Schalom - Artur Klinaŭ - ebook

Schalom ebook

Klinau Artur

0,0

Opis

Der erste Roman von Artur Klinaŭ in deutscher Übersetzung: Schalom ist eine Satire aus der Perspektive des armen, osteuropäischen Künstlers, ein Trinkerroman und wilder Roadtrip. Es geht von Bonn über Berlin, Warschau und Minsk bis nach Mogiljow, im Osten von Belarus. Schalom ist das belarussische Wort für Kriegerhelm, und den setzt sich der Protagonist Andre in Deutschland auf - um ihn niemals wieder abzusetzen. Die preußische Pickelhaube auf dem Kopf wird zum Statement, das mit immer neuen Bedeutungen aufgeladen wird. Klinaŭ spiest dabei überaus unterhaltsam Erwartungshaltungen und Vorurteile auf - aus Ost und West.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 377

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Artur Klinaŭ

SCHALOM

Ein Schelmenroman

Aus dem Russischen von

Thomas Weiler

edition.fotoTAPETA Berlin

Das russische Original erschien 2013 unter dem Titel Šalom bei Ad Marginem in Moskau. Das belarussische Original erschien 2011 unter dem Titel Šałom bei Lohvinaŭ in Minsk. Grundlage der vorliegenden Übersetzung ist auf Wunsch des Autors die aktuellere russische Version.

ISBN 978-3-940524-35-5 eISBN 978-3-940524-50-8

Für diese Ausgabe

© edition.fotoTAPETA Berlin 2015

Für den Original-Text

© Artur Klinaŭ, Minsk 2013

Foto Innenklappe hinten: © coresince84 / photocase.com

Foto Innenklappe vorn: © JingleT / photocase.com

Umschlaggestaltung: Gisela Kirschberg, Berlin,

unter Verwendung einer Grafik von D-Mind, www.papercraft.com

Satz und Gestaltung: Gisela Kirschberg, Berlin

Gesetzt aus der Minion und der Frutiger

The German Marshall Fund of the United States hat dieses Buchprojekt gefördert. Wir danken für die Unterstützung.

INHALT

Chilenischer Roter

Jägermeister

Finlandia

Krupnik

Schatz der Radziwills

Belaja Rus

Kryžačok

Der Götze ist wieder da

Das belarussische šałom bezeichnet den Helm eines Kriegers. In den semitischen Sprachen ist schalom der Friede. Zugleich ist schalom die hebräische Grußformel. Der gereckte Mittelfinger wird weltweit verstanden.

CHILENISCHER ROTER

Am Morgen weckte ihn ein mörderischer Durst. Er stellte fest, dass er in seinen Kleidern geschlafen hatte, rappelte sich hoch, goss eine halbe Flasche Mineralwasser in sich hinein, zog sich aus und sank zurück ins Bett. So hätte er bis zum Abend weitergeschlafen, und die ganze Geschichte wäre womöglich nie passiert, wären da nicht die vermaledeiten Schwiegermutterstiefel gewesen.

Sie fielen ihm zwei Stunden später ein, als er abermals aufstand, um die restliche halbe Flasche zu leeren. Schmerzlich regte sich in seinem Bewusstsein der Gedanke, dass heute Samstag war, sein letzter Tag in Bonn, schon morgen ging es zurück nach Mogiljow. Aber vorher wollte noch der Shoppingauftrag erledigt sein – Geschenke besorgen für Ehefrau und Töchter und vor allem die Stiefel für die Schwiegermutter, die eigens dafür Geld herausgerückt hatte. Natürlich könnte er auch noch in Berlin einkaufen gehen, aber da würde er nur ein paar Tage bleiben. Hier hatte er in seinen drei Wochen schon alles ausgeguckt, jetzt musste er sich nur noch vom Kissen losreißen und die entsprechenden Läden abwandern.

Er kroch zurück ins Bett und glotzte auf die große weiße Kugellampe an der Decke. Mit der Einkaufstour im Hinterkopf war an entspanntes Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Schöne Scheiße!, schimpfte er in Gedanken und wälzte sich auf die Seite. Da wartest du auf die Vernissage, als ob sich damit die Tür zu einem neuen Leben auftut. Alles da: Ruhm, Geld, Ehre, schicke Autos, ein Häuschen in Frankreich. Und dann – immer nur dieselbe Kacke: Suff und Brummschädel, Fjodor Michailowitsch, die Drecksau … besoffen … Jetzt ein Schweppes, Limo. Und dann diese dämlichen Schwiegermutterstiefel!

Am Vorabend hatte er an einem Festbankett anlässlich der Vernissage ihrer Freilichtskulpturenausstellung teilgenommen. Mit der Ausstellung hatte er seine Zeit hier zugebracht. Kurz vor der Eröffnung war er mit Heinrich zu Lidl gegangen, wo sie sich zwei Flaschen Wein und zwei Mal Billigwhisky für vier Euro siebzig die Pulle gekauft hatten. Seine langjährige Vernissageerfahrung hatte ihn ein ehernes Gesetz gelehrt: Bring zu jedem Bankett, auch wenn es noch so edel ist, dein eigenes Material mit. Dann ersparst du dir das Gedränge um die Tische mit dem Weinausschank. Du musst keine besorgten Blicke auf die noch verkorkten Flaschen hinter den Kellnern werfen und kannst dir gänzlich sicher sein, dass du nicht um zehn in der nächsten Tanke den überteuerten Fusel kaufen musst, weil alle Läden im Umkreis schon geschlossen haben.

Eine Stunde vor der Eröffnung hatten sie es sich auf einer Bank hinter einer Heinrich-Skulptur gemütlich gemacht und jeder hatte eine Flasche Chilenischen geköpft. Heinrich war ein feiner Kerl, genau wie er einer der einfachen Soldaten in der großen Kunstarmee, deren namenlose Gräber sich dereinst in den endlosen Weiten von Land-Art, Pop-Art, Video- und Konzeptkunst verlieren würden. Aber mit Heinrichs Skulptur, einer Art hölzernem Datschenplumpsklo, das sich auf die zentrale Parkallee verirrt hatte, wurde er nicht so richtig warm. Frankas Installation, ein Labyrinth aus riesigen Plastikfolien, war ihm da deutlich näher. Wenn man es betrat, bauschten sich die Folien im Wind und lockten einen tiefer ins Herz seiner Verzweigungen – und dort konnte den Betrachter, so schien es, doch nur eine freudige erotische Überraschung erwarten.

Die Arbeit gefiel ihm, noch besser gefiel ihm aber Franka. Als sie zum ersten Mal ins Atelier gekommen war, hatten ihn ihre schönen traurigen Kulleraugen angerührt. Sie hatten ihm sofort verraten, dass Franka eine dieser durchgeknallten Kunstsoldatinnen war, die ihr Leben für die Sache ließen und als Gegenleistung nur Einsamkeit und einen Stapel Kataloge von Freilichtausstellungen und anderen sinnlosen Events bekamen. Aus Sympathie, vielleicht auch aus Mitleid bot er ihr sogleich Bier, Wein oder Whisky zur freien Wahl an. Sie ließ sich auf einen Whisky ein, war aber nach nicht einmal einem halben Glas schon wieder verschwunden und ließ nur einen Hauch Chanel No 5 im Atelier zurück.

