Münsterturm - Christine Schurr - ebook

Münsterturm ebook

Christine Schurr

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Opis

Ulm 1938: Magda hat gerade ihre Ausbildung zur Fotografin abgeschlossen und steckt voller Zukunftspläne. Sie sucht nach einer Anstellung in ihrer Heimatstadt und träumt sogar von einem eigenen Atelier. Als sie sich bei ihrem ersten Auftrag in den Engländer Robert verliebt, scheint das Glück perfekt. Doch dann muss Magda ihren Reichsarbeitsdienst auf dem Hof von Verwandten ableisten und der Kriegsausbruch macht den Kontakt zu ihrem Geliebten, der nun zu den Feinden zählt, nahezu unmöglich. Während sie auf Lebenszeichen von Robert wartet, wächst in ihr das Gefühl, den Plänen anderer hilflos ausgeliefert zu sein. Und dann holt das Schicksal zum nächsten Schlag aus …

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Christine Schurr

Münsterturm

Christine Schurr

Münsterturm

Roman

Christine Schurr kam 1978 in Ulm zur Welt, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie studierte Europäische Ethnologie und Geschichte in Augsburg. Nach zwei Auslandssemestern in Wien und Maynooth (Irland) ging sie nach Berlin. Dort sammelte sie auch erste schriftstellerische Erfahrungen in einer engagierten Schreibgruppe. Heute wohnt sie wieder in ihrer Heimatstadt und genießt dort die Nähe zu ihrer Familie, das Flair, die Natur und die kurzen Wege.

Für Renate

 

1. Auflage 2015

© 2015 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.Umschlaggestaltung: Anette Wenzel, Tübingen,unter Verwendung einer Fotografie aus dem Privatarchivvon Johannes Trepulka, Konstanz.Lektorat: Gertrud Menczel, Böblingen.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1684-7E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1685-4Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1432-4

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Ihre Meinung ist wichtig …

… für unsere Verlagsarbeit. Wir freuen uns auf Kritik und Anregungen unter:

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Inhalt

Autorin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

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Prolog

1952

Der Wind fährt durch meine Haare. Den salzigen Duft des Ozeans ziehe ich genussvoll in die Nase. Ich bin noch nie am Meer gewesen, geht mir durch den Kopf. Zusammen mit vielen anderen Menschen warte ich darauf, das französische Festland zu verlassen und auf die Insel zu fahren. Meine Hände überprüfen noch einmal das Vorhandensein der Bordkarte, streifen über das glatte Papier der Informationsbroschüre. Eigentlich ist das, was ich als Meer empfinde, ein Kanal und an seiner schmalsten Stelle nur 34 km breit. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal gereist bin. Es war noch während der Schulzeit, eine Klassenfahrt nach Straßburg. Das war vor dem Krieg. Wie in einem anderen Leben. Und nun bin ich auf dem Weg in seine Heimat. Ich werde seine Eltern kennen lernen, seinen alten Weg zur Schule, seinen Lieblingsplatz unter dem bestimmten Apfelbaum. Ein wenig fürchte ich mich vor diesen Erlebnissen. Obwohl ich sie mir gewiss tausend Mal vorgestellt habe, natürlich unter völlig anderen Voraussetzungen. Es wird anders sein als in meinen Träumen, aber ist es das nicht immer? Da kommt Bewegung in die Menschenschlange. »Votre billet s’il vous plaît, Madame!« Es geht los.

Ah, was für eine Aufregung. London wollte ich schon immer einmal sehen, aber nun, da ich hier bin, ist es schon eine Herausforderung, den Zug zu wechseln! So viele Menschen, einfach unglaublich! Es ist geschafft, nun sitze ich im halb leeren Abteil und mein Gepäck ist gut verstaut. Mein Buch von E.T.A. Hoffmann liegt unaufgeschlagen auf meinem Schoß. Alles ist so neu und spannend, dass ich vorerst keine Geduld zum Lesen aufbringen kann. Die Landschaft sieht anders aus als in Deutschland. Ich versuche, jeden Eindruck in mich aufzunehmen und nicht an ihn oder an die bevorstehenden Ereignisse zu denken. Dazu stelle ich mir vor, dass ich auf Studienreise bin. Es gilt, die Küstenstädte von Mittelengland zu bereisen und Schätze der Grafschaft Lancashire zu entdecken. Meine beiden Mitreisenden nehme ich kaum wahr, bis der ältere Herr mich anspricht.

