Serana in ihren Gedanken, »oder vielleicht sollte ich Euch besser mit Maga ansprechen? Der Titel steht Euch ja nun augenscheinlich zu«, ergänzte er, als sein Blick auf Seranas Stab fiel.

Erfreut ob dieser kleinen Schmeichelei fragte sie nach dem Gewand. Tirson verschwand in einem Nebenraum, der eigentlichen »Schneiderei« und kehrte kurz darauf mit einem dunkelgrauen Mantel wieder, den ein Heptagramm und die Zeichen der Elemente schmückten. Sonst war an ihm nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Der Mantel schien recht stabil und strapazierfähig und wäre ohne seine arkane Verzierung schwerlich aufgefallen. Selbst mit dieser zog er wohl die Blicke kaum auf sich. Oder galt dies nur für Kantstein, wo aufgrund der Akademie weder Magier noch ihre Symbole etwas Außergewöhnliches waren? Nun, sie würde es bald erfahren.

Serana überlegte, wer wohl in dunkler Vorzeit dieses Gewand erdacht und in den Gildenstatuten verankert hatte. Es schien so gar nicht zu dem Schillern und Glanz zu passen, mit dem sich die hochrangigen Mitglieder ihrer Zunft sonst so gern umgaben. Vielleicht musste man ebenjene Dinge erst verdienen und ein bescheidenes Gewand sollte die frischgebackenen Absolventen der Akademie an ihre noch bescheidene Erfahrung und Macht gemahnen? Vielleicht waren sie nur Ausdruck eines übersteigerten Geltungsbedürfnisses? Vielleicht – was auch immer. Serana verscheuchte die sich aufdrängenden Gedanken. Sie hatte keine Wahl zwischen Prunk und Einfachheit. Sie wollte sie auch nicht haben. Vor ihr lag etwas, auf das sie sich schon seit langer Zeit gefreut hatte, etwas, das sie sich in jeder Beziehung verdient hatte – etwas, auf das sie stolz war!

Ihre Finger glitten langsam über den Stoff, als sie sich in einem großen Eckspiegel betrachtete. Sie spürte das raue, feste Material. Woraus genau dieses bestand, war ein Geheimnis der Gilden und ihrer Schneider. Dass es damit wirklich ein großes Geheimnis auf sich hatte, bezweifelte Serana. Der Stoff fühlte sich an wie festes Leinen. Aber trotzdem war die Vorstellung, in einem magischen Gewebe einherzuschreiten, reizvoller als die von normalem Tuch.

Für Serana spielte das im Moment aber keine Rolle. Endlich trug sie das Gewand, das sie so lange ersehnt und erträumt hatte. Sie schritt vor dem Spiegel auf und ab, strich ihre langen, blonden Haare, die sie sonst immer zu zwei starken Zöpfen geflochten trug, nach vorn und dann wieder zurück, sodass sie ihren Rücken bedeckten.

»Verzeiht, Meister Tirson, dürfte ich mich kurz kämmen? Euer Spiegel ist so herrlich.«

Leicht verwundert blickte der Schneider sie an, schien jedoch seltsame Allüren seiner Kundschaft gewohnt. »Aber selbstverständlich.«

Serana wurde leicht rot, als sie in ihren Rucksack griff und eine weiche Bürste hervorzog. Für wie eitel mochte er sie jetzt halten? Dabei …

›Nein!‹, schalt sie sich. ›Bei der Sache bleiben!‹

Sie bürstete gründlich ihr Haar und flocht es zu zwei langen Zöpfen. Sicher war sicher. Wer wusste schon, was ihr auf der Reise alles begegnete? Erneut betrachtete sie sich im Spiegel. Ja, definitiv sicherer. Und insgesamt recht passabel.

Serana war stets ausgesprochen zufrieden damit gewesen, wie die Götter sie vor nunmehr achtzehn Jahren geschaffen hatten: beinahe zwei Schritt groß, blaue, freundliche Augen und einen Körper, um den sie manche Mitschülerinnen beneideten.

Die junge Maga hatte nie viel auf Äußerlichkeiten gegeben und tat es eigentlich auch jetzt nicht, doch sie konnte nicht leugnen, dass ihr Spiegelbild in dem neuen Gewand einen gewissen Reiz auf sie ausübte. Das Gewand passte perfekt und kam ihrer Idealvorstellung sehr nahe. Sie beschloss, den neuen Mantel gleich am heutigen Tage zu tragen, selbst wenn es dafür fast etwas zu warm war, bezahlte Tirson die üblichen drei Golddukaten und bedankte sich für die hervorragende Fertigung. Serana wusste nicht, seit wann dieser Preis »üblich« war. Er galt als Symbol.

›Symbol wofür? Unverhältnismäßigkeit?‹ Sie dachte an die vielen Monate zurück, die sie für diesen Betrag mit den jungen Adepten hatte üben müssen, obwohl eher jene mit ihr geübt hatten, und sie wusste auch, dass man von drei Dukaten Monate leben konnte – wenn auch bescheiden. Nie im Leben hätten ihre Eltern derart viel Geld für Kleidung ausgegeben, gar nicht ausgeben können. Und auch ihre eigenen finanziellen Mittel waren nun wieder auf einem sehr bescheidenen Stand angelangt.

Doch die frisch initiierte Magierin ließ sich von diesen Überlegungen nicht ihre Freude verderben. Es würde schon alles seine Richtigkeit und einen tieferen Sinn haben, der für sie bloß noch nicht offen zutage trat. Als kleine Schülerin der unteren Klassen, eine Adepta Minor, hatte sie oft zu hören bekommen, dass all die Dinge, die sie lernen musste, ihre tiefere Bedeutung erst später erführen. Und bei manchen hatte es sogar gestimmt. Der Mantel markierte den ersten Schritt in das Leben außerhalb der Akademie. Und dieser musste aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln getan werden.

Als Serana aus der Schneiderei trat und die wärmenden Strahlen der Frühsommersonne auf ihrem Gesicht spürte, schloss sie mit der knarrenden Tür des Ladens auch die letzte Tür, die noch in unmittelbarer Verbindung zur Akademie stand.