Von da an kam Franka häufig auf ein halbes Glas Whisky bei ihm vorbei, redete von ihren Projekten und sprach seinen Namen französisch aus: André. Normalerweise nannten ihn seine Freunde beim Nachnamen oder einfach Andrej, seine Frau sagte manchmal Andrejka, aber André hatte einen besonderen Klang. Nicht das alltägliche Andrej, nicht das plumpe Andrejka – in André schwang etwas mit, das ihn auf den Montmartre erhob, in romantische Luftschlösser, das ihn unweigerlich in eine Reihe stellte mit Modigliani, Rodin und Picasso.

André mochte Frankas traurige Augen. Er erkannte die Muse in ihr. Schon ihrem Namen haftete das Wunderbare an. Franka … La France … Das sagenumwobene Land, das ihn seit seiner Jugend anzog. Die Pariser Cafés, Eiffelturm, Moulin Rouge, Place Pigalle. Van Gogh, Degas, Lautrec. Andrejka dagegen schwebte etwas Schlichteres vor. Er wollte Franka einfach im Bett haben. Aber die war noch vor Einbruch der Dunkelheit in die Stadt gefahren, wo sie bei einer androgynen Freundin mit Kurzhaarschnitt übernachten wollte. Die letzte Chance, sie zu verführen, bot noch die Vernissage, bei der niemand in Eile sein würde und sich irgendwelche Grüppchen beschwipst und berauscht zusammenfinden würden mit der Aussicht auf eine lange Nacht.

Nach einer satten Portion Komplimente für Heinrichs „Plumpsklo“ und einem ordentlichen Zug aus der Whiskyflasche machten sie sich auf zur Eröffnung. Es hatte sich schon allerlei Publikum eingefunden. Außer André und sieben Deutschen waren noch ein paar Franzosen, ein Italiener, ein Schweizer und ein Finne vertreten.

Alle außer ihm kamen aus dem guten alten Europa, und sie zogen von Ausstellung zu Ausstellung, als wäre das so alltäglich wie der morgendliche Gang zum Bäcker. André repräsentierte jedoch ein kleines, gottvergessenes Land irgendwo hinter dem europäischen Zaun. Diesseits des Zaunes hielten es alle für das finstere Tolkien-Land Mordor, in dem die herrschenden Orks die armen Hobbits zur Schnecke machten und ihre Rechte beschnitten, wo sie nur konnten.

Zur Unterstützung der Hobbits lud Mütterchen Europa sie von Zeit zu Zeit zu Seminaren ein, um zu ergründen, wie man die Orks bei Wahlen besiegen und Mordor in eine Hobbit-Demokratie verwandeln könnte. Es gab auch Einladungen zu Literaturfestivals, wo man ihrer sonderbaren, archaischen Sprache lauschte oder eben zu Kunstausstellungen, wo man sich davon überzeugen wollte, dass die Hobbits noch nicht ausgestorben waren und sogar Kunstwerke hervorzubringen vermochten.

Viele Hobbits wollten aber nicht auf eine Einladung warten, sie zwängten sich auf die eine oder andere Weise durch die Lücken im Lattenzaun und zerstreuten sich in den weitläufigen Vorhöfen von Mütterchen Europa, um dann ihre winzigen, harmlosen und unauffälligen Kolonien in Berlin, Brüssel, Amsterdam oder Warschau zu begründen. Der kleinen Berliner Hobbitkolonie wollte André einige Tage nach der Vernissage einen Besuch abstatten. Doch zunächst war da noch ein angefangenes Projekt zu vollenden – die Eroberung Frankas.

Seine Augen fanden sie auf Anhieb. Er war gerade beschwingt mit Heinrich in den Pavillon mit den reich bestückten Büffettischen geplatzt. Die Gäste, meist Kunstliebhaber aus Bonn und Köln, flanierten mit Rotweingläsern durch den Saal.

„Na, was ist? Einen kleinen Roten obendrauf?“ André angelte sich ein Glas von einem vorbeischwimmenden Tablett. „Wusstest du, dass sie bei uns Wein aus Kartoffeln machen? Der ist dann halt grün und heißt Kryžačok, nach so einem slawischen Tanz. Das Wichtigste ist, nach dem Trinken die Gurgel dicht zu kriegen, dass er dir nicht wieder hochkommt. Mit Süßkram oder Brot ist da nichts zu wollen. Am besten sind Salzgurken oder rohe Zwiebeln, dann bleibt er vielleicht drin.“

„Ja, der Kasatschok“, wiederholte Heinrich versonnen.

Inzwischen war das allgemeine Palaver verstummt, jetzt traten die wichtigen, die geladenen Gäste aufs Podium. Sie erzählten, wie wunderbar das Projekt gelungen sei und welch wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung es leiste.

André überließ Heinrich den Reden über die Völkerfreundschaft und arbeitete sich still und heimlich zu Franka vor. Er drängte sich durch das Publikum, bis er direkt hinter ihr stand und liebkoste sie mit seinen Blicken. Als hätte sie es gespürt, wandte sie sich plötzlich um und flüsterte ihm ins Ohr: „Hallo!“

„Du fährst doch heute noch nicht? Lass uns zu mir gehen, wenn das hier rum ist.“

„Mal sehen.“ Klang wie vage Zustimmung.

Er überließ Franka wieder den Reden über die hohe Meisterschaft der hier versammelten Künstler und eilte zu Heinrich zurück, um das freudige Ereignis mit einem weiteren ordentlichen Schluck aus der Whiskyflasche zu begießen.

Alles hatte so vielversprechend begonnen und hätte wohl auch so zu Ende gehen können, hätte nicht nach dem zweiten Schluck Whisky Andrejka die Bühne übernommen. Seine dummdreiste Visage mit den schmierigen, lüsternen Äuglein brach durch das edle Antlitz Andrés, kaum dass Heinrich und er im Unterholz des Parks in die Flasche geschaut und sich eine Zigarette angesteckt hatten.

Der weitere Fortgang des Abends folgte dem üblichen Andrejka-Drehbuch. Hätte er nur getrunken und sich trotzdem auf Franka konzentriert, wäre wahrscheinlich alles nach Plan gelaufen. Aber kaum hatte er gesehen, wie viele hübsche junge Damen nach Beendigung des offiziellen Teils aus dem Pavillon strömten, füllten sich seine von der Abstinenz zermürbten Katzenäuglein mit Baldrianöl und er begrüßte, bewirtete und beflirtete eifrig jede, die ihm in die Krallen kam.

Die meisten Installationen standen außerhalb des Pavillons, verteilt über das weitläufige Gelände der historischen Parkanlage. Andrejka machte sich auf zu seinem Erzeugnis und bereitete sich auf die Damenbesuche vor, die früher oder später auch bei diesem Meisterwerk aufkreuzen mussten. Zumal das „Meisterwerk“ sofort ins Auge sprang.

Andrejka hatte zwei monumentale Strohskulpturen geschaffen. Die eine zeigte eine nackte Venus, die andere war die Kopie einer antiken Apollostatue. Sie standen vis-à-vis auf Podesten an einer Seitenallee des Parks und sahen aus wie zwei überlebensgroße Zottelbären. Der Venusbär war an den fehlenden Armen und den üppigen Strohbrüsten zu erkennen, die ungelenk in dreierlei Himmelsrichtungen zugleich pieksten. Apollo stand da mit erhobenem Arm und einem aus unerfindlichen Gründen nicht weniger mächtigen struppigen Glied, das zu Venus hinüberäugte wie der Schießprügel eines russischen Panzers gen Preußenland.