»Are you from Germany?«

Ich habe das Gefühl, bei etwas Verbotenem ertappt worden zu sein, und werde rot. Da ich nicht gleich antworten kann, deutet er auf mein Buch.

»›Der goldene Topf‹. It’s German, isn’t it?«

Erleichtert nicke ich. »Yes. Do you speak German?«

»Well, a little. I had some German courses many years ago, in college. Ich spreche Deutsch nicht sehr gut«, fügt er lächelnd mit einem angenehmen Akzent hinzu.

Nun fühle ich mich etwas sicherer und erwidere sein Lächeln. Ein kleiner Rest Zweifel bleibt bestehen. Er wird doch nicht über den Krieg reden wollen? Mein Mitreisender scheint weniger reserviert gegenüber Deutschen zu sein, als ich es gewohnt bin.

»So you are here for a holiday?« Es scheint mehr eine Aussage als eine Frage zu sein.

»Yes. I am going to visit friends.«

»Ah, I see. Have you been to England before?«

Ich antworte mit einem schlichten »No.«

So schnell gibt er allerdings nicht auf. »And are you travelling alone?«

»Yes.« Ich versuche meine Unsicherheit hinter einem weiteren Lächeln zu verbergen.

»Are you married?«

»Not yet, but I will be soon.«

»So your fiancé …« – er macht den Anschein, als sollte ich eine Lücke füllen, also nenne ich ihm seinen Namen.

»Walter.«

Er wiederholt, aber spricht den Namen englisch aus: »Walter. He did not want to come with you?«

»I had to do this journey on my own«, antworte ich und wundere mich über meine Offenheit gegenüber diesem Fremden.

Als wäre ihm seine Neugierde erst jetzt bewusst geworden, nickt mein Gesprächspartner nur und schweigt fortan. Ein Blick in meinen Reiseplan sagt mir, dass es noch etwa eineinhalb Stunden bis Preston sind. Dort muss ich umsteigen, um nach Blackpool zu gelangen. Für heute wird in diesem Küstenort meine Reise vorerst enden. Von Deutschland aus wurde für mich ein Zimmer in einer kleinen Pension gebucht. Den kurzen Teil der verbleibenden Strecke werde ich morgen bewältigen.

Als der Zug das Reiseziel des älteren Herrn erreicht, nimmt dieser seinen handlichen Koffer und verabschiedet sich von mir. »I wish you a pleasant journey, Miss. One that will exceed all your expectations.«

Eine Reise, die all meine Erwartungen übertreffen soll, übersetze ich im Stillen. An diesem Punkt der Fahrt kann ich mir selbst kaum ehrlich beantworten, welche Hoffnungen mit ihr verbunden sind.

Für diese Unternehmung hatte ich mir ein Tagebuch gekauft. Um meine Gedanken und Erlebnisse festhalten zu können. Im Nachtzug durch Frankreich gab es keine Gelegenheit dazu und nun, da ich auf dem Bett in dem Pensionszimmer sitze, scheint diese gekommen zu sein. Nur mag mir nichts einfallen. Mein Kopf ist leer und ich fühle mich von der langen Reise erschöpft. Womöglich ist es auch der Schwur in meinem Hinterkopf, nie mehr Tagebuch schreiben zu wollen.

Die Herbergsmutter war sehr freundlich zu mir. Nachdem sie mir zu später Stunde etwas zum Abendessen gezaubert hatte, ließ ich mir von ihr nochmals die Abfahrtszeit des Busses nach Fleetwood bestätigen. 8:50 a. m.

