Mordsgier - Angelika Schröder - ebook

Mordsgier ebook

Angelika Schröder

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Opis

Endlich wird die Grundschule renoviert, und Helga Renner findet mit ihrer vierten Klasse Unterschlupf im Keller eines Gymnasiums. Doch der friedliche Schein trügt: Während der großen Pause bricht Studienrat Wohlfang im Lehrerzimmer tot zusammen - vergiftet mit einem Pflanzenschutzmittel, das in Deutschland seit Jahren verboten ist. Hat ein Schüler oder gar ein Kollege den Studienrat umgebracht? Gespräche, die Helga im Lehrerzimmer belauscht, scheinen diese Vermutung zu bestätigen …

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Titel

Angelika Schröder

Mordsgier

Der dritte Renner-Kersting-Krimi

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2006 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2006

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Unter Verwendung eines Fotos von photocase.de

Gesetzt aus der 9,5/12 Punkt GV Garamond

Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda

Printed in Germany

ISBN 13: 978-3-8392-3280-4

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Vorbemerkung

Handlung und Personen sind frei erfunden, ebenso wie die

Schule und ihre Umgebung. Sollte trotzdem jemand Ähnlichkeiten

entdecken, so würden sie auf jenen Zufällen beruhen, die das Leben schreibt.

1

Der Mörder wartete gegenüber dem Christine-Koch-Gymnasium, eines dieser hässlichen, grauen Gebäude, die nach dem Krieg aus dem Boden gestampft worden waren. Kahle Büsche und Bäume vor dem Eingang vermittelten fälschlicherweise den Eindruck einer ländlichen Umgebung. Der Schulhof wurde jedoch von weiteren grauen Gebäuden begrenzt, und immer wieder versperrten ihm Lieferwagen, die umständlich rangierten oder den nahe liegenden Geschäften Ware brachten, die Sicht. Kurz streifte ihn der Gedanke, ob es nicht besser wäre, die Straße zu überqueren und sich direkt vor den Eingang zu platzieren. Falls der Hausmeister oder ein Lehrer misstrauisch fragen sollte, was er hier zu suchen habe, könnte er ja angeben, auf seinen Sohn zu warten. Wer weiß, vielleicht besaß er tatsächlich ein Kind, von dem er nichts wusste. Bei dieser Vorstellung verzogen seine Mundwinkel sich zu einem amüsierten Grinsen. Kinder waren das Letzte, was er derzeit brauchte. Die kosteten Freizeit, Nerven und vor allem Geld. Frauen auch, aber mit denen konnte er sich vergnügen, und oft füllte der Umgang mit ihnen sogar seine Geldbörse. Bei dem Thema Kinder musste er immer an Yvonne denken, die rothaarige Sauerländerin, die so temperamentvoll war, wie ihre Haare es versprachen und so bodenständig, wie ihre Herkunft es erahnen ließ. Sie war vermutlich die Einzige, die als mögliche Mutter in Frage kam. Viel zu oft hatte sie Diskussionen über Ehe und Kinder angeleiert und ihm immer wieder die Annehmlichkeiten einer Familie in allen Variationen geschildert, bis er es nicht mehr hören konnte und sich von ihr trennte. Das war nun auch schon wieder fünf Jahre her. Da er seinen Freundinnen gleich zu Beginn ihrer Beziehung sehr deutlich sagte, dass er auf keinen Fall mit einem Kind belästigt werden wollte, war es ihre Sache, entsprechend aufzupassen – fand er. Er konnte schließlich nichts dazu, dass er ein Womanizer war, ein charmanter, gut aussehender Typ, dem die Frauen hinterher liefen.

Das misstönende Schrillen der Schulglocke unterbrach seine Gedanken. Die Türen öffneten sich und spieen Massen von Schülern aus, die sich über den Pausenhof verteilten. Verdammt, nun hieß es, aufpassen. Wenn jetzt nichts geschah, brauchte er einen neuen Plan. Dabei hatte die ganze Geschichte so wunderbar begonnen als stünde das Schicksal selbst auf seiner Seite. Dazu die beiläufigen Bemerkungen des Opfers, das überhaupt nicht ahnte, auf welchem Pulverfass es saß. Dummerweise konnte er keinen Probedurchlauf machen. Weder wusste er, ob die Menge ausreichte, noch kannte er den Grad der Verfärbung. Natürlich hatte er sich bemüht, alle Risikofaktoren auszuschalten. Den Starter der Leuchtstoffröhre gegen einen kaputten auszutauschen, war eine Sache von wenigen Sekunden gewesen, und das Opfer hatte durch seine Vorliebe für nützliche Souvenirs ein Übriges getan. Wenn der Kerl aber doch plötzlich misstrauisch geworden war? Was dann? Ungeduldig blickte er zum wiederholten Male auf die Uhr, dann die Straße entlang. Nichts zu sehen. Nichts zu hören. Die Schulglocke beendete die Pause. Und nun? Während er unhörbar fluchte, nahm in seinem Kopf bereits ein neuer Plan Gestalt an. Endlich! Da kam es, das heißersehnte zuckende Blaulicht eines Krankenwagens. Die Fahrbahn vor der Schule schien plötzlich wie leer gefegt. Bremsen quietschten. Türen wurden aufgerissen. Ein Hausmeister im grauen Kittel brüllte und wedelte mit beiden Armen. Passanten blieben stehen und starrten neugierig hinter den Sanitätern her, die im Laufschritt ins Schulgebäude eilten. Dann hörte man nichts mehr. Einige setzten ihren Weg fort, die meisten blieben und warteten. Vermutungen wurden geäußert, verworfen oder als Wahrscheinlichkeit aufgegriffen und weiter gegeben. Unauffällig mischte er sich unter die Neugierigen.

»Wahrscheinlich hat sich wieder mal ein Schüler verletzt, so wie die toben, ist das kein Wunder.«

»Erinnern Sie sich, wie letztes Jahr die Feuerwehr anrückte, weil jemand unter dem Tisch gezündelt hatte? Diese Jugend heutzutage!«

»Ach was! Die Lehrer passen einfach nicht genug auf. Haben nur ihren freien Nachmittag im Kopf.«