Die zurückliegenden Jahre dort waren anstrengend gewesen, hatten sie oft bis an die Grenzen gefordert und ihr viele durchwachte Nächte beschert. Und doch war sie in jenem uralten Gebäude stets glücklich gewesen. Eine Person hatte ihr dabei nähergestanden, als eine Schwester es hätte tun können: ihre beste Freundin Tira. Eigentlich war ihr Name Matirana von Hardenhain, aber so war sie nur in den Pergamenten der Verwaltung verzeichnet. Weder Serana noch die Magistri hatten »die Erhabene des Landes«, was der Name in der Sprache ihrer Heimat bedeutete, jemals so genannt – und sich damit alles andere als ihr Missfallen zugezogen. Tira hatte nicht viel Wert auf Namen und Titel gelegt. Sie glaubte, sich beides erst wirklich verdienen zu müssen. Um das zu erreichen, war sie schon am gestrigen Tag nach Osten aufgebrochen, um sich dort einen Namen als Maga zu erwerben und sich dadurch ihrem eigentlichen Namen würdig zu erweisen.

Serana kamen jetzt noch die Tränen, wenn sie sich an die Kutsche erinnerte, die Tira in ihr neues Leben trug. Sie hatten einander geschworen, sich eines Tages wiederzusehen und vor allem beste Freundinnen zu bleiben, was auch immer geschehen mochte. Tempora mutantur, sed nos non mutamur in illis – die Zeiten ändern sich, doch wir verändern uns nicht, war der Leitspruch ihrer Freundschaft über all die Jahre gewesen – und Serana war fest entschlossen, sich in Bezug auf Tira daran zu halten. Ihr eigenes Leben würde sich jetzt jedenfalls drastisch ändern und damit vielleicht auch sie selbst.

Doch die junge Maga hielt sich nicht lange mit solchen Grübeleien auf. Ob sie sich ihm nun entgegenstellte oder mitreißen ließ, fand sich noch früh genug ganz von allein.

Sie ging die ersten Schritte ihres neuen Lebensweges. Momentan führte sie dieser zwar nur über den Marktplatz, den sie schon tausendmal gesehen hatte, aber das hielt sie nicht davon ab, von fernen Ländern, großen Abenteuern und gut aussehenden Männern zu träumen. Der letzte Gedanke ließ ein Lächeln über ihr ohnehin meist fröhliches Gesicht huschen, da es bisher in dieser Hinsicht immer nur beim Träumen geblieben war. Es hatte da zwar den einen oder anderen gegeben und auch Situationen, in denen sie nicht unbedingt gern ihre Eltern dabeigehabt hätte, doch wirklich verliebt war sie noch nie gewesen. Und von ein paar Küssen und vielleicht ein klein wenig mehr abgesehen, hatte sich auch nie etwas ereignet. Vermutlich lag dies an ihren zugegebenermaßen sehr romantischen Vorstellungen in diesem Bereich, wofür sie ein Gefühl, das bloße Zuneigung weit überstieg, beim ersten Mal als unabdingbar ansah. Sich einem Mann hinzugeben, den sie nicht aufrichtig liebte? Unvorstellbar.

Die örtliche Priesterin der Liebesgöttin Arjana hatte dies zwar etwas anders betrachtet, worauf schon ihre Kleidung hinwies, die aus wenig Stoff und sehr viel Nichts bestand, aber ihren Unterricht hatten Tira und sie immer gern besucht, und wenn es nur war, um heimlich zu kichern. Die Vorlesungen der Priesterin waren stets ausgesprochen anschaulich gewesen. Und wenn sie auch nur, im Gegensatz zu Tira, das wenigste praktisch umgesetzt hatte, so war sie doch froh, dieses Wissen im Notfall zu besitzen. An der Akademie war jedenfalls noch nie der Umstand aufgetreten, sich mit den Folgen gewisser »Unfälle« auseinandersetzen zu müssen. Interessanterweise wurde der Unterricht der Priesterin äußerst gründlich evaluiert. Fast jeder ihrer Vorlesungen wohnten nahezu sämtliche Vertreter des Lehrkörpers bei, zumindest die maskulinen. ›Komisch‹, dachte Serana schmunzelnd, ›alle anderen Fächer sind nur alle paar Jahre kontrolliert worden.‹ Tja, auch die Priesterin würde sie höchstens noch zufällig wiedertreffen.

Der Weg zum nördlichen Stadttor führte sie erneut über den Markt, erneut vorbei am Duft gebratenen Fleisches und kräftig gewürzter Suppen, der ihr verführerisch in die Nase stieg. Überall auf dem Markt reizten die verschiedensten Speisen. Fischer priesen eben erst im nahen Fluss gefangene Ware an, Köche lockten mit frischem Wildbret.

Nein! Sie musste sparsam sein. Zu Pferde war Kendar fünf Tage entfernt. Wie lange sie zu Fuß benötigte, würde sich herausstellen. Ihre Silbermünzen, denn die wenigen Goldstücke hatte sie beim Schneider gelassen, reichten für ungefähr zwei Monate. Allerdings war das Leben in der Hauptstadt sicherlich kostspieliger als hier. Was sie danach tat und mit welchem Geld – res futuras scire nostrum non est – es ist nicht an uns, die Zukunft zu schauen. Ein paar Wochen im Voraus zu planen, war schließlich mehr als genug. So viel konnte geschehen – irgendwie hoffte sie sogar darauf, doch sie erwartete nichts Bestimmtes. Nur eines würde sie auf keinen Fall tun: Ihren Eltern mit leerem Beutel unter die Augen treten. Alles andere fand sich von ganz allein.

»Wenn du eine Situation nicht kontrollieren kannst, dann erwarte auch nichts von ihr, weder Gutes noch Schlechtes.« Das war einer der Grundsätze, die man den jungen Novizen so lange einbläute, bis sie sie auch wirklich verstanden. Die Einstellung zu besitzen, die dieser Leitsatz vermittelte, war unerlässlich. Sie war praktisch die Voraussetzung, um Kontrolle über die Magie zu erlangen.

