Mit Südtirol am Scheideweg - Friedl Volgger - ebook

Mit Südtirol am Scheideweg ebook

Friedl Volgger

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Opis

Friedl Volgger (1914-1997) stand als Politiker und Journalist fast ein halbes Jahrhundert an vorderster Front im Kampf um Südtirol. In seinen Memoiren schildert er u. a. die tragische Zerrissenheit der Südtiroler Bevölkerung in den Jahren der Option, als es galt, sich im Kreuzfeuer massiver Drohungen und raffinierter Propaganda für ein Verbleiben im faschistischen Italien oder eine Aussiedlung ins nationalsozialistische Deutschland zu entscheiden, seine Haft in Dachau, das vergebliche Bemühen um einen Wiederanschluss an Österreich nach 1945 und das Ringen um eine Autonomie. "Mit Südtirol am Scheideweg", 1984 erstmals erschienen, stieß auf große Resonanz, erlebte mehrere Auflagen und auch eine Übersetzung ins Italienische. Seit Jahren vergriffen, wird es anlässlich des 100. Geburtstages von Friedl Volgger am 4. September 2014 neu aufgelegt, ergänzt mit seinen Briefen aus Dachau und Beiträgen seiner drei Kinder sowie von Journalisten und Historikern.

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Zum Buch

Friedl Volgger (1914 – 1997) stand als Politiker und Journalist fast ein halbes Jahrhundert an vorderster Front im Kampf um Südtirol. In seinen Memoiren schildert er u. a. die tragische Zerrissenheit der Südtiroler Bevölkerung in den Jahren der Option, als es galt, sich im Kreuzfeuer massiver Drohungen und raffinierter Propaganda für ein Verbleiben im faschistischen Italien oder eine Aussiedlung ins nationalsozialistische Deutschland zu entscheiden, seine Haft in Dachau, das vergebliche Bemühen um einen Wiederanschluss an Österreich nach 1945 und das Ringen um eine Autonomie.

„Mit Südtirol am Scheideweg“, 1984 erstmals erschienen, stieß auf große Resonanz, erlebte mehrere Auflagen und auch eine Übersetzung ins Italienische. Seit Jahren vergriffen, wird es anlässlich des 100. Geburtstages von Friedl Volgger am 4. September 2014 neu aufgelegt, ergänzt mit seinen Briefen aus Dachau und Beiträgen seiner drei Kinder sowie von Journalisten und Historikern.

Es ist das politische Testament eines großen Südtirolers, dem 2014 in Bozen auch ein Platz gewidmet wurde.

Die Drucklegung erfolgte mit Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen – Amt für deutsche Kultur, der Autonomen Region Trentino-Südtirol sowie der Stiftung Südtiroler Sparkasse über das Südtiroler Kulturinstitut

© Edition RaetiaÜberarbeitete und ergänzte Neuauflage, Bozen 20141. Auflage, Haymon, Innsbruck 1984, erschienen unter dem Titel „Mit Südtirol am Scheideweg.Erlebte Geschichte“Umschlagfoto: Othmar Seehauser, BozenDruckvorstufe: Typoplus, FrangartKorrektur und Lektorat: Ex Libris Genossenschaft, Bozen

ISBN Print: 978-88-7283-501-2ISBN E-Book: 978-88-7283-515-9

Unser Gesamtprogramm finden Sie unter www.raetia.comFragen und Anregungen richten Sie bitte an [email protected]

Inhalt

Der Volgger Friedl

Vorwort zur Neuauflage von Gottfried Solderer

Es sei, wie es wolle, es war doch so schön!

„Kehren Sie nach Südtirol zurück!“

Jugend und Studium • Erste Bekanntschaft mit dem Nationalsozialismus • Der „Anschluss“ und das Umsiedlungsabkommen • Bei den „Dolomiten“

Das große Trauerspiel beginnt

Der Deutsche Verband, der Völkische Kampfring Südtirols und ihre Haltung zur Option • Propagandaschlager und Drohungen

Ein polizeibekanntes Gesicht

Erste Verhaftungen • Einsatz für Geheimschulen und Sprachkurse im Sündenregister • Haltungsänderung der Italiener in der Optionsfrage

Warum der VKS die Fahne strich

Gründe und Hintergründe • Verzweifelte Hoffnungen und missbrauchte Ideale • Schikanen und Hass gegen die Dableiber

„Am Erker blühet wie immer …“

Der Andreas-Hofer-Bund • Italiens Kriegseintritt und das Bemühen um Freistellung wehrpflichtiger Dableiber

Das Verbrechen verhindern

Umsiedlungskommissar Mayr-Falkenberg als Gegner der Umsiedlung • Interventionen in Rom • Denkschrift für Roosevelt

Der Szenenwechsel kam über Nacht

Besetzung Südtirols durch die Deutschen • „Operationszone Alpenvorland“ • Verfolgung führender Dableiber

In den Fängen von Gestapo und SS

Haft und Verhör in Bozen • Einlieferung in das Lager Reichenau bei Innsbruck

Nr. 66166 in Hitlers Todesmühle

Ein Jahr Dachau • Das Lagerleben in der „goldenen Zeit“ • Arbeit am Schreibtisch • Schreckensbilder vor der Befreiung

Heimkehr über die Berge

Abschied von Dachau und Gorbachs Appell • Herzlicher Empfang in Innsbruck und in Südtirol • Wichtige Neuigkeiten

Die ersten Schritte der Volkspartei

Die Amerikaner und die SVP • Dableiber verzichten auf Abrechnung • Schwierige Aufbauarbeit • Besuch in Wien

„Herr, mach uns frei!“

Vergebliche Kundgebungen für das Selbstbestimmungsrecht • Die Entscheidung der Außenminister • Auf Schleichwegen zur Friedenskonferenz nach Paris

Das Entweder-Oder in Paris

Hinter den Kulissen der Friedenskonferenz • Das Gruber-Degasperi-Abkommen und der Kampf um seine Aufnahme in den italienischen Friedensvertrag

Auf dem römischen Parkett

Hochpolitische Besuche mit Kanonikus Gamper • Autonomieverhandlungen Anfang 1948 • Aufgaben und Tricks eines Abgeordneten

Von der Bozner Redaktionsstube zum Wiener Ballhausplatz

Abschied vom Parlament und Eintritt in die „Dolomiten“ • Der Tod von Kanonikus Gamper • Gespräche und Pläne in Österreich

Ein schwerer Fehlgriff der Justiz

Verhaftung am 1. Februar 1957 • Sprengstoffanschläge als Grund • Proteste aus ganz Europa und Freilassung

Die „Palastrevolte“ in der SVP und der Tag von Sigmundskron

Führungswechsel in Südtirol und neue Männer in Wien • Härterer Kurs unter der Parole „Los von Trient“ • Die Spannung steigt

Ins Blickfeld der Welt gerückt

Das Südtirolproblem vor der UNO • Diplomatie auf höchster Ebene • Informationsgespräche, Debatten, Resolutionen, Abstimmungen • Wie es zum Erfolg kam

Die „Feuernacht“ und ihre Folgen

Die Hintergründe der Anschläge von 1961 • Polizeiaktionen, Folterungen und Familien in Not • Der Mailänder Prozess

An allen Fronten der Paketschlacht

Die Abstimmung vom 23. November 1969 und ihre Vorgeschichte • Aus Vorschlägen, Gegenvorschlägen und Kompromissen entsteht neue Autonomie • Im Eiltempo durchs Parlament

Das Beste in meinem Leben

Familie, Politik und Journalismus • Mit Gedanken und Problemen der Jugend konfrontiert • Kampf der Drogensucht

Hoffnungsvoll in die Zukunft

Beobachtungen und kritische Gedanken zur heutigen Situation Südtirols und der Südtiroler

ANHANG

Die Briefe aus Dachau

Vorwort zu den Briefen von Burgi, Meinrad und Florin Volgger

Politiker und Zeitzeuge zwischen Staatsräson und Einmischung

Günther Pallaver

Vicino alle persone / Nah am Menschen

Lucio Giudiceandrea

So wie er halt war, der Friedl

Hanna Molden

Zeittafel zum Leben und Wirken von Friedl Volgger

Bildnachweis

Zum Autor

Der Volgger Friedl

Einige mögen 1984 an George Orwell gedacht haben, die aufrechten Tiroler hingegen an ihren Nationalhelden Andreas Hofer. 175 Jahre zuvor hatte der Sandwirt aus St. Leonhard in Passeier in seinem Kampf gegen die napoleonischen und bayerischen Truppen die große Weltgeschichte aufgehalten, um dann schließlich von französischen Kugeln durchlöchert in Mantua zu sterben. Es war im selben Jahr 1984, als ein weniger bekannter Held aus Südtirol von sich reden machte. Friedl Volgger, erster Obmann des von Südtiroler Widerständlern gegründeten Andreas-Hofer-Bundes und damit in der Tradition des gefeierten Passeirers, veröffentlichte im Innsbrucker Haymon-Verlag seine erlebte Geschichte. „Mit Südtirol am Scheideweg“ wurde tatsächlich zu einem Wendepunkt in der Tiroler Geschichtsschreibung, die „Dableiber“, also jene Südtiroler, die sich gegen eine Umsiedlung ins Großdeutsche Reich entschieden hatten, waren nun endlich medial präsent. „Nie hätte ich mir träumen lassen“, schrieb Volgger im Vorwort zur zweiten Auflage, „dass mein bescheidenes Werk ein so reges Interesse breiter Bevölkerungsschichten in Südtirol, ja ganz Österreich und weit darüber hinaus auslösen würde.“ Tatsächlich erlebte das Buch auch noch eine dritte Auflage, die rund 11.000 Mal über den Ladentisch ging und somit österreichweit ein Bestseller wurde. Der Bozner Verlag „Praxis 3“ übersetzte das Werk schließlich auch ins Italienische.