Als die ersten Gäste eintrafen, setzte ihnen Andrejka mal mehr, mal weniger inspiriert auseinander, was er mit diesem Kunstwerk eigentlich hatte sagen wollen. Bei Kritikern und ältlichen Ehepaaren fiel sein Vortrag kurz und bündig aus. Er sprach dann von den neuen Möglichkeiten, die ein Material wie Stroh dem Künstler eröffne, von Traditionslinien, von einer Neuinterpretation der Klassik, und er reagierte mit gekünstelten Seufzern und wortloser Zustimmung, wenn das Elend der Hobbits in seinem unglückseligen Land zur Sprache kam.

Doch sobald eine hübsche junge Dame aufkreuzte, saß er stramm im Sattel, zückte einen Plastikbecher und bot Whisky an, nahm selbst einen ordentlichen Schluck aus der Pulle und ließ sich mitreißen in die enthemmten Gefilde der Fantasie. Er erzählte von der genialischen Doppeldeutigkeit seines Materials. Dass das Stroh im Sonnenlicht glänze wie pures Gold, bei genauerer Betrachtung jedoch jedes Strohobjekt ein Musterbeispiel für den Zerfall der Materie sei, letztlich für den Mulm alles Irdischen. Das gelte insbesondere für die Strohpuppen, die ihn an die halbverwesten Untoten aus Horrorfilmen erinnerten. Dann kam er auf die Besonderheiten von Strohpuppensex zu sprechen. Wie absolut ökologisch und nachhaltig er sei. Wie Strohapollo und Strohvenus korrekt miteinander verkehren könnten und was zu beachten sei, damit die beiden sich beim Geschlechtsakt nicht auflösen. Die Damen lauschten ihm belustigt und nicht ohne Interesse, tranken einen Whisky, waren aber allen Versuchen Andrejkas zum Trotz alsbald wieder verschwunden.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Der Besucherstrom ebbte ab. Da fiel ihm Franka wieder ein, und er musste mit Schrecken feststellen, dass der Whisky bereits zur Neige ging. Zuallererst galt es nun Heinrich zu finden, der müsste ja noch eine Flasche haben, danach würde er sich auf die Suche nach Franka begeben.

Er stöberte Heinrich in einem lauschigen Winkel des Parks auf, in einer kleinen aber lustigen Runde. Heinrich hatte schon gut getankt, der Rest in seiner Whiskyflasche reichte höchstens noch für ein Glas. Andrejka sicherte sich diesen Rest mit einem beherzten Griff, tat einen gewaltigen Schluck und konnte sich später nur noch bruchstückhaft an den weiteren Verlauf des Abends erinnern.

In wechselnder Besetzung tranken sie aus diversen Flaschen. Andrejka versuchte unverdrossen, irgendwelche Jungfrauen zu bezirzen, hatte aber schon so viel Promille intus, dass er nicht recht in Schwung kam und das Ganze eher schäbig-schlüpfrig wirkte. Ein paar Mal schwirrte Franka an ihm vorbei, aber immer im Schlepptau eines ihm unbekannten Playboys. Dann waren Heinrich und er zur Tanke unterwegs, um Nachschub zu besorgen. Später sang er irgendwelchen Damen russische Romanzen vor, unterhielt sich im Gebüsch mit jemandem über die Rolle der künftigen belarussischen Revolution, intonierte mit irrlichterndem Bass Stolz zieh’n wir in die Schlacht und lud alle nach Mogiljow ein. In einem anderen Gebüsch schwadronierte er von Moskau als dem neuen Mekka der internationalen Kunst, sang mit inzwischen gänzlich ruiniertem Bass Gott, sei des Zaren Schutz, machte sich in Anwesenheit ihres Mackers dreist an Franka heran und schleppte sich gegen vier Uhr früh mit Müh und Not in sein Zimmer, wo ihm im ungemachten Bett auf der Stelle die Lichter ausgingen.

Maria Prokopjewna, der alte Drachen! Geht mir sogar hier noch mit ihren Stöckelabsätzen auf die Nerven! Auch egal, dachte er und wälzte sich auf die andere Seite. Ihr könnt mich alle mal, geh’ ich halt shoppen! Und am Mittag, wenn ich genug rumgerannt bin, trinke ich in der Stadt ein paar Bier. Der Gedanke an das Bier stimmte ihn milder. Im Gegensatz zu den meisten seiner Freunde versuchte André nicht, seinen Kater zu bekämpfen. Er war ein Verfechter der Fjodor-Michailowitsch-Methode. Diese Anti-Kater-Strategie hatte er selbst entwickelt und sie nach Dostojewski benannt, dem Lieblingsschriftsteller seiner Jugendjahre.

Die Methode war denkbar einfach: Hast du am Abend gesoffen wie ein Loch, darfst du am nächsten Tag zum Zeichen deiner Sühne bis Sonnenuntergang nichts als Wasser trinken. Du sollst mit physischen Schmerzen am eigenen Leib für deine Schuld bezahlen, die Versuchung durchleiden, mit groben, rostigen Nägeln ans Kreuz des eigenen Katzenjammers geschlagen werden.

André hatte bis zur Entdeckung der Methode einen weiten Weg zurückgelegt. In jugendlichem Leichtsinn hatte er früher wie die meisten seiner Altersgenossen gleich am Morgen den Kater begossen. Aber dann hatte er mittags weitergetrunken und abends auch, so dass er nachts wieder sternhagelvoll war. Am Morgen darauf wurde der Kater von Neuem begossen und alles begann von vorn. Das konnte mehrere Tage so gehen, eine Woche oder sogar noch länger. Irgendwann ging ihm auf, dass der Hund im ersten Glas begraben lag, genauer gesagt in der Tageszeit, zu der es geleert wurde. Wenn das erst am Abend geschah, nach Sonnenuntergang gewissermaßen, ging das Risiko, sich im Alkohol zu verlieren, gegen Null.

Fasziniert von der genialen Schlichtheit seiner Entdeckung, sorgte André für das theoretische Unterfutter, reicherte es mit Verweisen auf die Klassiker und die Heilige Schrift an und predigte die Lehre nun bei jeder Gelegenheit.

Mit der Zeit ging er selbst so sehr im Glauben an „Fjodor Michailowitsch“ und seine „Vervollkommnung durch Leiden“ auf, dass er sogar ein masochistisches Wohlgefühl daraus schöpfen konnte. Mitunter strebte er, nach einem kräftigen Besäufnis am Vorabend, leidend und in kaltem Schweiß gebadet, der Vollkommenheit entgegen und sehnte den Sonnenuntergang herbei. Aber in dieses Leiden mischte sich immer auch eine süße Vorfreude, die mit jeder Minute anschwoll. André malte sich aus, wie es Sechs schlug, er das liebliche Glas mit dem kalten Bier ansetzte und es sich als Inbegriff der Vollkommenheit in seinen verdorrten, ausgezehrten Leib ergoss – ein göttlicher, sonnengleicher Heiltrunk.

Normalerweise terminierte er den Sonnenuntergang auf achtzehn Uhr. Doch angesichts des besonders ausgeprägten Katzenjammers und der verfluchten Schwiegermutterstiefel beschloss er, ihn heute etwas vorzuziehen, auf vierzehn oder fünfzehn Uhr.

