Schreie im Nebel - Tina Schlegel - ebook

Schreie im Nebel ebook

Tina Schlegel

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Opis

Konstanz versinkt im herbstlichen Nebel. Kommissar Sito, der gerade seinen Hund beerdigt hat, würde es der Stadt am liebsten gleichtun. Doch er wird zu einem Toten gerufen, der kopfüber in einer Fabrik hängt. Wer ist der Mann? Und was hat die schöne Malerin mit ihm zu tun, auf die der Kommissar immer wieder trifft? Dann steht Sito vor einem weiteren Toten, und ihm wird klar: Dies ist nur der Auftakt einer bizarr inszenierten Mordserie.

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Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium an der Universität Konstanz war Tina Schlegel als Regiehospitantin an der Komödie Düsseldorf und als Tennislehrerin tätig. Zwischen 2006 und 2008 war sie Teilnehmerin an der ToPTalente-Drehbuchwerkstatt in München, die sie mit einem Drehbuch für einen sechzigminütigen Spielfilm abschloss. Von 2008 bis 2010 absolvierte sie den Bachelor-Aufbaustudiengang »Kulturkritik« an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Während dieser Zeit war sie Redakteurin für verschiedene Theaterfestivalzeitungen. Seit 2008 arbeitet sie als freiberufliche Journalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Sie lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter und einigen Tieren im Unterallgäu.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/ohneski Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Lisa Kuppler eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-896-0 Bodensee Krimi Originalausgabe

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Für meine Tochter und meine Mutter. Das Leben ist voller Schönheit, ist voller Chancen, ist überraschend, geheimnisvoll und rührend … ist immer da. Mögen ihre Augen stets offen dafür sein.

Teil 1

22. August und 6.–10. Oktober

Manchmal ist auch der Tod

keine Erlösung.

J. M.

Die Anwerbung

Der Blick der Imperia glitt gerade über den See. Die übergroße Frauenfigur, die an der Spitze des Konstanzer Hafens selbst Schiffe überragte, hatte seit seiner Ankunft schon einige Male ihre Runde gedreht. Vollbusig und grinsend wandte sie sich gerade wieder der Stadt zu.

Roman Enzig saß auf einer Bank im Stadtgarten. Nach dem Katamaran hatte ein Schiff aus Lindau angelegt. Touristen spazierten den Steg entlang, hin zur Imperia, und beinahe jeder blieb an der Tafel stehen, die den Hochwasserstand von 1999 markierte. Es folgte eine Gruppe Senioren, die nicht den Weg in die Stadt wählte, sondern in Richtung Stadtpark pilgerte. Für kurze Zeit nahmen sie Enzig die Sicht. Eine weißhaarige Frau führte ihren blinden Mann an der Hand. Direkt vor Enzig hielt er sie zurück, fragte, ob sie schon an der Marktstätte seien, dort, wo er ihr den Antrag gemacht habe– sie lächelte Enzig zu. Dann drängte sie ihren Mann sanft weiter. Die Imperia indessen zeigte der Stadt wieder ihren Rücken.

Da kam ein kleines Kind mit seiner Mutter. Unbedingt wollte es Tauben füttern. Es hielt das Brot, die Tauben kamen, mehr und immer mehr. Und schon waren nur noch Tauben und Federn zu sehen, nur Gekeife zu hören und irgendwo dazwischen die Rufe der Mutter: »Lass das Brot los.« Aus dem Kinderlachen wurde Weinen.

Nur wenige Meter weiter an dem kleinen Kiosk an der Ecke machte die alte Frau mit ihrem blinden Mann die zweite Pause. Wieder beugte er sich zu ihr. Enzig war sich sicher, er würde sich abermals nach der Marktstätte erkundigen. Sie tätschelte seine Wange. Wo nur würde der Weg enden?

Die Tauben waren verschwunden, doch nicht weit entfernt wartete sicher schon das nächste Kind mit Brot.

Enzigs Blick fiel auf die riesige Uhr des Bootsbetriebes. Eilends machte er sich auf den Weg in die Altstadt.

Er hatte sich verspätet. Vom Eingang aus sah er sich im Innenhof des kleinen Cafés um. Die schönsten Plätze unter den Rosenbüschen entlang der Mauer waren besetzt; selten hatte Enzig hier einen Platz ergattert. Ein Pärchen hielt sich an den Händen, sie ihn ein wenig fester. Vielleicht ein wenig zu fest. So war es ja beinahe immer: Einer hielt den anderen zu fest. In der Mitte erhob sich ein kräftiger Mann und kam Enzig entgegen.

»Dr.Enzig? Freut mich. Dr.Hohenfels, interne Ermittlungen.«

Enzig folgte Hohenfels an dessen Tisch und nahm ungelenk Platz.

»Und? Ist es schön, wieder in Konstanz zu sein?«, fragte Hohenfels.

»Wie man’s nimmt.«

Hohenfels trug eine grau gemusterte Krawatte auf seinem weißen Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Im kurzen grauen Haar steckte eine verspiegelte Sonnenbrille. Enzig hoffte inständig, Hohenfels würde diese nicht aufsetzen.

»Ihr Vater hat Sie empfohlen.« Hohenfels spielte mit dem Untersetzer, das Bierglas stand unberührt daneben.

Er versucht, eine Unsicherheit zu überspielen, mutmaßte Enzig. Er konnte nicht anders. Keine Bewegung, keine Handlung konnte er einfach so vorbeihuschen lassen. Souveränität ist nichts anderes als der einstudierte Umgang mit Schwächen… Apropos Schwäche. »Mein Vater«, murmelte er erstaunt.

»Sie arbeiten noch auf dem Gebiet der Tatortanalyse?«

»Sicher.« Vor ihm kreiste der Bierdeckel noch immer durch Finger, die zu fleischig waren für die Statur von Hohenfels.

