Der Flug mit dem roten Drachen - Gebhard Friebel - ebook

Der Flug mit dem roten Drachen ebook

Gebhard Friebel

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Opis

Nach seinen bisherigen, ebenfalls in Asien spielenden Thrillern „Blutiger Reis" und „Ein weisser Koffer", schildert Gebhard Friebel im neuesten Band wieder ein äusserst packendes und spannendes Geschehen, diesmal im heutigen China. Er lebte mehr als ein Jahr als Übersetzer im Land des roten Drachens. Daher bietet die Handlung wieder umfangreiche Einblicke in Mentalität und Verhalten der chinesischen Bevölkerung, aber auch in das von Militär- und Polizeiwesen. Als Protagonist tritt er wieder selbst mit seinen drei Neffen auf, sowie mit einem realen Hovercraft-Konstrukteur und einem ehemaligen US-Piloten in Laos und Vietnam. Zu den Haupt-Akteuren gehören ferner eine hochkarätige, chinesische Wissenschaftlerin und ein US-Geheimdienstmitarbeiter. Das unbeabsichtigte Eindringen der Freunde mit dem Hovercraft in eine militärische Sicherheitszone löst eine Verhaftung der Gruppe aus, die vor ein Militärtribunal gestellt werden soll. Unter Druck der Deutschen Bundeskanzlerin, werden sie vorläufig gegen Kaution freigelassen. Nachdem der Versuch der Wissenschaftlerin, mit Hilfe des Geheimdienstmitarbeiters, das Land zu verlassen, scheitert, flüchtet die ganze Gruppe mit dem Hovercraft auf die Philippinen, wo ein Teil von ihnen von einer islamistischen Terrorgruppe, auf Veranlassung des russischen Geheimdienstes, gekidnappt wird. Amerikanische Mariners befreien die Gekidnappten in einem Handstreich. Die Wissenschaftlerin kann in den USA ihr Wissen an Raketen-Experten weitergeben, aber... Ein Thriller mit vielen raffinierten Verwicklungen und Einblicken in die Technik der Weltraumrakten in China, den USA und in Russland. Der Autor hat sich beruflich und als Tourist häufig in Thailand und Kambodscha aufgehalten. 1998 bis 1999 lebte er als Übersetzer im südlichen China. Seine vielfältigen Erfahrungen in diesen Ländern hat er in seine bisher drei erschienenen Thriller "Blutiger Reis", "Ein weisser Koffer" und "Der Flug mit dem roten Drachen" einfliessen lassen. Anstoß zu seinem vierten Asien-Thriller gaben ihm die auf seinen Reisen erfahrenen Kenntnisse über die noch immer verfolgten Volksgruppen der H'mong in den verschiedenen Ländern. So bereiste er Laos mehrere Male ausschliesslich, um sich in diesem Land eingehend zu informieren, weil hier wohl der stärkste Druck auf diese Menschen ausgeübt wird.

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Gebhard Friebel

Der Flug

mit dem roten

Drachen

Thriller

Universal Frame

All rights reserved • Copyright © 2015

Titelgestaltung Werner Hense

Titelfoto: Sanya City, © ansonseeno - Fotolia

Universal Frame Verlag GmbH, Zofingen

ISBN 9783905960617

Die historischen und aktuellen Hintergründe sind real und

wahrheitsgetreu beschrieben

Inhalt
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Anmerkungen zu den Fußnoten
Die wichtigsten handelnden Personen

Teil 1

Auf dem Rockwell Marlin Testgelände am Groom Lake in Nevada starrten die Techniker auf ihre Monitore. Diesmal gelingt es! Der Countdown lief. Bei Zero wurde die erste Stufe gezündet. Sie brannte ordnungsgemäß ab. Würde diesmal die zweite Stufe ohne Probleme zünden? Die zweite Stufe war das Problemkind.

Die Techniker hatten die Geschwindigkeit der Treibstoffzündung durch Einbau neuer Ventile, wie schon viele Male vorher, modifiziert. Man hatte auch die Treibstoffzusammensetzung verändert. Und, und, und! Siebenmal war es beim Zünden der zweiten Stufe zu unkontrollierten Explosionen gekommen, die zum kompletten Verlust aller Stufen geführt hatten. Verdammt! Wieder dieser übermäßig grelle Lichtblitz!

Ein Stöhnen durchlief den Kontrollraum. Wieder das gleiche Desaster wie schon sieben Mal vorher. Aber man brauchte diese großen Raketen mit der höheren Nutzlast. Heute waren die drei höchsten Chefs der Rockwell Marlin Raumfahrt Sparte persönlich anwesend: Bob Winter, CEO von Lockheed Space Systems, Dick Henson, Abteilungsleiter flüssige Brennstoffe und Ralph Miller, dessen Stellvertreter. Sie sahen sich mit versteinerten Minen wieder und wieder die Aufzeichnungen an.

Bob Winter brach das Schweigen. „So kann es nicht weitergehen! Abgesehen davon, dass jedes Mal zwölf Millionen Dollar verpuffen. Der politische Druck auf unsere Firma ist in den letzten Wochen stärker und stärker geworden“.

Dick drehte sich mit verzweifeltem Gesichtsausdruck zu Bob Winter: „Ich kann es gut verstehen. Europäer und Chinesen haben erfolgreich Raketen mit Nutzlasten von bis zu 30 Tonnen für einen erdnahen Orbit getestet. Klar, dass unsere Führung befürchtet, den Anschluss an diesen künftigen Milliardenmarkt zu verlieren. Immer mehr Staaten wollen neue Kommunikations-und Wettersatelliten. Auch Satelliten mit diversen anderen Aufgaben sollen in eine Umlaufbahn geschossen werden.“

*****

Udo schreckte hoch und riss die Augen auf. Schummriges Licht. Starker Druck auf den Ohren. Gleich würde sein Kopf platzen. Sein Mund öffnete sich. Der Druck ließ nach. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern. Sein Herz raste noch immer: viel zu schnell, immer wieder Aussetzer. Nach dem Aufprallen ein polterndes Dahingleiten. Das war Realität. Er öffnete wieder die Augen und sah nach rechts. Er erkannte das Kabinenfenster. Er spähte ungläubig hindurch. Undurchdringliche Schwärze. Er wurde schaukelnd nach rechts und links gezogen. Er fühlte: er war angeschnallt. In weiter Entfernung huschten hinter dem Fenster immer mehr Lichter vorbei. Die Lichter bewegten sich allmählich langsamer. Er schloss die Augen.

Die Erinnerung kam zurück. Sie waren in Hongkong am späten Nachmittag zu dem kurzen Flug gestartet. Nach zwei Gläsern Rotwein war er eingeschlafen. Sie waren also am Ziel, eben in Sanya gelandet. Er verfluchte sich selbst und seine Albträume. Schon oft war er orientierungslos in einem Flugzeug aufgewacht. Orientierungslos, und gleichzeitig mit Angst vor dem Aufprall der abstürzenden Maschine. Das Wissen um Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins, jedes Mal. Langsam kehrte Normalität in sein Denken und Empfinden zurück. Erschöpft lehnte er sich zurück.

„Hier ist alles sehr zivilisiert; fast so wie zu Hause. Außerdem kilometerlange, tropische Palmenstrände, glasklares Wasser, weißer Sand, gute Preise.“

So hatte es im Einladungsbrief seines Onkels gestanden. Und: „Hier am Strand findest du jede Menge Ruhe.“

Die werde ich brauchen, nach dem Stress zu Hause.

Seine Gedanken konzentrierten sich. Er dachte klarer.

Offenbar ging es dem Onkel gut, da, wo er jetzt war. Verwandte und Bekannte hatten ihn gewarnt, aber aber auch insgeheim bewundert.

Und jetzt: Urlaub in China!

Das konnte sich kaum jemand vorstellen. Ob das gut geht? Was da alles passieren kann?

Jetzt also waren sie gelandet. Es war eine harte Landung gewesen. Eben, auf dem ‚Phoenix International Airport‘ in Sanya! Phoenix International Airport.

Der Name klingt verheißungsvoll!

So hatte er bei der Buchung gedacht.

Sanya! China!

Das war sie nun, die unbekannte Gegenwart!

Die Maschine sprang noch zweimal auf der Landebahn auf und nieder, bis sie zum Ausrollen kam.

„Der Pilot ist früher Cowboy gewesen“.

Udo wischte sich den Schweiß aus der Stirn und sah zu seinem neben ihm sitzenden Freund Fritz Odermatt.

„Aber, dass es in China Cowboys gibt, ist etwas Neues“.

Fritz grinste. Meist gab er als Kommentare lediglich ein ‚Mmm’ oder ein ‚Eee’ von sich. Jetzt schienen sogar solche Minimaläußerungen zu viel zu sein und zu anstrengend. Doch etwas ritt ihn nun: Er packte all seine Energie zusammen und murmelte etwas vor sich hin.

Es klang wie: „Mongoleicowboys.“

*****

Nastassja Kurow, ihr Verlobter Valentin Malenko und dessen Freund Viktor Koskow hatten gestrahlt. Sie waren am Abend des Vortags übermüdet nach einem langen Tag auf dem Sanya ‚Phoenix International Airport‘ gelandet.

Der Flug von Moskau nach Sanya hatte nur vier Stunden gedauert. Allerdings war die Maschine nicht wie geplant um 10 Uhr am Morgen gestartet. Wegen technischer Probleme hatte sich der Start bis um 18 Uhr verzögert. Die acht zusätzlichen Stunden Aufenthalt waren nervig und kostspielig gewesen. Valentin hatte gestöhnt: „ein großes Bier im Flughafen für 6 US$. Die sind verrückt. Alles Verbrecher!“ Aus Rücksicht auf seine Verlobte, die er liebevoll ‘Nasty’ nannte, und der Preise wegen, hatte sich Valentin beim Biertrinken zurückgehalten. Sein Freund Viktor war deswegen sauer geworden.

Missmutig starrten sie wieder und wieder auf die Anzeige.

‚Delayed’

Das Unwort dieses Tages!

Viktor schlenderte durch einen Duty-Free Shop und kaufte eine Flasche feinen Cognac, die er in seinem Rucksack verstaute. Nach drei Toilettenbesuchen Viktors wunderten sich Nastassja und Valentin, dass sich dessen schlechte Laune merklich aufgehellte. Valentin, der mit Viktor seit einem gemeinsamen Einsatz in Afghanistan befreundet war, ahnte die Ursache.

