Jägerschnitzel - Carsten Bloch - ebook

Jägerschnitzel ebook

Carsten Bloch

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Opis

Karl hat ein Problem. Seit er mit Lona von deren Ehemann überrascht worden ist, hat er eine Leiche zu entsorgen. Was sich als nicht so ganz einfach erweist, da jederman im Dorf eigene Pläne mit der Leiche zu haben scheint. Doch auch andere haben ihre Probleme. Da ist Vitali, der in seiner Tasche abwechselnd zu groß geratene Hemden und in Servietten verpackte Kupferdichtungen findet anstatt der 100.000 Euro in kleinen, gebrauchten Scheinen als Bezahlung für einen Auftragsmord. Oder Hans-Günther, Gastwirt der fröhlichen Eiderente, der für einen Restaurantkritiker ein Wildschwein schießen will, stattdessen aber einen auswärtigen Gast erlegt. Kurz: in Hützel ist die Hölle los.

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Carsten Bloch

Jägerschnitzel

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Karl Petersen musste sich konzentrieren, sonst würde das nichts werden. Lona werkelte nun schon seit mindestens fünfzehn Minuten an ihm herum, und noch immer wollte sich keine Erektion einstellen. Bald würde sie anfangen, ihn wieder wie ein kleines Kind zu behandeln. Und dann würde es erst recht nichts mehr mit seinem kleinen Freund werden.

Lona platzierte ihren wuchtigen Körper neben dem seinen und versuchte es mit gut zureden: „Ach, ist mein Kleiner noch müde“, sagte sie und rüttelte an dem schlaffen Schwanz, als müsste sie ihn aus einer Ohnmacht erwecken. „Hat er wieder so viel Stress gehabt.“

Als ob Lona nicht wüsste, dass die Arbeit in der Bäckerei Karl stresste. Welcher Idiot war eigentlich auf die Idee gekommen, in einem 400-Seelen-Kaff wie Hützel eine Bäckerei zu eröffnen? Hier konnte sich ein solcher Laden doch nicht einmal halten, selbst wenn jeder Bewohner morgens zehn Brötchen verlangt hätte, um sie an die Tauben zu verfüttern. Es hieß immer, sein Urgroßvater hätte die Bäckerei gegründet und dann an die weiteren Generationen übergeben. Doch Karl konnte sich nicht vorstellen, dass diese über Jahrzehnte hinweg ihren Besitzer tatsächlich ernährt hätte. Auf der anderen Seite: Er kannte seine Verwandtschaft. Das waren konservative Sturköpfe bis zum Geht-nicht-mehr. Denen war es gleich, ob eine Sache sie ernähren konnte. Hauptsache man tat das, was die eigenen Vorfahren getan hatten. Vermutlich hatte sein Ururgroßvater noch zu denen gehört, die die Gegend jeden Morgen nach Mammutspuren absuchten. Einfach deshalb, weil seine Vorfahren 398 Generationen zuvor das auch schon getan hatten.

„Gleich wird Mami aber böse“, sagte Lona und ohrfeigte spielerisch seinen Kumpel. Karl wusste, dass das heute nichts mehr werden würde. Nicht nur, dass Lona ihm mit ihrem Getue auf den Keks ging, irgendetwas störte ihn noch. Auch wenn er zunächst nicht genau sagen konnte, was es war. Aber irgendetwas war anders.

Schließlich kam er drauf: Es war Heinz, der in der Tür stand.

Heinz war der Jäger des Dorfes. Eigentlich war er schon in Rente, aber er hatte im nahen Wald noch immer ein Stück Forst, für das er die Verantwortung hatte. Und in dem er in genau diesem Augenblick auch sein sollte, um nach dem Rechten zu schauen. Doch stattdessen stand er jetzt in der Tür. Und das vermutlich nicht in seiner Funktion als Jäger. Vielmehr in seiner Funktion als Ehemann. Als der von Lona.