Er quälte sich aus dem Bett, duschte kalt, würgte einen Becher Himbeerjoghurt hinunter und trat auf die samstäglich leeren Straßen von Bonn.

André mochte die Stadt. Sie erschien ihm wie ein großes, stilles Sanatorium, das man hin und wieder gerne aufsucht, um sein von Kryžačok und der Mühsal des Lebens jenseits von Gut und Böse geplagtes Nervensystem zu kurieren. Eigentlich kamen André sämtliche deutsche Städte mit Ausnahme von Berlin wie Sanatorien vor. Bei seinen seltenen Deutschlandaufenthalten fühlte er sich wie ein Frontsoldat auf Heimatbesuch im Hinterland, der verschnaufen und zu Kräften kommen durfte, bevor ihn der letzte Nachtzug zurück nach Osten fuhr, in die stinkenden, dreckigen Schützengräben, zu Flöhen und Läusen, in den Kugelhagel, an die vorderste Front.

Aber für immer hierbleiben wollte er auch nicht. André konnte sich kaum vorstellen, den Rest seiner Tage im Sanatorium zu verbringen, in der Stille dieser großen, historischen Schmuckkästchen. Endlos zwischen diesen schmucken Spielzeughäusern herumzuspazieren und über ihrer Schönheit allmählich den Verstand zu verlieren. Nein, sagte er sich und legte einen Schritt zu, ich kaufe die Stiefel, trinke mein Bierchen, und dann ab nach Hause, nach Mogiljow. Unsere Kästchen sind zwar nicht so schmuck, sie sind eigentlich überhaupt keine Schmuckkästchen, eher Aktenkoffer oder Schuhschachteln, aber ich fühle mich wohl da drin und heimisch.

Was weiter geschah, hätte auch nicht geschehen können, und Andrés Leben hätte sich um keinen Deut geändert. Er wäre in seine stinkenden Schützengräben irgendwo hinter Mogiljow zurückgekehrt und hätte dort die Läuse gefüttert, bis sie ihn eines Tages aus Altersgründen oder wegen seiner von den Frontgetränken hoffnungslos zerrütteten körperlichen Verfassung demobilisiert hätten.

Vielleicht hätte ihn auch ein Querschläger erledigt oder eine Senfgasvergiftung, vielleicht hätte ihn versehentlich ein Panzer oder ein „Belarus“-Traktor überrollt, eine leere Splitterflasche Sowjetskoje ihn erwischt, eine Gabel im Café Vernissage ihn erstochen oder seine Fjodor-Michailowitsch-Adepten hätten ihn, enttäuscht von der wahren Lehre, zerfleischt. Vielleicht hätte ihn auch seine Lieblingsskulptur erschlagen, seine neue Muse Franka, La France, in langen Winternächten liebevoll aus Marmor modelliert, oder schlimmer noch, ungehaltene Leichen hätte sich aus ihren Gräbern erhoben und ihn zur Strafe für die Stümpereien, die er auf ihre Gräber gestellt hatte, durch ganz Mogiljow geschleift.

Aber die Vorsehung schickte André nicht schnurstracks in das große Schuhgeschäft, wo Schwiegermutters Stiefel warteten, sondern mit einem Umweg. So geriet er auf den samstäglichen Flohmarkt, für den Händler aus dem Bonner Umland allen erdenklichen antiquarischen Krempel zusammentrugen.

Er hatte diesen Weg bewusst gewählt, kramte er doch gerne in alten Dingen. Geld hatte er keines übrig, er sah sich die Sachen einfach gerne an und erkundigte sich hier und da für alle Fälle nach dem Preis – vielleicht fand sich ja doch ein günstiges Schätzchen.

Als André auf dem Flohmarkt ankam, drängten sich schon die Besucher um Stände mit bronzenen Uhren, Porzellanfiguren, Folianten, verschnörkelten Kerzenständern und dergleichen exquisitem Plunder. André war mit diesem Bonner Flohmarkt nicht recht glücklich. Er mochte die billigeren, demokratischeren Berliner Märkte lieber. Da gab es neben teuren Antiquitäten auch zerfledderte Pornoheftchen für einen Euro, alte Videorekorder, Teddybären mit Schleifchen, Schirmmützen französischer Polizisten, Teller mit Hakenkreuz, schwere, alte Grünglasflaschen und allerlei andere Köstlichkeiten, die ihm deutlich näher lagen. Und doch verfiel er beim Betreten des Platzes gleich in eine gemächlichere Gangart und registrierte beiläufig die dargebotene Ware.

Er bemerkte das Ding nicht sofort. Das heißt, er bemerkte es wohl, er schenkte ihm bloß zunächst keine Beachtung und ging einfach weiter. Doch dann blieb er unvermittelt stehen, wandte sich um und sah richtig hin.

Auf einem Tischtuch, hingebreitet auf dem nackten Boden, stand zwischen allem möglichen Plunder, den er gar nicht mehr wahrnahm, eine Pickelhaube – der auf Hochglanz polierte, im gleißenden Sonnenlicht funkelnde Helm eines preußisch-kaiserlichen Soldaten, der seinen spitz zulaufenden Pickel in den Himmel reckte. Etwas zerknirschte in Andrés Kopf. Sein Mund wurde trocken. In seiner Brust setzte ein rasendes Hämmern ein, als prügle ein brutaler Boxer mit riesigen Lederfäustlingen von innen auf ihn ein.

Wie versteinert zwischen den hin und her schiebenden Flohmarktbesuchern starrte André auf den Helm. Er hätte wohl noch lange so gebannt dagestanden, wäre er nicht angerempelt worden.

„Przepraszam, äh, bitte …“. Ihm waren gerade sämtliche Sprachen abhanden gekommen, also sagte er automatisch, was ihm als erstes über die Lippen kam.

Schließlich trat er entschieden zwei Schritte vor, deutete auf den Helm und fragte:

„Wie viel?“

„Fünfhundert Euro.“ Der Händler, ein feister, ergrauter Mittfünfziger, musterte André gelangweilt.

„Danke.“ André nickte, wandte sich um und tappte enttäuscht davon in Richtung Schuhgeschäft .

Nach vielleicht dreißig Metern blieb er plötzlich stehen. In seinem Kopf brach ein grotesker Aufstand aus.

