Schwuchteln - Larry Kramer - ebook

Schwuchteln ebook

Larry Kramer

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Opis

Fred Lemish wird in wenigen Tagen vierzig, und inmitten einer Community, für die es nur Sex, Drogen und Ekstase gibt, sehnt er sich nach der großen Liebe. Aber Kramer denkt gar nicht daran, seinen Helden an die Hand zu nehmen, um ihn durch alle Stürme sicher in den Hafen der Geborgenheit segeln zu lassen. Rasant und radikal, zynisch und zärtlich, wütend und unglaublich witzig führt er uns durch diese fantastische und unglaublich temporeiche Geschichte. Es gibt nur wenige Bücher in der modernen schwulen Literatur, die zu lesen ein absolutes Muss ist. "Schwuchteln" ist ohne Zweifel eines davon.

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Table of Contents

Titelei

Vorwort

Widmung

Schwuchteln

Über den Autor

Impressum

»And I’m not a faggot!«

Zu Larry Kramers Faggots (1978)

Es gibt wenige Romane, an deren Lektüre ich mich Jahrzehnte später noch so gut erinnern kann wie an Larry Kramers Faggots. Ich sah das Buch in einem Laden in London (in den späten Achtzigerjahren), in dessen Regalen meist nur Aids- oder Coming-out-Romane zu finden waren, mit denen ich wenig anfangen konnte. Der Titel Faggots suggerierte, dass es bei Kramer vielleicht um etwas anderes gehen könnte, etwas, das darüber hinauszielen würde. Schon der erste Satz – »There are 2,556,596 faggots in the New York City area« – faszinierte mich. Und spätestens beim folgenden Absatz fing ich an zu schmunzeln und wollte mehr wissen: »There are now more faggots in the New York City area than Jews. […] The straight and narrow, so beloved by our founding fathers and all fathers thereafter, is now obviously and irrevocably bent. What is God trying to tell us?« Genau. Was wollte Gott mir sagen? Mir, dem katholischen Jungen, dem seine Eltern erklärt hatten, dass Homosexualität eine Todsünde sei, und dass er bitte in eine andere Stadt ziehen solle, damit sie nicht mitbekommen müssten, wie er sie auslebt? Das war der Startschuss für meinen Umzug nach London (für New York hatte mein Geld leider nicht gereicht).

Die Lektüre von Kramers Buch war auch deshalb so einprägsam, weil ich weder vor Faggots noch danach je eins gelesen habe, bei dessen Lektüre ich eine Dauererektion hatte. Kramers Trick ist es, die Beschreibung des schwulen Alltags in New York City sexuell so aufzuladen, dass sich viele Abschnitte wie grandioser Porno lesen, aber gleichzeitig jede Menge Tiefgang besitzen und die Charaktere greifbarer machen, d.h. der Sex dient dazu, etwas über die Figuren zu sagen. Dass er gleichzeitig unterhält und erregt, ist das Erfolgsgeheimnis von Kramers Erzählstil. Außerdem ist der Autor unglaublich witzig. Man kann das Buch auch als gigantische Gesellschaftssatire lesen, in der die Hauptpersonen fortwährend in den aberwitzigsten Situationen landen und unverhofft Bekannte in Darkrooms treffen, die sie dort lieber nicht sehen wollen.

Wirklich ergreifend wird Kramer, wo er ernste Töne anschlägt. Denn seine Haupthandlungsstrang, der vom Ich-Erzähler Fred Lemish und seiner hoffnungslosen Liebe zum hedonistischen Dinky, endet mit der Erkenntnis, dass aus der einseitigen Beziehung nichts werden kann. Mehr noch: Der Ich-Erzähler kommt zu dem Schluss, dass er das Leben, für das Dinky steht – das einer typischen New Yorker ›Schwuchtel‹ – selbst nicht leben möchte. »No, it’s time to just be. […] I’m not gay. I’m not a fairy. I’m not a fruit. I’m not queer. A little crazy maybe. And I’m not a faggot. I’m a Homosexual Man. I’m Me. Pretty Classy.« Amen!

In einer Zeit meines Lebens, in der ich selbst noch meinen Platz in der Welt suchte, machte dieses Credo Kramers auf mich tiefen Eindruck. Und begleitete mich noch Jahre danach. Bis heute eigentlich.

Bei der Erstlektüre kam mir das New York, das Kramer beschreibt, wie ein surreales Zauberland vor. Mir war anfangs nicht bewusst, dass er ein ziemlich exaktes Abbild des wirklichen Lebens in New York in den Siebzigern zeichnete – ein Leben, das es so schon in den späten Achtzigern (als ich Faggots las) nicht mehr gab. Aids hatte dem wilden Treiben auf den Docks, auf Fire Island und auf den Privatpartys ein Ende bereitet, von dem bei Kramer niemand etwas ahnen konnte – Faggots ist erstmals 1978 veröffentlicht worden.

