Wadenbeißer - Sonja Liebsch - ebook

Wadenbeißer ebook

Sonja Liebsch

0,0

Opis

Maxi staunt nicht schlecht, als eines Tages ihre exzentrische Schwester Sybille samt Hund vor der Tür steht. Die Kölner Kosmopolitin sucht nach ihrer Trennung ausgerechnet in der schwäbischen Provinz Unterschlupf. Und das genau zum falschen Zeitpunkt, denn Maxi startet nach der Familienpause gerade beruflich durch. Als sie sich jedoch in einer TV-Talkshow kritisch zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie äußert, bringt sie sich und ihre Familie in ernste Schwierigkeiten.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 260

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Sonja Liebsch

Wadenbeißer

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Illustrationen: Frank Liebsch

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © cynoclub – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4428-9

Gedicht

Wenn kleine Engel schlafen gehen,

dann kann man das am Himmel sehen.

Denn für jeden Engel leuchtet ein Stern,

und deinen sehe ich besonders gern.

(Verfasser unbekannt)

1. Kapitel

»Kinder, kommt ihr bitte! Wir wollen los! Till, Jan, der Bodensee wartet!« Es war ein sonniger Sonntag Ende März, einer der ersten schönen Tage im Jahr, an denen man versucht ist, die Winterjacken bis zum nächsten Herbst im Keller einzumotten. Doch hier im Hinterland des Bodensees weiß man, dass man dies frühestens im Mai machen darf, wenn auch die Sommerreifen auf die Autos gezogen werden. Es ist kaum vorstellbar, dass diese 20 Kilometer Entfernung einen solch großen klimatischen Unterschied ausmachen können. So ist es auch nicht verwunderlich, dass man an diesen ersten schönen Tagen jede Menge Sigmaringer, Tuttlinger und Rottweiler auf den Uferpromenaden des Überlinger Sees zwischen Ludwigshafen und Meersburg trifft. Auch ich plante mit meiner Familie den ersten Bodensee-Ausflug des Jahres, der uns traditionell nach Ludwigshafen führt, von wo aus wir am See entlang ins ruhigere, touristisch kaum erschlossene Bodman wandern. Wir hatten diesen Weg für uns entdeckt, als wir vor sieben Jahren mit dem Kinderwagen am See entlangspazierten. Damals war unser ältester Sohn Till gerade ein paar Monate alt. Drei Jahre später fuhr Till den Weg mit seinem Laufrad, und sein Bruder Jan wurde im Kinderwagen geschoben. Till war mittlerweile sieben und nahm sein Kickboard mit, während der dreieinhalbjährige Jan zum ersten Mal einen Ausflug mit seinem Fahrrad machen wollte. Er hatte das Fahrradfahren gerade erst gelernt und sauste schon wie ein Profi um die Kurven. Jan war ein kleiner Chaot. Vollkommen unerschrocken stürzte er sich in jede Gefahr. Mir blieb bei seinen Abenteuern regelmäßig das Herz stehen und ich dankte dem Universum jeden Abend dafür, dass er wieder einen Tag ohne größere Unfälle überstanden hatte.

»Denkt an eure Helme. Ich fahr schon mal das Auto aus der Garage! Alex, kommst du dann auch?« Mein Mann war vor einer halben Stunde im Arbeitszimmer verschwunden, nur um »noch mal schnell die Mails zu checken«. Das war nichts Neues für mich. In etwa zehn Minuten würde er mit einem Stapel Papiere unter dem Arm auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und die Fahrt zum Arbeiten nutzen. Ich hatte Alex während des Studiums kennengelernt. Schon damals war er sehr ehrgeizig und zielstrebig gewesen. Während ich das Studentenleben in vollen Zügen genoss, büffelte er für Klausuren. Wir ergänzten uns hervorragend. Ich brachte Lebensfreude und Leichtigkeit in sein Leben, und er sorgte dafür, dass ich zwischen den Partys das Studium nicht ganz schleifen ließ.

Mit Picknickdecke und Wanderrucksack bewaffnet, öffnete ich gut gelaunt die Tür unseres Einfamilienhauses, um das Auto für den Sonntagsausflug zu beladen.

»Das ist ja ein Service! Man öffnet mir schon, bevor ich klingeln konnte. Hast du wieder hinter der Gardine gelauert, um die Nachbarn zu bespitzeln?«

Was war das? Das konnte, nein, das durfte nicht wahr sein! Jemand, der aussah wie meine Schwester Sibylle, stand direkt vor mir und versperrte mir den Weg ins Freie.