»Gut.« Hohenfels schmunzelte ertappt und stellte das Glas auf den Bierdeckel. »Weil ich nämlich auf der Suche nach einem Profiler bin.«

»Worauf wollen Sie hinaus?« Sein Vater hatte sich am Telefon nichts anmerken lassen.

»Um es kurz zu machen«, Hohenfels faltete die Hände unter dem Kinn, »ich habe Ihren Vater gefragt, ob ich Sie abwerben darf.«

»Sie haben meinen Vater gefragt… Ich verstehe nicht ganz.«

»Oh, entschuldigen Sie. Ihr Vater und ich sind alte Bekannte, und ich habe ihm von meinen, das heißt, unseren Problemen erzählt.«

»Worum geht es?« Dass sein Vater etwas mit diesem Treffen zu tun haben könnte, gefiel Enzig ganz und gar nicht.

»Wir wollen, dass Sie bei der Polizei Konstanz einsteigen. Da wird endlich ein Fallanalyseteam aufgebaut.«

»Ein Fallanalyseteam?« Er unterdrückte einen Anflug von Freude. »Ich bin etwas überrascht«, gab er zu. »Aber…« Enzigs Stuhl wurde angerempelt. Als er aufsah, erkannte er die junge Frau, die zuvor die Hand ihres Liebsten allzu fest gedrückt hatte. Der junge Mann blickte ihr nach. Kaum war sie außer Sichtweite, griff er nach seinem Handy und lehnte sich entspannt zurück. Enzig hatte recht behalten. Daneben hinterließen zwei Frauen einen Platz unter den Rosen, und ein Spatz nützte die Gelegenheit, die Kuchenkrümel vom Teller zu klauen. Hier, so ohne Touristen, wirkten sogar die Spatzen entspannter.

»Was aber?«

»Herr Hohenfels«, Enzig nahm seine Brille ab, »Sie und ich wissen… Machen wir es kurz: Was genau wollen Sie?«

»Es gibt da noch etwas. Sie haben recht.« Mit gedämpfter Stimme fuhr Hohenfels fort: »Sie würden auch für mich arbeiten.«

»Das heißt?«

»Sie sollen jemanden für uns– sagen wir– im Auge behalten.«

»Bitte was?«

»Ihren zukünftigen Partner, Kommissar Sito. Ihr Vater meinte…«

»Dann hat er Sie falsch informiert!« Enzig erhob sich. »Für diese Art von Aufgabe bin ich absolut ungeeignet.« Er musste sich beherrschen, er spürte, wie er rot wurde, rot vor Ärger. Doch bevor er gehen konnte, griff Hohenfels nach seinem Arm.

»Sie missverstehen: Ihr Vater sagte, Sie sind brillant.«

Abschied

Die Stille kam näher. Unaufhaltsam. Während des Schlafes ließ sie sich verdrängen, aber nun, da er wach war, kroch sie unbarmherzig über ihn hinweg. Wie ein hungriger Fisch schnappte sie nach ihm. Sein Kopf lag schwer in den Kissen und sein Körper in der Kuhle, die er seit Jahren in die linke Hälfte des Bettes drückte. Paul Sito öffnete langsam die Augen und schluckte schwer. Er ließ seine Hand aus dem Bett baumeln und tastete nach Pollux. Als er das Fell spürte, fuhr er mit den Fingerspitzen sanft darüber. Sein Blick suchte den Himmel, doch dichter Nebel lag über dem Dachfenster und machte die Welt für den Moment unsichtbar. Kein Entrinnen, schoss es Sito durch den Kopf. Er holte tief Luft und machte die Augen noch einmal zu. Schlaf fand er nicht. Konstanz ist in gewisser Hinsicht wie Venedig, dachte er, in manchen Zeiten stirbt man mit der Stadt. Später wollte er an ihr Grab. Er raffte sich auf und ging ins Badezimmer.

Als er zurückkam, sah er zu Pollux. Stille. Unbarmherzig und gierig hing sie im Raum, umklammerte ihn wie ein kalter Windhauch. Sein ehemaliger Diensthund lag noch immer reglos in der gleichen Haltung am Boden. Sito erstarrte. Er beobachtete den Hund, dann begriff er. Sito fühlte einen Kloß im Hals, der die Luft gewaltsam zurück in die Lungen presste, sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er tat einige unsichere Schritte, dann kniete er neben Pollux nieder und versuchte, seinen Kopf anzuheben. Das Tier war bereits steif. Sito vergrub sein Gesicht im Fell.

Schließlich wickelte er ihn in eine Decke, trug ihn ins Auto und fuhr Richtung Litzelstetten. Am Ende des Dorfes bog er zum Purren hoch ab. Der Nebel hing tief in der Landschaft; stellenweise fuhr Sito durch dicke Schwaden. Er musste sich konzentrieren, der kurvenreichen Straße in der weißen Finsternis zu folgen. Pollux’ Körper lag eingehüllt auf der Rückbank. Er ist sicher, war Sitos Gedanke, als er einen flüchtigen prüfenden Blick in den Rückspiegel warf. Mehrmals sah er sich noch um, weil er glaubte, ein Geräusch zu hören. Oben angekommen bog er in den Weg ein, den er am Tag zuvor noch mit Pollux spazieren gegangen war. Am Waldrand jedoch besann sich Sito. Er dachte an die Lichtung mit den kleinen Weihern, an denen er in den warmen Sommermonaten mit Pollux gesessen hatte. Meist einsam. Die wenigen Jogger hatten Pollux nie interessiert. Sito fasste sich an den Magen, es fühlte sich an, als hätte er Eiswürfel gegessen. Pollux war seine Wärme gewesen.