Karl starrte ihn erschreckt an. Er war schon einmal fast von Heinz überrascht worden. Vor einem halben Jahr hatte er sich aber noch im letzten Moment unter das Bett flüchten können. Wo er dann den gesamten Nachmittag hatte zubringen müssen. Denn erst hatte es Lona mit Heinz im Bett getrieben, danach hatten sie bei offener Badezimmertür geduscht, dann war Lona in der Küche und hatte gekocht, und erst am Abend hatte sie ihren Gatten aus dem Haus gelotst, so dass Karl sich hatte davon machen können.

Immerhin hatte er sich dort unter dem Bett nicht langweilen müssen, er hatte dort Gesellschaft gehabt. Ein Einbrecher, den Lona vermutlich zuvor schon überrascht hatte und der sich dann ebenfalls unter das Bett geflüchtet hatte. Seitdem war Karl in der Lage, die feinsten Unterschiede in einer Drohmimik zu unterscheiden. Genau zu sagen, ob ein Gesicht sagte „Halt ja deine Fresse, oder ich schneide dir deine Kehle durch!“ oder „Gib mir deine Brieftasche oder ich breche dir den Arm.“ Er hätte damit bei Wetten dass auftreten können, wenn es das noch gegeben hätte. Allerdings hatte es ihm am nächsten Morgen verdammt viel Mühe gekostet zu erklären, warum die Wohnung von Lona ausgeräumt war, als diese in der Nacht heimgekehrt war.

Langsam registrierte Lona Karls starren Blick und schaute ebenfalls zur Tür. Heinz, Lona und Karl starrten sich gegenseitig an, stumm und reglos. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können in diesem Moment. Oder aber – je nach Vorliebe – einige Touristen durch das Schlafzimmer führen und ihnen erzählen können, dass sie sich in einem Wachsfigurenkabinett befinden würden.

Heinz begann, nach Luft zu schnappen. Was so aussah, als würde er versuchen, ein Stückchen Sauerstoff aus der vor ihm wabernden Luft herauszubeißen. Sein Kopf lief dunkelrot an, und Karl beneidete ihn. Wenn er selbst in der Lage wäre, sein Blut ebenso in ein einziges Organ zu pumpen, dann würde er nie wieder Probleme mit Lona haben.

„Das geht zu weit!“ brachte Heinz schließlich heraus. Er machte auf dem Absatz kehrt und stiefelte den Flur entlang, bevor er am Flurende links in seinem Jägerzimmer verschwand.

„Oh mein Gott, er wird dich umbringen“, brachte Lona heraus. Das klang aus ihrem Mund nicht wie eine vage Angst sondern eher wie eine nüchterne Tatsache. Was Karl nicht unbedingt beruhigte. Er wusste, dass Heinz in seinem Jägerzimmer seine Jagdutensilien aufbewahrte. Entenpfeifen, Schrotflinten, Jagdgewehre. Und die ausgestopften Köpfe seiner Dackel aus den letzten 35 Jahren, die dort an der Wand hingen. Karl hatte sich immer gefragt, ob dies eine reine Schikane war, denn das Körbchen seines aktuellen Dackels war direkt unter diesen Köpfen platziert.

„Er wird dich umbringen“, stellte Lona noch einmal fest. Angesichts dessen erwachte Karl aus seiner Lethargie. Hektisch griff er nach seiner Unterhose und versuchte, sich diese überzustreifen. Was angesichts der aufkommenden Panik nicht einfach war. Sein erstes Bein fand zwar noch rechten Zugang zu dem für diese Zweck in dem Textil vorgesehenem Loch, doch das zweite Bein zappelte sinnlos umher, ohne zu wissen, was es mit dem unterhosenmäßig geformtem Stück Stoff vor sich anfangen sollte.