»Was ist denn los, Schwesterherz? Hat dir die Wiedersehensfreude die Sprache verschlagen?«

Doch, sie war es tatsächlich. Sie war den weiten Weg von Köln hierhergekommen, um mir meinen Sonntag zu versauen. Warum nur? Was hatte ich ihr getan? War das die späte Rache dafür, dass ich ihr als Kind einmal ihre Lieblingsbluse zerschnitten hatte? Dabei war das doch bloß Ausdruck meiner Enttäuschung darüber gewesen, dass sich meine große Schwester mehr für ihre Klamotten als für mich interessierte. War sie wirklich so nachtragend oder warum stand sie hier so plötzlich und unangekündigt vor meiner Tür?

Sibylle war drei Jahre älter als ich. Ich hatte sie stets für ihre traumhafte Figur und ihr stilsicheres Auftreten bewundert, doch für sie war ich immer nur ein lästiger Klotz am Bein – die kleine nervige Schwester, auf die man ständig aufpassen muss, die einem mit ihrem aufdringlichen Geplapper jedes Date vermiest. Dabei hatten wir uns früher richtig gut verstanden. Sibylle war stolz, endlich große Schwester zu sein. Sie sah in mir eine Verbündete gegen unseren Bruder Thorsten. Thorsten war zwei Jahre älter als Sibylle und piesackte seine kleine Schwester, wo er nur konnte. Er hatte nicht viel übrig für Sibylles Barbie-Welt. Thorsten war fünf, als ich geboren wurde, und der Star der Bambini-Fußballmannschaft. In unserer Heimatstadt Mönchengladbach wird einem der Fußball quasi in die Wiege gelegt. Unser Vater widmete sein Leben der Borussia. Er selbst war seit seiner Kindheit Vereinsmitglied, spielte als Erwachsener bei den Amateuren und trainierte verschiedene Jugendmannschaften. Thorsten war sein ganzer Stolz. Papa begleitete ihn zu jedem Training und natürlich auch zu allen Spielen. Samstagabends saßen die zwei einträchtig vor der Sportschau und fachsimpelten über die Spiele der Bundesliga. Damals war Sibylle sehr glücklich darüber, eine kleine Schwester zu bekommen. Doch als sie in die Pubertät kam, wurde sie richtig zickig. Mit einem Mal gab es für sie nur noch Jungs, Musik und Mode. Morgens blockierte sie stundenlang das Badezimmer. Sie sagte immer: »Wart’s mal ab. Bald interessierst du dich auch für Jungs, und dann zeig ich dir, wie man sich richtig schminkt.« Doch ich entwickelte mich irgendwie anders als sie. Bis heute brauche ich im Bad nicht länger als 45 Minuten, und das nur, weil ich allein 25 Minuten dafür benötige, meine langen blonden Haare zu trocknen. Bald verbanden mich mit Thorsten mehr gemeinsame Interessen als mit meiner Schwester. Für Sibylle war ich ein langweiliger Bücherwurm, mit dem man keinen Spaß haben konnte. Sie hingegen rockte auf jeder Party; mit 17 war sie kaum noch ein Wochenende zu Hause. Nachdem ihr die Discotheken im »Provinzkaff Mönchengladbach«, wie sie sich ausdrückte, zu langweilig wurden, fuhr sie mit ihrer Clique ins nahe gelegene Düsseldorf oder auch nach Köln. Hier lernte sie Stefan kennen. Seinem Vater gehörte eine große Kölner Straßenbaufirma, bei der er Sibylle nach ihrem sehr mittelmäßigen Abitur eine Ausbildungsstelle organisierte. Als Stefan nach seinem Ingenieursstudium in die Firma einstieg, hörte Sibylle auf zu arbeiten. Stefan verdiente mehr als genug. Gemeinsam lebten sie in einem stylischen Loft im Kölner Stadtteil Ehrenfeld und genossen auch nach 20 Jahren noch das Partyleben in vollen Zügen. Kinder wollten sie nicht – da waren sich beide einig. Auch geheiratet hatten sie nie – zu spießig für coole Lofties. Obwohl Stefan nun schon so viele Jahre quasi zur Familie gehörte, hatte ich ihn kaum mehr als ein Dutzend Mal gesehen. Zu Familienfeiern erschien Sibylle stets allein. Einmal hatte ich sie in Köln besucht, aber seit die Kinder da waren, passten wir so gar nicht mehr in die Welt der Schönen und Reichen. In meinem früheren Beruf als Produktmanagerin in der Medizintechnik erschien ich Sibylle noch einigermaßen vorzeigbar. Immerhin unternahm ich viele Dienstreisen und war irgendwie wichtig. Wenn ich eine der Medizintechnik-Messen in Düsseldorf oder Köln besuchte, trafen wir uns abends in einer der angesagten Bars in der Kölner Altstadt und schlürften einen Cocktail zusammen. Als Hausfrau und Mama hingegen passte ich in Sibylles Welt überhaupt nicht mehr hinein. Und so beschränkte sich der Kontakt zu meiner Schwester in den vergangenen acht Jahren auf kurze Anrufe an Geburtstagen. Ganze zwei Mal hatte ich sie gesehen, seit Till auf der Welt war: zum 60. Geburtstag unserer Mutter und zur Kommunion von Thorstens Tochter Sarah vor zwei Jahren. Dass sie nun leibhaftig vor meiner Haustür stand, war also mehr als eine große Überraschung für mich – es war ein Schock!