Sito entschied sich für die höchste Stelle des Berges, eine kleine Ansammlung von Bäumen, eine Bank, die Aussicht auf den See, ein ruhiger Platz. Nahe einer Birke begann er zu graben und hoffte inständig, dass zu dieser Zeit niemand vorbeikam. Er staunte, wie viele Male er den Spaten in die Erde treten musste, wie viel Raum nötig war, um das Leben zu beschließen. Immer wieder trat er auf den Spaten, versenkte ihn und wurde wütend dabei. Die Wut trieb ihm die Tränen in die Augen. Er war wütend und wusste nicht, weshalb. Die harte Erde, sie wehrte sich gegen seinen Übergriff. Und in ihm wehrte sich alles gegen den Abschied. Dann war das Loch tief genug. Sito stand still davor, bewegte sich nicht, zögerte. Was hatte ihn bewogen, hierherzufahren? Weshalb hierher? Jetzt wurde ihm bewusst, dass er gehofft hatte, zu entkommen. Er hätte Pollux auch im Garten begraben können. Die Flucht hierher war eine vergebliche. Nichts änderte sie daran, dass Sito nun alleine war.

Er legte Pollux mit seiner Decke in das tiefe Loch, dann warf er die Erde auf ihn, zunächst mit der Hand, dann mit dem Spaten. Schließlich schippte er das letzte Häufchen Erde auf das Grab und klopfte die Stelle flach. Die ersten Sonnenstrahlen zerschnitten soeben den Nebel. Mit der Schaufel in der Hand drehte Sito sich langsam um und sah über die verschleierte Landschaft und den See hinweg. »Thanatos«, flüsterte er, »zähl deine Toten neu.«

Der Tote

Als Paul Sito die alte Fabrikhalle bei Dettingen betrat, wurde ihm augenblicklich übel. Er bereute den Anflug von Erleichterung, den er verspürt hatte, als das Präsidium ihm den Fundort einer Leiche durchgegeben hatte, froh, die Leere seines Hauses verlassen zu dürfen. Diese hatte ihm wie ein nasses Handtuch ins Gesicht geschlagen, ohne Pollux, ohne sein Atmen und Seufzen. Sito hatte geglaubt, dort in seinem Flur zu taumeln, neben der Hundeleine, er hatte sich am Ende seiner Welt gewähnt. Doch das Ende einer Welt lag für einen anderen Menschen hier in dieser Fabrik.

Flach atmend durchschritt Sito die Halle. Auch nach über zwanzig Jahren im Polizeidienst ertrug er nur schwer den Anblick des Todes. Da er nicht wusste, was ihn erwartete, wappnete er sich mit einem Taschentuch. Abhärtung war ein Gerücht.

Dennoch. Der Tod musste eine Erlösung gewesen sein.

Da hing er. Kopfüber. Nackt. Der Körper des Mannes war an einem Fuß in die Höhe gezogen worden. Die Arme baumelten nach unten und berührten beinahe den Boden. Das freie Bein war angewinkelt und mit dem Fuß an die andere Kniekehle gebunden. Die Kehle war durchgeschnitten und der Körper ausgeblutet. Die große Blutlache am Boden, die Wunde am Hals und das Gesicht waren übersät von Fliegen. Durch den tiefen Halsschnitt war der Kopf halb abgetrennt, sodass es den Anschein hatte, als würde der Mann mit in den Nacken gelegtem Kopf auf den Boden starren.

Sito drehte den Kopf und beugte sich so weit zur Seite, bis er dem Mann in die Augen sehen konnte– dunkle Höhlen. Es war, als gäbe es nur blanke Haut und diese dunklen Höhlen, als wäre alles eine riesige Fläche, die keine Arme, keine Beine oder sonst eine Erhebung mehr als Erkennung eines Menschen zuließ. Womöglich aber blendete einfach das Bewusstsein jegliche menschliche Körperlichkeit aus, allein um den Sehenden zu schützen. Sito kannte das bereits von anderen Toten, die er begutachtet hatte, auch sie waren reduziert auf eine Fläche– als würde sein Geist sie in den Raum auffalten und nicht zulassen, dass sie als Menschen zu ihm sprachen. Alles eine Fläche, beschrieben wie ein Buch, gefaltet, geknickt oder geritzt.

Er richtete sich wieder auf und lief einmal um den Hängenden herum, sah an ihm herauf und streckte eine Hand zum Hals des Toten, wo das Messer seinen Weg gefunden hatte.

Sito beobachtete seine Kollegen, die um den Toten herumstanden. Der Mann neben ihm hatte die Stirn in Falten gelegt, seine Augen flackerten unruhig. Ein anderer schüttelte immer wieder den Kopf, setzte zum Reden an, winkte dann wieder ab. Einer raunte, dass sie doch in Konstanz seien, als gäbe die Idylle des Landstrichs der Hässlichkeit des Bösen kein Spielfeld. Sito wusste, was in ihnen vorging. Dabei bedingen sich Hässlichkeit und Schönheit, Idylle und gewaltvolles Chaos– sie brauchen einander. Schon so oft hatte Sito genau darüber nachgedacht, wann immer er selbst auf den See gestarrt hatte, gebannt zwischen innerem Schmerz und äußerer Schönheit. Gerade der Einbruch des Hässlichen bestätigt die Schönheit so sehr wie die Wiederkehr des Unheimlichen die Sehnsucht nach der Idylle stärkt. Nie fühlen sich Menschen wohler in ihrer eingerichteten friedlichen Ländlichkeit als nach einem schmerzvollen Ausflug in die Welt des Hässlichen. Dieser Tod, dachte Sito, wie er sich hier in der Fabrik ereignet hat, ist hässlich und grausam und birgt einen Keim in sich, der sich auszubreiten sucht. »Und Sie haben ihn genau so gefunden?«, fragte er.

»Wir haben nichts angefasst.«

»Wer hat ihn gefunden?«

»Kinder, die Verstecken spielen wollten.«

Sito wandte sich ruckartig dem Polizisten zu.

»Ein Psychologe ist schon unterwegs, keine Sorge«, sagte der.