Das Erfolgsgeheimnis: Es gab damals noch kaum zeitkritische Veröffentlichungen über die Südtiroler Geschichte, die neue Generation dürstete aber nach alternativer Information. Und Friedl Volgger als Journalist des „Volksboten“ war es gewohnt, dem Volk aufs Maul zu schauen und seinen Schreibstil dessen Geschmack anzupassen. In „Räuber-und-Gendarm-Manier“ führte er seine Leser durch die spannenden Kapitel der Südtirolgeschichte, angefangen beim großen Trauerspiel rund um die Option, über den verloren gegangenen Kampf um den Wiederanschluss an Österreich bis hin zum erfolgreichen Paketabschluss. Friedl Volgger kam ohne wissenschaftlichen Ballast, ohne Fußnoten und bibliografische Hinweise aus, seine Geschichte war eine erlebte und das machte sie auch für eine junge Leserschaft lebendig.

Deshalb die Entscheidung, das vergriffene Werk zu Volggers 100. Geburtstag neu aufzulegen, angereichert mit seinen von den Kindern kommentierten Briefen aus Dachau und Beiträgen von Historikern und Wegbegleitern. Ein paar Kapitel, die aus heutiger Sicht weniger von Belang sind, wurden im Einverständnis mit den Angehörigen Volggers gestrichen, denen im Übrigen der Dank des Verlages für die wertvolle Zusammenarbeit gilt.

Das Buch erscheint, wie schon seine dritte Auflage, in memoriam eines großen Südtirolers, nach dem noch heuer in Bozen der Platz vor unserem Verlagssitz benannt wird.

Gottfried Solderer, 4. September 2014

Es sei, wie es wolle, es war doch so schön!

Dieses Faustwort hat der berühmte Berliner Theaterkritiker und Schriftsteller Alfred Kerr zum Titel eines seiner Werke gewählt, das aus Tagebüchern, Erinnerungen und Gedanken zum Weltgeschehen entstand. Meine Lebenserinnerungen könnten die gleiche Überschrift tragen. Sie enthalten einen Dank an ein großes Lebensglück und einen Hauch von Schmerz.

Der Weg von der Wiege in der kleinen Stube des verwitterten Bodner-Häusleins im Bergdorf Ridnaun am Südhang der Stubaier Alpen bis zum Glaspalast der Vereinten Nationen war lang und weit. Wie für jeden Menschen hatte er seine Höhen und Tiefen, seine Irrungen und Wirrungen. Südtirol stand in diesem Jahrhundert oft an einem Scheideweg. Mit dem Land musste auch ich mich für einen Weg entscheiden.

Fünf Jahre, von 1914 bis 1919, durfte ich österreichischer Staatsbürger sein. Dann übernahm mich Italien, ohne dass mir damals die Wandlung schon bewusst wurde. Staatsbürger Hitler-Deutschlands wollte ich nicht werden, obwohl die Italiener gerne auf mich verzichtet hätten. Diese Weigerung im Jahre 1939 anlässlich der sogenannten Option brachte mir 1943 Hitlers Konzentrationslager Dachau ein.

Als ich mich dort nach dem Aus der schrecklichen braunen Diktatur vom späteren österreichischen Kanzler Alfons Gorbach verabschiedete, drückte er mir ganz fest die Hand. Und der Träger der Goldenen Tapferkeitsmedaille des Ersten Weltkrieges, die ihn nicht hatte vor dem KZ bewahren können, sagte nachdenklich: „Friedl, merk dir eines: Alle künftigen Lebenstage sind für uns beide geschenkte Tage. Eigentlich müssten wir wie Zehntausende anderer Kameraden durch den Kamin gegangen oder in einem Massengrab verscharrt worden sein.“ Ich habe diese Worte Gorbachs nie vergessen. Sie blieben mir besonders in nicht leichter Stunde oberster Wegweiser. Nach Kriegsende hoffte ich, wieder Österreicher werden zu können. Aber die Sieger des Zweiten Weltkrieges machten mir einen dicken Strich durch die Rechnung. So lebte ich als Tiroler in Italien weiter.

Darf ich den Überheblichen spielen? Ich bin der einzige Südtiroler Politiker, der mit den faschistischen, den nationalsozialistischen und auch mit Italiens demokratischen Gefängnissen Bekanntschaft machte. Meine vier Verhaftungen widerspiegeln härteste Epochen der Südtiroler Geschichte. Unvergesslich wird mir der Widerhall bleiben, den meine vierte Verhaftung im Februar 1957 auslöste, als ich als verantwortlicher Schriftleiter der Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ amtierte. Nicht nur in der deutschsprachigen Presse aller Schattierungen, sondern auch in den internationalen Blättern brach ein Sturm der Entrüstung aus. Pressevereinigungen protestierten, Dachauer Kameraden schrieben mir Solidaritätsbriefe, im englischen Unterhaus wurden Anfragen eingebracht. Die Italiener bliesen bestürzt zum Rückzug. Sie hatten wirklich einen bösen Fehlgriff gemacht. Nach zweieinhalb Monaten wurde ich mit allen Ehren nach Hause entlassen. Damals fühlte ich mich fast als eine europäische Persönlichkeit.

Unter den Südtirolern galt mein Wirken in erster Linie den Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens geboren wurden und dort leben müssen. Das hat mir politisch wenig Lorbeeren eingebracht. Die herzlichen „Vergelts Gott“ von armen Leuten, oft mit Tränen in den Augen, haben mich reichlich entschädigt. Einen Dank sage ich dafür, dass mir vergönnt war, einen Beitrag zur Erhaltung meiner Südtiroler Heimat zu leisten. Einen Hauch von Schmerz verspüre ich, weil die politische Einheit des Landes Tirol trotz allen Einsatzes nicht erreicht wurde. Sie ist für mich ein Traum geblieben. Aber die Geschichte ist kein stehendes Wasser. Sie ist ein Fluss. Danken möchte ich für das große Glück, dass ich eine Frau an meiner Seite haben durfte, die mir in allen Lebenslagen nicht nur eine sehr liebe und sehr verständnisvolle, sondern auch eine sehr, sehr tapfere Wegbegleiterin war.

Es sei, wie es wolle! Wenn ich nochmals anfangen sollte, ich möchte das meiste noch einmal erleben. Mir waren wirklich ein schönes Leben und eine schöne Aufgabe beschieden.

Mit den Erinnerungen aus meinem Leben wollte ich für die heutige Generation zur Geschichte Tirols in diesem Jahrhundert ein paar Streiflichter beisteuern. Vielleicht wird sie dann die jüngste Vergangenheit und damit auch die Gegenwart besser verstehen und unsere Erfahrungen mit einbeziehen, sollte auch sie einmal an einem Scheideweg stehen.

Bozen, im März 1984Friedl Volgger

„Kehren Sie nach Südtirol zurück!“

Jugend und Studium • Erste Bekanntschaft mit dem Nationalsozialismus • Der „Anschluss“ und das Umsiedlungsabkommen • Bei den „Dolomiten“

Mit einem Ruck stand der kleine Mann hinter dem großen Tisch auf. Er blickte uns ernst, sehr ernst an. „Meine Herren, Sie haben mir eine heikle Frage gestellt. Ich will Ihnen die Antwort nicht vorenthalten. Als Parteigenosse müsste ich Ihnen sagen, Sie müssen dem Ruf des Führers folgen und ins Reich umsiedeln. Aber als Deutscher“ – und seine Stimme schwoll an – „sage ich Ihnen, kehren Sie nach Südtirol zurück und bleiben Sie mir ja im Lande drinnen. Und wenn Sie keine Arbeit finden, gehen Sie auf eine Alm, um Schafe zu hüten.“ Zwei schnelle, feste Händedrücke, der Mann fuhr sich mit der einen Hand über die Augen und drehte sich rasch um. Schon standen wir vor der Tür.

Der Mann war Univ.-Prof. Dr. Harold Steinacker, erster Rektor der Universität Innsbruck nach dem von Hitler erzwungenen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Vinzenz Oberhollenzer und ich standen vor der Promotion. Man schrieb Juni 1939. Da kam ganz böse Kunde. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich an der Hochschule die Nachricht von einem zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien geschlossenen Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler. Die Faschisten hatten die Tiroler südlich des Brenners, die nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Saint Germain (1919) von Österreich abgetrennt worden waren, durch brutale Entnationalisierungsmaßnahmen zu Italienern umerziehen wollen. Am eisernen Widerstand des Volkes scheiterte dieser Versuch kläglich. Daraufhin wurden durch die Errichtung von wirtschaftlich unrentablen Fabriken in Bozen Massen von Italienern ins Land geschleust, welche die Südtiroler in der eigenen Heimat zur Minderheit machen sollten. Als auch dieses Programm nicht zum Ziele führte, beschlossen die beiden inzwischen befreundeten Diktatoren in Rom und Berlin, die lästige Südtirolfrage durch die Aussiedlung der Bevölkerung aus der Welt zu schaffen.

An der Innsbrucker Universität wollten manche diese Meldung zunächst als eine Hetze der „Schwarzen“ hinstellen. Aber bald mussten sich alle eines Besseren belehren lassen. Nähere Einzelheiten erfuhr man vorerst noch keine. Man wusste nicht, ob alle Südtiroler ins Reich „heimgeholt“ würden oder nur ein Teil. Man blieb im Unklaren, ob alle ihre Heimat verlassen müssten oder nur die, welche einen Antrag stellten. Fest stand nur, dass ein Übereinkommen zur Umsiedlung zwischen Berlin und Rom getroffen worden war.