Wenn ich danach irgendwo etwas über das New York der Siebziger las oder hörte, liefen Passagen aus Kramers Buch in meinem Kopf ab: bunt und schrill und over the top. Bis ich bei der Recherche zu meinem eigenen Buch Porn: From Andy Warhol to X-Tube und dem darin enthaltenen Kapitel über eben diese Dekade merkte, dass alles, was Kramer beschreibt, keine Übertreibung war, sondern eine genaue Darstellung des Ist-Zustands. New York und andere Städte wie San Francisco und Berlin waren damals ein schwules Sex-Utopia. Ein Zustand, von dem Kramers Hauptfigur am Ende des Romans sagt, dass es so nicht weitergehen kann, weil es die Menschen kaputt mache. Fred Lemish sagt sich davon los, indem er sich auf der letzten Seite des Romans endgültig von Dinky trennt. Mit den memorablen Worten: »There goes Dinky. Handsome Dinky. Such Potenzial Dinky. […] … yes it still hurts. […] … yes I’m still scared … [….] Many many many millions who wish to welcome The Summer of Our Lives. Two other discos opened last night. ContreTemps closed. Heavenly Garage looks to be a winner. I’m 40. Happy Birthday Me.«

Inzwischen bin ich selbst 40 geworden. Und Kramers Epiphanien aus Faggots kommen mir öfter in den Sinn, besonders in kritischen Lebenssituationen. Seine Worte begleiten mich seit Jahren wie ein Kompass. Und dass ich als Chefredakteur von MÄNNER einmal ein Interview mit Kramer anlässlich des Broadway-Revivals seines berühmten Aids-Dramas The Normal Heart führen würde (seinem zweiten Meisterwerk, ein Jahrzehnt nach Faggots geschrieben), hätte ich mir als 22-Jähriger damals im Buchladen von London auch nicht träumen lassen. We’ve come a long way, Faggots and I, könnte man sagen. Sogar meine Eltern stufen Homosexualität inzwischen nicht mehr als Todsünde ein, und ich muss auch nicht mehr in London leben, um fern von ihnen schwul sein zu können.

Durch Kramer wird Geschichte lebendig. Der Autor, mittlerweile 76 Jahre alt, steht immer noch bereitwillig Rede und Antwort. Je mehr Zeit vergeht, die zwischen Heute und der Handlung von Faggots liegt, desto aufregender wird das Buch. Denn das »Goldene Zeitalter der Promiskuität« – in all seiner Glorie, Dekadenz und Beschränktheit – hat niemand so unterhaltsam und intelligent beschrieben wie Larry Kramer. Deswegen wird Faggots auch immer ein Klassiker für all diejenigen bleiben, die wissen wollen, wie’s damals wirklich war. Und wie es ist, sich als Schwuler zu emanzipieren und zu sich selbst zu finden. Egal, ob man nun über die Siebziger spricht, oder über das Heute.

Kevin Clarke

Dieses Buch ist für:

Arthur und Alice Kramer,

William H. Gillespie,

und Sam Klagsbrun.

Und für David – »unser Buch«

… die Alten wähnten die tiefen Emotionen in den Eingeweiden.

– Evelyn Waugh, Mit Glanz und Gloria

Es gibt 2.556.596 Schwuchteln im Großraum New York City.

Die meisten von ihnen, 983.919, leben in Manhattan. 189.991 leben in Queens oder gleich auf der anderen Seite des Flusses. In Brooklyn leben 181.236 und 180.009 in der Bronx. 2.469 leben auf Staten Island, um der alten Theorie Rechnung zu tragen, dass Schwuchteln nicht gerne reisen, beziehungsweise ungern auf kleinen Inseln leben, je nachdem, welche alte Theorie Sie gehört haben und/oder welche Sie gerne bestätigt wissen wollen.

In den Bezirken Westchester und Dutchess, den kleinen Teil von New Jersey, der eigentlich New Yorker Vorstadt ist, dazugenommen, gibt es in etwa 297.852, wobei die Dunkelziffer geringfügig höher liegen mag.

Long Island, der ganze Bereich hinter Queens also, zählt mindestens 211.910. (Bedenken Sie: Der Bereich erstreckt sich bis nach Montauk, ganz im Osten.)