»Sibylle, hey, was für eine Überraschung!« Ich konnte ihr keine Freude vorspielen. Wozu auch? Sibylle hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie unsere Lebensweise spießig und unwürdig fand. Unsere Jungs waren schlecht erzogen und stellten eine Bedrohung für die zivilisierte Welt dar. Warum sollte ich mich also über ihren unangekündigten Besuch freuen? Einen Herpes heißt man ja auch nicht herzlich willkommen, wenn er einen morgens plötzlich im Spiegel angrinst.

»Komm her, Maxi, lass dich drücken! Filou, was soll denn das? Du musst nicht eifersüchtig sein. Mami hat dich doch immer noch am liebsten!« Sibylles Handtasche entwickelte plötzlich ein aufgebrachtes Eigenleben. Sie wackelte und rüttelte an ihrer Schulter wie ein außer Kontrolle geratener Vibrationsalarm eines Handys. Dazu kläffte die durchgedrehte Tasche in einem fort, und es war klar, dass es sich nicht um einen außergewöhnlichen Klingelton handelte, der diesen Aufruhr verursachte. Meine Schwester trug tatsächlich so ein kleines Paris-Hilton-Ding in ihrer Handtasche spazieren. Wer auch immer sich mit der Frage beschäftigt, was den Menschen mehr prägt, die Umwelt oder die genetischen Anlagen, der muss nur eine halbe Stunde mit meiner Schwester und mir verbringen. Wir sind in derselben Familie aufgewachsenen, im gleichen sozio-kulturellen Umfeld, hatten die gleichen Bezugspersonen und könnten unterschiedlicher nicht sein.

»Das ist mein Helm, du Blödi! Gib den her! Mamaaaa! Der Till gibt mir meinen Helm nicht. Der Pups!« Till und Jan rangelten im Abstellraum um einen Fahrradhelm, vermutlich, weil einer der beiden seinen Helm am Vorabend irgendwo draußen liegen gelassen hatte, statt ihn ordnungsgemäß an seinen Platz zu räumen. Nun wollte sich keiner auf Helmsuche begeben. Lieber stritten sie zehn Minuten, als in nur drei Minuten den fehlenden Helm draußen einzusammeln. Sibylles Augenbraue hob sich missbilligend angesichts der unflätigen Ausdrucksweise meines Sohnes, aber sie sagte nichts.

»Till, Jan, kommt mal her und sagt ›Hallo‹ zu eurer Tante Sibylle.«

»Hat die schon wieder Geburtstag? Können wir da nicht heute Abend anrufen?«, tönte es aus dem Abstellraum.

»Wir müssen gar nicht anrufen. Sie ist hier. Und sie hat noch jemanden mitgebracht.«

Till und Jan kamen in den Flur gerannt, um zu sehen, wer denn nun tatsächlich vor unserer Tür stand. Als sie Sibylle mitsamt ihrer zappelnden kläffenden Handtasche in der offenen Tür stehen sahen, blieben sie abrupt stehen und starrten sie ungläubig an. Wir wohnen recht ländlich; so etwas wie Sibylle sieht man hier nicht oft, und so war es nicht verwunderlich, dass meine Jungs sie mit offenen Mündern anstarrten. Sibylle trug blasslila Leggings und ein geblümtes transparentes Flatterblüschen. Dank ihrer 15-cm-Absätze wirkte Sibylle beängstigend groß. Sie war perfekt gepflegt, vom Scheitel bis zur Sohle. Jedes Haar saß an seinem vorbestimmten Platz, die Fingernägel waren frisch manikürt. Sie und Filou waren umgeben von einer blumigen Parfümwolke. Neben Sibylle fühlte ich mich immer schon wie in einer Douglasfiliale: wie ein kleines hässliches Entlein. Wahrscheinlich war es den Parfümerie-Fachverkäuferinnen überhaupt nicht bewusst, dass sie dafür verantwortlich waren, dass ich seit Jahren meine Kosmetika im Internet bestellte. Ich tat dies nicht, weil das Personal unfreundlich war oder ich mich schlecht beraten fühlte. Im Gegenteil: alle supernett und gut geschult. Leider trampelten sie aber mit ihrem perfekten Erscheinungsbild und der Duftwolke Marke »frisch geduscht und gecremt, obwohl ich eigentlich sowieso nie transpiriere« so auf meinem Selbstwertgefühl herum, dass ich diese Einrichtungen aus lauter Selbstschutz mied.