Nein! Vergiss es! Die Schwiegerin macht dich alle! Das ist ihr Geld. – Schlappschwanz, kneifst du vor der Schwiegermutter, oder was? Scheiß drauf! Sie kann dich eh nicht leiden! – Drauf scheißen? Und dein Atelier? Sie ist doch die Prorektorin. Hat sogar Boris Fadejitsch unter ihrer Fuchtel! – Nee, du bist und bleibst eine Gurke! Hörst du? Du bleibst in Ewigkeit eine Gurke, wenn du den jetzt nicht kaufst! Das ist deine Chance! Schlag zu, fang ein neues Leben an! – Chance? Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn du mit dem Ding in Mogiljow aufläufst? Die ganze Stadt wird sich über deine Kinder lustig machen und ihren Vater einen Hornochsen nennen! – Wissen doch eh schon alle, dass du die Hörner auf hast! Glaubst du, dass sonst niemand weiß, dass deine Swetka was mit Eduard laufen hat? Glaubst du, dass sonst niemand weiß, was hinter der Tür ohne Schild im ersten Stock abgeht? – Und du? Bist mir auch so ein Heiliger! – Swetka setzt dich vor die Tür und brät dir mit der Gusseisernen noch eins über! – Ha ha ha! Zu komisch! Dafür hast du ja den Helm auf! Außerdem geht es morgen an die Front, und du weißt doch: Im Feld nie ohne Helm! Idiot. – Dir wird das Lachen noch vergehen. Du verschreckst auch noch deine letzten Kunden. Deine Krüppelfiguren will doch jetzt schon keiner haben. Und dann auch noch dieser Helm! Bei einem Spinner mit Pickelhaube gibt kein Mensch einen Grabstein in Auftrag! – Was schert dich deine Kundschaft? Sollen sie sich ihre Grabsteine selber meißeln! Hast du davon geträumt, als du Bildhauer werden wolltest? Ein Michelangelo wolltest du sein, Großes, Zeitloses schaffen! Und was ist aus dir geworden? Ein Arschloch, das nur Pfusch abliefert! Eines Tages werden sich die Toten zusammenrotten und dir in einem stillen Winkel des Friedhofs die Fresse polieren! – Jeder Bulle wird dich anhalten und nach deinem Pass fragen! – Na und? Machst du dir eben einen neuen mit Pickelhauben-Foto! – Sie werden dich im Fernsehen in Die geheimen Mächte der Politik zeigen und dich als Freimaurer und Führer der belarussischen Opposition hinstellen. – Und wenn! Dann hat die belarussische Opposition endlich mal einen Führer. Du wirst berühmt! Fjodor Michailowitsch wird sehr zufrieden mit dir sein! Was glaubst du, wie der sich im Himmel freut, wenn er dich mit Pickelhaube sieht. – Ach hör auf! Deine Adepten werden glauben, du bist durchgeknallt, und sie werden schon vor Sonnenuntergang anfangen zu trinken. Willst du, dass Witek an den Suff kommt? Hat er nicht schon genug Ärger mit den Bullen? – Quatsch! Mit dem Hund hat es doch auch funktioniert. Wenn du jetzt zuschlägst, funktioniert es auch bei dir. Du wirst berühmter als der Hund-Mensch! Die Dumpfbacken von Kuratoren werden dich endlich zu den wirklich heißen Ausstellungen einladen. Überleg mal! Ruhm! Kohle! Häuschen in Frankreich! Kulik ist doch schon der Hund. Aber wer bist du? Der Pickelsperling? Was hast du denn zu verlieren? Nur die Gülle, in der du schon ewig schwimmst! – Du hast doch die fünfhundert Euro überhaupt nicht! – Und was ist mit dem Geld von Maria Prokopjewna für die Stiefel, für die Frau-und-Tochter-Geschenke? Und für die Rückfahrkarte? Und die Rücklagen vom Tagegeld, weil bei LIDL der Sprit so billig war? – Und wie willst du dann nach Hause kommen? – Pipifax! Per Anhalter bis Berlin! Dort strecken dir die Hobbits was vor. Stoß die Tür zu deinem neuen Leben auf, du Depp! Das ist deine Chance, du Versager! – Denk nicht mal dran. – Du musst ihn kaufen! – Nein! – Du willst es doch selbst!

„SCHNAU-ZE!!!“

Mit einem Mal war alles still. André bemerkte, dass alle Umstehenden ihn leicht befremdet musterten. Also gut, jetzt reicht es aber wirklich!, sagte er sich und ging schnurstracks in das Schuhgeschäft, in dem Schwiegermamas Stiefel warteten. Zielstrebig stieg er die Treppe ins Obergeschoss hinauf und näherte sich mit raumgreifenden, soldatisch festen Schritten und rudernden Armen der Auslage. Vor einem schwarzen Paar mit hohen Stöckeln blieb er stehen, betrachtete es hasserfüllt, überlegte kurz, machte auf dem Absatz kehrt und ging so entschlossen wieder raus, wie er gekommen war.

„Was kostet der?“, fragte er noch einmal, da er plötzlich wieder vor dem grauhaarigen Händler stand.

„Fünfhundert Euro.“

„Vierhundert!“

„Vierhundertneunzig!“

„Vierhundertzwanzig!“

„Vierhundertfünfundachtzig!“

„Vierhundertfünfzig!“

„Vierhundertfünfundachtzig!“

„Vierhundertsechzig!“

„Vierhundertachtzig!“

„Vierhundertsiebzig!“

„Vierhundertachtzig!“

„Vierhundertfünfundsiebzig!“

„Vierhundertachtzig!“

„Ach, scheiß drauf. Vierhundertachtzig.“

André kramte umständlich die eisernen Reserven aus den diversen Geheimverstecken seiner Taschen. Er zählte vierhundertachtzig Euro ab, drückte sie dem Grauhaarigen in die Hand, hob vorsichtig den Helm vom Tischtuch und setzte ihn sich, dem Stiefelbezwinger, auf den Kopf!

Sein Herz blies sich zur Größe eines stattlichen Vogels auf und flatterte wie wild. Als hätte er die Fesseln abgeworfen, die ihn so lange gepackt hielten. Es surrte, pochte und ratterte nur so in seinem Kopf. Herausfordernd blickte er den Leuten, die ihn mit unverhohlener Neugier begafften, ins Gesicht.

„Ausgezeichnet! Den Sonnenuntergang hatten wir für fünfzehn Uhr angesetzt! Also ist es jetzt an der Zeit, den Kater zu ersäufen“, sagte er sich und steuerte zielstrebig auf eine Bar am anderen Ende des Platzes zu.

„He, Big Ben! Was bist denn du für ein Regiment?“

André wandte sich um und sah am Nebentisch einen angetrunkenen, schmuddeligen Typen, der ihn dreist aus großen, braunen Augen anstarrte.

„Wieso zum Henker läufst du mit diesem Helm durch die Gegend?“, fragte er weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. „Ist wieder Krieg, oder was?“

„Morgen frühe ziehe ich los an die Ostfront. Dorthin, wo der Krieg nie zu Ende geht“, entgegnete André zu seiner eigenen Überraschung.

Der Typ nahm einen Schluck von seinem Bier und sah André wieder an.

„Filzstiefel nicht vergessen. Die Winter sollen streng sein da in Sibirien.“

Draußen wurde es langsam dunkel. Die Luft in der Bar war von herbem Hopfengeruch, war Zigarettenrauch gemischt mit dem Gewaber unzähliger Stimmen, die wie ein Bienenschwarm um die goldenen Bierblüten summten. Hin und wieder nahm er einen flüchtigen, neugierigen Blick wahr. Vielleicht erinnerte er jetzt wirklich an Big Ben, wie er da einsam in den Schwaden der verrauchten Bar thronte und die vergoldete Spitze in den Himmel bohrte. Er saß jetzt schon zwei Stunden hier. Auf weitere Konversation mit dem Schmuddeltypen hatte er keine Lust. André lief zum Tresen und bezahlte, warf sich den Rucksack über und ging. Draußen dämmerte es und wurde kühl. September.