Die Empörung unter den Hochschülern kannte keine Grenzen. Am lautesten wetterten gegen die Preisgabe Südtirols die Kommilitonen, welche in SS- oder SA-Uniformen die Bänke der Hörsäle drückten. Wir wenigen Südtiroler Studenten standen im Mittelpunkt des Geschehens. Vinzenz Oberhollenzer und ich suchten um eine Aussprache mit Rektor Steinacker an, den wir als unseren Geschichtsprofessor immer schon hoch verehrt hatten. Er zeigte volles Verständnis, dass wir unter solchen Umständen nicht gewillt waren, zu der für die ersten Julitage anberaumten feierlichen Promotion anzutreten. Er erteilte den Auftrag, unsere Promotionsurkunden gleich vorzubereiten und uns auszuhändigen. Zuletzt fragten wir Steinacker, wie wir uns grundsätzlich zur geplanten Umsiedlung verhalten sollten. Da stand der Rektor auf und gab uns die eingangs zitierte Antwort.

Bei den „Dolomiten“ in Bozen, bei denen ich schon 1938 als Praktikant gearbeitet hatte, wurde ich als Neodoktor herzlich willkommen geheißen. Die Faschisten hatten im Oktober 1926 mit dem „Volksboten“, einer Wochenzeitung, die letzte deutschsprachige Zeitung verboten. Das Tagblatt „Der Landsmann“ hatte schon im Oktober 1925 sein Erscheinen einstellen müssen. Kanonikus Michael Gamper, dem Chef der Verlagsanstalt Athesia, der früheren Tyrolia, gelang es mit Hilfe des von Mussolini hochgeschätzten Jesuitenpaters Tacchi-Venturi, am Jahresende 1926 die Zustimmung der Regierung zur Wiederherausgabe des „Volksboten“ und der Neugründung einer dreimal die Woche (Montag, Mittwoch, Samstag) erscheinenden Zeitung mit dem Namen „Dolomiten“ zu erreichen. Die „Dolomiten“ hatte es als einmal die Woche herauskommendes Sportblatt schon vorher gegeben. Es war von Josef Eisendle aus Pflersch redigiert worden, der jetzt zum verantwortlichen Direktor des „Volksboten“ und der „Dolomiten“ ernannt wurde. Der „Volksbote“ erschien am Donnerstag in einer Stadt- und einer Landausgabe, wobei sich die Stadtausgabe inhaltlich völlig mit den „Dolomiten“ deckte; es war sozusagen eine verschleierte vierte Nummer.

Kanonikus Michael Gamper hatte mich schon in den ersten Semesterferien 1938 probeweise bei den „Dolomiten“ eingestellt. Zu verdanken hatte ich die Stelle dem Pfarrer meines Heimatortes Ridnaun am Südhang der Stubaier Alpen. Pfarrer Stefan Engl hatte mich im Herbst 1925 im Alter von elf Jahren ins Bischöfliche Gymnasium Vinzentinum in Brixen „in die Studi“ geschickt. Natürlich war ich als Geistlicher vorgesehen. Mutter war über diese Zukunftsaussicht überglücklich. Sie sah mich wohl schon am Altare stehen. Sicher war auch Vater nicht unglücklich, obwohl er etwas davon murmelte, er verliere mit mir seinen „besten Goaser“. Auch fiel mir der Abschied vom Bodner-Häusl und von den treuherzigen Tieren, die ich seit meinem sechsten Lebensjahr im Sommer als Hirte betreut hatte, gar nicht leicht. Doch ich sollte ja einmal eine viel größere Herde hüten …

Mein Vater Josef Volgger, geboren 1878, besaß auf der Sonnenseite von Ridnaun ein kleines Bauernhöfl. Die um ein Jahr jüngere Mutter Notburga stammte vom Plankhof. Wir waren drei Brüder: Josef, Jahrgang 1911, David, geboren 1917, und ich, geboren am 4. September 1914. Wir konnten fünf bis sechs Stück Rindvieh – Kalbinnen mitgerechnet –, ein Dutzend Ziegen und ebenso viele Schafe halten. Das Einkommen reichte natürlich nicht, um die fünfköpfige Familie ernähren zu können. Vater pachtete jeden Sommer irgendeine Alm. Er war mit Leib und Seele Senner, wie überhaupt das Vieh bei ihm hoch im Kurs stand. Die Alm brachte einen kleinen zusätzlichen Verdienst. Vater war eher wortkarg, dafür erzählte uns die Mutter umso lieber alle Geschichten und Tagesneuigkeiten aus Ridnaun.

Mit sechs Jahren trat ich meinen ersten Beruf an: Ich wurde zum Ziegenhirten, zum „Goaser“ bestellt. Den ganzen Sommer trieb ich jeden Tag die Tiere von uns und von den Nachbarn auf den Berg und abends wieder heim. Droben traf ich mich mit dem Kollegen anderer Höfe, meinem Vetter Leopold Faßnauer. Wir verstanden uns gut und halfen uns gegenseitig immer aus. Natürlich gingen wir immer barfuß. Unsere Fußsohlen wurden so hart, dass wir über Stock und Stein sprangen, ohne etwas zu spüren. Schuhe gab es nur im Winter und zum „Kirchengehen“. Auch Mäntel waren für uns kein Begriff. Dafür trugen wir fleißig einen fast immer zu großen Hut. Das Mittagessen nahmen wir in einem kleinen Rucksack mit. Meistens bestand es aus Schmarrn oder Schwarzplenten.

Das Leben daheim sah ziemlich arm aus. In der Früh gab es Brennsuppe, abends Gerstensuppe oder Mus, mittags irgendein Mehlgericht oder Knödel. Fleisch kam nur in der Weihnachtszeit auf den Tisch und am Kirchtag, der am letzten Sonntag im August gefeiert wurde. Malzkaffee trug es höchstens an Sonn- und Feiertagen. Das Brot, das zweimal im Jahr gebacken wurde, war bald steinhart, aber es schmeckte. Im Frühjahr gaben die Kühe meistens zu wenig Milch, sodass wir zur Schafmilch unsere Zuflucht nahmen. Geheizt wurden nur Stube und Küche. In den Schlafkammern, wenn man diese Räume überhaupt so nennen kann, herrschte bittere Kälte. Der Wind trieb den Schnee durch die Ritzen zwischen den Holzbalken. So lag in der Früh beim Aufstehen manchmal eine weiße Schicht auf den Betten. Trotzdem wuchsen wir auf und freuten uns des Lebens.

Der „Polt“ und ich waren als gute Goaser bekannt. Nie ist es uns passiert, dass wir eine Ziege abends nicht heimbrachten. Der Vater schenkte mir für mein Hüten jedes Frühjahr ein Kitz. Mit den Eltern habe ich mich immer sehr gut verstanden. Der Vater schätzte mich wegen meiner Hüterqualitäten. Der Mutter war ich ans Herz gewachsen, weil ich ihr, auch noch als Hochschüler, immer die schweren Hausarbeiten abnahm, sooft ich daheim war. Für das Stubenbodenspülen entwickelte ich mich zu einem richtigen Fachmann.

Der Bruder Josef wollte das Tischlerhandwerk erlernen, aber der Vater erlaubte es ihm nicht. Bruder David begann drei Jahre nach mir sein Studium im Vinzentinum in Brixen. Er versuchte sich auch in Theologie, nahm aber schon nach einem halben Jahr Abschied vom Seminar. Später trat er als Angestellter bei der Verlagsanstalt Athesia ein. Zwischen uns drei Brüdern herrschte immer bestes Einvernehmen. Wir standen fest zueinander, wie es uns die gute Mutter immer ans Herz gelegt hat. Seppl übernahm nach dem Tode des Vaters im Jahre 1959 den Heimathof. Gleichzeitig blieb er aber weiter Straßenwärter. Diesen sehr begehrten und einträglichen Posten hatte ihm die Landesverwaltung 1950 übertragen. Seppl heiratete Marianne Wieser vom Sillerhof, die eine tüchtige Bäuerin war und fünf Kindern das Leben schenkte. Er starb 1968 an einem bösen Halsleiden. David erlag 1965 einem Herzinfarkt, ausgerechnet während der Ferien auf dem Ritten. Er hatte im Jahre 1944 Carla Calzà geheiratet, die mich nach meiner Heimkehr von Dachau bis zu meiner Heirat sehr fürsorglich betreute.

An die ersten Jahre im Vinzentinum habe ich nur die besten Erinnerungen. Internat und Schule waren 1873 vom Fürstbischof Vinzenz Gasser als Stätte für die Heranbildung des Klerus gegründet worden. In der Faschistenzeit wurde das Vinzentinum zu einem wichtigen geistigen Zentrum und zur Ausbildungsstätte eines großen Teils der späteren Elite Südtirols. Neben der zweiten katholischen Privatanstalt, dem Johanneum im Dorf Tirol bei Meran, war das Vinzentinum die einzige höhere Schule, in der in deutscher Sprache unterrichtet werden durfte.

Ich lernte leicht. Besonders gern mochte ich das Fach Deutsch. Als Hausaufgabe schrieb ich einmal die „Geschichte eines Wassertropfens“. Meinem Professor Wilhelm Wassermann, dem späteren langjährigen Direktor der Anstalt, gefiel sie anscheinend so gut, dass er sie Pfarrer Engl zeigte. Dieser nahm sie an sich und gab sie Kanonikus Gamper zu lesen, mit dem er als Aktionär der Verlagsanstalt öfter zu tun hatte. Auch in den Augen Gampers fand die Geschichte Gnade. Als ich später als Hochschüler in Innsbruck für die Sommerferien 1938 eine Beschäftigung suchte, sprach Pfarrer Engl mit Gamper. Der Kanonikus zog den Wassertropfen aus irgendeiner Schublade. Und ich war angestellt. Ein Wassertropfen hat mich also zu meinem Beruf geführt.