»Ist das ein Hund in deiner Tasche? Wieso trägst du ihn denn? Hat er sich die Pfote gebrochen? Sibylle, zeig doch mal!« Jan hatte als Erster die Sprache wiedergefunden. Die Kinder liebten Tiere. Fast täglich mussten wir uns dafür rechtfertigen, warum in unserem Haus keine Tiere erlaubt waren. Es ist nicht so, dass Alex und ich keine Tiere mögen, aber am liebsten sind sie uns in ihrem natürlichen Umfeld: im Zoo!

»Oh ja, Sibylle, zeig mal! Wie heißt er denn? Ach, ist der süß. Lass ihn doch mal runter! Ich komm da kaum dran.« Till wollte die Hundetasche schon an sich nehmen, aber Sibylle hielt sie fest umklammert.

»Das hat der Filou nicht so gern. Der mag keine Kinder.«

»Echt nicht? Warum denn nicht?« Till war den Tränen nah. Endlich war ein echtes lebendiges Tier in seiner Reichweite, und nun durfte er es nicht einmal streicheln.

»So ’n blöder Hund!« Jan brachte seine Enttäuschung klar und direkt zum Ausdruck. »Papa! Die Sibylle hat einen blöden Pups-Hund, der keine Kinder mag. Der darf hier nicht rein, stimmt’s, Papa? Weil bei uns sind Haustiere nämlich verboten.«

»Was ist los? Was schreit ihr denn schon wieder so rum? Was für ein Hund? Wir haben euch doch schon 100 Trillionen Mal gesagt, dass ihr keinen Hund haben könnt.« Alex hatte seine Arbeit offensichtlich beendet und erschien nun mit einem Stapel Papiere unter dem Arm im Flur.

»Liebling, sieh mal, wer uns besucht. Ist das nicht eine tolle Überraschung?« Ich sah Alex mahnend an, weil ich wollte, dass er meine Schwester freundlich begrüßte. Er mochte Sibylle nicht. Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit, und beide gaben sich in der Regel keine Mühe, dies zu verbergen. Dennoch wollte ich, dass er ihr die gleiche Gastfreundschaft zuteilwerden ließ wie allen anderen Besuchern auch.

»Sibylle! Das ist aber wirklich eine Überraschung. Wo ist Stefan?«

»Ah, da ist ja endlich ein starker Mann. Alex, sei doch so lieb und hol meine Koffer aus dem Auto, ja? Hier ist der Schlüssel. Und Abschließen nicht vergessen, ja? Ach, Schwesterchen, jetzt freu ich mich erst mal auf einen leckeren Kaffee. Der Verkehr war die reine Hölle!« Mit diesen Worten schob sie sich an der versammelten sprachlosen Familie vorbei ins Haus.

»Hier gibt’s keinen Kaffee. Wir fahren jetzt zum Bodensee! Du musst morgen wiederkommen.« Wieder war es Jan, der als Erster die Schockstarre überwunden hatte.

»Dann fahren wir eben ein halbes Stündchen später. Jetzt bitten wir unseren Gast erst einmal herein und trinken zusammen eine Tasse Kaffee.« Ich versuchte meinen Sohn vorerst zu vertrösten und die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen. Ich war immer noch vollkommen verstört. Was wollte Sibylle hier, und warum hatte sie ihren Besuch nicht angekündigt? War etwas passiert?

»Nein. Wir fahren gar nicht später. Nach dem Kaffee ist es zu spät. Ich will jetzt fahren! Immer fahren wir nicht zum Bodensee. Ihr seid so gemein!« Jan neigte stets zu spontanen Gefühlsausbrüchen, die in der Regel vollkommen überzogen waren, aber dieses Mal verstand ich seine Reaktion nur zu gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute noch am Ufer des Sees sitzen und ein Eis essen würden, bewegte sich Richtung null. Während Sibylle bereits im Wohnzimmer angekommen war, stand meine Familie um mich herum und redete auf mich ein. Die Situation überforderte mich. Was tauchte sie hier so plötzlich und ohne Einladung auf und störte unseren sonntäglichen Familienfrieden? Und was hielt mich davon ab, ihr einfach zu sagen: »Du, heute ist es ungünstig. Wir müssen jetzt los. Ruf doch beim nächsten Mal kurz durch, wenn du uns besuchen möchtest.« Immerhin hatte Sibylle auf unsere Bedürfnisse auch noch nie Rücksicht genommen, und besonders willkommen habe ich mich bei ihr auch nicht gefühlt. Ja, was hielt mich davon ab, sie einfach so zu behandeln wie sie mich? Ich konnte es nicht, weil ich eben anders war als sie. Deshalb waren wir uns ja so fremd geworden. Es kann niemand aus seiner Haut, und das wusste auch Sibylle. Sie wusste, dass ich sie nicht wegschicken würde. Bei keinem anderen hätte sie sich getraut, einfach unangemeldet vor der Tür zu stehen. Bei mir konnte sie sich sicher sein. Und das machte mich richtig wütend. Ich sah meine Kinder an, die sich auf den Ausflug gefreut hatten. Seufzend folgte ich Sibylle ins Wohnzimmer. Für Familie ist man da. Immer. Das ist etwas, das wir unseren Kindern mitgeben wollten, und wenn Sibylle hier so unangemeldet auftauchte, dann hatte das sicher einen Grund. Deshalb mussten wir jetzt wohl alle in den sauren Apfel beißen und unseren Gast willkommen heißen.