Er amüsierte sich und genoss die Überlegenheit, die ihm das geheime Wissen gab. Fast fühlte er sich versucht, ihnen zu sagen, wen es getroffen hatte, doch nur fast. Schließlich besaß er einen gesunden Selbsterhaltungstrieb. Der hatte ihn auch am frühen Morgen hergeführt. Niemand hatte ihn gesehen, niemand etwas beobachtet. Schade, dass er keinem Menschen erzählen durfte, was da wirklich geschehen war. Im Grunde nichts Schlimmes! Nichts wirklich Schlimmes – in seinen Augen jedenfalls. Schließlich muss jeder Mensch einmal abtreten. Den einen trifft es eher, den anderen später. Wenn er darüber nachdachte, wie viele Opfer täglich der Straßenverkehr fordert, der Haushalt, der Sport ... nein, da brauchte er kein schlechtes Gewissen zu haben. Das ganz natürliche Sterben fehlte noch in seiner Aufzählung, ebenso Krankheiten und Naturkatastrophen. So viele Tote! Da kam es auf einen mehr oder weniger nun wirklich nicht an. Im Übrigen wurde seiner Meinung nach sowieso viel zu viel Aufhebens um den Tod gemacht. Besonders im Westen. Wer kümmerte sich um die unschuldigen Opfer in den Krisengebieten? Die wurden nicht einmal mehr gezählt. Und dieser ganz spezielle Tote tat sogar ein gutes Werk, wenn auch ungewollt und unbewusst. Und wer weiß ... vielleicht hatte auch er ein gutes Werk getan, indem er dem Betroffenen zum vorzeitigen Eintritt ins Paradies verhalf. Er kicherte boshaft. Das Paradies. Ein von den Kirchen erfundenes Hirngespinst, das ihnen hilft, Macht auszuüben, indem es das Unfassbare erklärt und ertragbar macht. Eine Idee für Träumer, für ängstliche Typen, die sich nicht damit abfinden können, dass das Leben nun einmal begrenzt ist. Er gehörte nicht zu diesen Weicheiern. Er brauchte niemand, der ihm sagte, was zu tun sei. Er entschied selbst über sein Leben. Jeder ist seines Glückes Schmied. Jawohl! Er konnte die jammernden und Mitleid heischenden Typen nicht ausstehen. Man brauchte nur ein wenig Initiative und Kreativität, und schon befand man sich auf der Sonnenseite des Lebens.

Flexibilität und schnelles Einschätzen einer Situation gehörten schon immer zu seinen Stärken. Das hatten sogar seine Pauker erkannt. Fünfundzwanzig Jahre war es her, dass er diese Schule besucht hatte. Er erinnerte sich als wäre es gestern geschehen, wie Oberstudienrat Heimann ihn beim Rauchen auf der Toilette erwischt hatte. Seine Klasse probte gerade ›Das fliegende Klassenzimmer‹. Genau das hatte er auch erzählt und dreist behauptet, er spiele den Vesuv und müsse dafür üben. Der Heimann hatte so schrecklich lachen müssen, dass er ihn ohne Strafe hatte ziehen lassen.

Die zuschlagenden Türen eines Notarztwagens holten ihn zurück in die Gegenwart. Auch er hatte vor der Schule angehalten. Ein Notarzt! Sollte sein Opfer etwa überlebt haben?

Wieder schellte es. Ende der sechsten und letzten Schulstunde. Stühle kippten, Taschen flogen, als die Schüler der vierten Klasse aufsprangen und unter ohrenbetäubendem Gejohle zur Tür rasten. Jeder wollte der Erste sein. Nur mit viel Mühe hielt die Lehrerin jene zurück, die ihre Stühle nicht hochgestellt oder ihre Bücher auf dem Tisch vergessen hatten. »Veronika, wartest du bitte einen Moment, ich möchte noch mit dir reden!«

Veronika Merklin blieb zögernd stehen. Sie war schmal und so dünn, dass es schien, als drückten Größe und Gewicht ihres Tornisters sie zu Boden. Das lange, hellblonde Haar trug sie zu altmodischen Zöpfen geflochten, jedoch als Zugeständnis an die herrschende Mode hing ihr eine orangerote Strähne in der Stirn. Unsicher blickte sie zur Lehrerin, als wüsste sie nicht recht, ob sie gehorchen sollte oder besser nicht. Sie ahnte, was Frau Renner von ihr wollte. Schließlich hatte sie heute die zweite mangelhafte Mathematikarbeit zurückbekommen, und in den anderen Fächern sahen ihre Leistungen auch nicht besser aus.

»Also Veronika«, fragte die Lehrerin dann auch erwartungsgemäß, als alle anderen Kinder die Klasse verlassen hatten. »Was ist mit dir los? Solche Zensuren bin ich von dir nicht gewohnt.«

Das Mädchen wand sich. »Ich weiß auch nicht.«

»Du warst vor noch nicht allzu langer Zeit die Beste in der Klasse.« Frau Renner schaute auffordernd zu Veronika, die mit gesenktem Kopf vor ihr stand und jeden Blickkontakt mied.

»Nun komm schon! Eine schlechte Zensur kann ein Ausrutscher sein, aber zwei? Liegt es an den anderen Kindern? Ärgern oder bedrohen sie dich, weil du gut bist? Ich hab’ mal gehört, wie der Niklas dich Streberin geschimpft hat.«

»Ja, ich meine nein, das hat nichts damit zu tun.« Das Kind schüttelte heftig den Kopf, ein Zopf löste sich, zwei Tränen rollten langsam die Wange hinunter. Sie schniefte.

»Ich kann dir nur helfen, wenn du mir sagst, was los ist.«

Es dauerte lange, und die Lehrerin musste mehrfach versprechen, der Mutter nichts zu sagen, bis das Kind damit herausrückte, dass es zu Hause nicht mehr schön sei.

Helga Renner kannte Veronikas Mutter recht gut. Wann immer in der Schule die Hilfe von Eltern gebraucht wurde, war Anne-Liese Merklin dabei. Schon zweimal hatten Lehrerin und Mutter der Polizei geholfen, einen Mordfall zu klären. Und Helga wusste auch, dass Anne-Liese, genannt Ali, seit einiger Zeit über ihre Ehe nachgrübelte. Dieses Band, das ihr viele Jahre Geborgenheit und Sicherheit geschenkt hatte, war spröde und rissig geworden. Und Veronika hatte offensichtlich einiges davon mitbekommen.

»Warum ist es denn nicht mehr schön? Streiten deine Eltern?«

»Nein, eigentlich nicht, nicht so richtig jedenfalls.«

»Gibt es Schläge?«

»Natürlich nicht. Mama würde uns doch nicht schlagen«, kam es entrüstet zurück.

Veronika besaß eine ältere Schwester, Franziska. Sie besuchte die sechste Klasse des Christine-Koch-Gymnasiums.

»Ich weiß nicht so genau was los ist. Es ist ... es ist einfach anders als früher.«

Trotz aller Anstrengung gelang es Helga nicht, herauszufinden, was denn nun anders war, aber sie wusste, wie empfänglich Kinder für atmosphärische Störungen sind. Sie spüren sehr schnell, wenn es Spannungen in der Familie gibt. Helga überlegte, wie sie am besten mit der Mutter reden konnte, ohne ihr – dem Mädchen gegebenes – Versprechen zu brechen. Wann hatte sie Ali eigentlich das letzte Mal getroffen? Das schien Ewigkeiten her zu sein. Da sie die Arbeiten ihrer Tochter regelmäßig unterschrieb, war sie über deren Leistungsabfall informiert, und Helga hatte keinen Grund gesehen, zusätzlich anzurufen. Doch inzwischen gab es nicht nur schlechte Zensuren zu beklagen, sondern auch auffälliges Verhalten. Früher hatte Veronika zu den ruhigen, intelligenten Kindern gehört, die im Unterricht kaum störten, selten in Streitereien verwickelt waren und durch ihre fröhliche Art zur Auflockerung des Vormittags beitrugen. Die Veränderung musste kurz nach den Herbstferien eingesetzt haben, zunächst unmerklich, später dann deutlicher. Sie stritt immer häufiger mit anderen Kindern, störte während des Unterrichts, verunzierte ihre Hefte mit Strichmännchen und erschien eines Tages sogar mit einem Stapel Yu-Gi-Oh-Karten. Im vorweihnachtlichen Stress war der Lehrerin das gar nicht bewusst geworden, doch als sie jetzt darüber nachdachte, erkannte sie, dass dies Veronikas Art sein musste, um Aufmerksamkeit und Hilfe zu bitten. Was, zum Teufel, war da bloß los? Die Lehrerin beschloss, heute Abend, wenn die Kleine im Bett lag, bei Ali anzurufen und einmal nachzufragen.