»Tell the driver in which street he should drop you off!«, schreit mir die Herbergsfrau hinterher, als ich bereits ein gutes Stück die Straße entlanggegangen bin. Der Bus wartet schon an der Haltestelle. Ich nenne mein Ziel und kaufe mir ein Ticket. Es sind bisher wenige Leute im Bus und ich kann für mich allein eine Zweierreihe belegen. Die meisten Menschen sind an diesem Freitagmorgen längst bei der Arbeit, vermute ich. Zu aufgewühlt, um ein Frühstück zu mir zu nehmen, hatte ich mir nur einen Apfel von dem lecker angerichteten Büfett genommen. Nachdem ich nun nur noch im Bus warten muss, kann ich dem Anblick nicht mehr widerstehen und ich versuche, jeden Bissen des angenehm säuerlichen Apfels zu genießen. Die Fahrtzeit verfliegt im Nu und ich fühle mich geradezu überrumpelt, als der Fahrer stoppt und im Rückspiegel mein Gesicht anvisiert. Es ist schon meine Haltestelle. Eilig suche ich mein Gepäck zusammen, murmele ein Dankeschön in Richtung Fahrer und stehe damit auf der Straße, den abfahrenden Bus in meinem Rücken. Nervös suche ich in meiner Handtasche nach dem Zettel mit der Adresse. Bloß: Wem mache ich hier eigentlich etwas vor, meldet sich eine Stimme in meinem Inneren. Natürlich kenne ich die Hausnummer. Mein Blick wandert zu dem Haus, das direkt vor mir steht. Nein. Es muss ein Stück weiter die Straße hinab sein, erfasse ich und schelte mich gleichzeitig wegen dieses offensichtlichen Gedankens. Meine Beine fühlen sich schwer an wie Blei, dennoch setze ich mich in Bewegung. Von meiner Umgebung nehme ich kaum etwas wahr, bis meine Augen meinem im Moment allzu trägen Gehirn eine Bewegung melden. Etwa 20 Schritte entfernt von mir ist eine Frau an ihr Gartentor getreten und sieht mir entgegen. Stoisch setzte ich meinen Weg fort, aber mein Herz klopft nun so schnell, dass ich das Gefühl habe, im nächsten Moment umzufallen. Doch meine Beine tragen mich weiter, bis zum Gartentor.

»Ich habe den Bus vorbeifahren hören.« Sie lächelt mich an. »Du musst Lena sein. Herzlich willkommen in Fleetwood.«

Ich möchte antworten, bin aber viel zu überwältigt. Die Wangenpartie und diese Augen, das ist er, der da zu mir spricht! Aus einem Impuls heraus überwinde ich die letzten Schritte und umarme seine Mutter, so fest ich kann. Eine große Zuneigung zu dieser Frau, die ich noch nie zuvor gesehen habe, durchströmt mich und hält mich davon ab, sie wieder loszulassen. Nach einer unendlichen Weile befreit sie sich behutsam aus der Umarmung und führt mich ins Haus. Ich bin sichtlich immer noch nicht wieder ganz bei mir, daher platziert sie mich ohne viele Worte auf der Wohnzimmercouch. Im Stillen danke ich ihr für das entgegengebrachte Verständnis.

»Ich habe uns Tee gemacht. Auf dem Tisch stehen Cookies, bedien dich!«, ruft sie mir aus der Küche zu.

In ihrer Abwesenheit versuche ich wieder einen klaren Kopf zu bekommen und sehe mich um. Es ist ein nicht allzu großes, mit alten Möbeln eingerichtetes Zimmer. An einer Wand hängen Familienfotos in Schwarzweiß, auf denen ich aber von meiner Position aus kaum etwas erkennen kann. Das Fenster gibt einen Ausschnitt auf den Garten frei, der sich hinter dem Haus befindet. Das ist also das Heim von Irene und Marc Avendor. Irene. Eine Deutsche, die vor 38 Jahren den Engländer Marc geheiratet hat. Die Denkpause ist vorüber, als Mrs. Avendor mit zwei dampfenden Tassen Tee durch die Tür kommt und mir eine davon in die Hand drückt.

»Ich bin so froh, dass du da bist, Liebes!«, meint sie und setzt sich mir gegenüber auf einen Sessel. »Jetzt erzähl mal, wie war deine Reise?«

Kapitel 1

1938

Die restliche Fahrzeit war zu kurz gewesen, um mir die neue Situation noch einmal zu vergegenwärtigen, bevor es mich wieder in die nur allzu vertraute Umgebung führte. Meine Freundin Luise war in Günzburg ausgestiegen und die Zeit seit der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof war durch ihre humorvolle Unterhaltung geradezu verflogen. Wie oft waren wir in den vergangenen drei Jahren diese Strecke gefahren, überlegte ich. In München hatten wir uns ein kleines Zimmer geteilt und versucht, alles über Fotografie zu lernen, was unsere Köpfe und Finger fassen konnten. Zu Ferienbeginn wurden dann immer schleunigst die Koffer gepackt, um nach Hause zu den Eltern zu fahren.

Vor zwei Tagen wirkte unser Professor sonderbar feierlich, als er uns viel Glück für die Zukunft wünschte und uns die Hand zur Bestärkung drückte. Ich war unglaublich gespannt auf die kommende Zeit – endlich Gelegenheit, all das Gelernte mit viel Kreativität selbst umzusetzen! Nun zurückzukommen, nicht mehr als Schülerin, sondern als selbständige junge Dame, die bald mit zum Familienunterhalt beitragen konnte, war schon etwas Besonderes. Unfreiwillig musste ich selbst über mich schmunzeln.