In dem Randgebiet im Osten, an der Grenze zu Connecticut (nicht unbedingt von Belang zwar, so wenig wie die Vorstädte von New Jersey oder New York, aber Sie können ebenso gut vom kompletten Umfang der Statistik profitieren, da sie nun schon so akribisch erstellt wurde), zu dem das stark befallene Gebiet rund um Danbury gehört, gibt es ebenfalls etwa 211.910, also eine statistische Schwester von Long Island, ganz wie man es annehmen möchte, da die beiden Bezirke sich schließlich recht ähnlich sind.

Es gibt im Großraum New York City heute mehr Schwuchteln als Juden. In den gesamten Vereinigten Staaten gibt es mittlerweile mehr Schwuchteln als all die Cohens und Levi’s und Greenbaums zusammengezählt. (Nur eine Zusatzinformation, nicht von sonderlicher Relevanz, aber gleichwohl ein Menetekel.)

Das Aufrechte und Gradlinige, so wertgeschätzt von unseren Gründervätern und all den Vätern, die folgten, ist nun offensichtlich und unwiderruflich geknickt worden. Was versucht Gott uns zu sagen …?

Sieben Discos werden an diesem Ferienwochenende ihre Tore öffnen. Auch wenn der premier palais de dance, das Capriccio von Billy Boner, heute in die Sommerpause geht, damit Billy den Ice Palace, seinen Zweitbetrieb in Cherry Grove, aufmachen kann, bleibt seine schärfste Konkurrenz, das Balalaika, geführt von dem unzertrennlichen Trio Patty, Maxine und Laverne, geöffnet, um die Heißwettergetriebenen an den Wochenenden abzufangen, an denen sie es nicht raus nach Fire Island schaffen.

Jeder fragt sich bang, welcher der neuen Läden wohl als Erstes untergehen wird, denn ungeachtet der oben genannten vitalen Statistik hat man Angst, dass es nicht genug Schuppen gibt, die man abklappern könnte.

Samstagabend öffnet die Toilet Bowl. Das soll allerdings mehr sein als nur eine Disco.

Später würde man sich an diesen Sommer als den Falschen Sommer erinnern. Alles war zu schnell aufgeblüht. Ende Mai war es schon so heiß wie gewöhnlich erst am Unabhängigkeitstag, Anfang Juli. Zu viel, zu früh. Alle irrten sie durch die Stadt wie durchs Nimmerland. Ins Capriccio? Ins Badehaus? Ins Balalaika? Das Pits? Die Toilet Bowl? Nach Fire Island? Alle waren völlig bedient. Das Wetter war auch keine Hilfe – die drückende Sommersonne stand unbeirrbar über der Stadt –, es taugte nicht mehr dazu, Ziel und Inhalt der Freizeitaktivitäten zu diktieren, wie sonst, wenn kaltes Wetter Tanzen und sehr kaltes Wetter Fernsehen, Kiffen und Schlafen bedeutete.

Und es war doch gerade erst Mai.

… gibt es überhaupt einen Gott, der etwas Derartiges verstehen würde:

»Baby, ich will, dass du mich von oben bis unten vollpisst!«

Fred Lemish hatte niemals zuvor auf irgendetwas uriniert, abgesehen vielleicht von kleineren Rasenflächen, mitten in der Nacht, wenn er betrunken war und niemand zusah.

»Oder lass mich dich vollpissen!«

Das hätte Fred Lemish nun niemals gestattet.

Fred stand hilflos da. Warum erstarrte er in einem Moment, der Reaktion erforderte? Der Typ sah nicht schlecht aus. Sollte Fred reingehen oder weglaufen?

»Oder fick meinen Freund und ich sauge deine Soße aus seinem Arschloch.«

Diesen Wunsch konnte Fred als ›Felching‹ einordnen, er hatte davon gehört. Hatte er Interesse daran, sich auf so etwas einzulassen?

»Oder ich fessel dich. Oder du fesselst uns. Oder einen von uns. Oder was dein Schwanz sonst so begehrt.«

Der Mann bot zweifellos eine breite Auswahl an Möglichkeiten. Sollte Fred es wagen? Sollte Fred es besser bleiben lassen?

»Stehst du auf Scheiße?«

Fred sollte es besser bleiben lassen.

Warum zögerte er überhaupt, fragte Fred sich, statt einfach weiterzugehen? Weil er rattig war, darum, und dieser Kerl sah besser aus als all die anderen, von denen an diesem Nachmittag ohnehin nicht viele da waren, und er wollte die Sache hinter sich bringen. Deshalb. Und er hatte Dinky Adams seit drei Wochen, sechs Tagen und – er warf einen Blick auf seine Rolex Submariner, die er nie ablegte – sechzehn Stunden nicht gesehen. Auch deshalb.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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