»Sie sagen aber Mama nichts?«, wiederholte Veronika, als habe sie Helgas Gedanken gelesen.

»Nein, aber ich muss mit ihr über deine Zensuren sprechen, das verstehst du doch?«

Ergeben nickte das Mädchen, froh, endlich gehen zu dürfen.

Mit ihren Gedanken noch immer bei Veronika und ihrer Mutter suchte Helga ihre Utensilien zusammen. Vor etwa drei Monaten hatte Ali ihr anvertraut, dass sie ihren Mann nicht mehr liebe. Einfach so. Von einer Sekunde zur anderen schien jede Zuneigung verschwunden, und sie fühlte sich, als säße sie neben einem Fremden. Damals hatte Helga gehofft, dass beide Ehepartner vernünftig genug sein würden, die Angelegenheit zu regeln, ohne die Kinder allzu sehr zu belasten. Offensichtlich war das nicht gelungen. Irgendwann im Dezember hatte Helga Ali angerufen, um mal wieder ein bisschen zu plaudern, doch die gab an, keine Zeit zu haben. Bei den vielfältigen Aktivitäten, denen Ali nachging, klang das glaubhaft, und die Lehrerin hatte nicht weiter nachgefragt, steckte sie doch selbst im Festtagstrubel. Doch jetzt, im Nachhinein, kam ihr Alis hektische Art ungewöhnlich vor. Denn obwohl diese in ihrer Gemeinde engagiert war, in Gymnasium und Grundschule half, wenn Eltern gebraucht wurden und allen möglichen Leuten beistand, war sie doch stets stolz darauf gewesen, dass ihre Kinder nicht zu kurz kamen. Ihre derzeitige Gleichgültigkeit erschien Helga untypisch, und allmählich wurde sie neugierig, was bei Merklins eigentlich los war. Heute Abend wollte sie sich nicht abspeisen lassen. Heute Abend musste die Freundin mit der Wahrheit herausrücken.

2

An diesem Tag kam Herbert Merklin spät heim. Als er die Haustür aufschloss, empfing ihn eine dunkle Wohnung. Natürlich, die Kinder lagen im Bett, aber wo steckte seine Frau? Er hatte länger gearbeitet, um einige Messreihen zu beenden. Unbewusst krauste er die Stirn. Bisher hatten sie ihre Termine gemeinsam abgestimmt, damit die Kinder nicht lange allein blieben. Nach einem kritischen Blick zur Uhr, es ging auf 22.30 Uhr zu, schaute er in jedes Zimmer. Veronika war nicht da, was ihn einigermaßen beunruhigte, da sie während der Woche nicht bei Freundinnen übernachten sollte. Franziska schlief offenbar tief und fest. Die Küche war sauber aufgeräumt, aber es stand kein Abendessen bereit. Nun ja, beim derzeitigen Zustand ihrer Ehe durfte er soviel Entgegenkommen wohl nicht mehr erwarten.

Viele Jahre in der Entwicklungsabteilung seiner Firma hatten ihn gelehrt, dass auch scheinbare Nebensächlichkeiten plötzlich eine Eigendynamik entwickeln und sämtliche Pläne und Theorien über den Haufen werfen konnten. Genau das schien im Moment auch in seiner Ehe der Fall zu sein. Er glaubte zu wissen, welcher Nebensächlichkeit er den katastrophalen Zustand ihrer Beziehung zu verdanken hatte. Für ihn war es eine Kleinigkeit, aber seine Frau musste aus jeder Mücke gleich einen Elefanten machen. Da sie diese Eigenschaft, Belanglosigkeiten zu wichtig zu nehmen, bisher nur gegenüber ihren vielen Bekannten gezeigt hatte, hatte ihn der Charakterzug nicht wirklich gestört. Jetzt betraf es ihn selbst. Jetzt verwandelte sie seine Mücke in ihren Elefanten. Wieder schüttelte er den Kopf. Seine gedanklichen Gebilde sollte er wohl besser nicht laut äußern. Bisher hatten beide sich bemüht, den Kindern gute Eltern zu sein und den miserablen Zustand ihrer Beziehung zu verheimlichen. Natürlich gab es Spannungen, aber dass Ali nicht einmal eine Notiz hinterlassen hatte, wo sie im Notfall zu erreichen war und wann sie wieder zu kommen gedachte, ärgerte ihn, ebenso, dass Veronika ohne seine Zustimmung anscheinend bei einer Freundin übernachtete.

Er verspürte Hunger. Auch wenn es schon spät und der Kühlschrank vermutlich leer war, gab es keinen Grund, sich nicht satt zu essen. Den ganzen Nachmittag hatte er im Labor mit Messungen und Werkstoffprüfungen zugebracht. Ein Kunde wollte wissen, ob die Geräte aus dem fernen Asien den deutschen Normen entsprachen. Und das möglichst gestern. Außer ein paar Krakauern aus der Kantine hatte er den ganzen Tag noch nichts gegessen und entschied, eine Mahlzeit verdient zu haben, insbesondere nachdem der Auftrag erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Voller Hoffnung öffnete er die Kühlschranktür, doch die Auswahl war gering. Das Einkaufen hatte Ali offensichtlich auch vergessen.

Froh, doch noch etwas gefunden zu haben, streckte er die langen Beine unter dem Küchentisch aus und betrachtete seinen Teller: Ein Stück Käse mit Himbeermarmelade, kalte Brühwürstchen, Gurken und Brotreste von gestern, dazu eine Flasche Bier.

Er grübelte über das Gespräch mit Franziskas Lehrerin nach. Sie hatte ihn heute Mittag auf seinem Handy angerufen, was nur im äußersten Notfall geschehen sollte. Als ihm klar wurde, wer da sprach, sah er Franziska schon mit den schlimmsten Verletzungen im Krankenhaus. Nach umständlichen Entschuldigungen für ihren Anruf erklärte sie jedoch, dass Franziskas Leistungen in der Schule in letzter Zeit zu wünschen übrig ließen und beklagte sich, dass ihre Mutter nie zu erreichen war. Merklin hatte zugesagt, seine Frau zu informieren und mit seiner Tochter zu reden und dann das Problem in eine besondere Lade seines Gehirns verbannt – bis er sich in Ruhe würde damit befassen können. Nun war es soweit. Er wusste, dass Franziska vielen Interessen nachging und die Schule derzeit an letzter Stelle rangierte. Für eine pubertierende Zwölfjährige ein völlig normales Verhalten, wie er meinte, trotzdem durfte es nicht stillschweigend übergangen werden.