Der Zug ruckelte noch einmal und kam dann zum Stehen. Ulm Hauptbahnhof. Ich wollte nicht von meiner Familie abgeholt werden, da sie alle auch am Samstag viel zu tun hatten. Daher bahnte ich mir meinen Weg durch die vielen Leute im Bahnhofsgebäude, ohne nach einem bekannten Gesicht Ausschau zu halten. Es war strahlendes Wetter und ich überlegte mir, nicht gleich auf direktem Weg in die Büchsengasse zu gehen. Der schwere Koffer und die Wiedersehensvorfreude ließen mich diesen Gedanken aber wieder verwerfen. Ich schlug den gewohnten Weg in die Kelterngasse ein. Heute war Markttag und die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein. Frauen mit Kopftuch, Kinder an Hand und Rockzipfel, begegneten mir mit prall gefüllten Einkaufskörben auf ihrem Heimweg. Ob der Einkauf für das Sonntagsessen geplant war? Ein Mann auf dem Fahrrad fuhr knapp an mir vorbei und zwang mich, mehr auf meine Umgebung zu achten, anstatt ans Essen zu denken.

Beim Einbiegen in unser Gässchen holte ich noch einmal tief Luft – es duftete herrlich nach Sommer! Die letzten Meter begann ich zu laufen. Unser Nachbar Schanzenmeier war wie gewöhnlich vor der Haustür anzutreffen. Er reparierte allerhand nützliche sowie unbrauchbare Dinge und beobachtete dabei die Passanten.

»Ja, Fräulein Magda! Sind Sie auch mal wieder zuhause?«

Insgeheim ärgerte ich mich über seine dumme Art, aber ich erwiderte mit einem Lächeln: »Von jetzt an wieder öfter.« Bevor er eine Chance bekam, weitere Fragen zu stellen, war ich schon in unserem Hauseingang verschwunden.

Mich empfingen Geräusche aus der Küche. Meine Mutter stand mit Schürze und mehlbefleckten Armen mit dem Teig kämpfend am Tisch. Das wurde ihr berühmter Hefezopf, freute ich mich und umarmte sie herzlich von der Seite. Da sie sich nicht wehren konnte, drückte ich ihr gleich noch einen Kuss auf die Wange. Mama mochte derlei Gefühlsbezeugungen nicht.

»Kind, bist ja schon da und der Teig ist noch nicht mal im Ofen.«

»Das macht nichts. Wo ist denn der Jakob?«

»Oben ist er in seiner Stube und liest.«

»Ich werde dir gleich helfen, Mutter. Ich bring nur schnell den Koffer nach oben.«

Kaum war das Gepäck verstaut, schlich ich mich in Jakobs Zimmer. Mein Bruder saß sichtlich in seine Lektüre vertieft in einem Stuhl am Fenster. Er bemerkte mein Eintreten erst, als ich direkt vor ihm stand. »Schwesterlein.«

Er strahlte über beide Ohren und ich drückte ihn kräftig.

»Du lernst jetzt also auch in den Ferien?«, zog ich ihn auf.

»Das ist auf jeden Fall besser, als Vater in der Werkstatt zu helfen.«

»Wie hast du es denn geschafft, dich überhaupt davonzustehlen?«

»Na ja, du weißt, dass ich nicht besonders geschickt bin.« Er versuchte abzulenken. »Aber jetzt zu dir, wie war die Abschlussfeier?«

»Sehr schön. Die Luise hat uns beiden zwei todschicke Kleider genäht. Wir waren vielleicht fesch, sag ich dir.«

Er schmunzelte vieldeutig und meinte schlicht: »Das kann ich mir vorstellen. Und sonst?«

»Und sonst bin ich jetzt amtlich anerkannte Fotografin, hab es schwarz auf weiß. Ich werde Fotografien von ganz Ulm anfertigen. Sämtliche Menschen, Architektur, Kunst …« Innerlich wuchs ich um Zentimeter, aber ich kam nicht dazu, meine Fantasien weiterzuführen. Meine stolze Aufzählung wurde jäh von meinem Bruder unterbrochen: »… falls du eine Anstellung bekommst.«

»Ich finde schon was!« Mit gespielter Kränkung verließ ich sein Zimmer, um auch noch meinen Vater in der Werkstatt zu begrüßen.