Zurück in seiner Unterkunft steuerte er unmittelbar den großen Spiegel im Bad an. Weil er kein Schönling war, kostete ihn jede Eroberung unsägliche Mühen. Er musste alles an Verstand und Charme aufbieten, mitunter sogar Revolutionslieder und entsprechende Reden. Sein Gesicht hatte etwas Spatzenhaftes: kleine, stumpfe, sumpfgrüne Augen, eine unbedeutende Hakennase und hohle Wangen ohne eine Spur lebensbejahender Röte. Mit einem kantigen Kinn hätte daraus vielleicht noch eine runde Sache werden können. Aber er hatte eben auch ein Spatzenkinn, sogar noch leicht eingefallen, fast etwas degeneriert. In seiner ganzen Erscheinung glich er einem Pilz, dem man den Hut abgenommen hatte und der jetzt als einsamer, unansehnlicher Stiel schief und krumm in der Landschaft stak. André selbst hielt sich zwar nicht für ausgesprochen hässlich, aber doch für einen Menschen, der dem Schöpfer gleichgültig sein musste: Seine Erschaffung konnte ihn nicht allzu viel Schweiß gekostet haben.

Doch nun schien sein Gesicht seine Vollendung gefunden zu haben, den fehlenden Akzent. Der Helm saß wie angegossen, wie für seinen Kopf gemacht. Mittig über dem Scheitel ragte der vertikale goldene Pickel. Entfernt erinnerte er sogar an den Stöckel von Schwiegermamas Stiefel, nur dass er sich nicht in die Erde bohrte, sondern keck gen Himmel strebte. André maß ihn mit zwei Fingerlängen, er brachte es gut und gerne auf zwölf Zentimeter.

Der Helm war blitzeblank poliert. Für den Flohmarkttag hatte sich der grauhaarige Händler richtig ins Zeug gelegt. André trat näher an den Spiegel, um die Reliefzeichnung in der Kokarde genauer zu begutachten. Auf der eindrucksvollen Frontseite des Helms warfen sich zwei goldene Löwen in die Brust. Sie hielten einen goldenen Schild in ihren Pranken, vielleicht versuchten sie auch, sich ihn gegenseitig zu entreißen. Offensichtlich betrieben sie Geopolitik, zankten sie sich doch um einen auf dem Schild ausgebreiteten Fisch. André hob eben die Hände, um den Helm abzusetzen und ihn besser betrachten zu können, als er plötzlich in der Bewegung erstarrte:

Halt!!! Auf keinen Fall absetzen! Wenn du ihn absetzt, bricht das ganze Konzept zusammen! Du darfst ihn nicht einmal absetzen, wenn dich keiner sieht! Das ist doch der Sinn der Sache! – Was denn für ein Sinn? Ein Schwachsinn ist das! – Schwachsinn? Das ganze Leben ist eine latente Form von Schwachsinn. Aber wo verläuft die Grenze zwischen Schwachsinn und Sinn? Da erklärt jemand der Welt: „Ich bin ein Hund!“, zieht sich aus und rennt nackig durch die Straßen, bellt die Leute an und beißt ihnen in die Waden. Alle sagen: „So ein Schwachsinn. Der benimmt sich wie ein Idiot.“ Aber wenn dieser Jemand ein Künstler ist, dann ist das plötzlich ein Manifest! Dann sind die, die den Sinn nicht sehen, die Idioten! Dein Leben lang hast du als braver Soldat in der großen Kunstarmee gedient. Deine besten Jahre hast du im Schützengraben verpulvert, auf Märschen, unter Beschuss, in Scheiße, Schlamm und Schuld, auf der Suche nach Sinn und Schönheit. Und was ist der Lohn? Wo sind Ruhm und Anerkennung? Wo sind Titel und Orden? Was hat dir dein Dienst gebracht? Geld hast du nicht. Eine anständige Familie auch nicht. Deine Frau und deine Schwiegermutter verachten dich. Deine genialen Projekte hängen in der Luft. Du bist nämlich am falschen Ort geboren, hinterm Zaun, am Arsch. Und die einsame Stimme aus dem Arsch ist auch bloß ein Furz. Vielleicht hören ihn die ganzen kleinbürgerlichen Säcke sogar, aber das werden sie sich schon aus Anstandsgründen nicht anmerken lassen. Du bist ein miese, kleine Nulpe! Aber hier ist deine Chance! Wenn du ihn jetzt absetzt, dann bist du wirklich ein Idiot. Du bist ein Künstler! Erkläre der Welt dein Manifest! Mach den Helm zu Projekt! Aufstand! Revolution! Der Helm-Mensch! Darauf ist noch niemand gekommen!

André stand immer noch mit den Händen am Helm vor dem Spiegel. Bei diesem Gedankenzwist war er zu keiner klaren Entscheidung fähig. Einen Moment lang glaubte er sogar, die beiden Löwen auf seinem Helm wären die Streithähne.

Lass dir bloß nicht einfallen, ihn abzusetzen!, schien schon wieder einer zu brüllen. Mach lieber die Flasche Wein auf, die du hinter dem Schrank versteckt hast!

André riss sich vom Spiegel los, ging zurück in sein Zimmer, holte die Flasche hervor und schenkte sich ein Gläschen ein.

Mit zwanzig eine Nulpe zu sein, ist keine Schande. Aber mit vierzig hast du kaum noch Chancen auf eine Erfolgsheirat. Mit viel Glück nimmt dich irgendein alter Sack im Turban als Nr. 28 in seinen Harem auf. Aber auch das nur, weil seine Sammlung unvollständig ist. Der letzte Depp hat noch gefehlt! Was hast du denn zu verlieren? Schau dir die stolzen Löwen auf deinem Helm an! Du bist nicht mehr der Sperling, sondern der Löwe! Der letzte Löwe in einem unbekannten Krieg! – Der Löwe? Höchstens ein Löwe mit Brett vor dem Kopf, auf dem steht: „Ich bin ein Idiot! Bitte sehr! Seht her! Zeigt mit dem Finger auf mich! Ich bin schwachsinnig! Und stolz drauf!“ – Egal! Lass die doch die Idioten sein, die den Sinn nicht erkennen! Bitte, dann setz ihn eben ab und geh zurück nach Mogiljow. Dann laden sie dich noch drei Mal zu ihren Freilichtausstellungen ein. Und? Was weiter? Mach den Sack zu! Stoß die Tür zu deinem neuen Leben auf! Das ist deine letzte Chance!

„Neues Leben! Löwe … Nulpe …“, murmelte André vor sich hin und tigerte durch das Zimmer. Das ist deine Chance! Konzeptuelles Projekt! Nicht mehr der Sperling … Der Hund … Bei ihm hat es funktioniert … Zeigt mit dem Finger auf mich … Stolz, ich bin stolz drauf … Einsame Stimme aus dem Arsch … Neues Leben … Die Chance … Der Mann mit Helm … Stoß die Tür auf … Und wie soll ich mir die Haare waschen?! – Pipifax! Das findet sich …

„Schluss jetzt! Ende der Diskussion!“, sagte er schließlich entschieden. „Morgen ist ein langer Tag!“

Er hob das Glas, leerte es in einem Zug und ging schlafen.

André schlief schlecht in dieser Nacht. Der Helm war ungewohnt und noch dazu ziemlich unbequem. Obwohl er todmüde war, schreckte er immer wieder hoch und versuchte im Traum, die bruchstückhaften Alarmsignale zu erhaschen, die unbarmherzig auf seinen Kopf einströmten. Auf der Suche nach einer annehmbaren Schlafposition warf er sich von einer Seite auf die andere. Doch der Helm stieß immer irgendwo an.