»Jetzt erzähl mal, was uns die Ehre deines Besuchs verschafft? Hast du einen Termin in der Nähe?« Während ich die Kaffeemaschine bediente, versuchte ich herauszufinden, warum Sibylle so unerwartet bei uns aufgetaucht war.

»Na hör mal, brauche ich etwa einen Grund, um meiner Schwester und ihrer Familie einen Besuch abzustatten?«

»Also ich lass die beiden Schwestern dann mal allein und geh ins Arbeitszimmer.« Alex hatte resigniert akzeptiert, dass der Familienausflug ins Wasser fiel, und wollte die Zeit jetzt wenigstens zum Arbeiten nutzen.

»Na super, dann wird das heute wohl nichts mehr mit Bodensee. Hatte Jan doch recht!« Nun hatte auch Till seine Sprache wiedergefunden.

»Manchmal muss man Pläne ändern, mein Schatz. Ich versprech’ dir, dass wir den Ausflug ganz bald nachholen. Und nach dem Kaffee gehen wir eine Runde spazieren, und Jan und du könnt eure Fahrzeuge mitnehmen. Das ist doch dann fast wie am See.«

»Ohne mich! Wenn wir nicht zum Bodensee fahren, will ich Wii spielen!« Ich seufzte frustriert. Toll! Statt eines gesunden Ausflugs in die Natur würden meine Söhne diesen wundervollen Frühlingssonntag im Wohnzimmer vor dem Fernseher verbringen.

»Na gut. Meinetwegen. Aber nur eine halbe Stunde.«

»Ich auch, Mama, ich will auch Wii!« Jan witterte sofort seine Chance. Normalerweise durfte Till nur Wii spielen, wenn Jan nicht da oder schon im Bett war. Alex und ich waren prinzipiell gegen Spielekonsolen. Nachdem Till uns aber damit in den Ohren lag, seit er fünf Jahre alt war und wir nicht schuld daran sein wollten, dass er womöglich sozial ausgegrenzt würde, hatten wir zu Weihnachten eine Wii für die »ganze Familie« gekauft. Immerhin muss man sich hierbei ja wenigstens noch bewegen, hatten wir unser schlechtes Gewissen beruhigt. Obwohl Jan ausgesprochen geschickt mit der Fernbedienung der Spielekonsole umging, wollte ich nicht, dass er mit nicht einmal vier Jahren schon regelmäßig mitspielte. Heute aber hatte ich seinem Wunsch nichts entgegenzusetzen. Mir war fast alles recht, wenn sie bloß nicht mehr sauer auf mich waren.

»Ausnahmsweise. Aber ihr müsst euch abwechseln, und ich will keinen Streit hören!«, mahnte ich.

»Sag mal, findest du das in Ordnung, dass sie hier drin abhängen bei dem schönen Wetter?« Offensichtlich war Sibylle neuerdings Expertin in Kinderfragen. Ihre ignorante Feststellung machte mich wütend.

»Weißt du, eigentlich hatten wir andere Pläne für heute«, bemühte ich mich, möglichst emotionslos zu antworten. Ich servierte den bestellten Kaffee und wollte nun endlich wissen, was hier gespielt wurde.

»Bitte sehr, die Dame. Und jetzt erzählst du mir, was los ist. Natürlich stattest du uns nicht nach über zehn Jahren einen spontanen Anstandsbesuch ab.«

»Es ist aus.« Sibylle hielt den Blick auf die Kaffeetasse gesenkt. »Stefan hat mich verlassen. Seine Neue wohnt schon bei uns.« Wow! Damit hatte ich nicht gerechnet. Obwohl ich Stefan nicht mochte, schienen die beiden doch irgendwie zueinanderzupassen. Sibylle achtete stets auf ein makelloses Auftreten – absolut vorzeigbar in seinen Kreisen – und er sorgte dafür, dass sie ihren Lebensstandard halten konnten. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.