Als Nastassja die Toilette aufsuchte, übergab Viktor seinem Freund den Cognac. Valentin verschwand ebenfalls. Nachdem er sich noch einmal verdrückt hatte, entsorgte er die leere Flasche in einem Papierkorb.

Nach Rückkehr Nastassja schlug Viktor vor: „Wir könnten im Duty-Free Shop eine Flasche Cognac kaufen. Zur Überbrückung der Langeweile und gegen den Frust. Was denkt ihr?“

„Ich will keine Spielverderberin sein,“ sagte Nastassja. „Nur bringt mir bitte je eine Flasche ‚Bailey Irish Cream’ und ‚Coca Cola‘ mit. Das schmeckt besser als Cognac. Los schon, fort mit euch!“

Das war den beiden Freunden mehr als recht gewesen. Konnten sie doch die neue Flasche Cognac nun allein genießen.

Am späten Nachmittag erreichte die Stimmung der drei jungen Leuten ihren Höhepunkt. Als dann die Fluggesellschaft ihren Fluggästen freie Getränke als Zeichen der Entschuldigung anbot, führte das dazu, dass die Alkoholpegel der Freunde sich nochmals erheblich erhöhten.

Die während des endlich stattfindenden Fluges ebenfalls frei angebotenen Erfrischungen bewirkten, dass das Trio nach der Landung sichtlich angeheitert war.

Die chinesischen Passkontrolleure waren alkoholisierte Russen gewöhnt, und fertigten die Touristen in Windeseile ab, da sie planmäßig den letzten internationalen Flug bereits um 20 Uhr hätten abfertigen sollen. Die Kontrolleure wollten schnellstens nach Hause. Vom ‚Willkommensdrink’ im Hotel Holiday Inn, wo sie einquartiert waren, hatte das Freundestrio kaum noch etwas mitbekommen.

Am nächsten Morgen traf man sich mit dickem Kopf im Frühstücksraum und beschloss, am ersten Urlaubstag mit der ersten Erfrischung nicht vor 14 Uhr zu beginnen.

*****

„Weg du Schwein! Valentin, Viktor!“ rief sie empört.

Der Überfall kam völlig überraschend für die drei Urlauber aus Russland. Seit vier Tagen hatten sie sich unterhalb des Hotels am Strand aufgehalten. Dass hier immer wieder Mopeds entlangfuhren, erschien inzwischen nicht mehr beachtenswert.

Als sich von hinten zwei Mopeds näherten, schenkten die Russen ihnen daher keine Beachtung. Die junge Frau spazierte neben der Wasserlinie auf dem trockenen Sand. Die beiden durchtrainierten Kriegsveteranen wateten im flachen Wasser neben ihr her.

Das erste Moped fuhr nahe an Nastassja vorbei. Der Beifahrer versuchte, der jungen Frau den Rucksack von der Schulter zu reissen. Sie hielt ihn jedoch am breiten Tragriemen entschlossen fest.

Mit Widerstand hatte der Dieb nicht gerechnet. Er ließ den Rucksack jetzt los, weil sein Fahrer bedenklich ins Schwanken kam, und Gefahr lief, umzukippen.

Viktor sauste aus dem Wasser heraus hinter dem langsam fahrenden Moped her.

„Dir werd’ ich’s zeigen, du Bastard!“

Als er es fast eingeholt hatte, um den Dieb vom Fahrzeug herunterzuziehen, war das zweite Moped neben ihn.

Der Mann auf dem Rücksitz schwang eine Machete und traf die rechte Schulter Viktors. Mit einem tierischen Schmerzensschrei ließ der seinen Rucksack zu Boden fallen.

Der Fahrer des ersten Mopeds beschrieb einen engen Kreis. Dessen Beifahrer schlug mit ebenfalls gezogener Machete Valentin, der etwas langsamer aus dem Wasser angerannt kam, auf den nach ihm ausgestreckten Arm.

Beide Mopeds hielten an.

Die Beifahrer sprangen ab.

Die Frau schrie in Panik um Hilfe.

Einer der Gangster erhob eine Machete und schlug jetzt auf sie ein. Die Frau zog instinktiv ihren Kopf zur Seite. Der Angreifer erwischte aber die linke Seite ihres Kopfes. Die Machete trennte ihr Ohr ab und blieb in der Schulter stecken.

Ihr Rucksack fiel zu Boden.

Valentin versuchte, mit seinem unverletzten Arm auf den zweiten Angreifer einzuschlagen. Einer der Fahrer hatte sein Moped zur Seite fallen lassen und rannte mit gezogenem Messer von hinten auf Valentin zu.

Der Russe drehte sich genau in dessen Messer hinein, torkelte und stürzte schwer verletzt zu Boden.

Viktor fiel nach einem zweiten Machetenschlag auf die Knie.

Die Beifahrer sammelten blitzartig die drei am Boden liegenden Rucksäcke auf und bestiegen die Mopeds.

Hastig fuhren die vier Verbrecher mit ihrer Beute davon, nachdem sie die mit Blut besudelten Macheten in den Rucksäcken der Urlauber verstaut hatten.

Über die nächste Strandzufahrt erreichten sie die parallel zum Strand verlaufende Strasse und verschwanden in Richtung Sanya.

Oberhalb des Strandes war dieses Schauspiel, in ungefähr 50 Metern Entfernung, von einer Gruppe von etwa zwanzig Chinesinnen und Chinesen, die dort mit ihren Kindern picknickten, interessiert verfolgt worden. Doch keiner der Erwachsenen kam zu Hilfe.1

An der kaum 500 Meter entfernten Beachbar des Holiday Inn wurde der Vorfall ebenfalls bemerkt. Als die ersten beiden Weißen bei den drei am Boden liegenden Verletzten angekommen waren, blieb ihnen nur die Möglichkeit, erste Hilfe zu leisten.

Der Barkeeper der Beach Bar alarmierte telefonisch die Touristenpolizei. Etwa 20 Minuten später erreichte der erste alarmierte Polizeiwagen den Tatort. Dessen Besatzung forderte per Funk drei Krankenwagen an, die nach weiteren 20 Minuten eintrafen und die Verletzten ins Armeehospital transportierten.

Die drei Überfallenen schwebten aufgrund ihres hohen Blutverlustes in Lebensgefahr und wurden nach mehreren Bluttransfusionen noch am selben Abend nach Moskau ausgeflogen.

*****

Im Polizeihauptquartier von Sanya herrschte große Hektik. Der Polizeichef, General Xi Xieng, hatte am Morgen vom Gouverneur der autonomen Verwaltungsregion Sanya, die Beijing direkt unterstellt war, einen Anruf erhalten. Er ließ alle amtierenden Polizeidirektoren zu sich ins Büro rufen.

Als sie vor ihm saßen, schnauzte er los.

„Der Gouverneur hat sich beschwert. Der Presse Attaché der chinesischen Botschaft in Moskau hat ihn informiert, dass ein ungeheurer Wirbel um den Überfall auf drei jungen Russen in Moskau gemacht wird. Der Überfall ereignete sich am Strand hinter einem der Ausländerhotels. Eines der Opfer war die Tochter eines Staatssekretärs im Moskauer Innenministerium.“

Polizeidirektor Chang, ein älterer, dicklicher Polizeioberst, erhob sich. Er war Xi Xiengs Schwager, und der Einzige unter den Direktoren, der sich getraute, seinem Chef zu widersprechen.

„Sie sollten sich nicht verrückt machen lassen. Überfälle auf Ausländer sind keine Seltenheit. Sowohl am 30 km. langen Strand der Sanya Bay als auch mitten in der City von Sanya. Das wissen wir alle.“

Oberst Chang war stehen geblieben und knurrte ärgerlich in Richtung seines Verwandten.

„General Xi, alle müssen irgendwann sterben. Die Opfer haben doch überlebt, soviel ich weiß!“

General Xis Gesicht lief rot an.

Er brüllte: „Ich habe es schon einmal gesagt: Der Vater der Frau ist Staatssekretär in Moskau!“

Oberst Chang antwortete mit fester Stimme: „95% der Touristen hier sind Russen. Am Strand von Yalong Bay, wo die teuersten Hotels liegen, passiert nichts mehr. Dort patrouillieren 3.000 Polizisten in Zivilkleidung rund um die Uhr. Beijing brauchte nur 6.000 bewaffnete Polizisten zu schicken. 3.000 für die Sanya Bay, und die gleiche Anzahl für Sanya City. Dann wäre Ruhe.“

Chang setzte sich.

„Ihr wisst genau, dass wir die Leute nicht bekommen,“ sagte General Xi resigniert.

Oberst Chang erhob sich wieder. „Die Russen brauchen nur ihre direkte Flugverbindung zwischen Moskau und Sanya einzustellen.

Sanya ist für die russischen Geier ein beliebtes Urlaubsziel geworden. Die zollfreien Einkaufsmöglichkeiten und das geringe Preisniveau von Hotels, Restaurants und Prostituierten locken sie in unser Land. Ich mag die weißen Teufel nicht.“

Zustimmendes Raunen machte sich breit.

General Xi klopfte mit einem Lineal auf den Schreibtisch.

„Ruhe! Über solche Überfälle wird üblicherweise weder in Zeitungen noch im Rundfunk oder Fernsehen, in China und Russland berichtet. Diesmal war es anders. Wie auch immer, eine Moskauer Boulevardzeitung, die ‚Komsomolskaya Prawda’ hat von dem Überfall und dem Rücktransport Wind bekommen und einen Mordswirbel veranstaltet. Vor allem wusste dieses ‚Schmutzblatt’, dass in den vergangenen zwölf Monaten über 200 Russen Opfer von Raubattacken geworden sind.“

„Stimmt das?“, fragte Oberst Ping, ein erfahrener Polizeioffizier aus Gouangzhou.

Chang drehte sich um. „Leider ist es wahr, Ping, Solche Informationen müssen geheim gehalten werden. Es ist ja ähnlich, als würde man den Anstieg der Selbstmordraten in den Sozialbauten für umgesiedelte Fischer an die große Glocke hängen. Es wäre eine Katastrophe; das passt nicht ins Bild.“

General Xi Xieng schaltete sich ein: „Meine Rede! Bisher interessierten die Überfälle niemanden. Woher diese Informationen kommen, ist unbekannt. Es muss einen Informanten bei der Kriminalpolizei hier in Sanya gegeben haben. Sie ist für Überfälle auf Ausländer zuständig. Überfälle auf chinesische Urlauber, werden, wie ihr wisst, von lokalen Polizeirevieren aufgenommen und abgehakt. Jeder Chinese weiß, dass Kriminalität in China weitverbreitet ist, und Überfälle mit großer Brutalität durchgeführt werden.“

Gelangweilt sah er in die Runde.