»Natürlich. Ist Dr.Parson schon da?«

»Ich weiß nicht.« Der Polizist sah sich um. »Er muss jeden Moment hier sein. Ich sag ihm dann gleich, wo er Sie findet.«

Sito verließ das Absperrungsquadrat und setzte sich in einiger Entfernung im Schneidersitz auf den Boden. Er beobachtete das geschäftige Treiben rund um die Leiche. Der hohe Raum war durchbrochen vom Licht, das durch die hoch gelegenen großen Fenster und zahlreichen Löcher in Mauern und Dach hereinfiel. Der Staub, der in den Sonnenstrahlen tanzte, gab der Halle eine gespenstische Atmosphäre.

Sito ließ seinen Blick durch die Halle wandern, fokussierte den Raum an manchen Stellen, aber eher willkürlich. Dennoch war es ihm nicht möglich, ihn völlig objektiv wahrzunehmen. Der Mensch lechzt in seinem Sehen immer nach dem besonderen Augenblick, daran bleibt er hängen, an einer besonderen Aussicht etwa. Sito suchte nach den Aussichten, die auch das Opfer und der Täter gehabt haben könnten. Hatten auch sie für einen kurzen Moment den Staub im Sonnenlicht tanzen sehen? Waren sie für einen kurzen Augenblick gefangen gewesen zwischen Hässlichkeit und Schönheit, zwischen Tod und Leben? Sito erinnerte sich, wie er am Morgen vor dem Grab von Pollux gestanden hatte. Da war dieser kurze Moment des Zögerns gewesen, die Frage, ob er den Hund einfach so ins Grab legen könne… Jeder Mensch hält inne, wenn er dem Tod begegnet, auch ein Mörder. Innehalten. Sito war froh, dass seine Kollegen ihn inzwischen in Ruhe ließen, das war nicht immer so gewesen. In diesem Moment kam der junge Polizist Johann Mader zu ihm und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

»Ja?«

»Der Rechtsmediziner ist da«, murmelte Mader. Er schwitzte und rieb sich mit dem Armrücken über die Stirn. Dann deutete er in Richtung der Leiche, ohne noch einmal hinzusehen. »Können wir den jetzt runterlassen?«

»Noch nicht. Dr.Parson und Busch sollen erst zu mir kommen.«

»In Ordnung.« Schnell entfernte sich Mader.

Der Gerichtsmediziner Dr.Samuel Parson nahm seine Brille ab und sah an der Leiche nach oben. »Herrgott«, entfuhr es ihm.

Respektvoll wartete Mader, dann tippte er Parson auf die Schulter und flüsterte ihm etwas zu. Parson nickte und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Als er Sito entdeckte, winkte er ihm, doch dann wandte er sich wieder an Mader. »Sagen Sie, wer leitet denn den Einsatz der Spusi? Sagen Sie nicht, Griese!«

Sito hatte Griese bereits gesehen, und er wusste auch, dass Parson und Griese mehr als einmal aneinandergeraten waren. Es würde also wieder spannend werden. Griese hatte keine Chance gegen Parsons Hartnäckigkeit. Dabei war Griese an und für sich ein umgänglicher Mensch. Er war als Chef der Abteilung der Spurensicherung ein langjähriger Kollege, einer, auf den man sich immer verlassen konnte, der sich auch nicht beschwerte, wenn Sito sagte, es eile, und es eilte eigentlich immer. Sito wusste nicht, weshalb Griese und Parson nicht klarkamen. Sito beobachtete seinen Freund, wie er einmal um die Leiche herumschritt, noch einmal nach oben sah, dann die Brille wieder aufsetzte und ganz nahe an das Gesicht des Toten ging. Parson war erst einundfünfzig und schon völlig ergraut. Seine drahtige Statur verlieh ihm hingegen ein sportlich-jugendliches Aussehen, und er kam mit schnellen Schritten auf Sito zu.

»Ich freue mich, dich zu sehen, Paul, trotz dieser Umstände, aber du siehst aus, als hättest du keinen guten Tag.«

»Gut, dass du da bist. Was war denn los?«

»Die Fliegen und Maden– hast du die gesehen?«

Sito nickte.

»Sieht wirklich schlimm aus«, bestätigte Parson. »So etwas habe ich auch noch nicht gesehen.«

»Und?«

»Ich wollte nur wissen, ob schon eine Bestandsaufnahme der Insekten gemacht wurde, du weißt ja, das ist nicht selbstverständlich. Bei Griese schon gar nicht.« Parson ließ sich neben Sito nieder und lächelte ihn an, dann legte er den Kopf schief. »Sag mal, hast du abgenommen?«

Sito nickte zu der Leiche hin. »Was hältst du davon? Und wegen deiner Frage– ich hoffe, du erwartest keine Antwort.«

»Wir sind schon wie ein Ehepaar, hm?« Parson grinste. »Hast du heute Abend Lust aufs Oktoberfest?«

Sito schüttelte den Kopf. »Wie kannst du… Ach egal. Zu viele Menschen, das brauch ich nicht.« Er winkte ab und starrte weiter zur Leiche.

»Na gut, ich seh schon, du hast wirklich keinen guten Tag. Also, ich sehe einen Mann um die fünfzig, der an seinem rechten Bein aufgehängt und dem eine stark blutende Wunde am Hals zugefügt wurde. Viele Maden in der Halsgegend. Du weißt ja, ich habe bei der Beobachtung wenig Spielraum für Phantasie, ich brauche handfeste Materialien, Beweise, Spuren, Körper…«

»Tote Körper.«

»Ja, Paul, die Toten gehören nun mal mir. Was siehst du denn?«

»Ich sehe gezügelte Wut«, sagte Sito.

»Gezügelte Wut?«

»Meine erste Assoziation. Es liegt an dieser Weite des Raumes und dieser knappen Inszenierung des Todes– irgendetwas ist hier auffällig.«

»Wie kannst du mehr sehen als ich? Manchmal ist das geradezu gespenstisch, oder meine nur ich das?«

»Womöglich meinst gerade du das. Ich sehe nicht mehr als du, nur anders. Ich durchforste meine Erinnerungen nach Bildern, die ähnliche Gefühle in mir wachgerufen haben.«

»Und woran erinnert dich das hier, wenn ich fragen darf?«

»An Präsentation. Er sollte so gefunden werden, das ist eindeutig.« Sito hatte noch einen anderen Gedanken, aber den vergrub er ganz fest in seinem Innersten.