»Oh Gott, Sibylle, das tut mir leid.« Eine Weile saßen wir uns schweigend gegenüber. Ich wollte nichts Falsches, Unsensibles sagen. Wir tranken unseren Kaffee und schauten den Kindern beim Bowlingspielen zu. »Ist es jemand, den du kennst?«

»Jetzt schon. Nachdem sie in meine Wohnung eingezogen und mir beim Packen zugeguckt hat. Ach Maxi, ich habe das Gefühl, ich sitze im falschen Zug, jemand hat den falschen Film eingelegt. Das ist nicht das Programm, das ich eingeschaltet habe. Aber egal, welchen Knopf auf der Fernbedienung ich drücke, es läuft überall der gleiche beschissene Film. Sie hat letztes Jahr ein Praktikum bei ihm gemacht. So lange läuft das schon. In Köln gab es damals eine große Ausschreibung für ein Straßenbauprojekt, die Stefan und sein Vater unbedingt gewinnen wollten. Stefan war in dieser Zeit noch länger im Büro als sonst. Natürlich hat er es auf das Projekt geschoben, aber ich habe es da schon gemerkt. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich hab die Augen einfach zugemacht und gehofft, dass es vorbeigeht. Ich hab mir noch mehr Mühe gegeben, ihm zu gefallen, aber er hatte sich längst gegen mich entschieden. Gestern ist sie dann aus heiterem Himmel bei uns aufgetaucht. Er hat mich nicht mal vorgewarnt! Als ich aus der Dusche kam, stand sie plötzlich an seiner Seite in unserem Wohnzimmer. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Bild war? Ich hatte nur ein Handtuch umgebunden, war ungeschminkt, und dann stand da plötzlich dieses Püppchen Marke Cameron Diaz vor mir und hielt die Hand von meinem Freund! Die zwei standen vor mir wie ein Teenagerpaar, das den Eltern gerade beichtet, dass Nachwuchs unterwegs ist.«

»Jetzt sag nur, die ist auch noch schwanger.«

»Noch nicht. Aber lange kann das nicht mehr dauern, denn das ist auch ein Punkt, den Stefan angesprochen hat.«

»Was hat er denn überhaupt gesagt?«

»Er hat gesagt: ›Sibylle, ich möchte dir Sandra vorstellen. Ich will gar nicht lange drum herum reden. Du weißt es sicher schon. Ich möchte deinem Glück auch gar nicht länger im Weg stehen. Es wäre unfair, dir länger etwas vorzumachen. Noch hast du die Chance, einen neuen Partner zu finden, der dich wirklich liebt, so wie ich Sandra. Wir sind füreinander bestimmt und wollen eine Familie gründen. Sibylle, ich weiß ja, dass du keine Kinder möchtest, und das respektiere ich. Du findest sicher einen Mann, der deine Bedürfnisse teilt.‹ Meine Bedürfnisse? Er wollte nie Kinder! Zu laut, zu dreckig, zu uncool!« Sibylle war sichtlich bemüht, nicht die Fassung zu verlieren. Was für ein Arschloch. Ich hatte Stefan noch nie gemocht, und dieses Verhalten passte irgendwie zu so einem Typen. Solche Geschichten hörte man ja immer wieder. Dennoch hätte ich nie damit gerechnet, dass meiner Schwester das passierte. Sie war doch nicht der Typ, den man einfach so austauschte. Bei manchen Paaren spürte man schon lange im Voraus, dass die Beziehung früher oder später so enden würde. Bei Sibylle und Stefan hatte es für mich keine erkennbaren Vorzeichen gegeben. Wie auch? Ich hatte die beiden ja kaum zusammen erlebt. Natürlich – Sibylle hatte es gesagt. Sie hatte es schon lange gespürt. Ich war einfach viel zu weit weg und musste nun erkennen, dass ich nicht die leiseste Ahnung von ihrem Leben hatte, obwohl ich doch glaubte, sie ganz genau zu kennen. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, in den vergangenen Jahren nie Sibylle selbst, sondern immer nur ihr Spiegelbild gesehen zu haben. Ich hatte sie aufgrund ihres Stylings und ihrer Kommentare in eine Schublade gesteckt, ohne genauer hinzusehen. Nun war der Spiegel zerbrochen, und meine Schwester saß an einem Wendepunkt ihres Lebens mitsamt dem Scherbenhaufen an meinem Esstisch, während meine Söhne sich um die Fernbedienung der Spielekonsole stritten. Ratlos sah ich Sibylle an. Ich wollte ihr so gerne sagen, in welchen Eimer sie ihre Scherben entsorgen sollte, aber ich wusste selbst nicht, wohin damit. Jetzt mal ernsthaft: Wo gehört ein kaputter Spiegel hin? Restmüll? Altglas? Wer weiß das schon genau und wen interessiert das? Deckel auf, Hauptsache weg. Aber so einfach war das für mich in diesem Moment nicht. Ich konnte keinen Eimer herzaubern und fühlte mich hilflos. Ich wollte meiner Schwester doch so gern helfen, aber es gab nichts, was ich tun konnte. Fast nichts.