Major Chang nickte zustimmend.

„Darüber regt sich auch niemand auf. Die Kriminalität in den Städten auf dem Festland ist viel höher. Ein Menschenleben zählt nicht viel, es sei denn, das Opfer ist sehr hochgestellt oder eben ein Ausländer. Das weiß jeder. Das war schon immer so.“

General Xi beendete entschlossen die Diskussion.

„Machen wir es kurz: Der Gouverneur befürchtet, dass, wenn mehr russische Zeitungen über ähnliche Vorfälle berichten, mit hohen Einbußen beim Fremdenverkehr zu rechnen ist. Die Urlauber werden wieder auf die Krim, in die Türkei oder nach Thailand abwandern. Eure Aufgabe steht fest: Findet heraus, wer bei der Kriminalpolizei die Russen mit Informationen versorgt.“

*****

Anatoli Kurow kam vom Besuch bei seiner Tochter aus dem Krankenhaus zurück.

Sie war dort in der Nacht vorher schwer verletzt eingeliefert worden.

Ihn quälten Rachegedanken. Er grübelte eine Stunde lang an seinem Schreibtisch nach. Dann griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer seines Freundes Oleg Propow.

„Hallo Oleg, hier Anatol.“

„Alter Freund, wie geht es dir? Erzähle, wie geht es unserer Nastassja? Ich habe den Bericht in der ‚Komsomolskaya Prawda’ gelesen.“

Olegs Stimme klang besorgt.

Anatol Kurow antwortete zögernd: „Es besteht keine Lebensgefahr mehr, auch nicht für ihre beiden Begleiter. Aber sie ist entstellt; entstellt für ihr Leben. Die behandelnden Ärzte werden ihr ein Ohrtransplantat einpflanzen. Wenn sie sich die Haare lang wachsen lassen würde, wäre das Ohr aus Kunststoff kaum mehr zu bemerken, sagen die Ärzte. Ihre Hörkraft allerdings ist auf der beschädigten Seite des Kopfes nicht mehr wiederherzustellen. Es soll eine neue Generation von Hörgeräten in Entwicklung sein, die einen großen Teil ihrer alten Hörfähigkeit wiederherstellen könnten.“

Propow antwortete mitfühlend. „Du tust mir leid, ‚könnte’, ‚würde’ und so fort. Konjunktive! Das ist die Sprache der Ärzte!“

„Sicher ist: Sie wird Monate brauchen, bis sie wieder unter Menschen gehen kann. Die Ärzte müssen ihr neue Haut bis zur Schulter transplantieren. Sie wird auf dieser Seite kaum noch hören können.“

„Diese verdammten Chinesen! Wir hätten damals eine Atombombe auf Beijing werfen sollen, dann wäre für fünfzig Jahre Ruhe gewesen. Aber nein; Wir haben ihnen stattdessen noch Atom U-Boote verkauft. Diese verdammten Politiker wissen nicht, was sie machen. Die Amerikaner sind wenigstens berechenbar! Aber diese verdammten Schlitzaugen... Na ja, irgendwann wird den Politikern auch klarwerden, was sie mit ihrer Politik anrichten.“

„Dann sitzen sie in ihren Datschen am schwarzen Meer, und wir hier können, wie immer, die Karre aus dem Dreck ziehen.“

Anatoli Kurow und Oleg Propow kannten sich aus ihrer Zeit beim KGB. Beide hatten im Rang eines Majors gestanden und waren seit ewigen Zeiten befreundet. Sie hatten die Auflösung der UdSSR ohne größere berufliche Blessuren überstanden. Während Kurow ins Verteidigungsministerium gegangen war, war Propow zum neu geschaffenen FSB übergewechselt. Er war jetzt General und Direktor der Abteilung Auslandsaufklärung-Südasien, und damit für Vietnam, China und die anderen südasiatischen Staaten bis nach Singapore hinunter zuständig.

Er war kein Freund der Chinesen. Er war vier Jahre nach Beijing abkommandiert worden, und hatte seine verschiedenen Verhältnisse mit Chinesinnen immer mit erheblichen finanziellen Blessuren beendet.

„Anatol, ich brauche deine Hilfe. Ich weiß, dass es dir etwas seltsam vorkommen wird. Mein Sohn Juri ist bei Kämpfen mit den gelben Teufeln am Ussuri auf der Flussinsel Damanskii in dem kurzen Krieg grausam umgekommen.2Jetzt hätte es beinahe Nastassja erwischt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es mir geht. Können wir uns zum Mittagessen bei euch in der Kantine treffen? Um 12 Uhr?“

„Alter Freund, natürlich, das geht klar. Also 12 Uhr, heute gibt es Borschtsch!“

„Fein, bis dann!“

*****

Nach zwei Tagen waren zwei weitere Neffen von Gerhard, Christof ‚Chris’ und Johannes ‚Jo’, in Sanya eingetroffen. Gerhard hatte für sie Zimmer im Holiday Inn gebucht, wo er bereits vor zwei Jahren einmal gewohnt hatte.

Gerhard arbeitete seit zwei Jahren in China. Er hatte sich im tropischen Süden auf der Urlaubsinsel Hainan niedergelassen. Seine Arbeit als Übersetzer ließ ihm viel Spielraum, diese Insel mit ihren kilometerlangen Sandstränden, Palmen und blauem Meer zu entdecken.

Die ersten Tage verbrachten alle fünf am Pool und am Strand an der dazugehörigen Beach Bar. Gerhard hatte seine Neffen zum letzten Mal vor zwei Jahren in Saarbrücken gesehen. Entsprechend groß war die Wiedersehensfreude.

Sie erzählten von gemeinsamen Bekannten in Saarbrücken, von amüsanten und traurigen Begebenheiten in der Heimat. Sie tranken viel Bier zusammen. Es waren lustige Tage.

*****

Sie trafen sich wieder an der Beach Bar des Hotels.

Nach ein paar Bieren stand Johann auf. „Ich gehe spazieren, zur nächsten Beach Bar, da hinten“. Er zeigte in westliche Richtung.

Gerhards Augen folgten seinem Finger. „Die nächste Beach Bar? Die, die diesem Deutschen, Willy, der dauernd Witze erzählt, gehört?“

„Ja, vielleicht ist er da.“

Diese Beach Bar lag ungefähr einen Kilometer entfernt südlich. Sie gehörte zu einer ausgedehnten Wohnanlage.

„Kommt jemand von euch mit?“, fragte er in die Runde.

Chris murmelte: „zu weit.“

Udo meinte: „Vielleicht komme ich später nach.“ Von den anderen kam keine Antwort. Schlaffsäcke! Alle zusammen.“ Jo schulterte seinen kleinen Rucksack und sagte zum Barkeeper: „Bin nicht lange weg, zahle später.“

Der Keeper nickte. Jo ging los.

*****

Jo ging am Wasser entlang – er reckte sich. Die Bewegung tat ihm gut.

Nach ungefähr 500 Metern kam von rechts ein Fahrrad die Dünen herabgefahren. Auf ihm saßen zwei Männer mit Schipphacken über der Schulter. Fünf Meter vor ihm stiegen sie vom Fahrrad ab. Es war offenbar zu mühsam, im Sand Zweirad zu fahren. Der erste rief Jo auf chinesisch etwas entgegen. Der hob die Schultern.

„Nix verstehen.“

Als er sie erreicht hatte, grinste er sie an und ging weiter, an ihnen vorbei.

Plötzlich verspürte Jo einen Ruck an seinem Rucksack. Einer der beiden Chinesen zerrte an ihm.

„Hey, spinnst du?“

Der erste Chinese erhob seine Hacke, holte aus, um Jo das Arbeitsgerät auf den Kopf zu schlagen.

„Die wollen mich überfallen und ausrauben,“ schoss es ihm durch den Kopf.

Er wich zur Seite aus, und packte die herabsausende Hacke am unteren Stielende. Ein kräftiger Ruck, und er hatte sie dem Angreifer entrissen. Er trat schnell einen Schritt zur Seite und schlug den Hackenstiel dem Angreifer auf den Kopf… Der ging mit einem langgezogenen ‚Aahhh’ zu Boden.

Der zweite Chinese versuchte mit seiner Hacke, die Beine von Jo zu treffen. Jo donnerte voller Wut seine erbeutete Picke auf die Hacke des Angreifers. Sie flog einige Meter weit weg. Der erste Chinese war inzwischen aufgestanden und rannte auf das Fahrrad zu. Er hob es auf und stürmte, das Rad neben sich herschiebend, auf die Dünen zu. Der zweite Angreifer rannte ihm hinterher.

Johann war ärgerlich. Er begann, den beiden in Richtung Dünen nachzurennen. Er war größer, schneller und stärker. Er holte sie nach wenigen Metern ein und trat mit voller Wucht in das Hinterrad. Speichen splitterten. Das Rad fiel um. Sie liefen weiter den Dünen entgegen. Als Johann den hinteren Flüchtling erreicht hatte, trat er ihm in die Beine. Der Chinese fiel wie ein Sack zu Boden. Dem zweiten trat er mit aller Kraft in den Hintern. Ein Aufschrei – er floh weiter.

Der Mann am Boden stöhnte, und hielt die Hände schützend über den Kopf verschränkt.

Johann musste grinsen. Er ging zum Strand, zu den dort liegengebliebenen Hacken zurück. Eine warf er, so weit er konnte, aufs Meer hinaus. Die zweite Hacke schulterte er und sah zurück in die Dünen. Dort humpelte der, dem er in den Hintern getreten hatte, das Fahrrad schiebend, neben seinem Kumpan hangaufwärts davon. Das hintere Rad des Fahrrads eierte erbärmlich. Es war ein Bild für die Götter.

*****

Jo kam hinkend zurück zur Beach-Bar. Als er fünfzig Meter entfernt war, bemerkte Udo seinen hinkenden Bruder. „Was war denn los, Hinkebein, hast du ’nen Platten? Du wolltest doch da hinten einen Trinken gehen. Wo hast du die Hacke her, warst du arbeiten?“

Der grinsende Jo setzte sich in die Runde, bestellte ein großes Bier und erzählte: „Da waren zwei Assis, die wollten meinen Rucksack klauen. Zuerst wollten sie mir mit diesen Hacken ans Leder. Aber denen hab’ ich Pfeffer gegeben. Dann habe ich dem Fahrrad in die Speichen getreten. Jetzt tut mein Fuß weh.“

Gerhard sah nach unten.