„So nicht!“ rief Heinz böse, der in den Türrahmen zurückgekehrt war. Diesmal allerdings mit einer Schrotflinte, die er sich vor den Bauch hielt. „Von dir Bürschchen lass ich mir doch keine Hörner aufsetzen!“

Karl fand, dass das ein sehr passendes Wortspiel war. Für einen Jäger. Ansonsten begann sein Leben, im Schnelldurchlauf vor seinem inneren Auge abzulaufen. Auch wenn es ihn nicht sonderlich interessierte. Eine Schnellversion von einer Simpsons-Episode hätte er in diesem Moment spannender gefunden.

Lona war diejenige, die in dieser Situation am schnellsten reagierte. Sie sprang aus dem Bett und schlug einfach die Tür zu, in der Heinz stand und bereits angelegt hatte. Ein Knall ließ das Universum erzittern, als die Tür zuschlug. Doch klang dieser Knall weniger wie Türholz auf Jägerschädel als vielmehr wie ein Schuss. Und insbesondere das, was danach folgte, wirkte bedrückend: nämlich nichts. Kein Wutschnauben, kein Brüllen. Einfach nichts. Geräuschmäßig gesehen.

Lona und Karl starrten die geschlossene Tür an. Immerhin wurden Karls Bewegungen etwas langsamer und gezielter, so dass sein zweites Bein nun tatsächlich den Eingang in die Unterhose fand.

Lona trat einen Schritt vor und öffnete langsam die Tür. Dahinter lag Heinz auf dem Boden. In seiner linken Brust machte es sich gerade ein dunkelroter Fleck gemütlich.

„Heinz?“ fragte Lona vorsichtig.

Schweigen.

„Heinz, nun sag doch was“, fand Lona und tippte ihren Gatten vorsichtig mit dem Fuß an. Doch dieser weigerte sich, etwas zu sagen.

„Mein Gott, er ist tot“, stellte Lona fest. Sie beugte sich über ihren Gatten. „Heinz?“

Karls Bewegungen waren inzwischen so langsam und koordiniert geworden, dass er es schaffte, ohne hinzuschauen in seine Hose zu steigen.

„Um Himmels Willen, er ist tot“, sagte er.

Lona erhob sich und machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Wir können ihn hier nicht liegen lassen“, meinte sie. „Die werden doch denken, wir hätten ihn umgebracht.“

„Um Himmels Willen, er ist tot“, wiederholte Karl. Das war zugegebenermaßen inzwischen nicht mehr die nagelneueste Feststellung, aber er hatte das Gefühl, auch etwas zum Gespräch beitragen zu müssen. Und etwas anderes fiel ihm partout nicht ein.

„Wir müssen was tun“, fand Lona und knabberte nervös an ihren Haaren. „Wir müssen ihn hier wegschaffen.“

„Um Himmels Willen, er ist tot.“ Karl war sich nicht sicher, ob sich diese Tatsache schon ausreichend herumgesprochen hatte.

„Wir müssen uns was einfallen lassen“, sagte Lona.

Karl überlegte, ob er noch einmal die Tatsache ins Gespräch bringen sollte, dass Heinz gerade tot war.

„Ich hab’s!“ rief Lona. „Wir werden ihn in den Wald bringen. Dann wird es aussehen, als hätte er einen Unfall gehabt.“

„In den Wald?“

„Ja, in den Wald. Wenn ein Jäger so durch den Wald streift, kann doch immer mal ein Jagdunfall passieren. Niemand wird auf die Idee kommen, dass er sich in Wirklichkeit direkt vor dem Schlafzimmer erschossen hat, wenn sie ihn im Wald finden.“

„Du meinst, in den Wald?“

„Los, fahr deinen Wagen vor, wir müssen ihn von hier wegbringen.“

„Den Wagen?“

Der Wagen von Karl war ein fast 30 Jahre alter Mercedes, gebraucht gekauft, zu jung, um als Oldtimer und Liebhaberstück zu gelten, zu alt, als dass man sich mit ihm ins übernächste Dorf getraut hätte, ohne zuvor Bescheid zu geben, dass man es vielleicht nicht mehr schafft, im Laufe des Tages wieder nach Hause zurückzukehren. Normalerweise benutzte er ihn, um Brötchen oder Torten im Dorf auszufahren. Hatte er eine längere Strecke vor sich, so stieg er in der Regel lieber auf den Bus um. Das war sicherer, auch wenn der hier im Dorf nur zweimal am Tag fuhr.