Während er über seine Frau, ihre quecksilbrige Persönlichkeit und die Schwierigkeiten ihrer Ehe nachdachte, hörte er leise Schritte auf der Treppe.

»Papa, ich muss mit dir reden.« Im Schlafanzug, mit verstrubbelten Haaren und geröteten, müden Augen stand Franziska in der Tür. Sie gähnte, die Hände hinter dem Rücken. Dies, fand Herbert, war nicht der passende Moment, sie auf gutes Benehmen hinzuweisen. Also wartete er ab, während sie seinen halb gefüllten Teller betrachtete. »Igitt – Käse mit Marmelade, ist ja abartig.«

Ihr Vater grinste. Er kannte die Verzögerungstaktiken seiner Tochter nur zu gut. Offensichtlich wollte sie ihre schlechten Zensuren beichten und empfand nun Angst vor der eigenen Courage. Er freute sich über ihre Beherztheit und musterte das schmale Gesicht voller Stolz und Zärtlichkeit. Wenn nur die blauen Augen ihn nicht so schmerzlich an seine Frau erinnern würden. »Ich mag es. Außerdem war die Auswahl nicht groß. Wo steckt Mama eigentlich?«

»Keine Ahnung. Sie ist gleich nach dem Mittagessen weg und hat nicht gesagt, wohin. Veronika schläft bei Yvonne.«

»Was? Während der Woche? Hat Mama das denn erlaubt?«

Franziska zuckte die Schultern. Er wollte aufbrausen, besann sich aber gerade noch rechtzeitig, dass es nicht gut war, Meinungsverschiedenheiten vor den Kindern deutlich zu machen. Also wechselte er das Thema.

»Was ist los? Du bist doch nicht aus dem Bett gestiegen, um über unseren leeren Kühlschrank zu reden, oder? Das können wir auch morgen früh noch tun.«

»Na ja, falls du morgen früh nicht schon wieder weg bist, wenn ich in die Schule muss. Mama hat ja auch keine Zeit mehr für uns.« Sie verzog ihre Mundwinkel zu einem traurigen Lächeln. »Aber du hast natürlich recht.« Pause. Ein neuer Anlauf. »Du kennst doch den Wohlfang?«

»Meinst du deinen Deutschlehrer? Du hast von ihm erzählt. Hat er dir eine schlechte Note gegeben?« Er wollte ihr helfen, zum Punkt zu kommen.

»Nee, ja doch, aber darum geht es nicht.« Umständlich setzte sie sich ihm gegenüber und griff nach dem letzten Stück Gurke. »Wusstest du, dass Wohlfang in dem Bus gesessen hat, der auf Gran Canaria einen Abhang runtergerutscht ist? Zwischen Weihnachten und Neujahr, glaube ich. Sogar Tote hat’s gegeben.«

Er hatte es nicht gewusst und wenn, wieder vergessen. In den Zeitungen hatten die Namen der Beteiligten jedenfalls nicht gestanden.

»Er war heute wieder in der Schule, den linken Arm in Gips und hat uns alles haarklein erzählt.«

»So!« Herbert bezweifelte, ob das das richtige Thema für den Deutschunterricht einer sechsten Klasse war.

Franziska schwieg. Irgendetwas ging ihr durch den Kopf.

»Der Mann muss hart im Nehmen sein, wenn er so kurz nach einem traumatischen Erlebnis schon wieder arbeitet«, fügte ihr Vater auffordernd hinzu.

»Hm, er war ganz cool, als er das erzählte. – Weißt du was? Ich glaube, es tat ihm gut, darüber zu reden. Ich hab’ mal so was gelesen, da ging es um ein Zugunglück und Feuerwehrleute. Jedenfalls hat er alles zwei- oder sogar dreimal erzählt, die ganze Stunde über, immer wieder und in der Parallelklasse auch – hat mir Juli in der Pause gesagt.« Wahrscheinlich traf ihre Vermutung zu. Für ihr Alter zeigte sie ungewöhnliches Einfühlungsvermögen und Verständnis für andere.

»Und?« Instinktiv wusste er, dass die Geschichte noch nicht beendet war. »Was ist passiert?«

»In der Stunde? Am Ende wurde er plötzlich laut, eh Mann, hat der geschrieen! Keiner könne sich vorstellen, wie das ist, den Tod vor Augen zu haben. Irgendwie seltsam. Erst schien er so cool und dann ... Einige haben sich richtig erschrocken, aber ein paar von den Jungen fanden das anscheinend komisch und haben laut gelacht.«

Bei allem Verständnis, eine Schulklasse ersetzte nicht den Therapeuten. Herbert ärgerte sich über die Gleichgültigkeit der Schulleitung. Gleich morgen früh würde er anrufen und denen seine Meinung sagen. Wie konnte der Arzt nur einen derart traumatisierten Mann auf Kinder loslassen! Unverantwortlich war das!

»Der hätte noch gar nicht wieder arbeiten dürfen nach dem Schock«, sagte er dann auch. »Es dauert lange, bis ein Mensch so eine Erfahrung bewältigt hat. Meist gelingt das nur mithilfe geschulter Therapeuten.«

»Och, das war nicht so schlimm.« Eine leichte Betonung hatte auf dem ›das‹ gelegen.

»Wieso? Gab es noch etwas?«

»Hm.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Lautlos rollten sie die Wangen hinunter. Herbert kannte das Mitleid heischende Schluchzen, wenn seine Tochter mal wieder etwas nicht durfte, was angeblich alle anderen Eltern ihren Kindern erlaubt hatten. Dies war anders. Und er erschrak. »Mädchen, was ist denn los?« Mit wenigen Schritten umrundete er den Tisch, beugte sich zu ihr hinunter und legte seinen Arm um ihre Schultern. »Erzähl’!«

Sie kuschelte sich eng an ihren Vater, wischte sich über die Augen, holte tief Luft, und dann brach es aus ihr heraus.

»Er ... er ist tot. In der Pause ... im Lehrerzimmer. Ganz plötzlich. Einfach so.« Wieder rollten Tränen. »Es ist doch nicht unsere Schuld, oder? Ich meine, wenn ... wenn wir netter zu ihm gewesen wären ... oder ... oder mehr zugehört hätten ... ich weiß nicht ...« Immer leiser war sie geworden, bis sie schließlich abbrach. Herbert fühlte sich hilflos, wusste nicht, was er sagen sollte. Er zog seine Tochter an sich. »Nein, niemand trägt Schuld.« Es sei denn ein unverantwortlicher Arzt, dachte er, hütete sich aber, es auszusprechen. »So etwas kann passieren. Auch gesunden Menschen. Was haben denn die Lehrer gesagt?«