„Kein Wunder, du hast nur Turnschuhe an.“

„Das Fahrrad hat jetzt einen Achter; Quatsch, ‘nen Sechzehner.“

Jo begann zu fabulieren. „Dann wurde es eng. Einer zog eine Knarre. “Ich habe sie ihm aus der Hand getreten. Die andere Hacke habe ich ins Meer geworfen. “Und die Knarre?“, fragte Udo.

„Die liegt auch im Meer. So bald werden sie an keinen Weißen mehr drangehen.“

Udo hob sein Glas: „Na denn Prost, Kung-Fu Jo.“

Gerhard fragte, um sich schauend: „Wollen wir zur Polizei gehen? Würdest du sie wiedererkennen? Den Hacken nach, waren das Bauarbeiter von der Baustelle neben unserem Hotel. Der Bau ist seit mehr als zwei Monaten eingestellt. Die Bauarbeiter sind ganz arme Schweine. Sie erhalten keinen Lohn mehr.“3„Die wieder zu erkennen, dürfte schwer sein. Halt kleine Chinesen mit schwarzen Haaren und blauen Arbeitshosen. Es ging alles sehr schnell. Aber sie haben jetzt wohl die Nase voll.“

Gerhard prostete Jo zu: „Auf jeden Fall hast du großes Glück gehabt, dass es dir nicht so ging, wie den Russen.“

„Welchen Russen?“

„Die Russen, die vorgestern überfallen wurden.“

„Aus unserem Hotel?“

„Ja. Ich habe gestern mit dem Hotelmanager, einem Deutschen, geredet. Sie sind schwer verletzt worden, und abends nach Moskau zurückgeflogen worden. Man redet hier nicht über solche Sachen. Er hat mir erzählt, dass ausländische Hotelmanager jedes Mal, wenn eine Visumverlängerung ansteht, vergattert werden, kein Wort über solch ‚unangenehme’ Vorkommnisse zu verlieren. In Zeitungen und Fernsehen wird so etwas auch verschwiegen.“

„Na ja, dass es hier in China mit Pressefreiheit düster aussieht, wusste ich schon, bevor ich hergekommen bin. Aber ich dachte, das beträfe nur Chinesen.“

„Das ist ein Trugschluss. Es wird hier zensiert wie in der ehemaligen DDR. Ein Überfall auf Ausländer passt nicht ins paradiesische Bild. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nächstes Jahr wohl in ein anderes Land gehen werde. Als Ausländer kann man hier zwar gutes Geld verdienen. Aber sobald man sich kritisch umschaut, fallen einem eine Menge hässliche Dinge ins Auge.“

Er schwieg, griff nach seinem Glas.

„Aber der Strand ist schön. Prost Neffe!“

„Der Strand ist schön! Prost Onkel!“

*****

Für den nächsten Abend, einen Mittwoch, lud Gerhard die Vier in die Rainbow II Bar ein, wo jeden Mittwochabend ein ‚English Corner’6 stattfand.

Auf dem Weg dahin fragte ihn Jo: „Was ist ein ‚English Corner’? Ein englischer Abend’ mit viel billigem Whisky?“

„Nicht ganz. Mehrmals pro Woche findet so etwas in vielen chinesischen Städten statt. Immer in einer anderen Bar. Chinesen versuchen dabei, ihre Englischkenntnisse zu vertiefen. Es wird kostenlos Wasser angeboten.“

„Igittigitt! Pur?“, fragte Udo.

„Pur! Chinesen wollen ihr Englisch verbessern, und die Eigentümer der Bars versuchen, ihre Umsätze zu steigern. Das gelingt auch, da die teilnehmenden Ausländer nur in begrenztem Ausmaß das kostenlose Wasser trinken, und schnell zu Bier oder anderen besseren Sachen übergehen.

„Ich bin nicht hier, um Englisch zu lernen,“ grummelte Udo.

„Langsam, langsam. 95% der chinesischen Teilnehmer sind Frauen, die versuchen, auf diesem Weg einen Ausländer als Freund zu gewinnen. Fernziel ist immer eine Heirat mit einem Ausländer und das damit verbundene Auswandern in ein westliches Land. Das klappt zwar nur in den seltensten Fällen, aber die Verbesserung der englischen Sprachkenntnisse ist auf jeden Fall für die Chinesinnen ein Gewinn beim beruflichen Vorwärtskommen.“

„Klingt schon besser,“ meinte Udo grinsend. „Man kann sich verloben. Ich war es schon fünf Mal. Immer nur für drei Wochen Urlaub. Auf Zeit halt, für kurze Dauer!“

Gerhard lachte: „böser Finger! Lümmel.“

Er wurde wieder ernst. „Einige Teilnehmerinnen finden dabei auf seriösem Weg einen ausländischen „Freund“. Das wirkt sich für sie finanziell nie nachteilig aus.“

Das ‚Rainbow II’ liegt am Rand des Vergnügungsviertels der Stadt am Ufer des Sanya-Rivers. Es bietet einen interessanten Ausblick auf das Treiben auf dem Fluss. Besucher aus aller Welt, überwiegend Russen, aber auch wohlhabende Chinesen, suchen hier Vergnügungen.

Im ‚Rainbow II’ angekommen, setzten sie sich an einen großen Tisch. Zu Gerhard gesellten sich einige neu gewonnenen Freunde. Er stellte sie seinen Begleitern vor.

„Dies ist Jerry Brown, ein Maschinenbauer aus Australien. Und hier Gus Whitman, ein Amerikaner, der schon seit fünf Jahren hier von seiner Rente lebt. Der Dritte im Bund ist Ian Fisher, ein junger Engländer, der fließend Mandarin spricht.“

Beim dienstfertigen Kellner bestellte Gerhard drei große Krüge Bier und Gläser. Es entspannten sich angeregte Unterhaltungen. An den Nebentischen saßen ungefähr fünfundzwanzig Chinesinnen zwischen 20 und 35 Jahren.

Sie fielen schon bald regelrecht über die Neuankömmlinge her. Die deutschen Touristen waren angenehm überrascht, da jeder von mindestens zwei Chinesinnen umlagert und in Gespräche verwickelt wurde. Es wurde ein fröhlicher Abend. Die Männer verschmähten das angebotene ‚Free Water’, aber nicht die Kommunikation mit den Chinesinnen.

*****

„Oleg,“ begann Anatol das mittägliche Gespräch, „du kannst dir nicht vorstellen, wie ich die Chinesen inzwischen hasse. Zuerst Juri, mein Sohn und jetzt beinahe Nastassja, meine Tochter. Ich habe ihr mehrmals gesagt, sie soll Urlaub auf der Krim machen, aber du weißt ja selbst, wie die jungen Leute sind. Sie haben immer ihren eigenen Kopf. Ich kann keinen Krieg anfangen; aber heimzahlen möchte ich den Chinesen das schon. Du könntest mir dabei helfen.“

Der Kellner stellte die bestellte große Terrine Bortsch auf den Tisch und entfernte sich wieder.

„Fein, fein“, murmelte Oleg, und hob schnuppernd den Deckel der Schüssel, „du kommst zu selten her.“

Sein Blick verdüsterte sich.

„Niemand von uns hier hält was von den Schlitzaugen. Aber unsere offizielle Politik richtet sich nun mal gegen Amerika. Die Chinesen sind offiziell unsere Verbündeten. Woran denkst du? Du weißt, ich helfe dir, wo es möglich ist. Aber über meinen Schatten springen kann auch ich nicht. Was genau schwebt dir vor?“

Anatol antwortete langsam: „Du kannst mir helfen, den Chinesen Ärger zu machen. Ich denke da an so etwas, wie die früher bei uns üblichen Fehlinformationen. Du hast noch die guten Kontakte zum 2. Generalstab der Volksbefreiungsarmee?“

„Du meinst den chinesischen zentralen Geheimdienst.“

„Den meine ich. Du weißt, die CSNA, das chinesische Gegenstück zu NASA und Esa, arbeitet mit Hochdruck an der neuen Schwerlastrakete Langer Marsch V, der C Z 5. Mit Raketen dieser Generation werden sie mit den Europäern gleichziehen; an den Amerikanern und an uns vorbei.“

„Ich bin informiert. Sie haben schon mehrere Tests erfolgreich absolviert. Alle Raketennationen arbeiten daran, die Nutzlasten der Raketen zu verbessern. Da ist ein riesiger Markt entstanden. Denke daran, wie viele Staaten weltweit alle möglichen Satelliten, vor allem Telekommunikationssatelliten, von unserem Mütterchen Erde hochgeschossen haben wollen. Von Weltraumstationen ganz zu schweigen.“

Olegs Teller war leer. „Möchtest du auch noch etwas?“

Oleg nickte. Anatoli bediente ihn und fuhr fort: „Inzwischen führen die Europäer im Wettkampf um die Märkte mit ihrer Ariane V. Darauf folgen die Amerikaner mit ihrer Delta V und der Atlas V. Wir haben durch die Umwälzungen hier viel Zeit verloren. Unsere Roskosmos-Leute haben zudem zu lange mit festem Treibstoff gearbeitet. Wir haben aufs falsche Pferd gesetzt.“

„Ja, fester Treibstoff ist zwar einfacher zu handhaben, aber ineffizienter als flüssiger. Wir sind inzwischen umgeschwenkt. Mit festem Treibstoff würden die Raketen einfach zu groß und schwer. Die Amerikaner sind nicht viel weiter. Sie arbeiten mit einem Mix aus flüssigem, geleeartigem und festem Treibstoff. Nur Europäer und Chinesen arbeiteten von Anfang an ausschließlich mit flüssigem Material. Es sieht so aus, als ob die Chinesen in diesem Bereich die Nase vorn hätten. Auf jeden Fall ist dies eines der brisantesten Themen weltweit. Es wird ein Milliardenmarkt sein, und alle großen Industrienationen arbeiten mit Hochdruck an neuen, stärkeren Treibstoffen.“

Anatoli legte eine kurze Pause ein. Er stellte seinen Teller zur Seite, und begann sofort wieder. „Nun zu meiner Bitte: Ich würde gerne von dir haben, dass du den Chinesen einige Informationen zukommen lässt. Dass die NSA einen Spion in dem neuen Weltraumbahnhof auf Hainan hat. Dass er an alle Informationen herankommt, und sie an die Amerikaner verkauft.“