Jeder, der an der Akademie aufgenommen wurde, war zwar vorher auf Eignung geprüft worden, aber das Ergebnis besagte lediglich, ob derjenige überhaupt Zugang zur astralen Matrix, der eigentlichen Zauberkraft, besaß. Die meisten Menschen verfügten nicht darüber – und erlernt oder anders erworben werden konnte er nicht. Wer aber damit gesegnet war, für den bestand die Möglichkeit, in Berührung mit der Astralkraft zu kommen, sie durch sich fließen zu lassen und zu formen. Diese drei Punkte konnten erlernt werden, doch es war ein harter und beschwerlicher Weg. Und die ersten Schritte darauf waren die schwierigsten. Die Kraft an sich besaß keine Form. Die Kraft an sich floss durch alles und jeden. Die Kraft an sich bewirkte nichts. Sie war die Basis und Grundlage jedes Lebens und jeglicher Existenz. Sie gab allem Form und Struktur.

Genau an diesem Punkt setzte die Magie an. Wenn alles nur eine materielle Manifestation jener Energie war – woran keiner zweifelte – dann konnte man, zumindest theoretisch, alles erschaffen und alles bewirken, sofern es einem nur gelang, dem Formlosen eine Form zu verleihen. Aber gerade dies war ungeheuer schwierig. Jeder der ausgewählten Schüler versuchte es in den ersten Wochen – und scheiterte. Die Kraft ließ sich nur durch einen starken Willen formen, einen Willen, der ihr Gestalt gab. Hier genau lag das Problem, das zum Ausscheiden vieler Studiosi nach wenigen Monaten führte: Sie vermochten Wille und Erwartung nicht zu trennen. Wer erwartete, dass irgendetwas passierte, bloß weil er es wollte, wurde unweigerlich enttäuscht. Weil gerade die Erwartung den Willen lähmte. Dies war eine seltsame Wechselwirkung: Das Gegenteil nämlich zu erwarten, eben, dass nichts passierte, bewirkte Selbiges – in beiden Fällen geschah nichts. Wille und Erwartungsfreiheit bildeten die Grundlage der Magie. Man konnte etwas nur wirklich wollen, wenn man nicht ohnehin davon ausging, dass es geschah, denn dies nahm das Ergebnis bereits vorweg und damit dem Wollen die Kraft, etwas erst erreichen zu müssen. Wer dagegen das Ergebnis ganz aus den Augen verlor bzw. annahm, dass es ohnehin nicht eintrat, raubte seinem Willen die Grundlage: Man konnte nicht etwas wirklich wollen, ohne an dessen Erreichbarkeit zu glauben.

Die Elemente jedes Zaubers, gleichgültig welches, waren der unbedingte Wille, die Überzeugung der Machbarkeit und die Einsicht, dass man selbst dieses Ziel erreichen musste, und keinesfalls die Astralkraft allein dies tat, denn damit entzog man wiederum dem Willen seine Macht. Diese Elemente bildeten eine Art Kreis, und nur wenn dieser überall fest geschlossen und stark war, konnte ein Zauber Gestalt annehmen. Nur, wer die Kontrolle über den gesamten Kreis besaß, vermochte ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Diese Kontrolle fehlte den jungen Novizen jedoch. Deshalb sollten sie »weder Gutes noch Schlechtes« erwarten, also keinen spezifischen Effekt ihrer Bemühungen, sondern vielmehr etwas Neutrales, an sich Effektloses – das Fließen der Kraft selbst. Nur wer diese strömen lassen und spüren konnte, nur wer diesen festen Kontakt zu ihr besaß – nur der konnte sie später auch formen.

Serana musste an sich halten, um nicht mitten auf dem Marktplatz ohne erkennbaren Grund in lautes Gelächter auszubrechen. Ihr kam es vor, als hätte eben einer ihrer Lehrmeister gesprochen. Wenn sie bereits Stunden, nachdem sie die Akademie verlassen hatte, anfing, die Gedanken ihrer Lehrer zu haben und auch sonst nur ihren Erinnerungen nachhing – dann würde sie es kaum aus dem Stadttor schaffen, geschweige denn in die Reichshauptstadt Kendar. ›Jetzt nimm dich mal zusammen, Mädel, und denk wenigstens für ein paar Stunden ausnahmsweise mal vorwärts‹, sagte sie zu sich und ging entschlossenen Schrittes auf das Stadttor zu.

Zwei gewaltige graue Türme wuchsen vor ihr in die Höhe. Bis zu diesen führten beiderseits mächtige Blöcke aus massivem Stein, der die Stadt schützte. Die Mauer, und mit ihr die Türme, waren schon uralt. Bereits seit vielen Generationen umgaben sie die Stadt wie – nun wie eine schützende Mauer eben. Serana fiel im ein- und ausströmenden Gewimmel kaum auf. Die Leute waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf ein großes Mädchen mit grauem Mantel zu achten. Eselkarren zogen an ihr vorbei, und geschwätzige Marktweiber teilten miteinander den neuesten Klatsch, während sie in die Stadt strömten oder diese bereits wieder verließen. Auch die Wächter, die zu beiden Seiten des Tores ihren Dienst versahen und nach zollpflichtigen Waren Ausschau hielten, beachteten sie nicht.

Sie wurde durch das Gedränge immer weiter geschoben, passierte das Tor und blickte auf die vor ihr liegende Landschaft: Rings um die Stadt war das Land recht flach. Nur wenige grasbewachsene Hügel erhoben sich. Die breite Kanta, der Lebensquell der Stadt, strömte träge dahin, während sich auf ihrem Wasser die Strahlen der Mittagssonne brachen. Erst am Horizont zeichneten sich die Wipfel des Hundertmeilenwaldes ab, hinter dem Kendar lag. Es existierte eine Straße zwischen hier und der Hauptstadt. Die führte zwar zwangsläufig durch den Hundertmeilenwald, galt aber als recht sicher.