Mit meinem Vater war es etwas Besonderes. Er war sehr streng zu uns Kindern gewesen – war es eigentlich immer noch. Und doch hatte er mir die Ausbildung in München ermöglicht. Als ich vor ungefähr vier Jahren meinen Eltern gegenüber den Wunsch, Fotografin werden zu wollen, äußern sollte, hatte ich furchtbare Angst. Im Geist ging ich an die hundert Möglichkeiten durch, wie sie reagieren könnten. Letztendlich kam es natürlich ganz anders. Meine Mutter blieb still und auch von Vaters Seite kam kein befürchteter Vortrag. In aller Ruhe meinte er, dass er sich die Sache überlegen müsse, und damit war das Gespräch beendet.

Als Backfisch von fünfzehn Jahren hatte ich von Großpapa eine altmodische Fotokamera geschenkt bekommen. Ihr Ursprung war nicht wirklich bekannt – Opa hüllte sich dabei in Schweigen, als ob die Kamera ein Geheimnis bergen würde. Dabei funktionierte sie gar nicht mehr. Meine Mutter vermutete, ein Gewinn beim Kartenspiel. Doch ich war überglücklich über dieses Geschenk. Damals begann ich jeden Winkel der Stadt nach Motiven zu erkunden und ich »fotografierte«. Natürlich nicht wirklich, aber für mich war es echt.

Mein Vater folgte mir auf einem meiner Streifzüge, nachdem er von meinem Berufswunsch erfahren hatte. Ich bemerkte ihn etwa nach den ersten zehn Minuten, aber er blieb für weitere zwei Stunden dicht bei mir. Leider wusste ich nicht, was in der Zeit, in der er mir folgte, in ihm vorging. Zwei Tage später kam er zu mir und erklärte mir seinen Plan.

Er wollte seinen Mitarbeiter entlassen und fortan alleine die Arbeit in der Werkstatt erledigen. Der Lohn, der damit eingespart werden würde, sollte meiner Ausbildung dienen.

»Du sollst auf die gute Schule in München gehen. Wir werden dir dort ein Zimmer besorgen müssen. Ich habe gestern mit der Schulleitung gesprochen und einer Aufnahme würde nichts im Wege stehen, sobald wir das Anmeldeformular ausgefüllt und das Schulgeld bezahlt haben.«

Ich war beschämt, wollte dieses sämtliche Luftwege einengende Angebot nicht annehmen, doch gleichzeitig wusste ich, dass ein Widerspruch sinnlos gewesen wäre. Mein Vater hatte seine Entscheidung gefällt und daran war nichts mehr zu rütteln. Also fiel ich ihm einfach um den Hals.

Im darauf folgenden September begann ich die Schule. Da ich wusste, welches Opfer mein Vater für meine Ausbildung auf sich nahm, gab ich mein Bestes, eine ausgezeichnete Schülerin zu sein.

Das war die drei Jahre über gelungen. Doch nun kochte es innerlich in mir. Eigentlich hatte ich gehofft, meinen Abschluss an der Münchner Fotoschule auch im Kreis meiner Familie feiern zu können. Der Abend fing sehr harmonisch an. Mutter hatte meinen heiß geliebten Hefezopf gebacken. Ich hatte mir Mühe gegeben, den Tisch feierlich zu decken und mit Blumen zu schmücken. Jakob kam in seinem Sonntagsanzug zum Essen herunter und ich freute mich so sehr an meinem Bruder, der immer um die kleinen Gesten wusste, die mich zum Lächeln brachten. Nur mein Vater war sich der Feierlichkeit des Abends offensichtlich nicht bewusst, da er, kaum hatte ich einige Anekdoten über meine Ausbildungszeit erzählt, mit seiner Neuigkeit herausplatzte.

»Ich habe meinen Cousin in Ersingen gebeten, dass er einen Antrag auf eine Hilfskraft in seiner Landwirtschaft stellen soll. Dann kannst du dort deinen Reichsarbeitsdienst ableisten.«

»Tut mir leid, aber ich kann den Sinn dahinter nicht sehen, wieso ich als ausgebildete Fotografin noch ein Jahr in der Landwirtschaft arbeiten soll, anstatt mir eine Arbeitsstelle in meinem Beruf zu suchen!«, platzte ich empört heraus.