„Das kann ich machen. Nur sag’ mir bitte, warum?“

„Du wirst es sofort verstehen. Die Gelbgesichter werden wahnsinnig werden. Sie werden alles dransetzen, herauszufinden, wo das Leck sein könnte. Vielleicht bleiben sogar einige ihrer besten Wissenschaftler dabei auf der Strecke. Die meisten haben in den USA studiert, und haben Kontakte zu ihren ehemaligen Kollegen dort. Einige waren auch in Russland, als sie studierten. Aber die hochkarätigsten waren in den USA, zum Teil sogar bei der NASA. Das sind die, die wir zuerst ins Visier nehmen werden. Das Chaos dort, das eine solche Information verursachen würde, wäre interessant.“

Er grinste bösartig: „Ich würde mit Genuss verfolgen, wenn dort Köpfe rollten. Bei diesen Schweinen! Du kannst dir kaum vorstellen, wie ich ihnen das gönne!“

Oleg Propow hatte aufmerksam und interessiert zugehört. Er wog den Kopf hin und her und erwiderte: „Ich brauchte ihnen lediglich ein paar Hinweise geben, und sie fangen an, nervös zu werden. Bei den Amerikanern haben wir so was schon öfter gemacht. Eine neue Variante: warum eigentlich nicht bei den Chinesen? Das kann interessant werden. Morgen früh werde ich mich darum kümmern; es ist machbar! Lass’ uns darauf einen trinken – Chinesen verwirren: tolle Idee. Das wird mir jedenfalls einen ausgesprochenen Spaß machen.“

Anatol Kurow bestellte ein Flasche Wodka und zwei Gläser ...

*****

Gerhards Neffen und Fritz hatten sich an dem Abend im Rainbow II köstlich unterhalten. Wann waren sie schon derartig Hahn im Korb gewesen? Hier waren es bei jedem einzelnen mindestens fünf ‚Hühner’, die sich um die vier jungen Männer bemühten.

Gerhard war nicht mehr so gefragt, weil er den Damen im ‚English Corner’ gleich zu Beginn seines Aufenthalts in Sanya erklärt hatte, dass er vorhabe, in dieser Stadt zu bleiben. Auch eine kostspielige Freundin käme für ihn nicht in Frage. Das Interesse der vielen Damen schwand schlagartig. Sie wollten weg, oder zumindest einen zahlungskräftigen Freund haben.

„That’s life!“, hatte er gedacht.

Gus und Jerry hatten sich zu ihnen gesetzt.

„Habt ihr Lust auf eine Hochseeangeltour?“, fragte der Amerikaner Gus Whitman zu vorgerückter Stunde die Runde.

„Übermorgen habe ich viel Zeit.“

Die Einladung wurde begeistert angenommen.

Gerhard nickte zustimmend. „Bier und Köder besorgen wir im Hafen. Es wird ein netter Tag werden. Gus, kümmerst du dich, wie letztes Mal, um das Boot. Es waren ziemlich neue Angeln an Bord, und der Skipper war freundlich. Er hat nicht unser Bier weggetrunken. Und 70 Kwai für das Boot waren in Ordnung.“

„Was ist Kwai?“, fragte Udo seinen Onkel.

„Die Chinesen hier sagen zu ihrem Geld nicht Yüan, sondern Kwai. Es ist die alte Bezeichnung.“

„Wie der Fluss in Thailand?“ „Wie der Fluss.“

*****

Im Zweiten Generalstab der Volksbefreiungsarmee, dem Geheimdienst Chinas, herrschte Unruhe. Der oberste Geheimdienstvorsitzende, Mitglied des Politbüros und Leiter des Generalstabs, hatte seine Abteilungsleiter zu einer morgendlichen Sitzung um 10 Uhr zu sich beordert. Die sieben Generäle waren pünktlich erschienen.

Der Chef informierte die Untergebenen über die aktuelle Entwicklung: „Meine Herren, wir haben ein gravierendes Problem. In Wenchang auf Hainan sind Spione am Werk. Ich brauche euch nicht zu sagen, wie ernst so etwas ist.”

Ungläubiges Raunen machte sich breit.

„Offenbar kennt die amerikanische NSA alle Einzelheiten über die Neuentwicklung unserer neuesten, größten Rakete ‚Langer Marsch V’. Sie wissen, dass wir als Antriebsmittel modifizierte Versionen von LH2 und LOX verwenden. Besonders schlimm ist, dass sie anscheinend die mengenmäßige Zusammensetzung kennen9.“

„Wissen wir, wer dahintersteckt,“ fragte der für die Volksmarine zuständige General Fung.

„Wir wissen noch nichts. Ich habe mit Sun Laiyan, dem Direktor in Wenchang gesprochen. Er würde natürlich für jeden seiner Mitarbeiter seine Hand ins Feuer legen. Unsere Aufgabe ist klar. Wir müssen das Leck finden. Zwei von euch werden noch heute nach Haikou fliegen. Generalmajor Si und Generaloberst Chen sind die richtigen Leute, denke ich.“

Er sah beide nacheinander an. „Ihr habt freie Hand bei allem, was ihr als notwendig erachtet. Es werden Köpfe rollen, aber es geht um das größte Projekt unserer Raumfahrt. Ihr meldet euch bei Direktor Sun. Er ist angewiesen, mit keinem seiner Co-Direktoren über die Sache zu reden. So wird es auch bei euch sein. Wir wollen niemanden warnen! Habt ihr das verstanden?“

Beide Generäle erhoben sich und standen stramm.

General Chen sagte: „Wir sind stolz, dass sie uns ausgewählt haben, Genosse General.“

Sie salutierten und setzten sich wieder.

Der Chef fuhr fort.

„Ihr werdet in Zivil dort erscheinen, getarnt als Inspektoren aus Beijing. Macht eure Sache gut. Ich kann euch jetzt schon versprechen, dass ihr befördert werdet, wenn ihr den oder die Spione erwischt. Wenn nicht, versetze ich euch zur Polizei in Shenyiang. Dort könnt ihr Streifendienst verrichten. Wie kalt es dort im Winter ist, brauche ich euch nicht zu erklären.“

Fünf Generäle atmeten erleichtert auf. Shenyiang war im Winter die Hölle. Si und Chen blickten versteinert geradeaus.

Der Chef sah in ihre Richtung und sagte in schärferem Tonfall: „Es ist eine Sache höchster Priorität für unser Land. Nehmt Kontakt auf zu unserem Mann im dortigen Kosmodrom. Es ist ein gewisser Oberst Ma Guo. Und vergeigt mir die Sache nicht, sonst schicke ich euch tatsächlich in die Wüste. Das ist mein Ernst! Punkt!“

Er stand er auf, nickte allen zu und verließ grußlos sein Büro.

*****

Am Morgen des nächsten Tages flogen die beiden Generale Si und Chen in Zivil nach Haikou. Zwei Stunden nach der Landung erreichten sie Wenchang. Sie wurden von Oberst Ma Guo und Direktor Sun empfangen.

Direktor Sun begrüßte besorgt die Gäste aus Beijing. „Meine Herren Generale. Die Meldung, die ihr hiesiges Erscheinen verursacht, hat mich tief beunruhigt. Wir stehen vor dem größten Rätsel seit Bestehen dieser schrittmachenden Anlage. Wir haben es hier mit dem modernsten Kosmodrom, mit den besten Sicherheitsvorkehrungen zu tun.

Ich möchte ihnen vorschlagen, unserem Sicherheitsbeauftragten Oberst Ma Guo in sein Büro zu folgen. Er ist entsprechend seiner Aufgabe mit allem befasst, was unsere perfekten Sicherheitsanforderungen und -einrichtungen betrifft. Leider müssen sie auf meine Anwesenheit jetzt verzichten, da ich als Wissenschaftler unaufschiebbare Verpflichtungen habe.“

Oberst Guo führte beide Generäle in sein Büro.

„Meine Herren Generale, wir tappen in absolutem Dunkel. Wir haben keine Erklärung, wie und wo das ‚Problem’ entstanden sein könnte, vor dem wir stehen.

General Chen nahm wie selbstverständlich hinter dem Schreibtisch des Obersten Platz.

Das fängt ja gut an mit diesem General.

Ma Guo behielt seinen Ärger für sich und nahm widerstrebend zusammen mit den jüngeren General Si vor seinem eigenen Schreibtisch auf harten Stühlen Platz.

General Chen begann mit der Befragung: „Zuerst, lieber Oberst, erklären sie mir bitte, wer hier mit den Forschungsarbeiten für den neuen Raketentreibstoff befasst ist?“

„Herr General. Wir arbeiten mit modifiziertem LH2 und LOX. Der Einsatz dieser Verbindungen wird besonders intensiv vorangetrieben. Die Verwendung flüssiger Wasserstoff-und Sauerstoffverbindungen befindet sich in der Erprobungsphase. Wir haben mehr Schub erzeugen können, als Esa und NASA je erreicht haben. Unsere Forscher sind überzeugt, dass sie kurz davorstehen, den optimalen Mix zu finden. Lediglich elf Mitarbeiter sind mit den Tests befasst.“

„Eine überschaubare Zahl, Oberst.“

„Herr General, ich überreiche ihnen nachher eine Liste der beteiligten Wissenschaftler. Unser Direktor hat vollstes Zutrauen in die Verschwiegenheit dieser Leute. Wenn die NSA davon erfahren hat, dann…“

Der General fiel ihm arrogant ins Wort. „Die NSA weiß alles.“

Ma Guo schluckte mehrmals: „dass irgendwo ein Leck sein muss, leuchtet ein. Nur: wo mit der Suche beginnen?“

„Wie können solche Informationen hinausgelangen?“

Oberst Ma Guo zählte auf: „Sämtliche Mails aller Mitarbeiter des Kosmodroms werden gescannt und aufgezeichnet. Alle Telefongespräche, ob per Handy oder Festnetz, werden abgehört. Es gibt zwar einen regelmäßigen Austausch mit amerikanischen Wissenschaftlern, aber es ist unmöglich, auf diesem Wege Geheimnisse zu verraten.“

„In welchen Abständen führen sie Sicherheitsüberprüfungen durch?“

„Es gibt alle drei Monate regelmäßige Überprüfungen. Außerdem checken wir jede Woche einen nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Wissenschaftler besonders intensiv. Alle hier Beschäftigten wissen von den Überprüfungen. Von unserem Gelände aus ist es unmöglich, Geheimnisse direkt in die USA zu übermitteln. Unsere Störsender arbeiten rund um die Uhr. Es muss mindestens einen Mitarbeiter der Spione außerhalb des Kosmodroms geben, der die brisanten Informationen an die Amerikaner weiterleitet. Zunächst, würde ich vorschlagen, geht es darum, ihn aufzuspüren.“

*****

Zwei Tage später trafen sich die jungen Leute voller Begeisterung und Spannung zum geplanten Hochseeangelausflug im Fischerhafen.