Im sechsten Schuljahr wurde mir das Vinzentinum immer mehr zu eng. Wir hatten in unserer Klasse vier Mitschüler, die jeden Tag vom Josefsmissionshaus in der Bahnhofsstraße zum Unterricht kamen. Sie genossen viel mehr Freiheiten als wir in der „Kiste“, wie das Vinzentinum im Studentenjargon vielfach genannt wurde. So brachen wir im siebten Schuljahr zu fünft auf und traten ins Missionshaus ein. Die St.-Josefs-Missionsgesellschaft war 1866 vom englischen Kardinal Vaughan gegründet worden. Ihr Mutterhaus stand und steht in Mill Hill, einem nordwestlichen Vorort von London. In Brixen und Absam in Nordtirol führt sie Internate. Die Schüler in Brixen besuchten sieben Jahre das Gymnasium im Vinzentinum und studierten dann vier Semester Philosophie am Brixner Priesterseminar.

Wir schwärmten von unserem künftigen Beruf. Schon allein das Wort Missionar hatte einen ganz anderen Klang als das Wort Pfarrer. Dazu kam noch ein guter Schuss Abenteuerlust. Im September 1934 zogen wir nach den zwei Jahren Philosophiestudium nach Mill Hill. Weil wir die Ausreisepapiere erst mit Verspätung erhielten, mussten Alfred Rieper, später langjähriger Pfarrer von Graun/ Vinschgau, und ich mit der Abreise länger zuwarten als die anderen. Auf der Fahrt nach England schoben wir in München eine kurze Rast ein und besuchten das Oktoberfest. Wir sagten uns, dass wir uns vor dem Abschied von der bösen Welt doch noch einmal richtig unterhalten müssten.

In Mill Hill wurden wir mit Interesse, ja geradezu mit Spannung erwartet. Dies galt bei Gott nicht unserem wissenschaftlichen Können – sondern dem Fußball. Die Engländer durften sich damals rühmen, die besten Fußballer der Welt zu sein. Auch die Theologen in Mill Hill waren die reinsten Ballkünstler. Sie machten sich beim Spiel oft über die steifen, ungeschickten Tiroler Mitschüler lustig. Uns Neuankömmlingen aus Brixen eilte der Ruf voraus, dass wir ausnahmsweise auch im Fußball unseren Mann stellten. Wir mussten unserem Ruf also notgedrungen Ehre machen. Wir taten es auch.

Die Engländer hatten jetzt bei den Länderspielen mit Tirol nichts mehr zum Lachen. Wir bezahlten für unser Draufgängertum allerdings einen zu hohen Preis. Unser rechter Flügelstürmer, Rupert Wieland aus Kiens, holte sich infolge der Überanstrengung und des Klimas die Tuberkulose und starb ein halbes Jahr später. Mich trat ein Engländer, als ich gerade einschoss, mit dem Fuß in die Bauchwand. Zwei Monate lag ich im Spital in Dollis Hill, rührend betreut von Father Fink Alfred, dem Tiroler Vertreter in der Leitung der Gesellschaft. Trotz aller Fürsorge erholte ich mich nicht. So blieb mir im März 1935 nur mehr die Heimreise.

Mit den englischen Mitschülern verstand ich mich ausgezeichnet. Nach außen gaben sie sich wohl kühl und reserviert. Wenn man aber einmal ihr Zutrauen gewonnen hatte, bewiesen sie eine Freundschaft und Kameradschaft, die kaum ihresgleichen findet. Man konnte sich auf sie in allen Lebenslagen verlassen. Vom Aufenthalt in Mill Hill rührt meine Wertschätzung und Sympathie für die Engländer her, die mich lebenslang begleitete und die auch die besten Freunde oft belächelten.

Ausgerechnet in England erwachte erstmals mein Interesse für die Politik. Eines Tages meditierten wir nachmittags bei der 5-Uhr-Andacht in der Kapelle. Da sah ich, dass mein Nachbar Ferdinand Wiedenhofer irgendein Buch in der Hand hatte, das auf den ersten Blick nicht gerade ein Gebetsbuch zu sein schien. Ich nahm es ihm aus der Hand. Der Titel lautete: „Tyrol under the axe“. Es war die englische Übersetzung des berühmten Buches von Professor Dr. Reut-Nicolussi „Tirol unter dem Beil“. Sicher hat uns der Herrgott verziehen, dass wir beide rund 14 Tage lang mehr über das Schicksal Südtirols meditierten als über fromme Themen. Dazu kam noch, dass eines Tages in der englischen Presse gemeldet wurde, Baron Paul von Sternbach, ein ehemaliger deputy im italienischen Parlament, sei von den faschistischen Behörden in den Süden Italiens verbannt worden, weil er sich für die Rechte der Südtiroler eingesetzt habe. Ich lernte den Namen Sternbach also in der Lesestube des Josefsmissionshauses in Mill Hill kennen.

Nach meiner Rückkehr nach Südtirol verbrachte ich das Frühjahr im Josefsmissionshaus in Brixen. Im Juni übersiedelte ich in das Heimatdorf Ridnaun. Dort überfiel mich im Sommer ein so starkes Nasenbluten, dass man um mein Leben bangte. Ich lag zeitweise schon bewusstlos. Es regnete in Strömen. In dem Hochtal war kein Arzt zu finden. Die Straße in die nächste Stadt Sterzing war von Muren verschüttet. Zum Glück hielt das italienische Militär damals gerade in Ridnaun Sommerübungen ab. Ein Militärarzt, den man im Hotel Sonklarhof auf der anderen Talseite benachrichtigt hatte, kam trotz des hoch angeschwollenen Talbaches in unser Haus geeilt. Er überblickte die Lage sofort und verabreichte mir eine Spritze. Das Bluten kam fast augenblicklich zum Stillstand. So hat mir höchstwahrscheinlich ein unbekannter italienischer Militärarzt das Leben gerettet.

An eine Rückkehr nach Mill Hill war nicht mehr zu denken. Der Fußball hatte meine Missionslaufbahn beendet. So entschloss ich mich, doch Pfarrer zu werden. Ich meldete mich im Herbst 1935 im Priesterseminar. Damals – bis 1938 – besuchten auch noch die Nordtiroler Theologen das Brixner Seminar. Man schloss viele Freundschaften mit den Kameraden vom Norden, die bis heute andauern. Als Beispiel möchte ich nur Max Grießenböck, den langjährigen Pfarrer von Berwang im Außerfern, nennen. Im Widum des Onkels Max hat meine Familie viele schöne Tage verbracht. Durch ihn lernte ich auch die ganze westliche Hälfte Nordtirols kennen. Autofahren war sein Steckenpferd, und so kutschierte er mich durch alle Täler.

Langsam fesselte mich im Seminar das Studium der theologischen Fächer. Mein Weg schien also endgültig vorgezeichnet. Aber nochmals sollte es anders kommen. Durch den Leiter der Buchhandlung Athesia in Brixen, Wilhelm Eppacher, kamen wir – das waren vor allem die Mitschüler Vinzenz Oberhollenzer, Alfred Rieper und Hartmann Winkler – in Kontakt mit dem Völkischen Kampfring Südtirols (VKS). Wir erfuhren, dass es sich um eine geheime Organisation der Jugend handle, die der faschistischen Unterdrückung energisch zu Leibe rücken wolle. Selbstverständlich waren wir bereit mitzumachen. Eppacher sandte uns Michl Tutzer aus Bozen, damals Präfekt der Marianischen Kongregation am Franziskanergymnasium in Bozen, als Vertrauens- und Verbindungsmann.

Nur Hitler könnte uns vom faschistischen Joch retten, hieß es. Gewiss sei am Nationalsozialismus manches auszusetzen. Aber die angebliche Verfolgung der Kirche und der Klöster werde oft auch sehr übertrieben. Südtirol bleibe jedenfalls gar keine andere Wahl, als auf das Dritte Reich zu setzen, wenn es nicht untergehen wolle. So und ähnlich lauteten die Aufklärungen von „Much“ Tutzer. Sie schienen uns im Großen und Ganzen auch einleuchtend. Bei einem Maiausflug nach Bozen trafen wir in der Kanzlei des Rechtsanwaltes Dr. Hermann Mumelter unter den Lauben mit einer Gruppe Theologen aus dem Seminar der Erzdiözese Trient zusammen, zu der damals (bis 1964) der größte Teil Südtirols gehörte. Sie hielten mit Befürchtungen über Hitlers Kirchenpolitik nicht hinter dem Berg, wollten aber doch, um der Zukunft des Südtiroler Volkes willen, beim VKS mitarbeiten. In den Ferien nahm ich Verbindung mit der illegalen Bewegung in Sterzing auf. Sie hatte ihre Zentrale im Gasthof Roter Adler in der Altstadt.

Im August 1936 gingen wir drei Freunde, Alfred Rieper, Hartmann Winkler (später Pfarrer in St. Jakob im Ahrntal) und ich, auf große Fahrt. Mit dem Fahrrad machten wir eine Deutschlandreise, die uns über Rosenheim und München bis nach Lindau und wieder zurück führte.

Die Ausstellung eines Reisepasses für einen Südtiroler war zu dieser Zeit gar nicht so einfach. Wir hatten diese Begünstigung dem Amtsdiener im Vorzimmer des Quästors (Polizeidirektors) zu verdanken. Ein eher bescheidenes Trinkgeld hatte Wunder gewirkt. Wir konnten uns die Fahrt nur leisten, weil damals „Reisemark“ ausgegeben wurden, die um den halben Preis der richtigen Mark erstanden werden konnten. Wir kauften Reiseschecks und wechselten sie dann in Deutsche Mark ein. Die Reisemark hätte man natürlich alle in Deutschland verbrauchen müssen. Auf die Wiederausfuhr standen schwere Strafen. Wir mussten aber einen guten Teil der Reisemark wieder herausschmuggeln, um die Kosten einigermaßen zu decken. Dieser Devisenschmuggel klappte dank der Mithilfe eines österreichischen Eisenbahners, der in Lindau wohnte und im Triebwagenverkehr Lindau-Bregenz Dienst machte, reibungslos.