„Ja, deinen Wagen“, sagte Lona. „Beeil dich.“

Karl, dem es inzwischen gelungen war, sich vollständig und korrekt einzukleiden, sah ein, dass Lona Recht hatte. Sie hatte ohnehin immer Recht. Ob sie ihm erklärte, dass die Farbe der Saison für Sahnetorten gerade pink wäre oder dass Sex besonders aufregend wäre, wenn man sich dabei von einem Dutzend an die Wand genagelten Hirschköpfen beobachten lassen würde, er wagte es nicht, an Lonas Worten zu zweifeln.

So zog er sich seine Schuhe über, lief zu seinem Wagen und fuhr ihn rückwärts zum Hintereingang von Lonas Haus. Das war mehr, als er sich bisher getraut hatte. Wenn er bislang Lona besucht hatte, hatte er vorsichtshalber den Wagen vor seinem eigenen Haus gepackt. In einem Dorf wie Hützel war das nicht weiter wild: Die letzten 300 Meter konnte er gut zu Fuß gehen. Er stieg aus und öffnete den Kofferraum. Das Öffnen bestand darin, dass er kräftig auf die Haube schlug, denn das Schloss war von jeher kaputt. Was durchaus günstig war, dann gleich nach dem Kauf des Wagens hatte Karl den Schlüssel für den Wagen verloren gehabt. Beim Starten des Motors war das kein Problem, die Kabel hingen ohnehin herum, da konnte man den Wagen problemlos kurzschließen. Aber Kofferräume waren schwierig. Ein Kofferraum konnte ohne Schlüssel durchaus ein Problem sein.

Lona öffnete ihm die Terrassentür und kam ihm entgegen, inzwischen mit einem zu engen Mini-Kleid bedeckt, das ihr vor 20 Jahren vermutlich noch gepasst hatte. Bevor sie ihre Vorliebe für Sahnetorten, Weinbrandpralinen und Lindt-Schokolade entdeckt hatte.

„Ich hab Heinz in den Teppich vorm Fernseher gerollt“, erklärte sie Karl knapp. „Dann können wir ihn besser transportieren.“ Der Teppich vor dem Fernseher, das war ein altes Erbstück, plattgetreten, verwittert, farblich zwischen mausgrau und kakerlakenbraun. Er war passend für diesen Anlass, fand Karl. Wenn man mit ihm im Wald war, würde man ihn vielleicht gleich dort mitbeerdigen können.

Lona führte Karl in den Flur, und dort lag der aufgerollte Teppich, aus dessen Ende ein mit Lehm verschmutztes Paar Schuhe schaute. Es sah aus wie in einem Horrorfilm. Mit dem Titel: Die Rache des Teppichs - Wenn Du es wagst, dich mit derart lehmverschmierten Schuhen einem Teppich zu nähern, wird er dich auffressen! Irgend so was.

Als Lona und Karl gerade den Teppich mitsamt Jäger aufheben wollten, klingelte das Telefon. In Lonas Gehirn begann es zu arbeiten. Ein Außenstehender hätte vielleicht den Eindruck gehabt, dass sie gerade dabei war, mit der Zunge nach dem Kirschkern zu suchen, der in ihrem Stück Schwarzwäldertorte versteckt gewesen war, doch Karl kannte sie genug, um zu wissen, dass dieser Gesichtsausdruck bedeutete: Sie versuchte nachzudenken.