»So oder hier?«

»Gute Frage, Samuel… Ah, Marc.«

Kommissar Marc Busch reichte beiden die Hand und setzte sich, die Beine unbequem zu einer Seite angewinkelt. Er rieb sich die wenigen Bartstoppeln, die sein feminines Gesicht zierten. »Tut mir leid, Sito, ich war eben noch draußen, ich brauchte fische Luft.« Busch schlug sein Notizbuch auf.

»Hat die Spurensicherung denn was gefunden?«

»Soweit ich verstanden habe, nein. Aber die Arbeit kann dauern.«

»Bei Griese wohl kaum«, sagte Parson.

Sito überlegte, dass er seinem Freund einmal erzählen sollte, dass Griese Kontrabass spielte, und zwar in einer kleinen Jazzkombo. Das würde ihm sicher imponieren. Vielleicht schlug das eine Brücke zwischen den beiden Streithähnen.

»Wo ist Griese überhaupt? Kannst du ihn irgendwo sehen, Paul?«

»Was denkst du, Marc?«

»Nun ja, das ist sehr grausam und gleichzeitig bizarr. Der Mörder scheint hemmungslos zu sein, und dennoch hat er sich die Zeit genommen, das ist perfide. Eine hässliche Falle, wenn man da so hängt und ver… oh!« Busch schüttelte es. Die Leiche war ins Schwingen geraten.

»Du meine Güte, welcher Idiot…«, begann Parson.

»Makaber«, sagte Sito. »Marc? Notiere doch bitte: ›Gezügelte Wut, hemmungslos, aber geduldig, bizarre Inszenierung‹. Samuel, da hast du deinen Griese. Lasst uns gehen.«

Neben der noch baumelnden Leiche stand ein kleiner dicklicher Mann. »Ein Toter, der sich bewegt… Irritierend, nicht wahr, werte Kollegen? Also, ich muss zugeben, so etwas habe ich auch noch nie gesehen. Dr.Parson, Sie wollten mich sprechen? Wie kann ich Ihnen helfen?« Griese sah auf seine Armbanduhr, und Sito wusste, das Parson dies bereits als Provokation empfand und Griese sich dessen völlig bewusst war. Sein rechtes Augenlid zuckte hinter dem Brillenglas.

»Nun«, Parsons Stimme klang bereits eine Nuance höher, »Herr Kollege, die Maden.«

Griese stöhnte und trat bedrohlich nahe an Parson und damit auch an Sito heran. Diesem stieg der Geruch einer Haarpomade in die Nase, süßlich, doch gleichzeitig war da etwas Bitteres. Nein, jetzt hatte auch Parson sicher keine Lust mehr auf das Oktoberfest, denn auch dort wäre er vor unangenehmen Gerüchen nicht sicher. Sito hatte sich schon einige Male darüber gewundert, dass ausgerechnet ein Rechtsmediziner eine solch empfindliche Nase wie sein Freund haben konnte.

»Ach, hören Sie mir doch mit dem Scheiß auf.«

»Gut, das reicht schon als Antwort. Schicken Sie mir doch einen Ihrer Männer mit der nötigen Ausstattung. Das komplette Programm eben– nur wenn es nicht zu viele Umstände macht.«

Griese eilte davon, und Parson wedelte erleichtert die Duftwolke fort. »Was habt ihr nur?«, fragte Sito

»Ihr? Keine Ahnung, wovon du sprichst.« Sito beschloss, sie einmal an einen Tisch zu zwingen, oder besser noch, er nahm Parson einmal mit zu einem Konzert von Griese. Er hatte langsam genug von Begegnungen dieser Art, und das schloss das Verhalten seines Freundes mit ein.

»Ich sammel mal ein paar Maden, dann wissen wir…«

»Todeszeit und Leichenliegezeit.«

»Sehr gut, Paul.«

»Tja, wer hat schon einen Entomologen im Freundeskreis.« Sito sprach »Entomologe« wie ein Schimpfwort aus, aber im Grunde war er fasziniert von Parsons Interesse für das Kleingetier.

»Hobby-Entomologe, nur aus Leidenschaft, Paul, ein Profi bin ich bei Weitem nicht, das vergiss bitte nicht.«

Sito nickte und dachte insgeheim, dass sicherlich so mancher Profi etwas von Parson lernen könnte. Immerhin hatte Parson am Weltkongress der Insektenkunde in Brasilien teilgenommen.

Inzwischen hatte ein Beamter die gewünschten Utensilien in einem Koffer gebracht. Parson begann umgehend mit der Arbeit. An den Stellen mit dem stärksten Aufkommen von Larven brachte er Millimeterskalen an und ließ Fotos davon machen.

Sito beobachtete, wie Parson andächtig die größten Maden einsammelte, sie in einen Behälter fallen ließ und dabei »Made in Ethanol« sagte.

»Lass gut sein, Samuel.«

Anschließend füllte Parson einige Maden in ein luftdurchlässig verschlossenes Gefäß und hielt es strahlend hoch. »Und jetzt noch welche zur Artenbestimmung.«

Der Beamte nahm alle Gefäße an sich und beschriftete sie.

»Das war’s schon«, erklärte Parson. Mit Hilfe einiger Polizisten ließ er die Leiche vorsichtig zu Boden. Er besprühte sie, und wenig später flog ein Großteil der Fliegen davon. Sito und Busch setzten sich neben Parson in die Hocke. Eine dicke Made verschwand gerade in einem Nasenloch. Busch wandte sich ab.