»Du kannst hierbleiben, solange du willst.« Meinte ich wirklich, was ich da sagte? Wie würde Alex auf unseren »Gast für unbestimmte Zeit« reagieren? Wo wollte Sibylle in Zukunft leben? Die Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. »Weiß Mama schon Bescheid?«

»Glaubst du, ich wäre den weiten Weg hier runtergefahren, wenn ich den Mut gehabt hätte, ihr zu sagen, dass Stefan mich verlassen hat? Ich muss das selbst alles erst mal verdauen. Maxi, ich stehe vor dem Nichts. Du kannst das nicht verstehen. Du hast alles. Einen Mann, der dich liebt, Kinder und einen Job. Ich habe auf alles verzichtet für Stefan. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren.« So hatte ich das noch nicht gesehen. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass Sibylle auf irgendetwas verzichtet hätte. Ich war doch diejenige, die für die Kinder auf ein selbstbestimmtes Leben verzichtet hatte. Sibylle hatte alle Freiheiten. Jede Menge Zeit und Geld zur freien Verfügung. Oder etwa nicht? Langsam dämmerte es mir, dass auch Sibylle Zwängen unterworfen war, die ihre vermeintliche Freiheit doch extrem einschränkten. Ich hatte mich nie gefragt, was Sibylle in ihrer freien Zeit eigentlich machte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie jemals von irgendwelchen Wellness-Wochenenden mit Freundinnen oder zeitintensiven Hobbys erzählt hatte. Hatte Sibylle überhaupt eigene Interessen? Oder war es so, dass sie in all den Jahren tatsächlich nur darum bemüht war, Stefans Bedürfnisse zu befriedigen, die perfekte Frau an seiner Seite zu sein? Sibylle hatte recht: Ich hatte alles und sie nichts. Als ich im Jahr zuvor meine Arbeitsstelle verloren hatte, war das sehr schlimm für mich gewesen. Große Selbstzweifel und Existenzängste hatten mich geplagt. Aber ich war nie allein. Ich hatte einen liebevollen Mann, Kinder und Freunde. Sibylle hatte sich komplett aufgegeben für einen Mann, der sie nun entsorgt hatte wie ein abgenutztes Kleidungsstück. Wie einsam sie war, zeigte allein die Tatsache, dass sie in ihrer Not über 500 Kilometer gefahren war, um bei ihrer Schwester Zuflucht zu suchen, mit der sie nichts verband außer dem gemeinsamen Elternhaus. Vielleicht hatte Sibylle sich in den vergangenen Jahren ja gar nicht zurückgezogen, weil sie keine Kinder mochte und unsere Lebensform verachtete, sondern weil sie mich heimlich um mein Leben beneidete. Solche Gedanken hätte ich noch vor einer Stunde als vollkommen absurd abgetan. Nun erschienen sie mir durchaus logisch und nachvollziehbar.

»Oh nein, Filou! Das macht man doch nicht. Du unartige kleine Pipimaus. Jetzt muss die Tante Maxi das alles aufwischen. Ja, ich weiß doch. Du bist aufgeregt. Natürlich. Nein, Mami ist nicht böse. Komm her, mein kleiner Schatz. Gib Mami einen Kuss.«

Kolumne

Abserviert

Plötzlich stand sie vor meiner Tür. Ohne Vorwarnung – aus heiterem Himmel. Meine Schwester. Für die meisten ist dies sicherlich ein freudiges Ereignis; bei mir ist das anders. Bei Facebook würde ich unsere Beziehung mit »sie ist kompliziert« beschreiben. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass wir zwei grundlegend verschiedene Persönlichkeiten sind, die sich häufig schwertun, die Lebensweise der anderen zu respektieren. Ich bin ein Familienmensch, schon immer gewesen. Ich liebe das Leben mit meinem Mann und unseren zwei Kindern in der schwäbischen Provinz, wo Kinder noch auf der Straße spielen und sich Hütten im Wald bauen können. Meine Schwester hingegen hat von jeher das Jetset-Leben in der Großstadt bevorzugt. Mit ihrem Freund lebt sie in einem Kölner Loft – ohne Kinder, mit Hund. »Lebte«, muss ich korrekterweise sagen, denn seit gestern wohnt die Dame von Welt bei mir in Kleinkleckersdorf. Nach 20 Jahren hat ihr Freund ein uraltes Klischee bedient und sie gegen eine Jüngere ausgetauscht. Das ist schlimm, emotional, aber auch wirtschaftlich. Denn in all den Jahren war sie stets die Frau an seiner Seite, immer charmant und perfekt gestylt. Sie hat ihm den Rücken freigehalten, hat sich um den Haushalt gekümmert und seine Geschäftspartner mit exklusiven Dinner-Partys unterhalten. Eigenes Einkommen hatte sie nie. Nun ist sie mit 40 Jahren bei ihrer kleinen Schwester eingezogen und hat keine Ahnung, wie sie in Zukunft ihren Lebensunterhalt bestreiten soll. Das Schlimme an der Sache: Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Meine Schwester steht hier exemplarisch für viele Frauen, die, teils zum Wohle der Karriere ihres Mannes, teils aus Bequemlichkeit, auf eigene Arbeit verzichtet haben und eines Tages von heute auf morgen allein dastehen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, ist es eine Tatsache, dass jede zweite Ehe geschieden wird und Ex-Frauen keinen Anspruch auf Unterhalt haben. Darum ist es heute wichtiger denn je, dass wir die Verantwortung für unser täglich Brot nicht unserem Partner übertragen, sondern darauf achten, stets selbst für unseren Lebensunterhalt sorgen zu können. Meine Schwester hat sicher nicht damit gerechnet, eines Tages aus ihrem schönen Loft ausziehen zu müssen. Nun sitzt sie auf meinem Sofa und versucht, ihr Leben neu zu definieren. Neben all dem Unglück über die gescheiterte Beziehung steht sie vor der großen Herausforderung, praktisch ohne Berufserfahrung eine Arbeit finden zu müssen. Natürlich soll man nicht schon zu Beginn einer Beziehung an ein mögliches Ende denken. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass eine Abhängigkeit, egal ob emotional oder finanziell, keiner Beziehung auf die Dauer guttut. Selbst wenn es die familiäre Situation erfordert, dass eine Frau beruflich kürzertritt oder für eine Weile ganz aus dem Berufsleben aussteigt, sollte sie darauf achten, sich nicht völlig zurückzunehmen, weiterhin ihre Hobbies zu pflegen und eigene Ziele zu verfolgen. Wir wollen es nicht wahrhaben, aber es kann immer passieren, dass der Partner von heute auf morgen nicht mehr da ist oder nicht mehr für den Familienunterhalt aufkommen kann. Für diesen Fall müssen wir uns unsere Eigenständigkeit so weit bewahren, dass wir die Aufgabe übernehmen können, auch und gerade wenn wir Kinder haben.