In der Gegend um Sanya herum waren viele militärische Sperrzonen, besonders auf See, eingerichtet.

Die chinesische Marine war wegen der westlich der Yalong Bay eingerichteten Atom U-Boot Basis besonders vorsichtig. Sogar außerhalb der Sperrzonen wurden bisweilen ausländische Touristen überprüft.

Besonders verdächtig waren Personen, die Fotoapparate, oder Handys bei sich hatten, mit denen man auch fotografieren konnte. Diese Handys wurden regelmäßig beschlagnahmt, da man mit ihnen Fotos auch direkt drahtlos verschicken kann.

Jerry Brown und Gus Whitman erwarteten die Deutschen am vereinbarten Treff. Sie saßen vor einer der vielen kleinen Bars im Schatten. Gerhard und seine Freunde setzten sich zu ihnen.

„Gus, alles klar. Bekommen wir wieder dasselbe Boot wie letztes Mal zum selben Preis?“, fragte Gerhard den Amerikaner.

„Ja, der Fischer wartet in seinem Boot. Wir treffen ihn wie letztes Mal in dem kleinen Hafen von Baohu Jiao. Hast du deine Leute auf das Fotografierverbot hingewiesen.“

„Sie haben Fotoapparate und Fotohandys zu Hause gelassen. Wir wollen keinen Ärger bekommen“

„Wegen der Sperrzonen hat der Fischer folgendes vorgeschlagen: Wir werden zuerst auf der Nordostseite im Bereich der Mangrovenwälder von Qizhou Yang auf Fischfang gehen. Danach auf dem Rückweg der Ostküste entlang, werden wir Hochseeangeln betreiben. Der Fischer kennt sich aus; er betreibt dort oft seinen eigenen Fischfang, wenn er nicht gerade sein Boot verchartert.“

Er wandte sich erklärend an die Besucher: „Die Chinesen sind sehr vorsichtig. Sanya ist die südlichste Insel Chinas. Sie haben immer noch Angst vor einer Invasion. Ihre Luftwaffen-und Armeebasen sind auf der gesamten Insel verteilt. Ihre Marinebasen werden wir weiträumig umfahren.“

„Wer sollte eine Invasion Chinas betreiben? China ist nicht sehr beliebt, weil es seine wirtschaftliche Macht rücksichtslos ausnutzt.

Das ist uns klar! Aber eine Invasion käme einem Kamikazeunternehmen gleich. Oder sieht das jemand von euch anders?“ Fritz Odermatt sah kopfschüttelnd in die Runde. „Das wäre Selbstmord!“

Gus stand auf. „Chinesen denken so! Wir haben uns danach zu richten. Also auf, wir können losfahren.“

In zwei Kühlbehältern waren genügend kaltes Bier und Ködershrimps eingepackt. Die Gruppe fuhr mit zwei Pkw an die Nordostküste östlich von Haikou. Im Hafen von Baohu Jiao gingen sie an Bord des sieben Meter langen Fischerbootes. Die Stimmung war exzellent, das Bier kühl.

Zuerst steuerte der Bootsführer die Mangrovenwälder südlich des Ortes an.

Die Atmosphäre war heiter und locker. Alle genossen Urlaub pur.

Gegen Mittag kam es zu einem überraschenden Zwischenfall. Ein Schnellboot der chinesischen Volksmarine näherte sich von Backbord und hielt mit unverminderter Geschwindigkeit auf sie zu.

„Verdammt, die rammen uns!“, schrie Fritz und starrte gebannt auf dessen Bug,

Als das Schnellboot nur noch fünf Meter von dem Fischerboot entfernt war, drehte es nach Backbord und schoss vor ihnen vorbei. Dann drosselte es seine Geschwindigkeit und beschrieb einen Kreis auf der Steuerbordseite. Es drehte bei und legte an dem kleinen Fischerboot an. Der Fischer schaltete den Motor aus.

Die überraschten Insassen schauten nach oben. Mehrere automatische Gewehre waren auf sie gerichtet. Ein uniformierter Chinese schrie von oben auf chinesisch dem Bootsführer etwas zu. Ein Fallreep wurde herabgelassen und ein Soldat stieg ins Boot der Ausflügler. Die Gewehre von oben verharrten in ihrer Drohposition. Der Soldat überprüfte die Pässe und machte sich Notizen in ein kleines Buch.

Jo öffnete eine Bierdose und hielt sie grinsend dem Soldaten hin. Der Chinese schnauzte ihn an und schlug ihm die geöffnete Bierdose aus der Hand.

„Du Arschloch,“ raunzte Jo den Chinesen an. Er bückte sich, um die Bierdose, die am Boden auslief, aufzuheben. Von oben waren metallische Klickgeräusche zu hören. Die Soldaten entsicherten ihre Gewehre.

Udo blickte nach oben und schrie: „Ihr habt sie ja nicht alle; wir sind Touristen.“

Er zeigte mit erhobenen Stinkfinger nach oben. Diese Geste wurde verstanden, und einige der Gewehre richteten sich auf ihn.

Ein scharfes Kommando ertönte. Die Gewehrläufe wurden zum Himmel gerichtet. Der Soldat an Bord schrie dem Fischer etwas zu, dann kehrte er über das Fallreep zurück an Bord des Schnellbootes. Es drehte ab.

„Das hätte schiefgehen können,“ meinte Jerry. „Letztes Jahr wurden zwei Touristen, die allein mit einem kleinen Boot unterwegs waren, in einer ähnlichen Situation als vermeintliche Spione erschossen. Einfach so, ohne Grund. Chinesen sind oft unberechenbar. Doch meistens verhalten sie sich zivilisiert. Nur kann man nie wissen, wie eine solche Begegnung ausgeht.“

Später kam es zu zwei weiteren Zwangsstopps durch Navy-Boote der chinesischen Marine. Diese Soldaten überprüften ebenfalls die Pässe, verhielten sich aber korrekt.

Einige wurden freundlicher, als sie an Hand der Pässe erkannten, dass Deutsche unter den Touristen waren. Sie verschmähten allerdings verständnislos und mit versteinertem Gesicht ihnen angebotenes Bier.

Jerry klärte die jungen Deutschen auf: „Es ist für Chinesen absolut unverständlich, dass ihnen ein Fremder etwas umsonst anbietet. Sie werden dann sofort misstrauisch. In China gibt es nichts ‚for free’, vor allem nicht von Fremden. Sie überlegen sofort, wo ein Haken sein könnte.“

*****

General Chen hatte Oberst Ma Guos Büro völlig in Beschlag genommen. Im Vorzimmer residierte General Si zusammen mit dem Obristen an winzigen Schreibtischen, die diese Anmaßung kommentarlos schluckten.

General Chen rief den Obristen zu sich. „Welche Erkenntnisse haben sie über Ausländer auf dieser Insel? Nehmen sie Kontakt mit dem Polizeichef von Sanya auf, und bringen sie mir alles, was über sie vorliegt.“

„Jawohl Genosse General!“

Oberst Ma Guo rief General Xi Xieng, den Polizeichef von Sanya an. Er forderte ihn auf, ihm sämtliche Unterlagen über die auf Hainan lebenden Ausländer per Boten zu schicken.

Mit diesen Unterlagen erschien Ma Guo bei Chen. „Es sind, von den in allen internationalen Hotels arbeitenden Managern abgesehen, insgesamt 37 Leute. Einige wohnten in Haikou oder Umgebung, aber das sind durchweg Rentner. CIA oder NSA dürften kaum Greise nach China schicken. Oder doch? In Sanya dagegen gibt es etliche Leute, die vom Alter her in Frage kommen und für amerikanische Geheimdienste arbeiten könnten. Es sind ein Australier namens Jerry Brown, ein Amerikaner namens Gus Whitman, ein Taiwanese mit amerikanischem Pass namens Richard Feng und zwei Deutsche namens Gerhard Frings und Theodor Müller, Herr General.“

General Chen überflog die Akten. „Teilen sie mir Einzelheiten mit, Ma Guo.“

„Herr General. Am längsten lebt hier ein Deutscher namens Theodor Moller, nein Theodor Müller. Er hält sich mehr in Hong Kong als in Sanya auf. Er hat sich ein kleines Wirtschaftsimperium in Sanya aufgebaut. Er gilt als der reichste Ausländer der Stadt. Aus Erfahrung wissen wir, dass solche Leute nicht dazu neigten, als Spione ihre erworbenen Reichtümer aufs Spiel zu setzen. Aber man kann nie wissen...“

„Berichten sie mir über die anderen?“

„Im engsten Kreis der Verdächtigen bleiben nur Brown, Whitman, Feng und Frings hängen. Alle vier kennen sich, und pflegen miteinander Umgang. Dieser Brown scheidet auch aus. Er gilt als hochintelligent, aber auch als Spinner, der sich seit einigen Jahren mit der Entwicklung eines fliegenden Hovercrafts befasst. Natürlich wäre dies eine gute Legende. Aber wenn er tatsächlich spionieren sollte, läge es auf der Hand, dass er den Atom U-Boot Standort ausspionieren würde, oder irgendeine Militärbasis, sollte sein ‚Ding’ tatsächlich einmal fliegen können. Aber das Kosmodrom? Na ja, wir werden alle im Auge behalten. Der Hauptverdächtige ist eindeutig dieser Amerikaner Whitman. Er war im Vietnamkrieg Pilot und verfügte offenbar über Geld in Hülle und Fülle26. Er tut nichts, außer laufend Chinesinnen zwischen 20 und 25 Jahren zu bezirzen… Sein Jagdrevier ist das Restaurant McDonalds in Sanya City. Als ehemaliger Pilot des Klassenfeindes hat er mit Sicherheit Kontakte zur CIA gehabt.“

„Gut, das wär’s fürs erste. Lassen sie die Unterlagen hier, und dann raus mit ihnen.“

„Jawohl Herr General.“

Oberst Ma Guo ging ins Vorzimmer zurück und setzte sich an seinen provisorischen Schreibtisch.