Und am Anfang ebenjener Straße stand jetzt Serana und sorgte für einige unfreundliche Bemerkungen, da sie den Menschenstrom behinderte, während sie die Ebene betrachtete. So ließ sie sich wieder mittreiben, wohl wissend, dass sie auf ihrer weiten Reise nur schwerlich noch einmal so viele Menschen träfe, zumindest, bis sie Kendar erreichte. Denn die meisten, die neben ihr liefen, waren Bauern und kleine Händler aus den benachbarten Ortschaften, die Vieh kaufen oder verkaufen wollten oder auf einen guten Erlös für Webwaren, Gemüse und Handarbeiten hofften. Die Stadt war der zentrale Umschlagpunkt für derlei Dinge, und schon bald würde sich der Menschenstrom in ein kleines Rinnsal verwandeln, das schließlich in den etwas entfernteren Dörfern versickerte.

Serana beschloss, das bunte Treiben ringsum zu genießen – Zeit für Einsamkeit kam bald von ganz allein. Nun ja, Einsamkeit bedeutete für sie nicht viel mehr als die Abwesenheit von Menschen. Sich allein und verlassen zu fühlen, lag einfach nicht in ihrer Natur. Sobald sich die Menge so weit gelichtet hatte, dass sie nicht fürchten musste, jemanden zu stören, würde sie ein Lied anstimmen, oder vielleicht auch auf die der vielen Vögel in dieser Gegend lauschen. So schritt sie voller Vorfreude auf ihr neues Leben kraftvoll aus und wirbelte mit ihren angenehm weichen Ziegenlederstiefeln den Staub der schon sommerlich trockenen Straße auf.

Etliche Wagen und Ochsenkarren rollten an ihr vorbei. Eigentlich wäre das eine recht bequeme Art des Reisens gewesen, und vielleicht hätte sie auch ein Kutscher mitgenommen. Doch Serana hatte sich gegen diese Möglichkeit entschlossen: Erstens fuhren die meisten schlichtweg nicht weit genug – einige der vorderen Karren sah sie bereits nach rechts in einen kleinen Weg biegen, der Richtung Lerchweiden führte, dem nächstgelegenen Dorf. So wäre es ohnehin nur eine kurze Fahrt gewesen, und zweitens dachte sie bei sich: ›Wenn ich jetzt schon auf eigenen Beinen stehe, dann will ich sie auch ruhig mal benutzen.‹ Dass sie das mit dem »auf eigenen Beinen stehen« wirklich ernst gemeint hatte, bezweifelte sie hochgradig. Aber im Moment wollte sie vorwärtskommen und nicht aufs Neue über derlei Fragen nachsinnen.

Hinter ihr erklangen lautes Rasseln und Klappern, noch übertönt von Stimmen, die sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Die Leute ringsum begannen zu schimpfen, als sich ein bunter Wagen, ebenjener, von dem der Lärm erscholl, seinen Weg bahnte. Die junge Maga betrachtete interessiert die Ursache des Aufruhrs: Es war zweifellos das Gefährt von Schaustellern, über und über behängt mit den unterschiedlichsten Dingen: Töpfe und Pfannen, die an die Seiten des Wagens gebunden waren, baumelten neben allen möglichen festgezurrten Teilen, die scheinbar zu einer Art Bühnendekoration gehörten. Was davon nur irgendwie Krach verursachen konnte, tat es auch. Am lautesten waren aber definitiv die Insassen, was die drei Leute, die den Kutschbock in Beschlag nahmen, mit einschloss. Worüber sie sich genau unterhielten, vermochte Serana nicht auszumachen, da mindestens immer fünf gleichzeitig sprachen oder vielmehr schrien. Am meisten der Wagenlenker, ein rundlicher Mann mit geröteten Wangen, langsam ergrauendem Haar und einer gutmütigen Stimme, die aus voller Kehle erklang. Der Grund dafür war, dass er die Straße im Auge behalten musste, um anderen Wagen oder Menschen auszuweichen. So konnte er sich nicht dem Wageninneren zuwenden, wo der Hauptteil des »Gespräches« stattfand. Die beiden anderen auf dem Kutschbock hatten sich darum umgewandt und nahmen ihrerseits lebhaften Anteil an der Unterhaltung. Sie waren recht jung. ›Jünger als ich‹, stellte die Magierin mit einem Schmunzeln fest. ›Vom Aussehen her könnten sie Bruder und Schwester sein.‹ Beide hatten hellbraunes Haar, das sich zu Locken kräuselte. Das Mädchen hatte es zu einem Pferdeschwanz gebunden, während der Knabe es bis zu den Schultern herabhängen ließ. Sie bildeten damit in gewisser Weise einen Kontrast zu dem rundlichen Mann, dessen Haar jetzt vielleicht schon an einem besseren Ort weilte – jedenfalls schien es in zunehmendem Maße sein Haupt zu meiden.

Als das Getöse bereits fast an ihr vorübergezogen war, bemerkte Serana erst, dass die Plane des Wagens beschriftet war. Wiewohl es schwerfiel, aufgrund des ganzen Krimskrams etwas zu erkennen, fiel ihr wieder ein, dass sie dieses Gefährt unlängst gesehen hatte, vor ein paar Tagen in der Stadt. Zwar hatte ihr der Prüfungen wegen die Zeit zum Besuch der Vorstellung gefehlt, doch der Schriftzug der Plane war ihr in Erinnerung geblieben: »Tandaradeis Wunderwelt – Hochwoolberümte Chauspielertruppe«. Der Rest, sofern sichtbar, war so bemalt, dass auch alle des Lesens Unkundigen sehen konnten, was sie erwartete.

Sonst hatte die Maga kaum eine Vorstellung ausgelassen, wenn Komödianten oder ähnliches Volk in der Stadt auftraten, diesmal war es leider nicht gegangen. Daher freute sie sich umso mehr auf die Bühnen Kendars. Beschwingt von dieser Aussicht versuchte sie noch einige Zeit, mit dem Wagen Schritt zu halten, um sich am Disput der Insassen zu erfreuen. Auch wenn sie nicht ernsthaft damit rechnete, mitten auf einer staubigen Straße einem interessanten Gespräch über die Kunst des Theaters beiwohnen zu können, so hoffte sie insgeheim trotzdem darauf. Vergebens, wie ihr bald klar wurde. Die Wortfetzen, die ihr Ohr erreichten, kreisten lediglich darum, ob mit den Einnahmen der letzten Wochen Kochgeschirr oder Stoff zum Schneidern und Ausbessern

von Kostümen angeschafft werden sollte. Da jeder der Beteiligten sich im Recht glaubte, war ein Ende des Disputs nicht abzusehen.