Wir trugen also bei unserer Fahrt eine Menge Geld in unseren Taschen und mussten doch eisern sparen. Oft fiel es uns reichlich schwer. Aber wir hatten keine Wahl. Wir übernachteten in Kolpinghäusern, katholischen Jugendherbergen und Klöstern. Trotz unserer Unerfahrenheit fiel uns sofort die gedrückte Stimmung in diesen Häusern auf. Auf unsere Fragen über die Zustände im Dritten Reich verhielt man sich aber sehr wortkarg. Erst als wir ein Empfehlungsschreiben vom Regens des Priesterseminars in Freising-München ergatterten, das uns ein dortiger Theologe, Alois Faßnauer, der aus Ridnaun stammte, vermittelt hatte, tauten unsere Gesprächspartner auf. Und unser Bild über den Nationalsozialismus wandelte sich gründlich. Um es kurz zu machen: Meine Mutter sagte später immer: „Der Friedl ist früher ein großer Hitlerverehrer gewesen. Aber als er von Deutschland zurückkam, wollte er von Hitler nichts mehr wissen.“

Wie oft wünschte ich im Jahre 1939, dass noch mehr Südtiroler Gelegenheit gehabt hätten, das Reich der Nazis an Ort und Stelle kennenzulernen.

Wieder zu Hause, strengten wir Theologen uns sehr an, den zunehmenden Einfluss des Nationalsozialismus im VKS einzudämmen. Unsere Mitarbeit gestaltete sich immer flauer. Höheren Orts war man darüber gar nicht unglücklich. Manche hatten uns schon früher nur als Störenfriede betrachtet. Das galt besonders für den Sterzinger Tischlermeister Franz Kiebacher, der sich im VKS langsam in den Vordergrund gearbeitet hatte und zum Kreisleiter aufrückte. Die Garde der ersten Stunde, für die Heimat noch ein höherer Begriff gewesen war als Führer, Volk und Reich, rückte damit in den Hintergrund. Mit Kiebacher hatte ich wegen der ideologischen Ausrichtung des Kampfringes viele Auseinandersetzungen.

Trotz meiner Bekehrung vom Nationalsozialismus, wenn man es so nennen will, wurde ich nochmals aus der Laufbahn geworfen. Am 28. Juni 1937, am Vorabend des Festes der Apostelfürsten Peter und Paul, dem Tag der Priesterweihe im Brixner Dom, fand ich nach der Heimkehr von einem Ausgang an meiner Zimmertür im Seminar ein Schild mit dem Ersuchen, zum Regens Dr. Josef Steger zu kommen. Mir schwante gleich nichts Gutes. Steger begrüßte mich nicht unfreundlich. Er hielt den libellus praelectionum (Schulzeugnis) wiegend in der Hand. Er machte keine lange Einleitung. Er sagte nur ein paar Mal: „Ein sehr, sehr schönes Zeugnis, sehr, sehr gute Noten“, um gleich hinzuzufügen: „Aber der Fürstbischof hat herausgefunden, dass Sie keinen ‚Priesterberuf‘ haben.“ Und er übergab mir den libellus. Ich fiel sicherlich nicht aus allen Wolken. Ich wollte aber wissen, warum ich an die Luft gesetzt würde. Er habe vom Bischof keinen Auftrag, entgegnete der Regens, mir das mitzuteilen. Ich ging zum Fürstbischof. Ich musste meinen Leuten doch irgendeinen Grund für meine Entlassung angeben. Sonst konnten sie sich ja das Schlimmste denken.

Fürstbischof Dr. Johannes Geisler empfing mich sofort und war mehr als reizend. Aber die gewünschte Auskunft gab auch er nicht. Er betonte nur immer und immer wieder, dass auch in der Welt draußen gute Menschen sehr wichtig seien, dass ich draußen viel mehr Gutes tun könnte und so weiter. Vom Bischof ging ich zum Generalvikar Dr. Alois Pompanin. Dieser machte weniger Umstände. Ich würde vielleicht, meinte er, anderswo ein ganz guter Priester werden, aber im Brixner Priesterseminar könne man gewisse Dinge nicht brauchen. Man dürfe die Existenz des Seminars nicht gefährden. Ohne dass er es ausdrücklich sagte, wusste ich nun, dass der Grund für meinen Abschub in der Politik zu suchen war. Für mich sicher ein Trost, besonders aber für den Pfarrer Stefan Engl von Ridnaun.

Im Oktober 1937 lud ich mein Gepäck auf das Fahrrad, und ab ging’s über den Brenner nach Innsbruck. Dort begrüßten mich mit großem Hallo Sepp Hilber und Vinzenz Oberhollenzer, Mitschüler vom Vinzentinum. Oberhollenzer hatte sich ebenfalls als Theologe versucht. Bei ihm hatte der Bischof von Brixen aber schon ein Jahr früher herausgefunden, dass er „keinen Beruf“ habe. Hilber war eine solche Feuerprobe von vornherein erspart geblieben. Er war außerehelich geboren, und ein solches „Kind der Sünde“ hätte eine eigene Erlaubnis von Rom gebraucht, um zum Theologiestudium auch nur zugelassen zu werden. So streng waren damals die Sitten. Die beiden hatten mir den Einstand in Innsbruck zum Hochschulstudium geebnet. Sie hatten für mich eine „Bude“ gefunden und zwar in der Nähe der damaligen Kettenbrücke, die Mühlau mit Innsbruck verband. Man konnte das Zimmer nur durch die Küche erreichen, in der die Hausfrau Käthe mit vier Katzen schlief. Es war auch so klein, dass man sich nur zur Not umdrehen konnte; aber es war billig. Dieser Vorteil wog alle Nachteile auf.

Nun hieß es Kosttage suchen, Tage, an denen man in Familien ein Mittagessen erhielt. Vom Dompropst Prälat Josef Mutschlechner hatte ich Empfehlungsschreiben für den Landeshauptmann Dr. Josef Schumacher und für Univ.-Prof. Dr. Hermann Wopfner mitgebracht. Die Frau des Landeshauptmannes besorgte mir auch zwei gute Plätze in einem Gasthaus in der Maria-Theresien-Straße. Prof. Wopfner wusste in Frage Kosttage zu wenig Bescheid, drückte mir aber dafür etliche Geldscheine in Großformat in die Hand. Schließlich hatte ich meine sechs Tage beisammen. Sonntag musste man sich anderswie behelfen. Wenn Oberhollenzer und ich abends einmal Hunger hatten, stellte die Hausfrau von Oberhollenzer, Frau Cäcilia Prock, eine gebürtige Antholzerin, immer einen großen Topf Suppe auf. Die gute Frau Prock vertrat überhaupt an uns beiden die Mutterstelle. Ihre Güte und Fürsorge kannte keine Grenzen, wenn wir sie manchmal auch gar nicht verdienten.

Auf der Universität hatte ich Geschichte und Deutsch belegt. Das Geschichtsstudium hatte mich schon immer interessiert. Jetzt fesselte es mich geradezu. Es war ein Genuss, die Professoren Hermann Wopfner und Harold Steinacker zu hören. Der erste las Volkskunde und der andere deutsche Geschichte des Mittelalters.

Im schönen Innsbruck am grünen Inn verbrachten wir die schönsten Zeiten. Wir waren ein an der Universität bekanntes Viererkleeblatt: Oberhollenzer, Hilber, Kohler, gebürtig aus Welschnofen, und ich. Keiner von uns war mit Glücksgütern gesegnet. Ja eigentlich hatte überhaupt keiner von uns Geld. Das tat unserem Humor aber keinerlei Abbruch. Wir teilten mitsammen den letzten Groschen, den einer von uns mit einer Stadtführung, mit Nachhilfestunden oder einer anderen Gelegenheitsarbeit ergattert hatte. Wir erfreuten uns des jungen Lebens und konnten wegen jeder kleinsten Kleinigkeit ganz herzlich lachen. Gerade dieses herzliche Lachen, so scheint mir, fehlt der heutigen Hochschuljugend. Die braucht keine Kosttage mehr zu betteln, die Studentenbeihilfe fließt reichlich. Aber das richtige, frohe Lachen hat sie verlernt. Entweder blicken die Gesichter finster oder blasiert, oder der sogenannte Frohsinn kennt überhaupt keine Grenzen mehr.

Die Innsbrucker Zeit ließ uns politisch viel erleben. Wir standen unter der Menschenmasse, als der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, ein gebürtiger Tiroler, am 9. März 1938 die Volksabstimmung über die Selbstständigkeit Österreichs verkündete und vom Balkon der Hofburg sein „Mander – es ist Zeit“ rief. Es war aber nicht bloß höchste Zeit, es war zu spät. Schuschniggs verzweifelter Versuch zur Rettung Österreichs misslang. Von keinem Nachbarstaat erhielt er in seinem Kampf um Unabhängigkeit irgendwelche Hilfe. Am 13. März rückten Hitlers Truppen in Österreich ein. Wir erlebten den Einmarsch in Innsbruck. Auf den Straßen tobten die Massen und jubelten den „Befreiern“ zu. Die Menschen schienen von Hysterie erfasst. Der Rundfunk meldete, dass sich ein Mangel an Hakenkreuzabzeichen bemerkbar mache. Aber neue Sendungen seien – so tröstete man – im Anrollen. Oberhollenzer und ich gehörten zu den wenigen, die ohne das Zeichen im Knopfloch abends durch die Maria-Theresien-Straße gingen. Man bedachte uns mit sehr vorwurfsvollen Blicken. Man konnte hören, dass wir Kommunisten oder Pfaffen sein müssten. In den Häusern, hinter oft aus Angst verschlossenen Türen, saßen aber noch viel mehr Innsbrucker, als auf den Straßen feierten. Innsbrucker, die um Österreich trauerten, nur sah man diese andere, größere Hälfte nicht.