»Es ist eine Ehre, dass du der Volksgemeinschaft mit deiner Arbeit dienen kannst. Körperliche Arbeit hat noch keinem geschadet. Und als Fotografin kannst du ja dann später immer noch arbeiten.«

Damit war das Thema für ihn beendet und er wendete sich wieder an meine Mutter, um sich nach dem Kaffee zu erkundigen. Ich saß konsterniert auf meinem Stuhl und vergaß dabei sogar, beim Abräumen zu helfen.

»Wieso hast du Magda eigentlich diese besondere Ausbildung ermöglicht, wenn sie nun erst einmal ein Jahr in der Landwirtschaft arbeiten soll?«, meldete sich plötzlich Jakob zu Wort.

Mein Vater war sichtlich überrascht über die Einmischung meines Bruders, denn er antwortete nicht sofort.

»Ich wollte Magda diesen Wunsch erfüllen, denn es schien mir, als würde sie nur das Fotografieren glücklich machen. In ihrem Kopf waren lauter Bilder. Aber ein junger Mensch muss auch lernen, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Und ich begrüße die Einführung des Reichsarbeitsdienstes auch für Frauen, da sie ebenfalls mit ihrer Arbeitskraft unserem Volk und unserem Führer dienen können. Du wirst sehen, wie schnell das Jahr vergehen wird. Und dann schätzt du bestimmt die Erfahrungen, die du dabei machen konntest«, sagte er, nun an mich gewandt.

Ganz bestimmt, dachte ich mir innerlich. Kaffee und Hefekuchen konnte ich nicht mehr genießen.

Erst im Februar dieses Jahres war der Reichsarbeitsdienst auch auf unverheiratete Frauen unter 25 Jahren ausgeweitet worden. Natürlich war mir das in den letzten Monaten bewusst gewesen, aber irgendwie hatte ich trotzdem gehofft, dem Ganzen zu entkommen.

Luise würde ja bald ihren Gerd heiraten und war erst gar nicht vor das Problem gestellt. Ich werde trotzdem meine Arbeitsproben Herrn Reicher zukommen lassen, dachte ich trotzig. Nur um meine Möglichkeiten auszuloten.

Kapitel 2

Mein Blick streifte noch einmal prüfend über meine Mappe mit den Arbeitsproben. Der Sitz meines Kleides hielt meinen kritischen Augen stand und so machte ich mich auf den Weg in das Fotogeschäft von Herrn Reicher.

Ein Schild mit der Aufschrift »So arbeitet Foto Reicher« zeigte auf Fotos im Schaufenster. Da ich einen Moment benötigte, um mein flatterndes Herz zu beruhigen und meinen wackligen Knien nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, betrachtete ich den Inhalt des Schaufensters. Ich blickte auf eine Serie von Hochzeitsbildern. Aber ich merkte, wie meine Aufmerksamkeit nicht bei den Fotos lag, einzig bei dem Gedanken, was dieser von mir bewunderte Fotograf zu meiner Arbeit sagen würde.

Die Frau hinter der Theke sah bei meinem Eintreten auf und fragte lächelnd, wie sie mir helfen könne.

»Magdalena Jörger. Ich habe einen Termin bei Herrn Reicher.«

»Ah, ja, das Fräulein Jörger. Herr Reicher wartet hinten im Atelier auf Sie. Bitte hier durch.«

»Mhh«, er nickte anerkennend. »Sehr schöne Arbeit. Mir gefällt Ihr Stil.«

Es schien mir, als wäre ich schon Stunden in diesem Atelier, während Herr Reicher meine Mappe in Augenschein nahm, dabei konnten nur wenige Minuten vergangen sein. Nach der knappen Begrüßung hatte er gleich meine Arbeitsproben sehen wollen, ohne sich von einem Gespräch ablenken zu lassen. Das war mir eigentlich recht gewesen, da sich meine Nervosität schlecht verbergen ließ.

»Könnte ich mich bei Ihnen melden, sobald mein Jahr im Reichsarbeitsdienst abgeleistet ist?«

»Ja, ich bitte darum. Ich kann Ihnen natürlich nichts versprechen. Wer kann schon sagen, wie die Geschäftslage in einem Jahr aussehen wird. Aber kommen Sie auf jeden Fall wieder hier vorbei.«

»Vielen Dank. Auch für Ihre Meinung zu meiner Arbeit. Für einen Neuling wie mich bedeutet das sehr viel.«

Ich verabschiedete mich mit einem guten Gefühl im Bauch. Natürlich bedauerte ich es, dass ich nicht sofort in einen weißen Kittel schlüpfen und bei ihm im Atelier mitarbeiten konnte. Und wenn es auch erst nur eine kleine Stelle wäre, würde mich das sehr freuen. Das Bedauern half nichts, daher versuchte ich, einfach nur heiter über den guten Ausgang des Termins zu sein.