Serana wandte sich, mühsam ein Lachen unterdrückend, von dem Gefährt ab, als sie bemerkte, dass dort jeder auf seiner Position beharrte – und zwar auf der, gegen die er noch vor ein paar Minuten gewettert hatte. Die Schauspieler hatten ihre Rollen getauscht – obwohl sie gar keine spielten.

Allmählich leerte sich die Straße. Der Wagen der Theatertruppe hatte es irgendwie geschafft, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen und zog immer weiter davon. Mehr und mehr Leute, Karren und Tiere verschwanden in kleine Feldwege, die zu ihren Gehöften führten. All die Menschen aus den Dörfern ringsum hatten den Markttag in der Stadt genutzt und gingen jetzt wieder ihrem gewohnten Leben nach.

Serana wusste, dass zwischen hier und Kendar nur wenige Siedlungen und ein paar Herbergen lagen. Sie hoffte, die Nächste davon vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Im Freien zu übernachten wäre um diese Jahreszeit zwar kein Problem gewesen, und entsprechende Schutzzauber für einen Schlafplatz waren ihr ebenfalls bekannt. Nur der Gedanke an all das Ungeziefer löste eine gewisse Beklemmung aus. Über der Erde konnte sie es verscheuchen. Aber was, wenn sich irgendwelche Käfer aus dem Boden gruben, in ihr Haar krabbelten, dort ihre Eier legten?

Sie verscheuchte die Bilder des Schreckens. Wenn sie sich ein wenig beeilte, musste sie an derlei gruselige Dinge keine Gedanken verschwenden.

Sie beschleunigte ihren Schritt. Es war ausgesprochen angenehm, so zu wandern. Leichter Wind war aufgekommen, sodass sie nicht schwitzte und bereits nach kurzer Zeit ein beachtliches Stück des Weges zurückgelegt hatte. Die Maga lauschte dem Zwitschern und Gesang der Vögel, die in den Büschen am Wegesrand saßen oder hoch über ihr schwebten. Frei sein wie ein Vogel – dieses Gefühl stieg allmählich auch in ihr auf, denn sonst wanderte niemand mehr auf der sonnenbeschienenen Straße. Nach einer Weile bemerkte Serana überrascht, dass sie sang. Die Freiheit der Landschaft und die Melodien ihrer fliegenden Weggefährten ließen die Töne beinahe von allein über die Lippen kommen. In der anstrengenden Zeit des Lernens für die Examina war kaum Muße zum Singen geblieben, so sehr sie es auch liebte. Zu intensiv war sie von Vatonius‘ Sphärentheorem, den Astralfluktuationen der Zwischenwelten oder simplen Paraphernalienlisten in Beschlag genommen. All dies hatte Gedanken an Musik und Lieder weit in den Hintergrund treten lassen. Umso befreiter und gelöster entströmten die Klänge nunmehr ihrer Kehle. Ob es nun das kraftvolle »Ave Maga«, »Die zwölf kleinen Orks« oder einfach nur Melodie- und Textstücke waren, deren Herkunft sie nicht mehr kannte – allein das Gefühl dabei zählte. Sie sang mit Freude und ward durch den Gesang mit Freude erfüllt. Ihre helle, klare Stimme erscholl weit über die Felder. Viele der Vögel, die anfangs aus Verwunderung über den neuen Sänger in ihrem Konzert verstummt waren, fielen jetzt mit ein, und auf den Fluren und Wiesen um sie herum erklangen Töne, die nichts als reine, unbeschwerte Freude in sich trugen.

So hatte Serana, wenigstens für eine Weile, wieder Wegbegleiter gefunden. Einige der Vögel schienen ihr tatsächlich zu folgen, und so lauschte sie dem gegenseitigen Gesang, ohne selbst damit innezuhalten. Ein harmonisches Duett oder eher Septuagintett hatte sich gebildet und würde Serana wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

Dies hoffte sie zumindest, als sie nach geraumer Zeit – die Kerbalsscheibe war dem Horizont erheblich näher gerückt – aufhörte, ihre Stimmbänder zum Vibrieren zu bringen. Schließlich wollte sie in den nächsten Tagen auch noch sprechen können. Irgendwer fand sich schon für eine gepflegte Konversation oder ein fröhliches Gespräch – notfalls sie selbst. Der Staub umwirbelte ihre Füße, und ihr Schatten wurde langsam länger. Am Horizont erschienen die ersten Wipfel des Hundertmeilenwaldes, und Serana eilte sich, um wenigstens dessen Rand bis Sonnenuntergang erreicht zu haben. Man hatte ihr gesagt, dass die Straße, die langsam zu einem breiten Weg geworden war, ein bis zwei Stunden darauf zu einer Herberge, dem »Flinken Hirschen«, führte. Dies sollte ihr Ziel für den heutigen Tag sein. Am Morgen hatte sie zwar noch geplant, vor Einbruch der Nacht dort anzulangen, doch das Gedränge am Anfang ihres Weges, der Wagen der Schauspieler, das Konzert der Vögel – was auch immer sie aufgehalten hatte, sie würde wohl der letzte Herbergsgast werden.

Ob sich der Hundertmeilenwald wirklich an irgendeiner Stelle so weit erstreckte, wie es sein Name besagte, hatte niemand je herauszufinden versucht. Es war auch unwesentlich. Nur eine größere Straße durchzog ihn, und auf der befand sie sich. Auf einem Pferd nahm die Durchquerung vier Tage in Anspruch. Bis nach Kendar war es dann höchstens noch ein Tagesritt. Zu Fuß sah das natürlich anders aus. Der Abstand zwischen den Herbergen, die fast ausschließlich von vorbeikommenden Kutschen und Fuhrwerken lebten, betrug etwa dreißig Meilen. Wenn sie also nicht irgendwann ein Händler oder Fuhrmann mitnahm – so lag ein langer Marsch vor ihr. Bislang schmerzte zwar keines ihrer Glieder, doch es war ja auch erst der Beginn des Weges.