Etwas störte allerdings auch die feurigsten Tiroler Nazi: Die Wehrmacht ließ überall Gulaschkanonen aufmarschieren und verteilte Essen an die Bevölkerung. Man hatte dem Militär wohl vorgemacht, dass die armen Österreicher geradezu am Hungertuch nagten. Schließlich drängte der ganze Nazistab auf möglichst raschen Abbau der Ausspeisung. Während die Wehrmacht ihren Eintopf austeilte, füllte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Kerker. Über Nacht verschwanden die Leute. In den seltensten Fällen wussten die Angehörigen, wohin man sie gebracht hatte. Vielfach kam erst Wochen später die kurze Nachricht: „Bin in Dachau, es geht mir gut.“

An der Hochschule machten wir einen guten Monat „Befreiungsferien“. Unser Geschichtsprofessor Harold Steinacker wurde zum Rektor ernannt. Das beruhigte uns. Einige Professoren verschwanden in der Versenkung. Sie mussten noch dem Herrgott danken, wenn sie nur den Lehrberuf einbüßten. Für sie traf Ersatz aus dem Reich ein. Dann ging der Hochschulbetrieb weiter. Aber die frühere Gemütlichkeit war weg. Interessant ist vielleicht, wie verschieden die Einstellung zum Nationalsozialismus in den einzelnen Fakultäten war. Die Mediziner galten zu 90 Prozent als Hitler-Anhänger. Bei den Historikern gab es hingegen überhaupt nur einen einzigen „alten Kämpfer“, wie sich die Mannen der illegalen Nazipartei nannten. Auf der Uni sprachen viele nur mehr im Flüsterton. Man fürchtete die braunen Spitzel. Und immer wieder erfuhr man, dass die Gestapo weiterhin pausenlos ihre schmutzige Arbeit tat.

Wir Südtiroler hatten es jetzt viel besser. Uns konnte ja nicht viel passieren. Wir trugen unseren italienischen Reisepass immer bei uns. In der Nacht hatten wir ihn griffbereit unter dem Kopfpolster liegen. Wir waren froh, als das Semester zu Ende ging und wir über den Brenner heimradeln konnten. Dort trat ich die Stelle bei den „Dolomiten“ an. Mir gefiel die Arbeit. Mein erster Leitartikel trug den Titel „Der Friedensengel im Pulverfass“. Sein Inhalt befasste sich mit der Reise des Engländers Lord Runciman, den Premierminister Chamberlain in den kritischen Herbsttagen 1938 in die Tschechoslowakei entsandt hatte, um eine friedliche Lösung der Sudetenfrage zu erzielen. Ich verdiente auch ein schönes Geld. So wollte ich bei der Zeitung bleiben und mein Studium Studium sein lassen. Kanonikus Gamper machte mir aber einen dicken Strich durch die Rechnung: „Wir können keine Halbstudierten brauchen. Sie gehen also nach Innsbruck zurück, sonst haben wir keinen Platz für Sie mehr.“ Meinen Einwand wegen des fehlenden Geldes ließ er nicht gelten. Dafür werde notfalls schon er sorgen.

So blieb mir nichts anderes übrig, als meine Koffer zu packen und nach Innsbruck zu fahren. Diesmal konnte ich mir sogar die Bahnfahrt leisten. In Innsbruck ließ sich alles besser an, als ich erwartet hatte. Das Deutsche Studentenwerk nahm uns Südtiroler unter seine Fittiche. Oberhollenzer und ich erhielten ein Zimmer im Studentenheim, Marken für das Essen in der Mensa und noch Bargeld. Wir mussten uns verpflichten, die vorgestreckte Summe nach Abschluss des Studiums ratenweise zurückzuzahlen. Leiter des Studentenwerkes war Hans-Martin Schleyer, der spätere, 1977 von Terroristen ermordete Chef des Verbandes der Deutschen Industrie. Schleyer war Nationalsozialist vom Scheitel bis zur Sohle. Aber er war ein großer Idealist, tat auch politischen Gegnern nichts zuleide und war uns Südtirolern besonders zugetan. Nach dem Krieg habe ich ihn mehrmals wiedergetroffen. Ich erzählte ihm, dass ich die vom Studentenwerk vorgestreckte Summe noch immer schuldig sei. Er klopfte mir auf die Schulter und lachte.

Unser ganzes Streben ging nun dahin, möglichst schnell das Studium zu beenden. Ich stand erst im dritten Semester, Oberhollenzer im fünften. Wir konnten aber sechs Semester Philosophiestudium im Priesterseminar vorweisen. Würde man uns dieses Studium anrechnen? Wir mussten es jedenfalls versuchen. Wir machten fleißig Nebenprüfungen und stellten unsere Dissertationen fertig. Im April 1939, also in der Mitte des vierten Semesters, fuhr ich nach Wien zum Unterrichtsministerium. Rektor Steinacker und Prof. Wopfner gaben mir die Bescheinigung mit, dass ich reif sei, zu den Abschlussprüfungen zugelassen zu werden. Das Unterrichtsministerium hatte in der von den Nationalsozialisten eingesetzten Regierung Seyß-Inquart der bekannte Tiroler Urgeschichtler Oswald Menghin übernommen. Das Ministerium sollte allerdings nur die Übergabe des ganzen Betriebes an Berlin durchführen und wurde dann aufgelöst.

Als ich nach Wien kam, hatte Menghin seine Arbeit bereits abgeschlossen. Der Minister a. D. empfing mich aber trotzdem sehr freundlich. Er teilte mir mit, dass mein Fall jetzt in die Zuständigkeit des Staatskommissars Prof. Ferdinand Plattner falle. Menghin reichte mich mit warmen Empfehlungen an ihn weiter. Plattner stammte aus Oberösterreich, wusste aber über Tirol bestens Bescheid, weil er von 1922 bis 1936 die Stelle eines Hochschulassistenten in Innsbruck bekleidet hatte. Der Staatskommissar, ein Herr in SS-Uniform, sah sich alle meine Dokumente genau durch. Dann fragte er, was ich nach dem Abschluss des Studiums machen würde, ob ich im Reich bleiben oder nach Südtirol zurückkehren wolle. „Natürlich gehe ich nach Südtirol zurück“, erwiderte ich. „Na schön, dann geben Sie uns das wohl auch schriftlich“, bemerkte Plattner. „Wissen Sie, wir brauchen die Südtiroler drinnen im Lande und nicht hier heraußen.“ Ich unterschrieb den Revers gern, mit welchem ich erklärte, sofort nach Abschluss des Studiums nach Südtirol zurückkehren zu wollen.

Bald darauf erhielt das Rektorat in Innsbruck schriftlich den Bescheid, dass ich und Oberhollenzer zu den Schlussprüfungen antreten könnten. Ausgerechnet das nationalsozialistische Unterrichtsministerium hatte uns also sechs Semester Philosophiestudium im Priesterseminar anerkannt. Sicher ein großes Entgegenkommen. Ob es ein christlichsoziales Unterrichtsministerium auch getan hätte?

Die Geschichte schlägt oft die merkwürdigsten Purzelbäume. Wir mussten uns im April 1939 verpflichten, nach Südtirol zurückzukehren. Zwei Monate später beschloss man in Berlin die Umsiedlung, die „Heimbeförderung“ der Südtiroler ins Reich. Und weitere drei Monate später wurde schon jeder ein Welscher und Volksverräter genannt, der nicht „heimkehren“ wollte. Im Abkommen war die Möglichkeit der „Option“ (Wahl, Entscheidung) vorgesehen. Die Südtiroler konnten für die deutsche Staatsbürgerschaft optieren und verpflichteten sich damit, in das Deutsche Reich abzuwandern; oder sie konnten sich für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft und damit für das „Dableiben“ aussprechen. Auch wer keine Erklärung unterschrieb, blieb italienischer Staatsbürger.

Ich kehrte Anfang Juli 1939 nach Bozen zurück und durfte als frischgebackener Doktor dem Kanonikus Gamper die Hand drücken. Wie dankte ich ihm, dass er mich zum Abschluss geradezu gezwungen hatte. Die Zeitumstände waren allerdings nicht zum Feiern angetan.

Das große Trauerspiel beginnt

Der Deutsche Verband, der Völkische KampfringSüdtirols und ihre Haltung zur Option •Propagandaschlager und Drohungen

Kanonikus Gamper schien trotz der Hiobsbotschaft über das Umsiedlungsabkommen guten Mutes. Er schilderte mir die Reaktion auf den Schandvertrag von Berlin: Er löse bei jedermann in Südtirol grenzenlose Verbitterung und einhellige Ablehnung aus.

Die Politik der unterdrückten Tiroler Minderheit in Italien wurde damals von zwei Organisationen getragen und bestimmt: dem Deutschen Verband und dem Völkischen Kampfring Südtirols (VKS). Im Deutschen Verband hatten sich nach dem Anschluss an Italien die christlichsoziale Partei und die Liberalen zusammengeschlossen. Natürlich wurde er von den Faschisten aufgelöst. Seine führenden Männer hielten aber trotzdem immer enge Verbindung zueinander. Als das geistige Haupt wurde Kanonikus Michael Gamper anerkannt. Ihm zur Seite standen unter anderen die letzten frei gewählten Abgeordneten Dr. Karl Tinzl und Baron Paul von Sternbach, die beiden Brüder Erich und Walther Amonn sowie der ehemalige Abgeordnete des Tiroler Landtages Josef Menz-Popp. Als besonderes Verdienst des Verbandes muss die Schaffung der deutschen Geheimschulen, des „Katakombenunterrichts“, genannt werden. Die Faschisten hatten in Südtirol den Unterricht in der deutschen Sprache verboten und unter Strafe gestellt. Kanonikus Gamper zog daraufhin mit Hilfe mutiger Lehrkräfte über das ganze Land ein dichtes Netz von Geheimschulen auf, in denen der Jugend mindestens die Grundbegriffe ihrer Muttersprache beigebracht werden konnten.