»Was kannst du nun sehen, Samuel?«

»Auf den ersten Blick keine größeren Verletzungen außer der Schnittwunde am Hals. Ob das die Todesursache ist, muss ich noch untersuchen. Eine Muskelstarre ist übrigens nicht mehr festzustellen, das heißt, er ist schon länger als zwei Tage tot. Das Gesicht wird aber nicht mehr viel hergeben, da haben die Schmeißfliegen ganze Arbeit geleistet.«

»Wie schnell sind denn diese Biester?«, fragte Busch.

»Lucilia sericata«, verbesserte Parson. »Sehr schnell. Bei idealen Witterungsbedingungen bist du nach vierzehn Tagen ein Skelett.«

»Scheußliche Vorstellung.« Sito schüttelte den Gedanken ab. »Gut, Samuel, über die genaue Todesursache werde ich ja bald mehr von dir hören. Marc, wir treffen uns in einer Stunde im Präsidium.«

Sito sah Busch nach. Er hatte nicht zum ersten Mal das kurze Zögern gesehen. Ihm war bewusst, dass sein früherer Assistent Marc Busch nur zu gerne mit ihm am Tatort zurückgeblieben wäre, um einmal diesen einsamen Rundgängen beizuwohnen. Busch war zu respektvoll, um ihn zu bedrängen, dafür war Sito ihm dankbar, denn er konnte nicht erklären, was ihn bewegte, aber er hatte keinen Zweifel, dass er dies nur alleine tun konnte. Doch Sito wusste auch, dass er die wenigen Menschen, die ihm zugetan waren, wie etwa Busch, nicht ständig ausschließen konnte. Irgendwann würde deren Respekt sonst vielleicht in Enttäuschung und dann in Ablehnung umschlagen. Auch Parson hatte sich rasch verabschiedet, doch anders als Busch gewiss ohne zwiespältige Gefühle. Denn seine Aufmerksamkeit richtete sich bereits auf seine Arbeit im gerichtsmedizinischen Institut in Singen. Der Tote befand sich jetzt auf dem halbstündigen Weg dorthin. Während Parson dem Leichenwagen folgte, würde er bestimmt vor seinem inneren Auge schon den Brustkorb öffnen…

Die Fabrikhalle lehrte sich. Sito wartete, bis er ganz alleine war, dann begann er, durch die Halle zu schreiten. Mehrmals kam er an dem Fundort der Leiche vorbei, aber seine Gedanken waren bei Pollux und dessen letztem Atemzug. Warum bin ich nicht aufgewacht? Sito blieb stehen, verdrängte die Bilder von Pollux und drehte sich einmal um die eigene Achse. Warum hat man dich in der Mitte aufgehängt?

»Was meinst du dazu, Vater?«, fragte Sito laut in den Raum und sah zu den hohen Fenstern.

Ein Tatort ist immer ein Raum. Er wird durch das Ereignis zu einem Tatraum. Was hat der Ort Besonderes, dass ihn ein Täter zu seinem Tatraum auserwählt? Ein Tatort ist ein elitärer Raum gegenüber den Orten seiner Umgebung. Der Tatraum ist die Bühne des Ereignisses an sich, er besticht durch seine Unmittelbarkeit. Die Auswahl der Bühne ist so aussagekräftig wie die Wahl der Waffe. Die Raumauswahl ist ebenso Handschrift wie eine Folterung, eine Ritzung der Haut beispielsweise. Die Konzentration auf einen zentralen Punkt in einem großen Raum spricht für eine abstrakte Demonstration von Macht, nicht nur über das Opfer, sondern über den Raum und seine Geschichte. Ich sehe mir ihre Räume an und erkenne den Menschen dahinter.

»Warum hat man dich hier in der Mitte aufgehängt? Damit du alles im Blick hast?«, fragte Sito wieder in die Stille hinein.

»Hallo?«

Ein eisiger Schauer fuhr Sito über den Rücken. Blitzschnell drehte er sich um. Vor ihm stand eine junge Frau mit Rucksack, die ihn anlächelte.

»Was tun Sie hier?« Sito spürte, dass der Adrenalinstoß langsam wieder abebbte. Als Nächstes fielen ihm ihre schönen Hände auf.

»Ich will hier zeichnen.«

»Hier?«, fragte Sito. »In diesem verlassenen Gelände?«

»Ja. Klingt sonderbar, ich weiß, aber der Lichteinfall ist einfach… Passen Sie auf, Sie treten da gleich… Zu spät. Jetzt stehen Sie schon in der Pfütze.«

Sito schluckte. Er wusste, dass er in die Blutlache getreten war. Schnell machte er einige Schritte auf sie zu. »Sagen Sie, waren Sie in den letzten drei Tagen auch hier?«

»Ist denn was nicht in Ordnung?«

Sito schwieg.

»Was ist das da auf dem Boden?«, hakte sie nach.

Er nahm sie am Arm und drängte sie sanft, sich wegzudrehen. »Ich bin von der Polizei. Kommen Sie, wir gehen nach draußen.«

»Ist das etwa Blut?«

»Ja, nun kommen Sie schon. Es riecht hier nicht besonders.«

»Stimmt. Was ist denn passiert?«

»Ein Mann wurde tot aufgefunden.«

»Du meine Güte«, entfuhr es ihr, aber es wirkte nicht sonderlich schockiert.

Sito stutzte und wartete auf den Moment des Erschreckens, aber nichts. Die junge Frau schien vielmehr fieberhaft nachzudenken. »Wann waren Sie denn das letzte Mal hier?«, fragte er daher.

»Weiß ich nicht so genau. Vor einer Woche vielleicht?«

»Und ist Ihnen da etwas aufgefallen? War irgendetwas anders als sonst?«

»Also, ich weiß nicht, nein, ich denke nicht.«

»Kann ich Sie zurück in die Stadt mitnehmen?«

»Nein, ich bin mit dem Fahrrad hier. Außerdem bin ich ja zum Zeichnen hergekommen.« Sie lächelte unschuldig.