Ansonsten wusste man über diesen Wald recht wenig. Alles, was mehr als einen halben Tagesmarsch von dessen Rändern bzw. der Straße entfernt lag, war praktisch unbekanntes Gebiet. Elfen sollten in ihm leben, Trolle in seinen verborgenen Schluchten hausen, Hexen ihn als ihre Heimstatt sehen.

Serana überlegte. Wäre sie ohne die Akademie selbst zu einer Hexe geworden? Oder Schlimmerem? Magier und Hexen standen in einem eher gespannten Verhältnis zueinander. Es bestand nicht unbedingt eine Feindschaft, doch die Repräsentation der astralen Kraft, die Art zu zaubern und nicht zuletzt die Lebensweise unterschieden sich zu stark, um einander zu schätzen. Die Magie der Hexen war anders – und schlussendlich schwächer. Sie lebten eng mit der Natur verbunden, meist zurückgezogen, und besaßen in Tieren oft die alleinigen Vertrauten, da sie die Menschen und die Menschen sie mieden. Dass viele der Frauen, welche die Leute als Hexe bezeichneten, noch nicht einmal einen Zugang zur Magie besaßen, sondern einfach nur über Kräuter und Heilkunde Bescheid wussten, stand ohnehin auf einem anderen Blatt. Serana war bisher nur einer einzigen wahrhaften Hexe begegnet. Vor einiger Zeit hatte diese aus persönlichen Gründen an der Akademie geweilt und die Novizen in Handhabung und Gebrauch von Kräutern unterwiesen. Ab und an hatte sie dabei auch diverse Bemerkungen zu Fluchmagie einfließen lassen – ohne jedoch eines ihrer »Geheimnisse« zu offenbaren. Serana war besonders die Katze in Erinnerung geblieben, die die ganze Zeit die Beine der alten Frau umstrich.

Zu dieser Zeit war Serana zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie viel Glück sie als kleines Mädchen gehabt hatte: Zwei Tage nach ihrem achten Geburtstag war ein Fremder in ihr Dorf gekommen, mit seltsamer Kleidung und langem Stab. Er war nur auf der Durchreise gewesen, hatte nach einer Unterkunft gefragt. Und ihre Eltern nahmen ihn freudig auf, als er ein ganzes Silberstück bot. Am Abend saßen sie alle gemeinsam am Tisch – und er strich beiläufig über ihren kahl geschorenen Schädel. Sie hatte es gehasst. Einen Augenblick später schnellte ihre Suppenschüssel nach oben und ergoss sich über seinen langen, feuerroten Bart.

Fast automatisch glitt Seranas Hand zu ihrer linken Wange, wo sie die Ohrfeige ihres Vaters damals so heftig getroffen hatte, dass sie auf den Boden prallte. Er schlug sie nur selten. In letzter Zeit jedoch waren schon öfter derart merkwürdige Dinge geschehen, für die er sie hart bestrafte. Obwohl sie nur ein kleines Mädchen war, hatte sie gespürt, dass er es nicht aus Wut tat, sondern aus Angst. Angst um sie. Nur verstand sie es damals nicht.

Der fremde Mann mit dem feuerroten Haar war jedoch nicht wütend geworden, hatte sich sogar schützend vor sie gestellt, ihr aufgeholfen und sie gebeten, kurz stillzuhalten. Nach einem kurzen Wortwechsel mit ihren Eltern sprach er seltsame Formeln, vollführte einige Gesten – und bat ihre Eltern, draußen allein mit ihm zu sprechen.

Ihr Vater schickte sie ins Bett – und sie entsann sich noch der besorgten Miene ihrer Mutter. Erst viel später erfuhr sie von ihren Eltern, was in jener Nacht besprochen wurde – und wie schwer es ihnen gefallen war, ihr kleines Mädchen mit dem fremden Mann fortzuschicken.

Damals jedoch hatte sie bitterlich geweint, sich tausendmal für die Suppe entschuldigt, ihren Vater angefleht, bleiben zu dürfen. Sie hatte nicht verstanden, was die Worte Magie, Begabung, Akademie und Stipendium bedeuteten, hatte nur gesehen, wie ihre Eltern ebenfalls weinten – und sie trotzdem in die Hand des feuerroten Mannes gaben.

Fast eine Woche war sie mit dem Fremden gereist. Er zeigte ihr Licht, das aus dem Nichts erschien, unsichtbare Wände, erzählte ihr von den Göttern, und dass eine von diesen, Hethena, besonders auf sie achtete.

Dann erreichten sie eine große Stadt, mit mehr Menschen, als sie je in ihrem Leben gesehen hatte – und er brachte sie in ein riesiges Haus, das dann für die nächsten zehn Jahre ihr Zuhause wurde.

Wieder zurückgekehrt aus der Welt ihrer Gedanken wurde Serana klar, dass sie über den Hundertmeilenwald wohl nur unmerklich mehr wusste als all die anderen Reisenden, die ihn durchquerten. Nun – so würde er eine Erfahrung werden.

Energischen Schrittes, der Zögern nicht duldete, betrat die junge Maga den Teil der Straße, der schon von den Schatten der Bäume verdunkelt wurde. Bald brach die Dämmerung herein. Bis zur nächsten Herberge waren es noch ungefähr zwei Stunden. Zumindest das letzte Stück des Weges würde sie in absoluter Dunkelheit zurücklegen müssen. Entweder verschaffte sie sich dann auf magische Weise Licht, oder ihr Stab musste sie davor bewahren, im Graben zu landen.

Der Wald schien erst jetzt richtig zu erwachen. Überall knirschte und knackte es im Unterholz. Eulen ließen von fern ihre Rufe ertönen und ständiges Huschen am Wegesrand war Seranas Begleiter. Diese Empfindung eines pulsierenden Lebens, obwohl keine Person außer ihr selbst anwesend war, hatte sie in der Stadt nie gehabt. Es war anders – doch schön. Jene Unzahl von Geräuschen, die auf seltsame Art und Weise ein Gefühl der Ruhe vermittelten, so etwas war der Umgebung der Häuser und Straßen fremd – und sie genoss es ebenso sehr wie den Gesang der Vögel am Nachmittag.