»Wenig. Der Notarzt war da. Oh Mann, war das ’ne action, als der mit Blaulicht angerast kam. Die Pause war gerade zu Ende, weißt du, und wir konnten vom Fenster aus alles genau sehen. Der Mausner hat uns erzählt, wie der Wohlfang im Lehrerzimmer zusammengebrochen ist und sie den Rettungswagen gerufen haben. Herzinfarkt, hat der Arzt gesagt. Ja, und unterwegs ist er dann gestorben. Die Jibben ist mitgefahren, die hatte ’ne Freistunde, und als wir dann in der sechsten Reli bei ihr hatten, hat sie es uns gesagt, dass er gestorben ist, meine ich. Die war echt fertig mit den Nerven. Hat uns ne Viertelstunde eher nach Hause geschickt. Der Mausner ist auch rumgeflattert wie’n abgestochenes Huhn. Wusste nicht, was er sagen oder tun sollte bei all der Aufregung.« In Erinnerung daran überzog ein belustigtes Lächeln ihr Gesicht. »Er musste nämlich zwei Klassen versorgen, bis der Vertretungsplan fertig war. Unsere und die 8a, wo eigentlich der Wohlfang Unterricht gehabt hätte. Und die 8a hat einen ganz besonderen Ruf, da sind ’ne Menge Chaoten drin.«

»Chaoten?«

Franziska ließ sich ablenken und berichtete von diversen Vorkommnissen. Herbert hörte nur mit halbem Ohr zu. Seine Gedanken weilten noch bei Wohlfang. Natürlich stimmte, was er Franziska gesagt hatte. Es gab plötzliches Herzversagen bei gesunden Menschen. Aber war der Lehrer gesund gewesen? Physisch und psychisch? Nun, das war nicht sein Problem. Gott sei Dank!

»... und dann wollte der Direx die Polizei rufen. Glücklicherweise hat Doktor Plura das Zeug vorher probiert und festgestellt, dass das gar kein Rauschgift war sondern Mehl, ganz einfaches Küchenmehl. Stell dir mal die Blamage vor. Das Rauschgiftdezernat rückt wegen einem Löffel Mehl an. Die 8a hat sich totgelacht. Wir auch. Manche Lehrer sind aber auch zu blöd.« Franziska kicherte schon wieder.

»Ab ins Bett«, befahl ihr Vater und schob sie Richtung Tür. Über ihre nachlassenden Leistungen in der Schule würde er ein andermal mit ihr reden, beschloss er. Mitternacht war entschieden der falsche Zeitpunkt. Er ging mit hinauf, breitete die Decke über sie und verabschiedete sich mit einem Gute-Nacht-Kuss.

Als er die Treppe hinabstieg, hörte er die Haustür. Ali. Endlich. »Wo kommst du her? Jetzt, um diese Zeit! Wie kannst du die Kinder so lange allein lassen?«, überfiel er sie noch im Flur.

»Wieso?« Sie zog den Mantel aus und suchte unter anderen Mänteln nach einem Bügel. Als sie keinen fand, hing sie ihn an einen Haken, legte Schal und Mütze auf das kleine Schränkchen und beschäftigte sich mit ihren Stiefeln. »Beruhige dich. Vorher brauchen wir gar nicht mit Reden anfangen. Die Kinder wussten Bescheid. Außerdem wolltest du pünktlich daheim sein.«

»Darum geht es gar nicht. Franziskas Lehrerin rief mich über Handy an, weil du nie zu erreichen bist. Und auf dem Anrufbeantworter ist eine Nachricht von Veronikas Lehrerin. Kümmerst du dich überhaupt noch um unsere Kinder? Sie waren den ganzen Nachmittag und Abend allein. Dafür sind sie zu jung. Franziska hat heute Morgen Schlimmes durchgemacht. Bis Mitternacht musste sie warten, um mit jemandem darüber reden zu können. Und das nur, weil du mal wieder nicht da warst. Und außerdem – wie konntest du Veronika erlauben, bei Yvonne zu übernachten? Während der Woche? Das war nicht abgesprochen. Was sollen deren Eltern denken?«

»Das ist mal wieder typisch! Dich interessiert nur, was die anderen von uns halten. Das hättest du dir vorher überlegen können!«

»Ach ja, und du? Du denkst nur noch an dich. Du weißt ganz genau, dass du dich falsch verhalten hast. Ich habe viel Geduld bewiesen, was deine ständigen Eskapaden betrifft. Aber wenn du jetzt anfängst, die Kinder zu vernachlässigen ...«

»Was dann? Willst du mir etwa drohen? Und was heißt hier Eskapaden? Du hast doch mit dem Scheißspiel angefangen! Du bist doch derjenige, der alle Regeln bricht.«

»Nicht so laut! Franziska schläft noch nicht.«

Leiser, aber immer noch schimpfend wechselten sie ins Wohnzimmer hinüber und schlossen die Tür zum Flur. Beide fühlten sich schuldig, aber beide konnten nicht aus ihrer Haut. Niemals würden sie dem anderen gegenüber einen Fehler zugeben. Und da Angriff nun mal die beste Verteidigung ist, dauerte es nicht lange, bis der Streit eskalierte. Es wurde immer lauter, was beiden erst auffiel, als oben eine Tür mit lautem Knall ins Schloss fiel. Franziska. Ali sprang auf. »Da siehst du, was du angerichtet hast!« Sie lief die Treppe hoch, wollte Franziska trösten. Doch die hatte sich eingeschlossen. Zum ersten Mal. Zutiefst schockiert klopfte Ali an die Tür. »Franziska, Liebling. Lass mich rein. Ich werde dir alles erklären.« Ein haltloses Versprechen, aber das beste, was ihr im Moment einfiel. »Bitte mach’ auf!« Nichts. Keine Antwort. »Bitte, Franziska. Es ist alles nicht so schlimm, wie du denkst.« Keine Reaktion. Kein Geräusch, das auf irgendeine Tätigkeit hindeutete. Ali versuchte es mit anderen, neuen Zusagen, bevor sie resigniert den Rückzug antrat.

Im Wohnzimmer wartete Herbert, der sich noch nicht beruhigt hatte. »Dein Verhalten ist unentschuldbar! Was denkst du dir nur?« Ali blieb keine Antwort schuldig. Sie stritten oft in letzter Zeit, doch so heftig wie an diesem Abend noch nie. Über Trennung hatten sie zwar schon gesprochen, über eine zunächst befristete, doch das Wort Scheidung fiel heute zum ersten Mal.

3

Am nächsten Tag saß Kriminalhauptkommissar Klaus Kersting in seinem Büro und überblickte kritisch den Schreibtisch. An der Seite stand noch immer das kleine Gesteck mit Kerze und roter Schleife, das Helga ihm geschenkt hatte, um ein wenig weihnachtliche Atmosphäre in seinen Alltag zu bringen. Es wurde höchste Zeit, das Ding endlich zu entsorgen. Doch es fiel ihm schwer, Geschenke seiner Freundin in den Mülleimer zu werfen, auch wenn es sich um ein Adventsgesteck handelte, das schon alle Nadeln verloren hatte. Er schmunzelte über sich selbst. Das musste wohl wahre Liebe sein, nicht einmal trockene Zweige vermochte er wegzuwerfen, weil sie von ihr stammten, ein Abbild ihrer Persönlichkeit. Die Weihnachtstage mit ihr hatte er genossen wie selten zuvor ein Fest. Er wusste, sie war die Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte, und diese Gewissheit hatte ihr ein Selbstvertrauen geschenkt, das sie schöner und begehrenswerter erscheinen ließ.