Ein verfluchter Job ist das hier. Ein normaler Fabrikarbeiter arbeitete zehn Stunden täglich, und danach hat er frei. Aber ich, Ma Guo, liege nach einem normalen Arbeitstag stundenlang wach und zerbreche mir meinen Kopf über die Sicherheit des Kosmodroms. Jetzt erscheint zusätzlich dieser General aus Beijing, und behandelt mich wie einen Lakaien. Verfluchte ausländische Spione!

*****

Am folgenden Sonntagabend lud Gerhard die Neffen und Fritz zum regelmäßigen privaten Freundestreffen mit Mary, einer vierzigjährigen Chinesin ins ‚Golden Dragon Tea House’ ein.

Mary Hong war eine Polizistin im mittleren Dienstrang. Sie lud jeden Sonntag einige ausgewählte ausländische Freunde zu einem geselligen Beisammensein in dieses Teehaus ein. Der einfallsreiche Besitzer hatte für Ausländer seine Getränkekarte geändert. Die Preise erhöhte er auf das Doppelte – ab sofort gab es auch Bier.

Als sie das aufwendig, auf kitschige Art dekorierte Etablissement, betraten, waren Jerry, Gus, Marys Freund She Bao und zwei ihrer Nichten, die ihre Englischkenntnisse vertiefen wollten, schon anwesend. Sie saßen an einem riesigen Tisch. Der Fernseher war leise gestellt. Man diskutierte freimütig die Überfälle auf Ausländer. Insgesamt vier solcher Überfälle hatten sich letzte Woche ereignet. Der auf die drei jungen Russen war der gravierendste.

Mary erläuterte Hintergründe für die hohe Kriminalität. „Ihr müsst wissen, Armut, Arbeits-und Perspektivlosigkeit, insbesondere bei Jugendlichen auf der Insel, sind die Hauptgründe4. Diese Insel war seit jeher das Armenhaus Chinas. Hierher wurden politische Gegner der Regierung, aber auch gewöhnliche Kriminelle verbannt. Als begonnen wurde, den Tourismus zu forcieren und riesige Hochhäuser in Strandnähe entstanden, wurden Hunderttausende arme Fischerfamilien ins Landesinnere vertrieben. Es wurden trostlose Elendsquartiere für sie hochgezogen. Die Familien waren ihrer Einnahmequellen beraubt. Englische oder russische Sprachkenntnisse waren unbekannt, aber für die gewöhnlichsten Jobs in der boomenden Tourismusindustrie Voraussetzung.“

„In unserem Hotel sprechen die einfachsten Putzfrauen einige englische Brocken“, warf Gerhard ein.

„Und auch Russisch,“ ergänzte Fritz.

Mary sah sie nachdenklich an. „Es sind Festlandchinesen. Deren Eltern mussten viel Geld für diese Arbeitsplätze bezahlen. Sie wollten, dass ihre Kinder nicht arbeitslos bleiben.“

„Also Jobs werden hier verkauft?“ fragte Gerhard.

„Ja, leider. Die meisten der armen Einheimischen haben nicht diese Möglichkeiten. So wurden viele zu Bettlern, Gangstern und Gelegenheitsprostituierten. Das ist verständlich. Auch sie wollen Fahrräder, Mopeds und Handys besitzen. Inzwischen werden durch den Tourismus auch immer mehr Gangster aus den großen Städten des Festlandes angezogen.“

„Was ist mit den Wanderarbeitern3?“, fragte Gerhard.

„Die kamen,“ stöhnte Mary, „als der Bauboom hier begann. Inzwischen ist er vorüber, doch viele schlecht bezahlte Bauarbeiter, die meist aus dem Norden kamen, blieben hier, weil ihnen oft nicht die ausstehenden Löhne ausbezahlt wurden. Hier braucht man keine Heizung im Winter. Es ist unmöglich, bei Nacht zu erfrieren. So blieben viele Arbeiter hier. Auch sie wurden meist irgendwann zu Gangstern.“

Ihr Freund She Bao, selbst Polizist, fügte hinzu: „Wenn wir hier 100 neue Polizisten vom Festland bekommen, tauchen gleichzeitig 1.000 neue Gangster vom Festland auf. Die Konkurrenz unter Verbrechern ist mörderisch. Dass hier immer mehr Touristen sind, spricht sich herum.“

Gegen elf Uhr wollten die ersten der jungen Leute das Teehaus verlassen. Sie staunten nicht schlecht, als Mary Hong sich bereit erklärte, die gesamte Zeche zu übernehmen. Sie akzeptierten dieses Angebot nur widerwillig, denn sie waren nicht sicher, ob eine Zurückweisung als Beleidigung aufgefasst werden könnte. Sie versicherten, dass beim nächsten Treffen sie selbst für die Gesamtrechnung aufkommen würden.

„Fällt es Mary nicht schwer, die Rechnung zu übernehmen? Sie hat vorhin erzählt, dass sie im Monat umgerechnet 300 Euro verdient“, fragte Udo auf der Strasse. „Freibier ist zwar schön für uns, aber ihr dürfte die Bezahlung nicht leichtfallen.“

Gerhard nickte. „Sie hat den Dienstrang eines Polizeioberleutnants, also eines mittleren Polizeioffiziers. Damit ist es normal, dass sie in keinem Restaurant, in keiner Teestube oder Bar ihre Rechnung bezahlt. Eingeschlossen sind selbstverständlich alle Gäste der Polizisten, Udo.“5

„Angenehm, aber ungerecht. Hier in diesem Land gehen offenbar viele Uhren anders!“; sagte Udo nachdenklich. „Wenn ich Chinese wäre, wäre ich auch so’n Polizist.“

*****

Vor dem Nachhause gehen schlenderten sie durch die belebte Stadt, und betrachteten neugierig die Schaufenster der immer noch geöffneten Kaufhäuser. Vor einem der vielen offenen Erdgeschossräume mit lila Beleuchtung und besonders regem Treiben blieben sie stehen und betrachteten die vielen Frauen, die auf Stühlen nebeneinander an den Wänden saßen.

„Onkel,“ sagte Jo, sachkundig grinsend, „das sieht mir ganz nach ‚Frauenhaus‘ aus.

Fritz warf ein: „Ich habe gelesen, in China gebe es keine Prostitution; sie sei strikt verboten.“

Gerhard lächelte: „Ja Fritz, du hast recht. Die ist hier verboten – offiziell gibt es keine Prostitution. Wenn du mal genau in einen dieser Räume hineinschaust, siehst du meist einen alten Friseurstuhl oder einen großen Spiegel. Denn offiziell ist es ein ‚Beauty Salon’ oder ein ‚Barber Shop’. Aids gibt es hier auch nicht, jedenfalls nicht offiziell. Aber lasst auf jeden Fall die Finger von den Mädchen hier in den Frauenhäusern. Sie bumsen grottenschlecht.“

„Sprichst du aus eigener Erfahrung?“

„Na ja, In ‚English Corners‘ läuft nicht mehr viel für mich, seit ich erzählt habe, dass ich hierbleiben will. Und wenn einem die Natur so kommt …! Aber es ist hoch riskant. Ich habe von mehreren Fällen im Bekanntenkreis gehört, wo es gewaltig in die Hose ging. Genau wie in Vietnam verhält sich die Polizei hier sehr clever. Wenn ein Polizist sieht, dass du als Ausländer eine „Dame“ aus dem Frauenhaus mit ins Hotel nimmst, taucht er zehn Minuten später vor dem Zimmer auf und klopft. Wenn du öffnest, fordert er dich auf, dich anzuziehen und mit auf das Polizeirevier zu kommen. Prostitution ist schließlich verboten. du bist jetzt verhaftet. Gegen eine saftige Gebühr kannst du die Verhaftung natürlich vermeiden.“

„Das ist extrem link“, sagte Jo.

Gerhard nickte. „So geht es oft zu. Manchmal erhalten die Polizisten ihre Informationen von den Hotelportiers. Die kriegen dann etwas von der ‚Prämie’ ab. Wenn du dagegen im Hotel eine Bedienung oder Putzfrau abschleppst, ist es was Anderes. Das gibt keinen Ärger. Oder du gehst ins McDonalds oder ins KFC. Dort hängen jede Menge Damen rum. Oder du nimmst eine vom ‚English Corner‘7 mit oder aus irgendeiner anderen Kneipe, wo Ausländer verkehren. Das ist etwas anderes, und der sichere Weg. Soviel zu den Damen hier.“

*****

Die erste Amtshandlung von Oberst Ma Guo am nächsten Morgen war das Zusammenstellen von fünf Überwachungsteams für Jerry Brown, Gus Whitman, Theodor Müller, Richard Feng und Gerhard Frings. Es war schwierig, die dafür notwendigen zwanzig Leute aufzutreiben. Polizeichef Xi Xieng von Sanya zog sie zum Teil von anderen Jobs ab. Er entband auch einige Leute kurzerhand von ihren Schreibtischjobs. Diese Arbeit würde warten müssen.

Aus Beijing hatte Xi Xieng fünfzig zusätzliche Polizisten angefordert, die er am Strand der Sanya Bay einzusetzen gedachte. Er wusste, dass letztendlich höchstens die Hälfte bewilligt werden würde. Die, die dann erscheinen würden, würden nur widerwillig kommen. Der Temperaturunterschied zwischen Beijing und Hainan war gewaltig. Wie fast alle Städter hassten sie die Sonne. Sie fürchteten, braun zu werden. Wer braune Hautfarbe hat, gilt in China als armer Mann, der im Freien arbeiten muss. Man muss dann fürchten, für einen armen Bauern oder Bauarbeiter gehalten zu werden. Niemand wolle freiwillig nach Süden kommen.

Beim abschließenden Treffen, erklärte Oberst Ma Guo den Teams: „Ich will alles über diese Ausländer wissen. Wo sie essen, mit wem sie Kontakt haben, besonders, wenn Chinesen dabei sind. Achtet auf ihre Freundinnen, verwanzt ihre Wohnungen, befragt ihre Putzfrauen, ihre Nachbarn, überwacht ihre Telefongespräche! Ich will alles über diese Leute wissen, alles“

*****

Am folgenden Tag zitierte General Chen Oberst Ma Guo zur Berichterstattung zu sich.