Vorsichtiger setzte sie nunmehr ihre Schritte, denn vom Mondschein, der die Straße bisher in ein fahles Licht getaucht hatte, drang kaum noch etwas durch die dichter werdenden Bäume.

Serana blieb stehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Statt sich den Weg zu beleuchten, träumte sie einfach vor sich hin und stolperte durch die Dunkelheit.

›Bei meinem Geschick lande ich direkt im nächsten Ameisenhaufen‹, lachte sie über sich selbst. ›Magister Rondarius würde mich als Strafe für angewandte Dummheit bestimmt noch mal extra mit dem nackten Hintern reinsetzen – und Spektabilität Treidek meine Ernennung zur Maga gründlich überdenken.‹ Bloß gut, dass sie allein war!

»Globus lucis – Kugel des Lichts«, sprach sie laut und schnippte mit den Fingern. Eine bläulich-weiße Lichtkugel schwebte über ihrer Hand, und zwischen den Bäumen flatterten erschrocken Vögel auf.

›Schon besser.‹

Im Schutze der Bäume schien sich das Gasthaus fast vor den Blicken der Vorüberziehenden wegducken zu wollen. Das tiefgezogene Dach aus Holzschindeln wurde nur von einem kleinen Schornstein unterbrochen, aus dem der Rauch der Küche stieg und wenig später im Dunkel der Nacht verschwand. Über dem Eingang schwang im leichten Wind ein Schild mit dem Schriftzug »Zum flinken Hirschen«, auf dem ein ebensolcher zu sehen war – mitten im Sprung begriffen.

Serana ließ den Zauber enden. Aus der Gaststube erklang reges Stimmengewirr. Ein paar Männer blickten auf, als sie eintrat, wandten jedoch die Aufmerksamkeit rasch wieder einer anderen Gruppe von Personen zu: den Schauspielern von »Tandaradeis Wunderwelt«. Diese schickten sich augenscheinlich an, eine Kostprobe ihres Könnens zum Besten zu geben. ›Wohl weniger zum Besten als zum Umgehen der Übernachtungskosten‹, dachte die junge Maga. ›Rezitiere für Essen‹, wäre ihr beinahe über die Lippen gekommen, doch sie unterdrückte die Bemerkung mit einem Schmunzeln und gesellte sich stattdessen lieber zu den erwartungsvollen Gästen. Vielleicht musste sie ja selbst bald irgendwelchen Wagen oder Reisenden ihre Dienste als lebende Laterne anbieten. Schnell wischte sie diesen unerfreulichen Gedanken beiseite und nahm Platz.

›Der erste Tag ist noch nicht einmal vorüber – und schon gibt es Theater.‹ Ehe Serana wieder in weitschweifigen Erinnerungen an die Theaterbesuche während ihrer Akademiezeit schwelgen konnte, trat der Wirt der Herberge an sie heran. »Was wünscht ihr, junges Fräulein?«

»Lectum, cibum, aquam«, antwortete Serana, die lediglich ein Bett, Brot und Wasser bestellen wollte, aber in Gedanken bereits ganz bei dem bald beginnenden Theaterstück weilte.

»Wie bitte?«, fragte der verdutzte Wirt. Erst da wurde Serana bewusst, in welcher Sprache sie ihre Wünsche vorgetragen hatte: der Sprache der Alten. Und ihr war auch klar, warum. An der Akademie hatte man viel Zeit auf deren perfekte Beherrschung gelegt, da nahezu sämtliche magischen und nicht-magischen Bücher in ihr abgefasst waren. So war es jedwedem Adepten untersagt, sich außerhalb der Privatquartiere in seiner Muttersprache zu artikulieren – was sogar für die Schankstube der Akademie galt.

»Verzeiht. Ich meinte: ein Zimmer für die Nacht und etwas zu essen mit einem Becher Wasser bitte. Was würde das kosten?«

»Die Zimmer sind schon alle von den Kaufleuten belegt, aber für drei Heller könnt ihr ein Strohlager im Schlafsaal haben. Zu essen ist nur noch Eintopf da. Zwei Heller«.

Serana nickte. »Gut.«

Der Wirt ging kopfschüttelnd davon und kehrte kurz darauf mit einer Schüssel Eintopf und einem Becher Wasser zurück.

Gut, die belegten Zimmer waren zu erwarten gewesen. Und sie hatte sich ja an der Akademie auch gründlich darauf vorbereitet. Dennoch behagte ihr der Gedanke an ein Strohlager im Schlafsaal überhaupt nicht. Hätten die meisten Mädchen an der Akademie davor zurückgeschreckt, in einem Raum mit fremden Männern zu schlafen, so fürchtete sie dieses deutlich weniger als all das Ungeziefer, das dort herumkrabbelte. Im Schlafsaal nächtigten so viele Leute, einschließlich der Frauen der Schaustellertruppe – da würde ihr schon nichts geschehen. Doch all die Käfer und Spinnen, von noch kleineren Insekten ganz abgesehen …

Serana riss sich aus ihren Gedanken zurück. Sie wusste sich zu helfen. Punkt. Außerdem war der Schlafsaal garantiert deutlich billiger als ein Zimmer. Zudem gab es gleich ein Theaterstück und dampfendes Essen stand vor ihr – kein Grund also, missmutig zu sein.

Der Eintopf war überaus schmackhaft, kein Wunder nach einer so langen Wanderung. Vielleicht noch etwas Majoran. Ihre eigentliche Aufmerksamkeit weilte ohnehin nicht beim Essen, sondern bei der bevorstehenden Aufführung. Am Nebentisch unterhielten sich zwei der Händler über die Schauspieler und das Stück.

»Die hab ich schon mal gesehen. Hoffentlich spiel’n sie was Neues.«

»Soll wohl um den Krieg im Norden gehen. Wie der damals angefangen hat. Angeblich kämpfen die dort gerade schon wieder.«

»Angefangen? Kämpfen Pardia und Galorien nicht schon immer gegeneinander?«

»Nein, ich glaub, erst seit zweihundert Jahren.«

»Hm, kann sein, bin noch nie dort gewesen. Hab gehört, dort gibt’s nicht viel außer Wald.«

»Aber jetzt werben sie überall Söldner an. Bin mal gespannt, ob sie die überhaupt bezahlen können. Ist mir aber eigentlich egal. Zu weit weg, um von Interesse zu sein. Vielleicht ist wenigstens das Stück gut.«

Ein Teil der Gaststube war schnell als Bühne umdekoriert worden, und das Stimmengewirr der Gäste verstummte, als ein großer Mann mit dichtem, ergrauendem Haar hervortrat.