Dann war er plötzlich auf der Wassiljewski-Insel gelandet, an einer Säuferecke unweit der Zweiten Linie. Er drückte einem südländisch aussehenden Burschen zehn Rubel in die Hand.

„Zweimal trocken, wenn du was hast, Roten“, sagte er und wartete.

Neben ihm tauchte ein kleines altes Weib aus dem Dunkel auf und bettelte ihn an. André gab ihr fünfzig Kopeken. Ein Taxi fuhr vor. Zwei junge Frauen stiegen aus, offenbar Nutten. Sie bestellten zwei Flaschen Wodka.

„Kommt sofort“, antwortete der Kurier und verzog sich ins Dunkel der Toreinfahrt. Kurz darauf war er zurück und gab den Frauen ihre Flaschen. Die sprangen ins Auto und rauschten ab.

Fünf Minuten später war auch Andrés Bursche wieder da und nahm ihn beiseite.

„Hier.“ Er sah sich nach allen Seiten um und zog dann einen Filzstiefel unterm Hemd hervor.

„Wieso nur einer?“

„Sind alle“, sagte der Bursche und gab ihm fünf Rubel zurück. „Du gehst dort hin, sagst, du kommst von Sewa.“ Er streckte mir einen gefalteten Fetzen Papier hin. „Da müsste es noch was geben. Ist gleich um die Ecke. Hier kommst auf den Sredni-Prospekt, dann nach links, bis zur Vierten, da nach rechts und dann der zweite Hofeingang links.“

André erwischte auf Anhieb den richtigen Eingang. Im trüben Laternenschein versuchte er, die Wohnungsnummer zu entziffern. Der Hofeingang war dunkel, feucht und stank nach Katze. Er fand das passende Treppenhaus und stieg die schmale, steile Hintertreppe hoch. Im zweiten Stockwerk angekommen, blieb er stehen: „Das müsste es sein.“ Er kramte ein Feuerzeug aus seinen Taschen hervor. Das schwache Flämmchen erhellte nur einen kleinen Ausschnitt der alten, abgewetzten Tür. André hob die Hand und fand die Wohnungsnummer. „Fünfundzwanzig. Ja, hier.“ Er klingelte.

Es dauerte, bis jemand öffnete. Nach einiger Zeit war drinnen ein Kratzen zu hören. Jemand hakte die Kette aus. Dann klackte das Schloss. Auch im fahlen Schein seines Feuerzeugs erkannte André den schmuddeligen Kerl mit dem dreisten Blick aus der Bar auf Anhieb. Allerdings trug er nun einen schwarzen Chassidenhut, unter dem lange, grau melierte Schläfenlocken hervorlugten. Der Mann schien ihn ebenfalls wiederzuerkennen. Jedenfalls sagte er gleich: „Schalom! Komm rein!“ und führte ihn durch einen langen, von einer einzigen trüben Glühbirne beleuchteten Flur, vorbei an verschlossenen Türen. Vor einer der Türen machten sie Halt, und er bat ihn hinein.

„Ich brauche noch einen Filzstiefel“, sagte André und streckte dem Mann seinen zerknautschten Fünfrubelschein hin.

„Warte hier“, erwiderte der und verschwand hinter einer schweren Portiere, die den Zugang zum Nebenzimmer verdeckte.

André sah sich um. Das Zimmer war geräumig, zwei hohe Fenster gingen zur Straße hinaus. An der Decke hing ein massiver Bronzelüster. Die Wände waren mit alten Holzschränken zugestellt. Die Schränke standen sogar übereinander und auch noch im Raum, alles das wirkte sehr beengt. Genau in der Mitte, unter dem Lüster, befand sich ein großer, runder Tisch, daneben ein Metallbett mit Spiralfederauflage. Auf dem Bett saß das alte Weiblein, dem er vorhin fünfzig Kopeken gegeben hatte und löffelte Kefir aus einem Halbliter-Einmachglas. Sie aß ganz langsam, gemessen, ohne André zu beachten – als wäre er überhaupt nicht da. Er folgte mit seinen Blicken ihren Bewegungen. Deren streng rhythmischer Ablauf entfaltete eine eigentümliche, hypnotische Kraft, wie ein großes Uhrpendel, das die Stunden zählte: tick-tack, ticktack, tick-tack.

„Gesicht zur Wand! Hände an den Hinterkopf!“, hörte er plötzlich ein leises, aber unmissverständliches Kommando hinter sich.

André spürte, wie ihm ein kleiner, harter Gegenstand ins Kreuz gedrückt wurde. Langsam hob er die Arme und drehte sich um. Eine unsichtbare Hand schob ihn vor sich her, bis er mit dem Kopf gegen einen der großen Schränke stieß. Direkt vor seinen Augen die hölzerne, braun gestrichene Oberfläche, rau, kleine Risse, abgeblätterte Farbpartikel. An seinem Hals das angenehme Kitzeln von Filz. Es war der Stiefel, den er bei dem Burschen gekauft und die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.

„Setz den Helm ab!“, befahl der Unbekannte hinter ihm.

„Ich muss abhauen!“, schoss es André durch den Kopf, und er schleuderte seinen Filzstiefel, mit aller Kraft, die er in dieser verzwickten Lage aufbieten konnte, in Richtung des Unbekannten. Mit derselben Bewegung wollte er sich umdrehen und zur Tür stürzen, doch … Teufel auch! Er hing im Schrank fest! Der Pickel seines Helms hatte sich in den Schrank gebohrt und steckte fest wie ein Nagel darin. André wollte sich losreißen, er packte den Helm mit beiden Händen und zerrte daran, aber der Helm war wie angewachsen an die Schranktür. Mit Entsetzen wurde ihm klar, dass er sich nicht einmal umdrehen und dem Unbekannten ins Gesicht sehen könnte. Der fing an, ihm den Filzstiefel um die Ohren zu hauen, dann packte er ihn an der Gurgel und riss ihn mit roher Gewalt zu sich heran …

„Teufel auch! Was für ein Alptraum!“, rief André, als er die Augen aufgeschlug und sich in seinem Bett wiederfand.

Er wollte sich auf die andere Seite drehen, aber das ging nicht – der Helm hatte sich in die Holzwand am Bett gebohrt und steckte dort fest. André zog ihn heraus, setzte sich auf und rückte das Kissen ein Stück vom Kopfende ab. Jetzt war das Bett am Fußende zu kurz. Also stand er auf, warf die Matratze auf den Boden und legte sich vor dem Bett hin.

Den Rest der Nacht verbrachte André nicht mehr auf der Wassiljewski-Insel. Er träumte zwar noch etwas, hatte es aber am Morgen schon wieder vergessen.

Tag Eins des neuen Lebens wartete mit einem warmen, sonnigen Morgen auf. André erwachte leicht gerädert, war aber insgesamt bester Laune. Aus dem Traum fielen ihm Petersburg und die Wassiljewski-Insel wieder ein. Als er jung war, hatte er längere Zeit dort gelebt und die Nächte im Atelier eines Freundes in einem Keller auf der Sjesdowskaja-Linie zugebracht. Kaum ein Zufall, dieser Traum ausgerechnet in dieser Nacht.