Der VKS war unter der Bezeichnung „Südtiroler Heimatfront“ am 18. Juni 1933 auf der Haselburg bei Bozen gegründet worden. Die Gründer waren Robert Helm jun., Norbert Mumelter, Kurt Heinricher, Rolf Hillebrand und Wilhelm Eppacher aus Brixen. Eppacher hatte uns als Brixner Theologen für den Kampfring geworben. Erster Landesführer war Rolf Hillebrand. Er wurde noch 1933 ausgewiesen, zog nach Berlin und erhielt 1936 die Vollmacht, die Belange des Kampfringes bei allen amtlichen Stellen des Reiches zu vertreten. Er bekleidete eine führende Stellung im Amt des Reichsjugendführers. Hillebrand fiel 1943 einem Bombenangriff in Berlin zum Opfer. Wilhelm Eppacher leitete 1931 bis 1938 die Athesia Buchhandlung in Brixen und wurde 1938 wegen illegaler Betätigung für 20 Monate auf die Insel Tremiti verbannt. Robert Helm war in Brixen als Arzt tätig, rückte zur Wehrmacht ein und fiel 1945 in der Tschechoslowakei. 1934 stießen Karl Nicolussi-Leck und Michl Tutzer zum VKS und rückten dort bald in führende Ränge auf. 1935 übernahm der Bozner Schneidermeister Peter Hofer, der aus dem Katholischen Jugendbund kam, die Führung des VKS.

Bei unseren ersten Unterredungen freute sich Gamper sehr darüber, dass zwischen dem Deutschen Verband und dem VKS völlige Übereinstimmung über das Vorgehen erzielt worden war: Wir optieren überhaupt nicht. Wir tun gar nichts. Wir bleiben, wo wir sind, bis sie uns holen. VKS-Führer Peter Hofer, ein großer Idealist, hatte am Ende einer Aussprache zwischen Vertretern beider Organisationen den Spruch getan: „Bevor wir umsiedeln, schicken wir unsere Kinder zur Balilla [Faschistische Jugendorganisation], ziehen wir das schwarze Faschistenhemd an und lassen alle Namen verwelschen!“

Die beiden Diktatoren mussten sich also auf schärfsten Widerstand gegen den verbrecherischen Aussiedlungsplan gefasst machen. Über die Berliner Vereinbarungen wusste man allerdings keine Einzelheiten. Die erste gemeinsame Sitzung zwischen dem Deutschen Verband und VKS hatte am 28. Juni stattgefunden. Am 6. Juli wurde der damals gefasste Beschluss erneuert. Etwa 14 Tage später ließ mich Kanonikus Gamper rufen. Diesmal fand ich ihn sehr erregt. Das war auch verständlich. Er hatte erfahren, dass die Leitung des VKS bei einer Sitzung am 22. Juli in einem Keller in Bozen-Dorf mehrheitlich beschlossen hatte, die Umsiedlung zu unterstützen. Für diese Wendung um 180 Grad innerhalb von drei Wochen seien besonders Rechtsanwalt Dr. Robert Helm, der so etwas wie ein außenpolitischer Berater des Kampfringes war, und sein Sohn Robert eingetreten. Vater Helm, ereiferte sich Gamper, sei auch kein richtiger Tiroler, sondern erst aus Triest zugereist. Während er mir berichtete, schritt er unaufhörlich auf und ab. Schließlich fasste er sich. Er setze seine Hoffnung auf Peter Hofer. Man habe ihn wohl nur überrumpelt. Wenn es zum Ernst komme, werde er zu seinem Ausspruch stehen. Aber wir mussten doch mit allen Möglichkeiten rechnen. Die gemeinsame harte Front war auf alle Fälle aufgerissen.

Die faschistischen Größen in der Provinz hatten in ihren Plänen härtesten Widerstand des Volkes gegen die Umsiedlung einkalkuliert. So verloren sie keine Zeit, um die Tiroler weichzuschlagen. Der verhasste Präfekt, Giuseppe Mastromattei, fuchtelte mit Listen von Leuten herum, die auf alle Fälle verschwinden müssten; sie hätten nur die Wahl zwischen Sizilien und Deutschland. Die faschistischen Dorfgewaltigen in den Tälern luden maßgebende Bürger vor und bedeuteten ihnen ohne viel Umschweife, sie sollten sich ehestens über den Brenner absetzen, sonst blühe ihnen Sizilien. Gamper wurden laufend solche Einschüchterungen, solche Drohungen bekannt. Die allermeisten ließen sich aber nicht kleinkriegen. Ihr Zorn und ihre Entschlossenheit, unter keinen Umständen zu weichen, steigerten sich nur. So sagte Ignaz Kröss, nach dem Weltkrieg langjähriger Bürgermeister von Vöran oberhalb Meran, zum podestà, dem faschistischen Amtsbürgermeister, der ihn zum Verschwinden aufforderte, ganz ruhig: „Ja, ja, wir gehen ja schon, aber wir gehen nur als Tote.“ Und so wie Kröss dachten die meisten: Sie müssen uns vor der Haustür erschießen, lebend gehen wir nicht von Haus und Hof. Die Menschen verbissen sich geradezu in den eigenen Boden.

Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt vollzog sich hinter den Kulissen der große Stimmungsumschwung. Die VKS-Führung vergatterte ihre Mannschaft. Mit ganz wenigen Ausnahmen wurden alle auf Vordermann gebracht. Im September besuchte mich Johann Lanthaler aus Ratschings bei Sterzing, eines der ältesten Mitglieder des VKS und gleichzeitig einer meiner treuesten Gesinnungsgenossen. Er berichtete mir, der Sterzinger Kreisleiter, der Tischler Franz Kiebacher, habe ihn gebeten, alle einflussreichen Männer des Tales zu einer Besprechung etwas abseits vom Dorf zusammenzurufen. Die Versammlung habe stattgefunden. Kiebacher habe über das Berliner Abkommen gesprochen und es in Bausch und Bogen verdammt. Mehr denn je, habe er dann hinzugefügt, müsste jetzt das ganze Volk zusammenstehen. Er forderte die Anwesenden auf, sie sollten sich alle die Hände reichen und sich geloben, zusammenzuhalten, komme, was dann komme. Der Kampfring werde alles aufbieten, um das Abkommen rückgängig zu machen. Sollte es nicht möglich sein, müsste man noch mehr zusammenhalten. Alle müssten gleich tun, nur so könnte das Südtiroler Volk überleben.

Später hörten wir, dass solche und ähnliche Versammlungen vom VKS auch in anderen Orten Südtirols einberufen worden waren. Der Kampfring war sich natürlich völlig bewusst, dass eine Rückgängigmachung des Berliner Abkommens überhaupt nicht mehr zur Debatte stand. Wenn man die Leute nun zum Gelöbnis aufforderte, zusammenzuhalten, komme, was da kommen mag, so bereitete man sie taktisch sehr klug nur auf den Zusammenhalt für die Stunde vor, in welcher der Kampfring zur geschlossenen Option des ganzen Volkes aufrief, in der man das Trommelfeuer der Propaganda für die Umsiedlung, für das „Heim ins Reich“ auf das verwirrte Volk losließ.

Die Italiener waren mit völliger Blindheit geschlagen. Sie hatten überhaupt keine Ahnung, was sich in Südtirol anbahnte. So fuhren sie mit ihren Drohungen und Schikanen munter fort. Im Juli verfügte die Regierung mit Dekret, dass die Gasthöfe und Gasthäuser sämtliches weibliches Personal entlassen und dafür männliches Personal aus den norditalienischen Provinzen Lombardei, Ligurien und Piemont einstellen müssten. Sämtliche Touristen mussten innerhalb kürzester Zeit Südtirol verlassen. Den Besitzern von Tabaktrafiken wurde verboten, mit den Kunden Deutsch zu sprechen. So wickelte sich das Geschäft in den Trafiken zwischen Inhabern und Südtiroler Kunden meistens völlig schweigend ab. Man behalf sich mit Gesten und Zetteln. Italienisch zu sprechen, fiel niemandem ein. Eine Tabaktrafik in der Nähe der Redaktion in der Museumstraße lieferte uns jeden Tag die Zeitungen, und wir machten uns einen Spaß daraus, in das Geschäft zu gehen, dort möglichst umständlich in den Zeitungen zu blättern und zu hören, wie sich der Inhaber geschickt aus der leidlichen Affäre zog.

Vor den Italienern kapitulierten die Südtiroler nicht. Das Volk hätte allen Drohungen und allen Übergriffen zum überwiegenden Großteil standgehalten, wenn nicht von der anderen Seite mit einem Schlag, nach Vorbereitungen in kleinem Kreis, plötzlich die Werbetrommel für die Umsiedlung gerührt worden wäre. Erst dann begann in Südtirol das große Trauerspiel, wie es dramatischer sich kein Dichter hätte ausdenken können.