2. Kapitel

»Das ist ja unglaublich. Und was will sie jetzt machen?« Am Morgen nach Sibylles Ankunft saß ich bei meiner Freundin Andrea, um ihr von den Ereignissen des Vortages zu berichten. Andreas Söhne Hagen und Paul waren im gleichen Alter wie unsere Jungs. Wir hatten uns vor knapp acht Jahren beim Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt und waren seitdem sehr gute Freundinnen geworden. Andrea hatte mir in den vergangenen Jahren oft beigestanden. Ich konnte stets sicher sein, von ihr eine ehrliche Antwort zu bekommen, auch wenn ich die gar nicht immer hören wollte. Wann immer mich etwas bewegte, war sie nach Alex die Erste, der ich davon erzählte. So auch an diesem Montagmorgen. Nachdem ich Till zur Schule und Jan in den Kindergarten gebracht hatte, schaute ich auf einen Latte macchiato bei ihr vorbei, um ihr von den Neuigkeiten zu berichten und meine Gedanken zu ordnen. Ich hatte in der Nacht schlecht geschlafen und darüber gegrübelt, wie es für Sibylle weitergehen konnte, wie es überhaupt so weit gekommen war.

»Ich habe keine Ahnung und sie wohl auch nicht. Jetzt sitzt sie erst mal mit ihrem Schoßhündchen bei uns zu Hause und leckt sich die Wunden.«

»Und wie sieht das aus?«

»Gestern Abend hat sie sich bis spät in die Nacht durch sämtliche Programme gezappt und parallel im Internet geshoppt. Als ich sie gefragt habe, wo sie sich die Sachen denn hinschicken lässt, hat sie mich ganz verständnislos angesehen und gesagt: ›Na hierher natürlich.‹ Ich vermute, sie hat noch keine genaue Vorstellung davon, wo sie hinwill und vor allem: wann. Als ich vorhin gegangen bin, saß sie schon wieder mit Filou auf dem Sofa und hat sich Dokusoaps reingezogen.«

»Fernsehen bei euch, am helllichten Tag?« Andrea kannte unsere Regel nur zu gut. Der Fernseher wurde erst ab 18.00 Uhr eingeschaltet. Ausnahmen wurden nur gemacht, wenn eines der Kinder krank war und zu Bettruhe verdonnert war.

»Ich hab den Jungs erklärt, dass Sibylle krank ist und deshalb auch eine Weile bei uns bleiben wird, bis sie wieder gesund ist. Das haben sie nur zu gern akzeptiert, denn natürlich lassen sie sich nicht abwimmeln und gucken den ganzen Schrott mit. Warum ist sie nur ausgerechnet zu mir gekommen? Ich habe doch weiß Gott genug um die Ohren mit den Kindern und meinem Job. Ihr Leben passt so überhaupt nicht zu unserem. Ich hoffe, in ihrem Shopping-Wahn hat sie auch einen Fernseher fürs Gästezimmer mitbestellt. Diese permanente Beschallung macht mich schon ganz aggressiv, dabei ist sie noch keine 24 Stunden da.«