»Sie wollen bleiben, obwohl hier ein grausiger Mord passiert ist?«

»Dass… dass er grausig war, haben Sie nicht gesagt. Und überhaupt war bis jetzt nur von einem Toten die Rede.«

Sito musterte sie und musste zugeben, dass sie recht hatte. Ihre Kühnheit beeindruckte und erschreckte ihn. »Sie sollten vor allem nicht die Absperrung missachten. Geben Sie mir Ihre Personalien, und dann radeln Sie zurück in die Stadt. Verstanden?«

»Wie Sie meinen«, entgegnete sie trotzig. »Miriam Bunt, Schielergasse13, Wollmatingen. Sie kennen mich nicht, oder?«

Während Sito schrieb, schüttelte er verständnislos den Kopf. »Verschwinden Sie schon.«

Eine königliche Direktive

Ein grauer Luftschwall kam Sito entgegen, als er das Besprechungszimmer betrat. Der leitende Polizeidirektor Friedrich Kerler thronte auf einem Stuhl und rauchte. Vor ihm stand der Aschenbecher, gefüllt mit den trotzig glimmenden Resten seiner Leidenschaft. Das allgemeine Rauchverbot galt noch immer nicht für ihn. Sito spürte wieder die Wut, die ihn schon den ganzen Tag begleitete. Sie hatte die Ohnmacht an die Hand genommen.

»Hallo Paul, wie nett, dass du uns auch noch die Ehre…« Ein Hustenanfall schüttelte Kerler. Er drückte die Zigarette aus. »Ich sollte aufhören, verdammt. Mader, öffnen Sie sofort ein Fenster. Paul, setz dich! Du warst wieder in einer Séance am Tatort? Gibt es wenigstens erfreuliche Ergebnisse? Was ist das nur für eine Sauerei?«

»Wir haben nichts bis jetzt.« Sito setzte sich und hielt dem Blick Kerlers stand, der wirkte, als hecke er gerade einen Plan aus.

»Ach übrigens, du hast hier einen neuen Kollegen«, platzte Kerler prompt heraus.

Ein Mann von imposanter Größe erhob sich und kam auf Sito zu. Sito deutete das Aufstehen nur an und ließ seinen Blick an dem schlaksigen Kollegen nach oben gleiten.

»Paul, das ist Dr.Roman Enzig, ein Psychologe, der sich auf die Erstellung von Täterprofilen spezialisiert hat. Ein Fallanalytiker. Du erinnerst dich an das Projekt? Das Fallanalyseteam? Du erinnerst dich doch daran?«

Kerler fragte zweimal, Sito irritierte das. Sicher erinnerte er sich an das Projekt, aber hatte jemand auch nur im Ansatz einen Fallanalytiker erwähnt? War er selbst nicht dank zahlreicher Lehrgänge…? Aber es half nichts. Kerler hatte zweimal gefragt, eben. Es war keine Frage, sondern eine Anordnung. So gut kannte Sito Kerler inzwischen. An der gegenwärtigen Situation änderte sich dadurch ebenfalls nichts: Sein alter Freund hatte ihn überrumpelt, und zwar eiskalt und vor versammelter Mannschaft. Und genau das war auch seine Absicht, denn Kerler wusste, dass Sito gefasst bleiben würde, gerade vor seinen Leuten.

»Ich sehe schon, du erinnerst dich nicht. Aber wir haben doch… Wie dem auch sei, die Herren Kollegen«, Kerler ließ seinen Blick durch die Runde gleiten, »ich baue auf Sie. Also, Paul, sei so gut. Ich will dich und dein Team dann mal in der Expertendatenbank sehen.« Kerler zwinkerte Sito versöhnlich zu.

Tatsächlich war Sito immer beherrscht, doch heute war alles anders. Er war durch sein leeres Haus geschritten und hatte sich in Gedanken von allem verabschiedet, was ihm je etwas bedeutet hatte. Er hatte keine innere Ruhe, und er würde auch nicht das Offensichtliche hinunterschlucken. »Was soll das? Können wir so etwas vorher nicht absprechen?«, brach es aus Sito heraus.

Kerler richtete sich in seinem Stuhl auf. »Was bitte meinst du mit ›absprechen‹? Ich habe doch gerade versucht, verständlich zu machen, dass es hierbei nicht um deine privaten Interessen geht. Soll ich dich kurz an den Stand der Dinge erinnern? Wir haben seit ’99 Zugriff auf die ViCLAS-Datenbank und zudem eine spezielle Ausbildung für die besten Polizisten des Landes im Bereich der operativen Fallanalyse. Und dennoch setzen wir hier keine Maßstäbe. Hier wird einfach zu wenig Teamgeist an den Tag gelegt. Muss ich erwähnen, welches Jahr wir schreiben? Wir hatten einen Entführungsfall, einen Serienvergewaltiger, fast einen Bombenanschlag in der Uni, und immer kam Verstärkung vom LKA. Das ist ja wohl nicht akzeptabel. Interdisziplinarität ist das Stichwort. Genau hier werden wir mit Hilfe von Dr.Roman Enzig ansetzen. Punkt. Ich will, dass wir eine Größe werden, die um Hilfe gefragt wird, und nicht ein Revier bleiben, das ständig Hilfe braucht.«

»Zu viel Ehrgeiz hat noch nie jemandem geholfen«, sagte Sito. Im Raum war unterdrücktes Lachen zu hören. »Weißt du, Friedrich, mir geht es um die Menschen. Ich will Fälle aufklären. Ob wir nun in einer Computerdatei landen, ist mir gleichgültig. Und übrigens, das LKA hat uns nie geholfen, bei keinem dieser Fälle.«

»Dir ist alles gleichgültig, Paul, aber ich…«

»Bau deine Karriere auf anderen Rücken, Friedrich.«

Sito wollte aufstehen und gehen, da verstellte ihm Enzig den Weg. Er lächelte, doch Sito sah auch, dass er verlegen war. Dieser neue Partner war in einen Streit geraten, für den er nichts konnte.