Auf dem Nachhauseweg kaufte ich für Mutter eine Blume, ohne besonderen Grund. Vielleicht weil ich nicht mit leeren Händen nach Hause kommen mochte. Doch ich kam in ein verlassenes Haus. Jakob war wohl in der Bibliothek, mein Vater in der Werkstatt und Mutter um diese Zeit noch beim Reinemachen in einem vornehmen Haushalt. Ich stellte die Blume ins Wasser und machte mich ans Kochen.

Als ich mit dem Tischdecken begann, kamen die restlichen Familienmitglieder zurück. Beim Essen erzählte ich so nebensächlich wie möglich von meinem Besuch im Fotoatelier. Ich befürchtete, den Unmut meines Vaters auf mich gezogen zu haben, doch er nickte nur, als ich geendet hatte. Jakob freute sich für mich und klopfte mir auf die Schulter.

»Dein erster Auftrag ist dir so gut wie sicher.«

»Ich hoffe, du behältst recht«, entgegnete ich weniger zuversichtlich.

Meine Mutter und ich spülten das Geschirr ab.

»Lass uns ein wenig Musik hören«, rief ich meiner Mutter zu und war damit auch schon am Radiogerät. Es dauerte eine Weile, bis ich eine Musiksendung fand, denn ich wollte das Gerede nicht hören.

»Oh, ich finde diese Herren von der Regierung schrecklich! Wieso müssen die in ihren Reden immer so schreien? Denken die, das Volk wäre schwerhörig? Ich kann gar nicht verstehen, dass Vater von denen so begeistert ist.« Ich verdrehte die Augen und meine Gedanken schweiften zurück zu jenem »Tag der deutschen Kunst«, den ich in München miterlebt hatte.

Luise und ich hatten wenigstens einmal die Feierlichkeiten zu diesem Tag erleben wollen und drückten uns durch die Menschenmenge, um einen Blick auf den Umzug erhaschen zu können. Enttäuscht stellten wir fest, dass es sich nicht lohnte, dafür sich die Füße in den Bauch zu stehen. Es war nur eine pompöse Selbstdarstellung und die zur Schau gestellten Skulpturen gefielen mir überhaupt nicht. Adolf Hitler hatte selbst auch an der Feier teilgenommen. Luise und ich hatten ihn nicht zu Gesicht bekommen, uns allerdings gefragt, ob seinetwegen die vielen Leute gekommen waren.

»Und wenn die BDM-Mädels auf ihrem Weg ins Stadion ihre gruseligen Lieder singen, finde ich das auch nur furchtbar!«, fügte ich, noch ganz unter dem Eindruck dieser Erinnerungen, voller Überzeugung hinzu. Die ganze Art unserer Regierung mit ihren Aufmärschen und Organisationen war mir zuwider.

Meine Mutter schmunzelte. Auch wenn sie sich nicht äußerte, wusste ich, dass sie mir innerlich zustimmte. Einmal hatte sie zu mir gemeint, dass sie niemals in diese »NS-Frauenschaft« eintreten wolle, da sie das Gehabe der ganzen Frauen nicht ertragen könne, die sich freiwillig in diese Organisation fügen würden. Unter einer Regierung, die sie nicht mehr als eigenständige Menschen ansah, sondern sie zu einem Idealbild von Mutterschaft degradierte. Ihre Missbilligung war aus ihr herausgeplatzt, wie ich es selten bei meiner Mutter erlebt hatte. Damals hatte ich mir eingestehen müssen, dass ich ihr nie solche politischen Gedanken zugetraut hätte. Seit dieser Situation war es zu keiner Äußerung mehr vonseiten meiner Mutter gekommen. Aus Loyalität zu meinem Vater verhielt sie sich bei diesem Thema neutral.

Die Widersprüchlichkeit in Vaters Verhalten war mir unklar. Wie konnte er von dieser Regierung überzeugt sein und mir gleichzeitig eine derartig wertvolle Ausbildung zukommen lassen? In den Augen der Nationalsozialisten war es nicht wichtig, dass eine Frau einen Beruf erlernte, erst recht keinen künstlerischen. Ich hatte allerdings nie die Courage, ihn darauf anzusprechen. Und dann, so sagte ich mir, fand ich politische Themen eigentlich sowieso uninteressant.