„Oberst, was haben ihre Ermittlungen ergeben?“

Ma Guo war stolz. „Wir haben erste, vielleicht interessante Ergebnisse, vorliegen. Der deutsche Gerhard Frings hat Besuch erhalten.“

Er betrachtete eine Liste. „Laut Unterlagen der Einwanderungsstation im Flughafen von Sanya handelt es sich um dessen drei Neffen Udo, Chris und Jo mit gleichem Nachnamen und einen gewissen Fritz Odermatt. Alle führten deutsche Pässe bei sich.“

General Chen ließ sich die Liste aushändigen und studierte sie aufmerksam. „Können sie mir erklären, was da vorgeht.? Wenn dieser Gerhard Frings in die Angelegenheit verwickelt ist, warum lässt er Familienangehörige kommen?“

Oberst Ma Guo zuckte mit den Schultern. „Herr General. Vielleicht ist es Tarnung! Den vorliegenden Berichten zufolge hat der Amerikaner Gus Whitman mit den vier Deutschen und dem Australier Jerry Brown zwei Tage später ein Fischerboot im Norden gechartert. Sie sind nach Süden aufgebrochen. Der befragte Fischer hat ausgesagt, die Ausländer hätten gefischt und viel Bier getrunken. Sie sind dreimal von Patrouillenbooten der Marine überprüft worden, aber weder Fotoapparate noch Funkgeräte sind gefunden worden. Allerdings hatten sie ein starkes Fernglas bei sich. Auf ihrem Weg nach Süden sind sie an Dongquiao vorbeigefahren, wo man in die Bucht von Wenchang hineinblicken kann. Sie waren also ganz in der Nähe.“

General Chens Aufmerksamkeit war geweckt. „Interessant, sehr interessant. Weiter!“

„Die Überprüfung des Amerikaners Whitman hat ergeben: Er verfügt offenbar über unbegrenzte Geldmittel. Er ist der einzige Ausländer in Sanya, der einen PKW und ein schweres Motorrad besitzt. Während des Vietnamkrieges war er Pilot. Vielleicht hat er aus dieser Zeit Kontakte zu amerikanischen Geheimdiensten. Mehrmals jährlich fährt er nach Beijing und in andere Städte. Angeblich besucht er dort andere befreundete Amerikaner. Hier ist das Dossier.“

Chen blätterte in dem Hefter. „Gut, Oberst. Suchen sie für diesen Amerikaner eine junge, hübsche Polizistin. Sie soll um die 25 Jahre alt sein und über englische Sprachkenntnisse verfügen. Sie soll berichten. Beschaffen sie ihr einen Studentenausweis vom Hainan Airline College in Sanya. Die Kontaktaufnahme sollte im McDonalds stattfinden, wo sich der Amerikaner fast täglich zum Frühstück einfindet.“

Oberst Guo machte sich eifrig Notizen. Dann sah er erwartungsvoll auf: „Herr General. Es wurde weiterhin berichtet von sonntäglichen Treffen im ‚Golden Dragon Tea House’ in Sanya. Dort treffen sich einige unsere Ausländer regelmäßig mit zwei Polizeioffizieren aus Sanya. Ich habe eine neuerliche Sicherheitsüberprüfung der beteiligten Polizistin Mary Hong und ihres Freundes angeordnet. Da sich die Treffen immer im selben Teehaus am selben Tisch abspielen, habe ich das Möbelstück verwanzen lassen. Wir müssen endlich herausfinden, was es mit diesen Ausländern auf sich hat.“

„Gut Oberst. Als Letztes werden wir die Wissenschaftler, die direkt mit den aktuellen Tests befasst sind, auf Herz und Nieren überprüfen. Sie sollen es mitbekommen. Behalten sie sie danach unauffällig im Auge. Ängstliche Leute begehen Fehler! Ich erwarte ihren Bericht baldigst!“

Oberst Guo grüßte, verließ sein eigenes Büro, und setzte sich an den Schreibtisch im Vorzimmer.

Hoffentlich ist diese Angelegenheit bald vorüber! Dieser arrogante General hält sich für übermächtig! Auch ich habe Freunde in Beijing, mächtige Freunde. Fühle dich nicht zu groß, General.

Er griff zum Telefonhörer und wählte eine Nummer in Beijing.

*****

Am übernächsten Vormittag fand sich eine junge Dame im McDonalds Restaurant ein. Sie freundete sich mit dem Amerikaner Whitman an. Während der nächsten Tage stellte er allen seinen Bekannten seine neue, attraktive Favoritin vor. Nach vier Tagen zog die Studentin Susan Mi in seine Wohnung ein7.

Sie erstattete täglich Bericht über Whitmans Aktivitäten.

*****

Oberst Guo betrat mit elf Dossiers das Büro.

Ein Witz. Ich muss in meinem eigenen Büro anklopfen! Na warte!

„Guten Morgen, Herr General. Hier sind die neuen Überprüfungen. Es hat etwas gedauert, aber sie sind umfangreicher und gründlicher als je zuvor. Es wurden alle elf Wissenschaftler überprüft, die direkt mit den Tests der neuen Treibstoffverbindungen befasst sind. Es sind drei Frauen und acht Männer. Da muss sich das Leck befinden. Unser oder unsere Gegner sind sehr, sehr gewitzt. Sie haben es bis jetzt verstanden, ihre konterrevolutionären, volksschädigenden Aktivitäten zu verschleiern.“

„Erzählen sie mir mehr.“ Der General lehnte sich zurück und musterte den Oberst mit durchdringenden Blick.

„Sieben der Wissenschaftler haben in den USA studiert und Praktika bei der NASA absolviert. Auf sie richten wir gewöhnlich unser Hauptaugenmerk. Sie alle haben noch heute Kontakte zu ihren Professoren und Mit-Doktoranden. Das ist positiv zu beurteilen und nicht tadelswert, denn durch den Austausch mit diesen Wissenschaftlern wurde schon manches Problem gelöst oder zumindest einer Lösung nähergebracht. Drei Wissenschaftler haben in Moskau studiert. Auch beim Gedankenaustausch mit deren ehemaligen Kollegen haben wir öfter fruchtbare Anregungen gekommen. Der elfte hat in Paris studiert, und bei der Esa auf Kourou seine Praxiserfahrung gewonnen. Alle elf werden regelmäßig zu Fachkongressen und -tagungen eingeladen.“

„Wo finden diese Kongresse statt?“

„Meist im westlichen Ausland.“

„Halt, Oberst, höre ich richtig? Kongresse beim Klassenfeind? Wer genehmigt die?“

„Unser Genosse Direktor Sun Layan, Herr General.“

„Das wird sofort aufhören. Ich werde nachher mit ihm reden. Das ist unmöglich! Das geht nicht“ Er schüttelte empört den Kopf.

„Sie werden es verstehen, wenn sie mit ihm geredet haben, Herr General. Es ist normal und üblich. Es wird sogar in Beijing als notwendig erachtet. Die kleine Spitzengruppe der Antriebstechniker ist weltweit eng vernetzt. Geheimnisverrat war bisher bei diesen elf Leuten nicht zu erwarten. Sie sind nationalbewusste Chinesen, die stolz darauf sind, dass China in relativ kurzer Zeit den Anschluss an Amerikaner, Europäer und Russen gefunden hat“.

„Trotzdem, Geheimnisverrat ist Tür und Tor geöffnet.“

„Herr General, was sie nicht wissen, ist: Diese Schwerlastrakete CZ-5 würde mit ihrer sensationellen Antriebstechnik aus LHX und LOX alles in den Schatten stellen, was die anderen Raketen herstellenden Nationen an Trägertechnik zu bieten haben. 14 Tonnen in eine geostationäre und 25 Tonnen in eine niedrige Erdumlaufbahn zu schicken, hat bisher keine der großen Raumnationen geschafft8. Unsere Wissenschaftler sind sich sicher, mindestens eine um 7,4 % erhöhte Ladungseffizienz zu erreichen. Damit werden wir sogar an den Europäern vorbeiziehen. Wir können Satellitentransporte erheblich preiswerter anbieten.“

„Das werden wir nicht erreichen, wenn die Amerikaner unsere Geheimnisse ausspioniert haben. Alle wissen, dass Industriebetriebe in westlichen Ländern effektiver und schneller große Projekte zum Erfolg führen, als unsere planwirtschaftlichen Unternehmen, wenn die Grundlagenforschung erfolgt ist und beide Seiten die gleichen Startvoraussetzungen haben. Wir wissen, wie lange es dauert, bis bei uns im Planungsministerium Beschlüsse gefasst sind!“

„Herr General, unser Treibstofftechniker sind überzeugt, dass man auf dieser Schiene noch weitere Verbesserungen erreichen kann. Das Ende der Fahnenstange ist nicht erreicht. Es ist damit zu rechnen, dass wir Chinesen bald Weltmarktführer beim Transport mit Großraketen sein können. Die Nachfrage nach Transportkapazitäten in den Weltraum steigt von Jahr zu Jahr um bis zu 20 %, da immer mehr Staaten weltweit eigene Satelliten in den Orbit schicken wollen.“

„Genosse Sun Layan duldet all dies, die Tagungen und Kongresse, wie sie behaupten?“

„Und zwar mit Rückendeckung aus Beijing. Der ehemalige Minister der Luft-und Raumfahrtindustrie und jetzige stellvertretende Ministerpräsident Zhui Ziyang, ist persönlich mit ihm befreundet.“

Der General zuckte zusammen, als der Oberst diesen Namen aussprach. Er hatte diesen Politiker kennen lernen müssen.

Mit dem will niemand aneinander rasseln! Nicht mit dem!

„Dann sollte man diesen Wissenschaftlern weiterhin den internationalen Gedankenaustausch ermöglichen. Aber ab sofort werden wir sie stärker als bisher überwachen müssen!“

Gedankenverloren sah der General zur Decke. Dann wandte er sich wieder dem Obersten zu. „Das ist alles, was man im Moment unternehmen kann. Ihre Berichterstattung ist beendet, Herr Oberst.“

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In Moskau traf Oleg Propow seinen Freund Anatol Kurow drei Tage später wieder zum Mittagessen. Kurow sah ihn neugierig an. „Gibt es Neues zu berichten, Oleg? Erzähl’, was geht in Beijing vor?“

Propow Augen umspielte ein besorgtes Lächeln. „Berichte zuerst von deiner Tochter. Wie geht es ihr, Anatoli?“

Kurows Mine verfinsterte sich. „Sie schwankt zwischen Depressionen und Tapferkeit. Mein Engelchen versucht, stark zu sein.“ Er schwieg, dann drängte er: „Was ist mit den Chinesen?“