Schwindender Zeiten schwindende Mär –

bin ich hier euch zu künden,

Voll Lieb’ und Leid, voll Kummer gar sehr –

mögt Freud’ und Lehr’ ihr drin finden.

Es lebt’ einst am Hof von Galorienhall –

ein’ jungferne Maiden so süß.

Durch alle Gemächer frohlocket ihr Schall –

und keinen ihr’ Stimme verdrießt.

Doch bald verkehrt ward in Kummer die Freud –

bald herrschten Sorgen und Leid.

Doch sehet nun selbst, was dereinst geschah –

und sehet vergangene Zeit!

Der Erzähler verließ die Bühne und kurz darauf traten das angekündigte Mädchen sowie ein König hinter dem Vorhang heraus. Unter der Krone des Herrschers schimmerte das Haar des Erzählers.

Herzliebster Vater, seid mir gegrüßt!

Ich kann kaum bezähmen die Worte!

Doch sprecht, doch redet, doch sagt mir geschwind:

»Wie war es am fernen Orte?«

Schlimmes gar muss ich nun künden,

das strahlende Antlitz dir trüben,

Zu erschreckender Nachricht Mitwiss’rin

dich nun erküren:

Maldon, der König, dem auszog ich

Frieden zu bieten, verneinte

Und verschlimmerte gar noch

drohenden Krieges Gefahr.

Plündern würd’ ziehen sein Heerbann

und morden das Vieh und die Menschen,

Auch zerstören die Häuser

unseres Volks mit Gewalt.

Schlimmer war fast noch

der hoffnungsbegleitete Ausweg vom Kriege.

Zum Zerspringen mein’s Herzens

trug er letztendlich erst bei.

Vater so redet, schweigt länger nicht mehr!

Was könnt’ das Volk wohl erretten?

Was sichern die Krone, was schützen das Reich?

Was brechen des Krieges Ketten?

Stürmisch sind Herzen der Jugend,

wenn Lebens Verbitt’rung sie schonte.

So erzähle ich dir nun zitternd des Maldons Gebot,

Sprechend, wie Maldon es sagte

in seiner gar grausamen Stimme,

Wie bedrückend es meinem Herzen

wohl seien auch mag:

Tritt ein, o König, o herrlicher Fürst,

Erhelle dein Leuchten die Halle!

Erzittern werd’ ich, weil zertreten du wirst

Mich, mein Heer, einfach alle.

Vernichtet wird werden die Ritterschaft mein

Durch deine Bauern und Knechte.

Die Streitross’, sie flieh’n vor den Eselein dein’.

Ein Schäfer wird führ’n deine Mächte.

Doch genug des Gelächters, du stiehlst mir die Zeit!

Warum also bist du gekommen?

Ich kenne dein »Heer«, es ist nur ein Witz,

Ich hab’ es mit Freuden vernommen.

Goldene Ringe, Geschmeide fein,

Münzen aus Silber und Golde.

Dies gehören Euch soll,

wenn Krieg Ihr mit Frieden vertauscht.

All das wird mein sein, wenn ich Euch bekriegt,

All das und noch sehr viel mehr.

In ein paar Tagen hab’ ich Euch besiegt,

Denn groß ist und mächtig mein Heer.

Moment mal, da kommt ein Gedanke mir,

Will sehen, ob ich ihn fasse:

Die Schönheit Eu’r Tochter dünkt mir gar schier,

So schier wie das Gold Eurer Kasse.

Schickt Ihr innert Tagen die Tochter zu mir,

Zu Hochzeit und Braut mir zu geben,

Die Tochter und Euer Golde so schier,

So hindert Ihr Krieg, rettet Leben.

Zweifelnd und schmerzender Seele

befrage ich dich nun, lieb’ Tochter,

Was auch Herz und Verstand dir sagen,

so soll es gescheh’n. Ich befolg deinen Rat.

Vater, ich halte Treue dem Reich,

Und kostet’s das eigene Leben!

Werd’ freien Maldon, so schrecklich er ist,

Zu schützen des Volkes Leben.

Die Gäste der Herberge, und mit ihnen Serana, wurden von der düsteren Atmosphäre des Stückes ergriffen, als sich Vater und Tochter, König und Prinzessin, schluchzend in die Arme sanken – wohl wissend, dass das eigentliche Unheil noch bevorstand.

Wenige Augenblicke später hatte sich die Bühne in ein düsteres Gemäuer verwandelt, scheinbar das Schloss Maldons. Ein knochiger Greis trat auf. Im wirklichen Leben mochte er wohl gar nicht so alt sein, doch sein gebückter Gang und die dunkel unterlegten Augen erweckten den Eindruck. Sollte das Maldon sein? Kurz darauf wurde die Befürchtung der Zuschauer zur Gewissheit, denn ein junges Mädchen mit gelocktem, hellbraunem Haar, die Prinzessin, erschien. Sie trug noch das festliche Kleid der Hochzeit, aber ihr Schleier war bereits gelöst, und ihr Gesicht spiegelte die Ängste vor einer ungewissen, doch nahen Zukunft wider.

Kommt her, holdes Fräulein, oder sollt’s heißen »Frau«?

Kommt her und gesellt Euch zu mir!

Ihr nur und ich, auch Ihr wisst es genau,

Heißen ab heut’ nur noch »wir«.

Mächtiger König, Eh’gatte mein,

Von jetzt an seid Ihr mein Gebieter.

Gehorchen werd’ ich von jetzt an wohl Euch

Und knie auch gehorsam nieder.

Rückt näher an mich, Gemahlin oh mein!

Rückt nah, denn ich will Euch spüren!

Heut Nacht denn, wohlan, werd’ allein ich nicht sein,

Drum lasst Euch ins Schlafgemach führen.

Zögert nicht lange, bedenkt Euer Wort!

Ihr kamt, Euer Reich zu erretten.