Der Telefonanruf kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Wenn man gerade dabei war, eine Leiche fortzuschaffen, um der Polizei, der Presse, dem Generalstaatsanwalt und den Nachbarn eine falsche Fährte zu legen, dann war man nicht unbedingt in der Stimmung, am Telefon einige unbedeutende Phrasen bezüglich des Wetters oder bezüglich der neu erworbenen Zähne des jungen Neffens oder aber auch der des alten Großonkels zu wechseln. Auf der anderen Seite konnte es gerade auffällig sein, wenn man jetzt nicht an das Telefon gehen würde. Vielleicht hatte der Anrufer ihren Wagen vor dem Haus gesehen und wusste, dass sie da war. In diesem Fall machte sie sich gerade verdächtig, wenn sie das Läuten ignorieren würde.

„Warte einen Moment“, sagte Lona daher und sprintete zum Telefon. Karl hörte, wie sie im Nebenraum ein paar „Ja“, geschmückt mit einigen „Nein“ von sich gab, bevor sie nach nicht einmal zwei Minuten wieder zu ihrem in Teppich gewickelten Ehemann zurückkehrte.

„Das war die Eiderente“, sagte Lona, sichtbar nervös. Die Eiderente war das Gasthaus Zur fröhlichen Eiderente, das einzige Gasthaus im Ort. Lona arbeitete dort als Köchin. Angesichts der ausbleibenden Massen an Gästen bedeutete dies: Lona hockte die ganze Zeit zu Hause in Gesellschaft von einem oder auch mehreren Stück Sahnetorte, und jedes Mal, wenn sich ein hungriger Gast in die Eiderente verirrte, rief der Gastwirt bei Lona an, und sie fuhr kurz die Straße hoch, um dem hungrigen Gast dort schnell etwas zu kochen.

Normalerweise machte es Lona nichts aus, spontan zum Kochen herbestellt zu werden, aber wenn man gerade dabei war, einen toten Ehemann auszusetzen, war dies mehr als störend. Auf der anderen Seite musste sie sich jetzt verhalten wie immer, alles andere wäre auffällig und verdächtig. Sie würde nicht sagen können: Entschuldige, ich muss erst noch eine Leiche in den Wald bringen, dann bin ich sofort bereit zum Kochen. Sie würde zur Eiderente fahren müssen und so tun, als ob nichts geschehen wäre. Heinz würde sich noch so lange gedulden müssen. Er würde das schon verstehen.

„Los, wir legen Heinz in den Kofferraum von deinem Wagen“, schlug sie daher Karl vor, „und fahren zur Eiderente. Du wartest dort, bis ich fertig bin. Danach können wir Heinz in den Wald bringen.“

2

Es dämmerte bereits, als Roderich von Dyke die Autobahnabfahrt nahm. Er war fast die ganze Nacht gefahren, weil er einfach weg gemusst hatte. Weg von dieser Ignoranz, die ihn im Filmstudio umgeben hatte.

Er, Roderich von Dyke, war einer der ganz großen deutschen Charakterdarsteller. Er hatte mehr Talent im kleinen Finger als das, was sich heutzutage alles Schauspieler in Hollywood nannte, in ihrem ganzen Körper inklusive silikonverstärkter Körperimitate. Als Engländer hätte man ihn sicher als wunderbaren Shakespeare-Mimen tituliert. Aber in Deutschland spielte man keinen Shakespeare, nur Goethe und so einen Quatsch. Damit konnte man nicht groß rauskommen. Goethe-Mime. Wie das schon klang. Nicht wie große Kunst. Eher wie ein Sahnekuchen. In Deutschland dachte man bei großen Künstlern sowieso höchstens an Essen und nicht an Kunst. An Schiller-Locken. An Mozart-Kugeln. Selbst Kleist war in Deutschland nur der Name eines Plattfisches für den Kochtopf.