Glücklicherweise waren die Feiertage ruhig verlaufen. Trotz vieler Streitereien und Schlägereien brauchten sie keine Mordkommission zu bilden. Selbst ein Sturz aus dem Fenster eines 5. Stocks hatte sich nach kurzer Untersuchung als Selbstmord herausgestellt. Darüber musste noch ein abschließender Bericht geschrieben sowie restlicher Papierkram von vor den Weihnachtstagen aufgearbeitet werden, anschließend wollte er sich noch einmal mit den Fakten jenes Falles von Körperverletzung vertraut machen, zu dem er morgen vor Gericht aussagen musste. Doch ihm fehlte an diesem Vormittag einfach die Lust zur Arbeit. Wie sagte sein Kollege immer? Lust darf man nicht haben, Lust ist Sünde. Masowskis eigenwilliger Humor hatte ihn oft genervt, doch jetzt, da der andere noch ein paar Tage Urlaub genoss und Kersting allein im Büro saß, vermisste er den Kollegen samt seinem berühmt-berüchtigten Kaffee, den eigentlich niemand wirklich mochte, der aber trotzdem immer wieder angeboten und getrunken wurde. Aus reiner Gewohnheit, wenn er von sich auf seine Kollegen schloss. Er holte tief Luft wie vor einer besonderen Anstrengung, stützte beide Hände auf die Tischkante, als er sich erhob, um das Gerippe samt Kerze in den Mülleimer zu befördern, warf anschließend noch einen bedauernden Blick auf das Nieselwetter draußen und schaltete den PC ein. Es wurde höchste Zeit, mit der Arbeit zu beginnen.

Gegen 10.30 Uhr wurde ihm eine Besucherin gemeldet, die unbedingt einen Beamten der Mordkommission sprechen wollte. Kersting wunderte sich, die wenigsten Besucher erschienen aus eigenem Antrieb, und den Namen Christina Zils hatte er auch noch nie gehört. Da wurde auch schon die Tür zu seinem Büro aufgerissen. Mit einem Schwall kalter Luft stürzte eine junge Frau herein, die sofort loslegte: »Sind Sie für Mord zuständig? Ich muss nämlich einen melden! Also, der Rufus, der ist keines natürlichen Todes gestorben, ganz sicher nicht. Den hat seine Frau auf dem Gewissen, weil sie es nicht mit ansehen konnte, wie glücklich wir beide waren. Sie müssen sie sofort verhaften. Sonst verschwindet die noch mit seinem ganzen Geld.«

»Wie bitte?« Kersting glaubte, sich verhört zu haben. »Wissen Sie auch, was Sie da behaupten? Sie beschuldigen eine Frau des Mordes an ihrem Mann! Wenn ich Sie richtig verstanden habe?«

»Genau! Werden Sie was unternehmen?«

»So einfach geht das nicht. Jetzt möchte ich erst einmal die Einzelheiten wissen. Wer ist der Tote? In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm? Und wie und warum soll seine Frau ihn umgebracht haben?«

Die Besucherin seufzte, als hätte sie es mit einem Geistesschwachen zu tun. »Das habe ich doch gerade alles gesagt. Also, mein Freund heißt Rufus Wohlfang. Er war Lehrer am Christine-Koch-Gymnasium, wo er gestern tot umgefallen ist. Herzversagen haben die Ärzte angeblich festgestellt. Aber ich bitte Sie, welcher gesunde, normale Mann bricht einfach so zusammen und ist tot? Das gibt es nicht. Da hat einer nachgeholfen. Und ich weiß auch wer.«

Obwohl ihr Kersting deutlich erklärte, welche Folgen so eine Anzeige haben könne und welcher Druck seitens der Polizei, dem persönlichen Umfeld und nicht zuletzt auch von den Medien und der öffentlichen Meinung auf sie zukommen werde, blieb Christina Zils bei ihrer Aussage.

»Sie müssen sich beeilen. Diese Kanaille will ihn verbrennen lassen. Was glauben Sie wohl, warum? Natürlich um alle Spuren zu beseitigen. Ist die Leiche weg, gibt es keine Beweise mehr. Also unternehmen Sie schnell etwas!«

Es stand außer Frage, dass sie von dem, was sie sagte, überzeugt war. Kersting konnte sich ihrer Argumentation nicht ganz verschließen. Natürlich gab es plötzliches Herzversagen, aber ebenso gut konnte jemand daran gedreht haben. Frau Zils verließ ihn erst, als er alle Angaben aufgeschrieben und ihr versprochen hatte, der Sache schnellstens nachzugehen.

Er atmete auf, als sie endlich ging. Die Frau war anstrengend.

Laut, hektisch und unorganisiert. Bis er die brauchbaren Informationen von den überflüssigen getrennt und schriftlich festgehalten hatte, war die Mittagszeit vorbei, und sein Magen meldete vernehmlich Hunger an. Doch bevor er sich etwas aus der Kantine holte, wollte er mit dem Hausarzt des Verstorbenen reden. Die Frau hatte seine Neugier geweckt. Der Arzt fand den plötzlichen Tod gar nicht so ungewöhnlich, auch wenn der Mann ein durchtrainierter Sportler gewesen war. »Ach wissen Sie, Herr Kommissar, es sind schon so viele Menschen an Herzversagen gestorben, obwohl sie regelmäßig Sport trieben und glaubten, gesund zu leben, dass mich Herr Wohlfangs Tod nicht überrascht. Dazu kommt der schlimme Unfall in den Weihnachtsferien. Der Körper war noch geschwächt, und mögliche Einwirkungen der Psyche kennen wir auch nicht. Immerhin hat er kurze Zeit Todesangst ausgestanden. Nein, ich sehe keinen Grund, einen unnatürlichen Tod anzunehmen.«

Der Notarzt, der Wohlfang ins Krankenhaus gebracht hatte, befand sich im Einsatz, und die Zentrale versprach, dass er so bald wie möglich zurückrufen werde. Während Kersting wartete, sinnierte er über die vielen unentdeckt gebliebenen Taten. Teilweise lag es an Ärzten, die sich nicht dem Druck von Angehörigen und der Polizei aussetzen wollten, unfähig oder überlastet waren, teilweise an ebenso überlasteten oder unfähigen Polizisten. Jeder war froh, wenn der Alltag möglichst ungestört verlief. Endlich kam der erwartete Anruf. Der Notarzt, der den Totenschein ausgefüllt hatte, verstand gar nicht, was der Polizist wollte. Selbstverständlich handelte es sich um einen natürlichen Tod, sonst hätte er als verantwortungsbewusster Mediziner den Schein doch nicht unterschrieben. Er erwähnte die Fußballspieler, die plötzlich auf dem Spielfeld umfielen, und andere trainierte Sportler, deren Herz ohne Vorankündigung stehen geblieben war. Nein, kein Verdacht, überhaupt keiner.