Was die Faschisten mit all ihren Drohungen nie zustande gebracht hätten, das schafften nun die Nazis leicht und schnell und gründlich. Heinrich Himmler, dem Chef der berüchtigten Geheimen Staatspolizei, war von Hitler nicht nur die „Endlösung“ der Judenfrage, sondern auch die Endlösung der Südtirolfrage anvertraut worden, und bei der Lösung der beiden Fragen stellte Heinrich Himmler seinen Mann. Hatten die Faschisten in Südtirol nur die Intelligenz und einen Teil des Bürgertums loswerden wollen, so lautete Himmlers Devise jetzt: In Südtirol muss reiner Tisch gemacht werden. Alle Deutschen müssten heraus, damit es ja wegen dieser sturen Südtiroler zu keinem Missverständnis mit dem großen Duce in Rom komme. Und wer nicht zum Führer ins Reich heimkehren wollte, der wurde bald als Verräter gebrandmarkt.

Der VKS verfügte im Lande über eine fest gefügte Organisation, von der man besten Gebrauch machte, als im Oktober die Propagandalawine für das „Heim ins Reich“ losbrach. Heute erscheint es einem unbegreiflich, wie man einem ganzen Volk in kürzester Zeit die Preisgabe der jahrhundertealten Heimat schmackhaft machen konnte. Aber auf Propaganda haben sich die Nazis verstanden. Die Werbung für die Option wurde im besten Stil des Reichspropagandaministers Dr. Joseph Goebbels geführt. Was man den Leuten alles vormachte und was diese alles schluckten, grenzt ans Unglaubliche. Die Propagandalügen waren furchtbar primitiv, aber genau auf die von den italienischen Faschisten gequälte Seele zugeschnitten und leicht verständlich abgefasst. Wir erleben es ja auch heute noch, dass die primitivste Propaganda die wirkungsvollste sein kann.

Zunächst zog man das ganze Gerüst verrücktester Versprechungen auf. Die Umsiedler, schwor man, würden draußen in einer genau gleichen Gegend angesiedelt werden. Allen würden genau die gleichen Täler zugewiesen werden, mit den gleichen Bergen. Auch die Städte würden die gleichen sein. Jeder Einzelne würde genau das gleiche Haus erhalten, genau gleich viel Vieh, gleich viel Wald und so weiter. Und die Leute glaubten es. Wenn man solches heute liest und hört, schüttelt jeder ungläubig den Kopf. Aber es war wirklich so. In einer Gemeinde des Wipptales war ich mit dem letzten Bürgermeister vor der Machtübernahme der Faschisten befreundet. Er hatte bei den Geheimschulen tapfer mitgeholfen und galt als ein außerordentlich heller Kopf. Als ich hörte, dass er zu den Hauptwerbern für die Option zählte, suchte ich ihn auf. Auf die Frage, ob er in der Fremde wohl nicht Heimweh haben werde, erwiderte er, die neue Heimat werde ganz so aussehen wie sein Tal. Aber der wunderschöne Felsberg, das stolze Wahrzeichen des Tales, werde ihm wohl abgehen, meinte ich. Nein, auch der sei dort vorhanden, nur 200 Meter niedriger. Ob er das Tal gesehen habe, bohrte ich weiter. Nein, aber aus verlässlicher Quelle habe er gehört, dass dies alles stimme. Übrigens würde sofort nach Abschluss der Option in der neuen Heimat ein Südtiroler Musterdorf aufgebaut werden. Man wird verstehen, dass ich den Mann verließ, ohne einen ernsten Bekehrungsversuch gemacht zu haben.

Den gleich großen Wald werde man bekommen, hieß es. Die Eltern meiner Schwägerin, der Frau des älteren Bruders Josef, Besitzer vom Sillerhof in Ridnaun, besaßen wenig Wald, dafür aber ausgedehnte Erlenauen. Und weil man draußen schon ganz genau das Gleiche bekomme, zählten die zehn Kinder des Sillerhofes tagelang die Erlen, um nach der Übersiedlung nicht zu kurz zu kommen. Mein Bruder Seppl in Ridnaun hatte auch optiert. Er glaubte die Märchen nicht, die man zum Besten gab. Er wollte jedoch nicht allein zurückbleiben. Er machte sich einen Spaß daraus, die neuen Dorfgrößen mitunter auf die Probe zu stellen. „Ja, Mander“, sagte er einmal, „das Bodnerhäusl, unser Heimathaus, ist viel zu klein für uns, wie ihr ja selber seht, wir haben keinen Platz. Könnte ich draußen nicht ein bisschen ein größeres bekommen?“ – „Nein, Bodner“, hieß es, „du musst draußen ganz das Gleiche bekommen, später kannst du es dann allerdings vergrößern.“

Ab und zu blitzten die Propagandisten mit ihren Märchen doch ab. In Villnöß konnte sich der Untermunterbauer Johann Obexer von einem Bergbauernhof ganz hoch oben nicht zum Gehen entschließen. Er wurde gebührend in die Behandlung genommen. „Du bekommst ja draußen ganz dasselbe“, lautete der unermüdliche Kehrreim. „Gewiss, gewiss“, meinte der Untermunter einmal nach einer stundenlangen Bearbeitung. „Ist alles recht. Aber wird der neue Hof auch so hoch droben stehen?“ „Selbstverständlich, ganz auf der gleichen Höhe.“ Da lachte der Bauer schmunzelnd: „Dann bleibe ich wohl am besten gleich da droben. So muss ich zuerst nicht so weit heruntergehen und draußen nicht wieder so weit hinaufgehen.“ Und er blieb wirklich auf seinem Berg.

Dass die sonst doch nüchternen Südtiroler zum Großteil all den Unsinn für bare Münze nahmen, kann die heutige Generation überhaupt nicht mehr fassen. Aber die Nazipropaganda hatte nicht nur die Deutschen, die Österreicher und die Sudetendeutschen um den Hausverstand gebracht, sie machte auch die Südtiroler verrückt. Ein anderes Versprechen, das mit dem ersten ganz in Widerspruch stand, aber deswegen trotzdem seine Wirkung nicht verfehlte, lautete: Wenn wir alle geschlossen optieren, wird der Führer das Bekenntnis zu ihm so hoch werten, dass er das Land dann auch ins Reich heimholt. Wenn wir also geschlossen optieren, dann braucht niemand zu gehen.

Parallel mit den Versprechungen liefen die Drohungen. Lautstark wurde landauf, landab verkündet: In Südtirol darf überhaupt niemand bleiben. Wer nicht für Deutschland optiert, wird nach Italien zwangsverfrachtet. Ein Zufall kam diesem Slogan zu Hilfe. Im Oktober hatte die Regierung Mussolini ein Gesetz zur Aufteilung des Großgrundbesitzes in Sizilien zwecks Schaffung von neuen Bauerngütern erlassen. Seht ihr, so hieß es, in Sizilien stehen die Höfe für die Dableiber, für die Walschen, wie man sie nannte, schon bereit. Auf Familien mit mehreren Mädchen war folgendes Rezept zugeschnitten: Na, erbarmen uns die armen Gitschn, sie müssen alle Walsche heiraten. Und viele Mütter und Väter glaubten es, und auch viele Mädchen. Als letzten Trumpf spielte man dann die Beschimpfung aus, die Nichtoptanten sind alles Walsche, die ihr Deutschtum verraten und ihre Kinder zu Walschen machen, und wer wollte schon ein Walscher sein?

Die VKS-Propaganda hatte es schon von allem Anfang an verstanden, den Sinn der Option völlig umzudeuten. Für sie gab es nur eine Wahl zwischen Deutsch und Welsch. Die Wirklichkeit war natürlich ganz anders. Die Wahl sah folgende zwei Möglichkeiten vor: Man konnte für die deutsche Staatsbürgerschaft optieren mit der Verpflichtung, ins Deutsche Reich abzuwandern, oder man konnte dafür optieren, die italienische Staatsbürgerschaft beizubehalten, allerdings unter der Drohung, dass man dann keinerlei Schutz für sein Volkstum mehr in Anspruch nehmen könne.

Die Herren der Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstellen (ADERSt), die in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck und Sterzing errichtet worden waren, ließen alle Zweifler wissen, dass der Führer nicht das Geringste mehr für sie tun würde, wenn sie sich entschließen sollten, in Südtirol zu bleiben. Wenn sie die Wahrheit gesagt hätten, hätten sie allerdings auch gleich hinzufügen müssen, dass das nationalsozialistische Reich und der Führer auch in der Vergangenheit für Südtirol nicht das Geringste getan hatten. Und die Drohung, dass man keinen Schutz für das Volkstum mehr in Anspruch nehmen könne, konnte nüchtern gesehen wohl eher ein Witz genannt werden. In all den Jahren unter dem Faschismus hatten die Südtiroler keinen Schutz für ihr Volkstum genossen.

Wenn weder Versprechungen noch Drohungen zum Ziele führten, griffen die Propagandisten nach bewährten Nazimethoden zum letzten Mittel, zur Gewalt. Den Unbelehrbaren und Unbekehrbaren machte man das Leben sauer. Da und dort brannte ein Heustadel oder eine Scheune ab, da und dort wurde ein Hund erschossen, da und dort ein Bienenstand zerstört, da und dort flogen Geschosse durch die Fensterscheiben, da und dort wurden die Häuser mit allem möglichen Kot und Dreck beschmiert, wurden die Schulkinder, deren Eltern noch nicht optiert hatten, nach Hause gesteinigt. Die Liste der Gewalttätigkeiten wuchs von Woche zu Woche. Im Lande ging das Gespenst der Furcht um. Die Furcht vor den neuen Machthabern im Schatten des Dritten Reiches, vor den neuen braunen Machthabern, die an die Stelle der Schwarzhemden zu treten begannen. Die italienischen Gemeinde- und Polizeibehörden, Amtsbürgermeister und Carabinieri wurden von den Männern der ADERSt sowie den Vertrauensleuten der Arbeitsgemeinschaft der Optanten (ADO) völlig überspielt und immer mehr an den Rand des Geschehens gedrängt.