Authentischer! Spielen Sie den Tremel doch mal etwas authentischer!

So etwas hatte er sich beim Dreh anhören müssen. Von einem jungen Schnösel von Regisseur, dessen Talente gerade mal ausreichten, Action zu brüllen, und selbst darin war in nicht mal besonders gut. Sein Haupttalent bestand eigentlich nur darin, dass er sich erfolgreich verwandtschaftlicher Beziehungen zum Programmdirektor bezichtigen konnte.

Authentischer!

Wenn es jemanden gab, der seine Rollen authentisch spielte, dann er, Roderich von Dyke. Seit er in einer Vorabendserie den Kommissar Tremel gab, redete ihn der Pförtner mit „Herr Kommissar“ an, in der Mittagspause fragte man ihn über Rheumamittel aus, seit er in einer anderen Serie den Doktor Wiedelhupf spielte, und erst neulich hatte man ihn in eine Talkshow zum Thema Haute Cuisine eingeladen, nur weil er einmal im Fernsehen als Restaurantkritiker aufgetreten war. Wenn er eine Rolle spielte, dann so authentisch, dass die Zuschauer daran glaubten, dass er der Tremel war oder der Wiedelhupf. Man nahm ihm gar nicht mehr ab, dass dies nur eine Rolle war, die er spielte, so gut war er.

Authentischer!

So hatte Roderich sich nach dem Dreh einfach einen Wagen aus dem Bavaria-Filmwagenpark genommen und war losgedüst. War noch kurz zu Hause vorbei, um ein paar Sachen zu packen und dann auf die Autobahn rauf und immer geradeaus. Richtung Norden. Kurz vor Hamburg war er schließlich müde geworden und hatte daher die nächste Abfahrt genommen. Ohne besonderes Ziel eierte er danach über die Landstraße.

Die Sonne bog sich im Osten bereits über den Horizont und klebte lange Schatten auf die Fahrbahn, bevor sie sich schließlich hinter ein Waldstück zurückzog. Als der Wald Feldern Platz machte und schließlich ein paar Häuser auftauchten, kündigte ein Schild am Straßenrand die Ortseinfahrt von Hützelan. Etwas weiter die Straße entlang erkannte Roderich ein weiteres Schild, das bereits das Ortsende von Hützel androhte.

Ein Kaff wie dieses war genau das richtige, dachte er sich. Klein, unscheinbar, einsam, langweilig. Auf den meisten Straßenkarten vermutlich noch nicht einmal vermerkt. Ein Dorf, in dem nichts Aufregendes passierte. Wo jeder Tag so einförmig aussah wie der andere. Wo die Nachrichten-Highlights am Abend in der Dorf-Kneipe verkündeten, dass die Kuh X des Bauern Y gekalbt hatte oder die Rosen von Oma Z vertrocknet waren. Hier würde er sich ausruhen können, zu sich kommen. Die Gleichförmigkeit genießen. Niemand würde ihn hier vermuten oder gar finden. Hier würde er warten können, bis sie sich Sorgen machten und auf Knien um seine Rückkehr bettelten. Bis der Schnösel von Regisseur einsehen würde, wie wenig authentisch seine Serien herüberkommen würden, wenn deren großartiger Star ihnen mit seiner Authentizität nicht so etwas wie Niveau einhauchen würde.

Roderich parkte den BMW am Straßenrand vor einem roten, zweistöckigem Backsteinhaus, dessen mit Neonlampen geformten Buchstaben über dem Eingang das Gasthaus Zur fröhlichen Eiderente verkündeten.

Um sicher zu gehen, dass ihn niemand erkannte, klebte er sich einen Schnurrbart unter die Nase. Er liebte diesen Schnurrbart. Er hatte ihn mal getragen, als er in einer Doku-Serie den Nietzsche gespielt hatte. Danach hatte er den Bart einfach behalten, weil er so wahnsinnig echt ausschaute. Seit dem trug er ihn jedes Mal, wenn er inkognito in München unterwegs sein wollte. Und es hatte ihn tatsächlich noch nie jemand erkannt, wenn er den Bart trug.