Kersting überlegte. Frau Zils war von dem, was sie sagte, überzeugt. Obwohl er ihr hart zugesetzt, ihr sogar ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung in Aussicht gestellt hatte, war sie bei ihrer Aussage geblieben. Auch er fand es ungewöhnlich, wenn ein Herz anscheinend grundlos seine Arbeit einstellt. Wohlfang war Nichtraucher gewesen, und da er keine Wettkämpfe ausgetragen hatte, gab es für ihn keinen Grund, spezielle Mittelchen zu nehmen, welche die inneren Organe schädigen oder den Allgemeinzustand verändern konnten. Kurz entschlossen rief er den Staatsanwalt an, der eine Obduktion genehmigen musste. Erwartungsgemäß hielt der erst einmal einen Vortrag über Menschenwürde und Pietät, erkundigte sich dann nach den Indizien und lamentierte anschließend über die entstehenden Kosten sowie die mangelnden finanziellen Ressourcen. »Du lieber Himmel, Kersting, da will eine eifersüchtige Geliebte die Polizei missbrauchen, um der Ehefrau eins auszuwischen. Und Sie fallen auch noch drauf rein! Nee, kommt nicht in Frage, da müssen Sie schon mehr bringen als eine einzelne Meinung.«

»Was wiederum nur möglich ist, wenn die Leiche obduziert wird. Solange wir keinen Beweis haben, halte ich Befragungen für wenig ergiebig. Warum sollen wir Zeit mit Beschuldigungen und Vermutungen verschwenden, wenn womöglich nichts dahinter steckt? Wenn der Tote erst einmal verbrannt ist ...«

Der Polizist seufzte. Natürlich kannte er die Kosten, wusste aber auch, dass in diesem Fall Eile geboten war und eine Recherche im Umfeld des Toten wenig bis gar nichts bringen würde – solange nicht feststand, ob es sich tatsächlich um Mord handelte. Gewissheit konnte allein die Rechtsmedizin bringen.

Der Staatsanwalt murrte noch einmal und gab dann nach. »Also gut, Sie bekommen Ihren Obduktionsbeschluss. Wir sehen uns in Dortmund.«

Nachdem Kersting Beschlagnahme und Überführung der Leiche in die Wege geleitet hatte, überlegte er, ob er vor der Fahrt zur Gerichtsmedizin seinem knurrenden Magen nachgeben sollte. Er hatte schon an diversen Obduktionen teilgenommen, aber gern tat er es nicht. Allein der Geruch drohte ihn jedes Mal umzuwerfen. Andererseits fühlte er sich mit leerem Magen der Sache ebenso wenig gewachsen. Also beschloss er, zunächst der Kantine einen Besuch abzustatten. Anschließend, um die Angelegenheit noch ein wenig hinauszuzögern, legte er einen neuen Ordner an, füllte das Deckblatt aus und druckte die Angaben der Zils aus, um sie einzuheften.

4

Am folgenden Nachmittag, es war ein Mittwoch, hockte Helga Renner auf ihrem Sofa, ein Stövchen mit Teekanne vor sich, dazu Sahne, Kandis und die letzten Lebkuchen von Weihnachten. Sie dachte über Veronika und deren Mutter nach. Bis zu den Herbstferien war Veronika ihre beste Schülerin gewesen und deren Mutter Ali eine Freundin, mit der sie auch ganz private Sorgen ausgetauscht hatte. Doch seitdem ließ Ali nichts mehr von sich hören. Nach mehreren erfolglosen Versuchen hatte Helga es irgendwann aufgegeben, bei Ali anzurufen. So sehr sie einerseits dafür plädierte, eine Familie zu erhalten, hatte ihr Beruf ihr immer wieder gezeigt, wie sehr Kinder unter Zwistigkeiten zwischen den Eltern litten. Und oft war ein Ende mit Schrecken besser als ... nun ja. Aber Ali war nicht nur streng katholisch erzogen, sie hielt noch immer an den Grundsätzen der Kirche fest. Für sie wäre Scheidung eine schlimme Sache. Aber es ging auch nicht, dass Veronika so sehr unter den häuslichen Verhältnissen litt, dass ihre Zensuren sich massiv verschlechterten. Insbesondere jetzt, wo der Übergang zur weiterführenden Schule anstand. Was konnte sie, Helga, nur tun, um dem Mädchen zu helfen, wenn deren Mutter nicht zu erreichen war? So wie gestern Abend. Und heute Mittag. Wieder hatte sie eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen und wartete und hoffte, dass Ali sich endlich melden würde.

Der Tee war ausgetrunken, die Plätzchen aufgegessen, also sollte sie an den Schreibtisch zurückkehren. Da sie in den Weihnachtsferien faul gewesen war, erwartete sie nun eine Menge Arbeit. Während sie das Teegeschirr in die Küche trug, klingelte es. Zu dieser Zeit rechnete sie nicht mit Besuch. Umso überraschter war sie, als sie die Stimme ihres Freundes über die Sprechanlage vernahm, weshalb sie den Knopf für den Türöffner viel länger malträtierte als notwendig. Erst das laute Quietschen des Aufzugs ermahnte sie, doch endlich loszulassen und die Wohnungstür zu öffnen.

»Was tust du denn hier? Jetzt schon? Aber ich freu’ mich natürlich, dass du da bist«, stotterte sie.

Der Polizist lachte. »Ich komme sozusagen dienstlich.« Er genoss ihr sprachloses Staunen, während er in aller Ruhe seinen Mantel auszog und aufhing. Dann erst strich er ihr zärtlich eine vorwitzige Strähne aus der Stirn, nahm ihren Kopf in beide Hände und küsste sie leidenschaftlich, bis der Funke übersprang. Es dauerte lange, bis sie sich schwer atmend voneinander lösten und er wieder sachlich wurde. »Du warst doch mal in Mexiko«, fragte er auf dem Weg in die Küche. Ihm gefiel der kleine Raum mit dem roten, chinesischen Lampion über dem Tischchen, den hohen, koreanischen Blumentöpfen auf der Fensterbank und den ägyptischen Götterbildern über der Spüle. Obwohl eigentlich nichts zusammenpasste, schien trotzdem alles irgendwie zusammenzugehören. Während er sich auf seinem gewohnten Hocker niederließ, schaltete Helga den Wasserkocher an.

»Ja, vor drei oder vier Jahren. Tee oder Kaffee?«

»Tee, bitte.« Er lehnte sich zurück, wobei er mit dem Rücken an den Schrank stieß. »Es geht um Folgendes: Gibt es oder kennst du einen besonderen mexikanischen Kaffee?«

Helga lachte. »Klar, Café de olla. Hat der etwa mit einem neuen Fall zu tun?«

Kersting nickte. »Du müsstest eigentlich mitbekommen haben, dass dein Kollege Wohlfang am Montag zusammengebrochen ist.«

Sie unterbrach ihn. »Warst du deswegen heute Morgen in der Schule? Ich dachte, ich hätte dich von Weitem gesehen, war mir aber nicht sicher und konnte es mir auch nicht vorstellen.«

Da die Grundschule endlich saniert wurde, hatten Schüler und Lehrer ausziehen müssen. Einige Klassen waren in anderen Grundschulen untergebracht, die dritten in der Hauptschule und die vierten im Gymnasium. Ursprünglich hatte das Kollegium gehofft, noch vor Weihnachten in ihr altes Gebäude zurück zu können, doch die Arbeiten zogen sich – wie üblich – länger hin als vorgesehen.