Beim Sonntagsspaziergang auf der Stadtmauer merkte ich, dass der letzte Nachschlag beim Essen zu viel gewesen war. Jakob schlenderte neben mir und es schien ihm ähnlich zu gehen. Er versuchte, sich und auch mich abzulenken.

»Wie hat es dir gefallen, in München zur Schule zu gehen? Also, ich meine, das Leben in einer anderen Stadt – ist es spannend oder hast du Ulm sehr vermisst?«

»Es war toll! Natürlich hab ich euch und meine Stadt vermisst, aber ich war ja oft zu Besuch. Es ist eine wunderbare Erfahrung, etwas Neues kennen zu lernen – ich hab mich noch nie so lebendig gefühlt.« Ich wartete auf seine Erwiderung, aber er benötigte einen kleinen Anstoß. »Wieso fragst du?«

»Na ja«, er antwortete nur zögernd. »Nächstes Jahr werde ich das Abitur machen. Ich bin gut in der Schule, meine Lehrer meinen, ich könnte mich für ein Stipendium bewerben und hätte dabei gute Chancen. Ich würde so gern Literaturwissenschaft studieren.« Er sprach leise. Vermutlich wollte er nicht, dass ihn unsere Eltern hörten, die etwa zwei Meter vor uns gingen.

»Ich finde das eine großartige Idee, Jakob«, bestärkte ich ihn. »Ich kenne niemanden, der sich so sehr für Bücher interessiert wie du. Manchmal denke ich, du lebst in diesen Geschichten.«

»Damit magst du nicht einmal so unrecht haben, Schwesterchen.« Er schmunzelte geheimnisvoll.

Wir liefen ein paar Schritte schweigend weiter, als er stolperte. Reflexartig griff ich nach ihm und er fing sich wieder. Unsere Eltern blieben stehen und drehten sich kurz um.

»Ich sollte nicht so viel träumen«, meinte Jakob.

Wir setzten unser Gespräch fort.

»Welches Buch liest du zurzeit?«

Er lachte. »Du meinst wohl: welche Bücher?« Doch er kam nicht zum Antworten. Wieder knickte eines seiner Beine ein, nur diesmal lag er gleich darauf auf dem Boden. Ich versuchte ihm aufzuhelfen, er fühlte sich merkwürdig schwach unter meinen Händen an.

Vater schalt ihn: »Geh anständig! Dann fällst du auch nicht hin.«

Mutter half mir, Jakob hochzuziehen. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich ihn.

»Ja, es geht schon«, meinte er.

Die meiste Zeit über schweigend setzten wir unseren Spaziergang fort.

Kapitel 3

Die ersten Morgenstunden der neuen Woche hatte ich damit verbracht, mein Zimmer aufzuräumen und meine Fotoausrüstung zu sortieren. Da klingelte es an der Haustür. Es war ein kleiner Junge mit kaputten Schuhen, kurzen Lederhosen und verstrubbelten Haaren, der mir gegenüberstand, als ich die Tür öffnete.

»Sind Sie das Fräulein Jörger?«

»Ja«, nickte ich.

»Ich komm vom Herrn Reicher. Er möchte, dass Sie noch mal zu ihm ins Geschäft kommen. Und wenn’s geht, gleich.«

Etwas verwirrt, aber zugleich erwartungsvoll griff ich nach meinem Tuch, rief Jakob einen Gruß zu und beeilte mich, dem Jungen hinterherzukommen.

»Hat er sonst noch etwas gesagt?«, erkundigte ich mich.

»Nein. Nur, dass ich Sie herbringen soll.«

Ich sah ihn mir an. Er hatte vermutlich am Marktplatz gespielt, bevor ihn Herr Reicher, sicherlich für ein kleines Trinkgeld, mit der Nachricht zu mir geschickt hatte. Nun lief er neben mir her – zufrieden, seinen Auftrag so schnell ausgeführt zu haben.

»Wie heißt du?«, fragte ich ihn.

»Peter.«

Wir überquerten den Münsterplatz. »Freust du dich, Ferien zu haben?«

»Na klar!«, grinste er.

Es waren nur noch wenige Meter bis zum Fotogeschäft und ich dankte Peter für seine Begleitung, bevor ich in den Laden eintrat. Herr Reicher empfing mich mit einem Lächeln.