»Passen Sie auf, Paul, wir…«, begann Enzig.

»Sito, mein Name ist Sito. Hören Sie, das ist jetzt nicht Ihre Schuld, aber…«

»Nein, nein, Sie haben völlig recht. Also, Sito, wir sollten uns auf den Fall konzentrieren. So wie ich die Lage einschätze, war das keine Einzeltat.«

»Aber welche Lage bitte schätzen Sie ein? Waren Sie überhaupt schon am Tatort?« Sito kannte sich selbst nicht mehr. Auch wusste er nicht, worüber er sich eigentlich so ärgerte. Die Arbeit mit einem Fallanalytiker interessierte ihn, Enzig schien ein netter Mensch zu sein, vor allem einer, der nicht wie ein wild gestikulierendes Gorillamännchen Position bezog, sondern überlegt am Rand stand.

»Nein. Ich war noch nicht am Tatort. Und ja, Sie haben recht, eine Profilerstellung ist erst sinnvoll, wenn eine Tatrekonstruktion stattgefunden hat. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber das, was mir Kommissar Busch vom Tatort berichtet hat, klang zumindest alarmierend. Herr Busch hat mir auch erzählt, dass Sie alleine zurückgeblieben sind, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ihre Methode scheint mir sehr interessant. Vielleicht können wir…« Enzig verstummte.

Sito sah aus dem Augenwinkel, wie Kerler sich ein Lachen verkneifen musste und sich schnell eine neue Zigarette anzündete. Längst schon hätte Sito sich einfach fügen können, aber irgendwie musste er seine Wut loswerden, und Enzig war ihm gerade derart plump entgegengetreten, dass er sich nur mühsam beherrschen konnte. Also starrte er Enzig direkt in die Augen, so lange, bis dieser sich verlegen abwandte. Gewonnen.

»Heute um sechzehn Uhr erwartet uns die Meute der Presse«, sagte Kerler. »Herr Dr.Enzig, ich begrüße Sie im Team und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Arbeit. Wie mir scheint, sind Sie gerade im richtigen Moment zu uns gekommen.«

»Ja, welch ein Glück.«

»Paul«, Kerler bemühte sich um Haltung, »reiß dich gefälligst zusammen.«

»Aber sicher. Und Friedrich, wär es möglich, dass auch du dich endlich ans Rauchverbot hältst?«

Kerler zog noch einmal tief an seiner Zigarette, drückte sie aus und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

»Also, passen Sie auf, Enzig…«, sagte Sito.

»Roman, bitte.«

»Lieber nicht. Passen Sie auf, es geht nicht gegen Sie. Kerler hat manchmal… Ach, vergessen Sie es. Ich habe heute einfach nicht den besten Tag. Bei dem Gedanken an Gesellschaft wird mir richtiggehend schlecht. Außerdem mag ich es nicht, wenn jemand voreilige Schlüsse zieht.«

»Das haben wir durchaus gemeinsam. Aber sehen Sie es mir nach, irgendwie musste ich ins Gespräch kommen. Ich lande ungern mitten in einem Streit. Aber sonst geht es Ihnen gut?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sie sehen mitgenommen aus.«

»Ich hab meinen Hund heute Morgen beerdigt.«

»Oh. Das tut mir ehrlich leid. Ich weiß, wie sehr einem Tiere ans Herz wachsen können.«

»Ach ja? Haben Sie auch einen Hund?«

»Nein, keinen Hund, aber Haustiere, ja.«

Sito überlegte einen Moment, ob er nachhaken sollte, dann reichte er Enzig die Hand. »Entschuldigen Sie, das war ein schlechter Start. Wollen wir uns jetzt für die Presse vorbereiten?«

»Ja, das sollten wir tun.«

Sito hatte Kopfschmerzen. Außerdem war ihm, als stünde sein Vater neben ihm.

Man hat nie nichts. Aber oft weiß man gar nicht, dass man bereits etwas hat. Man hat den Tatraum. Jemand ist in den Tatraum eingedrungen. Von innen nach außen oder von außen nach innen, das kann man jetzt noch nicht wissen. Aber diese Schwelle muss irgendwo liegen, und wenn du diese Schwelle findest, dann hast du einen Anhaltspunkt über den Täter und über das Opfer. Du siehst, du hast nie nichts. Du hast ein Drinnen und ein Draußen.

Sito wollte nicht an seinen Vater denken, aber schon die Jahreszeit brachte die Erinnerung mit sich. Alle, die Sito verloren hatte, waren im Herbst gestorben. Jetzt auch noch Pollux. Sito klopfte sich mit der Faust an den Kopf. Ein Drinnen und ein Draußen… Was sollte das heißen?

Das Fenster ist die Verbindung zwischen Drinnen und Draußen, wobei es immer eine Parität ist. Wer in dem einen Sinne drinnen ist, kann in einem ganz anderen Sinne draußen sein und umgekehrt. Niemals ist es nur das eine von beiden.

Der neue Mann

Enzig saß an Sitos Schreibtisch und fuhr mit der Hand über das Holz der Arbeitsfläche. Der Tisch war zum Fenster hin ausgerichtet, das noch immer offen stand. Enzig war sich sicher, dass Sito ihn mit Absicht so platziert hatte. Er selbst hätte ihn just an dieselbe Stelle gedreht. Kerlers Zigarettenqualm noch in der Nase, genoss Enzig die frische Herbstluft, die Gerüche vom Rhein in sich trug. Oder war es der Duft des Nebels?

Die Metallspitzen vor dem Fenster, die die Tauben verjagen sollten, waren allesamt umgebogen. Wahrscheinlich hatte Sito den Blick auf die Minispeere nicht ertragen. Enzig konnte das gut verstehen. Wann immer er diese Metallspitzen irgendwo sah, drängte sich eine aufgespießte Taube vor sein inneres Auge.

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