Sicherheitshalber setze er sich noch eine dicke Sonnenbrille auf die Nase und warf sich seine schwarze Sporttasche, die er gerade erst am Tag zuvor bei Lidl erworben hatte, über die Schulter. So, wie er jetzt aussah, wäre er problemlos als bärtiger Karl Lagerfeld durchgegangen. Oder als bebrillter Lech Walesa. Je nach Vorlieben.

Roderich betrat das Gästehaus.

Die Einrichtung in der Empfangshalle, wenn man den kleinen Raum hinter der Tür so nennen mochte, war alt. Sie sah aus wie aus den 50er Jahren. Und auch so, als ob sie bereits seit jener Zeit im Gebrauch war. Auf der Fensterseite standen zwei dicke rosa Plüschsessel, zwischen denen sich ein kleiner runder Tisch mit Plastikblumen befand. Der Blick durch das Fenster war durch eine vergilbte Gardine halb verdeckt. Seitlich zu den Sofas gab es einen Tresen aus dunklem Holz, hinter dem Schlüssel an in die Wand gehauenen Nägeln hingen. Neben dieser Rezeption befand sich ein ausgestopftes Tier, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Fuchs hatte. Am Ende der Empfangshalle führte eine schmale Holztreppe steil nach oben zu den anderen Stockwerken, neben der Treppe führte eine mit Milchglas versehene Tür in einen Nebenraum.

Roderich betätigte eine angerostete Schelle, die an eine Fahrradklingel erinnerte, und aus einem der Räume hinter dem Tresen kam wenig später ein dicklicher Mann in Anzug und mit Fliege angeschlurft.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte dieser, nachdem er umständlich Platz hinter der Rezeption genommen hatte.

„Ich hätte gern ein Zimmer“, erklärte Roderich und stellte seine Sporttasche neben der Rezeption ab. „Sie haben doch welche, oder?“

Hans-Günther, der Besitzer der Eiderente, sah seinen Gast spöttisch an. Klar gab es hier Zimmer. Mehr als nötig. Als er vor 17 Jahren das Gasthaus eröffnet hatte, hatte er noch geglaubt, Touristen in diese Gegend locken zu können. Immerhin war das Meer nicht weit und auch Hamburg nicht. Also hatte er 8 Fremdenzimmer eingerichtet, doch scheinbar hatte es sich bei den Touristen noch nicht herumgesprochen, dass das Meer nicht so weit war. Und Hamburg auch nicht. Die einzigen Leute, die hier übernachteten, waren Verwandte, wenn mal einer aus dem Dorf oder dem Nachbardorf heiratete oder seinen 60sten Geburtstag feierte. Manchmal gab es auch einen Geschäftsmann, der kein Hotel mehr in Hamburg bekommen hatte und deshalb mit mürrischem Gesicht bei ihm eincheckte. Aber das waren gästetechnisch gesehen schon die Höhepunkte.

Hans-Günther hatte es sogar mal mit Werbung versucht. Hatte in einigen überregionalen Zeitschriften sein Gästehaus als „Hotel mit eigener Sportanlage vor den Toren Hamburgs, Meeresnähe, ideal zur Erholung“ angepriesen. Das mit der Sportanlage stimmte zwar nicht, aber da hätte er sich bei Bedarf schon etwas aus den Fingern gesogen. Der Squashplatz würde gerade renoviert oder der Swimmingpool würde gerade gereinigt werden oder so. Ihm wäre schon etwas eingefallen, warum Sport ausgerechnet in diesen Tagen nicht möglich sein würde. Aber es kam noch nicht mal soweit, dass er sich eine erfolgreiche Lüge ausdenken musste, da sich nie ein Tourist bei ihm gemeldet hatte. Das einzige Ergebnis der Anzeige war, dass er eine telefonische Anfrage erhalten hatte, ob sein Hotel über die technischen Möglichkeiten verfügen würde, dass man dort einen internationalen Kongress zum Thema Der Außerirdische als Freund und Helfer mit 200 Teilnehmern durchführen könnte.