»Nein«, fuhr Helga dann fort. »Wir haben nichts mitbekommen. Unsere drei Klassen sind unten im Keller untergebracht, mit winzigen Fenstern zur Schulhofseite. Da sieht und hört man nichts. Falls mal ein Feuer ausbrechen sollte ... besser nicht drüber nachdenken. Sie haben einen Teil des Schulhofes extra für die Kleinen abgesperrt, was heißt, dass wir dort auch Aufsicht führen müssen. Und weil wir im Lehrerzimmer, äh, eher geduldet als willkommen geheißen werden, sind wir meist zu dritt draußen, oder, wenn das Wetter schlecht ist, treffen die anderen beiden sich in einem Klassenraum.«

Als Klaus sie verständnislos anschaute, holte sie etwas weiter aus. »Nun ja, einige dieser Doktoren haben uns deutlich zu verstehen gegeben, dass unsere Ausbildung ja nur ein Schmalspurstudium sei und wir nicht einmal fähig seien, unsere Schüler vernünftig auf ihren weiteren Lebensweg, sprich Gymnasium, vorzubereiten. Da haben wir es halt vorgezogen, keine Reibungsflächen zu bieten und uns im Lehrerzimmer so wenig wie möglich blicken zu lassen. Gestern erfuhren wir dann vom Hausmeister, dass ein Lehrer einen Herzanfall hatte. Aber ... es war wohl kein Herzanfall, wie?«

»Nein, es war Gift und vermutlich seiner ganz speziellen Kaffeemischung beigefügt. Deswegen bin ich hier.«

Sein Auftauchen im Gymnasium heute Morgen hatte nervöse Unruhe verursacht. Der Direktor hielt Mord für ausgeschlossen. An seiner Schule gab es so etwas nicht! Doch schließlich musste auch er sich den Fakten beugen. Eine erste allgemeine Befragung der Lehrer, die sich in der Pause im Lehrerzimmer aufhielten, verlief wie erwartet. Selbstverständlich war Wohlfang ein guter Lehrer gewesen und selbstverständlich auch ein freundlicher und hilfsbereiter Kollege. Jeder mochte ihn, die Schüler eingeschlossen, und es gab überhaupt keinen Grund, ihm etwas anzutun – behauptete einstimmig das Kollegium. Fast einstimmig. Einige wenige hielten sich bei den allgemeinen Lobeshymnen auffallend zurück. Der Polizist hatte sich Namen und Gesichter gemerkt und würde sie später einzeln ins Büro vorladen. Erfahrungsgemäß wurden manche Zeugen gesprächiger, wenn man sie allein befragte, noch dazu in offizieller Atmosphäre. Wirklich interessant war nur Wohlfangs Marotte, ausschließlich seine eigene, ganz besondere Kaffeemischung zu trinken.

»Seitdem der mal in Mexiko war, trank er nur noch dieses abscheuliche Gebräu«, wusste Frau Doktor Meeren, die Geografie und Geschichte unterrichtete. »Den Kaffee kaufte er extra in Holland, weil er dort schärfer gebrannt wird, aber was sonst noch hineinkam weiß ich nicht. Ich habe einmal an dem Gesöff gerochen, das reichte mir.« Sie schüttelte sich demonstrativ.

Die anderen Kollegen nickten zustimmend. Niemand wusste genau, was die Mischung enthielt, aber es hatte auch keinen wirklich interessiert.

»Also, falls er tatsächlich vergiftet wurde und es feststeht, dass er das Gift kurz vor seinem Tod zu sich nahm, dann kann es nur in dem Kaffee gewesen sein«, meinte ein anderer Kollege. »Keiner von uns rührte seine Dose an. Und die ist unverwechselbar.« Er zeigte auf eine alte, messingfarbene Blechdose, die mit Herzen und Engelchen verziert war und in einer Ecke der Küchenzeile stand.

»Bereitete er denn seinen Kaffee selbst zu?«

»Natürlich. Eine Zeitschaltuhr sorgte für pünktlich kochendes Wasser. Und wehe, jemand bediente sich vor ihm. Dann konnte er fuchsteufelswild werden. Das war sein Wasser für seinen Kaffee. Regelmäßig brühte er zu Beginn der Pause zwei große Pötte auf. Angeblich brauchte er viel Flüssigkeit.«

»Und am Montag?«

»So wie immer. Nur, dass er über Kopfschmerzen klagte und meinte, keinen Unterricht machen zu können. Als ihm dann auch noch übel wurde, hat jemand den Krankenwagen gerufen. Frau Doktor Jibben hat ihn begleitet.«

Kersting bugsierte die besagte Dose vorsichtig mithilfe eines Taschentuches in eine der Plastiktüten, die er stets dabeihatte. Zuerst mussten die Fingerabdrücke abgenommen, anschließend der Inhalt toxikologisch untersucht werden.

»Hatte er denn kein Frühstücksbrot dabei?«, fragte er neugierig. »Oder könnte er vorher während des Unterrichts etwas gegessen haben?«

Ein fülliger Lehrer ging in die Luft wie früher das HB-Männchen. »Bei uns wird während des Unterrichts doch nicht gegessen. Was denken Sie denn? – Doktor Plura, Chemie und Physik«, stellte er sich nachträglich vor.

Die anderen schüttelten synchron die Köpfe. »Kollege Wohlfang achtete auf seine Figur. Vormittags trank er grundsätzlich nur seinen Kaffee. Angeblich munterte der ihn auf.«

»Und gesund soll er auch gewesen sein.« Als die Meeren die betretenen Gesichter sah, fügte sie ein »Sorry, war nicht so gemeint«, hinzu.

»Aber ... aber das würde doch bedeuten, dass einer von uns ...« stotterte eine junge Kollegin im Sportdress.

Plötzlich misstrauisch geworden, rückten sie auseinander und starrten sich abschätzend an bis Oberstudiendirektor Hohlberg sich laut und deutlich einmischte. »Unsinn! Wer weiß, wann und wo er das Zeug zu sich genommen hat. Von uns hat jedenfalls niemand ein Motiv!« Mehr drohend als fragend schaute er sich um.

Es klingelte. Einer nach dem anderen erhob sich, griff nach Büchern oder Tasche und verließ den Raum.

»Tut mir leid, dass wir Ihnen nicht mehr sagen können, aber Sie werden den Täter im privaten Umfeld suchen müssen. Hier war der Kollege bei Schülern und Lehrern beliebt.« Mit diesen Worten eskortierte Hohlberg den Polizisten hinaus.

Da Kersting keine Lust hatte, die Einzelheiten über mexikanischen Kaffee im Internet zu recherchieren, war er zu Helga gefahren, in der Hoffnung, das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden zu können.

»Also«, erklärte Helga, »Café de olla ist ein scharf gerösteter, bitterer Kaffee, der mit Nelken, Zimt und Kardamom versetzt wird. Er hat einen eigentümlichen, leicht strengen Geschmack. Ich habe ihn in Mexiko mit viel Zucker getrunken, zu meinen Lieblingsgetränken wird er aber nie zählen.«

»Der Geschmack könnte also den des Giftes überdecken?«