Die Insel war immer früh erwacht, und André hatte ihr Erwachen in seine morgendlichen Träumen eingebaut. Vor den kleinen, halbrunden Kellerfenstern waren die leeren Straßenbahnen losgerumpelt, die immer als erste wach wurden. Ihnen folgte durch die halbgeöffnete Fensterluke das Absatzklappern eiliger Fußgänger, vorüberhastende Beine auf dem Weg zur Frühschicht, sie warfen noch Schatten auf die Tüllvorhänge des Ateliers. Später kamen durch die Fenster Reifenrauschen, Bremsenquietschen und Hupengeschrei dazu, Stimmen, Gelächter, Husten und Flüche. Immer ging André nach dem Aufstehen, zerzaust wie er war, gleich vor die Tür und nahm einen kräftigen Schluck des neuen Tages. Die Sonne schien, der Himmel war hoch und blau, unendlich blau. Die Straße mündete in die Tutschkow-Brücke, die in der Ferne aufragte, und sie schien direkt in den Himmel seines zukünftigen Lebens zu führen, und der war natürlich wunderbar klar und lachte ihm entgegen. Mit verheißungsvoll ausgebreiteten Armen, versteht sich.

Vorfreude durchströmte seinen ganzen Körper. Es ist soweit!, sagte er sich und ging ins Bad. Die Zweifel waren verflogen. Er duschte im Helm, trocknete ihn mit ab und schaute wieder in den Spiegel.

Die Löwen in der Kokarde waren absolut identisch, als wären sie die symmetrische Kopie des jeweils anderen. André überlegte sogar, dass es eigentlich nur ein Löwe war, der keinen Schild in seinen Pranken hielt, sondern einen Spiegel, in dem er sein Abbild sah. Aber der Fisch im Zentrum zerstörte die Symmetrie. Er hätte vertikal platziert sein müssen, was ja auch symbolträchtiger gewesen wäre: Er entgleitet wie ein Gedanke und entwischt durch den goldenen Pickel ins Nichts.

Nach einem weiteren Blick auf sein Spiegelbild befand André, dass er nicht den Helm eines Soldaten trug, sondern den eines Generals. Wer sollte denn im Schützengraben diesen Kopfputz tragen, der noch in hundert Werst Entfernung funkelt und nur darauf wartet, irgendeinem Idioten aus dem Graben gegenüber ins Fernglas zu fallen.

Für einen kurzen Augenblick stellte er sich vor, wie ein unbekannter Idiot, ähnlich dem, der ihn letzte Nacht am Schlafittchen hatte, ihn lange durch sein Periskop betrachtete und schließlich das Kommando brüllte:

„Batterie! Haubitzen laden! Feuer!!!“

Und schon steuerte ein eimergroßes Geschoss aus dem Dunkel jenseits des Spiegels auf seinen Kopf zu.

„Nein!“ wischte André den Flugkörper beiseite. „Mit diesem Helm begrüßt man das Heer auf dem weißen Paradehengst!“

Er aß einen Happen und zählte das verbliebene Geld: fünfzehn Euro und ein paar zerquetschte. Dann packte er den Rucksack und überlegte sich, was er zurücklassen könnte, um nicht sinnloses Zeug schleppen zu müssen. Als erstes sonderte er die schweren Kataloge aus, die ihm die Kunstsoldaten während der Ausstellung geschenkt hatten. Auch Frankas Album landete schließlich auf dem Stapel, nachdem er es noch einmal wehmütig durchgeblättert hatte.

Von ihnen werden wenigstens die Kataloge bleiben, philosophierte André, von uns nicht einmal das. Und er warf energisch alles fort, was ihm für sein neues Leben unnütz erschien. Er setzte sich noch einmal kurz hin nach alter Sitte, wartete einen Moment und trat dann mit einem Gott mit mir auf die Straße.

JÄGERMEISTER

Bonn verabschiedete André mit strahlender Morgensonne in sein neues Leben. Es war Sonntag, die Straßen waren leer, und so sah kein Mensch, wie ein Sonderling mit goldener Pickelhaube und Rucksack munter in Richtung Stadtrand ausschritt.

Leb wohl, Bonn! Leb wohl, Vater Rhein!, grüßte André in Gedanken diesen Tag, den ersten Tag seines neuen Lebens.

Es marschierte sich heiter und beschwingt. Freude erfasste sein Herz, vermengte sich mit der kühlen Herbstluft und erfüllte noch die Lungen mit einem vergessen geglaubten Gefühl von Jugendlichkeit: Das Geheimnis des Lebens eilte vor ihm her, verschwand hinter einer Kurve, dem Horizont, der nächsten Ecke und lockte ihn. Unwiderstehlich. Auf eine Reise ins Unbekannte. Bester Stimmung erreichte André die Außenbezirke von Bonn. Er versuchte, den wenigen Autos Zeichen zu geben, aber sie rauschten vorbei. Nach über einer Stunde hielt endlich ein weißer Peugeot neben ihm. Das Seitenfenster fuhr herunter und zwei neugierige Augen musterten ihn.

„Wo willst du hin?“

„Ich muss nach Berlin.“

„Bis Hamm kannst du mit. Das ist auf halbem Weg nach Hannover.“

„Okay! Immer Richtung Osten!“

André wollte es sich auf dem Beifahrersitz bequem machen, sah sich aber unvermutet mit einem Problem konfrontiert. Mit Helm passte er nicht ins Auto, jedenfalls konnte er sich nicht normal hinsetzen. Der Helm stieß an den Dachhimmel, deshalb musste er entweder seinen Kopf auf die Schulter des Fahrers legen oder den Pickel aus dem Fenster hängen.

„Warum setzt du ihn nicht ab?“, fragte der junge Mann am Steuer leicht genervt.

„Das geht nicht!“

„Bist du etwa Punk?“ In der Stimme des Fahrers machte sich schon Bedauern breit, dass ihn die Neugierde getrieben hatte, für diesen Typen anzuhalten.

„Nein, ich bin Künstler!“

„Aha, Künstler! Okay, dann leg dich ab!“ Er kippte die Lehne zurück, bis sein seltsamer Mitfahrer halb zu liegen kam, dann fuhren sie los.

André fühlte sich genötigt, den Fahrer mit Geschichten über sich zu unterhalten: wer er war, woher er kam und wie er nach Bonn gekommen war. Er erzählte, der Geist eines preußischen Kriegers habe von ihm Besitz ergriffen, und er müsse jetzt nach Osten wandern, um sein armes, in den Jahrhunderten verirrtes Volk ins gelobte Land zu führen. Er habe feierlich geschworen, den Helm nicht eher abzusetzen, bis er seinen Stamm aus dem Sumpf froh und frei an den Ufern von Vater Rhein sähe. Das sei freilich keine leichte Mission. Es gebe da nämlich auch noch seinen Antipoden mit dem Helm des Befreiungskriegers, der seine Leute an die Ufer von Mutter Wolga locken wolle. Und zum finalen Duell, das über die Zukunft seines Volkes entscheiden werde, sei er nun unterwegs.

Als André bedeutungsvoll verstummte, um dem Fahrer zu verstehen zu geben, dass keine weiteren Geschichten folgen würden, sah dieser ihn verständnislos an und drehte die Musik lauter.

„Cocktails, Kartelle, Erdölbordelle, dumz, dumz, dumz“, dröhnte globalisierungskritischer Rap aus den Lautsprechern.

Komisch, überlegte André, früher habe ich mich stolz einen Künstler genannt. Jetzt habe ich Bauchschmerzen dabei. Als wäre das was Unanständiges.