„Natürlich haben wir hier Gästezimmer“ sagte Hans-Günther. „Ich gebe Ihnen am besten unser Bauernzimmer. Da haben Sie Blick auf die Hauptstraße, das ist sehr beliebt. Wie lange wollen Sie denn bleiben?“

„Ein paar Tage“, erwiderte Roderich. „Ich weiß noch nicht.“

„Ein paar Tage“, wiederholte Hans-Günther und kramte das Gästebuch hervor. Die Gäste, die normalerweise kamen, blieben nur eine Nacht, höchstens zwei. Auf jeden Fall wussten sie, wie lange. Dieser Gast war durchaus seltsam. Er trug einen offensichtlich falschen Schnurrbart und wollte eine unbestimmte Zeit hier verbringen. Abgesehen davon hatte er das Gesicht auch schon mal gesehen. Es kam ihm bekannt vor. Er konnte sich nur nicht erinnern, wo das gewesen war.

„Welchen Namen darf ich notieren?“ fragte Hans-Günther.

„Welchen Namen?“ Ja, welchen Namen? Seinen eigenen konnte Roderich schlecht angeben, dann wäre seine ganze Verkleidung zwecklos gewesen. Wenn sich herumsprechen würde, dass der großartige Charakterdarsteller Roderich von Dyke hier untergekommen wäre, würde bereits am nächsten Tag die Presse vor der Tür lauern. Er könnte seinen Geburtsnamen nehmen. Franz Müller. Oder war das Heinz Meier gewesen? Er stellte fest, dass er sich schon gar nicht mehr genau daran erinnern konnte. Irgendwas Banales war es gewesen. So banal, dass nicht mal sein eigenes Gedächtnis ihn festhalten konnte. Ein Name, der den Zuschauer hätte einschlafen lassen, wenn er ihn im Abspann des Filmes gelesen hätte. Deshalb hatte er sich gleich zu Beginn seiner Schauspielkarriere einen glanzvollen Namen zugelegt: Roderich von Dyke. Das klang kraftvoll, elegant, imposant, edel.

Der Name hatte ihm schon als Kind gefallen. Damals hatte der Hund von seinen Nachbarn so geheißen.

In dieser Situation war aber ein Name gefragt, mit dem man nicht auffiel. Einen, der in dieser Gegend so alltäglich war, dass hier alle so hießen.

„Petersen“, sagte er schließlich. „Roderich Petersen.“ Er erinnerte sich, an der Ortseinfahrt an einem Laden das Schild Bäckerei Petersen gesehen zu haben. Das schien ein ganz guter Name zu sein für diese Gegend. Einfach, gewöhnlich. Unauffällig.

„Herr Petersen“, schrieb Hans-Günther in sein Gästebuch. Er nahm einen Schlüssel von der Wand und reichte ihn Roderich. „Zimmer 4. Ihre Tasche werde ich Ihnen gleich aufs Zimmer bringen.“

„Kann ich hier auch etwas zu essen bekommen?“ fragte Roderich.

„Aber klar“, antwortete Hans-Günther. „Ich werde unsere Frau Kock anrufen, die wird Ihnen ein wunderbares Frühstück zaubern. Gehen Sie ruhig schon mal in die Gaststube, sie wird dann in ein paar Minuten bei Ihnen sein.“

Hans-Günther nickte in Richtung der milchverglasten Tür, die neben der Holztreppe in den Nebenraum führte und an die schwarze Buchstaben geklebt waren, von denen nur noch stst zu lesen waren.